Karl Münchinger (1915-1990) - Dirigent und Orchestergründer

  • Prof. Karl Münchinger (* 29. Mai 1915 in Stuttgart, † 13. März 1990 ebd.), der heute 90 Jahre alt würde, war neben Karl Richter einer der wichtigsten Bach-Interpreten.



    Karl Münchinger mit Prinz Louis Ferdinand und Prinzessin Kira von Preußen (ca. 1965)


    Münchinger studierte an der Musikhochschule Stuttgart und war damals bereits Chorleiter und Organist der Stuttgarter Marienkirche.
    1941 übernahm er nach einem Dirigier-Studium mit Hilfe Wilhelm Furtwänglers die Leitung des Symphonieorchesters Hamburg (bis 1943).
    1945 gründete er das Stuttgarter Kammerorchester, welches rasch zu internationaler Bekanntheit gelangte, und das er bis 1987 selbst leitete.



    1966 schließlich gründete Münchinger die Klassische Philharmonie Stuttgart. Er gehörte zwar noch nicht zu den glühenden Verfechtern der historischen Aufführungspraxis, dennoch versuchte er, sich so eindeutig wie möglich an die Vorgaben der Partituren zu halten. Tempovorschriften wurden rigoros eingehalten, ebenso die stilistischen und interpretatorischen Bemerkungen der Komponisten.
    1990 starb Münchinger mit fast 75 Jahren in seiner Geburtsstadt Stuttgart.

  • Felipe segundo:


    Zitat

    dennoch versuchte er, sich so eindeutig wie möglich an die Vorgaben der Partituren zu halten. Tempovorschriften wurden rigoros eingehalten, ebenso die stilistischen und interpretatorischen Bemerkungen der Komponisten.


    Münchingers Aufführungen und Aufnahmen waren der Versuch,
    Barockmusik aus dem Geist und dem Musikverständnis des 19. Jahrhunderts heraus zu gestalten. Das diese Bemühungen mitunter seltsame Blüten trieben, ist in der Natur der Sache begründet; ein gewisser "historischer" Charme ist dem ganzen jedoch nicht abzusprechen... Der letzte "Überlebende" dieser barocken Aufführungspraxis ist Helmut Müller-Brühl, dem, selbst für mich völlig unerwartet, mit seiner Einspielung der Bachschen H-moll-Messe (Dresdner Kammerchor) ein wahrer Geniestreich gelang und der damit alle Verfechter einer historischen bzw. historisiernden Aufführungspraxis mit langen Geschtern hinter sich liess !
    Karl Münchinger hat die Grundlagen für derartige Einspielungen geschaffen; von seinen eigenen Aufnahmen jedoch kenne ich keine,die Referenzcharakter beanspruchen kann.

    Das geht über das Sagbare hinaus. Das läßt sich nicht deuten und bedarf keiner Deutung. Es kann nur gehört werden. Es ist Musik. (H.H.Jahnn)

  • Zitat

    Original von BigBerlinBear
    Münchingers Aufführungen und Aufnahmen waren der Versuch,
    Barockmusik aus dem Geist und dem Musikverständnis des 19. Jahrhunderts heraus zu gestalten.


    19.Jahrhundert?


    Meintest du vielleicht 20.Jahrhundert?


    Ich würde mal sagen, er war ein typischer Vertreter protestantischer Gefühlsfeindlichkeit bzw. -unfähigkeit. In diesem Sinne war Bach aber mit Sicherheit kein Protestant.




    Zitat


    ein gewisser "historischer" Charme ist dem ganzen jedoch nicht abzusprechen...



    ???


    Ist für mich nicht nachvollziehbar.



    Gruß
    Heinz

  • Heinz:


    Zitat

    Meintest du vielleicht 20.Jahrhundert?


