Sir John Barbirolli – "Glorious John"

  • Unglaublich, aber wahr: Es gibt bis heute keinen Barbirolli-Dirigenten-Thread! Dieser unhaltbare Zustand wird nun endlich beseitigt.



    Sir John Barbirolli, C.H., geboren am 2. Dezember 1899 in London, gestorben am 29. Juli 1970 ebenda, war einer der bedeutendsten britischen Dirigenten des 20. Jahrhunderts.


    Der als Sohn des Italieners Lorenzo Barbirolli [1864–1928] und der Französin Louise Marie Barbirolli (geb. Ribeyrol) [1870–1962] geborene John Barbirolli begann seine musikalische Karriere als Cellist. Sein Vater war Geiger bei Londoner Theaterorchestern. Zwischen 1912 und 1917 studierte er an der Royal Academy of Music.


    1916 trat er dem Queen's Hall Orchestra unter Sir Henry Wood bei. 1924 begann seine eigentliche Dirigentenlaufbahn mit der Gründung eines eigenen Kammerorchters. Zwischen 1926 und 1933 war er als Operndirigent am Royal Opera House, Covent Garden, beschäftigt.


    Er war Chefdirigent folgender Orchester: Scottish Orchestra [1933–1936], New York Philharmonic [1936–1942], Hallé Orchestra [1943–1970, seit 1968 Ehrendirigent] und Houston Symphony [1961–1967].


    Barbirolli war ferner als Gastdirigent zahlreicher weltweit führender Orchester, etwa der Berliner und Wiener Philharmoniker tätig. Aber auch Engagements bei Rundfunkorchestern lehnte er nicht ab. So arbeitere er u. a. mit dem BBC Symphony Orchestra, dem Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchester und dem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart zusammen.


    Er wurde vor allen Dingen als herausragender Interpret von Mahler, Sibelius, Elgar, Vaughan Williams, Puccini und Verdi bekannt. Aber auch Beethoven, Brahms, Bruckner, Tschaikowsky, Mendelssohn, Dvořák, Mozart, Schubert, Schumann und weitere Komponisten gehörten zu seinem breiten Repertoire.


    Bereits als junger Cellist hatte er einige Tonaufnahmen gemacht. Seit den 1930er Jahren folgten zahlreiche Aufnahmen mit dem London Symphony Orchestra sowie mit dem London Philharmonic Orchestra. Es liegen u. a. die kompletten Symphonien von Brahms (mit den Wiener Philharmonikern) und Sibelius (mit dem Hallé Orchestra), zahlreiche Opern von Verdi und viel englisches Repertoire auf Tonträger vor.


    Barbirolli war zweimal verheiratet: Von 1932 bis 1938 mit der Sängerin Marjorie Parry und nach der Scheidung von 1939 bis zu seinem Tode mit der Oboistin Evelyn Rothwell [1911–2008].


    Für seine Verdienste wurde er 1949 von König Georg VI. zum Ritter geschlagen und 1969 von Königin Elisabeth II. zum Companion of Honour ernannt. Barbirolli erhielt unzählige weitere Auszeichnungen aus Finnland, Italien, Frankreich und den USA.


    Nach mehreren Zusammenbrüchen im April, Mai, Juni und Juli 1970 erlag Sir John Barbirolli am 29. Juli 1970 seinem Herzleiden. Sein letztes Konzert (Beethovens 7. Symphonie) gab er nur wenige Tage zuvor.


    1972 wurde die Barbirolli Society ins Leben gerufen, welche es sich zum Ziel gesetzt hat, den musikalischen Nachlaß Barbirollis auf Tonträger zu veröffentlichen.


