Das Auge hört mit - - ?

  • Ja - ich hab mir gedacht, daß der Threadtitel neugierig machen wird.
    Es geht hier nicht etwa um die Oper, wo das ja bis zur Einführung des Regietheaters selbstverständlich war, daß man als Opernbesucher den musikalischen Genuss noch optisch versüßt bekam - sondern um die Frag, inwieweit der Optische Eindruck , den ein Dirigent oder eine Streichquartettformation dem Publikum bietet, sich auf den musikalischen Eindruck auswirkt - und inwieweit es "legitim" ist diesen Eindruck zu bewerten.
    Auch Tonträger geht diese Zusatzinformation ja verloren, man hat hier in der Vergangenheit zumeist den Maestro in effektvoller Pose, sei es tief versunken, sei es elegant dirigierend, oder in voller Extase mit dem Staberl fuchtelnd - am Cover abgebildet. So hat man zumindest eine teilweise Suggestion des Publikums erreicht - die über eine reine Audioquelle nicht in dieser Form erzielt werden kann.
    Anders schaut das schon im Konzertsaal aus, wo auch noch die Stimmung hinzukommt, die das Publikum mitbringt - quasi als "Mitinterpret" - Oder aber auf Video: Waren die ersten Videoaufzeichnungen noch in Schwarz-Weisse - später in Farbe, so fehlte dennoch stets der Live-Eindruck, Das ist inzwischen anders geworden. Die Mimik des Dirigenten wird ultrascharf übermittelt, die einzelnen Orchestermitglieder bestens ins rechte Licht gesetzt.
    Und nun zur Kernfrage: Glaubt ihr, daß die Wirkung verstärkt wird, wenn man die Ausführenden auch "sieht" - oder ist das eher störend ?


    Ich wurde durch die Bemerkung eines Tamino-Mitglieds zu diesem Thread angeregt, das da meinte, Kammermusik sei unvergleichlich eindrucksvoll, wenn man die Ausführenden aus nächster Nähe betrachten könne...
    Ein Standpunkt der meiner Meinung nach durchaus etwas für sich hat...


    mfg aus Wien
    Alfred


  • Zitat

    die einzelnen Orchestermitglieder bestens ins rechte Licht gesetzt.



    Es ist purer Zufall, dass ich gerade an einer Stelle lese, wo beschrieben wird, wie Herbert von Karajan seine Filme fertigte – hier ein Zitat aus der Biografie von Roger Vaughan:
    „Gelegentliche Aufnahmen von Solo-Instrumenten nahmen in jedem Film vielleicht fünf Minuten ein. Wohlgemerkt Instrumente – keine Gesichter. Man sieht vielleicht den Mund eines Spielers oder seine Hände, doch nie sein Gesicht.“

  • Das dürfte Karajans Ästhetik entsprochen haben. Daher gefiel ihm die m. E. revolutionäre Filmaufnahme der "Pastorale" von Niebeling aus den späten 60ern auch gar nicht, da sie das Orchester zu sehr in den Mittelpunkt stellte. Die Kamerafahrten sind aber derart genial, daß man es für eine Aufnahme von gestern halten könnte. Dagegen sind seine späten Videos bieder und langweilig in Szene gesetzt, den Fokus immer deutlich auf den Dirigenten gerichtet, sich mit zunehmendem Alter immer mehr steigernd.


    Ich sehe Dirigenten schon auch mal gern im Film, vor allem bereits verstorbene, die man ja nicht mehr live erleben kann. Aber ein absolutes Muß ist es für mich nicht. Dennoch bin ich froh, daß Filmdokumente von Dirigaten von Knappertsbusch, Furtwängler, Klemperer, Horenstein, Böhm und anderen existieren.

