DROTTNINGHOLM SLOTTSTEATER ein klitzekleiner Reisebericht

  • Für alle, die noch nicht dort waren oder nicht mitkommen konnten:



    Seit ich das erste Mal im Fernsehen eine Aufzeichnung aus dem Drottningholm Slottsteater unter Leitung des für mich legendären Arnold Östmann gesehen habe, war es um mich geschehen: Mich hat allein der Anblick der Bühnenbilder, die Produktion auf Originalinstrumenten und in Originalkostümen derart fasziniert, dass ich fest vor hatte, in meinem Leben ein Reiseziel zu erreichen: Das


    DROTTNINGHOLM SLOTTSTEATER


    bei Stockholm/Schweden. Am 28. Mai 2005 war es dann soweit: Nach langjähriger Suche nach einer passenden [lohnenden] Aufführung, packte uns das Reisefieber und wir flogen gen Norden nach Stockholm. Zunächst begann der Ausflug sich strikt an das Motto „Stocksauer in Stockholm“ zu halten: Beim Abflug waren es bei uns daheim noch schlappe 36° C, in Stockholm lediglich 11° C – es war bewölkt und ein schneidender Wind machte uns zu Schaffen. Dann fing es auch noch heftigst an zu Regnen. Nach einigen Anlaufversuchen erreichten wir das von uns gebuchte Hotel mit nur außerplanmäßigen zweieinhalb Stunden Verspätung, da alle angeblichen Vorteile der Stockholmkarte zur Nutzung von Verkehrsmitteln ausgerechnet auf unsere Belange nicht zutrafen. Im Hotel erfuhren wir dann „We are overbooked“- eine offensichtliche neue Marotte eines Reiseveranstalters, auf den man einen kurzen Zeitraum nach dessen Privatisierung große Stücke halten konnte. Nun denn; unsere Antwort war kühl, sachlich und fordernd und englisch: „And we are tired, wet an have no bock to change the hotel!“. Irgendwie musste dieser Spruch ziemlichen Eindruck hinterlassen haben, denn trotz der Vorgabe, „overbooked“ zu sein, erhielten wir das von uns reservierte Zimmer: Anständig, aber nicht komfortabel. Den verbleibenden Nachmittag nutzten wir für eine kurze Erkundung der Stockholmer Innenstadt. Dort besichtigten wir das Königliche Schloss – ein riesiger, unschöner Gesteinshaufen mit allerdings herrlicher Aussicht [wenn man sich die Wolken wegdachte]. Man berichtete uns, dass die Königsfamilie in diesem Koloss nicht residierte. Abends speisten wir in einem dem Hotel nahe gelegenen Restaurant im Zentrum Stockholms und unterhielten uns bis in die frühen Morgenstunden – was uns gar nicht auffiel, da es nicht wirklich dunkel wurde. Nach einer kurzen Phase des Ausruhens gingen wir jedoch den kommenden Tag optimistisch an und fuhren zunächst mit dem Dampfer „Drottningholm“ durch die Gewässer Stockholms. Unsere Stockholmkarte bot die Vergünstigung nur bei gleichzeitiger Buchung einer Reourekarte an. Das kam für uns nicht in Betracht, da der letzte Dampfer am Sonntag um 17.00 Uhr ablegte, die Oper aber erst um 16.00 Uhr begann. Auch der spezielle „Theaterdampfer“ fuhr ausgerechnet Sonntags nicht.