    Nein, du hast durchaus richtig gelesen: ich denke an das wissenschaftsfreudige 19. Jahrhundert der Gründerjahre um 1870, denn diese Interpretationen haben durchaus etwas "gusseisernes". Bismarck als Dirigenten stell ich mir z.b. so vor, (wenn er sowas gemacht hätte)
    Ich will ja Müncinger nicht unterstellen, daß er von der Feuerwehrkapelle und der Militärmusik herkommt, aber bei manchen seiner Händel-Einspielungen könnte dieser Eindruck entstehen :D
    Der "histoprische Charme" umschreibt vielleicht etwas Zu wohlwollend, eine Geistes-und Gefühlshaltung, die aber zumindest einigen nicht SO fremd sein kann, denn diese Einspielungen werden immer noch verkauft
    :hello:

    Das geht über das Sagbare hinaus. Das läßt sich nicht deuten und bedarf keiner Deutung. Es kann nur gehört werden. Es ist Musik. (H.H.Jahnn)

  • Zitat

    Original von BigBerlinBear


    Nein, du hast durchaus richtig gelesen: ich denke an das wissenschaftsfreudige 19. Jahrhundert der Gründerjahre um 1870, denn diese Interpretationen haben durchaus etwas "gusseisernes". Bismarck als Dirigenten stell ich mir z.b. so vor, (wenn er sowas gemacht hätte)


    Da sind wir uns ja - für mich völlig überraschend - ganz einig :D:D :D


    Gruß
    Heinz

  • Heinz:


    Zitat

    Da sind wir uns ja - für mich völlig überraschend - ganz einig


    Das wiederum erschüttert mich zutiefst, denn soooo war das nicht gedacht :D :D :D

    Das geht über das Sagbare hinaus. Das läßt sich nicht deuten und bedarf keiner Deutung. Es kann nur gehört werden. Es ist Musik. (H.H.Jahnn)

  • Ich kann und will Münchinger in Sachen Bach nicht verteidigen oder abwerten - dazu bin ich zuwenig Bachkenner.
    Obwohl ich ihn im Wiener Konzerthaus als Dirigenten des "Musikalischen Opfers" erleben durfte. ich war sehr jung damals - und hatte ein Wortspiel in bezug auf das "Opfer parat. :D


    Indes darf man nicht vergessen, daß Münchinger 1945 auch das Stuttgarter Kammerorchester gegründet hat, das 1965 erweitert wurde und nun gelegentlich als "Klassische Philharmonie Stuttgart" mit größenen Werken in Erscheinung trat.
    Ich lernte dieses Orchester mit Mozart-Sinfonien auf CD kennen, in der Anfangszeit der digitalen Tonaufzeichnung, und muß sagen, daß es auf mich einen relativ guten Eindruck machte.
    Das Orchester hatte damals (etwa 1982/83 einen warmen voluminösen Klang, zudem einen Eigencharakter der nicht näher beschreibbar, aber dennoch unverwechselbar ist. Mit HIp hat Münchinger selbstverständlich nichts am Hut - aber das war ja auch gar nicht verlangt.


    Man sollte im Zusammenhang mit diesem Thread und Kritik an der Person Münchingers nicht unerwähnt lassen, daß das Stuttgarter Kammerorchester schon in den 50er und sechziger Jahren etliche Auslandstourneen unternahm und damals weltberühmt war.


    Münchinger wollte, daß das Orchester nach seinem Ton aufgelöst würde - der Gedanke daß ein andererer es je leiten könnte war ihm unerträglich (ich kann das gut nachvollziehen), aber das Orchester weigerte sich auseinanderzugehen und existiert noch immer.
    Seine beste Zeit aber ist vorbei....


    Freundliche Grüße


    aus Wien


    Alfred

  • Münchinger war wohl neben Richter einer der wichtigsten Bach-Dirigenten der 60er bis 80er Jahre. Deswegen sollte man seine Einspielungen der Passionen erwähnen:



    Johannes-Passion


    Hier gefällt mit persönlich der Chor sehr gut, besser als bei Richter.



    Matthäus-Passion


    Ebenfalls guter Eindruck!