    Aufnahmen (Auswahl):


  • Ich weiß nicht mehr, mit welcher Aufnahme ich Barbirolli damals kennengelernt habe, aber ich glaube, es war irgendetwas von Elgar, vermutlich "The Dream of Gerontius" oder die Symphonien. Nun bin ich wohl nicht der größte Elgar-Fan, wodurch ich den Dirigenten lange Zeit vernachlässigte. Seine "Eroica" ließ mich allerdings aufhorchen. Das könnte mittlerweile fast meine favorisierte Aufnahme sein (Non-HIP, versteht sich). Sein Sibelius ist zeitlos gut. Besonders die 2. Symphonie dirigiert Barbirolli wie kaum ein Zweiter. Sein Mahler wird sehr gelobt. Nach dem Hören des ganz späten Live-Mitschnitts der 2. Symphonie vom April 1970 – wenige Monate vor seinem Tod – kann ich das nachvollziehen. Das eigene irdische Ende vor Augen (er war bereits todkrank), hat Barbirolli sich hier selbst ein Denkmal gesetzt. Allgemein scheint er mir ein emotionaler Dirigent zu sein. Seine Tempi sind oft extrem, aber nie langweilig. Erinnert mich ein wenig an den späten Bernstein.


    Unverständlicherweise schwer zu bekommen ist sein Brahms-Zyklus mit den Wiener Philharmonikern [1966/67]:



    Auch hier fallen die sehr gedehnten Tempovorstellungen des späten Barbirolli auf, vor allem in den Finalsätzen:


    1. Symphonie [4.–8.12.1967]:


    I. 15:26
    II. 9:26
    III. 5:05
    IV. 19:11


    2. Symphonie [7.–9.12.1966]:


    I. 15:25
    II. 10:21
    III. 5:36
    IV. 9:52


    3. Symphonie [4., 8., 15., 18., 19.12.1967]:


    I. 10:00
    II. 9:00
    III. 6:09
    IV. 9:34


    4. Symphonie [4.–19.12.1967]:


    I. 13:58
    II. 12:41
    III. 7:24
    IV. 11:16

  • Sir John Barbirollis Einspielung der "Madama Butterfly" mit Renata Scotto in der Titelrolle war jahrzehntelang die Referenzaufnahme dieser Puccini-Oper.


    Als junger Mensch reichte es bei mir nicht zur teuren Box mit der Gesamtaufnahme, also mußte ich mich jahrelang mit der Querschnitt-LP begnügen, die es heute wieder als CD gibt, heute heißt das "Highlights":



    Die Gesamtaufnahme auf CD hast Du ja schon weiter oben gezeigt - ein absolutes MUSS für jeden Puccini-Opern-Fan!


    LG


    :hello:

  • Ich habe diese hier, für mich immer eine meiner besten trotz Gedda, Domingo, Pavarotti, Kaufmann und wie die Pinkertons/Linkertons alle heißen mögen. Die mit Bergonzi und Tebaldi habe ich auch, aber da dirigiert Serafin.





    LG, Bernward


    "Nicht weinen, dass es vorüber ist
    sondern lächeln, dass es gewesen ist"

    Waldemar Kmentt (1929-2015)


  • Meine Barbirolli-Aufnahmen (natürlich alle in STEREO):



    Beethoven:


    Sinfonie Nr. 3 Es-dur op. 55 "Eroica" - Hallé Orchestra, 1967


    Sinfonie Nr. 5 c-moll op. 67 - Hallé Orchestra, 1966



    Brahms


    Sinfonie Nr.1 c-moll op.68 / Tragische Ouvertüre op.81 - Wiener Philharmoniker, 1968/69


    Sinfonie Nr.2 D-dur op.73 / Sinfonie Nr.3 F-dur op.90 - Wiener Philharmoniker, 1968


    Sinfonie Nr.4 e-moll op.98 / Akademische Festouvertüre op.80 / Haydn-Variationen op.56a - Wiener Philharmoniker, 1968


    Konzert für Klavier und Orchester Nr.1 d-moll op.15 - Barenboim, New Philharmonia Orchestra, 1968


    Konzert für Klavier und Orchester Nr.2 B-dur op.83, Barenboim, New Philharmonia Orchestra, 1968



    Gounod:


    Petite Symphonie für Bläser - Hallé Orchestra, 1958



    Grieg:


    Peer Gynt / Lyrische Suite op.54 - Sheila Armstrong, Patricia Clark, Ambrosian Singers, Hallé Orchestra, 1969



