Kurt Sanderling - im Schatten der Giganten ?

  • Hallo Klassikwelt,


    Soeben hat mich Heinz Gelking in einem anderen Thread an Kurt Sanderling erinnert. Ich hatte dem schon mal einen Thread gewidmet, aber das war in einem "verflossenen" Forum ,-)
    Daher habe ich mir den Text von meiner Festplatte geholt und präsentiere ihn hier erneut:


    Wer geglaubt hat, ich würde lediglich jenen Dirigenten einen Thread widmen, die einen der vorderen Plätze in unserem Thread "Lieblingsdirigenten" belegen konnte, der hat inzwischen sicher schon festfestellt, daß das nicht so ist.
    Im Gegenteil oft fühle ich mich geradezu herausgefordert auf jene Dirigenten aufmerksam zu machen, die zwar zeilebens am Plattenmarkt präsent waren, aber dennoch nie in die vorderste Reihe aufgerückt sind. (und da gibt es einige)





    Heute möchte ich mich dem 1912 in Ostpreußen geborenen Kurt Sanderling zuwenden.Er studierte in Berlin.
    1936 emigrierte er nach Moskau wo er als Dirigent für den Moskauer Rundfunk arbeitete. 1942-1960 war er gemeinsam mit Mravinsky Orchesterleiter der Leningrader Philharmoniker.
    1960 kehrte er nach Deutschland zurück wo er bis 1977 einen Chefdirigentenpiosten in Ostberlin bekleidete. Daneben war er 1964-67 Chefdirigent der Staatkapelle Dresden.
    Er absolvierte weltweit etliche Gastspiele, leitete zahlreiche Uraufführungen und nahm für zahleiche Label Schallplatten auf.
    Meine eigene Sammlung weist lediglich 2 Einträge auf, und zwar Klarinettenkonzerte auf Corona Classics. Eine Schande. (für mich nicht für Sanderling)


    Daher: Welche Aufnahmen von Sanderling sind besonders gelungen?
    Desgleichen sind natürlich auch Einschätzungen und allgemeine Informationen erwünscht.


    Gruß aus Wien


    Alfred

  • Ich besitze, soweit ich weiss ( hab jetzt keine Möglichkeit meine CDs zu durchsuchen ), gar nur eine Aufnahme dieses Dirigenten, die sogar mehr oder minder zufällig, aber die ist dafür mMn wahrlich gelungen:



    Tschaikowsky 4. Symphonie mit den Leningradern.

  • Hallo,


    ich schätze mich glücklich, Kurt Sanderling in den 90ern mehrmals live mit dem NDR-Sinfonieorchester erlebt zu haben (Brahms, Haydn, Schubert, Mozart, aber vor allem seine "Spezialität", Schostakowitschs 15. Sinfonie). Zusammen mit dem aus dem gleichen Jahrgang stammenden Günter Wand repräsentiert er für mich die heute wohl untergegangene Welt des uneiltlen und gewissenhaften Kapellmeisters deutscher Prägung: sich selbst nicht in den Vordergrund schieben, Extreme in der Interpretation vermeiden, die Partitur genau studieren, präzise und effektive Probenarbeit. Er mag vielleicht keiner der großen "Interpreten" gewesen sein, aber seine Aufnahmen sind allemal mehr als bloß "hörenswert". Insbesondere seinen Sibelius- und Schostakowitsch-Sinfonien kommt Referenzstatus zu. Als preiswerten "Einstieg" empfehle ich diese CD-Box, die viele seiner besten Einspielungen für das DDR-Klassik-Label "Eterna" enthält:





    Bei 2001 hatte die Box mal 40 Euro gekostet, bei amazon ist sie für 52 Euro zu haben (klingt erst mal viel, ist aber für 16 CDs nicht zuviel verlangt).


    Grüße


    GiselherHH

    "Mache es besser! (...) soll ein bloßes Stichblatt sein, die Stöße des Kunstrichters abglitschen zu lassen."


    (Gotthold Ephraim Lessing: Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt)

  • Hallo,


    es gibt über die schon erwähnten Aufnahmen hinaus mindestens noch einen kompletten Brahms-Zyklus mit der Staatskapelle Dresden (Eterna-LPs), der leider offenbar (derzeit?) nicht auf CD erhältlich ist.


    Ein weiterer Grund, warum es nicht ohne Plattenspieler geht...