  • Ja die hier erwähnte Matthäus Passion ist eine wirklich gelungene Aufnahme die für Münchinger und dessen Bachverständnis und dessen Interpretation steht!! Und zwar keine Interpretation durch irgendwelche "Überinterpretation", eben ähnlich wie bei Richter und auch Rilling, aber das wurde ja bereits erwähnt.Ich weiß, dass viele diese schlichten(für viele auch langweiligen)Versionen bzw.Aufführungspraxisen nicht schätzen, für mich sind sie aber gerade wegen ihrer Schlichtheit bei Bach die Schönsten!!

  • Speziell bei der Johannes-Passion finde ich die Interpretation sogar alles andere als langweilig: Die Turbae-Chöre klingen - für mich - mitreißender als in vielen modernen Aufnahmen. Ein Knabenchor ist hier meiner Meinung nach sowieso die erste Wahl.

  • Ich habe mit Münchinger zwar nur vor Jahren mal Teile aus der MP auf LP gehört (IIRC mir Pears als Evangelisten :wacky: :rolleyes: ), aber was BBB oben mti "Geist des 19. Jhds." schreibt, ist nicht richtig. Das würde eher auf Mengelbergs oder Furtwänglers Bach zutreffen. Münchinger verwendet Knabenchöre, Blockflöten, Cembalo, kleiner Orchester. Das ist zugegeben kompromißbehaftetes Proto-HIP der 60er Jahre, aber kein spätromantischer Zugriff.
    Wenn sich in 40 Jahren durchgesetzt haben sollte, dass Bach mit nur einem Sänger pro Stimme aufgeführt werden muß, lächeln wir vielleicht ähnlich über Gardiner und Herreweghe mit ihre "Riesenchören"...


    viele Grüße


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Wobei ich da eher an das frühe 19. Jahrhundert denn an das späte dachte....


    Der Ansatz Münchingers hat Ähnlichkeiteten mit dem Mendelssohns zur "Wiedererweckung" der Bachschen Großwerke, wobei die Nachbauten der Cembali, (Neupert), Blockflöten (Moeck) eher so waren, wie man sich dergl. Instrumente in den 60gern vorstellte; sie sind also keinesfalls Reproduktionen
    des Klang-Apparats, der Bach zur Verfügung stand.

    Das geht über das Sagbare hinaus. Das läßt sich nicht deuten und bedarf keiner Deutung. Es kann nur gehört werden. Es ist Musik. (H.H.Jahnn)

  • Hallo BigBerlinBär,
    Zitat:
    Karl Münchinger hat die Grundlagen für derartige Einspielungen geschaffen; von seinen eigenen Aufnahmen jedoch kenne ich keine,die Referenzcharakter beanspruchen kann
    ---------------------


    So hart würde ich mit ihm nicht zu Gericht gehen, die 60er Jahre wurden von Stuttgart und München
    (Karl Richter) mit Bach-Werken veröffentlicht, die dem Zeitgeist entsprachen, die Hymnus Chorknaben
    waren seinerseits in den Kantateneinspielungen nicht zu verachten, sie besaßen Potential und habe sie
    gerne gehört, lieber als den heutigen Rilling.


    Eine absolute hörenwerte CD aus den 60er ist die noch heute erhältliche CD, Bach-Kantate 80 + 140, zwar keine Referenzaufnahme, aber zum anhören immer noch verwertbar.




    Grüsse
    Volker.

    Bach ist so vielfältig, sein Schatten ist ziemlich lang. Er inspirierte Musiker von Mozart bis Strawinsky. Er ist universal ,ich glaube Bach ist der Komponist der Zukunft.
    Zitat: J.E.G.

  • Ich will jetzt nicht darüber debattieren, ob Münchinger-Aufnahmen Referenzcharakter haben oder auch nicht. Münchingers Einspielung der Brandenburgischen Konzerte 4 und 6 war mein erster Zugang zu Bach. War ein Kind damals. Nun hatte die Platte im Laufe der Jahre gelitten und ich kaufte mir 1984 das digital-stereo für Intercord eingespielte Doppelalbum mit allen sechs Konzerten. Doch o Schreck: der zarte, intime Klang der frühen Einspielung war weg. Und das lag gewiss nicht an der unterschiedlichen Aufnahmetechnik. Ganz offensichtlich hatte sich die Zusammensetzung des Orchesters verändert, vulgo, es war größer geworden. In der Dortmunder Reinoldi-Kirche konnte ich Münchinger mit seinem Orchester einmal erleben. Das war in den 1980ern und da konnte man die Klangverwaschungen auf den für solche Aufführungen denkbar ungeeigneten Bau schieben. Bei einer Platte ist man da etwas weniger nachsichtig.


