Regietheater - Was bezweckt es eigentlich ??

  • Das Thema "Regietheater" ist bekanntlich eines der Lieblingsthemen in diesem Forum.
    Gelegentlich wurde auch die Frage gestellt, wann wir denn dieses Thema fallenlassen würden. Die Antwort ist simpel:
    In dem AugenblicK, da das Regietheater fallengelassen wird und seine Gallionsfiguren in die Wüste geschickt werden.


    Aber natürlich ist es nicht zielführend immer wieder gegen das Regietheater zu wettern und den alten Einspielungen nachzutrauern - sondern sich einmal die Frage zu stellen WARUM es immer noch praktiziert wird, obwohl es eine breite Front der Ablehnung dagegen gibt, was teilweise zu Abonnementkündigungen und halbleeren Opernhäusern geführt hat.
    Die Ablehnung wird teilweise dadurch ein wenig cachiert, daß zahlreiche Opernfreunde lediglich der schönen Stimmen noch in die Oper gehen, ungeachtet der oft ekelerregenden Inszenierungen - und das wird dann noch als Zustimmung der "modernen konzeptionellen Rezepte" verkauft.


    Kaum je wurde ein Produkt mit soviel Druck zwangsweise an den Konsumenten gebracht, wie das moderne Regietheater. Und hier muß man sich schon die Frage stellen welche merkantilen oder ideologischen Ziele da im Hintergrund stehen.
    Ich habe zu diesem Punkt eine eigene Meinung, die ich aber erst dann posten werde, wenn das Thema im Laufen ist.


    Nochmals zum schluss: Wir haben EINIGE Threads zum Thema Regietheater am laufen - und eigentlich sollte jedes von ihnen einen anderen Schwerpunkt haben - was gelegentlich nicht erreicht werden konnte. Aber DIESER ist von der Konzeption völlig anders. Ich möchte nur wissen, welche Ursachen ihr vermutet, daß dieses mehrheitlich abgelehnte - und oft sogar verhasste Regietheater sich wie eine alles zerstörende Krake um die Institution Oper klammert und nicht von ihr ablässt - um keinen Preis. Es sit als ob ein Konditor eine stinkende ekelerregende Torte produzierte, die - weil unverkäuflich - zwangsweise an die Bevölkerung "verfüttert" würde, wobei stest betont würde, welch gesundes und wohlschmeckendes Produkt das sei......


    Also - Daher die Frage : Warum braucht man das Regietheater überhaupt? Und was soll es bewirken?
    Sind es ideologische Ziele - und wenn ja : Welche?
    Oder ist der Nutzen woanders zu suchen?
    Wenn ja - wer profitiert davon - und WARUM?


    mit freundlichen Grüßen aus Wien
    Alfred

  • Nachdem also die konstruktive Suche nach Wegen aus der Regietheaterkrise aktuell im destruktiven, sich gegenseitig schulterklopfenden Regietheater-Bashing stecken geblieben ist, versuchen wir es nun mir der Methode "Wie zimmere ich mir eine passende Verschwörungstheorie!" :hahahaha:

  • Nun, dann versuche ich mal ein paar Gründe aufzulisten, warum sich das Regietheater immernoch hält: Ich denke, dass beim Regietheater eine Ideologie dahinter steckt. Die Vertreter des regietheaters sind von ihren Ansichten und den so hohen künstlerischen Werten so überzeugt, dass sie gar nicht wahrnehmen, oder gar wahrnehmen wollen, dass es viele Leute gibt, die diese Ideologie nicht teilen. Dies halte ich für ein ideologischer Verblendung, die die Realität vollständig Verkennt! So habe ich kürzlich im Internet auf Facebook die Ansichten eines jungen Regietheaterregisseurs gelesen, der sich ernsthaft eingebildet hat, die Leute würden seinen Schwachsinn lieben.
    Ein weiterer Grund, für das Festhalten am Regietheater ist sicherlich auch die Ausbildung an den entsprechenden Hochschulen. Die dortigen Regie und Bühnenbildstudenten bekommen dort nämlich von alten Regietheaterregisseuren den Schwachsinn, den sie später produzieren regelrecht eingeflößt! Wenn ich zum Beispiel lese, dass Calixto Bieito Workshops vor regiestudenten abhalten darf, ist es kein Wunder, wenn danach die Inszenierungen junger Regisseure immer absurder und idiotischer werden und das mit steigender Tendenz. So sind Opernhäuser heute gar nicht mehr in der Lage, klassische Inszenierungen zu produzieren, da die da notwendigen Fertigkeiten wie zum Beispiel die klassische Prospektmalerei vollständig verloren gegangen ist. Außerdem, glaube ich, dass viele und gerade kleinere Opernhäuser in einen Teufelskreis geraten sind. So hat man als vor einigen Jahrzehnten das Regietheater begann seinen Siegeszug zu feiern, häufig sein Stammpublikum Vergrault. Als Folge blieben viele Plätze im Opernhaus leer und die Einnahmen sanken. Die Subventionen irgendwann auch. Und dann kam irgendwann der Punkt, an dem Opernhäuser auch finanziell nicht mehr in der Lage waren, aufwändige klassische Inszenierungen zu machen. So ist ein Barockkostüm natürlich wesentlich teurer als einen Lumpen den man von der Altkleidersammlungen genommen hat. Um aus diesem Teufelskreis herauszukommen fehlt natürlich vielen kleineren Opernhäusern das Geld. Und so verwendet man weiter nur Lumpen aus der Altkleidersammlung, was dann natürlich einen noch größeren Publikumsschwund zur Folge hat und so weiter. Ein weiterer Grund, der hier auch schon oft angeführt wurde, ist dann natürlich auch, dass die Intendanten aufgrund der Kritiker , die ja häufig pro Regietheater eingestellt sind, sich nicht mehr trauen, klassische Inszenierungen zu produzieren, da sie befürchten, sonst schlechte Kritiken zu erhalten und nicht mehr im Gespräch zu sein. Wer Skandale produziert, und den lautesten Buhsturm erzeugen kann, bleibt natürlich im Gespräch...

  • Figaroooo kann ich nur recht geben und noch erweitern.


    Ein Regisseur, der den Ring zum 10. mal machen soll, der gerät schnell in die Versuchung, etwas Neues zu machen. 10 x dasselbe,da wartet die Kritik doch schon darauf, ihn zu zerreißen. Dem fällt nichts mehr ein!!! Deshalb zunächst zaghafte Versuche, dem Inneren der Oper etwas Neues abzugewinnen. Den Inhalt neu deuten, auf die heutige Zeit oder andere Ereignisse beziehen. Nachdem der Ring jahrzehnte nach dem gleichen Schema gemacht wurde (teils in Kulissen und Kostümen, die uns heute auch bei aller Wut auf das Regietheater nur noch lächeln lassen würden), kamen die Gedanken zuerst zaghaft. Der "Jahrhundertring" von Chereau war in meinen Augen so ein Neubeginn. Heute gilt er vielen als gemäßigtes Regietheater. Denn was sich daraus entwickelt hat, das ist schrecklich.


    Ein Regisseur macht sein Ding, holt sich seine Buhs lachend ab und geht zur nächsten Vergewaltigung. Das Publikum der Reportoire-Vorstellung ist allein gelassen, der Buhmann ist weg. Er müßte verpflichtet werden, sich nach jeder Vorstellung zu zeigen. Aber wie schon Figaroooo sagte, jetzt werden Regiestudenten so ausgebildet, daß ihnen die Musik und die Regieanweisungen des Komponisten nicht mehr heilig sind. Konwitschny hat in Leipzig an der Volkhochschule Kurse abhalten lassen, worin er seine Deutung der Oper dem Publikum schmackhaft machen wollte. Genutzt hat es nichts, die Oper hat massivsten Publikumsschwund. Nun ist er Gott (oder Schirmer) sei Dank fort. Hoffentlich ein Beispiel für andere Aktionen.


    La Roche : Sie höhnen das Alte, aber sie schaffen nichts Neues!! Regisseure wollen heutzutage produzierende Kümstler sein, keine reproduzierenden. Da sie zu doof sind, selbst etwas zu komponieren, werden sie aktive produzierende "Künstler" (schon das Wort paßt nicht mehr), indem sie vorhandenes umdeuten. Immer zum Schaden des Originals.