    [Anreise mit dem Dampfer]


    Nach rund 55 min. erreichten wir die „Königinneninsel“ Drottningholm und sie empfing uns anlegender Weise mit „Drottningsvätta“ [©2005 by mir: „Königswetter“]. Die Wokendecke riss auf und es erstrahlte ein sonnenüberfluteter Himmel in schwedischblau. Wir prominierten zielgerecht auf das wunderschöne Rokoko-Schloß zu, um es gleich zu besichtigen:



    [Drottningholm Slott]


    Dort brachten wir in Erfahrung, dass die Königliche Familie sich hier wohnhaft aufhielt – ich hätte es, ehrlich gesagt, auch nicht anders gewählt. Das Schloß bietet eine Umfangreiche Ausstellung auf zwei „Etagen“, alles etwas „nordisch“ dunkel gehalten; kein Vergleich zu zentraleuropäischen Barockschlösschen, dennoch bemerkenswert kreativ eingerichtet. Der Eintritt war Dank der Stockholmkarte frei. Unweit über einen kurzen Fussweg erreichbar beginnt der im französischen Stil angelegte Schlossgarten mit elend vielen Springbrunnen, Alleen, akkurat geschnittenen Heckchen und dem obligatorischen Schotterweg. Wir erreichten nach einigem Fußmarsch das seitlich gelegene Kina-Slott [China-Schloss]. Der Zugang war am Sonntag wegen dringender Staatgeschäfte jedoch leider verwehrt, so dass wir nur einen Außenanblick genießen konnten. Das nebenan gelegene Restaurant-Café bot Waffeln [Väffla] mit Erdbeermarmelade und Sahne… schweinelecker – dazu guten, starken Kaffee. Das Schloßtheater selbst befindet sich unweit dem Königlichen Schloß, deren Bewohner an diesem Tag ins China-Pendant ausgewichen waren. Der erste äußere Eindruck vom Gebäude des Drottningholm Slottsteater war sehr schlicht und fast deprimierend für einen so klangvollen Namen. Eine Führung durch die Räumlichkeiten war in der Stockholmkarte inklusive. Auch die Räumlichkeiten waren keineswegs üppig, eher zweckdienlich und dünn ausgestattet.



    [Drottningholm Slottsteater]


    Das ursprüngliche Haus war 1762 während einer Vorstellung den Flammen zum Opfer gefallen. Dank des Ideenreichtums des Architekten Carl Frederik Adelcrantz konnte das „neue“ Schloßtheater in der heutigen Form am 12. Juni 1766 wiedereröffnet werden. Es diente als Königliches Sommertheater und wurde auf Initiative Gustavs III., der selbst ein leidenschaftlicher Schriftsteller und Theatermann war, erbaut. Hier wurden u.a. die [schwedischen] Opern des Königlichen Lieblingskomponisten Joseph Martin Kraus [1756-1792] uraufgeführt. Nach der Ermordung König Gustavs III. in der Königlichen Oper zu Stockholm im März 1792 schlief das Theaterschlösschen ein und wurde erst Anfang der 1920er Jahre wiederentdeckt. Die gesamte Bühnenmaschinerie ist heute wie vor 200 Jahren ohne Restauration voll funktionstüchtig: So gibt es 15 verschiedene originale Bühnenbilder des italienischen Gestalters Donano Stopani.



    [Drottningholm Slottsteater: Theaterbühne - Zuschauerraum]


    Ferner sind existent eine Wind-, eine Donnermaschine, Meereswellen, ein Wolkenwagen und, und, und… in nur wenigen Sekunden lässt sich die Bühne von Stadt in Land, von Himmel in Hölle verwandeln – ein wahrer Zauberkasten. Obwohl ich bisher immer Pech hatte [besonders bei der Verteilung von Kohle, Intelligenz und Freizeit], hatte ich das besondere Glück, als Auserwählter die Bühnentechnik vorführen zu dürfen, soweit dies von einer Person allein durchführbar ist. In meinem Falle waren es die Wind- und Donnermaschine [**stolz**]. Üblicher Weise werden hinter der Bühne während einer Aufführung rund 30 Personen mit der „Verzauberung“ des Publikums tätig.



    [Wind- und Donnererzeugung]



    [Windmaschine]


    Die Geräusche, verursacht durch Holz und Tauwerk sind mehr als beeindruckend. Das Haus ist je zur Hälfte dem Publikum und der Bühne gewidmet, von jedem Sitzplatz aus war eine hervorragende, uneingeschränkte Sicht und Akkustik gegeben. Das Haus fasst 454 Zuschauer, verteilt auf 32 Sitzreihen.