  • Ich sehe vermutlich zu schlecht... ich habe wenig Interesse an Konzert-DVDs, finde die ständigen Perspektivenwechsel eher ablenkend. Im Konzert sieht man die Solisten ja nicht von so nahe. Natürlich mache ich im Konzert nicht die Augen zu. Aber das Live-Erlebnis hat für mich nicht so viel damit zu tun, wer wann was an welchem Instrument macht.
    Außer Opern sind großbesetzte Chorwerke wie Bachs Passionen usw. aus irgendeinem Grund die Stücke, die mir live meist besser gefallen als von Konserve. Kammermusik habe ich seltener live erlebt. (Wobei ich insgesamt nicht sehr oft ins Konzert gehe, da in der Provinz) Obwohl ein live-Erlebnis immer etwas besonderes ist, unabhängig von der Musikgattung, tendiere ich dazu, dass Kammermusik am wenigsten einbüßt, wenn man sie auf Konserve hört.

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Ich wurde durch die Bemerkung eines Tamino-Mitglieds zu diesem Thread angeregt, das da meinte, Kammermusik sei unvergleichlich eindrucksvoll, wenn man die Ausführenden aus nächster Nähe betrachten könne...
    Ein Standpunkt der meiner Meinung nach durchaus etwas für sich hat...


    Ich meinte das allerdings eher von der anderen Seite: das Betrachten sozusagen als Krücke, die es erleichtert, all das zu bemerken und aktiv aufzunehmen, was sowieso in der Musik und ihrer Interpretation vorhanden ist. Das Wesentliche wäre also die Musik, die alle notwendigen "Informationen" selbst enthält, während die optische Komponente sozusagen Signale gibt, wann man genau hinhören sollte.
    In diesem Sinne würde ich das auch nur auf Klavier- und Kammermusik beziehen, auf Orchestermusik höchstens stark abgeschwächt.



    Viele Grüße,
    Frank.

  • So empfinde ich es auch, das Bild vermag die Wirkung der Musik noch zu steigern.
    Ich habe es gestern im Thread ´Wege aus der Regietheaterkrise´ erwähnt.


    Als Beispiel möchte ich den 3. Akt des Tristan in der Regie von Ponnelle nennen.


    Die schweren Wolken, die anthrazit-farbene, düstere Kulisse geben dem Beginn des Aktes schon den Grundton.


    Der Ausklang ist nicht weniger suggestiv: Isoldes Liebestod im Rembrandt-Licht.


    Das Auge hört mit, möchte ich sagen, klingt hier eher wie eine Untertreibung.

  • Das sehe ich heute etwas anders. Die Wiedergabequalität der neuen DVDs ist so hervorragend, dass sie der CD nicht nachsteht. Von Ausnahmen abgesehen. Wenn ich die gleiche Aufnahme, sei es Orchestermusik-Sinfonien, Klaviermusik mit und ohne Orchester, Violinkonzerte, -sonaten uva. in gleicher Besetzung auf Konserve habe, greife ich immer zur DVD. Gestern lief auf rbb Barenboim mit Beethovens 5. Klavierkonzert (Klavier und Dirigent), das muss man gesehen haben, hören allein reicht nicht, um sich wirklich einen Gesamteindruck zu verschaffen. Man wird auch nicht abgelenkt, im Gegenteil, man bekommt genau mit, ob alles passt, beim Solisten, dem Orchester und dem Dirigenten. So jedenfalls empfinde ich es.


    LG, Bernward


    "Nicht weinen, dass es vorüber ist
    sondern lächeln, dass es gewesen ist"

    Waldemar Kmentt (1929-2015)


  • Hallo,


    bei Orgelmusik nie - und das liegt nicht daran, dass es meist schon gar nicht möglich ist.


    Was unterscheidet Musik auf der Orgel gespielt so sehr von z. B.Musik auf dem Klavier gespielt?


    Wenn bei einem Musikstück der Tenor auf der technischen und schwierigen Raffinesse liegt, mag der optische Eindruck für den "Tastenakrobaten" schon wertvol sein; in der Interpretation "einfacher " Werke liegt meist die Kunst. l


    Was bringt die "Filmregie" des HvK? Eine Verdeutlichung der Verständnis des Werks oder die der
    Interpretation?


    Wenn ich für den adäquaten Klang von z. B. dem "Blech" im Orchester den optischen Eindruck/die räumliche Ortung brauche, oder mich der Blecheinsatz regelrecht "erschlägt", stimmt etwas mit der Klangbalance nicht, live durch den Dirigenten zu beeinflussen, bei der Konserve eine Frage der Tontechniker.