    Insgesamt drei mal hat Münchinger die Brandenburgischen Konzerte eingespielt: DECCA mono, DECCA stereo und Intercord digital stereo. Die Intercord-Aufnahme klingt im Vergleich zur Mono-Einspielung verwaschen, bei der monophonen DECCA hat man stellenweise das Gefühl, die Stimmen mitschreiben zu können. Die frühe Einspielung der Brandenburgischen Konzert würde ich zu seinen absoluten Meriten zählen. Hörenswert sind auch die Bachschen Orchestersuiten unter seinem Baton. Pionierarbeit bei Vivaldi: Mit Reinhold Barchet hat Münchinger Vier Jahreszeiten zu einer Zeit eingespielt, als die in den Plattenkatalogen noch gar nicht vorkamen. Auch hier besticht der zarte, intime Klang des SKO. Und ein drittes Kleinod sei genannt:



    Diese Platte wird übrigens auch heute noch als LP verkauft.


    Münchinger habe ich in der Hauptsache als Dirgent von Barockmusik empfunden (ungeachtet seines kurzen Ausflugs in die Musik des 20. Jh) und als solchen schätze ich ihn auch. Hingegen seine Einspielung von Schubert Sinfonien (Nr. 8 und 4. waren auf einer Platte zusammen) fand ich merkwürdig uninspiriert, die Einspielung von Mozart-Serenaden für Intercord auch nicht eben exorbitant.


    Aber seine Platten aus den 1950er Jahren finde ich auch heute noch ausgesprochen hörenswert. Jenseits von Diskusionen über HIP oder nicht.


    Beste Grüße vom Thomas :hello:

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

  • Ich möchte diesen Thread wieder beleben und ihm eine andere Richtung geben.
    Eigentlich wollte ich heute einen Münchinger Thread starten, aber ich erinnerte mich dunkel, daß es schon einen gegeben haben muß.


    Was ich in Erinnerung rufen möchte, ist die "Klassische Philharmonie Stuttgart", die -zumindest meiner Erinnerung nach - durchaus einen "Eigenklang" - also hohen Wiedererkennungswert aufzuweisen hatte. Zu Beginn der Ära der digitalen Tonaufzeichnung spielte Münchinger (zumindest) drei oder vier späte Mozart Sinfonien für Intercord ein - und ich muß sagen, der Gesamteindruck war sehr gut.
    Die Geschichte dieses Orchesters und seiner Aufnahmen ist mir nur rudimentär vertraut- ich habe keine Ahnung ob noch weitere Wiener Klassik eingespielt wurde oder nicht.
    Was ich jedoch weiß ist, daß Münchinger wollte, daß sein Orchester im gegebenen Falle mit ihm stürbe, sich also auflöste.
    Als es 1990 schliessllich so weit war, war das Orchester entgegen dem Willen seines Gründers entschlossen weiterzumachen.
    Ich will über diese Entscheidung nicht richten, der Wille des Gründers wurde zumindest insofern erfüllt, daß das Orchester, zumindest soweit es Tonaufnahmen betraf anschließend in die völlige Bedeutungslosigkeit versank - in gewisser Weise ist es also doch mit seinem Gründer "gestorben"
    Oder gibt es da was, was ich wissen sollte und nicht weiß ??


    mfg aus Wien


    Alfred

  • Eine kleine Korrektur darf ich mir erlauben: Karl Münchinger hat sich bereits 1988 zurückgezogen, zwei Jahre also vor seinem Tode. Etwa in dieser Zeit (Dezember 1986) hatte ich Münchinger mit seinen Stuttgartern in Dortmund erlebt. Sein Gesundheitszustand wirkte angegriffen, der auf den Photos stets schlanke Münchinger aufgedunsen.