    Um 16.00Uhr begann die Vorstellung der Oper La Capricciosa Corretta von Martin y Soler, einem spanischen Mozart-Zeitgenossen, über den ich hier bereits berichtete. Die Ausführenden dieser Oper sind hier einzusehen.


    Der Empfang an der Theaterkasse [wir hatten in weiser Voraussicht vorbestellt] fand in Originalkostümen statt, auch die Bepolsterung der Sitzbänke inklusive deren bereits verblichener Beschriftung stammt noch au dem 18. Jahrhundert, wie auch der beeindruckende schwere Teppichvorhang. Wir saßen in Reihe 2 – in einer Linie mit den für die Königliche Familie bereitgehaltenen Sitzplätzen in der Mitte der Reihe, die aber leider an diesem Nachmittag leer blieb. Das „Orkester“ befand sich etwa zweieinhalb Meter unmittelbar vor uns, es war wenig Platz für die Musikanten vorgesehen. Trompeten und Pauken spielten von den seitlichen Balkonen aus, Bläser rechts, Streicher links. In der Mitte das Pult des Dirigenten, zugleich Cembalo oder Spinett. Selten, dafür aber ganz hervorragend dirigiert und zugleich am Spinett die Rezitative begleitet und – ebenfalls mit Perücke versehen, war der Dirigent.


    Die Aufführung übertraf alle Erwartungen, die ich je gehabt habe – wie gelähmt verließ ich das Theater mit bleischweren Füßen…


    Übrigens hat sich Mozart, beleidigt, dass ich nicht eine Oper von ihm dort sah und hörte, an mir gerächt: Nach meiner Rückkehr heute Nachmittag war mein gesamter Mozart-Rasen VERBRANNT [heul ;(]

  • Sodele,


    nun gibt's noch ein paar eigene Bilder, leider ist die Qualität [Photo-Handy] nicht besonders gut:


    Unser Dampfer "Drottningholm", der uns zur Königinneninsel brachte:



    Wir nähern uns unauffällig Schloss Drottningholm:



    Dies war mein erster Blick auf das Heiligtum:



    Vor dem Event noch ein Spaziergang, Besuch des Kina Slott:



    Und dann diese Begrüßung mit authentischen Instru... äh Kleidern:



    Innenaufnahmen des Theaters waren leider nicht gestattet... wie doof.


    bien cordialement
    Ulli

  • Hallo Ulli,


    besten dank für den "externen" Hinweis auf diesen Reisebericht, der mir übrigens sehr gefallen hat!


    Zitat


    DAS ist doch mal ein Theater. :jubel:



    Ich werde mein späteres Anwesen mit der hier vorgestellten Bühnentechnik aufrüsten: unerwünschte Besucher können dann mit Wind und Donnergeräuschen verjagt werden. :D



    :hello:
    Gentilhombre

    "Das ist zeitgenössische klassische Musik. Dann unterstelle ich, daß da kein intellektueller Zugang..."
    Miroslaw Lem, Tenor


  • Lieber Ulli,


    Als ich schauspielte, hatte man ins Theater auch so eine Windmaschine. Aber Donnerschläge wurden mit einer Blechplatte (± 1×1 Meter) gemacht.
    Wie kann so eine Holzmachine Donnerschläge erstellen?


    LG, Paul

  • Salut,


    ich beschreibe es so, wie ich es gesehen und empfunden habe: Es ist eine Holzkiste [ein Sarg :D ], der wie eine Schaukel angebracht ist. Darin befinden sich jede Menge loser Wackersteine, an beiden Seiten des "Sarges" befinden sich Kordeln, die man hin- und herzieht: Kawumm! :D



    Ganz einfach! Und genau das ist ja das famose daran...


