2012 - Mozarts Streichquartette VOL 1: Streichquartett Nr 1 - "Lodi - Quartett"

  • Liebe Kammermusikfreunde,


    ich darf wohl so beginnen, dann allmählich scheint es so, daß es uns gelungen ist, ein wenig Interesse für diese Musikgattung zu wecken. Obwohl es einen - meiner Meinung nach sogar recht gelungenen - Thread zu Mozarts Streichquartetten gibt, will ich versuchen eine neue Serie zu diesem Thema zu starten, die völlig frei von Statements verflossener User ist, und die zudem etwas systematischer aufgebaut ist. Dennoch verweise ich gerne auf die alten Threads, weil ich bereits gesagtes nicht unbedingt in jedem Falle wiederholen werde.
    Dar hier beginnende Thread wird sich ausschliesslich Mozarts Streichquartett Nr.1 widmen, in Folge werden die Streichquartette jedoch in Gruppen zusammengefasst, welche zusammengehörige Werke miteinander verbinden.


    Das Streichquartett Nr 1 ist Mozarts Erstlingswerk der Gattung Streichquartett, er schrieb es 1770, also als 14 jähriger während einer Italienreise (das Ziel war Mailand), während eines Zwischenaufenthaltes in der Stadt Lodi.
    Das Quartett war ursprünglich 3-sätzig, dem Stil der Zeit entsprechend, aber Mozart scheint es geschätzt zu haben, denn 3 Jahre später ergänzt er es um einen vierten Satz. Das Quartett beginnt melancholisch verhalten, wie man es von einem 14-jährigen kaum erwartet hätte. Umso überraschender der quirlende vor Lebensfreude überschäumende 2. Satz - der Kontrast könnte nicht größer sein. Etwas altertümelnd, konventionell dann der ursprüngliche Finalsatz, der durch den später hinzugefügten 4. Satz in die Mitte rückt. Dieser Satz, ein Rondo ist von höfischer Eleganz und verhaltenem Frohsinn gezeichnet und ist meiner Meinung nach ein Ohrwurm...



    Ich habe hier vier Cassetten mit Einspielungen dieses Frühwerks verlinkt, die es möglich machen, die Interpretationen miteinander zu vergleichen und auf diese Weise dem eigentlichen Werk näher zu kommen. Ich empfehle vor allem den 2. Satz abzuhören, da er meiner Meinung nach am besten Temperament und Interpretationsansatz der Interpreten offenbart.


    mit freundlichen Grüßen aus Wien
    Alfred

  • Alfred hat eigentlich schon alles zur Historie des Werkes völlig richtig gesagt.


    In einem Punkte sagen meine Bücher etwas anderes: Vater und Sohn Mozart sind im Dezember 1769 in Salzburg aufgebrochen und erreichten Mailand Mitte Januar 1770. Während etwa zweier Monate besuchten sie dort die Opernaufführungen der Karnevals-Stagione. Es gab Begegnungen mit Nicola Vincenzo Piccini (bzw. Niccolò Vito Piccinni, je nach Lesart) und Giovanni Battista Sammartini.


    Am 15. März 1770 verließen sie Mailand. Mozart hatte den Auftrag, für die nächste Karnevals-Stagione eine Oper zu schreiben. (Es wurde der „Mitridate“.) Am Abend desselben Tages schrieb Mozart auf der ersten Station, einem Wirtshaus in Lodi, das Quartett nieder. – Die Komposition (zumindest die Niederschrift) ereignete sich also auf dem Rückweg von Mailand.


    Die Biographen werden nicht müde, die „italienischen“ Eigenschaften dieses Werkes zu benennen: Der erste Satz wirke wie eine Triosonate, aus der Bratschen- und Cellostimme könne man mühelos eine basso-continuo-Stimme anfertigen, der zweite Satz sei typisch mailändisch-lärmend, im Menuett (G-Dur) steht das Trio nach Mailänder Usus in einer abweichenden Tonart (C-Dur).


    Im ersten Satz kann man nur bestätigen, dass das Cello fast durchgehend begleitende Achtel spielt. In jeder besseren Triosonate hat aber der b. c. umfangreichere thematische Aufgaben als in diesem Kopfsatz. Insofern ist der erste Satz weniger als ein Triosonatensatz.


    Der vierte Satz wurde erst später hinzugefügt. Die Herausgeber des Autographs vertreten die Auffassung, dies sei im Jahre 1773 geschehen.

  • (Die unten angegebenen Spielzeiten beziehen sich auf der Aufnahmen des Amadeus-Quartetts, September 1974, und des Hagen-Quartetts, März 1990, in dieser Reihenfolge.)