    Mahler:


    Sinfonie Nr. 1 - Hallé Orchestra, 1957


    Sinfonie Nr.5 cis-moll - New Philharmonia Orchestra, 1970


    Sinfonie Nr.6 a-moll - New Philharmonia Orchestra, 1967


    Sinfonie Nr.9 D-dur - Berliner Philharmoniker, 1964


    Kindertotenlieder (Rückert) - Janet Baker, Hallé Orchestra, 1967


    Lieder eines fahrenden Gesellen - Janet Baker, Hallé Orchestra, 1967


    Ich bin der Welt abhanden gekommen - Janet Baker, Hallé Orchestra, 1967


    5 Rückertlieder - Janet Baker, Hallé Orchestra, 1969



    Puccini:


    Madama Butterfly - Renata Scotto, Carlo Bergonzi, Anna di Stasio, Rolando Panerai, Chor und Orchester des Opernhauses Rom, 1966



    Schostakowitsch:


    Sinfonie Nr. 5 d-moll - Hallé Orchestra, 1963



    Sibelius:


    Finlandia / Karelia-Suite / Pohjola's Tochter / Valse triste / The Swan of Tuonela / Lemmikäinen's Return - Hallé Orchestra, 1966


    Sinfonien Nr. 1 - 7, Hallé Orchestra, 1966ff.


    Pelléas und Melisande op.46 / Scènes histoeiques - Suites I & II / Rakastava op.14 / Romance C-dur op.42 - Hallé Orchestra, 1970



    Tschaikowski:


    Sinfonie Nr. 4 f-moll op. 36 - Hallé Orchestra, 1958


    Sinfonie Nr. 5 e-moll op. 64 - Hallé Orchestra, 1959


    Sinfonie Nr. 6 h-moll op. 74 "Pathetique", 1958


    Fantasie-Ouvertüre "Romeo und Julia" , Hallé Orchestra, 1959


    Slawischer Marsch op. 31, Hallé Orchestra, 1958


    Serenade für Streichorchester op. 48, London Symphony Orchestra, 1964


    Andante cantabile, Hallé Orchestra, 1957



    :hello: LT

  • Hallo Liebestraum,


    danke für die Auflistung.


    Wie würdest du denn die Mahler 1. und seinen Tschaikowsky beurteilen? Beides reizt mich schon seit längerem, aber insbesondere sein Tschaikowsky ist ja nicht ganz einfach zu ergattern.


    LG
    Joseph
    :hello:

  • Deinen Ausdruck in Anführung finde ich sehr passend, lieber Joseph. . Es gibt wenige Dirigenten dieses Typs, die in einem Zeitraum wie er solche exemplarischen Aufnahmen geschaffen haben, was ich zumindest von den Mahler-Aufnahmen sagen kann, soweit sie denn in meinem Besitz sind.
    Bis auf die von dir, lieber Liebestraum, angeführten Sinfonien Nr. 1 und Nr. 6, sind sie das alle, wobei einige der absoluten Sternstunden der Schallplatten-Geschichte untrennbar mit dem Namen Dame Janet Baker verbunden sind.


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Dvořáks 9. habe ich selten impulsiver und mit fetzigeren Pauken gehört als in der frühen Stereo-Aufnahme des Hallé Orchestra unter Sir John Barbirolli (1959). Ich habe eine digitalisierte LP vorliegen. Auf CD müsste das so aussehen:


  • Schönen Dank, lieber Josph II für die Initiative, einen Thread für Sir John Barbirolli zu starten!


    Für mich gehört Barbirolli zu den Dirigenten, dessen Konzerte meine musikalische Vorstellungswelt besonders geprägt haben.


    Er dirigierte ja in den 50er und 60 Jahren sehr oft die Berliner Philharmoniker und seine Konzerte sind gewiss jedem, der sie gehört hat, ganz unvergesslich.
    Ich jedenfalls kann Sibelius, Elgar und Tschaikowski, Brahms und dann natürlich Mahler heute kaum hören ohne an ihn zu denken!
    Zwar würde ich bei Beethoven und Brahms vielleicht heute andere Dirigenten bevorzugen, aber die Intensität und Tiefe von Barbirollis Interpretationen halte ich nach wie vor für exzeptionell.