    LG
    Ulli


  • Komm an mein Herz, Bruder! :lips:


    Wir haben hier direkt hinter unserem Haus Feld, Wald und Wiese bin zum Rhein hinunter... völlig unbebaut. Sobald ich die finanziellen Mittel habe, wird das Drottningholm Slottsteater hier auch stehen... [allerdings mit Klimaanlage] und täglicher Abendvorstellung!


    Ach ja: So rund 45 Angestellte wirst Du benötigen, um die Maschinerie vollständig in "Bewegung" zu halten. Am besten eignen sich frische Rudersklaven!


    :D


    Liebe Grüße
    Ulli

  • Zitat

    Original von Ulli


    Komm an mein Herz, Bruder! :lips:


    Wir haben hier direkt hinter unserem Haus Feld, Wald und Wiese bin zum Rhein hinunter... völlig unbebaut. Sobald ich die finanziellen Mittel habe, wird das Drottningholm Slottsteater hier auch stehen... [allerdings mit Klimaanlage] und täglicher Abendvorstellung!


    Ich erwarte eine Dauerkarte mit Stammplatz! 8)



    Zitat

    Ach ja: So rund 45 Angestellte wirst Du benötigen, um die Maschinerie vollständig in "Bewegung" zu halten. Am besten eignen sich frische Rudersklaven!


    Irgendwo werden sich doch sicher noch 45 Jakobiner auftreiben lassen. :D



    Übrigens, die notwendigen Fachleute für die Theatertechnik habe ich auch schon aufgetrieben:
    http://www.touringbaroque.com/
    [SIZE=7]Ich hoffe, Mod 001 sieht mir das Setzen des externen Links ausnahmsweise nach. :angel:[/SIZE]


    Liebe Grüße,
    Gentilhombre

    "Das ist zeitgenössische klassische Musik. Dann unterstelle ich, daß da kein intellektueller Zugang..."
    Miroslaw Lem, Tenor

  • Zitat

    Original von Gentilhombre


    Ich erwarte eine Dauerkarte mit Stammplatz! 8)


    Null Problemo. Der Spielplan der ersten Saison ist hier. Wie gesagt, der ersten - der zweiten Schwerpunkt liegt auf Barockoper...


    Zitat

    Irgendwo werden sich doch sicher noch 45 Jakobiner auftreiben lassen. :D


    :hahahaha:


    Grüßle
    Ulli

  • Drottningholm Slottsteater


    George Frideric Handel
    S E R S E


    Libretto: Nicolò Minato & Silvio Stampiglia
    Conductor: Mark Tatlow
    Director: William Relton
    Costumes: Carolina Wolff


    Cast: Karolina Blixt, Joa Helgesson, Matilda Paulsson,
    Sara Sandström, Sara Andersson, Anton Eriksson, Linus Börjesson


    The Drottningholm Theatre Orchestra


    Co-production: Stiftelsen Drottningholms teatermuseum and
    the University College Opera, Stockholm


    Vorstellungen am:


    Samstag, 26.05.2007 16.00 h
    Montag, 28.05.2007 19.30 h
    Mittwoch, 30.05.2007 19.30 h
    Freitag, 01.06.2007 19.30 h
    Samstag, 02.06.2007 16.00 h
    Mittwoch, 06.06.2007 19.30 h
    Freitag, 08.06.2007 19.30 h
    Samstag, 09.06.2007 16.00 h


    Claudio Monteverdil
    L ' O R F E O


    Libretto: Alessandro Striggion
    Conductor: Mark Tatlow
    Director: Michiel Dijkema
    Costumes: Claudia Damm


    Cast: Rickard Söderberg, Susanne Rydén, Mikael Bellini,
    Lars Arvidson, Lina Markeby, Anna Grevelius


    The Drottningholm Theatre Orchestra


    Performance given by Stiftelsen Drottningholms teatermuseum
    with support from the Friedns of Drottningholmsteatern


    Vorstellungen am:


    Samstag, 28.07.2007 16.00 h
    Montag, 30.07.2007 19.30 h
    Mittwoch, 01.08.2007 19.30 h
    Freitag, 03.08.2007 19.30 h
    Sonntag, 05.08.2007 16.00 h
    Dienstag, 07.08.2007 19.30 h
    Donnerstag, 09.08.2007 19.30 h
    Samstag, 11.08.2007 19.30 h


    Preise (je nach Kategorie): 165-610 SEK.


