Sergei Prokofiew: Sinfonie Nr 1 "Die Klassische"

  • Hallo liebe Forianer,


    Prokofiews erste Sinfonie, "Die Klassische" wurde vom Komponisten selbst so betitelt und das m.E zu Recht.
    Sie ist dem Wesen nach Joseph Haydn verpflichtet, zumindestens behauptete das der Komponist, jedoch kan man, so man will, auch etliches andere heraushören. Das Klassische (manchmal sogar frühklassische) Vorbild ist auf jeden Fall gut erkennbar.
    Die Grundlinie der Sinfonie ist temperamentvoll, heiter und das Werk ist nach "Peter und der Wolf" Prokofiews beliebtestes.
    (Zyniker mögen sagen, weil es so kurz ist :yes: )


    Die Uraufführung fand am 21. April 1918 in Petrograd statt.


    Wenngleich man mich nicht unbedingt zu den glühenden Verehreren Prokofiews zählen darf, ist dieses Werk unbestritten ein "Muß".


    Meine Aufnahme ist jene mit den New Yorker Philharmonikern unter Leonard Bernstein.



    Freundliche Grüße aus Wien
    Alfred

  • Von Prokofjiew besitze ich die Gesamtaufnahme der Symphonien
    unter Ozawa mit dem BPO.



    Mit der Interpretation bin ich zufrieden.
    Allerdings finde ich die 2. wesentlich interessanter.
    Dort findet man eine Expressivität , die wirklich atemberaubend ist.
    Dort glaube ich, ist eher der Stil von Prokofiew zu spüren.

    Gruß
    Rüdiger


    ________________________
    Lärm ist ... nur eines der Übel unserer Zeit, wenn auch vielleicht das auffälligste. Die anderen sind Grammophon, Radio und neuerdings die verheerende Television.


    C.G. Jung

  • Prokofiews Sinfonie Nr. 1, die sogenannte "Klassische" halte ich eher für eine Vorstudie zum eigentlichen Werk, das dann insgesamt vielschichtiger und auch interessanter ist. Die Beliebtheit der Komposition auch bei einem Publikum, das mit Klassik sonst eher nichts am Hut hat, macht mich misstrauisch, denn ich halte den Massengeschmack nicht für einen Gradmesser, den souveränen Umgang mit Klassik zu lernen, was ja wohl jeder muss, der vom Elternhaus diesbezüglich nicht "vorbelastet" ist. Möglicherweise ist aber das Werk geeignet (zusammen etwa mit "Peter und der Wolf"), Kindern als Einstieg in eine Klangwelt ausserhalb von Rock und Pop zu dienen. Prokowjefs "Klassische" ist ein artiger Kratzfuß vor Meister Haydn: mehr nicht!



    Die Aufnahme unter Rostropowitsch bemüht sich, das alles nicht ZU harmlos klingen zu lassen: deshalb meine Empfehlung.

    Das geht über das Sagbare hinaus. Das läßt sich nicht deuten und bedarf keiner Deutung. Es kann nur gehört werden. Es ist Musik. (H.H.Jahnn)

  • @ BBB
    Um die Erste Prokofjews einzuordnen, würde ich den Begriff Neoklassizismus verwenden. Dementsprechend war es keine Studie in dem Sinne, sondern seine Beteiligung am neuen Stil - neben Strawinsky, Hindemith, Martinu etc.



    @ Alfred
    Prokofjew arbeitete mit Haydn ausschliesslich als Quelle für seine Inspiration.


    Gruß

  • Hallo,


    Peet schrieb ganz richtig, die erste war kein Studienobjekt.
    Prokofiew schrieb bereits zwei Werke dieser Gattung, die jedoch tatsächlich Studenobjekte waren und nicht gezählt werden.


    Ich habe sie hier als Thema gewählt (wie schon seinerseits der Kauf von meiner Seite) um eine Brücke zu schlagen:


    Einerseits werden die "echten" Prokofiew-Liebhaber sich in irgendeiner Form am Thema beteiligen, andererseit "vergrämt" sie das "konservative" Publikum nicht wirklich.