    Viele Grüße von La Roche

    Musik ist eine heilige Kunst - Hugo von Hofmannsthal. Aussage des Komponisten aus der Oper "Ariadne auf Naxos" mit der Musik von Richard Strauss.


  • Es fehlt allenthalben die Ehrfurcht vor dem Werk und seinen Schöpfern. Da man vor Jahrzehnten vom irrigen Schluß ausging, Opernregie wäre 1:1 mit Schauspielregisseuren zu realisieren, die sind ja Bühnenspezialisten, nahm das Unheil seinen Lauf - Trugschlüsse sind eben fatal. Wenn dazu das Unvermögen trifft, in die musikalische Kosmologie einzudringen, verbleibt man nolens volens an der "Handlung" kleben und versucht diese, mit heutigen Erfolgsingredienzien, sprich Musicalmethoden oder Pop-art-Verschnitten, modisch aufzupeppen und landet schließlich im Gemischtwarenladen, der überquillt von Kitsch und Plunder.


    Kommt noch dazu, dass der Regisseur von heute seiner Produktion seinen persönlichen Stempel aufzudrücken bestrebt ist oder - was ebenfalls an der Tagesordnung steht - auf Provokation und gewaltsame Uminterpretation setzt, dann kommt eben das heraus, was uns heutzutage massenweise vorgesetzt wird.


    Bezeichnend war die Begründung eines Regisseurs, warum er in der "Traviata" zum Orchestervorspiel die Titelfigur ziellos über die offene Bühne taumeln ließ: Da muß ma ja was machen, da tut sich ja nichts.

  • Wer Skandale produziert, und den lautesten Buhsturm erzeugen kann, bleibt natürlich im Gespräch...


    Dann müsste man den Trick erfinden, die Leute mit Althergebrachtem zu schockieren.


    Was La Roche und Figaroo hier sagen, trifft sicher den Nagel auf den Kopf.


    In Schweden könnte man noch einen weiteren Parameter hinzufügen: Nepotismus.


    Der wird bei uns ganz offen demonstriert und mehr oder weniger von den beiden großen Zeitungen toleriert. Da Zivilcourage in Schweden ein Fremdwort ist und die Zeitungen obendrein die in ihren Augen kontroversiellen Leserzuschriften permanent abblocken, werden auch die Regietheater-Regisseure hier wie gewohnt weitermachen.

  • Wenn es aus dem Schauspiel herrührt (was wohl der Fall zu sein scheint), was bezweckt das Regietheater im Schauspiel? (Zu vermuten wäre doch: genau dasselbe wie in der Oper!) Und was bezweckt "Nicht-Regietheater"? Immer dasselbe? Wirklich etwas anderes als "Regietheater?"


    Hat denn irgendjemand wenigstens eine substantielle Verschwörungstheorie, d.h. konkrete Fakten in Form von tatsächlichen einflusreichen oder skandalösen, jedenfalls trendsetzenden Inszenierungen und Besetzungen von maßgeblichen Positionen (Intendanten, Regisseure usw.) seit, sagen wir, 1960? Was ist die Geschichte dahinter, die Schlüsselfiguren und -inszenierungen? Bislang sind das doch alles sehr vage Behauptungen?


    Die Idee, dass das (oder eher bestimmte Teile des) Publikum "vergrault" werden sollen, scheint mir ziemlich fragwürdig. Auch wenn (was für Nichtregietheater ebenso gilt) keine direkte finanzielle Abhängigkeit vom Besuch besteht, gibt es die natürlich sehr wohl. Und niemand will etwas präsentieren, das kein Publikum findet, und auch nicht den Ast absägen, auf dem er sitzt. Wenn ein Theater wegen mangelndem Zuspruch geschlossen wird, kann auch kein "Regietheater" mehr stattfinden. Das sollte auch ein depperter Regisseur verstehen, der keine Ahnung von Opern hat.

    Struck by the sounds before the sun,
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    (Bob Dylan)

  • Nachdem also die konstruktive Suche nach Wegen aus der Regietheaterkrise aktuell im destruktiven, sich gegenseitig schulterklopfenden Regietheater-Bashing stecken geblieben ist, versuchen wir es nun mir der Methode "Wie zimmere ich mir eine passende Verschwörungstheorie!"


    Na ja, wir werden das Regietheater durch unsere Beiträge vermutlich nicht abschaffen können, doch ohne Wirkung nach außen sind sie sicherlicht nicht.


    Von Verschwörung hat übrigens noch niemand gesprochen. Es sollte zahlenden Opernbesuchern aber erlaubt sein, nach den Gründen für diese globalen Massenhysterie zu suchen.


    Es gibt durchaus gute moderne Opernregie, aber leider zu selten.


    Der Lohengrin, den ich vor einigen Wochen in Stockholm durchlitten habe, gehörte nicht zu dieser Kategorie.


    Äußerst originell: der Chor im Kampfanzug und bewaffnet mit Maschinenpistolen. Elsa wird als Gefangene in Handschellen hereingeführt, man nimmt ihre Fingerabdrücke und stellt sie dann unter einen Galgen mit herabhängender Schlinge. (Romantische Oper laut Wagner).


    Es kam noch schlimmer: 20 Girlanden mit der Aufschrift: Nie sollst du mich befragen. Später noch Buchstabenwürfel zu einer Pyramide aufgebaut. Erstaunlicherweise ergab das einen ganzen Satz und dazu noch auf deutsch: Nie sollst du mich befragen ...


    Wagner für die Vorschule!


    Auch unter Berücksichtigung des kulturellen Bildungsnotstandes in diesem Land der Neureichen war das ein unerwarteter Tiefwasserstand.


    Wirklich MSchenk, für nur 1000 Euro könnte ich einen ähnlichen Schmarren abliefern, das würde immense Steuergelder sparen. 8-)

  • Ich möchte wohlwollend annehmen, dass es eigentlich die Intension jeden Kunstschaffenden ist, dass die mit Leidenschaft zur Welt gebrachten Werke mit positiver Resonanz aufgenommen werden - unterstelle also erstmal gute Absichten. Ich habe auch nichts gegen neue Einfälle, nichts gegen gemäßigtes Regietheater, nichts gegen Verfremdungen etc. wenn, ja wenn sie gut gemacht und in sich schlüssig sind. Bedauerlicherweise finde ich das in wenigen Aufführungen.


    Stattdessen scheinen mir viele Regisseure eitle, selbstverliebte Gecken zu sein; ausgestattet mit einem unerhörten Sendungsbewußtsein und der Überzeugung, dass die eigene Sicht die einzig richtige ist. Vielleicht, ja sogar wahrscheinlich braucht es etwas Exentrizität, um in diesem Beruf etwas Großes zu schaffen, aber nicht auf Kosten des Werkes. :no: Jüngst wurde in Erfurt der Freischütz auf die Bühne gebracht und ich hätte ihn gerne gesehen. Stutzte aber, als ich las, dass es keine Pause gebe. Es stellte sich heraus, dass der Regisseur die Oper gekürzt und in ihrem Ablauf geändert hatte und zwar aufgrund der "mangelhaften Dramaturgie". Weiterhin gestand der französische Regisseur, dass ihm die Oper als Kunstform fremd sei und er sich darüber hinaus nie davon angesprochen gefühlt habe. Das sind doch denkbar verkehrte Voraussetzungen. Für den Regisseur mag die Arbeit sicher erkenntnisfördernd gewesen sein, aber für das Publikum? Ein Publikum, dass sich ja bisher auch nicht sonderlich an der mangelhaften Dramaturgie gestoßen zu haben scheint.


    Ich glaube nicht an eine große Verschwörung, aber an ein Theater, dass sich in einer Selbstfindungskrise befindet. Man will neu und modern sein, schafft es aber häufig nicht, über eine sich intelektuell zu legitimieren suchende niedere Schaulustbefriedigung hinaus.