    Da ich aus zeitlichen und finanziellen Gründen mich für eine Oper bzw. einen Komponisten eintscheiden MUSS, obschon ich dann auf Susanne Rydén verzichte: Zu dem Backvogel würde ich schon liebend gerne hindüsen, wenn's denn einen Billigflug geben täte... zumal mein Leib-und-Magen-Dirigent [unter den Lebenden] ab 2007 wieder dort tätig ist... :]


    Wer käme mit?


    :hello:


    Ulli

  • Zitat

    Original von Ulli
    Wer käme mit?


    Ich suche gerade nach Billigflügen von Wien.
    Das ganze würde mich schon SEHR reizen (endlich mal nicht nur zeitgenössische Oper SEHEN)!


    So, 171€ Hin und retour, das geht ja sogar (versuchsweise 7.-12.08. eingetippt).


    Was gibts in Stockholm für KUNST?
    Aha, Nationalmuseum.
    Scheint eine mäßige aber nicht schlechte Sammlung zu sein.
    Immerhin die zweitgrößte Boucher-Sammlung.
    :D
    Irgendwie absurd ...


    Ist Nikodemus Tessin mehr als nur ganz dekorativ?
    :rolleyes:


    Ah, eine de Vries-Sammlung, lecker ...
    Und modernes Design, auch aus Finnland und Dänemark nehme ich an ...


    Zurück in die Oper: Die billigsten Karten um 165 € ...
    :wacky:


    Das muss ich mir etwas im Kopfe kreisen lassen ...
    :hello:

  • Zitat

    Original von Kurzstueckmeister
    Zurück in die Oper: Die billigsten Karten um 165 € ...


    Salut,


    meinst Du jetzt die Oper Stockholm oder das obige Angebot? ?(


    Auf der Königinneninsel sind nämlich Karten ab 18 € zu haben [165 SEK !!].


    :hello:


    Ulli

  • Zitat

    Original von Kurzstueckmeister
    Wann stockholmisiert Du Dich?


    Ich werde mal am Wochenende terminieren... ich hoffe, dass ich bis dahin alles andere geklärt habe, was mich derzeit davon abhält.


    :hello:


    Ulli


  • So, Terminierung geklärt!


    Vetter und Baaß stockholmisieren am 1.6.07 via Ryanair.
    Serse gekuckt wird am Samstag, den 2.6.07 um 16:00h
    Rückflug am folgenden Tag.


    Wer stockholmisiert mit?


    :hello:
    for further information please contact Ulli (travel guide) or Violoncellchen (booking assistant)

  • Nach unserer Landung in Stockholm Skavsta ließ das Wetter nichts gutes erahnen. Wir gelangten zwar noch trockenen Fußes in den Shuttlebus, doch während der Fahrt goss es in Strömen.
    Das Wetter stellte sich jedoch schnell auf unsere Anwesenheit ein und bis zu unserer Ankunft in Stockholm Centralen hatten sich Regen und ein Großteil der Wolken bereits verzogen.


    Beim Schlangestehen fürs Tunnelbana-Ticket schickte uns dieser Orakelspruch-Automat ein Zeichen, über dessen Bedeutung wir uns jedoch unklar waren:





    Sollte unser Ausflug am Ende in Tod und Verzweiflung enden? War es vielleicht doch keine so gute Idee, das Kraus-Grab aufzusuchen?


    Die Ankunft im Hotel hatte jedoch positive Überraschungen für uns bereit: Nettes Haus, hübsche Zimmer, üppiges Buffet und prima Lage direkt an der Tunnelbana-Station Richtung Stadtmitte, und das, obwohl wir es nach dem einzigen Kriterium „Hauptsache billig“ ausgesucht hatten. (Es gab sogar gratis Tamino-Anschluss !)