    Im ersten Satz (Adagio) wäre es noch typischer für eine Triosonate, wenn die erste Geige bei ihrem ersten Einsatz das von der zweiten Geige vorgestellte Thema imitieren würde und nicht einen effektvollen Stratosphären-Sound hinzufügen würde. – Bei 0:39/0:35 kann man eine Überleitung zum „zweiten Thema“ etikettierend benennen, wenn man will. In dieser Lesart der Form würde bei 1:03/1:00 das zweite Thema beginnen. Wiederholung der Exposition (nicht beim Amadeus-Quartett). – Der Beginn der Durchführung wäre dann bei 2:03/3:55 zu verorten, die Reprise begönne dann bei 2:50/4:41 mit einer Variante des ersten Themas, der bei 3:50/5:41 eine Variante des zweiten Themas folgte.


    Der zweite Satz (Allegro) fügt sich zwangloser in die gewohnte Sonatenhauptsatzform. Mit dem in Sexten geführten ersten Thema geht es schwungvoll los, mehrstimmige und Unisono-Abschnitte wechseln einander ab. Bei 0:24/0:25 beginnt das zweite Thema, kontrapunktisch imitierend vorgestellt: 1. Geige – 2. Geige – Viola – Cello. Die Exposition wird wiederholt. – Die Durchführung (ab 1:51/1:55) beginnt kontrapunktisch. Die Themen der Exposition nicht aufgegriffen. Seltsam. – Bei 2:13/2:17 ist die Reprise schon erreicht.


    Das Menuetto kommt konventionell daher, ein kurzer A-Teil, der wiederholt wird, gefolgt von einem längeren B-Teil, der ebenfalls wiederholt wird. Mir hat der kurze geringstimmigere Abschnitt im B-Teil gut gefallen, da er den Ablauf belebt. – Dem Mailänder Geschmack scheint geschuldet zu sein, dass das Trio (ab 1:18/1:12) in der Subdominante steht. – Bei 2:23/2:15 wird dann das Menuetto wiederholt.


    Das nachkomponierte Rondeau hat folgende Form:


    0:00/0:00: A (Ritornell, mit Wiederholung)
    0:15/0:20: | : B (1. Couplet) - A (Ritornell, ohne Wiederholung) : | (dies als Ganzes wiederholt)
    1:00/1:17: C (2. Couplet, g-moll, mit Wiederholung)
    1:14/1:37: D (3. Couplet, g-moll, ohne Wiederholung)
    1:27/1:56: A (Ritornell, ohne Wiederholung)
    1:35/2:06: B (1. Couplet) - A (Ritornell, ohne Wiederholung)
    1:57/2:35: A (Ritornell, ohne Wiederholung, dafür mit kleiner Coda)

  • Alle Kammermusikfreunde werden aus dem Stand etliche Dutzend Streichquartette nennen können, die ihnen wichtiger sind als das „Lodi“-Quartett K. 80. Stünde der Name Mozart nicht drauf, wäre es wohl längst vergessen. Doch wenn sich auch daran dies und jenes mäkeln lässt, ist es keine schlechte Musik.


    Mit folgenden beiden Aufnahmen fühle ich mich bestens bedient:



    Gegen die Aufnahme des Amadeus-Quartetts habe ich gar nichts einzuwenden (bei den späten Beethoven-Quartetten war dies völlig anders …). Auch der manchmal penetrant-süßliche Ton von Norbert Brainin hat mich hier nicht gestört. Die Tempi sind eher auf der zügigen Seite, wer romantisches Schwelgen vermutete, läge jedenfalls falsch. Der zweite Satz hat richtig Kanten und Biss.


    Das Bessere ist des Guten Feind: Wie das Hagen-Quartett den ersten Satz zelebriert, das hat schon etwas Magisches. Zerbrechlich-keusch, geradezu unwirklich gespielt wird diese als Triosonaten-Imitation gescholtene Musik auf einmal berührend. Quicklebendig und spritzig kommt der zweite Satz daher. Ein Hörvergnügen! Das Rondeau ist im Vergleich mit dem Amadeus-Quartett temposeitig sogar noch zurückgenommen, meiner Meinung nach mit Gewinn für die Musik. Auch vom Zugriff her spielen die Hagens zurückhaltender, die Musik klingt gleich um Klassen erlesener. Wenn man nicht erstklassige Musik für erstklassig halten kann, so wie hier, dann ist es sicher eine sehr gute Interpretation!