    Mit Vehemenz weise ich die häufig vorgebrachte Behauptung, nur durch moderne Inszenierungen lasse sich ein junges Publikum für die Oper begeistern, zurück. Menschen, die glauben, durch Verstümmelungen, Pornographie, Gewalt und oberflächliche Provokation ließe sich ein Publikum gewinnen, haben auch nur ein solches Publikum verdient, werden es aber gerade bei Kunstinteressierten kaum finden.

    "Geduld und Gelassenheit des Gemüts tragen mehr zur Heilung unserer Krankheiten bei, als alle Kunst der Medizin." (W.A. Mozart)

  • Regietheater heisst zumindestens , das sich der Regisseur mit dem Stück und dessen Inhalt auseinander gesetzt hat.Nur die meisten Regisseure wollen ja alles neu erfinden. Ich kaufe mir schon lange keine Programmhefte mehr, da mir immer schlecht wird, wenn ich die endlosen Ausschweifungen der Regisseure lese, die dann doch so auf der Bühne nie umgesetzt werden. Es gibt aber auch sehr gutes Regietheater wie an der Rheinoper bei Billy Budd und Peter Grimes oder bei The Turn of the screw und the Rakes Progess. Nur sind das dann solche Aufführungen, wo das Publikum ausbleibt, was eigentlich schade ist. Und das sind dann aber auch solche Aufführungen, über die ich hinterher länger nachdenke, nach dem Motto: Was will uns der Regisseur damit sagen ?. Wogegen ich die anderen Inszenierung so schnell wie möglich vergessen möchte, wie letzten Sonntag, den Cesare aus Salzburg. Und von Personenregei wie bei Otto Schenk z.B. haben die meisten Regisseure noch nie was gehört. Das sieht alles wie blinder Aktionismus auf der Bühne aus und der Chor ist für sie sowieso nur ein Fremdkörper. Ich weiss nicht mehr wer es gesagt hat, aber einer hat mal den Satz gesagt: Es muss nicht dem Publikum gefallen, sondern mir. Leider sehen so auch die meisten Inszenierungen aus. Und ein Herr Kosky verdient doppelte Gage, indem er seine bescheuerte Inszenierung der Götterdämmerung in Essen und Hannover zeigen darf. Nur das die Essener Besucher den Nachteil haben, die vorigen Stücke des Rings aus Hannover nicht zu kennen.

  • Zitat

    Zitat von Figarooo: Ein weiterer Grund, für das Festhalten am Regietheater ist sicherlich auch die Ausbildung an den entsprechenden Hochschulen. Die dortigen Regie und Bühnenbildstudenten bekommen dort nämlich von alten Regietheaterregisseuren den Schwachsinn, den sie später produzieren regelrecht eingeflößt! Wenn ich zum Beispiel lese, dass Calixto Bieito Workshops vor regiestudenten abhalten darf, ist es kein Wunder, wenn danach die Inszenierungen junger Regisseure immer absurder und idiotischer werden und das mit steigender Tendenz.

    Das ist auch meine Meinung. Ich fürchte, dass es unter dieser Generation kaum mehr Regisseure gibt, die in der Lage sind, über diesen ihnen eingeflößten Schwachsinn hinaus zu denken, denn sonst würden viele dieser Inszenierung nicht immer nach dem gleichen Mix gestaltet werden. Vielleicht aber will man auch die Historie, von der diese Herren wohl keine Ahnung haben, gänzlich verleugnen. Und weil sie nicht mehr fähig sind, solche Inszenierungen, wie sie Meister mit großem Namen zustande brachten, fertig zu bringen, müssen sie sich eben einen Namen mit Skandalen machen. Ich wäre auch dafür, dass sich diese Herrschaften bei jeder Vorstellung dem Publikum stellen würden, weil dann eventuell ihre Selbstverliebtheit - wie es Lynkeus sieht, dem ich voll zustimme - vielleicht doch etwas mehr leiden würde. Die Buh-Rufe unterbleiben oft bei den Repertoirevorstellungen, weil damit ja eventuell gute Sänger und das Orchester, und nicht der durch Abwesenheit glänzende für diesem Schund Verantwortliche, ausgebuht würden


    Liebe Grüße
    Gerhard

    Alle Kunst ist der Freude gewidmet, und es gibt keine höhere und keine ernsthaftere Aufgabe, als die Menschen zu beglücken. Die rechte Kunst ist nur diese, welche den höchsten Genuß verschafft.
    (Schiller: Die Braut von Messina, Kapitel 2)

  • Stattdessen scheinen mir viele Regisseure eitle, selbstverliebte Gecken zu sein; ausgestattet mit einem unerhörten Sendungsbewußtsein und der Überzeugung, dass die eigene Sicht die einzig richtige ist.

    Das dürften etliche Künstler so an sich haben, auch die Regisseure des Nichtregietheater (was ist das eigentlich, freie Improvisation der Schauspieler/Sänger?)



    Zitat

    Weiterhin gestand der französische Regisseur, dass ihm die Oper als Kunstform fremd sei und er sich darüber hinaus nie davon angesprochen gefühlt habe. Das sind doch denkbar verkehrte Voraussetzungen. Für den Regisseur mag die Arbeit sicher erkenntnisfördernd gewesen sein, aber für das Publikum? Ein Publikum, dass sich ja bisher auch nicht sonderlich an der mangelhaften Dramaturgie gestoßen zu haben scheint.

    Es ist allerdings die absolute Ausnahme, dass einem Regisseur, der Opern inszeniert, "die Oper als Kunstform" fremd bleibt. Man mag so etwas machen, weil man meint, gerade von einem Regisseur mit anderem Hintergrund etwas Besonderes geboten zu kriegen, aber jemandem wie Konwitschny kann niemand vorwerfen, er habe von Oper keine Ahnung; sein Vater war Dirigent, seine Mutter Sängerin, der ist mit Oper aufgewachsen und versteht sehr viel mehr davon als selbsternannte Experten, deren Expertise in 40 Jahren Abo und 2000 Platten besteht.


    "Das Publikum" hält ja auch teilweise die Handlung Zauberflöte für schwachsinnig (regt sich aber deswegen nicht weniger drüber auf, wenn irgendwas im Theater nicht so ist wie sie es in ihrer Jugend gesehen haben) und entwirft alternative Deutungen für den Freischütz, weil ihm das Original unlogisch erscheint... ;)
    Ein Regisseur, der angeblich verfremdet, macht im Grunde nichts anderes, nur dass er eben die Macht hat, seine alternativen Deutungen (oder Schwierigkeiten mit bestimmten Aspekten des Stücks) nicht nur in einem Forum zu äußern, sondern auf dem Theater umzusetzen.
    Dass man als Opernfreund und Forianer immer alles besser weiß als ein Theaterprofi ist eh kloar, damit muss man halt leben. ;)



    Zitat

    Mit Vehemenz weise ich die häufig vorgebrachte Behauptung, nur durch moderne Inszenierungen lasse sich ein junges Publikum für die Oper begeistern, zurück. Menschen, die glauben, durch Verstümmelungen, Pornographie, Gewalt und oberflächliche Provokation ließe sich ein Publikum gewinnen, haben auch nur ein solches Publikum verdient, werden es aber gerade bei Kunstinteressierten kaum finden.

    Erstens stimmt es nicht, dass sogenanntes Regietheater hauptsächlich durch Pornographie und Gewalt sich auszeichnet, zweitens glaube ich nicht, dass man als einzelner, ob vehement oder nicht, entscheiden kann, wie sich ein junges Publikum für die Oper begeistern lässt. Sicher gibt es da nicht nur eine Möglichkeit. Belegt ist aber auch, dass vorgeblich skandalöse Inszenierungen durchaus sehr gut bei Teilen des Publikums angekommen sind. Insofern ist ohne Statistiken o.ä. erst einmal offen, wie der Zusammenhang von bestimmten Inszenierungen und "jungem Publikum" sich darstellt. Das war keine Oper, aber Ende der 90er wurde an einem Stadttheater mal eine Theaterfassung von "Clockwork Orange" gegeben. Eine Freundin einer Freundin (damals vielleicht 22-25) ist in der Pause gegangen, weil es ihr zu brutal war; nun ist das Stück aber eben nunmal grenzwertig brutal (wie viele Opern, wenn man das libretto ernst nimmt) und das Theater war meiner Erinnerung nach gut gefüllt, weil das Stück u.a. bei jungen Leuten recht gut angekommen ist. Leider kann ich mich an die Details (inkl. meiner Ansicht zu dem Stück) nicht mehr erinnern.