    Unsere erste Expedition brachte uns auf die Insel Solna, wo wir dem nach Ulli benannten Schloss Ulriksdal eine Besuch abstatteten. Leider war eine Besichtigung an diesem Abend nicht mehr möglich, aber wir beschlossen, das zu einem späteren Zeitpunkt nachzuholen.


    Einen halbstündigen Fußmarsch von Schloss Ulriksdal entfernt liegt der Tivoli-Park, umsäumt von einer Kleingärtner-Kolonie, in der wohl gerade ein Um-die-Wette-Blühen stattfand. Im hinteren Teil des Parks, nah am Wasser gelegen findet man nach einem beschwerlichen Weg über Stock und Stein im Wald verborgen das Kraus-Grab.



    Nach italienischem Abendschlemmen zurück im Hotel beschlossen wir, dass es noch hell genug war, um von der geographisch günstigen Lage unseres Hotel zu profitieren und trotteten nach Drottningholm, welches mittsommarnachts zwar verwaist aber dennoch wunderschön anzuschauen war.


    Was heißt hier verwaist? Außer mir hat dort eh niemand was zu suchen... Das schwedische Bier [dem Wein ist's zu kurz warm] hat mir überaus wohlgeschmeckt - trotz der relativ wenigen Promille...



    Bei einer Garantie für anhaltendes Königswetter rückt die Überlegung näher, die Sommerzeit hier zu verbringen. Was gibt es schöneres, als einen solch nächtlichen Spaziergang bei angenehmen Temperaturen und solch schönen Anblicken? Das war so etwa um 0.30 Uhr...

  • Der nächste Morgen wartete mit strahlendem Sonnenschein auf, und da die Sonne bereits fünf Stunden schien, als wir um 8h aus den Betten fielen, hatte man das Gefühl, es sei Mittag.


    Wobei Middag ja eher das Abendessen war - oder war's Frühstück?


    Schnurstracks gings nach Drottningholm zum Lustwandeln im Park, Besichtigung der Prunkräume im Schloss, Väffla futtern am China-Schloss, Theater-Shop leerkaufen und selbstverständlich zur Führung durch das Schlosstheater (wo fotografieren strengstens untersagt ist ;( ).





    (Das rechte Bild ( aus einem Prospekt entnommen) zeigt das Foyer der Theaters mit seinen zweihundertvierzigjährigen Tapeten)


    Es ist unglaublich, durch ein Gebäude zu gehen, das seit seinem Bau 1766 praktisch unverändert blieb. Im Gegensatz zu vielen anderen Gebäuden aus dieser Zeit, die inzwischen etliche male renoviert wurden und heute wie neu aussehen, befindet sich hier alles im Originalzustand. Zwar bedeutet das, dass sich an vielen Ecken die über 200 Jahre alte handbemalte Tapete von der Wand wellt und der Stuck bröselt, aber gerade deshalb ist hier die Zeit, in der König Gustav III. und sein Gefolge hier ein und ausgingen so präsent. Da Ulli mich freiwillig gemeldet hat, durfte ich auch hinter der Bühne die Windmaschine drehen. :D


    Das Gefühl, das sich bei mir jedesmal beim Eintreten in den Theaterraum einstellt, ist ungefähr so, wie sich Wuppertaler und Wiener im Paradies fühlen mögen...



    Nach kurzem Abstecher im Hotel zum Perücken pudern gings zurück nach Drottningholm zur Vorstellung von Serse




    Conductor • Mark Tatlow
    Director• William Relton
    Costumes • Carolina Wolff


    The cast:
    Serse • Karolina Blixt
    Arsamene • Joa Helgesson
    Amastre • Matilda Paulsson
    Romilda • Sara Sandström
    Atalanta • Sara Andersson
    Elviro • Linus Börjesson
    Ariodate • Anton Eriksson


    The Drottningholm Theatre Orchestra


    Da hab ich mich dann auch mal ganz dreist über das Fotografier-Verbot hinweggesetzt (es war ja dunkel, hat keiner gesehen :pfeif: )



    Gänsehautig... wenn obligatorisch mit dem Stock auf den uralten Holzboden als Zeichen zum Maulhalten geklopft wird... funktioniert aber auch nach rund 250 Jahren noch in Perfektion!


