Von Alben, Nibelungen, Riesen und Göttern (oder solchen die sich dafür halten) - Die Musikhochschule

  • Teil 1 - Die Dozenten


    Mit ihnen sind Sie – wenn Sie nicht gerade in der Übezelle sind – die meiste Zeit Ihres Studiums zusammen, sie sind die Fortsetzung Ihrer Tutoren und Lehrer. Es lohnt sich daher, einmal nachzuforschen, wem Sie während Ihres unterschiedlich langen Studentenlebens so begegnen werden. Wie immer gilt auch hier: „Eines schickt sich nicht für alle....“, wie es schon Goethe so trefflich zu sagen wusste, aber einige Persönlichkeiten werden Ihnen immer wieder in irgendeiner Form begegnen. Vorab wird Ihnen allerdings schon aufgefallen sein, dass es zwei Hauptkategorien gibt, nämlich die Professoren und die Lehrbeauftragten. Letztere sind so etwas wie die Unteroffiziere des Hochschulbetriebs, denn sie werden a) schlecht bezahlt und machen b) eindeutig den Löwenanteil des Offizierskorps ...pardon des Lehrkörpers aus. Die Professoren hingegen sind diejenigen, die es wirklich geschafft haben. Eine gut bezahlte Professur ist quasi das beste, was einem Künstler passieren kann und auch so ziemlich die einzig wirklich lukrative Erwerbsmöglichkeit für einen Musiker. Aber die Qualität des Dozenten leitet sich nicht unbedingt aus seiner Bezahlung her. So wie es nun in einer Armee gute und schlechte Offiziere gibt, so gibt es auch in einer Hochschule gute und schlechte Dozenten, wobei wir unter „schlecht“ immer das pädagogische Können und den Umgang mit Menschen verstehen, denn der genialste Musiker kann leider zugleich der mieseste Pädagoge sein. Natürlich gibt es auch solche, die guten Unterricht und eine ausgeprägte Künsterpersönlichkeit auf wundersame Weise zu vereinen wissen, und wer an so jemanden gerät, den kann man nur beglückwünschen. . Alle anderen werden vielleicht auch einem der folgenden Fälle begegnen....



    Der Outlaw


    Er begreift sich meist als Urbild des Künstlers, als progressiven, gesellschaftskritischen Vorreiter. Studenten oder Kollegen, die einen Terminkalender besitzen und deren Leben in halbwegs geordneten Bahnen verläuft, sind für ihn angepasste Spießer, die die wahre Seele und Bestimmung der Musik sowieso nicht kapiert haben und deshalb überhaupt nichts damit zu tun haben dürften. Mal ist er kumpelhaft- jovial, mal verschlossen - distanziert. Ganz sicher ist er aber kein guter Pädagoge. Wenn er einen schlechten Tag hat, kann es schon mal passieren, dass er die Stunde frühzeitig beendet, weil sein Körper nach Nikotin verlangt oder weil er sich dieses Herumkrebsen sowieso nicht mehr länger anhören kann. Er genießt es, von unbedarften Studentinnen bewundert und verehrt zu werden, und manchmal erinnert er sich auch einiger moralischer Grundwerte und fängt mit ihnen ein Verhältnis an, da er im Grunde seines Herzes ja ein glühender Philanthrop ist.
    Sein studentisches Pendant findet er im Rebellen. Wenn ein solcher in seiner Klasse ist, werden sie zu echten Kumpels, die gemeinsam gegen die verheuchelte Doppelmoral der Gesellschaft zu Felde ziehen und .....Naja, zumindest besprechen sie ihren Feldzug erst einmal bei ein paar Bierchen nach der Klassenstunde.



    Der Despot


    Er hat die Macht. Das weiß er, und das lässt er auch alle wissen, die mit ihm zu tun haben. Humor ist beispielsweise ein Wort, das er in den fremdsprachlichen Bereich einordnen würde.Er wird nie laut, denn solche Temperamentsausbrüche sind unter seiner Würde und außerdem viel zu anstrengend. Er kämpft nicht, er vernichtet. Verweinte Studenten, die seinen Unterrichtsraum verlassen, gehören für ihn zu den unvermeidlichen Kollateralschäden, denn schließlich geht es ja um Höheres. Seine große Stärke sind die Einzelgespräche, und wenn er einen Studenten zu einem solchen Kolloquium aus dem Raum bittet, wird man unweigerlich an die Bond-Gegenspieler erinnert, die ihre Untergebenen, welche eine Fehler begangen haben, auch immer so nett und ruhig in ihr Büro bitten, aber man weiß schon ganz genau, dass diese Ärmsten besagtes Büro zumindest lebend nicht mehr verlassen werden. Natürlich werden die Studenten in unserem Fall nicht per Knopfdruck in ein Becken voller Krokodile oder Riesenschlangen geworfen, und sie verlieren auch nicht durch Laserstrahlen, scharfkantige Hüte oder sonstige Grausamkeiten ihr Leben, aber sie verlieren etwas anderes: die Gunst des Meisters sowie ihr letztes bisschen Würde und Selbstvertrauen, denn wenn man die bleichen, todernsten Gestalten nach dem Einzelgespräch wieder schwermütig den Raum betreten sieht, wird einem schon klar, dass unser Studi die heutige Nacht nicht sanft ruhend verbringen wird. Unklar bleibt dann nur: wann taucht endlich Sean Connery auf?