    Die meisten seiner wichtigsten Aufnahmen sind ja schon genannt.


    Ich möchte deshalb nur noch auf eine Einspielung hinweisen, die vermutlich nicht wirklich allen Verdi-Freunden gefallen dürfte, die aber jedem, der Barbirollis Art zu musizieren, ins Herz geschlossen hat, sicher besonders wertvoll ist - trotz mancher Ungereimtheiten und Mängel:




    Barbirolli versteht das Werke anders als Toscanini und de Sabata, deren dramatische Zuspitzung und apokalyptischer Furor seine Sache nicht ist!
    Seine Interpreation unterscheidet sich aber auch fundamental von Giulinis Lyrizismus und liturgischer Objektivierung!


    Schon der ganz verhaltene, geradezu schmerzhaft zärtliche Beginn macht deutlich, dass dies die vielleicht persönlichste Interpretation des Werkes ist, die es auf Tonträgern gibt!
    Dem Dies Irae bleibt Barbirolli nichts an Wucht und Kraftentfaltung schuldig, aber bei ihm gibt es nichts Hektisches, Aufgeregtes und Zwanghaftes. Er zeigt gleichsam die Grandiosität des Weltenendes - weniger den Schrecken. Das ist schon auch durchaus überzeugend. Allerdings möchte ich es nicht immer so hören!
    Unmittelbar berührend und kaum zu übertreffen in ihrem Ernst und ihrer ergreifenden Expressivität sind dann das Quid sum miser und folgenden Abschnitte bis zum Lacrimosa, aber auch das Lux Aerenam und natürlich das Libera me! Manch einem mögen das langsame Tempo und die ganz nach Innen zielende Vertiefung befremdlich oder gar gefährlich sein. Ich gebe zu, dass die Dimension des Allgemeingültigen hier nicht entfaltet wird. Barbirollis Reden von den letzten Dingen verweigert vielleicht sogar das Ernstnehmen der Zeitlosigkeit, die diesem grandiosen Werk auch eingeschrieben ist. Aber seine ganz persönliche Auseinandersetzung mit den Themen Leben und Tod, Schuld und Vergebung, Erlösungshoffnung und Gnade ist groß, ernst, tief und voller Wunder!
    Zudem bekommt man in der Aufnahme Solisten zu hören, die diese Interpretation mit wundervollem Gesang und sehrender Intensität beglaubigen! Wann hätte man schon mal ähnlich überzeugend gehört, dass Sopran und Alt im Recordare kontrastieren und im Agnus Dei harmonisch verschmelzen müssen.
    Wo wären die Solisten ähnlich hinreißend verblendet wie im Pie Jesu?
    Und hat Caballe wirklich in einer anderen Aufnahme so exquisit und wohllautend ihre herrliche Stimme verströmt wie hier unter Barbirolli? Das ist einfach überirdisch !!! - - - und zugleich zutiefst menschlich bewegend!
    Vickers ist im Ingemisco bemüht, zerknirscht und reuig zu klingen. Das ist natürlich dem Charakter des Sündenbekenntnisses angemessen, gerät ihm aber doch allzu lacrymos. Aber im Hostias und auch sonst ist er ausdrucksstark und wahrhaftig wundervoll!


    Es lohnt sich, die Aufnahme zumindest mal zu hören!


    Für Barbirolli-Fans ist sie ein MUSS!!!!!


    Caruso41


  • Sir John Barbirolli, C.H. (1899—1970)


    Das Label ICA legt in Zusammenarbeit mit dem WDR erstmals einen Konzertmitschnitt vom 7. Februar 1969 auf. Auf dem Programm standen Schuberts 4. Symphonie, Brittens Serenade für Tenor, Horn und Streicher sowie Sibelius' 2. Symphonie, die Barbirolli hier zum letzten Mal aufführte. Erscheinungsdatum ist der 4. März 2013.


