Yvonne Lefébure

  • Hallo liebe TaminoanerInnen


    Bis anhin konnten wir nur wenig über die 1898 in Ermont bei Paris geborene französische Pianisten Yvonne Lefébure in diesem Forum lesen.



    Wie schon Bruno Leonardo Gelber konnte Lefébure schon früh bei Marguerite Long Unterricht nehmen. Danach absolvierte sie die Fortgeschrittenen-Klasse bei Cortot. Mit vierzehn gab sie ihr erstes Rezital mit Concerto en sol mineur von Saint-Saëns. Nach dem Zweiten Weltkrieg muss sie sich um einen Neustart bemühen und tritt in London mit Britten auf. Schliesslich heiratet sie 1947 den Dirigenten Fred Goldbeck, mit dem sie schon seit ihrer Jugend eng verbunden ist. 1950 tritt sie beim Bach-Festival bei Pablo Casals auf und spielt mehrfach mit Sandor Végh die Violinsonaten von Ludwig van Beethoven. Lefébure arbeitet unter Dirigenten wie Adrian Boult, und Wilhelm Furtwängler. Ab 1952 unterrichtet sie als eine der erfolgreichsten französischen Pädagoginnen am Conservatoire bis 1967 und bleibt auch in den folgenden Jahren pädagogisch aktiv. Zu ihren Schülern zählten unter anderem:


    • Samson François,
    • Dinu Lipatti,
    • Imogen Cooper
    • Pierre Reach
    • Sébastien Risler
    • Peter Ronnefeld
    • Catherine Collard
    • Michaël Levinas
    • Françoise Thinat


    Durch ihr grosses Engagement am Pariser Conservatoire blieb ihre Diskografie relativ schmal. Ihre ersten Platten spielte sie offenbar relativ spät ein. Yvonne Lefébure starb 1986 zurückgezogen in Paris.


    Yvonne Lefébure Stärken lagen nicht beim Virtuosentum sondern lagen in ihrer inneren Dynamik. Sie formt die Architektur der Werke mit schlanker klanglicher Basis und schlichter Geradlinigkeit und grosser Konsequenz. Eine Auffälligkeit ihrer Interpretationen ist der Verzicht auf das Ausspielen von Wiederholungen in Sonaten, wohl eine Suche nach Klarheit und Einheit. Sie kann zur „Neuen Sachlichkeit“ gezählt werden.
    Gabriel Fauré meinte über die junge Yvonne Lefébure „sie sei wie für Beethoven geschaffen“. Beethoven gehörte denn auch zu ihrem Kernrepertoire, insbesondere die späten Sonaten, die sie ausgesprochen geschlossen vortrug und oft erheblich vom Notentext abwich und die Diabelli-Variationen. Ein weiterer Schwerpunkt bildete die Musik von Johann Sebastian Bach, den sie mit grosser Stringenz vorträgt. Ihr Repertoire umfasste weiter Frédéric Chopin, Liszt, Busoni und Robert Schuman. Über Schumanns Klavierkonzert sagte Lefébure: „Ich mag das Klavierkonzert von Schumann nicht, ich liebe es. Wenn du das Konzert spielst, bist du immer 20 Jahre alt.“. Aber auch Werke des 20. Jahrhunderts von Fauré, Jean Rivier, Dukas, Claude Debussy oder Henri Barraud hatte sie vorgetragen. Von Ravel spielte sie wiederholt das G-Dur-Klavierkonzert.
    Eine gelegentliche Eigenart ihres Vortrags ist das Mitsingen, wie wir es von Keith Jarrett, Glenn Gould und Rudolf Serkin kennen.


    Eine schöne Aufnahme des Klavierkonzerts von Maurice Ravel ist 1970 bei Solstice erschienen. Ebenfalls ist das Klavierkonzert von Robert Schumann op. 54 enthalten. Am Pult steht Paul Paray.



    Grüsse


    romeo&julia

  • Lefébure arbeitet unter Dirigenten wie Adrian Boult, und Wilhelm Furtwängler.