    Hier stehe ich auch im Gegensatz zu BBBs Auffassung, der da mein, dei erste wäre ein Produkt für den "Massengeschmack"
    Keine klassisches Werk, so unverfälscht wiedergegeben, ist Musik für den "Massengeschmack", das ist zumindest mein Credo.
    Wenn aber damit der "Mainstream-Geschmack" der klassischen Musik gemeins sein sollte, so bin ich voll mit ihm.
    Ohne schwülstig, dick und substanzlos zu wirken, wie manches Werk der Neuromantik, hat dieses Werk durchaus Eigencharakter, weit über eine Haydn Paraphrase hinausgehend, und vermag durchaus zu gefallen. Wer hier den späteren Prokofiew sucht, wird ihn jedoch nicht finden.
    Ob das der einzelne als Manko oder als Vorteil sieht, daran werden sich die Geister scheiden.


    Gruß
    aus Wien
    Alfred

  • Zitat

    peet schrieb:Um die Erste Prokofjews einzuordnen, würde ich den Begriff Neoklassizismus verwenden. Dementsprechend war es keine Studie in dem Sinne, sondern seine Beteiligung am neuen Stil - neben Strawinsky, Hindemith, Martinu etc.


    Genau, peet, dem Neoklassiszismus muss sie zugeordnet werden; ich hab dem in meiner Ausführung keinesfalls widersprochen :D


    Der Unterschied zu Strawinsky, Martinu, Hindemith, Poulenc usw. ist jedoch der, daß keines deren Werke jenen Grad der Popularität erreicht hat wie eben jene Sinfonie! Popularität aber ist ein Begriff, der für mich negativ besetzt ist. Kunst und auch Musik, die man sich hörend erarbeiten muss, um sie wirklich geniessen zu können, kann niemals populär sein.


    Von Carl Orff ist überliefert, daß er sich wünschte, die unkaputtbaren "Carmina Burana" niemals geschrieben zu haben, weil jene die Sicht des Publikums auf seine anderen Werke verstellt hätten. Ich halte das nicht für bloße Koketterie: es hat sicher einen wahren Kern!

    Das geht über das Sagbare hinaus. Das läßt sich nicht deuten und bedarf keiner Deutung. Es kann nur gehört werden. Es ist Musik. (H.H.Jahnn)

  • Hallo BBB,


    ...und hier offenbaren sich die "Klüfte" die zwischen unseren musikalischen Weltbildern stehen :D


    Natürlich ist da was wahre dran, was Du gesagt hast, aber ich definiere den Begriff populär schon mal anders als Du .


    Klassische Musik, in meinen Augen zumindest, ist immer elitär, mag das manchen passen oder nicht. Innerhalb dieser elitären Gemeinschaft der Klassikliebhaber gibt es eine gewisse Hauptrichtung, den Mainstream in der Klassik gewissermaßen. Aber das hat IMO mit Popularität nichts zu tun. Klassik ist in eigentlichen Sinn der Wortes nie populär, Passagen einzelner Werke vielleicht, mehr nicht.


    Nächster Punkt: Haydns, Mozarts, Schuberts Musik erschließt sich im allgemeinen auch dem "Nicht-Kenner", da braucht es keine "Arbeit".


    Ich sah und sehe in meiner Beschäftigung mit klassischer Musik ein "Vergnügen", und ich behaupte, so wurde Musik auch all die Jahrhunderte so gesehen (Siehe meinen Thread "Ziel und Aufgaben der Musik durch die Jahrhunderte). Erst das schreckliche 20. Jahrhundert wollte aus jedem Musik- Kunst- und Literaturfreund einen "Leidenden" machen, der, wenn er erst durchs Fegefeuer gegangen ist, die "höheren Weihen" empfangen hat. Etwas ähnliches versprechen die Religionen, und deshalb weiche ich ihnen aus. :yes:


    Musik, so behaupte ich, wurde seit der späten Renaissance und bis ins späte 19. Jahrhundert, hauptsächlich zur Verherrlichung des Widmungsträgers, der Erbauung des Publikums geschreiben.
    Als Musik jedoch als Ausdrucksforn des Künstlers gesehen und exekutiert wurde, fielen viele Interessenten ab.


    Muß man sich Vivaldi erarbeiten? Johann Christian Bach? Wohl kaum.
    Um den Bogen zu Prokofiew zu suchen und zu finden: Wer hört schon seine weiteren Werke? Um das herauszufinden werden wir in nächster Zeit diverse Threads starten.