    Viele Grüße
    zweiterbass

    Wer die Musik sich erkiest, hat ein himmlisch Gut bekommen (gewonnen)... Eduard Mörike/Hugo Distler

  • Hallo,


    bei Orgelmusik nie - und das liegt nicht daran, dass es meist schon gar nicht möglich ist.


    Das ist sehr wohl möglich. Ein Freund ist der Kantor der Duisburger Hauptkirche (Salvator); wenn er ein Orgelkonzert gibt, wird das auf eine Leinwand übertragen, also Tastatur, Hände und Füße. Man kann hinschauen, muss aber nicht.


    In der Oper liebe ich die Plätze im Rang, meist an der Seite. Man hört dort besser als im Parkett, außerdem liebe ich es, das Orchester bei der Arbeit zu sehen. Das allerdings ist nicht immer erfreulich, wenn man sieht, wie manche Musiker tuscheln, Romane oder Zeitung lesen. Mancher Klang erschließt sich auch besser, wenn man weiß, welche Instrumente da spielen, z.B. im Schlagwerk oder eine Celesta. Besonders schön ist es, wenn man bei einem alten Stück unglaublich interessante Instrumente entdeckt wie Chitarrone oder Theorbe.


    Es ist immer witzig zu sehen, wie die Dirigenten in der Oper nicht halb so viel herumgestikulieren, weil sie wissen, dass kaum jemand sie sieht; da lohnt sich die Show nicht.

    Ihr absolviert diese Stelle wie ein Intercity auf einer schwer zu nehmenden Weiche (mein verstorbener Chordirigent Johannes Glauber aus Essen)

  • Also erst mal: Bernward! Diese Haartolle, diese Fliege!


    Aber mal im Ernst: Ich finde den optischen Teil bei einem Konzertbesuch als sehr bereichernd. Manchmal höre ich erst dann, wie bestimmte Töne überhaupt entstehen. Manchmal habe ich bei einigen Stellen andere Instrumente erwartet. Dann finde ich es immer wieder schön, überhaupt das Zusammenspiel zu sehen, wie aus einem realitven Chaos Ordnung entsteht, diese kleinen Informationsaustausche zwischen den Musikern. Überhaupt die Instrumente zu sehen. Da sind ja auch schon mal welche dabei, die ich gar nicht kenne. Ich weiß noch, als da zum ersten Mal eine Celesta stand. Unbekannt.
    Weiter: eine schöne Cellistin ist doch ein Augenschmaus als solcher.
    Der Dirigent zeigt auch mir, was er da gerade herausarbeiten will.


    Leider haben die meisten Kameraleute oder Regisseure keine Ahnung von ORCHestern und kleben da auf irgendwelchen Fingern oder was weiß ich. Das funktioniert nur sehr selten. (Was habe ich mich früher als Rockbassist geärgert über diese Kameras, die bei den Saiteninstrumenten immer die rechte Hand zeigten, wo mich doch die Griffe interessierten, anstattdessen: schrummelnde Plektrons). Da besteht noch eine Menge Verbesserungsmöglichkeit. Aber immer noch besser als garnichts.
    Und gans ehrlich: Manchmal finde ich nur Hören auch langweilig.
    Tschö
    Klaus

  • Das sehe ich heute etwas anders. Die Wiedergabequalität der neuen DVDs ist so hervorragend, dass sie der CD nicht nachsteht. Von Ausnahmen abgesehen. Wenn ich die gleiche Aufnahme, sei es Orchestermusik-Sinfonien, Klaviermusik mit und ohne Orchester, Violinkonzerte, -sonaten uva. in gleicher Besetzung auf Konserve habe, greife ich immer zur DVD. Gestern lief auf rbb Barenboim mit Beethovens 5. Klavierkonzert (Klavier und Dirigent), das muss man gesehen haben, hören allein reicht nicht, um sich wirklich einen Gesamteindruck zu verschaffen. Man wird auch nicht abgelenkt, im Gegenteil, man bekommt genau mit, ob alles passt, beim Solisten, dem Orchester und dem Dirigenten. So jedenfalls empfinde ich es.