    Freundliche Grüße


    Heinz Gelking

  • Von den drei Sibelius-Sinfonien-Zyklen, die ich mein eigen nennen darf, gefällt mir die Aufnahme von Sanderling sehr gut. Meine persönliche Referenz bleibt zwar Paavo Berglund, aber die kostengünstige Brilliant-Box mit Kurt Sanderling ist aller Ehren wert!



    Gruß
    B.

  • Hallo,


    in seinem ansonsten sehr lesenswerten Buch "Große Dirigenten" erwähnt Wolfgang Schreiber Kurt Sanderling einige Male, im Zusammenhang mit seiner Tätigkeit bei den Leningrader Philharmonikern und beim Berliner Sinfonie-Orchester, aber er geht - anders als z.B. bei Konwitschny oder Musik - nicht detailiierter auf ihn ein. Heißt diese Vernachlässigung nun, daß Schreiber Sanderling nicht zu den "großen Dirigenten" zählt, oder entzieht sich Sanderling zu sehr einer Einordnung?


    Wie GiselherHH hatte auch ich das Glück, Kurt Sanderling einige Male in Hamburg zu erleben, und daß mich diese Begegnungen tief beeindruckten, hängt mit meinem "Musikgeschmack" zusammen. Wenn man einmal die Chefdirigenten des NDR-Sinfonieorchesters als Beispiel nimmt, regten mich die Konzerte Klaus Tennstedts emotional auf, bis ins Innerste, während mich die Interpretationen eines Günter Wand - mögen sie noch so hervorragend gewesen sein - relativ kalt gelassen hatten; sie waren ( für mich!!!) etwas zum Mitdenken, nicht zum Mitfühlen; sie bewegten mein Hirn, drangen aber nicht bis zum Herzen durch. Ohne daß ich Sanderling nun für einen ähnlich ausdrucksstarken Temperamentsdirigenten wie Tennstedt gehalten hätte, standen mir doch seine Interpretationen gefühlsmäßig näher als die des mit Recht hoch geschätzten Wand.


    "Entdeckt" hatte ich Sanderlich viel früher, und zwar fing es mit einem typischen Vorurteil an. Ich wußte, daß Sanderling früher in der UdSSR gearbeitet hatte, dann aber nicht in den Westen, sondern in die DDR gegangen war. Bevor ich also zum ersten Mal seine Brahms-Sinfonien mit der Staatskapelle Dresden hörte, war ich erst einmal mißtrauisch, dann zwang mich seine Auffassung dieser Werke zum Hinhören, und am Schluß war ich hellauf begeistert. Da ich nicht so gut im Beschreiben von Interpretationen bin, möge man es mir verzeihen, daß ich es bei diesem Eindruck belasse.


    In den Jahrzehnten danach hatte ich Gelegenheit, etliches von Sanderling zu hören, und kam zu der Einschätzung, jedes Mal Interpretationen zu erleben, die Kopf und Herz beanspruchten.


    Empfehlen würde ich :


    Beethoven : Sämtliche Sinfonien mit dem Philharmonia Orchestra
    Brahms : Sämtliche Sinfonien mit der Staatskapelle Dresden
    Schostakowitsch : Sinfonien Nr. 1, 5, 6, 8, 10 und 15 mit dem Berliner Sinfonie-Orchester
    Sibelius : Sämtliche Sinfonien mit dem Berliner Sinfonie-Orchester


    Darüber hinaus an Einzel-Aufnahmen :


    Rachmaninow : 2. Sinfonie mit dem Philharmonia Orchestra
    Schostakowitsch : 15. Sinfonie mit dem Cleveland Orchestra


    Zum Glück gastierte Sanderling recht oft bei den deutschen Rundfunk-Sinfonieorchestern, so daß viele Mitschnitte seiner Konzerte (nicht auf CD) existieren.


    Im einem deutschen Fernsehprogramm beschäftigten sich vor längerer Zeit (ich denke, es war zu Sanderlings Abschied) fast 5 Stunden lang verschiedene Sendungen mit diesem Dirigenten :


    - Legende am Pult - Der Dirigent Kurt Sanderling
    - Beethoven : 5. Sinfonie mit dem BSO
    - Glück gehört dazu - Die Musikerfamilie Sanderling
    - Beethoven : Coriolan-Ouvertüre & 4. Klavierkonzert & 7. Sinfonie mit dem BSO
    - Kurt Sanderling - Der Dirigent, der aus der Kälte kam.


