Jewgeni Kissin - eine Jahrhundertbegabung


  • Liebe Forianer,


    bei Durchsicht des Themenverzeichnisses habe ich festgestellt, dass es noch keinen Thread zu Jewgeni Kissin gibt. Seine Biographie dürfte ja den meisten von Euch vertraut sein, hier aber trotzdem in Kürze das Wichtigste:


    Kissin wurde 1971 in Moskau geboren. Ab dem siebten Lebensjahr erhielt er Unterricht bei Anna Pawlowna Kantor. Mit zehn Jahren gab er sein Konzertdebüt mit Mozarts KV 466. 1988 wurde Kissin von Herbert von Karajan "entdeckt", sein Debüt mit Tschaikowsky bei der DG folgte so fast selbstverständlich. Inzwischen erscheinen seine Aufnahmen bei BMG Classics. Kissins Einspielungen konzentrieren sich im Wesentlichen auf das klassisch-romantische Repertoire. Gelegentlich wird Kissin als reiner Virtuose abqualifiziert, ich denke, dass man damit der Ernsthaftigkeit seines Künstlertums nicht gerecht wird. Wer Kissin einmal im Konzert erlebt hat, wird diesen Eindruck bestätigen.


    Besonders beeindruckend fand ich folgende Aufnahmen:




    Mit den Bildern habe ich Kissin live gehört. Ein Bild ist mir sehr lebhaft im Gedächtnis geblieben: Kissin wirkt jungenhaft-schüchtern, bis er sich an den Flügel setzt und zu spielen beginnt. Dann fällt alle Schüchternheit von dem Künstler ab, was Kissin aus dem Flügel herausholt ist unglaublich!


    Welche Aufnahmen von Kissin würdet Ihr empfehlen? Welche Eindrücke habt Ihr?


    Herzliche Grüße,:hello:


    Christan

  • hallo,


    ich habe evgeny kissin dreimal live erlebt und kenne den großteil seiner aufnahmen. zweifelsohne handelt es sich um eine jahrhundertbegabung und einen der bekanntesten pianisten des 21. jahrhunderts. erstaunlich sind seine manualtechnischen fähigkeiten. sein schumann und seine darstellung der bilder einer ausstellung sind packend und haben format. überhaupt besitzt kissin eine natürliche musikalität, seine interpretationen sind nicht auf analyse ausgerichtet. das wiederum begrenzt seine bedeutung für die interpretationsgeschichte der klaviermusik. seine darstellung der beethovenschen sturm-sonate ist pauschal und unreif. leider sind einige seiner aufnahmen übersteuert (z.b. brahms' paganini-variationen), so dass ich sie aus diesem grunde nicht gerne höre. insgesamt meine ich, dass kissin ein weltklasse-pianist ist, der keine neuen einblicke in die von ihm dargestellten werke bietet.


    gruß, siamak

  • Hallo Caesar und Siamak,


    inzwischen habe ich die o.g. Schumann-Aufnahme von Kissin gehört. Ganz sicher ist dieser Pianist einer der ganz Großen, ich selber bin viel zu sehr Laie, als dass ich hier irgendwelche Kritik üben möchte oder gar könnte.


    Ich kann im Grunde nur wiedergeben, was mein Gefühl mir beim Zuhören sagt. In meinen Ohren klingt das alles blitzsauber gespielt, virtuos eben. Aber darüber hinaus erreicht sein Klavierspiel mich nicht. Soll heißen: Es weckt in mir nicht den Wunsch, dass ich unbedingt mehr von diesem Pianisten hören möchte, weil er irgendetwas in mir tief emotional bewegt. Etwas pathetischer ausgedrückt: Meine Ohren fangen Feuer, aber meine Seele bleibt kalt. ;)


    Gruß, Cosima


  • ...Was, nur so wenig zu Kissin? das entspricht doch bei weitem nicht seiner Publizität. Oder liegen die Forianer quer zur öffentlichen Meinung?