    Grüße aus Wien
    Alfred

  • Zitat

    Alfred schrieb:Nächster Punkt: Haydns, Mozarts, Schuberts Musik erschließt sich im allgemeinen auch dem "Nicht-Kenner", da braucht es keine "Arbeit"


    Was das "Sicherschliessen" von Musik angeht: esrchliessen sich Mozarts Streichquintette oder die Große Messe in c-moll wirklich ohne Vorkenntnisse? Würdest du jemanden Schuberts "Leiermann" als Einstieg in die Klassik empfehlen? Wer als erstes von Beethoven die "Große Fuge" hört, wird eventuell Abstand davon nehmen, weitere Werke dieses Meisters kennenlernen zu wollen und wer Bach über das "Ave Maria" Bach/Gounod kennenlernt, wird wohl eher ein Anhänger des Herrn Rieu als Mitglied dieses Forums :rolleyes:


    Ausserdem vermisse ich bei deiner Aufzählung Bach und Beethoven, ob das Zufall ist ? ;)
    Musik, die aus Spieldosen ertönt oder als Werbezutat sich in die Gehörgänge bohrt, hat keinen Anspruch mehr darauf, elitär zu sein; sie wurde quasi "Opfer" des Zeitgeistes. Von Vivaldis "4 Jahreszeiten" war ich seinerzeit wenig angetan, aber sein großes "Gloria" hat mich schier aus dem Hocker gerissen. Musik wurde vom Mittelalter bis zu Bach, ja sogar bis zu Mozart als "Dienst zur höheren Ehre" Gottes verstanden und ich als Sprössling von Kirchenmusikern (wie man sicher unschwer merkt) sehe das auch heute noch so. Ich bin durchaus kein Feind echter "Fülle des Wohllauts", nur versuche ich, meinen Schönheitsbegriff so weit denn möglich zu fassen, eben weil nun mal im "Hause des Herren" viele Wohnungen sind.


    Liebe Grüsse aus dem frühherbstlichen Berlin

    Das geht über das Sagbare hinaus. Das läßt sich nicht deuten und bedarf keiner Deutung. Es kann nur gehört werden. Es ist Musik. (H.H.Jahnn)

  • Salut,


    die "Symphony classique" ist ein sehr hübsches Werk, das ich gerne mag wegen seiner Leichtgkeit. Nichtsdestotrotz empfinde ich nicht das geringste an "Klassik" in diesem Werk, außer der allgemeinen sachlichen Struktur (z.B. A-B-A-Form; die findet man in heutigen Songs ebenfalls und nennt sie deswegen nicht "klassisch") und den mehr oder weniger umgangenen "Dissonanzen". Man stelle sich diesbezüglich vor, das Werk würde einen Joseph Haydn oder Mozart vorgespielt... nun, was würden sie davon halten? Von Benjamin Britten gibt es ein nahezu ählich nettes Werk, dessen Name ich nun leider nicht weiß - ich würde beide Werke nicht als "klassisch" sondern eher als "klasse!" bezeichnen.


    Viele Grüße,
    Ulli

  • Hallo Prokofieff-Freude,


    es scheint für den Namen Prokofieff keine einheitliche Schreibweise zu geben. Wenn man bei Ebay oder bei Schallplattenfirmen nach Prokofieff sucht, muß man immer Prokofieff, Prokofiew oder Prokofiev eingeben, um alle Angaben zu erhalten !


    Ja, die Sinfonie Nr1 "Klassique" ist wie Ulli schreibt ein Klasse Stück Musik, das die schlechte Laune beim Hören austreiben kann.
    Schon daher kann ich mir gar nicht vorstellen, das es von diesem Stück wirklich schlechte Aufnahmen geben soll. Denn wer dieses Werk spielt wird auch die Sielfreude mitbringen.



    Die Sinfonie Nr.1 habe ich in mehreren Aufnahmen (wäre eigendlich nicht nötig, aber hat sich so ergeben) bei meinen Gesamteinspielungen und in Einzelaufnahmen, dabei ist keine schlechte dabei.


    1.) Eine spritzige Interpretation, die mir am besten gefällt (Alfred wird es verstehen) ist wiedermal die
    Decca-Aufnahme mit Solti / Chicago SO (gekoppelt mit einer großen von Solti zusammengestellten Romeo und Julia - Suite).