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  • Nein, die häufig propagierte Aussage "Regietheater zieht junge Menschen an und gewinnt ein neues Publikum" etc.etc. ist schlichtweg falsch. Auch sie ist einer der Gründe, warum sich das Regietheter trotz erbittertem Widerstand noch halten kann.
    Ich kenne niemand in meinem Alter oder jünger, der das Regietheater goutiert bzw. der durch das Regietheater zum Opernliebhaber wurde, während schöne, geschmackvolle Inszenierungen sehr wohl dazu beigetragen haben!
    Und zum Thema Pornographie, bitte dieses Video gucken: http://www.youtube.com/watch?v…%26gl%3DDE&has_verified=1
    Und wenn sowas zur Premiere ausverkauft ist, dann weil man einem kalkulierten Skandal beiwohnen will. Spätestens ab der zweiten Serie herrscht gähnende leere im Zusachauerraum!

  • ... und entwirft alternative Deutungen für den Freischütz, weil ihm das Original unlogisch erscheint... ;)

    Nein, wer macht denn sowas? Ts-ts-ts. :pfeif:


    Ein Regisseur, der angeblich verfremdet, macht im Grunde nichts anderes, nur dass er eben die Macht hat, seine alternativen Deutungen (oder Schwierigkeiten mit bestimmten Aspekten des Stücks) nicht nur in einem Forum zu äußern, sondern auf dem Theater umzusetzen.

    Das ist nicht nur sein gutes Recht, sondern ich erwarte dies sogar von einem Regisseur. Er hat nicht nur das Libretto auf die Bühne zu bringen, sondern auch die stets vorhandenen Leerstellen sinnvoll zu füllen, sodass sich ein stimmiges Gesamtbild ergibt. Ich bin gerne bereit, alternative Deutungen zu sehen und finde, dass gerade ausgehend von den Schwierigkeiten bestimmter Stücke gute Inszenierungen entwickelt werden können. Sie würden dann eben bestimmte Aspekte hervorheben, doch auch der Traditionalist wird die Aufführung zu schätzen wissen. (Na ja, idealerweise. Genöhlt wird immer.)
    So manch einer Regie gelingt das nicht und daher rührt wohl zu einem nicht unbeträchtlichen Teil die Verteufelung des Regietheaters. Statt ein stimmiges Gesamtbild zu erzeugen, wird dann mit Versatzstücken hantiert: Hier ein Anachronismus, dort ein wenig Klamauk, da vielleicht noch etwas Gesellschaftskritik. Patchwork.) In Beitrag 8 erwähnte hami1799 Maschinenpistolen und Kampfanzüge – die finden m.E. derzeit besonders viel Verwendung als Requisiten; oder auch Bauarbeiter- bzw. Leuchtwesten. Was beim ersten Mal originell ist, kann beim zweiten Mal schon abgeschmackt werden und rasch zum Klischee verkommen.) Manchmal scheint es, als wolle man der medialen Reizüberflutung auch auf der Bühne Rechnung tragen.


    ... zweitens glaube ich nicht, dass man als einzelner, ob vehement oder nicht, entscheiden kann, wie sich ein junges Publikum für die Oper begeistern lässt.

    Entscheiden kann ich das nicht, aber meine diesbezügliche Ansicht darf ich kund tun. Ich gebe es ungern zu, aber es besteht natürlich die Gefahr, dass ich mit dieser falsch liege. ;)


    Belegt ist aber auch, dass vorgeblich skandalöse Inszenierungen durchaus sehr gut bei Teilen des Publikums angekommen sind.

    Skandalös schließt ja gelungen nicht aus. Die Erstaufführung des Sacre war ja auch skandalös. In einem anderen Thread zitierte ich einen Leserbriefschreiber, der hinsichtlich der die Regie ausbuhenden Opernbesuchern lapidar bemerkte, es hätte eben nicht jeder Theater- bzw. Musikwissenschaft studiert. Hm, das sollte ja nun zum Genuss nicht notwendig sein. Sonst gibt es bald Mindestanforderungen wie für Computerprogramme. Es scheint mir fast so, als gäbe es einen (kleinen?) Teil des Opernpublikums, der sich selbst durch seinen Beifall für das Regietheater als besonders kunstverständig versteht und sich durch das Nichtverständnis des anderen Teils in seiner elitären (gleich gibt’s Haue) Stellung bestärkt fühlt.


    Ich kenne niemand in meinem Alter oder jünger, der das Regietheater goutiert bzw. der durch das Regietheater zum Opernliebhaber wurde, während schöne, geschmackvolle Inszenierungen sehr wohl dazu beigetragen haben!

    Dito! Meine Freundin geht mir zuliebe mit in die Oper, schätzt das auch hin und wieder, legt aber auch keinen gesteigerten Wert darauf. Wenn ich ihr - wie vor einem Jahr geschehen - auseinandersetze, was Walküren sind, und diese dann in der Inszenierung als in Doppelstockbetten mit Leichen schlafenden Mädchen im Nachthemd gezeigt werden, ist das nicht gerade begeisterungsfördernd. Kommentar nach der Aufführung: "Zu sowas gehst du das nächste Mal allein!"

    "Geduld und Gelassenheit des Gemüts tragen mehr zur Heilung unserer Krankheiten bei, als alle Kunst der Medizin." (W.A. Mozart)

  • Ich glaube auch nicht, dass das "Regietheater" junge Menschen anzieht. Ein paar ausgeflippte Spinner vielleicht, aber überwiegend sind die jungen Leute eher verstört und wundern sich, wenn irgendein Schwachsinn gezeigt wird statt dem, was sie eigentlich erwarten. Überhaupt: Wenn etwa in der "Kulturzeit" auf 3sat Operninszenierungen (natürlich sämtlich verseucht und entstellt) vorgestellt werden, dann zwingt das auch meiner beleibe nicht konservativen Mutter nur ein Schmunzeln auf. Dieses pseudohyperintellektuelle Getue in diesen Beiträgen ist kaum auszuhalten, wo irgendwelche selbsternannten Möchtegern-Regisseure ihre ach so bedeutsame "neue Sichtweise" auf ein "verstaubtes Werk" zeigen und somit die alleinige Deutungshoheit für sich beanspruchen und alles andere als reaktionär abtun. Diese Pest gilt es auszurotten.


    Zur Ausgangsfrage: Das Regietheater bezweckt die Vernichtung der traditionellen Oper, nicht weniger. Und leider, muss man sagen, hat es das mittlerweile auch fast schon komplett erreicht. Chapeau! Darauf kann es stolz sein.

  • Zur Ausgangsfrage: Das Regietheater bezweckt die Vernichtung der traditionellen Oper, nicht weniger. Und leider, muss man sagen, hat es das mittlerweile auch fast schon komplett erreicht. Chapeau! Darauf kann es stolz sein.

    Wenn man mal davon ausgeht, dass es eine scharf zu ziehende Trennlinie (was ich für unmöglich halte) zwischen "traditionell" und "Regietheater" gibt, warum sollte irgendjemand das wollen?
    Was ist der Masterplan der Verschwörer? Und wie konnten sie als angeblich winzige Minderheit solchen Einfluss gewinnen? Haben sie die Rezensenten alle bestochen? Fakten, keine Anekdoten, wie sich das in den letzten 50 Jahren ergeben haben soll, wären gefragt!


    Was die Attraktivität für "junge Leute" betrifft, meint wohl auch kaum jemand, dass das ein Hauptzweck wäre; die jüngeren Leute sind in jedem Falle in der Oper in der Minderheit. Abgesehen davon helfen die anekdotischen Belege ("ich finde das scheußlich, meine Freundin erst recht" usw.) schlicht nicht weiter. Was man benötigte, wären aussagekräftige Informationen über die Altersstruktur des Publikums in unterschiedlichen Inszenierungen, und ich glaube nicht, dass es so etwas gibt. Ich weiß nur, dass viele der angeblichen Skandalvorstellungen, etwa in der Komischen Oper, auch noch ziemlich gut besucht (ohne Info über Alter der Besucher) gewesen sind, nachdem mögliche Sensationslust abgeflaut war (abgesehen davon, dass zB Konwitschnys Don Giovanni (ab ca. 2002/03) nicht besonders skandalös gewesen sind).

