Musik verstehen - von Johann Sebastian Bach

  • Jetzt wirds ein wenig heikel. Bachs Musik wurde zwar stets gehört und auf Tonträger aufgenommen - aber ob er von der breiten Mehrheit des Klassikpublikums geschätzt - oder sogar "verstanden" wird - da habe ich so meine Zweifel.......
    Sieht man sich das Gesamtwerk an, dann findet man sehr viel geistliche Musik , Vokales und für Orgel - was natürlich der Position des Thomaskantors geschuldet war, jedoch vergleichsweise nur wenige Konzerte. Und Opern? das hat er seinem Kollegen Georg Friedrich Händel allein überlassen. In meiner Jugend hat man gelegentlich noch zu hören bekommen, Bach sei spröde und langweilig - diese Stimmen sind indes inzwischen verstummt - na ja - zumindest die meisten......
    und wie ist das bei Euch ?


    mit freundlichen Grüßen aus Wien
    Alfred

  • In meiner Jugend hat man gelegentlich noch zu hören bekommen, Bach sei spröde und langweilig - diese Stimmen sind indes inzwischen verstummt - na ja - zumindest die meisten......


    Wenn man sich hypothetisch in gleichartigen Kreisen umhörte wie in der Jugend, hätte sich meiner Meinung nach dabei nichts Wesentliches geändert. Dass man sich selbst weiter entwickelt und damit auch seine Kreise geändert hat, ist eine andere Geschichte...


    :hello:

  • Nachdem die "Musik verstehen"-Reihe gestartet war, hoffte ich auf eine baldige Eröffnung des hiesigen Threads. Bei den bisher thematisierten Komponisten - Mahler, Mozart, Beethoven - bilde ich mir ein, wenige Verstehensschwierigkeiten zu haben. Die Werke der drei Genannten sprechen mich - in ganz unterschiedlichem Maße - zumeist direkt an. Und dort, wo dies nicht geschieht, ist mir auf einer anderen Ebene bewusst, dass es sich um eine persönliche Angelegenheit handelt.


    Bei keinem anderen der "großen" Komponisten sehe ich aber eine größere Kluft zwischen den maßlosen Bewunderern auf der einen Seite und dem geringen Verständnis meinerseits für den Thomaskantor. Zaghaft nähere ich mich ihm an: Die Matthäus-Passion gefällt mir inzwischen, einige Stücke daraus sind wirklich umwerfend, aber dann gibt es so viel für meine Ohren Unverständliches. Z.B. die Goldberg-Variationen, angeregt durch deren Entstehung habe ich in einer Phase, in der Schlaflosigkeit für mich ein Problem darstellte, diese Variationen zu hören versucht. Unerträglich war es. Aber bei so vielen begeisterten Hörern muss es doch etwas zu verstehen geben.


    Also, deswegen mein Beitrag hier im Sinne einer Ermunterung an alle, die Bach verstehen: Eine kleine Gebrauchsanweisung/Verstehensanleitung wäre eine feine Sache.

    "Geduld und Gelassenheit des Gemüts tragen mehr zur Heilung unserer Krankheiten bei, als alle Kunst der Medizin." (W.A. Mozart)

  • Wenn man ein so berühmtes Werk wie das Wohltemperierte Klavier nimmt, so wird man wohl behaupten dürfen, daß etwa die Fugenthemen, von den naiven Hörerwartungen eines durch die Romantik verdorbenen Publikums aus gehört, tatsächlich spröde, sperrig, schwer zu identifizieren und melodisch absolut emotionsarm sind. Grau ist alle Theorie ...


    :hello:

  • Z.B. die Goldberg-Variationen, angeregt durch deren Entstehung habe ich in einer Phase, in der Schlaflosigkeit für mich ein Problem darstellte, diese Variationen zu hören versucht. Unerträglich war es. ...


    Welche Aufnahme hast du dir da angehört?

  • Hörst/kennst Du andere Barockmusik wie Vier Jahreszeiten, Wassermusik usw.?


    Die unvermeidliche Toccata&Fuge d-moll gehörte gewiss zu den ersten klassischen Stücken, die ich hörte, und die mich begeisterten. (Ich habe damals auch einen melodramatischen Krimi aus den 1960ern? gesehen, in dem das Stück eine Rolle spielte, da es bei der Tat oder beim Alibi? im Radio lief). Vielleicht noch vorher begegnete ich in der Schule dem "Wachet auf"-Choral in der berühmten Fassung mit der eingängigen zusätzlichen Stimme (als "Sleepers awake" u.a. auch bei "Switched on Bach", in der Kantate die Strophe mit Cantus firmus im Tenor "Zion hört die Wächter singen"). Wir haben evtl. die komplette Kantate durchgenommen, genaueres weiß ich nicht mehr, jedenfalls den Choral auch gesungen.