    Jawohl, dem ist wenig hinzuzufügen. Deshalb bedauere ich es, dass der entsprechende Thread, was höre/sehe ich gerade auf DVD, so vor sich dahindümpelt. Die Aufnahmequalität hat sich in den letzten Jahren erheblich verbessert. Auf einer alten Oistrach-DVD sieht man kaum das Orchester, fast immer nur den Geiger in Großaufnahme. Das ist zu wenig. Was mir nicht gefällt, ist wenn man beim Pauker nur die Hände, beim Bläser nur Mund und Hände sieht, ich will die ganze Person wahrnehmen. Zuletzt habe ich mir das Neujahrskonzert der Wiener angetan und da bekommt man auch so schön die Atmosphäre des Konzertes mit. Und die DVD kostet nur einen ganzen Euro mehr als die CD, da habe ich doch viel mehr davon. Wenn sich nach fast jedem Stück die beiden ersten zweiten Geiger so angeregt unterhalten, naja das ist ein bisschen wie live.
    Mittlerweile ist auch der Dirigent im allgemeinen sehr gut im Bilde, so das man erkennen kann, mit welchen Mitteln = Bewegungen oder Mimik er was für Ergebnisse erzielt. Für mich gibt die Körpersprache der Musiker unglaublich viel und die Musik wird mir dadurch transparenter. Für die Oper gilt das noch mehr, da es dort eine Handlung gibt, die man nachvollziehen will. Natürlich nur, wenn die Regieleistung überzeugt, wenn nicht, dann kommt das Gegenteil dabei heraus.


    Allerdings muss ich nicht immer das Bild haben. Lese ich in der Partitur mit, dann kann ich mich schlecht auf beides konzentrieren. Oder ich will einfach nur die Musik genießen, dann tuts natürlich die CD sehr gut. Sowohl bei Oper als auch beim Konzert.


    Mit besten Grüßen


    :hello:


    Manfred

  • Und nun zur Kernfrage: Glaubt ihr, daß die Wirkung verstärkt wird, wenn man die Ausführenden auch "sieht" - oder ist das eher störend ?


    Ich wurde durch die Bemerkung eines Tamino-Mitglieds zu diesem Thread angeregt, das da meinte, Kammermusik sei unvergleichlich eindrucksvoll, wenn man die Ausführenden aus nächster Nähe betrachten könne...
    Ein Standpunkt der meiner Meinung nach durchaus etwas für sich hat...


    Eine Frage, die mir eigentlich überhaupt nicht behagt, wird hier aufgeworfen, da ich der Ansicht bin, dass von der Musik nichts abzulenken hat bzw. dass man sich als Hörer - sei es im Konzert oder auch zu Hause - von nichts ablenken lassen soll. Jede Ablenkung mindere die Konzentration des Hörers.


    Neulich wurde ich eines Besseren belehrt.


    Im Großen Saal der Frankfurter 'Alten Oper' fand am 17. Februar ein Konzert des Sinfonieorchesters des Hessischen Rundfunks statt, dirigiert von Paavo Järvi. Vor der Pause gab es Strawinskys 'Feuerwerk' op. 4 und Mozarts 'Jupiter-Sinfonie', im zweiten Teil folgte Prokofievs 'Sinfonisches Konzert für Violoncello und Orchester' e-moll op. 125 - ein Werk, das ich sehr liebe. Hier spielte die amerikanische Cellistin Alisa Weilerstein den Solopart. Ich saß an diesem Abend in der 6. Reihe Mitte - also ziemlich genau in der Sichtachse der Solistin. Das Irritierend-Spannende an Weilersteins Auftritt war die Mimik, mit der sie das gesamte Werk während ihres Spiels begleitete. Sie durchlitt und durchbebte Prokofievs Werk, dass man fast von einer parallel verlaufenden, auf die Musik abgestimmten pantomimischen Wiedergabe von Prokofievs Musik sprechen kann.


    Manche werden das als manieriert empfinden - ich in der Regel ja auch. Ich mag es eigentlich nicht, wenn Künstler während der Aufführung mit so körperlicher Expressivität die musikalische Rede 'stören'.