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    (Bob Dylan)

  • Wenn man mal davon ausgeht, dass es eine scharf zu ziehende Trennlinie (was ich für unmöglich halte) zwischen "traditionell" und "Regietheater" gibt [...]?


    Ich bin, seit ich die Regietheater-Threads (eher flüchtig) mitlese (meine persönliche Erfahrung hält sich, da ich mich als nur sekundär opernorientiert deklarieren würde, in Grenzen) etwas erstaunt, dass die von mir bezüglich Johannes Roehls Beitrag fettgedruckte Position nicht deutlicher zum Tragen kommt. Implizit kann man es bisweilen herauslesen.


    Solange Regietheater selbstzweckhafte bis sensationslüsterne und banale Verfremdung bedeutet, lehne ich die Konzepte auch normalerweise ab. Kann man das aber wirklich am Begriff selbst festmachen?


    Natürlich verkünde ich hier nichts Besonderes. Natürlich werden mir die meisten von Euch Recht geben - hoffe ich mal :rolleyes: .


    Trotzdem glaube ich, würde es das Ansehen des Tamino-Forums noch einmal vergrößern, könnte man allein die zahllosen Thread-Titel präziser formulieren, um ein berechtigtes Anliegen glaubwürdiger zu vermitteln.


    Formulierungen wie "Auswüchse des ..." könnte ich mir da vorstellen.


    Besten Gruß, Wolfgang

  • Skandalsucht hin oder her - hier wird vergessen, dass hinter dem derzeitigen Regietheater größtenteils eine ganz klare politische, eine ideologische Dimension steht, die mit der berühmten "Umwertung aller Werte" einhergeht, also dem Motto der mittlerweile fest in gesicherten Positionen sitzenden Achtundsechzigern und ihrer Nachgeburt. Der "lange Marsch durch die Institutionen" ist vortrefflich geglückt - Medien, Bildungswesen und natürlich der Kultursektor werden von diesem Ideologengeschmeiß bevölkert. Es ist doch auch absolut kein Wunder, warum Befürworter traditionellen bzw. librettogerechten Theaters ganz schnell in die bourgeoise, möglichst in die rechte, besser reaktionäre und - am besten - braune Ecke gestellt werden. Kann man einen Deutschen besser mundtot machen?
    Es ist daher kein Wunder, weshalb das Regietheater gerade im deutschen Sprachraum so üppig gedeihen konnte - mit der durch die "Bürde der deutschen Geschichte" niemals heilenden Amfortaswunde geschlagen, haben Kulturvertreter jedweder Couleur geradezu panische Angst, als "reaktionär" abgestempelt zu werden. Ganz vereinfacht kann man es so ausdrücken, dass ein Intendant, der eine Oper nicht zum x-ten Mal umkrempeln und "neudeuten" lässt, irgendwann als "ewig gestrig" gilt, was ungefähr gleichbedeutend mit "NSDAP-Mitglied" ist. Ein Indendant hingegen, der unter dem Motto der "Innovation und Offenheit" auch dem größten Schwachsinn eine Plattform bietet, wird sicherlich alle möglichen Reaktionen erhalten - aber er wird von der größtenteils einseitig-primitiven Presse von dem Stigma der "bourgeois-reaktionären Haltung" für alle Zeiten freigesprochen. Das ist so gut wie eine Absolution auf Lebenszeit.
    Um also auf Alfreds Anfangsfrage zurückzukommen: Das moderne Regietheater bzw. die, die es produzieren, bilden sich in ihrer maßlosen Arroganz ein, mit ihrem Schwachsinn "erzieherisch" auf das Publikum einzuwirken und mit dazu beizutragen, dass es ein "Viertes Reich" niemals geben wird, denn es ist ja vollkommen bekannt und erwiesen , dass die Deutschen so verkorkst sind, dass sie, sobald sie wieder "normales" Theater zu sehen bekommen, sich sofort einen neuen Adolf Nazi wählen, in ihre Nachbarländer einmarschieren und einen dritten Weltkrieg anzetteln. Logisch! :rolleyes: Gottseidank gibt es aber die sich hingebungsvoll für die gute Sache aufopfernden Regietheaterfuzzis, die aufpassen, dass sowas nie wieder passiert und uns mit Blut, Urin, Pornographie, Panzern, Nazi-Uniformen - und was sonst noch so ihren kranken, oh Verzeihung, innovativen Hirnen entspringt- zu besseren Menschen und immerwährenden Demokraten machen.

    "Tatsachen sind die wilden Bestien im intellektuellen Gelände." (Oliver Wendell Holmes, 1809-94)

  • Ich bin, seit ich die Regietheater-Threads (eher flüchtig) mitlese (meine persönliche Erfahrung hält sich, da ich mich als nur sekundär opernorientiert deklarieren würde, in Grenzen) etwas erstaunt, dass die von mir bezüglich Johannes Roehls Beitrag fettgedruckte Position nicht deutlicher zum Tragen kommt. Implizit kann man es bisweilen herauslesen.


    Richtig, der Begriff Regietheater ist nichtssagend. Ein Terminus, der sich auf die Auswüchse der modernen Regie beschränkt, wäre eher angebracht.


    Das Wunsch, untragbar Altes abzustauben ist ebenso legitim, wie der Anspruch auf werkgerechte Interpretation einer Oper. Schwachsinnige Belehrungversuche seitens der Regisseure sollten jedenfalls nicht damit zu motivieren sein, dass den Opernbesuchern die Zeit fehle, das Textbuch oder wenigstens eine Einführung zu lesen.


    Wenn Strano Sognator die Ideologie der 68-iger verantwortlich macht, so ist das eine deutsche Erscheinung. In Schweden grassiert die Erklärungssucht. Die führt dann zu einer naiven, aufdringlichen und daher unerträglichen Überdeutlichkeit (siehe meine Beitrag Nr 8), die zudem völlig die Tatsache ignoriert, dass in der Partitur außer dem Text auch noch einige Noten stehen.


    Eine Diskussion um das Für und Wider aufgezeigt an konkreten Beispielen, würde unserer Debatte sicher nicht schaden.

  • Weiterhin gestand der französische Regisseur


    Lieber Lynkeus,


    der Regisseur war Dominique Horwitz, ein deutscher Schauspieler. Der Erfurter Intendant hat ihm die Chance gegeben, sich mal auf der anderen Seite zu präsentieren. Soviel ich weiß, hat er sogar die Handlung verändert. Einer der Gründe, weshalb ich seit mind. 3 Jahren nicht mehr im Erfurter Opernhaus gewesen bin. Ich habe vor Jahren (noch in der alten Oper) dort herrliche Aufführungen gesehen. Vorbei. Schwamm drüber.


    La Roche

    Musik ist eine heilige Kunst - Hugo von Hofmannsthal. Aussage des Komponisten aus der Oper "Ariadne auf Naxos" mit der Musik von Richard Strauss.


  • Lieber Joseph II.


    Im Großen und Ganzen stimme ich dir zu, besonders hinsichtlich des pseudohyperintellektuellen Getues triffst du den Nagel auf den Kopf. Aber...


    Diese Pest gilt es auszurotten.


    Aber wenn der – mehrheitlich unter den Forianern vorhandene – Wunsch nach Librettotreue ernst genommen werden soll, ist es angebrachter, die Worte mit mehr Bedacht zu wählen und auf Formulierungen wie diese zu verzichten. Was nützt es, wenn wir sprachlich jene Vulgarität gebrauchen, die das Regietheater so gerne bedient? Wenn allein die Erwähnung des Regietheaters zu schaumgeiferndem Zähnefletschen führt? (Das ist natürlich eine Gratwanderung, denn nur zu gerne will sich auch mein Unmut hin und wieder des Ventils sprachlicher Grobheiten bedienen.) Man darf sich auch nicht zu sehr wundern, nach der Verwendung von Begriffen wie Ausrottung in eine „braune Ecke“ gestellt zu werden – das ist ja eine Steilvorlage mit Eigentorgarantie.


