WOLF-FERRARI, Ermanno: DIE VIER GROBIANE

  • DIE VIER GROBIANE
    (I QUATTRO RUSTEGHI)

    Musikalisches Lustspiel in drei Akten
    Frei nach Carlo Goldoni von Graf Luigi Sugana und Giuseppe Pizzolato


    Uraufführung am 19. März 1906 in München


    DIE PERSONEN DER HANDLUNG


    Lunardo, Antiquitätenhändler (Baß)
    Margarita, seine zweite Frau (Alt)
    Lucieta, Lunardos Tochter aus erster Ehe (Sopran)
    Maurizio, Kaufmann (Bariton)
    Filipeto, sein Sohn (Tenor)
    Marina, Filipetos Tante (Sopran)
    Simon, Kaufmann, ihr Mann (Baß)
    Cancian, ein reicher Bürger (Baß)
    Felice, seine Frau (Sopran)
    Conte Riccardo, ein fremder Edelmann (Tenor)
    Eine junge Magd Marinas (Mezzosopran)


    Das Geschehen spielt um 1800 in Venedig.


    INHALTSANGABE


    ERSTER AKT


    Erstes Bild: Ein Zimmer im Hause Lunardos.


    Margarita, Lunardos Frau und Lucieta, Lunaordos Tochter aus erster Ehe, beklagen die Langeweile im Hause, da das Familienoberhaupt den beiden Frauen nicht das geringste Vergnügen gönnt. Als Lunardo in den Raum tritt und erklärt, er wolle für heute mal die Unterhaltung der Damen übernehmen, werden diese hellhörig. Als sie weiter erfahren, daß für den Abend drei Männer mit ihren Frauen zum Essen eingeladen wurden, ist die Freude schnell wieder verflogen, denn sie behaupten, die Geladenen seinen noch größere Grobiane als Lunardo selber.


    Lunardo überhört die boshafte Bemerkung und schickt seine Tochter aus dem Zimmer; nach ihrem Weggang informiert er seine Frau über seinen Entschluß, Lucieta mit Filipeto, dem Sohne Maurizios, zu vermählen. Selbstverständlich, insistiert Lunardo, dürfen sich die beiden jungen Leute vorher nicht sehen. Als Margarita ihre Zweifel äußert, ob das nach dem Sinne des Brautpaares sei, reagiert Lunardo unwirsch. Margarita geht ab.


    Maurizio macht unter zeremoniellen Verbeugungen seine Aufwartung und dann besprechen die beiden Väter alle nötigen Einzelheiten, wobei dem Vater des Bräutigams die Mitgift ein wichtiges Thema ist. Dann trennen sich die beiden Alten in Einigkeit und Zufriedenheit.


    Zweites Bild: Die Dachterasse im Hause Simons.


    Marina, Simons Frau, hängt mit einer Magd Wäsche auf. Filipeto kommt auf die Szene und klagt seiner Tante sein Leid: Sein Vater will ihn partout zu einer Heirat zwingen, noch dazu mit einem Mädchen, das er noch nicht einmal kenne. Marina verspricht ihrem Neffen, sie wolle dafür sorgen, daß er seine Zukünftige treffen und sehen kann. Simon kommt hinzu und ist wenig erbaut, daß ein Verwandter seiner Frau in seinem Haus anzutreffen ist. Filipeto, der den alten Murrkopf nicht leiden kann, zieht sich sofort zurück. Nach seinem Weggang teilt Simon seiner Frau die Einladung Lunardos mit. Diese erklärt sofort, sie würde sich lieber ins Bett legen, als zu dem Essen mitzukommen.


    Ehe es zu einem Disput kommen kann, tritt Frau Felice in der Begleitung zweier Männer, ihres Mannes Cancian und eines Conte Riccardo, auf die Szene. Der abermalige Besuch weckt den Ingrimm Simons, und er beobachtet voller Mißtrauen vor allem diesen Conte Riccardo. Cancian bekümmert das anscheinend recht wenig, denn er gehorcht willig den Befehlen Felices. Als die mit Riccardo vorangeht, trägt er ihr unterwürfig den Muff nach, drückt sogar heimlich einen Kuß darauf. Simon findet dieses Benehmen unmöglich und geht mit verächtlichem Gesicht davon. Marina erzählt Felice von den Problemen ihres Neffen und die äußert ihr Einverständnis mit Marinas Vorhaben und ist bereit, helfend zur Seite zu stehen.

    ZWEITER AKT


    Drittes Bild: Ein Zimmer in Lunardos Haus.


    Lucieta bemerkt ein eigenartiges Prickeln durch den Gedanken, bald Braut zu sein. Zu ihr gesellt sich die Stiefmutter in einem prächtigen Abendkleid, das den Neid Lucietas erregt. Tröstend gibt ihr Margarita eine Perlenkette. Lunardo kommt und verlangt, den Schmuck abzulegen - man trägt nicht den Reichtum so zur Schau! Basta!


    Die ersten Gäste zum Abendessen treffen ein: Simon und Marina. Die Männer, die unter sich bleiben wollen, komplimentieren ihre Frauen hinaus. Simon und Lunardo beklagen, alleine geblieben, den Verfall der Sitten und wünschen sich die alten Zeiten zurück. Nun treffen Felice und Cancian ebenfalls ein; Felice wird von den Grobianen zu den Frauen geschickt und Cancian wird in die Unterhaltung über den allgemeinen Sittenverfall mit einbezogen.


    Viertes Bild: Kleiner Nebenraum in Lunardos Haus.