    Anderes, wie die Brandenburgischen Konzerte, befremdete mich zuerst ein wenig (u.a. wegen der alten Instrumente), da mein eigentlicher Klassik-Einstieg eher über Tschaikowsky-Dvorak-Haydn-Mozart-Beethoven lief, gefiel mir dann aber bald sehr gut. Ich habe in der 11. Klasse, da hörte ich vielleicht knapp 2 Jahre Klassik mit einem Kumpel ein Referat drüber gehalten. Die h-moll-Messe dürfte auch eine meiner ersten ca. 20 CDs gewesen sein und ich besorgte mir gleich das Büchlein von Blankenburg, um auch alles zu "verstehen": Zahlen- und Tonsymbolik, Symmetrie, theologischer Hintergrund usw. (was man als 17jähriger Streber Wissbegieriger halt so macht). Von den Passionen hatte ich lange keine CDs, aber auf MC überspielt und einige Male live gehört/gesehen, das Weihnachtsoratorium war zumindest als Querschnitt im (sonst recht begrenzten) elterlichen Plattenschrank.


    Der erste Stolperstein war die Kunst der Fuge (ebenfalls vermutlich eine der ersten 20 selbstgekauften CDs): Das war trocken und so theorie-interessiert war ich dann auch wieder nicht... (Das Thema selbst ist sehr prägnant, aber dann wirds unübersichtlich.)
    Die Goldbergvariationen muss ich ebenfalls ums Abitur rum kennengelernt haben, weil ein Schulfreund sie gespielt hat. Das war zwar weit eingängiger als die Kunst der Fuge, aber nicht unbedingt ein Lieblingsstück. Auch andere Klavierwerke (mit denen mich jener Freund in den Aufnahmen Goulds bekannt machte) gingen eher an mir vorbei. Für mich waren das, selbst mit ca. 5 Jahren Klassikerfahrung weitgehend "melodielose" undifferenzierte Kette schneller Noten. Dennoch habe ich mir ein paar CDs gekauft (Guldas WTK I, Goulds Partiten und franz. Suiten) und wohl auch ab und an gehört. So rechten Zugang zur Klaviermusik fand ich allerdings erst, als ich auf der Klarinette (Duo)Bearbeitungen von Stücken aus den Suiten, Inventionen und teils auch dem WTK gespielt habe. Seitdem ist quantitativ vermutlich die Klaviermusik der von mir am häufigsten gehörte Teil des Bachschen Oeuvres. Und abgesehen von einigen "rauschenden" Präludien (bei denen das so gehört) kann ich auch kaum mehr nachvollziehen, wie ich seinerzeit die "Melodien" (oder vielleicht besser Motive und Themen) nicht erkennen konnte.
    Da ich Orgel nicht besonders mag, bin ich hier mit vielem noch kaum oder nur oberflächlich vertraut und die Kantaten sind auch einfach zu viele (obwohl ich eine Anzahl schon recht lange und ganz gut kenne).


    Daher würde ich zum Einstieg wohl auch nicht die Werke für Tasteninstrumente empfehlen, sondern die farbigen Brandenburgischen Konzerte und die Violinkonzerte. Meine persönlichen Favoriten sind das 5. Brandenburgische und das E-Dur-Violinkonzert. Die müssten eigentlich ausreichend prägnante Melodien/Motive haben. Allerdings ist es von Bruckner oder Mahler aus betrachtet, eher "Kammermusik" (auch im Ggs. zur "Feuerwerksmusik") Die 4 Orchestersuiten fand ich immer ein wenig trocken, obwohl zwei der beliebtesten Stücke daraus stammen (Badinerie der Flötensuite und Air aus #3)


    Von den Clavierwerken: Italienisches Konzert, 5. und 6. französische Suite, Partiten 1 B-Dur, 2 c-moll, 4 D-Dur. Beim WTK (und vielleicht auch bei den GBV) ist es m.E. besonders am Anfang kontraproduktiv bis tödlich, in einem Rutsch durchzuhören. Besser nur wenige Präludien&Fugen-Paare und die dann ggf. mehrfach, zB aus Band I C-Dur bis cis-moll, dann hat man gleich eine der kompaktesten und gut nachvollziehbaren (c-moll) und eine der grandiosesten und dichtesten Fugen (cis-moll). Aber ich finde die Suiten tendenziell eingängiger.