    Der Grund für die Trennung scheint allerdings nicht allein Münchingers Gesundheitszustand gewesen sein: der Maestro galt als ungemein schwierig, was das Alter wohl verstärkt hatte. Verständlich, wenn man ihn in Pension schickt. Die Zeiten, wo man sich dergleichen unwidersprochen bieten lässt, waren 1988 bereits vorbei. Ansermet war bei seinem OSR offensichtlich beliebter.


    Selbstverständlich konnte Münchinger keine Verfügungsgewalt über den Klangkörper haben, es war ja nicht sein persönlicher Besitz (da kann er gründen was er will). Heute ist das SKO eng angebunden an das Land Baden-Würtemberg, wird gesponsored von Bosch und hat seinen musikalischen Fokus deutlich erweitert. Angesichts der vielen Mitbewerber ist es freilich nicht verwunderlich, wenn der Einzelne nicht mehr ganz so prominent ist wie zu Zeiten, als diese Art zu spielen noch neu war. Mit Slivain Cambreling, Dennis Russel Davis oder jüngst Michael Hofstetter ist das Orchester immer noch in der Lage, namhafte Dirigenten an sich zu binden.


    Die Klassische Philharmonie Stuttgart war, so weit ich weiß, nie ein eigenständiger Klangkörper sondern eher das, was Michael Schlechtriem als "Telefonorchester" bezeichnet hat. Für bestimmte Zwecke und Anforderungen wurde das Stuttgarter Kammerorchester um die benötigte Anzahl Musiker aufgerüstet.


    Mozart hatte Münchinger während seiner ganzen Karriere immer auf der Agenda gehabt, spielte ihn zuweilen auch mit dem SKO. Die späten Mozart-Sinfonien für Intercord sind sicher eines Nachhörens wert. Die Aufnahme werde ich mir mal beschaffen.


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

  • Und noch ein Nachtrag: die klassische Philharmonie Stuttgart wurde mit einem Konzert am 24.10.1966 im Beethovensaal der Stuttgarter Liederhalle aus der Taufe gehoben. Allerdings sind mir außer den von Alfred bereits genannten Mozart Aufnahmen keine Platten mit diesem Ensemble bekannt. Angeblich hat dieses Ensemble auch Beethoven gespielt. Für die GA der Schubert-Sinfonie stellte sich Münchinger vor die Wiener Philharmoniker. Mit einer Ausnahme: die Nr. 9 (nach heutiger Zählung Nr. 8 ) wurde von der Klassischen Philharmonie gespielt. Bei aller Wertschätzung, die ich diesem Maestro entgegenbringe: Glücksmomente sind da gewiss nicht entstanden. Die Einspielung von Schuberts "Rosamunde" zusammen mit der Ouvertüre "Die Zauberharfe" gefällt mir wiederum sehr gut. Auch hier dirigiert Münchinger die Wiener Philharmoniker. Drei Mozart Sinfonien, deren Aufnahme später bei Intercord wiederholt wurde kommen im DECCA-Programm noch hinzu.


    Auf Schallplatte schien die Klassische Philharmonie Stuttgart also erst zum Zuge zu kommen,als Münchinger nicht mehr für DECCA, sondern für Intercord aufnahm (das war etwa ab 1980 der Fall). Bekannt sind mir die Einspielungen von KV 425, 504, 543 und 550. KV 551 und 385 fehlen mir in meiner Sammlung (habe aber schon eine Bezugsquelle aufgetan). Das Album mit den Serenaden hat Münchinger wieder mit dem Kammerorchester eingespielt.