    Doch an diesem Abend verstärkte Weilersteins Art des 'Mitgehens' mit der Musik das musikalische Erleben nur noch. Ich war von der Musik nicht abgelenkt, ich bekam alles mit, es hatte etwas wirklich Faszinierendes.


    Grüße,


    Garaguly

  • Weiter: eine schöne Cellistin ist doch ein Augenschmaus als solcher.


    :thumbup:


    Als ich den Thementitel in der Übersicht las, ging mein erster Gedanke auch in genau diese eine Richtung...
    Doch dann sah ich, wer das neue Thema eröffnet hatte: Derart Oberflächliches wagte ich dann Alfred doch nicht zuzutrauen.


    Aber im Ernst: Ich denke, man kann auch diesen Aspekt nicht ganz außer Acht lassen. Man möge die 'seriösen Klassikkreisen' übliche Medienschelte, heutige Junginterpreten würden nur über ihr Aussehen und ohne Ansehen ihres Könnens vermarktet, bitte einen Moment beiseite stellen.
    Wer von sich aufrichtig zu behaupten vermag, bei einer künstlerisch gleichwertigen Interpretation sagen wir, zweier Pianistinnen, nicht die attraktivere der Beiden quasi instinktiv - ja es sind wirklich unsere Instinkte - vorzuziehen, dem zolle ich höchste Achtung. (Wenngleich ich nicht mit ihm tauschen möchte, in der Kunst gönne ich mir das rein sinnliche Empfinden, ohne jeden Anspruch an Objektivität...)
    Kunsterfahrung ist immer ein Zusammenspiel verschiedener Wahrnehmungsfaktoren, so wie die Beschaffenheit eines Raumes den Genuss eines Musikerlebnisses zu zu beeinflussen vermag, wirken sich, davon bin ich überzeugt, ohne dass es der Rezipent bewusst zuzulassen bereit ist, auch Äußerlichkeiten der Musiker (sogar des Publikums?) auf die individuelle Wahrnehmung aus.


    Man kann das sicher als 'unprofessionell' ansehen, doch es ist, so denke ich, eben auch eine der Facetten des unmittelbaren Musikerlebens, das nicht zuletzt daraus seinen Reiz erhält, im Gegensatz zum Tonträger. (Ach ja, Alfred brachte ja hier das Cover in Erwähnung: Der Maestro in Szene gesetzt, eine Praktik aus vergangenen Zeiten? Heute sind es wohl eher die Solisten..?)

  • Glaubt ihr, daß die Wirkung verstärkt wird, wenn man die Ausführenden auch "sieht" - oder ist das eher störend ?



    Grundsätzlich finde ich, dass die Wirkung von Musik im Konzertsaal immer verstärkt wird. Dazu gehört auch die Optik. Schostakowitsch, Mahler oder Bruckner höre ich am liebsten live. Ihre Werke brauchen zwingend den Raum. Aber das ist ja nicht das Thema.


    Ich erinnere mich lebhaft - als sei es gestern gewesen - an ein Wagner-Konzert mit den Münchener Philharmonikern unter Celibidache in der Hamburger Musikhalle. Das war einer der Dirigenten, die man unbedingt sehen musste. Ich kaufte mir extra eine Karte für den ersten Rang Seite, ganz an der Wand. Akustisch ist das vielleicht nicht der beste Platz, im Falle Celibidache aber war es der allerbeste. Ich konnte genau sehen, wie dieser charismatische Mann Musik entstehen ließ als würde sie just im Momet der Aufführung erst geschaffen. Es war magisch und bleibt mir als eines meiner größten musikalischen Erlebnisse unvergessen. Ähnliches empfand ich bei einer Aufführung der 8. Sinfonie von Bruckner in der Berliner Philharmonie durch Wand. Auch hier kaufte ich meine Karte nach optischen Gesichtspunkten, nämlich auf den Chorplätzen hinter dem Orchester. Wie dieser alte, zarte und schon hinfällige Mann dieses gigantische Werk mit sparsamen Geste zum Klingen brachte, hat die Wirkung seiner Deutung um vieles gesteigert. Die CD hat diese zusätzliche Dimension nicht zu bieten.