    Ich gehöre zu den "abgekühlten" Kissin-Fans. Ich denke, der erwachsene Kissin hat nicht ganz eingelöst, was das Wunderkind "versprochen" hat. Gegen Kissins Technik und die Ausgefeiltheit seiner Interpretationen lässt sich rein garnichts einwenden. In bezug auf die emotionale Wirkung seines Spiels kann ich mich nur COSIMA anschließen:

    Zitat

    Ich kann im Grunde nur wiedergeben, was mein Gefühl mir beim Zuhören sagt. In meinen Ohren klingt das alles blitzsauber gespielt, virtuos eben. Aber darüber hinaus erreicht sein Klavierspiel mich nicht. Soll heißen: Es weckt in mir nicht den Wunsch, dass ich unbedingt mehr von diesem Pianisten hören möchte, weil er irgendetwas in mir tief emotional bewegt. Etwas pathetischer ausgedrückt: Meine Ohren fangen Feuer, aber meine Seele bleibt kalt.


    Auch ich bleibe beim Hören seiner Scheiben erstaunlich gelassen...


    Schöne Grüße!
    Daniel

  • Zitat

    Original von Daniel Behrendt


    Dass der Kissin-Thread auf vergleichsweise wenig Interesse stieß hat mich doch ein wenig überrascht. Für mich scheint Kissin zu den Künstlern gehören, deren Platten nur ein relativ schwacher Abglanz ihrer Präsenz auf dem Podium zu sein scheinen. In der Tat: Nimmt man seine Platten als Maßstab treffen Eure Beobachtungen durchaus zu- und ich muss gestehen: Mir ging es ähnlich bis ich Kissin einmal live erleben durfte.


    Auf dem Programm standen Busonis Bearbeitung von BWV 564 und die "Bilder einer Ausstellung". Kissin kühle Art der Interpretation bekam Bach ausgezeichnet. Bis zu diesem Zeitpunkt konnte ich noch keinen großen Untschied zwischen Kissins Platten und dem Kissin auf dem Podium erleben. Was sich allerdings rasch änderte als er Mussorgsky spielte. Auf einmal war von dem kühlen, schüchternen Jungen am Flügel nichts mehr zu sehen. Einen solchen Furor hätte ich ihm vorher nie zu getraut. Ich saß jetzt regelrecht elektrisiert auf der Stuhlkante. Und bis zum Finale steigerte sich Kissin regelrecht in einen Rausch. Ein unvergessliches Erlebnis.


    Dagegen wirkt die CD mit dem gleichen Progamm (allerdings im Studio produziert) kühl: technisch perfekt.


    Herzliche Grüße,:hello:


    Christian

  • Hallo Christian,
    ... übrigens: Kissin sieht nicht nur aus, wie ein schüchternes Jüngelchen - er lispelt auch wie eines! :D
    Kennst du diesen Porträt-Film über ihn? Als ich seine Stimme hörte, habe ich mich doch arg gewundert...


    Du hast mir die Live-Erfahrung voraus. Mag sein, dass er im Konzert unendlich überzeugender ist. Auf irgend etwas muss sich sein Ruhm schließlich gründen...


    Herzliche Grüße! :hello:
    daniel

  • Zitat

    Original von Caesar73


    Auf dem Programm standen Busonis Bearbeitung von BWV 564 und die "Bilder einer Ausstellung". Kissin kühle Art der Interpretation bekam Bach ausgezeichnet. Bis zu diesem Zeitpunkt konnte ich noch keinen großen Untschied zwischen Kissins Platten und dem Kissin auf dem Podium erleben. Was sich allerdings rasch änderte als er Mussorgsky spielte. Auf einmal war von dem kühlen, schüchternen Jungen am Flügel nichts mehr zu sehen. Einen solchen Furor hätte ich ihm vorher nie zu getraut. Ich saß jetzt regelrecht elektrisiert auf der Stuhlkante. Und bis zum Finale steigerte sich Kissin regelrecht in einen Rausch. Ein unvergessliches Erlebnis.


