Johann David HEINICHEN – noch immer nicht in der ersten Reihe?

  • Sucht man im Harenberg Konzertführer nach Heinichen – Fehlanzeige !
    Eigentlich hatte ich das fast schon erwartet. In diversen Musiklexika und bei Wikipedia findet man einiges – aber eigenartigerweise sind viele Werke nur handschriftlich erhalten. Dennoch ist er einer der wichtigsten deutschen Komponisten zu Beginn des 18. Jahrhunderts.

    Geboren 1683 in Krössuln besucht er die Thomasschule in Leipzig, wo unter anderen Johann Kuhnau und Johann Schelle seine Lehrer waren. Ab 1720 studierte er in Leipzig Jura. Ob er jedoch den Beruf eines Rechtsanwalts je wirklich ausgeübt hat, darüber sind sich die Quellen uneinig. Wenn es in der Tat der Fall gewesen sein sollte, dann war es nur für kurze Zeit, denn bald wandte es sich ausschliesslich der Musik zu.
    Er komponierte anfangs in Dresdenvor allem Opern und Geistliche Werke. Anschliessend begab es sich nach Italien, wo er ebenfalls einige Opern veröffentlichte. Schliesslich wurde er von August dem Starken nach Dresden verpflichtet, und zwar als Königlich polnisch- und kursächsischer Kapellmeister, eine Position die er bis zu seinem Tode (1729) innehatte, und in der er so prägend war, daß diese Stellen danach nicht mehr nachbesetzt wurde.
    Zudem komponierte er auch Sinfonien und diverse Solokonzerte, bzw „Concerti con multi Strumenti“ und "Concerti Grandi"
    Auf CD ist nicht allzu viel erschienen, ich besitze jedoch schon seit den frühen 90 er Jahren die oben abgebildete Aufnahme. Besonders gefallen mir die Werke mir „Jagdcharakter“, mehr als jene des „venezianischen“ Stils. Bei aller Nähe zu Bachs „Brandenburgischen Konzerten“ finde ich jene von Heinichen etwas frischer und eingängiger – weniger streng . Kein Wunder, war doch hier höfische Pracht und Anspruch eines selbstbewussten Herrschers in Musik gesetzt.
    Die Opern - zu Heinichens Lebzeiten angeblich recht erfolgreich - harren jedoch noch bis heute der Wiederentdeckung ...

    Mit freundlichen Grüssen aus Wien


    Alfred

  • Bei mir ist er schon lange in der ersten Reihe - vor Jahren schon hat die Cappella Coloniensis, das Alte-Musik-Ensemble des WDR, einige seiner Concerti eingespielt. Die von Alfred angegebene CD besitze ich auch und habe sie schon oft und oft gehört. Es gibt aber noch einige dieser Meister: Fasch, Fux und Fischer (alle mit F und alle aus Österreich, wenn ich nicht irre). Irgendwo in den Tiefen dieses Forums gibt es dazu auch Beiträge.

    Ihr absolviert diese Stelle wie ein Intercity auf einer schwer zu nehmenden Weiche (mein verstorbener Chordirigent Johannes Glauber aus Essen)

  • Fasch war aus Thüringen oder damals Sachsen-Weimar oder was auch immer (* in Buttelstedt bei Weimar), gehört also wie Heinichen (und Bach, Händel, Telemann..) zur "mitteldeutschen Fraktion".


    Die MAK-CD oben ist schon seit etlichen Jahren ein nicht mehr so geheimer Geheimtipp; ich weiß noch, dass ich sie, ein Jahr oder so, bevor sie billig wieder herauskam, zu einem ziemlich hohen Preis auf Ebay ersteigert hatte. Gehört habe ich sie allerdings schon länger nicht mehr. In einer Zeit, in der sich Bach, Händel, Vivaldi, Rameau, Telemann in der ersten Reihe drängeln, hat der Rest es nicht so leicht...

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Hier eine weitere vorzügliche CD mit Konzerten von Heinichen. An sich sind die Konzerte ja nicht das Typische für ihn. Ähnlich wie Bach widmete er sich vorwiegend der Kirchen- und Orgelmusik. Es ist schade - und auch entlarvend, daß diese CDs - wie so viele anderen Perlen - zum Niedrigpreis verramscht wird.

    mit freundlichen Grüßen aus Wien
    Alfred

  • Wenn man sich überlegt, wer denn von allen Barock-Größen am stärksten auf die Tube gedrückt und sowohl schnelle als auch eher laute Musik geschrieben hat, fällt mir vor allem Heinichen ein.


    Sicherlich hat er auch seine lyrischen Momente, aber sein Opus scheint mir doch eher geprägt durch die raschen und "zupackenden" Anfangs- und Endsätze seine Concerti.


    Zustimmung? Widerspruch?