    Gruß Rheingold

  • Ich meinte nicht die Klangqualität von DVDs. Sondern dass das Hin- und Herzappen zwischen Totale Goldener Saal, Bernsteins Gehopse oder Karajans geschlossene Augen und einzelnen Orchestermusikern mich eher von der Musik ablenkt. Klar, ist es manchmal ganz witzig zu sehen, was für eine Batterie ein Schlagzeuger um sich hat usw. Aber ein Oboensolo höre ich hoffentlich doch wohl auch heraus, ohne dass der Oboist rangezoomt wird usw. Wenn ich selbst im Konzert sitze, kann ich mir die Bläser auch nicht einzeln ranzoomen.

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Ein Bildbeispiel soll zeigen was NOCH hinter diesem Thread steckt:
    Vor einigen Wochen recherchierte ich im Internet anlässlich eines geplanten Wilhelm Kempff-Threads. Und da fand ich (unter anderem das hier unterhalb verlinkte Vidio bei Yotube..


    LfjD-DQ5REk


    Hier fand sich ein Wilhelm Kempff, der der Jugend erste Blüte zwar schon hinmter sich gelassen hat, dem aber die Inelligenz und der Gestaltungswille förmlich aus den Augen sprang - während der Rest des Gesichts SCHEINBAR unbewegt blieb.
    Aber eben nur scheinbar. Man hat den Eindruck, der Künstler höre sich selbst zu, staunend- und völlig in das Werk vertieft.
    Gelegentlich verlässt ihn die Beherrschung und es zuckt in seiner Gesichtsmuskulatur, nicht wie es zu erwarten wäre- vor Anstrengung - nein eher von der Musik und vom eigenen Spiel (zu Recht) hingerissen.
    Man sehe zum Kontrast die Finger, wie sie entweder elegant über die Tastatur gleiten - oder aber geradezu einen Orkan entfesseln. All das unterstreicht den Gesamteindruck der Musik und stellt kla: Hierr sitz einer der ganz Großen Pianisten des 20. Jahrhunderts am Flügel.....


    mit freundlichen Grüßen asu Wien
    Alfred

  • Eigentlich ist es mir inzwischen nicht mehr so wichtig, in einem Konzert die Interpreten zu sehen (was im übrigen auch einiges an Geld bei der Platzauswahl spart), andererseits bin ich bei der Vorbereitung meines nächsten Konzertbesuches in drei Tagen auf folgendes gestoßen:



    Und ich sehe einen Mann, der in diesem Jahr 85 Jahre alt wird und sich trotzdem wie ein kleiner Junge über jeden Ton zu freuen scheint, den er da aus diesem Orchester zaubern kann (und jetzt einen Smiley, der eine kleine Träne verdrückt)!

  • In der Kammermusik finde ich den visuellen Anteil noch spannender als bei Orchesterwerken. Das gelangweilte Gefidel mancher Streicher an den hinteren Pulten oder die Chuzpe, zum Frack kurze Socken zu tragen, muss ich mir nicht auch noch ansehen. (Natürlich gibt es bessere Beispiele.)


    Aber wie sich die Mitglieder eines Streichquartetts im Konzert gegenseitig die Bälle zuwerfen, wie sie aufeinander achten und hören, wie sie gemeinsam atmen, steigern, wieder nachlassen, mit höchstem Respekt voreinander und vor dem Werk und doch hellwach und reaktionsschnell musizieren, das kann eine Ahnung davon geben, wozu Musik uns verwandeln kann, wenn wir es zulassen.


    (Und da behaupten einige im Thread "Wer geht eigentlich in die Oper und warum ... ", sie würden bei einer Aufführung einer Oper nichts lernen, nichts lernen wollen. Vermutlich stimmt das sogar.)


    :hello:

  • Wenn ich selbst im Konzert sitze, kann ich mir die Bläser auch nicht einzeln ranzoomen.


