Gregorianische Choräle - habt Ihr schon praktische Erfahrungen damit gemacht?

  • Mit diesem Thema, liebe Forianer, wende ich mich an alle (Hobby)-chorsänger unter Euch, mit der Bitte, doch zu berichten, ob Ihr Gregorianische Choräle (in einer Schola) singt und wie es Euch damit geht.


    Auf die Idee zu diesem Thema kam ich, nachdem ich gestern Abend von einer viertägigen Fortbildung für Choralscholaren zurückkam, die ich mit den Mitscholaren unserer Chorschola im "Haus der Gregorianik" in München verbracht hatte. Die Leitung dieser Fortbildung hatte der Leiter dieses Hauses, ein Benediktinerpater, der auch Dozent an der Staatlichen Hochschule für Musik und Theater in München ist.


    Diese Fortbildung hat mich so begeistert, und wir haben so viele Intentionen bekommen, vor allem Interpretationstipps, immer in Verbindung mit der praktischen Anwendung, d.h., wir haben sehr viel gesungen, aber wir haben auch einen sehr fundierten Einblick in die Geschichte der Gregorianik mit ihren verschiedenen Codices bekommen.
    Auch für diejenigen unter euch, die keine aktiven Choralscholaren sind, die sich aber für Gregorianische Choräle interessieren, möchte ich mit dem nun folgenden Zitat aus dem Jahresprogramm des Hauses für Gregorianik einen kurzen Abriss geben, was der Gregorianische Choral ist und worum es bei ihm geht:


    Zitat

    Der Gregorianische Choral ist eine der ältesten uns überlieferten Formen gesungener Meditation. Anfänge, Wandel und Blütezeit liegen im Zeitraum von 600 bis 1200 n.Chr. Er kann als unzertrennbare Einheit von Liturgie, Sprache und Musik verstanden werden, die sich am Wort der Hl. Schrift orientiert, als Klangrede, die sich ganz auf das heilige Wort einlässt und so zur ganzheitlichen Heil(ig)ung beizutragen vermag. Er ist gesungenes Gebet unter künstlerischem Horizont. Zu seinen besonderen Eigenart gehören sein von den subtilen Wortbewegungen ausgehender frei fließender Rhythmus, seine einstimmige Anlage und seine spezifische Modalität.


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Anfang der Achtziger Jahre hat unser Kantor hier in Mülheim-Saarn aus den Männern des Kirchenchores eine Choralschola gebildet, 2 Tenöre (u.a. ich), 2 Baritone, 2 Bässe. Ich muss dazu bemerken, dass diese Choralschola rein evangelisch war und wir natürlich alle erst sehr skeptisch waren. Nach einigen Monaten Probe waren wir selbst restlos begeistert, obwohl es harte Arbeit war. Denn nichts ist so schwer wie einstimmiges Singen, bei dem man die einzelne Stimme nicht mehr heraushört. Aber dann ergab sich doch, was ich die Schönheit des Subtilen nennen würde. Danach haben wir dann angefangen, mit dieser Schola die ersten dreistimmigen Stücke der "ars nova" zu singen (Dufay, Machaut und anonyme Stücke). Mit dieser Schola haben wir dann auch begonnen, den Spätgottesdienst am Heiligabend neu zu gestalten, was im Laufe der Zeit in der Gemeinde eine große Resonanz fand.
    In meinem jetzigen Vokalensemble, das der Domkantor von Xanten, Wolfgang Schwering leitet und das eher katholisch geprägt ist, kommen gregorianische Stücke auch vor, allerdings eher als Antiphon zu normalen Stücken. Oder aber, was wir gerade singen, ein Magnificat im 8. Ton von Ludovico Viadana (16.Jh.), in dem sich gregorianische und auskomponierte mehrstimme Verse abwechseln.
    Deine Begeisterung, lieber William, kann ich verstehen, obwohl es für mich als einen in der Wolle gefärbten evangelischen Theologen erst eine andere Welt war. Aber ich habe gelernt, dass es zwei Arten von Katholizismen gibt, die Amtskirche und die spirituelle, zu der der gregorianische Gesang zweifellos gehört.

    Ihr absolviert diese Stelle wie ein Intercity auf einer schwer zu nehmenden Weiche (mein verstorbener Chordirigent Johannes Glauber aus Essen)