    Das Kammerorchester - soviel sollte angemerkt werden - verhält sich seinem Gründer gegenüber mehr als schofel. Denn sein Entstehen und seine Prominenz über gut 40 Jahre verdankt es vor allem Karl Münchinger. Diese Tatsache bleibt ungeachtet aller gemutmaßten Zerwürfnisse zwischen Dirigentem und Orchester bestehen. Auf der aktuellen Hompage ist er dem Orchester lediglich eine knappe Randnote im Bereich Geschichte wert. Ungeheuerlich! Zugunsten des Orchester lässt sich mit ganzganz viel gutem Willen und zugekniffenen Augen vermuten, daß hier eine desaströse PR-Trotteligkeit vorliegt, die dem Verantwortlichen allerdings eine fristlose Kündigung eintragen sollte.


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

  • Zitat

    Original von Thomas Pape
    Allerdings sind mir außer den von Alfred bereits genannten Mozart Aufnahmen keine Platten mit diesem Ensemble bekannt. Angeblich hat dieses Ensemble auch Beethoven gespielt.


    Lieber Thomas,


    nicht nur angeblich, sondern auch tatsächlich.


    Bei Intercord erschien in der "Saphir"-Reihe zumindest die "Eroica" mit Karl Münchinger und der Klassischen Philharmonie Stuttgart.

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.
    Gustav Mahler

  • Die Undankbarkeit des Orchesters gegenüber seinem Gründer ist kein Einzelfall, es gibt immer wieder Schmarotzer, die die Arbeit unbequemer "Gründer" für sich annektieren wollen - aber den "Gründer" als lästig empfinden (was ja durchaus der Fall sein mag)


    In der Regel enden solche "Übernahmen" oder "Aneignungen" mit einem Desaster.


    Irgendwie war der "Unbequeme" auch der Motor des Ganzen - und sobald er fehlt, läuft noch die Schwungmasse oder ein Motor mit anderen Kenndaten -wenn zwei das Gleiche tun, dann ist das noch lange nicht dasselbe.


    Wo ist beispielsweise der berühmte Philadelphia Sound geblieben ?
    Was ist das Chicago SO ohne Solti, Die Berliner Philharmoniker ohne Furtwängler oder Karajan ? Was ist die Camarata Academica Salzburg ohne Paumgartner oder Vegh ?


    Alles bestenfalls guter Durchschnitt - die Unverwechselbarkeit ist dahin.


    Das Kölner Kammerorchester lebt von Müller Brühl - so wie das Stuttgarter Kammerorchester einst von Münchinger, desgleichen die Klassische Philharmonie Stuttgart. Ich hab nachgeschaut, es gibt beide noch - aber gewusst hätte ich es nicht.


    Ich will nicht behaupten, die "Klassische Philharmonie Stuttgart" wäre zu Zeiten Münchingers ein Spitzenorchester gewesen, aber sie waren eines der wenigen Orchester, das Mozart nach Einführung der CD NICHT mit Originalinstrumenten aufführte, sondern den "Großen" Orchesterklang pflegte. Deshalb kaufte ich die Aufnahmen eines Orchesters, von dem ich allenfalls den Dirigenten kannte.
    Dabei machte ich die für mich überraschende Entdeckung, daß das Orchester als eines der wenigen - einen spezifischen - mir sehr angenehmen - warmen Eigenklang besaß, der es beispielsweise von Wiener oder Berliner Philharmonikern deutlich unterscheidbar machte.


    Die Aufnahmen waren deutlich voluminöser als jene der Wiener Philharmoniker unter James Levine, den ich bis dato für einen interessanten Dirigenten in Sachen Mozart gehalten hatte, dessen Wiener Einspielungen ich jedoch als eher unmusikalisch und spröde empfand....


    mfg aus Wien


    Alfred

  • Karrl Münchinger, an dessen Todestag ich heute erinnern möchte und dessen 100. Geburtstag wir am 29. Mai feiern werden, starb am 13. März 1990. Zu dieser Erinnerung habe ich diese CD mitgebracht:


    auf der neben Pachelbels berühmtem Kanon, von dem vorz Kurzem die Rede war u. a. auch eine Bach-Kantate (BWV 147, Herz und Mund und That und Leben) enthalten ist, die ich selbst schon mit aufgeführt habe.


    Heute ist Karl Münchingers 25. Todestag.