    Die Frauen, unter ihnen auch Lucieta, weihen Felice in ihren soeben entwickelten Plan ein: In Frauenkleidern soll Filipeto erscheinen und so seine Braut kennenlernen. In diesem Moment kommt Conte Riccardo mit dem verkleideten Filipeto in den Raum und die beiden jungen Leute finden Gefallen aneinander. Als die Männer plötzlich ebenfalls eintreten, bleibt gerade noch Zeit, Conte Riccardo und Filipeto zu verbergen. Lunardo teilt in einem feierlichen Ton seiner Tochter mit, daß sie am heutigen Abend ihre Verlobung feiern werde. Verstört stürzt Maurizio herein und gesteht, daß er ohne seinen Sohn gekommen sei, denn der sei mit einem gewissen Conte Riccardo verschwunden. Als jetzt Cancian laut auf den letzteren zu schimpfen beginnt, kommt der so Gekränkte aus seinem Versteck und zeigt auf den inzwischen wieder in Männerkleidung befindlichen Filipeto. Maurizio beginnt sofort eine Jagd auf seinen Sohn und über diesem allgemeinen Tumult fällt der Vorhang.


    DRITTER AKT


    Fünftes Bild: Lunardos Antiquitätengeschäft.


    Die Grobiane haben sich in das Geschäftslokal zurückgezogen, um die Situation zu beratschlagen und wie man die unbotmäßigen Weiber am empfindlichsten bestrafen könne. Bevor man sich jedoch einigen kann, kommt Felice, die sich vor den Hausttyrannen am wenigsten fürchtet. Mit virtuoser Zungefertigkeit hält sie den anwesenden Herren eine Standpauke, die den Grobianen völlig die Sprache verschlägt. Jetzt wagen sich auch die anderen Frauen herein und wünschen eine sofortige Entschuldigung von ihren Männern zu hören. Die jungen Leute werden einander vorgestellt - daß sie sich bereits kennen, müssen die Herren der Schöpfung ja nicht wissen!


    Während sich die ganze Gesellschaft, inzwischen recht vergnügt, zum fröhlichen Schmause begeben, bleiben Lucieta und Filipeto zurück. Die Braut erwartet von ihrem Brätigam den Verlobungskuß - der schüchterne junge Mann traut sich aber nicht. Da läuft Lucieta lachend davon, mutig geworden rennt ihr Filipeto nach und holt an der Tür das Versäumte nach - während der Vorhang langsam fällt.


    INFORMATIONEN ZUM WERK


    Im Gegensatz zu Goldonis „Donne curiose“ ist „I quattro rusteghi“ eine der brillantesten Charakterkomödien aus seiner Feder. Es geht um einige typische Situationen der venezianischen Komödie: um den Streit zwischen gewitzten Frauen und polternden, auf ihre patriarchalischen Rechte pochenden Männern sowie um das Problem eines jungen Paares, das heiraten soll, ohne daß jedoch einer den andern kennt.


    Das Libretto verfaßten 1904 Giuseppe Pizzolato und Graf Luigi Sugana in Zusammenarbeit mit dem Komponisten. Wie schon bei den „Neugierigen Frauen“ schrieb der Musikschriftsteller und -historiker Hermann Teibler (1865-1906) eine adäquate deutsche Übersetzung. Nach der deutschen Uraufführung 1906 erlebte „I quattro Rusteghi“ erst 1914 in Mailand die erste italienische Aufführung, wurde aber schon bald zur meistgespielten Oper Ermanno Wolf-Ferraris.


    Die Handlung im Venedig von 1800, das inwzischen den Glanz alter Zeiten längst verloren hatte, überzog Wolf-Ferrari mit einer alles verklärenden, durchsichtigen Musik von ausgesuchter Schönheit und lyrischer Melodik. Nie kommt sie satirisch verzerrt oder auch groteske Wirkungen suchend daher, erweist sich dagegen als virtuos und voll quirliger Gestik; sie ist wohltuend antiromantisch, vielleicht gelegentlich etwas sentimental. Die Arien sind, bei aller Knappheit, voll buffonesken Witzes im Stile eines nachgeborenen Rossini und besitzen tänzerische Rhythmik und Beweglichkeit. Zu den Kabinettstücken gehören die Auftrittsarien Lucietas und Felices, die köstlichen Finali des ersten und zweiten Aktes sowie das Terzett der drei Bässe zu Beginn des dritten Aktes.


    © Manfred Rückert für TAMINO-Opernführer 2010
    unter Hinzuziehung von
    Reclams Opernführer 1951
    Reclams Opernlexikon 2001
    Kurt Pahlen: Oper der Welt
    Lexikon der Oper des 20. Jahrhunderts

  • Die Opern von Ermanno Wolf-Ferrari sind seit langen Jahren aus den Spielplänen der Theater verschwunden; auch bei den Labels ist das Interesse wohl wenig bis überhaupt nicht vorhanden. "Die vier Grobiane", nach Carlo Goldoni, sind bei jpc in drei verschiedenen Aufnahmen vorhanden:



    mit Rossi-Leneni, Barbieri, Adani, Mariotti, Lazzari; Teatro Communale di Torino Orchestra; Direttore Gracis (Gala). In der nachstehend gelisteten Einspielung sind Tadeo, Garazioto, Martino, Pedani, Benelli zu hören und Chor und Orchester des "Teatro La Fenice"; Leitung Bogo (MoMu):



    Die folgende Einspielung hat die gleiche Besetzung wie die bereits genannte Gala-Aufnahme, wurde aber von OPD herausgegeben: