John Cage "as slow as possible" in Halberstadt

  • Manche werden vielleicht schon davon gehört haben: in Halberstadt findet die Aufführung eines Orgelwerks von John Cage statt


    der Titel des Stücks lautet


    ORGAN² / ASLSP


    ASLSP steht für as slow as possible



    Einige Cage-Spezialisten aus Trossingen haben sich wohl Gedanken darüber gemacht, was unter as slow as possible zu verstehen sei, und haben nun eine sehr zeitaufwendige Aufführung in Gang gesetzt.


    am 5.9.2001 hat das Stück mit einer Pause begonnen


    am 5.2.2003 erklang der erste Akkord ( gis' h' gis'' )


    am 5.7.2004 erklang der zweite Akkord, eine Oktave e' e''


    am 5.7.2005 wird die Terz gis' h' erklingen


    .....


    der letzte Ton des Werks wird übrigens am 5.7.2071 gespielt werden, wenn nichts dazwischenkommt



    Weitere Infos zu dieser Aufführung sind auf der Seite


    http://www.john-cage.halberstadt.de/


    nachzulesen.



    John Cage kann man keinen Vorwurf machen. Dieser hatte das Stück ursprünglich als Pflichtstück für einen Klavierwettbewerb komponiert
    und später eine Version für Orgel erstellt, die er Gerd Zacher widmete.

  • Schon eine interessante Sache, dachte eigentlich das es länger dauern würde als "nur" knapp 70 Jahre da "as slow as possible" ja mWn mit der Lebensdauer einer Orgel festgesetzt wurde und mWn Orgeln schon länger als 70 Jahre bespielbar sind, oder irre ich mich da??

  • Bin jetzt auch ziemlich irritiert, es heißt da nämlich auf der Website irgendwo


    Zitat

    Ursprünglich sollte die Halberstädter Aufführung von ORGAN²/ASLSP, die 639 Jahre dauert, am 88. Geburtstag von John Cage, am 5. September 2000 beginnen.


    Aha, jetzt hab ichs begriffen: das Werk hat neun Teile zu je 71 Jahren!


    Am 5.7.2071 beginnt der letzte Ton des 1. der neun Teile =)


    Auf jeden Fall ein Konzert, bei dem es nichts ausmacht, wenn man 10 Minuten zu spät kommt :D


    Gruß
    Heinz

  • Hallo!


    Das ganze Projekt dauert tatsächlich auch "etwas" länger: 639 Jahre! 2071 endet erst der erste Teil...


    Das Projekt wurde auf eben diesen Zeitraum festgelegt, weil 2000 (Beginn des Projektes) vor 639 Jahren die berühmte Halberstadt-Blockwerk-Orgel, die ein Meilenstein der Orgelbaugeschichte darstellt, erichtet wurde (1361).


    Alles weitere ist auf der Internetseite zu finden...


    Gruß
    Karsten


    P.S. Für alle fans der Fernseh-Show "Genial daneben": Das ASLSP-Projekt war schon Gegenstand einer dortigen Frage - Hoecker hat's gewusst ;)

  • Das dürfte ja dann das einzige Stück sein, das innerhalb des Werkes mehrfach den Interpreten wechselt.
    Vom-Blatt-Spiel müsste auch möglich sein, denn mit Üben hat man ja auch nicht wirklich Zeit.


    Naja, ich weiß nicht. Aber das ganze Projekt ist schon ziemlich verrückt... :rolleyes:

  • Zitat

    Das dürfte ja dann das einzige Stück sein, das innerhalb des Werkes mehrfach den Interpreten wechselt.



    Ich nehm kaum an, daß da Tag und Nacht jemand an der (noch zu bauenden) Orgel sitzt und zwei oder drei Tasten dauerhaft runterdrückt. Ich glaub, die Tasten werden einfach für die Zeit festgeschraubt :D

  • Zitat

    Original von petemonova
    Das dürfte ja dann das einzige Stück sein, das innerhalb des Werkes mehrfach den Interpreten wechselt.


    Und die meisten Interpreten werden sterben, bevor das Stück zu ende ist und das Publikum auch.


    Gewiss, eine banale Feststellung, aber regt zu interessanten Gedankenspielchen an.



    Und so Gott und Bill Gates wollen, werde ich morgen auch wieder meinen Beitrag zur Vollendung dieses Internetkunstwerkes leisten.

  • ... und wenn sie Pech haben, kommt irgend einmal in zwei- bis dreihundert Jahren ein links- oder rechtspopulistischer Volksvertreter an die Bürgermeistermacht und findet, dass diese Darbietung gar nichts mit der Musik des Volkes zu tun hat und dreht den Hütern des Projektes kurz und bündig die Luft ab...



    Gruss
    Christoph

  • Ich finde die ganze Veranstaltung eine ausgesprochene Schnapsidee, und würde fast wetten, daß der Wahnsinn nicht länger als 10 Jahre gehen wird.


    Davon mal abgesehen würde ich auch nicht in der Nähe eines Gebäudes wohnen wollen, wo Tag und Nacht auf Lebenszeit immer derselbe Dauerton rauskommt (okay, wenn der Ton einmal pro Jahr wechselt, mag das einen Tag lang eine Erleichterung bedeuten).


    Und warum wird extra eine Orgel gebaut, wenn diese ja nicht anderweitig verwendet werden kann, jedenfalls nicht in den nächsten sechshundertnochwas Jahren?


    Eine solche Aufführung ist mit Sicherheit nicht im Sinne von John Cage. Auch der Widmungsträger des Werks, Gerd Zacher, ein Spezialist für Avantgarde-Musik, hat sich von diesem absurden Theater distanziert.

  • Zitat

    Ich finde die ganze Veranstaltung eine ausgesprochene Schnapsidee


    D´accord


    Was ich mir gedacht habe, als ich Deinen Beitrag las, kann und will ich nicht niederschreiben - icht hatte mich entschlossen zu schweigen.


    Nun - da Du selbst das Thema Schnapsidee aufs Tapet bringst- und nur deshalb - berche ich mein Schweigen:


    Findest Du es zielführend s o l c h e n Projekten via Forum Aufmerksamkeit zu schenken ? Das ist genau das was diese
    Leute erreichen wollen.


    Totschweigen - das ist die neueste Strategie um solche Auswüchse für immer zum Verstummen zu bringen. Ignorieren - nicht drüber reden - nicht darüber schimpfen - nicht sich aufregen


    Und dafür soirgen daß solchen Unternehmungen der finanzelle Backgound entzogen wird.


    Eine Erwähnung in unserem Forum "adelt" IMO solch ein Projekt nur - und das ist sicher nicht das was ich möchte.


    Ich bitte das nicht als persönliche Kritik aufzufassen - auch nicht als offizielle Aussage des "Webmasters" - es ist meine rein private Meinung, die ich wesentlich schärfer formulieren würde, wäre ich NICHT Seitenbetreiber ;)


    Freundliche Gruße aus Wien


    Alfred

  • Zitat

    Original von Heinz


    Ich nehm kaum an, daß da Tag und Nacht jemand an der (noch zu bauenden) Orgel sitzt und zwei oder drei Tasten dauerhaft runterdrückt. Ich glaub, die Tasten werden einfach für die Zeit festgeschraubt :D


    Es ist richtig, dass es keinen "Interpreten" im herkömmlichen Sinne gibt. Die (momentan drei) Tasten der Orgel werden durch Sandsäckchen als Gewichte niedergedrückt.


    Bilder der Orgel und der Kriche kann man sich auf der genannten Internetseite anschauen. Man wird bald feststellen, dass es keine "übliche" Orgel ist, sondern eine "minimalistisches" Instrument handelt, genau auf die Erfordernisse des Musikstückes zugeschnitten (robuste Bauweise, ausgelegt auf nur die Töne/Pfeifen, die bei dem Stück vorkommen usw.). Die Orgel wäre gar nicht anders einzusetzen, als für dieses Stück.


    Was die "Lärmbelästigung" angeht: das kommt ganz darauf an, wie "laut" die Pfeifen sind, wie dick die Wände der Kirche sind (die momentan nur für dieses Projekt genutzt wird) und wie weit der nächste Anwohner wohnt. Schaut man sich die Bilder an, so mache ich mir diesbezügöich als letztes Gedanken.... Beschwerden gab's meines Wissens diesbezüglich jedenfalls noch nicht...


    Gruß
    Karsten

  • Zitat

    Findest Du es zielführend s o l c h e n Projekten via Forum Aufmerksamkeit zu schenken ? Das ist genau das was diese Leute erreichen wollen.