    Dagegen wirkt die CD mit dem gleichen Progamm (allerdings im Studio produziert) kühl: technisch perfekt.


    Hallo Christian,


    das ist genau auch meine Erfahrung (BTW mit demselben Programm, wo hast Du Kissin damit gehört?). Der Live-Eindruck ist bis heute unvergessen, während mich die Platte eher kalt lässt. Übrigens ganz im Gegensatz zu Lahusens neuer Aufnahme der Bilder (sorry, das muss jetzt noch hierher), die für mich eine absolut gleichwertige Ergänzung zu dem genauso starken Live-Eindruck ist. Kissins Spiel der Bilder auf der CD wirkt wirklich nicht sonderlich aufregend, eher ein wenig berechnet - ein Eindruck, den sein Auftritt (in Frankfurt, lange bevor ich wissen konnte, dass ich hier einmal leben würde) in keiner Sekunde hinterlassen hat.


    Beste Grüsse,


    C.

    Die wirkliche Basis eines schöpferischen Werks ist Experimentieren - kühnes Experimentieren! (Edgar Varèse)

  • Zitat

    Original von C.Huth


    das ist genau auch meine Erfahrung (BTW mit demselben Programm, wo hast Du Kissin damit gehört?). Der Live-Eindruck ist bis heute unvergessen, während mich die Platte eher kalt lässt.


    C.


    Lieber C.,


    gehört habe ich Kissin im Feierabendhaus der BASF in Ludwigshafen, es war im Juni 2001- wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht. Hm, Ich sehe schon, ich sollte Lahusens Einspielung auf meine Liste setzen. Aber gekauft wird erst im neuen Jahr :D


    Vale,


    Christian

  • Ich durfte Kissin dieses Jahr live erleben und war durchaus angetan.
    Jedoch war ich auch einwenig enttäuscht.
    Ich hatte mit einem unvergesslichen Erlebnis gerechnet, es blieb aber bei einem netten Abend.
    Nunja so viel zu Erwartung und Realität.


    Aber besonders sein Schumann hat mir gefallen.
    Der Beethoven war eher nicht so mein Fall; ist er aber auch selten.
    Da konnte mich bisher nur Rubinstein faszinieren.


    Kissin ist ja noch jung, ich bin gespannt wie er sich weiterentwickelt.
    Kommt Zeit kommt Rat :hello:

  • Also, bei Kissin gefallen mir besonders zwei Aufnahmen:


    - Schumann Fantasie und einige Liszt Etuden


    hier spielt Kissin die Fantasie wie kein anderer. Referenzaufnahme!!!


    - Kissin Carnegie Hall Debut


    naja, also wer diese Doppel CD nicht kennt, ist selbst dran Schuld :hello:
    Mit (ich glaube) 18/19 Jahren ist das eine fulminante Live Aufnahme.
    Schumann Abegg, Symph Etuden; Prokofiev Sonate; Liszt Liebestraum, Spanische Rhapsodie und Zugaben. V.a. die Prokofiev Etude haut einen wirklich vom Hocker.


    Grüße

    Die Dame des Hauses erhebt sich vom Klaviersessel: "Das war Siegfrieds Tod." Ein Zuhörer zu seinem Nachbarn: "Kann ich verstehen."

  • Kissin ist mir das erste Mal mit den "Bildern" begegnet, habe auch eine Konzertaufnahme davon gesehen. Auch ich meine, dass eine Abstempelung als
    reiner Virtuose ihm nicht gerecht wird. Die Schubert Sonate D960 zum Beispiel beweist für mich eindrucksvoll, dass in Kissin mehr steckt. Auch wenn von einigen die Tempiwahl kritisiert wird, so muss ich sagen, dass er mich mit dieser Aufnahme richtig berührt hat.

