HÄNDEL, Georg Friedrich: ORESTE II

  • INFORMATIONEN ZUM WERK


    ORESTE? Von Händel? Nie gehört! Tatsächlich wird kaum ein Klassikfreund diese Händel-Oper kennen - eingefleischte Händelianer einmal ausgenommen.


    Die Opera seria ORESTE wurde als vollgültige Oper in die Hallische Händel-Ausgabe übernommen, obwohl es ein Pasticcio ist, wie auch ALESSANDRO SEVERO (1738) und die nur fragmentarisch überlieferte Pastoraloper JUPITER IN ARGOS (1739). Der Herausgeber des Notenbandes, Bernd Baselt, weist aber als Rechtfertigung darauf hin, daß in den genannten drei Opern zwar Musik aus früheren Händel-Opern verarbeitet wurde, daß der Komponist selber sie jedoch als vollgültige Werke angesehen habe, für die er auch Autorenanspruch erhob, weshalb sie in die Gesamtausgabe einzubeziehen seien. Die bis heute vertretene Auffassung, ORESTE sei ein Lückenbüßer gewesen, nebensächlich und ein roh zusammengezimmertes Stück, mit dem Händel versucht habe, der Adelsoper im Wettbewerb um die Publikumsgunst Paroli bieten zu können, sei so nicht mehr haltbar.


    Nicht zu bestreiten ist die Tatsache, daß ORESTE in dem Kampf gegen die „Opera of the Nobility“ tatsächlich diese genannte Rolle spielte. Nachdem Händel mit der „Royal Academy of Music“ bankrott und aus dem Haymarket Theatre verdrängt worden war, gab ihm John Rich im Covent Garden Theatre mit seinen theatralischen Möglichkeiten eine neue Heimstatt und der Komponist konnte auch weiterhin im Londoner Theaterleben mitmischen. Zu diesen neuen Möglichkeiten gehörte u. a. auch eine vorhandene Ballett-Truppe, die Händel sofort erfolgreich nutzte: IL PASTOR FIDO wurde in einer Neubearbeitung mit französischen Stilelementen, nämlich dem Prolog TERPSICORE, einem Singballett, versehen und drei neue Opern geschaffen: das Pasticcio aus eigenen Werken ORESTE, ferner ARIODANTE und ALCINA.


    Als weitere Besonderheit der Covent-Garden-Periode muß man das neue Ensemble ansehen: Händel hatte seine ehemaligen Hauptakteure Senesino, den Baß Montagnana sowie die Mezzos Bertolli und Gismondi an die Adelsoper verloren und mußte sich nun hauptsächlich auf englische Sänger stützen. Aus dem alten Ensemble war einzig Anna Strada del Pò bei ihm geblieben. Die Adelsoper konnte noch mit einem weiteren Pfund wuchern: der berühmte Mezzosoprankastrat Carlo Broschi alias Farinelli gab am 29. Oktober 1734 mit Hasses ARTASERSE in London sein Debüt.


    Als die erste Spielzeit am Covent Garden Theatre begann, wußte Händel offenbar noch nichts von den neuen Ausstattungsmöglichkeiten, wie aus den vorliegenden Quellen ersichtlich ist. So erhielten ARIANNA IN CRETA und IL PASTOR FIDO, die noch im Haymarket Theatre gespielt worden waren, nach ihrer Übernahme ins neue Haus zusätzliche Ballettszenen; ARIODANTE , zwischen August und Oktober 1734 vertont, beweist, daß Händel erst bei der Überarbeitung für die Covent Garden Opera die Möglichkeit von Chor- und Ballettszenen nutzte, wie an der Handschrift zu erkennen ist. Auch ORESTE war bereits fertig, als die Aktschlüsse mit Balletteinlagen versehen wurden.