    2.) Neville Marriner / Academy of St.Martin idF auf Decca (Eloquence) mit der schönen Bizet: Sinfonie Nr.1 gekpoppelt.


    3.) Walter Weller / London SO in der beachtenswerten DECCA-Gesamteinspielung.


    4.) Karajan / Berliner PH auf DG ist für mich auch eine CD (gekoppelt mit Nr.5), die ich nicht missen möchte; ich finde perfekt !


    5.) Dimiri Kitaenko / Moskauer Pilharmonie auf Eurodisc
    habe ich als Gebraucht CD´s von den Sinfonien Nr.1 - 5 von der russ.Botschaft in Bonn vor mehr als 10 Jahren erstanden - tolle Aufnahmen.


    Diese Melodia-Eurodisc-CD MADE in Russland mit Dimiti Kitaenko/MuskauerPH (Aufnahmen aus den 80er-Jahren-DDD), sind hierzulande derzeit nicht im Eurodisc-Programm zu haben.
    Auch meine anderen Aufnahmen sind derzeit nicht bei jpc gelistet !?!
    Kitaenko ist äußerst kraftvoll (vergleichbar mit Roshdestwensky´s Schostakowitsch) mit röntgenhafter Durchhörbarkeit der sinf.Strukturen.
    Die zweite Sinfonie ist mit Kitaenko derart explosiv und hart, jedenfalls Eindrucksvoll und fern von jenem Säuseln, das Dutoid (den ich sonst schätze) bei den Prokofieff-Sinfonien an den Tag legt; aber das soll ja Inhalt eines weiteren Threads werden. Die restlichen Sinfonien sind mit Kitaenko äußerst hörenswert, nur die Sinfonie Nr.1 ist im Vergleich zu meinen 4 anderen Aufnahmen etwas hölzern, aber nicht schlecht.

  • Hallo allerseits,


    gerade bin ich einem Gast in diesen Thread gefolgt; also sei er hiermit vielleicht wiederbelebt… (der Thread, nicht der Gast).


    Ich höre die Sinfonie sehr gern; IMO ein schönes, übersprudelndes Werk, voll heiterer Ironie.
    In einer Biographie las ich, dass Prokofiev seine Sinfonie als Experiment verstand. Er sagte dazu: „Wenn Haydn heute noch lebte, dachte ich, würde er seine Art zu schreiben beibehalten und dabei einiges Neues übernehmen. Solch eine Sinfonie wollte ich schreiben – eine Sinfonie im klassischen Stil.“


    Hinweisen möchte ich auf eine DVD mit den Wienern unter Gergiev, die ich bereits im Gergiev-Thread kurz vorstellte. Sie ist nicht nur ein Genuss für die Ohren, sondern auch für die Augen (für meine zumindest):



    Gruß, Cosima

  • Hallo Prokofieff-Freunde,


    zu meinen im März 2005 genannten fünf Aufnahmen der Sinfonie Klassique ist in den letzten Monaten noch eine CD (aus EBAY 1,-€) dazugekommen, die für mich jetzt eine der besten, wenn nicht die Beste, ist:


    Es ist die CBS-Aufnahme auf einer SONY-Essential-CD mit
    Bernstein / NewYorker PH ---
    Sprizig wie Solti, präzise wie Marriner, sinfonisch wie Karajan.
    Die CD ist relativ kurz und nur mit der Bizet: Sinfonie Nr.1 C-Dur gekoppelt, die ich bereits in anderer Kopplung hatte und ebenfalls meine beste Einspielung der Bizet-Sinfonie ist.


    @Hallo Alfred,
    Du hast die Bernstein-Aufnahme auch. Das war der ausschlaggebende Grund die CD zu ordern. Ist deine CD-Version auch mit Bizet gekoppelt ?

  • Hallo,


    die erste Sinfonie höre ich gerade vom "Orchestre National De France" unter Rostropovitch aus der Box mit sämtlichen Sinfonien Prokofjevs. Diese Einspielungen gefallen mir insgesamt sehr gut, ich bin bezüglich der ersten Sinfonie allerdings auch der Meinung teletons, dass es kaum schlechte Einspielungen geben wird. Sie wirkt für mich so leicht und direkt, dass sie von selber läuft (ich ahne schon, dass der eine oder andere Kenner das ganz anders sieht; in dem Falle lasse ich mich gerne belehren).