  • Liebe Taminos,


    eigentlich gibt es zwei Gründe diesen Thread wieder einmal hervorzukramen: Da wäre zum einen die neue CD des Pianisten, einem Chopin Recital im Rahmen des Festivals von Verbier; zum anderen ist mir bei der Durchsicht des Lieblingspianistenthreads aufgefallen, dass Kissin dort überhaupt nicht auftaucht. Jetzt kann man sich fragen, woran das liegt? Den aus den "Wunderkindjahren" ist Kissin ja inzwischen heraus und schlecht Klavier spielt er ja weiß Gott nicht.



    Polonaisen Nr. 1, 2,4, 6
    Impromptus Nr. 1-4
    Herzliche Grüße,:hello: :hello:


    Christian

  • Schaut man sich das Programm von Evgeni Kissins neuester CD an, so kann man sich schon fragen: War das wirklich notwendig? Liegen diese Stücke nicht schon in zweihundertfünzig anderen Interpretationen vor? Haben nicht schon Rubinstein, Horowitz, ABM etc. pp. nicht schon alles dazu "gesagt" was zu dieser Musik zu sagen ist:


    1. Polonaise in cis-moll, op. 26, 1.


    2. Polonaise in es-moll, op. 26, 2.


    3. Impromptu in As-Dur, op. 29.


    4. Impromptu in Fis-Dur, op. 36.


    5. Impromptu in Ges-Dur, op. 51.


    6. Fantasie-Impromptu in cis-moll, op. ph.


    7. Polonaise in c-moll, op. 40.


    8. Polonaise in As-Dur, op. 53.


    Alles schon tausendmal gehört, insbesondere Stücke wie die As-Dur Polonaise. Wer Arthur Rubinsteins Moskauer Konzert im Schrank hat könnte wirklich meinen: Warum eigentlich noch diese CD kaufen? Besser als Rubinstein kann´s Kissin auch nicht. Und damit hat er eigentlich gar nicht einmal unrecht. "Besser" als Rubinstein ist Kissin nicht- aber muss er das überhaupt sein? Einer der Gründe warum ich mir diese CD gekauft habe (einmal abgesehen von der Tatsache, dass ich Kissin für einen der derzeit bedeutendsten Chopin-Interpreten halte) war das Faktum, dass es sich um einen Livemitschnitt handelte. Und am meisten gepackt hat mich Kissin eben bei einem Livekonzert- damals allerdings mit Mussorgsky´s Bildern. Auf seinen CD´s hatte ich diese Spontanität, diese völlige Risikobereitschaft immer ein wenig vermisst, da schien es als spiele Kissin mit "angezogener Handbremse" (Die Metapher ist ein wenig schief, ich weiß) Auf diesem Chopin-Recital habe ich sie wiedergefunden. Kissin versteht es mindestens ebenso schön auf dem Flügel zu singen wie Rubinstein, seine Rubati wirken keinen Moment gesucht, alles wirkt organisch, spontan- und keine Spur parfümiert. Man hat das Gefühl: Ja, so muss es sein. Rubinstein oder Kissin? Missen möchte ich keinen von beiden.


    Herzliche Grüße,:hello: :hello:


    Christian

  • Zitat

    Original von Caesar73
    Schaut man sich das Programm von Evgeni Kissins neuester CD an, so kann man sich schon fragen: War das wirklich notwendig? Liegen diese Stücke nicht schon in zweihundertfünzig anderen Interpretationen vor? Haben nicht schon Rubinstein, Horowitz, ABM etc. pp. nicht schon alles dazu "gesagt" was zu dieser Musik zu sagen ist:


    Christian


    Das ist generell so. Deshalb kaufe ich mir diese CD auch nicht. Dann gehe ich doch lieber zu einem Livekonzert (ist besser als jede CD - und nicht unbedingt nur bei Kissin).
    Ich frage mich sowieso, warum jeder die ganzen bekannten Sachen einspielen muss. Reicht es nicht schon, oder was kann man sich neuartig versprechen? Die meisten spielen "Mainstream", das ist langweilig :stumm: :stumm: :stumm:
    Jedenfalls: Ein Hamelin, spielt nicht nur schwere Sachen, sondern auch unbekannte. Da lohnt sich die CD und es macht einfach nur Spaß, weil man auch nicht von vielen Referenzaufnahmen zugemüllt oder - milder gesagt - (vor-)beeinflusst ist.