    Apropos Musikerfamilie. Seine drei Söhne sind allesamt Musiker geworden : Michael Cellist, Thomas und Stefan Dirigenten. Einer seiner Dirigenten-Söhne (ich glaube, Stefan) dirigierte kürzlich am St. Petersburger Mariinsky-Theater Lohengrin, also in der Stadt, in der sein Vater lange Zeit wirkte. Gergiev scheint es also mit Musikersöhnen zu halten; vor Stefan Sanderling wurde das deutsche Repertoire von Michael Güttler (Sohn Ludwig Güttlers) betreut.


    Sune

  • In der heutigen Fernsehdokumentation über Schostakowitsch auf SWR wurde Sanderling als Freund des Komponisten vorgestellt, und er sprach und erzählte auch als Freund aus dem Leben von Schostakowitsch.


    Mit seinen Kommentaren stellte er einige Werke wie z.B. die Streichquartette Nr. 8 und Nr. 15 in den biografischen Kontext und konnte Einblicke in Schostakowitschs Gedanken und Gefühle - aber sehr respektvoll und zurückhaltend - keine Plauderei über Privates.


    Vielleicht kann jemand im Forum noch ein wenig mehr über die Freundschaft der beiden erzählen. Das würde mich interessieren. :yes:


    Mit freundlichen Grüßen, Andrew

    „Nichts auf Erden ist kräftiger, die Traurigen fröhlich, die Ausgelassenen nachdenklich, die Verzagten herzhaft, die Verwegenen bedachtsam zu machen, die Hochmütigen zur Demut zu reizen, und Neid und Hass zu mindern, als die Musik.“

  • Ich habe kürzlich eine sehr schöne LP-Kassette mit den Pariser Symphonien von Haydn unter Sanderling erworben, dürfte kaum auf CD erhältlich sein. Sanderling spielte einen wunderbaren Haydn: spritzig, spontan, sehr lebendig. Wäre sicher eine Wiederveröffentlich bei Berlin Classics wert.


    Gruß aus Lübeck
    Dieter

  • Ich kenne von Sanderling im Moment nur die Brahms-Symphonien mit der Staatskapelle Dresden.


    Ich muss sagen mein Eindruck ist gemischt. Einerseits liefert er eine sehr schöne wenn auch langsame Erste ab, die mir sehr zusagt. Bei seiner zweiten tötet er durch diese langsamkeit IMO die Schönheit und den Fluß der Symphonie. Für die dritte gilt dasselbe wie bei der ersten. Für die vierte leider dasselbe wie bei der zweiten. Der Fluß stockt, die Dramatik zerfällt. Harnoncourt hat auch eine sehr langsame vierte, aber bei ihm ist es Dramatik pur und das vermisse ich bei Sanderling.


    Die Sibelius-Box wartet bei mir noch gehört zu werden.


    Ansonsten hab ich ihn in Fernsehporträts als sehr sympathischen und intelligenten Mann empfunden.

    Früher rasierte man sich wenn man Beethoven hören wollte. Heute hört man Beethoven wenn man sich rasiert. (Peter Bamm)

  • Bezüglich Kurt Sanderling gab es zu DDR-Zeiten die Frage nach dem Unterschied zwischen Sanderling und einem Pfifferling. Antwort: Der Pfifferling ist genießbar. Wenn ich die obigen Darstellungen mit überaus positiven Aussagen lese, ist diese "Scherz"frage wohl unberechtigt. Ich habe häufig im Rundfunk von Sanderling dirigierte Musik gehört, der Eindruck war eher neutral, wie es oft bei nicht direktem Kontakt zu den Ausübenden der Fall ist. Wer vermag schon "seinen" Lieblingsdirigenten im Radio oder von einer CD zu erkennen, wenn der Dirigent nicht angesagt wird.
    lohengrin

  • Hallo Lohengrin,
    ich nehme mal an,dieses ungenießbar galt seinem Umgang mit
    dem Orchester.Interpretatorisch hat er vorzügliche Aufnahmen
    hinterlassen,von Beethoven bis Schostakowitsch.Vom Orchester
    aus betrachtet galten Toscanini,Reiner,oder Klemperer auch
    als ungenießbar.


    :hello:Herbert.