  • Absolute Zustimmung! Es gibt eine tolle Aufnahme mit den Dresden - Concerti von Concerto Köln unter Reinhard Göbel (richtig zitiert?), und dort gibt es einen unglaublich rasanten einzelnen Konzertsatz, den mir ein Freund als Klingelton auf mein Handy platziert hat - wenn etwas unverwechselbar ist, dann dies. Mein Weckton auf dem Handy ist der Anfang des Kyrie aus der "Messe de Nostre Dame" von Machaut in der Deller-Aufnahme. Da bleibt keiner wach!

    Ihr absolviert diese Stelle wie ein Intercity auf einer schwer zu nehmenden Weiche (mein verstorbener Chordirigent Johannes Glauber aus Essen)

  • Das war hier mal als eigener Thread gedacht (Vollgas-Heinichen), aber jemand aus der Moderation hat ihn mit einem alten Thread über Heinichen zusammengelegt - jetzt kriegen beide die Aufmerksamkeit nicht, die schon der erste nicht hatte....

  • Wieder eine Vorstellung einer cpo-CD (stammt allerdings schon aus dem Jahre 2005) mit Werken von Heinichen. Bedauerlicherweise hat es sich noch nicht durchgesetzt den eingespielten Werken im Index ihre Seibel-Verzeichnis- Nummer hinzuzufügen, was die Zuordnung und Katalogisierung enorm erschwert. Als ich die ersten Aufnahmen mit Heinichen-Konzerten hörte, da war ich begeistert. Ich wusste allerdings damals noch nicht, daß es nur sehr wenige gibt und daß der Schwerpunkt von Heinichens Musik auf geistlicher Musik liegt. Aber wir dürfen uns glücklich schätzen , sie überhaupt hören zu können, denn wir verdanken dies lediglich der Tatsache, daß bei der Bombardierung Dresdens die Noten bereits evakuiert und andernorts in Sicherheit gebracht waren....

    mit freundlichen Grüßen aus Wien
    Alfred

  • Nun habe ich auch Heinichen für mich entdeckt, dank einiger Titel aus der CD, die im Eingangspostingvon Alfred gezeigt worden ist. Auch mich sprechen besonders der energetische Rhythmus sowie die jubilierenden Hörner an. Eine echte Entdeckung für mich. Es scheint sich auch immer wieder etwas zu tun, was Aufnahmen angeht - wenn mich nicht alles täuscht, wurde auf folgende Einspielung noch nicht hingewiesen:



    Ich besitze sie (noch) nicht - kennt jemand diese CD und kann etwas dazu sagen?

  • Lieber Don Gaiferos,


    die von Alfred in Beitrag 1 angeführte Aufnahme und die von Dir genannte ergänzen sich vorzüglich, zumal eine Überschneidung hinsichtlich der enthaltenen Werke nicht zu befürchten ist - tatsächlich scheint es fast, als sei die Fondamento-CD mit Blick auf die bereits vorliegende MAK-Einspielung konzipiert.
    Dombrecht präferiert - durchaus unabhängig von der Besetzungsgröße - einen im Vergleich kammermusikalischeren Ansatz und mischt die Instrumentalfarben weniger als Goebel. Wie der CD-Titel verheisst, wirkt sein Konzept tatsächlich eher "galant", die Phrasierung ist also weniger rhythmusbetont. In beiden Aufnahmen wird vorzüglich musiziert, so daß ich nur ungerne auf eine der beiden verzichten wollte.


    Zudem sei auf Heinichens sakrale Werke hingewiesen. Einige Zeilen über die sehr unterhaltsam gehaltenen Werke aus der Dresdner Phase finden sich hier:

    http://tamino-klassikforum.at/…tID=523725#post523725</a>



    Auf CD leider kaum zu greifen sind geistliche Stücke aus Heinichens evangelischer Zeit. Heinichen hatte ja eine sehr "leipzische" Musiksozialisation erlebt, Thomaner zur Zeit von Schelle und Kuhnau, später Mitglied in Telemanns Collegium. Es ist interessant zu beobachten, wie sehr sich sein protestantisch-kontrapunktische Stil zu einem gallant-katholischen in Dresdner Zeit wandelte (wobei bei diesem Prozess der "Umweg" über die Leipziger Oper nicht ohne Auswirkungen geblieben sein dürfte).

  • Wenn wir schon mal diesen Thread nach vornr geholt haben, dann wäre es nicht schlecht auch mal auf die Messen von Heinichen hinzuweisen. Carus hat hier eine Serievon 3 CDs (?) herausgebracht. Wer- wie ich - Messen eigentlich eher weniger mag, weil sie ihn depressiv stimmen, dem sei gesagt , dass bei Heinichen (zumindest meiner Meinung nach) barocke Prachtentfaltung vor der religiösen Aussage steht, kurzum, daß das Hören ein Genuss ist.Persönlich hätte ich den Klang zwar lieber ein wenig präsenter - aber das sind vermutlich in den Augen der anderen - Erbsenzählereien.....

    mfg aus Wien
    Alfred