    Viele Grüße

    Die Dame des Hauses erhebt sich vom Klaviersessel: "Das war Siegfrieds Tod." Ein Zuhörer zu seinem Nachbarn: "Kann ich verstehen."

  • Vor wenigen Wochen habe ich Kissin in einem Konzert in München gehört. Mein Eindruck ist zwiespältig!


    Das Programm startete mit Schuberst früher Es-Dur Sonaten. Kissin spielte bemüht aus diesem Werk etwas beodneres herauszuholen. Sein Spiel wirkte etwas künstlich! Ewas besser gelang ihm die Beethoven Variationen c-moll. Mit Wucht und Dramatik pinselte er jede Variation hin. Brahms Interemzzi op. 118 waren dynamisch abgestuft und druchaus lieblich gespielt. Mir fehlte aber etwas Fülle (der "Brahms-ton"). Das Finale war dann Chopins Andante spianato et Grand Polonaise op.22. Kissin spielte brilliant und mit einem untrüglichen Gespühr für Chopins Musik. Auch wenn ich nicht genau bennen kann, was mir an diesem Abend nicht gepasst hat, so blieb der Eindruck des "Rutinierte Virtuosen".


    Kissin ist und bleibt eine enorme Begabung; nie langweilig, aber oft zu routiniert. Es fehlt das Risiko!


    Habt ihr andere Konzerterlebnisse?


    LG
    NIko

  • "[...]interviewer: auch genies wie der russische pianist jewgenij kissin haben beethoven von beginn an gespielt.
    interviewter: kissin ein genie? das mag ihre meinung sein, nicht meine. wenn er das ist, wie definieren sie dann mozart?[...]"
    (quelle: profil 5/07)
    :beatnik:

  • An mein letztes Livekonzert mit Kissin - ein paar Jahre ists her - habe ich schlechte Erinnerungen.


    Das fing schon mit Begleitumständen zusammen, für die er nix konnte. Das Publikum war allerdings deutlich in Richtung einer Gesellschaftsschicht verschoben gewesen, die offenbar meint, gutes Benehmen durch eine locker sitzende, goldene Klammer, die das Geldbündel zusammen hält, ersetzen zu können. Ich stand gut zwei Stunden an der Abendkasse an, selten gab es so viel Streit und vor allem soviel Versuche, sich vorzudrängeln. Beim Einlass ins Kassenfoyer blieb mir nichts anderes übrig, als mit massivem Ellenbogeneinsatz Vordrängler von selbigem abzuhalten. Auch im Konzert selbst war es unruhig, wie selten. Ca. 5 Jahre davor verlief dagegen ein Kissin-Konzert am selben Ort noch vollkommen normal.


    Der musikalische Ertrag des Abends war äußerst zwiespältig:


    Er begann mit Schubers letzter Klaviersonate D960. Der Kopfsatz kam nie richtig in Fahrt, ich fragte mich damals, ob Kissin auf der Suche nach dem richtigen Tempo sei, so schien er im endlosen Rubato die Übergänge auszukosten. Einige Tage später rügte ein Radiokritiker anlässlich einer Neueinspielung der Sonate von Kissin genau dieses Treiben, und nannte es "Brendeln". Nun, obwohl ich Brendels hochgelobten Schubert meist nicht viel abgewinnen kann, habe ich so etwas merkwürdiges dann doch noch nie bei ihm gehört.
    Das Werk plätscherte so dahin. Den Mittelteil des Konzertes habe ich - bezeichnenderweise - vergessen, am Ende stand der Mephistowalzer Nr. 2 von Liszt, in dem Kissin Kraft seiner immensen Virtuosität deutlich mehr überzeugen konnte. Die Zugaben setzten das Bild fort. Ein Schubert-impromptus (D899 Nr. 3) war einfach nur langweilig, die ungarische Rhapsodie Nr. 6 von Liszt dagegen wieder ungemein packend.