  • Sanderling war eher ein Dirigent der russisch/sowjetischen Schule, wie sie im deutschen Sprachraum damals nicht sonderlich beliebt waren (Stichwort: Dressurmeister). Sanderlings Interpretationen sind meiner Meinung nach hervorragend, getragen von untrüglichem Gespür für den Charakter eines Werkes. Daß er bei beliebtheitswettbewerben nicht zu den Siegern gehörte, teilte er mit sehr, sehr vielen großen Dirigenten seiner Generation.


    :hello:

  • Dass Kurt Sanderling einen guten Bruckner spielt, glaube ich gerne. Teilweise kenne ich ihn mit Brahms, Sibelius, Shostakovich, und würde meinen, dass er in diesem Repertoire gut zu Hause ist.


    Ein krasses Gegenbeispiel ist für mich seine Einspielung der Beethoven-Klavierkonzerte mit Mitsuko Uchida.Den Link setzte ich hier nur zwecks Hineinhörens, keinesfalls als Empfehlung. Natürlich musste ich diese Aufnahme wegen Frau Uchida haben, aber ich gestehe, ich kann zu ihrem Spiel in diesen Konzerten nichts sagen. Denn in meinen Ohren wurde es übertüncht von dieser schweren Kost, die Sanderling da präsentiert. Mit breitem Pinsel präsentiert er dort einen für mich unbekömmlichen Brei. Ich will es gar nicht weiter schildern, ich war jedenfalls schockiert und abgestoßen. Angehörs von Frau Uchidas Mozart-Spiel, auch von ihren späten Beethoven-Sonaten, ist es mir völlig unverständlich, dass sie sich mit Kurt Sanderling einen Partner mit einer derartigen Beethoven-Auffassung ausgesucht hat.


    Von daher meine Einschätzung: Um Kurt Sanderlings Beethoven-Interpretation zu mögen, muss man schon eine spezielle Toleranz hierzu entwickelt haben.


    Liebe Grüße, Ulrich


    edit:
    Verschiedentlich wird in diesem Thread Günter Wand genannt. Jedenfalls was Beethoven angeht, hat Wand mit Kurt Sanderling tatsächlich nur das Geburtsjahr gemein. Zieht man Wands Beethoven heran, gar seine Aufnahme von Beethovens Es-Dur-Konzert mit Gilels, [amx=B0009SQCBO]200[/amx] wird dies überdeutlich.


    Liebe Grüße, Ulrich

  • Lieber Ulrich,


    danke für die Warnung. Wegen Mitsuko Ushida, deren späte Beethoven Sonaten mich begeistern, hatte ich die Klavierkonzerte auch schon auf dem Wunschzettel, aber mit "breitem Pinsel" muß nicht sein. Schade, aber, da ich Günter Wand bei Beethoven auch sehr schätze, gerade weil er eher streng, schnell und mit Präzision statt ausladendem Klang interpretiert, würde es mir mit Sanderling wohl ähnlich gehen, wie dir.


    :hello: Matthias

  • Für morgen stand er auf meinem Kalender: Ich wollte ihm zum 99. Geburtstag gratulieren.


    Jetzt erreicht mich die Nachricht, dass er verstorben ist:



    Kurt Sanderling (* 19. September 1912 in Arys, Kreis Johannisburg, Ostpreußen; † 17. September 2011 in Berlin) war ein deutscher Dirigent. Sanderlings drei Söhne sind ebenfalls Musiker: Thomas und Stefan sind Dirigenten. Michael Sanderling ist Cellist und seit einigen Jahren ebenfalls Dirigent.


    R. I. P.

  • Nun wollen wir mal in Ehrfurcht vor dem wahrlich großen Kurt Sanderling nicht gleich alles abfeiern, was er veröffentlicht hat.
    Die Beethoven Konzerte sind "Schrecklich" im besten Sinne. Altmodisch, schwer und beladen und Frau Uchida fröhnt ihrer Leidenschaft zu zu großer Innerlichkeit.
    "Waldorf Beethoven" schlimmster Sorte!
    Sanderling ist(war) mit Brahms und Bruckner gut, besser wird er mit Mahler (eine tolle 9.) richtig gut mit Schostakowitsch und Sibelius (2!!) und Tschaikowsky.