    Liebe Grüße


    Willi

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Es ist überraschend wie viele Aufnahmen Münchingers im Bereiche des Barock es immer noch gibt - obwohl seine Ästhetik heute ziemlich überholt ist, wogegen die späteren Intercord Aufnahmen, wo er Klassik aufnahm, nicht mehr zu haben sind. Hier als Beispiel Vivaldis Jahreszeiten, die an heutigen Maßstäben gemessen beinahe gravitätisch, indes Klangschön, aber ohne Temperament dargeboten werden - alte Schule eben.
    Über Ensemble und Aufnahmejahr schweigt sich jpc aus, die Aufnahme klingt geringfügig verhangen - und - so ich mich nicht irre - ist noch in mono. Interessant für musikhistorisch interessierte Hörer und Münchinger- Fans. Man höre in die Musikbeispiele.

    mfg aus Wien
    Alfred

  • Eine Aufnahme von 1951 gibt es als remastered Version bei forgotten records.
    Solist: Reinhold Barchet




    Vivaldi- Les Quatre Saisons-
    Van Wassenaer-Concerto n° 5 en fa mineur-
    Gabrieli-Canzon n° 1- Sonata pian' e forte-
    Reinhold Barchet-Karl Munchinger
    Direction : Karl Munchinger
    Orchestre de Chambre de Stuttgart
    Il cimento dell'armonia e dell'inventione : Concerti, op. 8 n° 1-4 Le quattro stagioni (Les Quatre Saisons) (Vivaldi)
    Recording date : 1951
    Concerti Armonici : Concerto n° 5 en fa mineur (Van Wassenaer)
    Recording date : 1950
    Canzon n° 1 Primi toni pour double orchestre à cordes (Gabrieli)
    Recording date : 1952
    Sonata pian' e forte (Gabrieli)
    Recording date : 1952
    Length : 01:06:26, Original edition : Decca LXT 2600, LXT 2591, LX 3102

  • Karl Münchinger ist - trotz hoher Wertschätzung zu Lebzeiten - heute nahezu vergessen.
    Wenn wir in Vivaldis Jahrestzeiten im Beitrag Nr 21 hineinhören, dann wird man vielleicht sogar verstehen warum.
    Alles ist der ausgeglichen und moderat angelegt, da gibt es keine Schärfen und exzessiven Tempi oder Dynamiksprünge.
    Bei Bach kann ich es nicht beurteilen, obwohl ich ihn in diesem Zusammenhang einst in Wien gehört habe, und zwar mit dem "Musikalischen Opfer"
    Scharfzüngig wie ich in meiner Jugend war (auch wenn das hweute niemand mehr glauben will) Habe ich mien Einstellung zu dem Werk damals so formuliert:
    "Ein passender Titel, in der Tat. Das in seiner gesamten Länge durchzuhören ist wahrlich ein Opfer" :D
    Daher kann ich hier zur Interpretation nicht sagen oder gar schreiben.


    Etwas später formte Münchinger das Stuttgarter Kammerorchester (temporär ?) zur "klassischen Philharmonie Stuttgart" um.
    Mir sind aus dieser Zeit ein paar - wie ich finde - vorzügliche Aufnahmen von Mozart Sinfonien (für Intercord) bekannt, die ich erst neulich erwähnt habe.
    Seit 12. 5. 2017 gibt es bei cpo eine Importmöglioch keit einer ausländischen "Eloquence -DECCA") 4 CD Boc, wo Münchinger alle Schubert-Sinfonien- mit Ausnahme der ersten - eingespielt hat, und das mit dreiverschiedenen Orchestern. Patchwork also.(Wiener Philharmoniker, Stuttgarter Kammerorchester, Klassische Philharmonie Stuttgart)Die Aufnahmen stammen von 1956-1976, eine Angabe ob alles in Stereo sei, fehlt. Mißtrauisch mach mich auch, daß keine Sound-Samples bereitgestellt werden. die Lieferzeit beträgt ca 4 Wochen.....
    mfg aus Wien
    Alfred