    Wenn das Regietheater – ich verstehe den Begriff nicht als nichtssagend, sondern vielmehr als den von hami1799 gewünschten Terminus für Auswüchse der modernen Regie oder mit den Worten von Wolfgang Z im Sinne selbstzweckhafter bis sensationslüsterner und banaler Verfremdung – wenn das Regietheater also Befürworter und Liebhaber hat, dann hat es seine Berechtigung. Genau wie das librettotreue, konservative oder traditionelle Theater seine Berechtigung hat. Nur scheint ersteres zur Zeit deutlich zu Lasten letzterens zu gehen. (Diese Stadt ist nicht groß genug für uns beide! ?( ) Wäre doch mal ein tolles Experiment, wenn ein Theater ein Stück als moderne und traditionelle Inszenierung im Repertoire hätte!


    Wenn man mal davon ausgeht, dass es eine scharf zu ziehende Trennlinie (was ich für unmöglich halte) zwischen "traditionell" und "Regietheater" gibt...


    Diese Trennlinie gibt es nicht. Vielleicht sollte man einmal versuchen, eine Skala von Kategorien zu erstellen: Auf der einen Seite stünde dann absolute Librettotreue, während sich auf der andere ein Hybrid aus Verfremdung, Kürzung, Umstellung, zeitlicher Verschiebung, Mischung mit anderen Werken, unsinnigen Requisiten etc. befände (alles gleichzeitig, versteht sich.) Dazwischen ist viel möglich und der Punkt, an dem es für den einzelnen Tamino inakzeptabel würde, wäre sehr verschiedenen. Hinzu kommt, dass eine Kategorie noch kein Gefallensgarant ist: Die librettotreuste Inszenierung kann staubend langweilig sein und die größte Abweichung neue Horizonte eröffnen.


    Kurz Off-Topic:

    Einer der Gründe, weshalb ich seit mind. 3 Jahren nicht mehr im Erfurter Opernhaus gewesen bin.


    Lieber La Roche
    Ich persönlich empfinde die bisher gesehenen Aufführungen in Erfurt als gemäßigte Regie, informiere mich natürlich vorher und besuche dann Sachen wie den Freischütz erst gar nicht. Wenn – wie letztens bei La Boheme – das Ganze eher in einer der unseren ähnlichen Zeit handelt und dann der dritte Akt in einer Nachtbar spielt, störe ich mich daran nicht. Bei Hoffmanns Erzählungen fand ich den Olympia-Akt sogar wirklich gelungen, da Olympia als Popstar und Medienpuppe inszeniert wurde. Freilich, ein Gruselambiente wäre mir lieber gewesen.

    "Geduld und Gelassenheit des Gemüts tragen mehr zur Heilung unserer Krankheiten bei, als alle Kunst der Medizin." (W.A. Mozart)

  • So - und nun wollen wir mal.......


    Wenn eine Sache, die offensichtlich hässlich, geschmacklos und unbeliebt ist, mit Hochdruck von einer Lobby betrieben wird, dann kann man davon ausgehen, daß hier ein Motiv dafür existiert.


    Denn "DUMM" im eigentlichen Sinne sind diese Leute ja nicht wirklich - sie schlagen gewaltig Gewinne aus ihrem ungeliebten Tun. Und hier stellt sich immer wieder die Frage, was denn hier die Beweggründe sein mögen.



    Zitat

    Nachdem also die konstruktive Suche nach Wegen aus der Regietheaterkrise aktuell im destruktiven, sich gegenseitig schulterklopfenden Regietheater-Bashing stecken geblieben ist, versuchen wir es nun mir der Methode "Wie zimmere ich mir eine passende Verschwörungstheorie!"

    Es ist interessant, mit welcher Zielgenauigkeit auf allfällige "Verschwörungstheorien" geschossen wird - selbst wenn die noch gar nicht formuliert wurden.
    Aber ich gestehe - es ist ganz offensichtlich, daß sich der Gedanke an Verschwörungstheorien geradezu aufdrängt. Warum - das werde ich gerne im Laufe der nächsten Beiträge erläutern.
    Verschwörungstheorien haben es an sich, daß sie kaum je schlüssig beweisbar sind, aber daß sie anhand etlicher Indizien leicht glaubwürdig zu machen sind.
    Jene, gegen die sie zielen, entwickeln indes als Gegenmaßmahme immer wieder dieselbe Strategie - sie versuchen die Entwickler und Verbreiter solcher Strategien entweder als unglaubwürdig oder lächerlich darzustellen - oder sie ins "rechte Eck" zu stellen, wobei letztere sich derzeit als unwirksam erweisen dürfte, da nämlich die Gesellschaft an solchen Informationen mehrheitlich nicht interessiert ist - und zwar unabhängig davon ob sie stimmen oder nicht.



    Zitat

    Die Vertreter des Regietheaters sind von ihren Ansichten und den so hohen künstlerischen Werten so überzeugt, dass sie gar nicht wahrnehmen, oder gar wahrnehmen wollen, dass es viele Leute gibt, die diese Ideologie nicht teilen.

    Das wird in Einzelfällen der Fall sein - aber im allgemeinen glaube ich schon, daß sie wissen, daß sie unbeliebt sind - und daß es gerade das ist, was sie eigentlich wollen.



    Zitat

    Regisseure wollen heutzutage produzierende Künstler sein, keine reproduzierenden.

    Ich sehe - von wenigen Ausnahmen abgesehen - in einem Regisseur KEINEN Künstler, sondern eine Art Handwerker, etwa vergleichbar mit dem Korrepetitor. Erst im 20. Jahrhundert wurden Regisseure als Künstler gesehen - vermutlich weil sie es den Leuten eingeredet hatten, welche zu sein. Die Aufgabe des Regisseurs ist, das Libretto - in Bezug aufs jeweilige Bühnenbild - "in Szene zu setzen" - NICHT ABER seine eignen Gedanken einzubringen und den Inhalt umzudeuten. Das sind UNERWÜNSCHE Leistungen - die man nicht nur nicht bezahlen sollte - Sondern sie sollten dazu Anlass geben diese Leute von den Opernbühnen zu verbannen !!!!



    Zitat

    aber jemandem wie Konwitschny kann niemand vorwerfen, er habe von Oper keine Ahnung; sein Vater war Dirigent....

    ..und auch er versuchte schon, eine klassische Oper politisch zu mißbrauchen - ironischerweise in die andere Richtung als dies beim heutigen Regietheater oft der Fall ist..... :hahahaha:


    Ich zitiere hier die deutsche WIKIPEDIA, welche dieses Thema ja besonders liebt - in der englischen Version finden sich keinerlei Hinweise in diese Richtung.

    Zitat

    Seine (Franz Konwitschnys) damalige politische Überzeugung kam auch in einer Freiburger Fidelio-Aufführung vom 1934 zum Ausdruck, wo er anlässlich von Hitlers Geburtstag SA-Männer und SA-Fahnen auf die Bühne bringen wollte, was aber von der Intendanz untersagt wurde.



    Zitat

    Hat denn irgendjemand wenigstens eine substantielle Verschwörungstheorie, d.h. konkrete Fakten in Form von tatsächlichen einflusreichen oder skandalösen, jedenfalls trendsetzenden Inszenierungen und Besetzungen von maßgeblichen Positionen (Intendanten, Regisseure usw.) seit, sagen wir, 1960? Was ist die Geschichte dahinter, die Schlüsselfiguren und -inszenierungen? Bislang sind das doch alles sehr vage Behauptungen?

    Wie ich sehe, DÜRSTET man hier geradezu nach einer "Verschwörungstheorie" - obwohl bislang gar keine formuliert wurde.
    Wie gesagt Theorien sind in der Regel keine Abbildung der realen Wirklichkeit, sondern der Versuch der möglichsten Annäherung an dieselbe. Oder aber auch, scheinbar paradoxe Phänomen aufzulösen bzw. zu erklären.


    MEINE Theorie - die - soweit ich stichprobenartig Überinstimmung bzw Divergenz mit der mir bekannten Realität machen konnte geht in jene Richtung, welche schon JosephII - ohne Rücksprache mit mir - eingeschlagen hat.