    Johannes, Du wirst lachen. In den 80er-Jahren hatte ich mal für ein Konzert in der Beethovenhalle nur einen Platz in den hintersten Reihen bekommen. Ich hatte mein klienes Fernglas (10x40) mitgenommen und mir tatsächlich das Orchester quasi "rangezoomt". Das war mir egal und es hat auch keinen gestört - damit habe ich nichts am Hut. Im Theater habe ich auch mein Fernglas dabei.


    *** Ich empfinde es als nochmal einer Steigerung zur reinen CD-Konserve, wenn man im Konzert oder auf DVD auch die optischen Eindrücke mitbekommt. Es stimmt schon, was hier einige Schreiben, dass die "Kameraführung" nicht immer ganz optimal ist, aber meistens bin ich doch zufrieden.
    :!: Im Prinzip würde ich alles auf DVD kaufen ! Das es dann zu >95% doch meistens die CD ist, hat nur preisliche Gründe. So langsam kommt aber Bewegung in die Sache und DVD´s werden auch preiswerter ... weil jetzt die BlueRay ihren Einzug nimmt !
    :thumbup: Ausserdem ist die Klangqualität bei Musik-DVD´s meist ganz exquisit und im 5.1-DTS gegeben - ein Klangfest mit vollem Raumklang und damit genau so natürlich wie die SACD (Wenn auch technisch gesehen anders komprimiert, aber vom Nutzen her gleich !)



    Ein ganz equisites Beispiel, das für den Genuss mit dem Auge spricht:
    Ich habe die DVD von Ravel-La Valse in der Fassung für 2 Klaviere mit Martha Argerich und Nelson Freire.
    Nicht nur zu Hören, sondern auch optisch mitzuerleben, wie Beide bis zur Schlusssteigerung die Klaviere "malträtieren" ist der Wahnsinn und wirkt stärker/beeindruckender, als wenn man es nur hören würde.


  • Ich vermute, du meinst die beiden Konzertmeister. Heuer waren es Rainer Honeck und Volkhard Steude.


    :hello:


    Ich meine die ersten zweiten Geiger und nicht die Konzertmeister. Der junge Mann heißt Christoph Koncz, sein Nebenmann ist mir namentlich nicht bekannt.


    Viele Grüße


    :hello:


    Manfred

  • Erstaunlich sind für mich als technisch interessiertem Konzert- oder Opernbesucher die stundenlangen, obstinaten Versuche der Streicher, mit ihren Fäden von geringem Härtegrad die robusten Saiten ihrer Instrument zu durchsägen. Auch jahrzehntelange negative Erfahrung kann sie nicht davon abhalten.


    Faszinierend jedoch für das Auge ist die absolute Gleichzeitigkeit ihrer Bemühungen.

  • Ich glaube, daß die Wirkung verstärkt wird, wenn man zur Musik auch die Ausführenden sieht.
    Es gibt natürlich auch Ausnahmen, wo man die Augen schließt und sich auf die Musik konzentriert oder sich dabei entspannt.
    Aber im großen und ganzen höre und sehe ich Musik.
    Und wer sich im WEB die kostenlosen Übertragungen aus Paris bei citedelamusique.tv ansieht, ist (fast) live dabei. Dort wird nichts geschönt oder gekürzt oder zeitversetzt gerafft. Das komplette Konzert ist zu sehen einschließlich Pause.
    DVDs hingegen bringen eine Aufführung wirkungsvoller, indem mehr Schnitte erfolgen, also ständige Bildwechsel von den Instrumentengruppen zum Dirigenten, was mitunter auch nervend sein kann.
    Wie man in der Praxis verfährt, hängt von den häuslichen Gegebenheiten ab.
    Ideal ist eine Stereoanlage, in deren Zentrum sich ein großer TV-Bildschirm befindet, noch idealer eine Surround Anlage.
    Hat man den Audio- und Videobereich räumlich getrennt, muß man meistens Kompromisse eingehen.
    Im Opernbereich habe ich mich schon lange auf DVDs bzw. auch auf Blu-rays eingestellt, bei Sinfonien und Konzerten eher nicht, weil das Angebot gering ist. Statt dessen schneide ich Liveübertragungen im TV und im Web mit und brenne sie auf DVD.