    Die Vorstellung war gigantisch und hat jene meines letzten Besuchs weit übertroffen, zumal diesmal nicht die [sehr guten!] Stockholmer Musikstudenten musizierten, sondern das zum Schloßtheater "gehörende" Königliche Theaterorchester. Für alle 7 Szenen der Händeloper wurden separate originale Bühnenbilder benutzt, was bei dieser Vielzahl doch mit erheblichem Aufwand verbunden ist. Dabei wurden Überraschungseffekte bei geschlossenem Vorhang vorbereitet, so wie auch die Bühnentechnik live vorgeführt. So ein Szenenwechsel dauert immerhin gute 4 Sekunden... beeindruckend! Alle Sängerinnen und Sänger waren absolut gut, nicht unbedingt gänsehautig, aber tadellos! Auch die Costumage war sehr farbenfroh, das Orchester spielte in seinem gewohnten Umfeld mit warmen und weichen - dennoch exakt abgesetzten - Tönen.


    Der grüne schwedische Spargel an weißer Soße mit Lachsrogen oder so hat den Nachmittag vervollkommnet.

  • Der dritte Tag führte uns zurück nach Ulriksdal, wo wir (wie es sich gehört) eine Privatführung durch die Räume des Schlosses bekamen.
    Zwar waren wir mit der Innenausstattung nicht ganz zufrieden, aber das lässt sich ja nach dem Erwerb des Anwesens ohne weiteres ändern. :D


    Wesentlich wichtiger wäre es erst einmal, die rückwärtige Aussicht wieder zu verhippen. Das Schloß hieß ursprünglich eigentlich Jacobsdal nach seinem Auftraggeber. Jedenfalls bekam Kronprinz Ulrik das nette Anwesen zur Taufe geschenkt - der aber verstarb im Alter von nur wenigen Monaten. Offenbar aber hat dies niemand wirklich bemerkt und das Schloß heißt demzufolge bis heute [Gott sei Dank :D ] Ulriksdal.




    Später nahmen wir noch das dortige Schlosstheater Confidencen unter die Lupe, welches von selben Architekten entworfen und gebaut wurde wie das Drottningholm-Theater. Da gerade eine Vorstellung begann, mischten wir uns unauffällig unters Volk und konnten so zumindest einige der Vorräume des Theaters besichtigen.



    Beim Studium des Spielplanes stießen wir unverhofft auf die Reinkarnation Arnold Östmans (wie die Geschichte weiterging steht hier – spätestens da erschliesst sich dann auch die Bedeutung des Orakelspruchs ;) ).






    Auch dies eine heilige Stelle: Hier wurde 1778 erstmals Kraus Proserpin für Gustav III. in einer Privatvorstellung gegeben.


    Nach diesem ausgiebigen Schloßbesuch trieben wir uns noch kulturell interessiert in Stockholms Innenstadt herum... wichtig war noch das Nachholen des beim letzten Besuch versäumten Beschaffens meiner Dienstmarke [Silbermünze Gustav III.] sowie die Besichtigung der Werkzeuge, die für den Mord an meinem König verwendet wurden, schließlich das Betrachten der königlichen Weste mit dem Einschußloch und den noch sichtbaren Blutflecken.


    Äußerst wiederwillig begaben wir uns am Nachmittag zurück zum Flughafen, wo wir in der Sonne sitzend, Picknick verspeisend, von afrikanischen Harfenklängen begleitet, beinahe unseren Flieger versäumten („last call for Passengers to Frankfurt Hahn“ 8o )


    Ich meine mich zu erinnern, dass es im Vergleich zum Hinflug keine wesentliche Verbesserung meiner Pünklichkeit zu verzeichnen gab. :O