    Und mit welch tollem Ergebnis! Die Zusammenarbeit mit Furtwängler ist in verschiedenen CD-Editionen des Mozart-Klavierkonzerts Nr. 20 d-moll KV 466 mit Yvonne Lefébure und den Berliner Philharmonikern, live mitgeschnitten am 15. Mai 1954 im Apollo-Theater in Lugano, greifbar. Der Mitschnitt ist orchestral spannend und pianistisch allein schon durch die Verwendung der Kadenzen von Fred Goldbeck mal was ganz anderes.
    Stört Euch das Mitsingen - um nicht zu sagen: Mitgegrunze - von Frau Lefébure eigentlich? Ich muss sagen, dass es mich gelegentlich schon von ihrem wunderbaren Mozart-Spiel ablenkt.
    Herzliche Grüße an Euch, romeo&julia!
    Euer Swjatoslaw


  • Stört Euch das Mitsingen - um nicht zu sagen: Mitgegrunze - von Frau Lefébure eigentlich? Ich muss sagen, dass es mich gelegentlich schon von ihrem wunderbaren Mozart-Spiel ablenkt.


    Nicht wirklich - ich bin das ja von Hélène Grimaud gewohnt... ;)


    Zu der erwähnten Furtwängler-Aufnahme kann ich nur bestätigen, dass hier eine vortreffliche Interpretation entstand, eine der größten Aufnehmen des Mozartschen d-moll Konzerts überhaupt.


    Es gibt den Mitschnitt übrigens sehr günstig in dieser Box, die eine Vielzahl weiterer vortrefflicher Liveaufnahmen von Schweizer Festspielen enthält - alle in für die Zeit herausragender Tonqualität. Weitere Glanzstücke sind Schumanns 2. Symphonie mit Szell, Dvoraks 9. unter Ancerl oder Beethovens 5. unter Scherchen bzw. die 7. unter Beecham.



    P.S. ad Swjatoslaw
    Die im selben Konzert entstandene Beethoven-Pastorale ist meines Erachtens auch herausragend, wäre durchaus einer kleinen Diskussion im entsprechenden Thread würdig!

  • Hallo liebe TaminoanerInnen


    Novecento, danke für den Hinweis zu dem 10 CD-Set.



    eine interessante Einspielung mit Sonaten von Beethoven, mit den Nr. 29 & 32


    als Bewunderer von Heinz Holliger möchten wir es nicht unerwähnt belassen. Ab 1958 war Heinz Holliger Klavierschüler bei Yvonne Lefébure.


    Gruss


    romeo&julia

  • ad Swjatoslaw
    Die im selben Konzert entstandene Beethoven-Pastorale ist meines Erachtens auch herausragend, wäre durchaus einer kleinen Diskussion im entsprechenden Thread würdig!


    Die Live-Aufnahme der "Pastorale" vom 15. Mai 1954 aus dem Apollo-Theater in Lugano (gespielt offenbar im Anschluss an das Mozart-Klavierkonzert mit Yvonne Lefébure) ist relativ schwer zu kriegen. Gängiger ist der 8 Tage später im Berliner Titania-Palast gemachte RIAS-Mitschnitt vom 23. Mai 1954. Ich habe nur letzteren, nicht ersteren: von den 7 erhältlichen Furtwängler-Aufnahmen der "Pastorale" habe ich 5 (es fehlt bei mir die Studio-Aufnahme vom Dezember 1943 sowie eben dieser Live-Mitschnitt aus Lugano). Habe ich Dich richtig verstanden, lieber novecento, dass in der von Dir verlinkten 10 CD-Box der Furtwängler-Mitschnitt der "Pastorale" aus Lugano enthalten ist? Dann wäre das ja schon allein den Kauf der ganzen Box wert!


    als Bewunderer von Heinz Holliger möchten wir es nicht unerwähnt belassen. Ab 1958 war Heinz Holliger Klavierschüler bei Yvonne Lefébure.

    Holliger kann auch Klavier spielen? Toll, welch Bandbreite dieser Mann abdeckt: Oboist, Komponist, Dirigent und dann auch noch Pianist? In einem Konzert mit Holliger und dem Sinfonieorchester des NDR unter dem Dirigat von Klaus Tennstedt habe ich erstmals das Oboenkonzert von Richard Strauss gehört. Es ist seither - nach dem Klarinettenkonzert von Mozart - mein Lieblingskonzert für Blasinstrument und Orchester.
    Herzliche Grüße
    Swjatoslaw

  • Ciao Swjatoslaw


    Heinz Holliger wohnt in Basel. Daher haben wir öfters die Gelegenheit Aufführungen mit Heinz Holliger besuchen zu können. Eine ausgesprochen charismatische Persönlichkeit. In den letzten Jahren arbeitet er wiederholt mit dem deutschen Komponisten Jörg Widmann zusammen, der ja ebenfalls ein ausgezeichneter Klarinettist ist. Diese Zusammenarbeit finden wir besonders spannend, da der Schwerpunkt der zeitgenössischen Musik gilt.


    nun gut, eigentlich sind wir hier bei Yvonne Lefébure.