    Zitat

    Zur Ausgangsfrage: Das Regietheater bezweckt die Vernichtung der traditionellen Oper, nicht weniger.

    Dieser Aussage möchte ich mich ausdrücklich anschliessen


    Weniger anschliessen möchte ich mich dem zweite Statement:

    Zitat

    Und leider, muss man sagen, hat es das mittlerweile auch fast schon komplett erreicht.

    Man sollte dieses Unheil natürlich nicht unterschätzen und tatenlos hinnehmen - aber man sollte sich bewusst sein, daß das wir am Rande einer Trendwende die wir unterstützen sollten....



    Zitat

    Medien, Bildungswesen und natürlich der Kultursektor werden von diesem Ideologengeschmeiß bevölkert. Es ist doch auch absolut kein Wunder, warum Befürworter traditionellen bzw. librettogerechten Theaters ganz schnell in die bourgeoise, möglichst in die rechte, besser reaktionäre und - am besten - braune Ecke gestellt werden.

    Zitat

    Kann man einen Deutschen besser mundtot machen?

    Ich habe mir oft die Frage gestellt, warum das in Deutschland funktioniert - und in Österreich in der Regel nicht.


    (Und für mich persönlich habe ich diese Frage übrigens schon beantwortet)


    Am Schluss möchte ich jenen, die diesen Text noch nicht kennen sollten
    auf einen Song der 70er Jahre von Reinhard Mey aufmerksam machen.


    http://www.reinhard-mey.de/sta…f-dem-weg-nach-vorgestern


    mit freundlichen Grüßen aus Wien
    Alfred

  • Felsenstein, Kupfer, Berghaus, gab es in der DDR auch 1968?
    (egal, eh beides von Moskau gesteuert.... es geht um Umerziehung, freilich nicht besonders erfolgreich gewesen, da der Kapitalismus in den letzten 20 Jahren wesentlich brutaler dominiert als in den 1970ern und 80ern.)
    Die Umwertung aller Werte stammt übrigens von Nietzsche, nicht von den "68ern" (und wurde von wem wohl? den Nazis propagiert...) . Aber die 68er sind bekanntlich an allem schuld. Komischerweise dieselbe Denkfigur, die man ihnen unterstellt (latenter Nazismus sei an allem schuld).


    Bislang sind noch keine ernstzunehmenden historischen Erklärungen gekommen. Nur dasselbe Gesülze wie in 20 anderen threads. Dabei war doch angekündigt, dass diesmal was anderes kommen sollte...
    Dass Filmregisseusen wie Dörrie, DDR-Prä-68er wie Berghaus oder Kupfer und Sex/Gewalt-faszinierte wie Bieito (*1963 im Franco-Spanien) eine gemeinsame Agenda haben, nämlich bornierte Abonnenten zu ärgern (und den Westen an Moskau und Peking auszuliefern :thumbup: ) halte ich für eine gewagte These...

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Wenn – wie letztens bei La Boheme – das Ganze eher in einer der unseren ähnlichen Zeit handelt und dann der dritte Akt in einer Nachtbar spielt, störe ich mich daran nicht.

    Hallo, Lynkeus


    La Boheme in der Gegenwart und der dritte Akt in einer Nachtbar.....? Und das stört Dich nicht, also findest es im Umkehrschluß wahrscheinlich akzeptabel?!?!
    Nichts für ungut, gestatte eine Frage, kann es sein, daß Du noch nie eine richtig gute und vor allem werkgetreue Boheme gesehen hast?


    CHRISSY

  • Ich habe mir oft die Frage gestellt, warum das in Deutschland funktioniert - und in Österreich in der Regel nicht.


    (Und für mich persönlich habe ich diese Frage übrigens schon beantwortet)

    Ja, und wie lautet denn nun die Antwort auf diese Frage?



    Zitat

    Am Schluss möchte ich jenen, die diesen Text noch nicht kennen sollten
    auf einen Song der 70er Jahre von Reinhard Mey aufmerksam machen.


    http://www.reinhard-mey.de/start/texte/a…nach-vorgestern

    Sehr schön, aber in dem Song wird ja immerhin noch von einem "modernen Schauspiel von Alfons Yondraschek" gesprochen. Heute läuft dasselbe mit Goethe, Schiller, Lessing usw. ab.



    Felsenstein, Kupfer, Berghaus, gab es in der DDR auch 1968?
    (egal, eh beides von Moskau gesteuert.... es geht um Umerziehung, freilich nicht besonders erfolgreich gewesen, da der Kapitalismus in den letzten 20 Jahren wesentlich brutaler dominiert als in den 1970ern und 80ern.)
    Die Umwertung aller Werte stammt übrigens von Nietzsche, nicht von den "68ern" (und wurde von wem wohl? den Nazis propagiert...) . Aber die 68er sind bekanntlich an allem schuld. Komischerweise dieselbe Denkfigur, die man ihnen unterstellt (latenter Nazismus sei an allem schuld).

    Ja, na und? Das wäre ja wohl kaum das erste Mal, dass philosophische Aussagen für irgendwelche politischen Zwecke missbraucht werden, und zwar bevorzugt durch von Sendungsbewusstsein beinahe platzende Ideologen EGAL welcher Ausrichtung. Dass die 68-er an allem schuld sein sollen, habe ich noch nicht gehört. Wäre ja auch Quatsch. Einiges geht allerdings auf ihr Konto, und das ist noch mehr als genug.



    Zitat

    Dass Filmregisseusen wie Dörrie, DDR-Prä-68er wie Berghaus oder Kupfer und Sex/Gewalt-faszinierte wie Bieito (*1963 im Franco-Spanien) eine gemeinsame Agenda haben, nämlich bornierte Abonnenten zu ärgern (und den Westen an Moskau und Peking auszuliefern :thumbup: ) halte ich für eine gewagte These...

    Tja, so kann man Aussagen auch verdrehen, wenn sie einem nicht in den Kram passen. Den Westen an Moskau und Peking ausliefern, haha, wirklich lustig. Und so einfallsreich. Fest steht, wie immer wir das nun drehen und wenden wollen, dass es nach 68 eine massive Veränderung in der (west)deutschen Kulturlandschaft gegeben hat. Mit einer Verschwörung hat das wenig zu tun. Berghaus, Kupfer und Co genossen ja nicht umsonst im WESTEN hohes Ansehen, im Osten stellten sie eine Minderheit dar, die alles andere als gehätschelt und auch in der Presse durchaus kritisch gesehen wurde. Vom Publikum ganz zu schweigen! Und Felsensteins Namen sollte man übrigens in diesem Zusammenhang, wenn man für einigermaßen glaubwürdig gehalten werden möchte, möglichst vermeiden.

    "Tatsachen sind die wilden Bestien im intellektuellen Gelände." (Oliver Wendell Holmes, 1809-94)

  • La Boheme in der Gegenwart und der dritte Akt in einer Nachtbar.....? Und das stört Dich nicht, also findest es im Umkehrschluß wahrscheinlich akzeptabel?!?!
    Nichts für ungut, gestatte eine Frage, kann es sein, daß Du noch nie eine richtig gute und vor allem werkgetreue Boheme gesehen hast?


    Was hat das eine (Gefallen an einer nicht-werkgetreuen La Bohème-Inszenierung zu finden) mit dem anderen (eine werkgetreue La Bohème-Inszenierung gesehen zu haben) zu tun? - Ich kenne sowohl konventionelle/konservative, als auch moderne Inszenierungen (bis hin zum sog. Regietheater) verschiedener Opern und es gibt in beiden Fällen gutes und schlechtes.

  • Das hier nur " rumgesültzt" wird finde ich gar nicht. Das ist es ( ich möchte keine Thread Titel nennen ) in anderen Threads wesentlich schlimmer. Und wieso muss es überhaupt eine historische Erklärung geben? Es heisst ja nicht umsonst modernes Regietheater. Ein Regisseur ist eigentlich nichts anderes als ein Geschichtenerzähler. Kleine Kinder würden es wohl auch merken, wenn man Märchen verfälscht erzählt. Und die Aufgabe eines Regisseurs ist es nicht, das Stück neu zu erfinden, Und die Rigoletto Inszenierung von Frau Dörrie wurde ja einheitlich in den Kritiken zerissen. Obwohl ich ihre Cosi fan tutte aus Berlin gar nich so schlecht fand.