    Ich gebe zu, nach diesem Konzert ist mein Interesse an diesem Pianisten deutlich geschwunden, ich warte auf die Aufnahme, mit der er mich wieder mehr beeindruckt.


    Gruß
    Sascha

  • Zitat

    Original von scriabin007


    Kissin ist und bleibt eine enorme Begabung; nie langweilig, aber oft zu routiniert. Es fehlt das Risiko!


    Habt ihr andere Konzerterlebnisse?


    Im Konzert habe ich Kissin erst einmal live gehört, aber das war - wie ich weiter oben schrieb- wirklich ein Erlebnis der besonderen Art. Bei den "Bildern einer Ausstellung" ging Kissin volles Risiko, kein Vergleich zur Platte! Keine Spur von Routine.


    Ich finde seine letzte CD -ein Livemitschnit vom Verbier-Festival 2004- lässt etwas von diesem Kissin ahnen. Es handelt sich hier nicht um einen Zusammenschnitt von verschiedenen Abenden (was ja leider häufig der Fall ist, wenn "Live" auf dem Etikett steht) sondern um den einen Mitschnitt dieses Abends. Geplant war diese Veröffentlichung wohl zunächst nicht. Kissin fand aber seine eigene Leistung offenbar so gelungen das er SONY-BMG riet den Mitschnitt zu kaufen, was seine Plattenfirma ja offenbar auch getan hat. Und ein Beleg dafür, dass Chopin zu den Komponisten gehört, die Kissin zu liegen scheinen. Auch wenn man über den Repertoirewert der CD streiten kann. Seine Schubert CD mit D 960 kenne ich nicht, allerdings gehen die Meinungen über die Aufnahme auseinander, Hosiannah und kreuziget ihn! Ich könnte mir allerdings vorstellen dass ihm das "hochromantische" Fach besser liegt: Schumann, Chopin, Liszt etc. Auf der anderen Seite verstehe ich, wenn er nicht immer nur auf diese Nische festgelegt werden möchte. Da befindet er sich ja in guter Gesellschaft: Auch Horowitz hat sich ja immer wieder an Beethoven versucht, mit zwiespältigen Ergebnissen.


    Herzliche Grüße,:hello::hello:


    Christian

  • Hallo


    Ich kann darüber nur den Kopf schütteln. Mit D960 ein Konzert beginnen......


    Aber was soll auf der anderen Seite ein Virtuose machen, wenn er das Werk bringen will? Am Ende kann man danach keine Zugaben mehr spielen. Ging es nach D960 wenigstens in die Pause?


    :hello:

  • Hallo Christian,


    Das finde ich interessant! Vielleicht bestätigt sich ja Dein Eindruck beim nächsten Kissin-Konzert, dass ich besuchen kann! Bei Chopin und Schumann scheint Kissin auch einen unmittelbareren Zugang zum Werk zu haben als bei Beethoven, Schubert und Brahms! Doch auch hier müssen wir diesem immer noch jungen Künstler die Zeit geben, sich zu entwickeln! Schließlich ist Backhaus auch erst im Alter als ein großartiger "Beethoveninterpret" hervorgetreten!


    Gruß
    Niko

  • Könnte dieses Konversationsthema weiter geführt werden?


    Es wäre gut! Vielleicht habt Ihr neue Eindrücke, vielleicht hat ihn jemand in letzter Zeit auch live gehört usw. Vielleicht hat jemand eine Empfehlung: was sollte man von ihm haben?