    Hallo Alfred,


    was "diese Leute" erreichen wollen, ist ja klar: sie wollen mit einem Mammutprojekt in die Schlagzeilen kommen. Finde ich auch erstmal nichts Ehrenrühriges daran. Um die Musik gehts dabei natürlich am Allerwenigsten. Aber warum soll man nicht über den Sinn bzw. Unsinn solcher Veranstaltungen im Forum diskutieren? Wir diskutieren ja auch über den Bolero von Ravel :D :stumm:


    Es gibt eben zu allem noch eine Steigerung :D


    Nette Grüße
    Heinz

  • Man wird sich vielleicht wunder so etwas von mir zu hören,
    aber ich finde das Projekt spannend und es ist meiner Meinung nach das großartigste Projekt von John Cage.


    (Die Zeit auf Kunstakademie trägt schon Früchte...)


    Cage gilt als einer der wichtigen bildenden Künstler unserer Zeit, auch wenn er jetzt schon die Harfe spielt (fragt sich nur wo und vor allem wie :D )


    Zwar finde ich solche Aktionen wie "heute spielen wir auf dem Klavier mit einem Vorschlaghammer" auch nicht so prickelnd, aber wenn man vieles versucht mit Humor zu sehen könnte man dem fast etwas abgewinnen.


    Es gibt ja noch sein berühmtestes Stück (Name entfallen...) Jedenfalls stolziert der Pianist auf die Bühne setzt sich an den Flügel und klappt den Deckel erstmal zu.
    Nichts passiert - er klappt den Deckel auf und dann - wieder zu...


    Das macht er eine ganze Weile - das Publikum wird unruhig und schon kommen die ersten Beschimpfungen und Pfiffe - und genau das ist es:


    Das Publikum macht durch diese Geräusche und Rufe die Komposition aus.


    Das muss man nicht verstehen (tue ich auch nicht) aber den Ansatz finde ich witzig.


    ABER niemals kann man in meinen Augen durch solche Projekte jemals auf der gleichen Stufe stehen wie ein Bach, Mozart oder Beethoven.


    Aber die Aktion mit der Orgel finde ich schon toll,
    allerdings möchte ich auch nicht in Halberstadt wohnen :D

  • Zitat

    Original von petemonova
    Ich denke, dass diese Komposition ein völlig genialer Einfall war.
    So hat John Cage dafür gesorgt, dass von ihm auch noch in 639 Jahren gesprochen wird.
    :D :D


    Ich habs weiter oben schon geschrieben: John Cage kann nichts dafür!


    Er hat das Stück für einen Klavierwettbewerb komponiert (eine sehr witzige Idee!!!) und später für Orgel umgeschrieben. Es sollte aber sicher nicht 639 Jahre dauern, sondern vielleicht 10-15 Minuten :yes:

  • Zitat

    Original von Heinz


    Ich habs weiter oben schon geschrieben: John Cage kann nichts dafür!


    Er hat das Stück für einen Klavierwettbewerb komponiert (eine sehr witzige Idee!!!) und später für Orgel umgeschrieben. Es sollte aber sicher nicht 639 Jahre dauern, sondern vielleicht 10-15 Minuten :yes:


    Ach so, na dann hat er halt mit seinem Titel dafür gesorgt, dass vielleicht irgendjemand auf so eine verrückte Idee kommt.

  • Hallo Lullist,


    Zitat

    Original von der Lullist
    Es gibt ja noch sein berühmtestes Stück (Name entfallen...) Jedenfalls stolziert der Pianist auf die Bühne setzt sich an den Flügel und klappt den Deckel erstmal zu.
    Nichts passiert - er klappt den Deckel auf und dann - wieder zu...


    Auch wenn die Beschreibung nicht ganz stimmt - du meinst 4'33'' (for any instrument and combination of instruments). Das Stück schreibt nur eines vor: Es hat drei Sätze, die allesamt die Spielanweisung "Tacet" enthalten und zusammen vier Minuten und dreiundreissig Sekunden dauern (daher der Titel).



    Das mit dem Deckelzuklappen beim Klavier geht auf den Künstler der Uraufführung, David Tudor zurück, der durch kurzes zu- und wiederaufklappen des Deckels die Sätze sichtbar trennen wollte - vorgeschrieben ist es aber nicht.