  • Was hat das eine mit dem anderen zu tun? -

    Auch wenn Du nicht "Lynkeus" bist, ganz einfach, ich habe eine Frage gestellt, oder besser und deutlicher, eine Vermutung geäußert. Eigentlich ganz einfach und von (fast) jedem zu verstehen.



    Ich kenne sowohl konventionelle/konservative, als auch moderne Inszenierungen (bis hin zum sog. Regietheater) verschiedener Opern

    Schön für Dich, ich auch.



    und es gibt in beiden Fällen gutes und schlechtes.

    Das sehe ich etwas anders. Lies´vielleicht mal meine Beiträge "La Traviata und Rigoletto aus der Semperoper". Wenn Du da die modernen Inszenierungen gut findest..., da schenke ich mir die Antwort.


    CHRISSY

  • Auch wenn Du nicht "Lynkeus" bist, ganz einfach, ich habe eine Frage gestellt, oder besser und deutlicher, eine Vermutung geäußert. Eigentlich ganz einfach und von (fast) jedem zu verstehen.

    Dann gehöre ich wohl nicht zu dem "(fast)", sondern zu denen, für welchen einfache Fragen mit einem einfachen Fragezeichen und nicht mit einem süffisanten(?) "l?!?!" enden.



    Das sehe ich etwas anders.

    Das Du das etwas anders siehst, sei Dir unbenommen.



    Lies´vielleicht mal meine Beiträge "La Traviata und Rigoletto aus der Semperoper". Wenn Du da die modernen Inszenierungen gut findest..., da schenke ich mir die Antwort.

    !?!?! :hahahaha:

  • Ja, na und? Das wäre ja wohl kaum das erste Mal, dass philosophische Aussagen für irgendwelche politischen Zwecke missbraucht werden, und zwar bevorzugt durch von Sendungsbewusstsein beinahe platzende Ideologen EGAL welcher Ausrichtung. Dass die 68-er an allem schuld sein sollen, habe ich noch nicht gehört. Wäre ja auch Quatsch.

    Natürlich ist es quatsch, aber neurechte Dummschwätzer wie Fleischhauer haben ganze Bücher drüber geschrieben. Natürlich sind sie für vieles verantwortlich, zB dafür, dass heute eine kinderlose Frau Bundeskanzlerin und ein offen schwuler Mann Außenminister einer "bürgerlichen" Koalition werden können. Das wäre noch vor 25 Jahren, wenn mich meine Erinnerung an Dinge wie die "Kießling-Affäre" u.a. nicht trügt, ziemlich sicher sogar unter einer sozialdemokratischen Regierung völlig unmöglich gewesen.
    Wenn ich mich zwischen Liberalisierung der Gesellschaft und "Regietheater" oder dem im Zuge der "geistig-moralischen" Wende der "bürgerlichen" Kohl-Regierung dominant geworden Softporno- und Ekel-Unterhaltung-Privatfernsehen entscheiden muss, fällt das nicht schwer... allerdings sind die Alt-68er inzwischen weitestgehend natürlich saturiert und etabliert.
    (Ich bin durchaus nicht der Ansicht, dass "alles besser geworden" sei und finde die Dominanz der Popkultur, bei der sich der antiautoritäre Gestus der 68er trefflich mit der Kulturindustrie verbunden hat, widerwärtig. Ich bin selbst noch von Prä-68er-Eltern (und meist auch Lehrern) erzogen worden. Aber ein Fortschreiben des Muffs und der Verdrängung der 1950er wäre wohl schlicht nicht möglich gewesen. Über den Verlauf der Geschichte zu klagen, ist müßig, man kann sich nicht immer alles aussuchen.)



    Zitat

    Tja, so kann man Aussagen auch verdrehen, wenn sie einem nicht in den Kram passen. Den Westen an Moskau und Peking ausliefern, haha, wirklich lustig. Und so einfallsreich. Fest steht, wie immer wir das nun drehen und wenden wollen, dass es nach 68 eine massive Veränderung in der (west)deutschen Kulturlandschaft gegeben hat. Mit einer Verschwörung hat das wenig zu tun. Berghaus, Kupfer und Co genossen ja nicht umsonst im WESTEN hohes Ansehen, im Osten stellten sie eine Minderheit dar, die alles andere als gehätschelt und auch in der Presse durchaus kritisch gesehen wurde. Vom Publikum ganz zu schweigen! Und Felsensteins Namen sollte man übrigens in diesem Zusammenhang, wenn man für einigermaßen glaubwürdig gehalten werden möchte, möglichst vermeiden.

    Auf Felsenstein beziehen sich Leute wie Kupfer, Friedrich und Konwitschny allerdings ausdrücklich bzw. waren sie Schüler von ihm! Wenn man nicht meint, das "Regietheater" sei in den 1970ern wie eine Art Pestilenz ausgebrochen, muss man offensichtlich in die 1950er und 1960er schauen, was da Leute wie Wieland Wagner und Felsenstein gemacht haben. Die "leere Bühne" Wagners in den 1950ern sorgte seinerzeit ebenfalls für Aufregung usw.


    Der Künstler als Bürgerschreck ist eine wesentlich ältere Erscheinung als das "Regietheater". Sicher ist das manchmal auch ein Aspekt.
    Andererseits ist meiner Vermutung nach, ungeachtet aller Auswüchse, das sog. Regietheater eine plausible historische Konsequenz aus zwei Tatsachen:


    1. Es wird, in der Oper noch viel mehr als im Schauspiel, ein sehr eng begrenztes Repertoire gegeben. Um irgendwie hervorzutreten, liegt daher nahe, etwas anders zu machen bzw. zuzuspitzen.
    2. Seit den 1930ern ist man mehr und mehr auf politische, psychologische u.a. Aspekte an klassischen Stücken aufmerksam geworden.


    (Ich hätte gehofft, dass hier vielleicht jemand weiß, ob und wie die Stationen hier sich historisch in den letzten ca. 50-80 Jahren festmachen lassen. Das scheint aber nicht der Fall zu sein, weil wieder nur pauschale Urteile über einzelne, meist ziemlich neue Inszenierungen, entrüstet ausgebreitet werden. Zum Aufgeilen an der eigenen Entrüstung gibt es aber schon genügend threads.)


    Natürlich kann man jetzt sagen, das würde alles "hineininterpretiert". Man kann aber kaum bestreiten, dass oft tatsächlich verborgene Aspekte aufgedeckt werden.
    Wie schon gesagt, machen Regisseure nichts anderes als einige Forianer, nur eben praktisch, nicht bloß schriftlich. Und wenn nun jemand meint, die Widersprüche in einem Werk wie der Zauberflöte auflösen zu müssen, dann muss er zwangsläufig manches "uminterpretieren".
    Komischerweise gestatten sich Forianer als Laien durchaus derbe über die (oft angebliche) Unlogik von Zauberflöte, Freischütz oder Fidelio herzuziehen, sobald aber jemand ernst mit dem Versuch macht, die Folgen aus solchen Widersprüchen auf dem Theater deutlich zu machen, fallen sie aus allen Wolken. So eine Haltung kann ich nicht ernst nehmen, sorry.


    Schließlich ist es naiv zu meinen, Operninszenierungen seien früher keine Kinder ihrer Zeit gewesen.
    Auch wenn ich selbst zB Bieitos Sex und Gewalt übertrieben finde (ich habe nur seine "Entführung" gesehen), so ist nachvollziehbar, dass man in einer Zeit, in der expliziter Sex und Gewalt die Medien dominieren, so etwas in einer Oper, in der es aus historischen Gründen nur in Worten oder implizit angedeutet wird, deutlicher herausbringt. (Eine "authentische" Inszenierung des Anfangs vom Tannhäuser wäre (zumindest grenzwertig) pornographisch.) Gewalt, Liebe, Sex sind nunmal seit Homer und König Salomo elementare Bestandteile beinahe jeglicher Dichtung. Im "klassischen" Griechenland handelten die Tragödien von Gewalt und die Satyrspiele waren pornographisch.

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)