    Kammermusik: Sonaten f. Violine & Cembalo, für mich die schönsten (besonders h-moll, E-Dur, A-Dur) und zugänglichsten und keineswegs weniger "tief" oder "dicht" als die Solosuiten. Wenn ein Streichinstrument solo nicht von vornherein abschreckt: die 6. Cellosuite und die E-Dur-Partita f. Violine.


    Eine Anleitung kann ich auch nicht geben. Ich halte es für fragwürdig, sich irgendwelche Theorie draufzuschaffen, wenn man nicht wenigstens im Ansatz von dem, was man hört, gepackt ist. Falls man auf irgendeine Art selbst musizieren kann, sollte man mal eine Oberstimme aus einer der zweistimmigen Inventionen oder Menuetten usw. der Klaviersuiten spielen. Aber das ist vermutlich auch keine Garantie (sonst wären alle Klavierschüler Bachianer...)

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Also, deswegen mein Beitrag hier im Sinne einer Ermunterung an alle, die Bach verstehen: Eine kleine Gebrauchsanweisung/Verstehensanleitung wäre eine feine Sache.


    Zwar habe ich folgendes Büchlein selber (noch) nicht gelesen, aber vielleicht taugt es:

  • Wersins Buch macht einen guten Eindruck; allerdings könnte es mit Notenbeispielen usw. für manchen Einsteiger die Hürde zu hoch legen bzw. bekräftigen, dass es in erster Linie auf technische Fertigkeiten, die nur Musiker zu schätzen wüssten, ankäme. Es gibt von Stefan Schaub bei Naxos auch eine Einführungs-CD (Matthäuspassion, die zweite behandelt die Orgel-Passacaglia und Ravels Bolero). Die hätte dann immerhin Klangbeispiele, vielleicht etwas zugänglicher (ich kenne nur eine andere CD aus der Reihe, m.E. recht brauchbar)



    Hier mal eine Reihe weiterer Threads mit Bach-Zugängen (oder auch Schwierigkeiten):


    Kann man Bach nicht mögen?
    Was mich an Bach fasziniert
    Was macht Bach einzigartig?
    Komponist oder Mathematiker?
    Ist Bachs Musik spröde?

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Ich bin zu Bach über das Chorsingen gekommen: Matthäuspassion, Johannespassion, Weihnachtsoratorium, Kantaten, vor allem die Motetten: da taucht man tief in die Bachsche Welt ein. Manches, was in den obigen Beiträgen als zu technisch oder als abstrakt beschrieben wird, fällt in den Chorwerken weg: sie erzeugen tiefe und heftige Gefühle. Als Beispiel habe ich früher schon mal erwähnt: am Schluss der Johannespassion kommt vor dem abschließenden Choral der Chor "Ruhet wohl, ihr heiligen Gebeine". Das haben wir immer kaum singen können, so ergriffen waren wir. Da ist nichts von Sprödigkeit. Auf der anderen Seite ist im Gegensatz zu Schütz Bach schwer zu singen, weil er den Chor wie ein Orchester berhandelt; das erfordert schon viel Technik und viel Üben.

    Ihr absolviert diese Stelle wie ein Intercity auf einer schwer zu nehmenden Weiche (mein verstorbener Chordirigent Johannes Glauber aus Essen)

  • Es gibt von Stefan Schaub bei Naxos auch eine Einführungs-CD (Matthäuspassion, die zweite behandelt die Orgel-Passacaglia und Ravels Bolero). Die hätte dann immerhin Klangbeispiele, vielleicht etwas zugänglicher (ich kenne nur eine andere CD aus der Reihe, m.E. recht brauchbar)


    Es scheint eine ähnliche Reihe vom BR zu geben. Dort etwa:


    und

  • Wir erarbeiten gerade mit beiden Chören, in denen ich singe, das Weihnachtsoratorium, zu dem ich als Hörreferenz die nebenstehende sehr empfehlenswerte Interpretation nehme. In den letzten Jahren habe ich schon bei verschiedenen Kantaten, z. B. "Wachet auf, ruft uns die Stimme", "Herz und Mund und That und Leben" und "Ich will den Kreuzstab gerne tragen" mitgewirkt, und ich habe immer mal wieder von Mitsängern Kritik an der "Altertümlichkeit" und "Unverständlichkeit" des Textes gehört, was ich persönlich aber nicht so empfinde. Vielleicht geschieht das, wenn man sich nicht in die Musik Bachs vorbehaltlos "hineinfallen lässt", wenn man sie hört oder gar erarbeitet. Ansonsten muss ich sagen, dass ich auch so empfinde wie dr. pingel:

    Zitat

    Was in den obigen Beiträgen als zu technisch oder abstrakt beschrieben wird, fällt in den Chorwerken weg, sie erzeugen tiefe und heftige Gefühle.