    Der zerstreute Professor


    Eigentlich ist er ja ganz liebenswert. Aber er vergisst alles. Er ist immer gehetzt, weil er schon wieder zu spät dran ist oder weil in fünf Minuten sein Parkschein abläuft und er der Stadt nicht schon wieder ein nettes Zusatzeinkommen sichern will, oder weil er schon vor fünf Minuten ein Beratungsgespräch für eine Examensarbeit hätte führen müssen, oder weil er heute überhaupt noch nichts gegessen hat, oder......Wenn Sie zerstreute Professoren kennengelernt haben, fallen Ihnen sicherlich noch andere Gründe ein. Sein Unterricht ist oftmals sogar farbig und abwechslungsreich, aber man muss schon kognitive Höchstleistungen aufbringen, um bei ihm nicht den Faden zu verlieren.



    Der Dimido


    Was soll denn das sein? Tja, wer ihn nicht kennt, der hat wohl mit Professoren zu tun, die sich fünf Tage pro Woche in der Hochschule aufhalten und regelmäßige Sprechzeiten anbieten, die sie auch einhalten. Alle anderen werden ihn kennen: ein Dimido ist immer ein Professor, der einem ganz einfachen Gesetz der Hochschulstruktur folgt: Je höher und je sicherer das Gehalt, umso seltener ist man da. Und so ist er meistens nur am Dienstag, Mittwoch und Donnerstag da, weil er noch soviel anderes zu tun hat, und den Studenten nicht ständig zur Verfügung stehen kann. Brüder des Dimidos sind der Modi, der Modimi, der Dimi und der Mido.
    Schreibt man bei ihnen zum Beispiel eine Examensarbeit, sollte man ja nicht so naiv sein und annehmen, dass man ihn auch außerhalb dieser Zeiten eventuell erreichen kann.



    Die Sphinx


    Sie ist ruhig und beherrscht, niemals beleidigend oder aufbrausend, und ihr geheimnisvolles Lächeln wirkt angenehm und nett. Aber seien Sie nicht zu enthusiastisch, denn für das Verständnis der Sphinx müssen Sie mindestens einen Magister in Ägyptologie aufweisen. Haben Sie nicht? Ok, dann versuchen wir es auch so. Die Sphinx agiert und lebt nach eigenen Gesetzen, und ihre Gunst gewährt sie auch nach eben diesen. Schleimen kann nützlich sein, aber wenn Sie nicht Ihr Typ sind, ist alles nur verlorene Liebesmüh. Eine bisher nicht empirisch bestätigte Theorie besagt, dass die Sphinx gut gebauten männlichen Studenten ihre Gunst eher zu erweisen scheint, aber eine vergleichbare Studie steht noch aus. Forschern bietet die Sphinx jedenfalls eine unerschöpfliche Studienquelle, und wenn Sie sich einmal an ihr erprobt haben, wird vielleicht auch der Ägyptologe in Ihnen erwachen.

    "Tatsachen sind die wilden Bestien im intellektuellen Gelände." (Oliver Wendell Holmes, 1809-94)

  • Hallo, Siegfried
    schön, dass dir meine kleine Satire gefallen hat. Ich möchte sie auch bewusst als solche verstanden wissen, aber wie in jeder Satire liegt wohl auch ein Körnchen Wahrheit darin... ;)

    "Tatsachen sind die wilden Bestien im intellektuellen Gelände." (Oliver Wendell Holmes, 1809-94)

  • Das verkannte Genie


    Erscheint meistens missgelaunt zum Unterricht. Kann alles wortkarg und mit leicht blasiertem Unterton erklären, vermittelt allerdings dabei den Eindruck, dass dies eigentlich unter seiner Würde ist. Lieblingsbeschäftigung: Promi-Bashing – Aufnahmen und Konzerte weltbekannter Künstler werden schmallippig für unzureichend (wenn nicht gar fehlgeleitet) erklärt. Ebenfalls beliebt: Subtile Ikonenbeschmutzung („Ich war mal mit Dietrich Fischer-Dieskau pinkeln“).


    Dieser Dozententyp erwartet selbstverständlich loyale Gefolgschaft. Bloß nicht Methodk oder Interpretationsvorgaben in Frage stellen – dieser Typ kann nachtragend sein. Absolutes don’t: Andere Dozenten loben. Ebenfalls don’t: Von einer Aufnahme schwärmen. Kommt gut an: Sich unzufrieden über einen Konzertbesuch äußern. Größtes denkbares Lob: Ein Stück ununterbrochen bis zum Ende spielen dürfen und dann ein „Ach, die Stunde ist ja schon beendet. Wir sehen uns in einer Woche.“ zu hören bekommen.

  • Cool, danke! Das Verkannte Genie war mir nicht so bewusst. Wenn ich mir diese Beschreibung so anschaue, gehört die unbedingt mit zum Katalog.
    Du bist meiner unausgesprochenen Aufforderung schon nachgekommen, weitere Typologien hinzuzufügen. Gerne mehr!

    "Tatsachen sind die wilden Bestien im intellektuellen Gelände." (Oliver Wendell Holmes, 1809-94)