    Ich habe ihn nur im Radio gehört. Und im YouTube - wo er, wohl als Zugabe nach einem Konzert, einen Teil aus der Computerspielmusik des Japaners Nobuo Uematsu spielt: ein schönes Zeichen dafür, wie offen er für die verschiedensten Richtungen ist, oder ein verdächtiges Zeichen dafür, wie er sich seinem (jungen) Publikum anpassen möchte, oder ein sympathisches Zeichen dafür, wie er bestrebt ist, das erhabene Publikum aus der Fassung zu bringen ???


    :hello: KP


    [SIZE=7](Zum Streichen:
    Liebe Moderatoren, bitte, korrigiert das Link bei diesem Konversationsthema auf dem Portal. Wenn man unter "Themen, die weitergeführt werden wollen" auf dieses Thema klickt, erscheint ein Block mit Geigenvirtuosen. Danke.)[/SIZE]

  • Vor wenigen Wochen habe ich Kissin in einem Konzert in München gehört. Mein Eindruck ist zwiespältig!


    Das Programm startete mit Schuberst früher Es-Dur Sonaten. Kissin spielte bemüht aus diesem Werk etwas beodneres herauszuholen. Sein Spiel wirkte etwas künstlich! Ewas besser gelang ihm die Beethoven Variationen c-moll. Mit Wucht und Dramatik pinselte er jede Variation hin. Brahms Interemzzi op. 118 waren dynamisch abgestuft und druchaus lieblich gespielt. Mir fehlte aber etwas Fülle (der "Brahms-ton"). Das Finale war dann Chopins Andante spianato et Grand Polonaise op.22. Kissin spielte brilliant und mit einem untrüglichen Gespühr für Chopins Musik. Auch wenn ich nicht genau bennen kann, was mir an diesem Abend nicht gepasst hat, so blieb der Eindruck des "Rutinierte Virtuosen".


    Kissin ist und bleibt eine enorme Begabung; nie langweilig, aber oft zu routiniert. Es fehlt das Risiko!

    Interessant, ich habe das Konzert auch gehört damals und war danach ähnlich unbefriedigt. Der Chopin hat mir am meisten zugesagt. Ich denke, ich hätte ihn lieber mit anderem Repertoire gehört. Leider war das das einzige Mal, dass ich Kissin live erlebt habe.


    Was seine CDs angeht, so hat mich folgendes am meisten überzeugt: Einige Werke von Chopin (nicht alles, manches ist mir etwas zu kitschig-verklärt geraten, etwa der Trauermarsch in der zweiten Sonate). Die Preludes mag ich von ihm, auch seine Polonaisen und Walzer.
    Seine neuen Aufnahmen der Mozart-Konzerte (No. 20, 24, 27) haben mich positiv überrascht. Ich wollte sie erst mit dem Gedanken "Och, ich brauch keine x-te Aufnahme von Standardrepertoire anhören" meiden und bin froh dass ich doch zugegriffen habe.
    Auch mit Prokofiev Soloklavier-Werken hat er mich überzeugt.
    Am meisten jedoch habe ich immer seine Liszt-Interpretationen gemocht und daran hat sich im Grunde auch nicht viel geändert. Ich empfehle da besonders dieses Album, das einen tollen Querschnitt durch seine frühen Liszt-Aufnahmen bietet:


    Das ist wirklich toll. Er spielt ein paar wunderbar ausgeleuchtete Schubert-Lied-Transkriptionen, die spanische und 12. ungarische Rhapsodie, eine meiner Lieblingsaufnahmen des dritten Liebestraums (und den hat ja wirklich jeder etwa fünf mal eingespielt... hier ist er genau mach meinem Geschmack geraten. Nicht zu kitschig und nicht zu kühl) und vor allem die transzendentalen Etüden. Auf diesem Album sind leider nur die letzten drei, also No.10-12, die aber zu meinen liebsten gehören und die ich sogar lieber mag als die Chopin-Etüden (darf man das laut sagen? Zumindest leise zu schreiben traue ich es mich...) wenn sie denn gut gespielt sind. Und das sind sie hier. Auf einem anderen Album hat er No.5 und 8 noch dazu eingespielt, aber die haben wohl leider nicht mehr auf diese Sammlung gepasst.