    Gruss


    romeo&julia


  • Habe ich Dich richtig verstanden, lieber novecento, dass in der von Dir verlinkten 10 CD-Box der Furtwängler-Mitschnitt der "Pastorale" aus Lugano enthalten ist? Dann wäre das ja schon allein den Kauf der ganzen Box wert!


    Nun, leider kann ich das nicht besten Wissens und Gewissens so bestätigen. Es handelt sich eben um eine dieser Billig-Boxen, wo ausreichende Recherche in Sachen veröffentlichtes Material nicht unbedingt selbstverständlich ist. Auf der Hülle der betreffenden Aufnahme heißt es lapidar 'recording place and date unknown'. Allerdings findet sich - neben der Angabe der Pianistin sowie der Berliner Philharmoniker und Furtwänglers der Hinweis 'Recorded by Radiotelevisione della Svizzera Italiana / Rete 2' , was wiederum sehr darauf hindeutet, dass es sich um genau jenen Mitschnitt handelt, zumal alle anderen Aufnahmen bis auf Bruckner unter Delman, die ohnehin etwas deplaziert ist, aus eben dieser Quelle stammen.
    Es sind also jeweils Radiomitschnitte von Schweizer Festivals (Lugano & Ascona), allesamt in für die Zeit sehr guter Tonqualität.


    Die Box ist in jedem Fall eine sehr gute Empfehlung, auch die anderen Aufnahmen offenbaren interpretatorische Sternstunden, etwa Schumanns II. unter Szell, die noch um einiges besser ist als die berühmte RCA-Aufnahme.


    Nun, ich verliere mich in Dingen abseits des Themas, zurück zu Yvonne Lefébure, zu der ich leider ansonsten nicht so viel beitragen kann.


  • Nun, leider kann ich das nicht besten Wissens und Gewissens so bestätigen. Es handelt sich eben um eine dieser Billig-Boxen, wo ausreichende Recherche in Sachen veröffentlichtes Material nicht unbedingt selbstverständlich ist. Auf der Hülle der betreffenden Aufnahme heißt es lapidar 'recording place and date unknown'. Allerdings findet sich - neben der Angabe der Pianistin sowie der Berliner Philharmoniker und Furtwänglers der Hinweis 'Recorded by Radiotelevisione della Svizzera Italiana / Rete 2' , was wiederum sehr darauf hindeutet, dass es sich um genau jenen Mitschnitt handelt.


    Die 10 CD-Box, die ich für schlappe 2,99 € erworben habe, ist heute in meinem Briefkasten angekommen. Ich habe das mit "recording place and date unknown" auch gerade gelesen, aber wenn es Aufnahmen aus Lugano sind, muss es dieser seltene Furtwängler-Mitschnitt sein. Vielen Dank für diesen wertvollen CD-Tipp, lieber novecento!


    Auf der Scherchen-CD ist übrigens noch nicht einmal angegeben, wer der Pianist in Beethovens Klavierkonzert Nr. 5 ist. Weiß jemand Näheres?


    Herzliche Grüße an Euch
    Swjatoslaw

  • Auf der Scherchen-CD ist übrigens noch nicht einmal angegeben, wer der Pianist in Beethovens Klavierkonzert Nr. 5 ist. Weiß jemand Näheres?


    Vermutlich nicht. Ist nämlich die 5. SYMPHONIE. :D


    Freut mich, dass die Box, auf die ich schon desöfteren verwiesen habe, nun Anklang fand. Ich kann nur dasselbe Hörvergnügen wünschen, welches sie mir bescherte. Normalerweise bin ich bei solchen Angeboten immer skeptisch, aber das war wirklich eine positive Überraschung.



    EIN MUSS FÜR ALLE FANS VON YVONNE LEFÉBURE :pfeif:

  • Eine sehr interessantes Portrait, leider derzeit nur sehr teuer zu beziehen:



    Kennt jemand diese Aufnahmen?
    Insbesondere die Diabelli-Varitaionen würden mich, den Notentextabweichungen, so sie denn Gutes erwirken, nicht stören, sehr interessieren.