    Daß Händel sein Publikum gut unterhalten wollte und die zusätzlichen Einlagen dazu bestimmt waren, Schaueffekte zu erzielen, liegt auf der Hand. Außerdem gilt es zu bedenken, daß sein neues Sängerensemble mit dem der Adelsoper nicht konkurrieren konnte, weshalb die Chor- und Ballettszenen durchaus den Sinn hatten, der Konkurrenz der großen Stimmen mit musikalischer Attraktivität zu begegnen. Trotz dieser äußerlichen Gründe hat es Händel aber verstanden, in allen weiter oben genannten Opern die Einlagen so geschickt in die Handlung einzufügen, daß dadurch große Aktfinali entstanden.


    ORESTE ist, was die Schlüssigkeit der Handlung angeht, eines der besten Opernlibretti, die Händel je vertont hat. Der unbekannte Autor griff auf eine Vorlage von Giovanni Gualberto Barlocci zurück, der seinen Text Maria Isabella Cesi Ruspoli, Ehefrau von Händels ehemaligem Gönner Marchese Ruspoli, gewidmet hatte. Denkbar also, daß Händel bei seiner Italienreise 1729 in den Besitz des Librettodrucks gekommen war und in London durch Giovanni Carestini, Händels neuem primo uomo, auf den Stoff hingewiesen wurde. Der hatte nämlich den Pylade bei der römischen Uraufführung, Musik von Benedetto Michele, gesungen.


    Ein eigenständiges Autograph der Oper ORESTE existiert, bei einem Pasticcio-Werk auch nicht weiter verwunderlich, nicht. Erhalten geblieben ist eine Direktionspartitur und eine danach geschriebene Continuostimme. Dort wird der Notenteil so überliefert, wie Händel das Werk aufführte. Als zusätzliche Quellen sind die Autographe und Direktionspartituren anzusehen, aus denen Händel seine Musik für ORESTE entlehnte: RADAMISTO, FLORIDANTE, OTTONE, TAMERLANO, SIROE und RICCARDO PRIMO (aus der „Ersten Akademie“), sowie LOTARIO, PARTENOPE und SOSARME (aus der „Zweiten Akademie“). Die Ballettsätze und der Schlußchor entnahm Händel TERPSICORE und ARIANNA IN CRETA, den Werken also, die unmittelbare Vorläufer im Spielplan des Covent Garden Theatre waren. Aber Händel geht noch weiter in die eigene Vergangenheit: Die Ouvertüre gestaltet er aus dem Vorspiel zur Kantate COR FEDELE (von 1707) neu; die erste Szene des ersten Aktes ist ein Arioso aus AGRIPPINA und im zweiten Akt steht eine Arie aus RODRIGO.


    Inhaltlich gibt es nur unwesentliche Unterschiede zu späteren Werken, etwa Guillards Libretto für Glucks IPHIGENIE EN TAURIDE (1779) oder Goethes Dramatisierung von 1802. Sie alle beziehen sich letztlich auf Euripides' IPHIGENIE IN TAURIS, Sophokles' ELEKTRA oder DIE EUMENIDEN und ORESTIE von Aischylos. Händels Opernlibretto legt allerdings den Schwerpunkt der Handlung auf die Entwicklung von Iphigenies Bruder und kommt dabei sogar zu einem uns heute überzeugenden Schluß: dem Tod des Tyrannen. Das entspricht in keiner Weise dem üblichen lieto fine einer Opera seria, hat aber dadurch wesentlich mehr Überzeugungskraft als die unglaubwürdigen Endungen einer Seria, in denen sich ein blutrünstiger Tyrann oft genug zum strahlenden Heilsbringer wandelt. Und diese „Wahrhaftigkeit“ könnte doch Grund genug sein, sich mit Händels ORESTE auseinandersetzen...


    © Manfred Rückert für TAMINO-Opernforum 2010
    unter Hinzuziehung
    des Notenbandes der Hallischen Händel-Ausgabe
    Albert Scheibler: Die 53 Bühnenwerke des Georg Friedrich Händel