  • Vielen lieben Dank, SoundEffect, für das Hervorkramen dieses Threads, den ich bisher noch nicht entdeckt habe.

    Dass der Kissin-Thread auf vergleichsweise wenig Interesse stieß hat mich doch ein wenig überrascht. Für mich scheint Kissin zu den Künstlern gehören, deren Platten nur ein relativ schwacher Abglanz ihrer Präsenz auf dem Podium zu sein scheinen. In der Tat: Nimmt man seine Platten als Maßstab treffen Eure Beobachtungen durchaus zu- und ich muss gestehen: Mir ging es ähnlich bis ich Kissin einmal live erleben durfte.

    Ich habe früher jede ausufernde Form von Bewunderung für einen Künstler ein wenig belächelt - bis ich vor ca. 15 Jahren Kissin bei einem Konzert, in das ich eher zufällig geraten bin, erlebt habe. Du hast vollkommen Recht, Caesar73: Hört man seine CDs, deutet kaum etwas auf seine fast schon magische Präsenz im Konzertsaal hin. Er wirkt wie entrückt, wenn er spielt - und schafft es mehr als jeder andere Pianist, das Publikum zu andächtigen bzw. mitgerissenen Zuhörern zu machen!



    Was ich ebenfalls sehr an ihm schätze (das habe ich in einem anderen Thread schon beschrieben): Kissin spielt, bis auch der letzte Konzertbesucher aufgehört hat, zu applaudieren. So viele Zugaben habe ich bei keinem anderen Pianisten erlebt. Damit zeigt er m.E. nicht nur, wie sehr ihn das Klavierspiel erfreut, und er diese Freude mit anderen Menschen teilen will , sondern auch seinen großen Respekt vor dem Publikum, das vielleicht nicht immer das Geld für die teuren Konzertkarten so locker sitzen hat.


    Am meisten jedoch habe ich immer seine Liszt-Interpretationen gemocht und daran hat sich im Grunde auch nicht viel geändert.

    Ich kann Dir da unumwunden zustimmen. Daher freue ich mich ganz besonders auf das Kissin-Konzert am 01.02.2011 hier in Düsseldorf: Er wird ein reines Liszt-Programm spielen, u.a. zwei Stücke aus den "Années de Pèlerinage", die ich sehr liebe.

  • In der Dokumentation über Karajan die Woche sah man auch das berühmte Konzert in Salzburg und erinnere mich des Rummels um das "Wunderkind" und auch einer Reportage im Fernsehen seinerzeit! Irgendwie habe ich aber das Gefühl, dass der Mann nicht die Karriere gemacht hat, die man ihm prophezeite; bei mir spielt er jedenfalls kaum eine Rolle.

  • Irgendwie habe ich aber das Gefühl, dass der Mann nicht die Karriere gemacht hat, die man ihm prophezeite; bei mir spielt er jedenfalls kaum eine Rolle.

    Wie definierst du eine Karriere? Er hat seit vielen Jahren einen dicht gefüllten Konzertkalender und bereits 45 Platten eingespielt, die durchwegs hohe bis höchste Bewertungen erreichen. Du bemerkst offenbar nur, dass der introvertierte Kissin eben kein Typ für die Medien ist und Information über ihn ein wenig gesucht werden muss.


    :hello:

  • Wie definierst du eine Karriere? Er hat seit vielen Jahren einen dicht gefüllten Konzertkalender und bereits 45 Platten eingespielt, die durchwegs hohe bis höchste Bewertungen erreichen. Du bemerkst offenbar nur, dass der introvertierte Kissin eben kein Typ für die Medien ist und Information über ihn ein wenig gesucht werden muss.


    :hello:


    Das würde ja für ihn sprechen und ihn für mich wieder interessanter machen! 8-)