    Mir fällt kaum etwas ein, was ich gegen diese Sinfonie sagen kann, allerdings auch nichts, was für sie spricht. Wenn ich Prokofjev an Prokofjev messe, ist dieses Stück lediglich nett, eine unspektakuläre Vorbereitung oder ein Ausprobieren, zumindest wirkt die Musik so auf mich. Seine eigene später gefestigte Handschrift der speziellen Prokofjev-Intervalle glaube ich hier allerdings bereits ein wenig heraushören zu können, besonders im letzten Satz.


    Uwe

  • Zitat von peet


    @ BBB
    Um die Erste Prokofjews einzuordnen, würde ich den Begriff Neoklassizismus verwenden. Dementsprechend war es keine Studie in dem Sinne, sondern seine Beteiligung am neuen Stil - neben Strawinsky, Hindemith, Martinu etc.


    @ Alfred
    Prokofjew arbeitete mit Haydn ausschliesslich als Quelle für seine Inspiration.


    Gruß


    "Beteiligung am neuen Stil" kann es nicht ganz treffen, weil das Stück dafür zu früh kommt. Gleichzeitig gibt es da nur Strawinskys Geschichte vom Soldaten, beides sind Experimente VOR der Etablierung des Neoklassizismus, Strawinskys Geschichte vom Soldaten war für das Entstehen des Neoklassizismus sicher viel wichtiger als Prokofieffs Experiment, das keinen Nachhall fand. (Welcher Neoklassizist der 20er hat Haydn/Mozart/Beethoven als "Vorbild" genommen? Keiner, Vorbild war das Barock, später - so in den 40ern - die Romantik!)


    Außerdem ist meine Lieblingssymphonie von Prokofieff dieselbe, die auch Parsif anführt, die zweite. Was nicht heißen soll, dass ich die erste nicht zu seinen gelungendsten zählen würde.

  • Salut,


    zwar finde ich die 1. Sinfonie recht schön, der Titel aber ist völlig verfehlt. Sie ist kaum wirklich klassisch - der Titel hält nicht, was er verspricht. Eher CIS [classical inspirated Symphony :D ]


    Liebe Grüße
    Ulli


  • Ich hab von der 1. Symphonie nebenstehende Aufnahme, zusammen mit "Kije" und der 7.


    Allerdings bin ich noch immer auf der Suche nach der Aufnahme, die im Abspann des WDR3-Mosaiks immer morgens kurz vor 9.00 Uhr läuft. Kann das Solti sein? Mir gefällt nämlich das Spritzige daran, und den Previn hab ich mir geholt, weil er dieser erstmal am nächsten kam.

  • Meiner Meinung nach gehört zum Neoklassizismus der reflektierte Umgang mit dem barocken oder klassischen Material. Bei Prokofjew habe ich das Gefühl, dass die Reflexion fehlt - es ist ein Nachahmen der Stilmuster von Haydn und Mozart. Außerdem sind die Proportionen der Mittelsätze etwas seltsam.


    Wie BBB bin auch ich der Meinung, dass die "Classique" und der "Peter" den Blick auf den "richtigen" Prokofjew verstellen - und das ist der der zweiten und der dritten Symphonie und der Oper "Der feurige Engel". Danach kamen wieder massenhaft Konzessionen an die Geschmäcker von Stalin, Publikum und Partei - was nicht heißen soll, dass der gemaßregelte Prokofjew keine Meisterwerke mehr hervorgebracht hätte. "Romeo und Julia", "Cinderella" und die erstaunlich düstere Sechste Symphonie sind Werke, von denen die hübsche, aber eben doch leichtgewichtige "Classique" IMO weit in den Schatten gestellt wird.

  • Zitat von Edwin Baumgartner

    Bei Prokofjew habe ich das Gefühl, dass die Reflexion fehlt - es ist ein Nachahmen der Stilmuster von Haydn und Mozart.


    Salut,


    ein misslungenes Nachahmen - was nichts an der Schönheit des Werkes an sich ändert.


    Grüßle
    Ulli

  • Zitat von Edwin Baumgartner

    Stimmt. Aber bitte bedenken, dass "gefälschte" Klassik eine gewisse Tradition außerhalb des Neoklassizismus hat - ich denke etwa an Grieg und Tschaikowskij.