    Ich hatte mich darauf gefreut, den 100sten Sanderlings bei einem Gläschen Wodka und DS Nr. 10 zu feiern! Tja, das fällt nun aus, den Wodka trinke ich dann doch!


    Gruß S.

  • Die Beethoven Konzerte sind "Schrecklich" im besten Sinne. Altmodisch, schwer und beladen und Frau Uchida fröhnt ihrer Leidenschaft zu zu großer Innerlichkeit.

    Die Kritiken hierzu bei amazon sprechen aber eine andere Sprache. Insbesondere zu den Konzerten 3 und 4 mit dem Royal Concertgebouw.


    "Diese Einspielung ist eine Ausnahmeerscheinung!!! Grenzenlose Spielfreude, gepaart mit lebhafter Ausdruckskraft, formen ein Hörerlebnis allererster Güte. Frau Uchida beweist ein großes Verständnisund Einfühlungsvermögen in die Beethoven'sche Gefühlsvielfalt und versteht es meisterlich, dies mittels ihrer grandiosen Virtousität zum Hörer rüberzubringen. Der orchestrale Klang unterstützt dieses Bemühen in eindrucksvoller Weise. Er ist fein strukturiert, kraftvoll, von räumlicher Tiefe und tonal gut ausbalanciert. Der Fluß des Vortrags istflott, beschwingt und zieht einen in seinen Bann; ist niemals zu gravitätisch oder gar langweilig, wie manch andere Einspielungen. Es istbedauerlich, dass diese 2 Konzerte die einzigen Einspielungen mit dem excelenten Klangkörper des Royal Concertgebouw Orchestra sind."

    Das ist aber noch lange nicht alles. Es soll als Beispiel genügen. Selbstverständlich muss man Uchida und Sanderling nicht mögen, aber das ist Geschmackssache.


    LG, Bernward


    "Nicht weinen, dass es vorüber ist
    sondern lächeln, dass es gewesen ist"

    Waldemar Kmentt (1929-2015)



  • Er konnte ihn nicht erleben, da er einen Tag vor seinem 99. Geburtstag im vorigen Jahr verstarb.

    Kurt Sanderling (* 19. September 1912 in Arys, Kreis Johannisburg, Ostpreußen;
    † 18. September 2011 in Berlin) war ein deutscher Dirigent.

    LG


    :hello:

  • Ich übernehme dann auch hier den Staffelstab von Harald und erinnere heute an Kurt Sanderlings Todestag, der einen Tag vor seinem 99. Geburtstag starb. Dies tue ich mit dem Hinweis auf eine sehr schöne Gesamtaufnahme seiner Sibelius-Symphonien aus meiner Sammlung:



    Kurt Sanderling gehörte zu dem Jahrgang 1912, der außer ihm so berühmte Dirigenten wie Sergiu Celibidache, Erich Leinsdorf, Sir Georg Solti und Günter Wand hervorgebracht hat. Ob dies Zufall ist, darüber kann man hier etwas erfahren:


    http://www.zeit.de/2012/30/Dirigenten



    Heute ist sein 4. Todestag.


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Und heute ist sein Geburtstag, zu dem ich eine CD ausgesucht habe mit dem 1. Brahms-Konzert. Am Flügel sitzt Hélène Grimaud, es spielt die Staatskapelle Berlin:





    Heute ist der 103. Geburtstag von Kurt Sanderling.