  • Auf eine wichtige Aufnahme möchte ich noch hinweisen. Sie ist nicht nur eine Referenzaufnahme für die Solistin, sondern auch für den Dirigenten. Diese Aufnahme gehört wohl selbstverständlich zu fast jedem Kanon. Sie sollte aber der Vollständigkeit halber auch hier benannt werden. Es handelt sich um Barbirollis Einspielung von Elgars Cellokonzert mit Jacqueline du Pré aus dem Jahr 1965:



    Edward Elgar:
    Cellokonzert op.85
    +Sea Pictures op. 37;Cockaigne-Ouvertüre op. 40
    Künstler: Jacqueline du Pre, Janet Baker, London Symphony Orchestra, Philharmonia Orchestra, John Barbirolli
    Label: EMI, ADD, 1965


    Sir John Barbirolli hat als Neunzehnjähriger die Uraufführung von Edward Elgars Cellokonzert miterlebt. Viele Jahre später war Barbirolli einer der Juroren, der über eine Auszeichnung der jungen Cellistin Jacqueline du Pré zu entscheiden hatte. Er wurde aufmerksam auf die junge Künstlerin. 1965 spielten beide – Jacqueline du Pré im Alter von zwanzig Jahren und Sir John Barbirolli als Fünfundsechzigjähriger - gemeinsam das Cellokonzert von Edward Elgar in der vorliegenden Studio-Aufnahme ein. Es war die erste Aufnahme von Jacqueline de Pré. Diese Einspielung macht Elgars Cellokonzert bekannt und berühmt über England hinaus und trug auch nicht wenig dazu bei, Elgars Musik insgesamt mehr Beachtung und Anerkennung zu verschaffen.


    Mit freundlichen Grüßen von der Nordseeküste, Andrew :hello:

    „Nichts auf Erden ist kräftiger, die Traurigen fröhlich, die Ausgelassenen nachdenklich, die Verzagten herzhaft, die Verwegenen bedachtsam zu machen, die Hochmütigen zur Demut zu reizen, und Neid und Hass zu mindern, als die Musik.“

  • Über Sir Johns Aufnahmen haben der Threadgründer Joseph II. und unser lieber Liebestraum ja Hinreichendes gesagt. Ich möchte heute daran erinnern, dass Sir John am 2. Dezember 1899 in London geboren wurde und am 29. Juli 1970 dort auch starb.


    Heute begehen wir die 115. Wiederkehr seines Geburtstages.


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Glorious John ist auch einer meiner Lieblingsdirigenten, fast alle Aufnahmen (zumindest die in Stereo) müsste ich haben. Meine Begeisterung war sogar mal so groß, dass ich drei Jahre Mitglied in der Sir John Barbirolli Society war.


    Mein erste Barbirolli-Aufnahme war Mahler 6 und das ist bis heute meine Lieblings-Einspielung dieses Werkes.


    Die gezeigte CD scheint eine um die gleiche Zeit entstandene Live-Aufnahme zu sein, die kenne ich nicht. Das Photo ist aber das gleiche, das meine LPs ziert.

    • Wenn der Name BARBIROLLI fällt, dann muß ich unmittelbar an seine fantastische Einspielung von BRAHMS' vierter Sinfonie denken, die er 1959 mit seinem HALLÉ ORCHESTRA in Manchester 1959 bei PEYE ROCORDS vornahm. Ich ließ mir diese Aufnahme 1973 aus Enland kommen und bin noch heute froh über diesen Kauf. Während es von den übrigen BRAHMS Sinfonien viele sehr gute Aufnahmen gibt, zwischen denen man sich nur schlecht entscheiden kann, so ist die Interpretation der Vierten durch Sir BARBIROLLI und dem HALLÉ ORCHESTRA meine absolute Favoritin.