    Eben. Und irgendwo dazwischen würde ich die Sinfonie Classique auch einordnen. Ebenso wie Tschaikowskys "Mozartiana" würde man sie kaum für ein Original halten. Daher bin ich auch ziemlich sicher, dass es sich nicht um mißlungenen Stilkopien handelt. Aber sie weisen eben auch noch nicht den etwas ironisch-distanzierten Zug wie z.B. Pulcinella (oder die Sinfonie in C) Strawinskys auf.


    viele Grüße


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Ein besonders altes Beispiel für "gefälschte Klassik" ist die historische Symphonie von Spohr aus den 1840ern. Wenn man Prokofieffs erste in dieser Tradition sieht, ist aber auch deutlich, dass er einen neuen Ton in diesem Genre findet.


    Zeitlich näher bei Prokofieffs erster sind wohl vor allem Reger und Busoni als Klassizisten zu nennen, jeder auf seine Art, jeder sehr originell (aber so wie die Neoklassizisten später eher am Barock orientiert als an der Klassik).

  • Ulli:

    Zitat

    ein misslungenes Nachahmen - was nichts an der Schönheit des Werkes an sich ändert.

    Hallo Ulli, also ich bin mir ziemlich sicher, daß Prokofjew ohne weiteres dazu in der Lage gewesen wäre, eine astreine "Stilkopie" eines Haydnschen Werkes zu erstellen, aber das war einfach nicht seine Absicht: er "pseudo-zitiert", benutzt
    formale Strickmuster der Klassik und er "verfremdet" das alles und schmilzt es in sein individuelles Amalgam um. Ob das Werk "schön" ist, vermag ich nicht zu beurteilen, denn ich habe für Proko, dessen musikalisches Denken wohl eher vom Klavier (einem Instrument, das mir gemeinhin Unbehagen bereitet) her kommt, wenig am Hut. Beeindruckt hatte mich vor langer Zeit seine "Skytische Suite" und auch Teile sener Filmmusik.



    KSM:

    Zitat

    Zeitlich näher bei Prokofieffs erster sind wohl vor allem Reger und Busoni als Klassizisten zu nennen

    Reger und Busoni als Klassizisten: hm, meinetwegen, auf Busoni mag das vielleicht zutreffen, aber auf Reger mit seiner vegetativ wuchernden Polyphonie und seiner Orchestrierung, die fast immer ein wenig nach zu schwerem, zu üppigem und vor allem zu FETTEM Essen klingt, das kannst du doch wohl nicht ernst meinen, oder... ?


    Klasssizismus (der erste Klassizist, war noch vor Spohr Mendelssohn!) ist für mich untrennbar verbunden mit definierter Melodik, Transparenz sowohl des Satzes wie auch der Instrumentierung und einer geschmeidigen Eleganz der Themen. Regers "Mozart-Variationen" z.b. sind über Weite Strecken dicke deutsche Suppe mit viel Kümmel, Kartoffeln und gebratener Knackwurst. Ein Tellerchen davon und man ist drei Tage lang satt ! :baeh01:

    Das geht über das Sagbare hinaus. Das läßt sich nicht deuten und bedarf keiner Deutung. Es kann nur gehört werden. Es ist Musik. (H.H.Jahnn)

  • Spohr habe ich genannt, weil in seiner historischen Symphonie (das ist die 4.) ein Satz "Haydn-Mozartsche Epoche" heißt, es würde mich wundern, hätte Mendelssohn solche explizite Quasi-Plagiate ebenfalls verfaßt.


    Regers Mozartvariationen kenne ich noch nicht, obwohl sie schon in meinem Regal liegen. Ich habe aber einmal ein Violinduo von ihm geübt, das "... im alten Stil" hieß und reichlich barock war - wenn freilich auch harmonisch kompliziert und melodisch nicht unbedingt eingängig.


    Im Wikipedia fand ich von Reger eine "Suite im alten Stil" für Orchester.


    Den Begriff Klassizismus für die Zeit von Mendelssohn/Schumann/Spohr bis knapp vor den Neoklassizismus (also bis um 1920 herum) eindeutig abgegrenzt zu definieren, wird wohl etwas schwierig sein. Jedenfalls umfaßt er freilich (mit Mendelssohn oder Brahms) wesentlich mehr, als die Stücke "im alten Stil" von Spohr, Tschaikowsky, Grieg, Reger, Prokofieff, ...