  • Hallo Schneewittchen,


    eine zugegeben etwas provokante Frage:
    "...sich auf die Musik konzentriert..." sollte das nicht die grundsätzliche Art sein, Musik zu hören (von den Fällen der Unterhaltungsmusik oder geeigneter Musik nebenbei hören, z. B. bei der Hausarbeit, beim Abfassen einfacher Beiträge fürs Forum usw. abgesehen)?


    Deinen Thread "Musik im Web" habe ich mir auf meine Abo-Liste gesetzt, komme aber leider aus Zeitmangel selten dazu.


    Viele Grüße
    zweiterbass

    Wer die Musik sich erkiest, hat ein himmlisch Gut bekommen (gewonnen)... Eduard Mörike/Hugo Distler

  • hallo zweiterbass,


    ich habe 2 Alternativen aufgeführt,wie ich Musik höre.
    Entweder ich konzentriere mich oder ich entspanne mich.
    Wobei ich mich immer konzentriere, wenn ich mir unbekannte Werke anhöre, um sie kennenzulernen.
    Konzentration strengt an und führt bei längerer Dauer zur Ermüdung.
    Ich höre Musik aber auch zur Entspannung.
    Dazu brauche ich keine Konzentration, schalte also den Geist ab und lasse die Seele baumeln.
    Eine Art von Meditation. Dazu wähle ich Werke aus, die ich kenne.
    So kann es eine Bachkantate, das 5. Klavierkonzert von Beethoven oder "In C" von Terry Riley sein.
    So gesehen, höre ich Musik meistens unkonzentriert.

  • Bitte, wie verbindest Du die optischen Eindrücke (Ausführende) mit dem konzentrierten Hören von Musik?


    Viele Grüße
    zweiterbass

    Wer die Musik sich erkiest, hat ein himmlisch Gut bekommen (gewonnen)... Eduard Mörike/Hugo Distler

  • Um sich aufgrund eines sauber gezogenen Scheitels und einer möglicherweise im Vergleich zu anderen etwas eckigeren Körpersprache nicht von ablenkenden Vorurteilen leiten zu lassen, empfehle ich wirklich Interessierten, den Clip auf sich dergestalt wirken zu lassen, dass man sich auf den Ton und nicht auf das Bild konzentriert.


    Diesen Beitrag fand ich in einem Thread zur 4. von Beethoven.
    zweiterbass

    Wer die Musik sich erkiest, hat ein himmlisch Gut bekommen (gewonnen)... Eduard Mörike/Hugo Distler

  • Noch einige Anmerkungen am Rande: Ein Live-Konzert ist ein ganzheitliches Erlebnis. Zwei kommunikative Kanäle Hören und Sehen werden bevorzugt angesprochen. Selbstverständlich sollte das Hörerlebnis dominieren. Doch auch das Gesehene spielt eine große Rolle. Oft unbewußt prägt zum Beispiel die Diszplin, bei Auftritt, Sitzordnung, Haltung, Kleidung die Empfindung und beeinflußt das Gesamturteil des Zuhörers in erheblichem Maße. Bei Profiorchestern sollten deshalb alle diese scheinbaren Nebensächlichkeiten diskutiert, perfektioniert und sogar geübt werden. Obwohl das Heilbronner Sinfonie Orchester scharf rechnen muss, duldet es der Dirigent Peter Braschkat nur ganz selten, dass z. B. im Schlagwerk ein Musiker mehrere Instumente bedient. Seiner Auffassung nach lenkt das Hin- und Herlaufen zwischen verschiedenen Instumenten ab und stört die Harmonie.
    Im Grunde ganz einfach, bei einer perfekten Aufführung muss eben alles perfekt sein.
    Herzlichst
    Operus

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • Ich habe den Eindruck, wenn sich z. B. F. Gulda und...und...von den perfektionistischen, seriösen, äußeren Zwängen des Konzertbetriebes etwas befreit hat - und das konnte er - konnte er ganz besonders gut musizieren, was keinesfalls bedeutete, dass er Fehler produzierte.
    zweiterbass

    Wer die Musik sich erkiest, hat ein himmlisch Gut bekommen (gewonnen)... Eduard Mörike/Hugo Distler