Barockmusik - Spanien / Portugal und Russland

  • Hallo allerseits,


    nach einem ausgiebigen Spaziergang durch die Hamburger Hafencity (auch vorbei an Deutschlands aktuell wohl teuerster Bauruine "Elbphilharmonie" ... X( ) sind ein guter Freund und ich schließlich wieder einmal zum Essen im Spanier-/Portogiesenviertel gelandet. Irgendwann beim zweiten halben Vino Verde kamen wir auf folgende Frage:


    Gibt es eigentlich bekannte bzw. namenhafte spanische bzw. portogiesische Barockkomponisten? Tatsächlich sind uns auf Anhieb keine eingefallen; zumindest keine, die in unserem Plattenschrank vertreten wären! Ebenso hatten wir ein Problem bei Erweiterung der Frage in Richtung Osten, d.h. nach Russland. Erklärt haben wir uns dies mit der damals herrschenden Vorliebe und Orientierung in Richtung des französischen Hofes bzw. in Richtung Deutschland. Die Musik wurde also vornehmlich importiert, so dass nationale Komponisten nicht wirklich "zum Zuge" kommen konnten!?


    Was sagen die Experten?

  • Vorerst - vielen Dank für diesen Thread, denn ich werde ihm (in Kürze)vermutlich eine der interessantesten Neuerwerbungen verdanken.
    Auch in meiner Sammlung fehlt ja bisher jeglich Aufnahme aus dem beschriebenen Umfeld (wobei die Ankoppelung von Russland an Spanien und Portugal zumindest eine sehr gewagt ist ;) ......
    Barock - da bietet sich wo vorerst Spanien an - denn im Bereich der Malerei war Barock in Spanien das goldene Zeitalter.
    Ich suchte also speziell nach spanischen Komponisten - und möchte den ersten hier mit einer CD vorstellen.


    Gaspar SANZ (1640-1710)
    Besonders reizvoll fand ich das spanische Flair, welches man ansonst mit Barockmusik nicht in Verbindung bringt - ein völlig anderes Lebensgefühl. Sanz ist übrigens - auf relativ unorthodoxe Art - auch dem fortgeschrittenen "Normalhörer" bekannt.


    Joaquin RODRIGOs „Fantasia para un gentilhombre" beruht auf Themen von Gaspar SANZ.


    Ich überlasse nun das Feld anderen - und werde mich - so erforderlich - nach weiterer Recherche mit ein oder zwei weiteren Komponisten des gesuchten Kulturkreises und der gesuchten Epoche wieder zu Wort melden.
    Es sollten hier ja nicht lange Listen aus Musiklexika abgeschrieben werden, sondern auch der Hinweis auf die eine over andere Aufnahme - mit Hörbeispielen - geboten werden....


    mit freundlichen Grüßen aus Wien


    Alfred

  • Wenn Alfred mit Spanien anfängt, will ich mal Portugal beisteuern.



    Der vermutlich wichtigste portugiesische Barockkomponist war Carlos de Seixas [1704–1742].



    Viel zu früh gestorben, merkt man bereits an den Hörbeispielen, daß da ein großer Komponist am Werke war.


    Die Messe in G-Dur klingt für meine Ohren sehr eigenständig und unverkennbar.



    Seine Wirkungszeit fällt zusammen mit dem zweiten goldenen Zeitalter Portugals unter König Johann V. [1706–1750].

  • Der heute berühmteste "spanische" Komponist des Spätbarock war wohl der Italiener Domenico Scarlatti. Man könnte sagen, dass das die These bestätigt, dass es an eigenen Komponisten mangelte. Ich meine aber, dass seine Sonaten sehr viel "Lokalkolorit" aufweisen, insofern kann man vielleicht auch einen Zugereisten als Spanier anerkennen.

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Joseph de Torres und sein Schüler Joseph de Nebra



    In einer Rezension zu dieser CD wird erklärt, dass die Noten zu dieser CD nur deshalb existieren, weil Kopien in Guatemala vorhanden waren.
    1734 hat es in Madrid gebrannt und eine großer Teil der spanischen Musikliteratur ist verloren gegangen. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass vergleichsweise wenig spanische Musik überliefert ist und deshalb die Komponisten nicht so bekannt sind.

  • Hallo,


    zum besseren Einstieg für die Interpretationen dieser Aufnahme zitiere ich (z. T. zusammen gefasst) aus dem Booklet:


    „Das erste Ziel der hist. informierten Aufführungspraxis des spät. 20. Jahrhunderts, die sich mit der Wiederentdeckung der barocken Spielweise beschäftigt, lag darin, die Interpretationen von jenen falschen Annahmen und Ablagerungen zu befreien, die sich im Laufe des 19. Jahrhunderts angesammelt hatten… Im Barock war ausführender Musiker und Komponist oft eine Person, was später nicht so der Fall war und sich die „Ehrfurcht“ vor der schriftlich fest gehaltenen Musik (Partitur) so gefestigt hatte, dass es nicht dazu kam, den wahren modus operandi/ der Musiker-Komponisten aus dem Barock wiederzuentdecken…Die barocken Komponisten waren sich sehr wohl bewusst, dass die niedergeschriebene Partitur lediglich einen geringen Anteil am finalen Musikkunstwerk hatte…die für jedes Instrument spezifische Technik, die interpretatorischen Gebräuche und die Kreativität der professionellen Musiker waren die Voraussetzungen dafür, eine schriftliche Partitur – die ja nicht viel mehr als ein Anhaltspunkt war – zum Leben zu erwecken.“


    Für die Nr. 1 auf der CD – „Canarios“ von Gaspar Sanz (1640-1710) - gibt es eine YouTube-Einspielung aus dieser CD.
    https://www.youtube.com/watch?v=maekYcb8s2U



    Für die insgesamt 4 Sonaten (Nr. 5, 6, 11, 12 auf der CD) von D. Scarlatti (K14, 1, 380, 27) kann mit Cembaloeinspielungen (für dieses Instrument wurden seine 550 Sonaten geschrieben) verglichen werden.







    Für 2 Werke (Nr. 10, 15 auf der ersten CD) von Kapsberger – „Capona“ und „Colassione“ – gibt es eine Einspielung Nr. 25 und 26 auf dieser CD, ein Vergleich ist sehr interessant und lohnenswert.








    Auf Youtube habe ich diese Einspielungen gefunden:
    https://www.youtube.com/watch?v=R97qpE4DGUg
    https://www.youtube.com/watch?v=gpbASIAKCts

    Für den Vergleich wünsche ich viel Spaß verbunden mit dem Wunsch, die Interpretationen auf der ersten CD als adäquat für eine damalige Aufführung zu hören.


    Viele Grüße
    zweiterbass (526)

    Wer die Musik sich erkiest, hat ein himmlisch Gut bekommen (gewonnen)... Eduard Mörike/Hugo Distler