  • ES tritt hier der seltene Fall auf, daß ich mich der Meinung Wolframs anschliesse - von feinen Nuancen mal abgesehen. Auch ich besitze seit einigen Tagen die Aufnahmen mit dem Amadeus Quartett. Mag sein, daß meine Erwartungen zu hoch geschraubt waren, daß meine Erinnerung eine verklärte war - aber ich habe an der Aufnahme so einiges auszusetzen, vor allem das Klangbild betreffend, welches manchmal geradezu unangenehm metallisch klingt - zumindest auf meiner Anlage.
    Das Hagen Quartett neigt zu Temposchwankungen und vermag es überhaupt die Stimmung innerhalb eines Satzes schlagartig zu ändern. Es gibt Streuchquartettformationen, die mir mehr liegen - aber die haben das Lodi Quartett nicht eingespielt. Verglichen mit dem legendären Amadeus-Quartett haben die Salzburger jedoch eindeutig die Nase vorn.
    Wie Wolfram schon so richtig schrieb: Das Bessere ist des Guten Feind.


    mfg aus Wien
    Alfred

  • Bei mir erklingt derzeit das erste Streichquartett in der Version des Sharon Quartets, welches in dieser Sammelbox enthalten ist:


    Der erste Satz wird berückend schön gespielt, voller Anmut und Grazie, behutsam und mit großem Atem. Jedoch auch die nachfolgenden, lebhaften Sätze werden sehr munter und feinsinnig gespielt. Klangtechnisch einwandfrei. Eine große Wonne.


  • ES ist eine Ewigkeit her, daß ich das Streichquartett Nt 1 KV 89 gehört habe, daher werde ich in den nächsten Tagen Das Amadeus Quartett erneut hören. Das muß ich ohnedies vorgehabt haben, denn die Box stand bei den ungehörten - warum Weiss ich nicht.


    Heute aber standen zwei andere Aufnahmen auf dem Spielplan, nämlich die Aufnahme des ungarischen Eder Quartetts für Naxos, das zwar schon 1973 gegründet wurde und nich immer besteht, aber in der deutschen Wikipedia über keinen Eintrag verfügt und jene des Quartetto italiano, einst für Philips, heute unter DECCA veröffentlicht.


    Das Eder Quartet brachte das, was man von ihm erwartet; Eine gediegene klangschöne Interpretation ohnr dynamische Spitzen oder Eigenwilligkeiten im Tempo. Lediglich bein 2. Satz fand ich das Tempo als überzogen, das war aber, weil ich die anderen Einspielungen noch nicht zum Vergleich gehört hatte. Die Aufnahme selbst fand in einer Kirche und nicht in einem Studio statt. Aus diesem Blickwinkel heraus hat der Toningenieur hervorragendes geleistet, die aufnahme ist passabel durchhörbar und nicht hallig.


    Ich war neugierig, das "Quartetto italiano" zu hören, das in meiner Jugend recht berühmt war, heute aber weitgehend vergessen, und wenn ich es richtig verstenden habe, auch nicht allzu geschätzt ist. Mich interessierte inders der Vergleich. Der Klang wr höhenbetont und irgendwie leicht verfärbt, huntertmal kann man da DECCA draufschreiben, man merkt sofort, daß es sich hier um Philips Tontechnik handelt. Der 2. Satz war im Vergleich zu den Eders grazzu Rabiat, man verließ sich nicht alleine auf ein höheres Tempo, sonder auch auf Dynamik, gradezu aggressiv klang es aus den Lautsprechern. Generell klang die Einspielung eher drahtig als lieblich, hier hatten IMO die Eder die Nases vorn.
    Ich möcht indes nicht verhehlen, daß es au Kritiker gibt, die die Einspielungen des Quartetto italiano sehr positiv rezensiert haben.


    K. Breh in stereoplay 7 / 87:"Ein hervorragendes und kostbares Dokument der hohen Kunst des Quartetto Italiano."


    ,,Ein ganz besonderer Meilenstein in der Mozart Diskographie." The Penguin Guide


    Gegenmeinungen werden gern gelesen


    mfg aus Wien
    Alfred

  • Das Salzbuerger Hagen Quartett ist das nächste auf meiner Liste. Heut habe ich mir ihre Version des Streichquartets Nr 1 angehört. Eigentlich war ich überrascht. Zumindest bei diesem Quartett war die Wiedergabe nicht überdynamisch, sondern ausgewigen und klangschön. Der zweite Satz, ich emfand in bei zwei anderen Einspielungen ein wenig als "Fremdkörper" - fügt sich in dieser Interpretation harmonisch ins Gesamtbild des Werkes. Der Klang ist ausgezeichnet. Mal sehen wie mein Eindruck bei anderen Quartetten des Zyklus ist, ich hatte das Ensembel eigentlich "eigenwilliger" und "forscher" in Erinnerung, die trügt aber oft.
    Von den bisher gehörten Aufnahmen des Quartetts KV 80 gefällt mir diese bi jetzt am besten.


    mfg aus Wien
    Alfred