  • Zitat

    es würde mich wundern, hätte Mendelssohn solche explizite Quasi-Plagiate ebenfalls verfaßt.


    Mendelssohn tat das in Teilen seiner a cappella Chormusik, aber die kennen eh nur wenige----

    Das geht über das Sagbare hinaus. Das läßt sich nicht deuten und bedarf keiner Deutung. Es kann nur gehört werden. Es ist Musik. (H.H.Jahnn)

  • Erst einmal: Ich liebe dieses Werk. für mich das Größte, was Prokoffiev gemacht hat.- Bernstein hat einmal gesagt, dass Musik niemals komisch sein kann. Dann hat er irgendwann geschrieben, dass er vor Lachen auf dem Boden gelegen hat, als er die 1. von P. gehört hat. Das passt für mich irgendwie perferkt. Ich höre diese stück äußerst gern (vor allem von Fricsay mit den Berliner Philharmonikern, aber auch Karajan hat es richtig gut gemacht). Es ist ein bisschen wie eine Satire auf Sinfonien als solche und trotzdem auch einfach schön zu hören.
    Mir wird hier ein Spiegel vorgehalten: Das ist es, was Du schön findest! Prokoffiev zeigt sich heir also als ein brillanter Geist, der meine Reflexe vorführt... aber was will ich eigentlich mehr?
    In diesem Stück erhebt er sich über all seine Vorgänger indem er zeigt, was sich getan haben. - und wie einfach es ist. Trotzdem bleiben die Heroen unangetatstet. Weil er den Punkt wohl doch nciht triifft. Was also passiert?
    Dieses Werk öffnet einen Fragenkatalog wie kein anderes.


    Meine ich
    Klaus

  • Dieses Werk öffnet einen Fragenkatalog wie kein anderes.


    Welche denn ???


    Prokofieffs Sinfonie Nr.1 entstand 1917:


    Er trug sich mit dem Gedanken ein sinfonischens Werk ohne Flügel zu komponieren, bei dem die Farbtöne des Orchesters klarer und sauberer sein sollen. So entstand der Plan einer Sinfonie im klassischen haydnschen Stil, weil ihm Haydns Technik in der Meisterklasse Tscherepnins (der er angehörte) besonders klar geworden sind. Es erschien ihm, wenn Haydn noch leben würde, seine eigene Art der Komposition beibehalten hätte und gleichzeitig etwas Neues übernommen hätte. Genau so sollte seine erste Sinfonie werden: Im klassischen Stil.
    (Quelle: Monatsblätter für Musik; jahrgang 1, Heft 6/1948) - steht auch im Reclam Konzertführer so !)


    :thumbsup: Das Werk muss man einfach mögen. Auch solche werden daran Gefallen finden, für die ansonsten Musik diesseits der Klassiker ein Greuel ist.


    Es gibt eine Menge guter Aufnahmen.
    Aber gerade die Aufnahme mit Bernstein, der sich beim Erstkontakt genüsslich amüsiert haben soll (laut Klaus), stellt den Witz des Stückes besonders schön heraus: die Bernstein-Aufnahme (CBS/SONY), die ich in Beitrag 14 bereits goutiert hatte, setzt das ganz besonders exquisit um:



    SONY, ADD


    Seine Aufnahme gibt es in unzähligen Kopplungen und Variationen auf CD.
    Meine CBS-CD- Version ist mit der tollen Aufnahme der Bizet Sinfonie Nr.1 gekoppelt. CBS hatte kein Aufnahmedatum abgedruckt - nur C 1981 !

  • Ich finde das Wek durchaus ansprechend, allerdings bin ich schon nicht einverstanden, wenn es als das Beste eingestuft wird, das Prokofjew geschrieben haben soll. Um eine Parallele zum gerade diskutierten Saint-Saens zu ziehen: auch sein Karneval der Tiere ist köstlich und eine satirische Meisterleistung, aber ist er das großartigste, was er geschrieben hat?


    Prokofjew ist ein Komponist, bei dem ich mich immer über die Präferenzen des Publikums wundere. Ich kann besipielsweise überhaupt nicht nachvollziehen, weshalb das dritte Klavierkonzert besser als das erste, zweite oder fünfte sein soll, oder die erste und fünfte Symphonie besser als die zweite und dritte. Mir stellt sich das eher genau umgekehrt dar.