      Bis zu seinem Lebensende widerstand BARBIROLLI allen Anträgen von anderer Seite und blieb an der Spitze dieses Orchesters, das zum Grundpfeiler der EDINBURGER FESTSPIELE wurde. Auch mit den BERLINER PHILHARMONIKERN musizierte er übrigens hier1949.
      Der spezifisch warme Klang dieses Orchesters macht es prädestiniert für dieses Werk. SIR JOHN BARBIROLLI , dem
      Engländer mit dem romanischen Temperament und mit eher italienischen Eigenschaften, gelingt mit dieser Einspielung in besonderem eine höchst klare, natürliche und unprätentiöse, gefühlvolle und zugleich kraftvolle Realisiation der Vierten, in seltener Verschmelzung von Expression und Form, für die er auch mit seinen Interpretationen anderer Werke, wie z. B. die von MAHLER, VERDI, STRAUSS, oder GRIEG, weltweit Bewunderung fand. Kurz vor seinem Tod nahm er alle 4 BRAHMS Sinfonien mit den WIENER PHILHARMONIKERN auf und wählte dabei z. T. extrem langsamere Tempi als in der von mir favorisierten Einspielung mit dem HALLÉ ORCHESTRA.

    • SIR JOHN BARBIROLLI war ein Musiker des Herzens und des Gefühls, was wohl kaum in einem anderen
      von ihm interpretierten Werk so deutlich wird wie in BRAHMS' vierter Sinfonie!




    wok

  • Kurz vor seinem Tod nahm er alle 4 BRAHMS Sinfonien mit den WIENER PHILHARMONIKERN auf und wählte dabei z. T. extrem langsamere Tempi als in der von mir favorisierten Einspielung mit dem HALLÉ ORCHESTRA.


    Ja, lieber wok, diese Wiener Einspielungen von 1966/67 sind für mich referenzträchtig. Es ist ein Jammer, dass man sie heute nur mehr über Umwege überhaupt erhält. Sie wären eine Neuauflage wert.

  • Wie Ionel Perlea ist auch Sir John Barbirolli am 29. Juli 1970 gestorben. Zuerst hatte ich noch einen dritten Dirigenten mit diesem Todesdatum auf dem Zettel stehen, aber dann stellte sich heraus, dass er erst morgen an der Reihe ist. Für Sir John habe ich zu dieser Aufnahme aus meiner Sammlung gegriffen. Im Gegensatz zu einem ehemaligen Tamino bin ich der Meinung, dass sie ganz hervorragend ist:




    Heute ist Sir Johns 45. Todestag.


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Gleich zu Beginn hat Thread-Starter Joseph II. noch beklagen müssen, dass der Wiener Brahms-Zyklus mit Barbirolli nur schwer zu beschaffen sei. Nun liegt er als Neuauflage vor:



    Hat ihn jemand von euch in dieser Form in seinem Bestand? Angekündigt war die Warner-Ausgabe bei TAMINO schon vor einiger Zeit. Wie ist der Klang? Joseph hatte bereits auf die "sehr gedehnten Tempovorstellungen" verwiesen, wok ebenfalls. Vor allem bei der 3. Sinfonie, der "Wiesbadener", würde mir das bestimmt gefallen. Lohnt sich die Anschaffung wirklich? Für einige weiterführende Eindrücke und Bewertungen wäre ich sehr dankbar.


    Gruß Rheingold

  • Lieber Rheingold,


    ich habe die Aufnahme auf LP und muss sagen, dass síe zu den LPs gehört, die ich immer wieder spiele. Es ist eine Aufnahme für die einsame Insel: Breit aber wo erforderlich auch mit Schwung und Überschwang, durchweg ungemein spannungsvoll, voll von Leidenschaft und Hingabe!
    Das schönste aber ist , wie wundervoll Sir John den melodische Reichtum der Sinfonien entfaltet. Ich glaube nicht, dass man bekennender Barbirolli-Fan sein muss - und ich bin es durch und durch -, um diese Aufnahmen zu lieben!


    Herzliche Grüße


    Caruso41

  • Ach ja, da holt mich die Vergangenheit wieder ein... ;)


    Ich wollte - auch auf Bitten vom Wolfgang (Teleton) - die Aufnahmen schon längst ausführlicher vorstellen... Das wird wohl endgültig zu Pfingsten geschehen.