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Schön, dass an Kurt Sanderling erinnert wird, ein Dirigent, vor dem ich stets Hochachtung verspürte. Im Westen Deutschlands blieb er tatsächlich ziemlich unbekannt und tatsächlich im Schatten der Giganten, begründet in seiner ganz untypischen Dirigentenkarriere. Aufgrund seiner jüdischen Herkunft, er wurde ausgebürgert, musste er Deutschland verlassen und ging 1936 - ausgerechnet in die Sowjetunion, wahrlich auch kein Hort der Demokratie. Aber er hatte Verwandte dort, die ihm erstmal weiterhelfen konnten. Aus heutiger Sicht ein Segen, denn ziemlich schnell fand er eine Stellung, zunächst als Korrepetitor am Moskauer Rundfunk für 650 Rubel im Monat, damals sehr viel Geld. Das erste Dirigat war am 12. Januar 1937 die "Entführung aus dem Serail". 1938 wurde er dort wieder entlassen, da man keinen Ausländer wollte und musste sich als Filmmusikdirigent verdingen, über Stationen an der Moskauer Oper, Moskauer Staatsorchester und Chef der Philharmonie in Charkow ging es 1941 schließlich nach Leningrad, wo er sehr bald die Blockade der Stadt miterleben musste. Aber er war an der Leningrader Philharmonie, die während der Blockade nach Nowosibirsk evakuiert wird, wo er erstmals auch Schostakowitsch kennenlernte. Unter den Musikern war Sanderling bald beliebter als sein autoritärer und machtbewusster Vorgesetzter Mrawinsky, berühmte Solisten wie David Oistrach oder Emil Gilels traten lieber mit ihm auf. In Leningrad blieb er bis 1960, da wurde er an das (Ost-) Berliner Sinfonie-Orchester geholt, das einen neuen Dirigenten suchte. Dieses Orchester formte er mit der Strenge und Zielstrebigkeit eines Kapellmeisters alter Schule und entwickelte es so zu einem Spitzenensemble der damaligen DDR. Sein internationale Karriere begann, da war Sanderling schon 60, im Jahre 1972, als er für den erkrankten Klemperer bei den Londoner Philharmonikern einsprang und die Eroica dirigierte. 1977 schließlich legte er sein Amt als Chefdirigent des BSO nieder und war nun als freier Dirigent in ganz Europa und den USA gefragt. Sanderling hatte seine Freude am großen mächtigen Orchesterklang, den er wirkungsvoll inszenieren konnte, er sah sich selbst nie im Mittelpunkt, sondern immer nur die Musik. Besonderen Zugang hatte er natürlich zu den russischen Komponisten, wie Tschaikowsky und besonders Schostakowitsch, den Sanderling in seiner Zeit in der Sowjetunion und auch noch danach kennen und schätzen gelernt hatte.
    (15. Sinfonie)
    Bis ins hohe Alter von 90 Jahren stand Kurt Sanderling am Dirigentenpult, einer der letzten Vertreter der großen, um 1910 geborenen Dirigentengeneration.
    :hello:

  • Hallo Timmiju,


    schön, dass Du auf Sanderlings Schostakowitsch-Aufnahmen hinweist. Das sind mit die besten Einspielungen, konzentrierte Interpretationen mit Tiefgang. Dazu sind auch die Beihefte lesenswert. Sie enthalten Auszüge aus Interviews mit Sanderling, in denen er über seine Freundschaft mit Schostakowitsch spricht und die vorliegenden Werke erläutert, völlig uneitel, ganz auf die Musik konzentriert - so wie du es in deiner Charakterisierung seiner Dirigentenarbeit beschreibst - und für das Verständnis der werke sehr hilfreich.


    Freundliche Grüße, Andrew


    Übrigens:


    Ein sehenswertes biografisches Porträt zeigt in den kommenden Tagen der RBB:
    [quote][font='Times New Roman, Times, Georgia, serif']
    Do 24.09.2015 | 23:30 - 00:15
    NachtKultur
    -
    Der Dirigent Kurt Sanderling
    Reisender durch ein Jahrhundert


    Er war neben Kurt Masur der bedeutendste Dirigent der DDR. Seine Einspielungen der Symphonien seines Freundes Dmitri Shostakovich gelten weltweit bis heute als die Referenzaufnahmen. Er machte drei Karrieren, lebte in fünf verschiedenen deutschen Regierungssystemen und hatte die sieben Leben einer Katze. Im September 2012 wäre er 100 Jahre alt geworden.
    Er galt nicht als Show-Dirigent, sondern als jemand, der die Werke in der Tiefe durchdrang. Auch wenn er ein Werk schon fünfzigmal dirigiert hatte, widmete er sich ihm, als sei es das erste Mal. Aber Kurt Sanderling dirigierte nicht alles. Seine Auswahl war eine höchst persönliche und umfasste nur Musik, die ihm ans Herz gewachsen war. Dazu gehörte neben Beethoven, Mahler, Mozart, Sibelius und vielen anderen auch der russische Komponist Schostakowitsch, mit dem ihn ein Stück seiner Lebensgeschichte verband.

    „Nichts auf Erden ist kräftiger, die Traurigen fröhlich, die Ausgelassenen nachdenklich, die Verzagten herzhaft, die Verwegenen bedachtsam zu machen, die Hochmütigen zur Demut zu reizen, und Neid und Hass zu mindern, als die Musik.“