    Cages Idee dahinter wäre einen eigenen Thread wert, es geht u.a. darum, bewusst zu machen, dass immer irgendein Geräusch ist (und sei es vom Publikum, das unfreiwillig "Teil" der Komposition wird), und darum, wie selten absolute Stille ist.


    Beste Grüsse,


    C.

    Die wirkliche Basis eines schöpferischen Werks ist Experimentieren - kühnes Experimentieren! (Edgar Varèse)

  • Hallo Lullist,


    kein Problem, wir sind sicher damit auf Dauer mit Cage nicht "fertig" ;) Oder?


    Liebe Grüsse,


    C.

    Die wirkliche Basis eines schöpferischen Werks ist Experimentieren - kühnes Experimentieren! (Edgar Varèse)

  • Zitat

    Original von C.Huth


    Auch wenn die Beschreibung nicht ganz stimmt - du meinst 4'33'' (for any instrument and combination of instruments).


    Gibt es das Stück auf CD?

  • Hallo!


    Bei Organum erscheint demnächst eine neue CD mit ASLSP. Das Stück wird auf 75 Minuten - die ganze CD - "ausgewalzt".



    John Cage: Organ 2 /ASLSP (composed 1987)
    Christoph Bossert & Hans-Ola Ericsson an der Zacharias Hildebrandt-Orgel
    (1746) in der Stadtkirche St.Wenzel, Naumburg/Saale (Deutschland)
    Katalognummer: Ogm 250085


    Weitere Infos hier:
    http://www.organum-classics.de/ORGAN2/index.html


    Bossert war übrigens einer der Initiatoren des Halberstadt-Projekts...


    Gruß
    Karsten

  • hallo karsten,
    diese cd mit bossert und ericsson (der auch einer der initiatoren für halberstadt war) ist die gestauchte variante ihrer aufführung "musik als grenzerfahrung" im winter des letzen jahres im konzertsaal der mhs trossingen. es war ziemlich interessant; die zuhörer hatten isomatten und schlafsäcke mitgebracht und sich auf der bühne häuslich eingerichtet. allerdings war es dann nach drei stunden irgendwann zuviel; ca. 60% der zuhörer dürften irgendwann eingeschlafen sein.
    bei der um 2 1/2 stunden geschrumpften version in naumburg gab es wohl ungewöhnliche ereignisse; draußen tobte ein heftiger sturm mit gewitter, der wohl so stark war, dass er ein fenster der wenzelskirche aufgerissen hat. somit hört man auf der cd den donner und martinshörner etc...
    zum projekt: ich finde diese idee ganz wunderbar. denn eigentlich dürften die töne nie erklingen, da das stück mit einer pause anfängt. wenn es dann "so langsam wie möglich" ist, ist ja auch wieder klar, dass diese pause unendlich lange ist...
    viele grüße

  • Wenn das Werk ursprünglich für Klavier war, ist die Langsamkeit ohnehin durch den Ausschwingvorgang der Saiten limitiert, "so langsam wie möglich" macht also Sinn, kann wohl sogar wörtlich genommen werden.


    Ob Cage dieser Aufführung der Orgelversion etwas abgewinnen würde können, kann ich nicht beurteilen, irgendwie erstarrt da etwas in einer Art zeremonieller Huldigungsgeste (wir heben jetzt die Gewichte von den Tasten und wirken so an "der längsten Aufführung aller Zeiten" mit) - ich weiß nicht so recht, ob mir das sympathisch ist.

  • Beim längsten Musikstück der Welt stand am letzten Samstag ein Klangwechsel an. In dem Orgelstück des Komponisten John Cage werden den zwei aktuellen Basstönen drei weitere Töne hinzugefügt. Der Akkord wird sieben Jahre als Dauerklang zu hören sein, bevor 2020 der nächste Klangwechsel erfolgt. Das Cage-Stück wird seit 2001 in einem romanischen Kirchbau in Halberstadt in Sachsen-Anhalt aufgeführt. Cage hatte als Tempobezeichnung "So langsam wie möglich" angegeben. Die Aufführung in Halberstadt ist auf insgesamt 639 Jahre angelegt. Allein im vergangenen Jahr kamen rund 10.000 Besucher, um die Orgeltöne zu hören. (WDR)