    Caruso41s Einschätzung ist für den Moment wenig hinzuzufügen, außer vielleicht, dass mir neben der Leidenschaft und Hingabe eine deutliche "Wärme" auffiel. Diese "Wärme" lässt den "spröden Hanseaten" Brahms gar nicht "norddeutsch kühl" erscheinen, sondern, um im historischen Bild zu bleiben, schon komplett in Wien angekommen, mit dem damit verbundenen Charme.


    Die drei Amazon Rezensionen sprechen sich auch eindeutig für den Erwerb der Box aus. Zwar haben Bewertungen bei Amazon wahrlich nicht immer einen großen Aussagewert, hier aber schon. Unisono wird der schöne Klang erwähnt, durchweg findet die "Liebe zum Detail" Gefallen.


    Diese Box bereichert in meinen Ohren jede Brahms-Sammlung (und ist nebenbei sehr preiswert erhältlich). :hail:

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.
    Gustav Mahler

  • Diese "Wärme" lässt den "spröden Hanseaten" Brahms gar nicht "norddeutsch kühl" erscheinen, sondern, um im historischen Bild zu bleiben, schon komplett in Wien angekommen, mit dem damit verbundenen Charme.


    Na ja!
    Lassen wir mal das Cliché vom kühlen Norddeutschen beiseite - und von den Wienern die so herrlich warm musizieren wie sonst niemand! Ich kann damit wenig anfangen.
    Einig sind wir doch wenigstens in dem Urteil, dass dies eine herrliche Aufnahme ist: warm und wundersam sanglich!


    Beste Grüße


    Caruso41

  • Lieber Caruso41,


    ich habe Bilder beschrieben. Wenn diese für Dich Klischees sind, dann soll das so sein.


    Die Wiener Philharmoniker, die "die so herrlich warm musizieren wie sonst niemand!" habe ich mit keiner Silbe explizit erwähnt. Natürlich trägt auch das Orchester seinen Teil zur empfundenen "Wärme" bei, aber es ist in erster Linie Barbirollis interpretatorisches Konzept, das diese Gefühle erweckt.


    Wer z.B. die Berliner Philharmoniker in der früheren Abbado-Aufnahme der 2. Sinfonie gehört hat oder das Philadelphia Orchestra mit Muti, das SO des Bayer. Rdfs. mit Kubelik, ganz zu schweigen vom Concertgebouw Orchester mit Chailly, der käme niemals auf die Idee, den Wiener Philharmonikern ein Alleinstellungsmerkmal an "maximaler musikalischer Wärme" bei Brahms zu attestieren.

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.
    Gustav Mahler

  • Noch eine Zuschrift:
    Ich habe gerade auf Vinyl die Aufnahme der Dritten gehört, das ist eine schöne, entspannte Sache. Man hat den Eindruck, Barbirolli tut außer Tempovorgaben wenig und lässt die Wiener einfach ihren Brahms spielen. Im Vergleich ist z.B. der letzte Satz unter Böhm viel getriebener und hektischer. Mir gefällt Barbirollis Gangart besser und klanglich ist die Aufnahme der der DG IMO auch deutlich überlegen. Nicht ohne Grund stehen die Aufnahmen bei Vinylsammler hoch im Kurs und erzielen gute Preise im Sekundärmarkt.

  • Lieber lutgra,


    den Vergleich zu Böhm finde ich interessant, denn Böhms Brahms (den er ja auch mit den Wiener Philharmonikern einspielte), schätze ich u.a. wegen des Temperaments in einigen Sätzen auf eine andere Art genauso wie den von Barbirolli.
    Es stimmt, unter Barbirolli spielen die Wiener "anders". Auch das ist ein Indiz dafür, dass ein guter Dirigent den Klang eines Orchesters entscheidend mit bestimmen kann, wenn er denn ein guter Dirigent ist, dem das Orchester bereit ist zu folgen.


    Barbirolli und Böhm waren sehr gute Dirigenten.

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.
    Gustav Mahler