    Darüber hinaus erlebe ich durchaus diese Gefühle auch bei adäquat vorgetragenen Instrumentalwerken, z.B. dem Wohltemperierten Klavier, das ich unter anderem in der Interpretation Swjatoslaw Richters in meiner Sammlung habe und im Frühjahr in der Interpretation des in großartiger Manier aufspielenden Andras Schiff live erlebt habe, oder bei den Goldbergvariationen, von Glenn Gould oder Wilhelm Kempff vorgetragen, um nur einige zu nennen.


    Liebe Grüße


    Willi ^^

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Ich bin recht überrascht, dass Bach hier bei Tamino auf relativ wenig Gegenliebe stößt. Offensichtlich ist das eher ein mitteleuropäisches Phänomen, denn in Westeuropa ist seine Popularität ungebrochen. Die Musik Bachs muss man rein intellektuell ebenso viel oder wenig verstehen wie die Musik späterer Komponisten. Es ist keine Angeberei, wenn ich sage, dass ich z.B die Kunst der Fuge mit größter Freude und oft höre - auf kognitive Weise "verstehen", also strukturell bzw. kompositorisch nachvollziehen, tue ich davon wenig bis sehr wenig. Ich habe Freude an den polyphonen Verschlingungen, an der fantastischen Harmonik, etc.. Das ist um nichts anders als bei einem Brucknerfan, der sich über eine Brucknersymphonie freut, ohne deswegen die Partitur durchgeröntgt zu haben. Im Gegensatz zu offensichtlich so vielen anderen empfinde ich die Bachschen Motive und Themen als nicht nur klar erkennbar sondern auch als wunderbar erfunden. Für mich gibt es keinen anderen Komponisten, der bei dieser harmonischen und kontrapunktischen Komplexität so melodiös bleibt. Allerdings muss ich zugeben, Bach schon seit dem Kleinkindalter zu hören. Da viele Klassikfans in ihrer Jugend anders "konditioniert" werden, erklärt das wohl die fehlende Affinität zu Bach. Ich persönlich kann dafür mit den Symphonien Bruckners so gut wie nichts anfangen (mit anderen Kompositionen aus seiner Feder sehr wohl). Diese Musik wird mir immer fremd bleiben und mich immer langweilen (so wie viele Bach eben langweilig finden).

  • Welche Aufnahme [der Goldberg-Variationen] hast du dir da angehört?

    Es handelte sich um die sicher nicht referenzträchtige, aber von der Kritik doch wohlwollend aufgenommene Einspielung von Pieter-Jan Belder.



    Wenn ein Streichinstrument solo nicht von vornherein abschreckt: die 6. Cellosuite und die E-Dur-Partita f. Violine.

    Die Cellosuiten habe ich bei meiner Aufzählung ganz vergessen. Die meisten davon habe ich vor einem Jahr kennengelernt. Einige Stücke gefielen mir sofort, anderes blieb blass. Was mich aber fasziniert hat, war, dass sie sich Wochen später manchmal aus dem Nichts als Ohrwürmer wieder gemeldet haben und ich zunächst überhaupt nicht zuordnen konnte, aus welchem Werk wessen Komponisten sie entstammten.


    Ich höre Bach auch hin und wieder gerne, kann dann zu anderen Zeiten auch nichts mit ihm anfangen. Vielleicht liegt eine Schwierigkeit auch darin, dass die Bewunderung meist dem Komponisten gilt und nicht konkreten Werken, z.B.


    - "Bach ist Anfang und Ende aller Musik" - Max Reger
    - "Was Newton als Weltweiser, war Bach als Musiker." - Christian Friedrich Daniel Schubart
    - "Für viele Musikliebhaber, insbesondere aber für Berufsmusiker, ist Johann Sebastian Bach der größte Komponist aller Zeiten." - Peter Watson
    - "Nicht Bach, sondern Meer sollte er heißen, wegen seines unendlichen, unerschöpflichen Reichtums an Tonkombinationen und Harmonien." - Beethoven


    Diese metonymische Verwendung des Namens ist ja vor allem im Bereich von Kunst und Kultur nicht ungebräuchlich. Nur fällt es schwer zu glauben, dass bei einer musikalischen Hinterlassenschaft wie der Bachs wirklich die Masse der Werke zu solchen Lobeshymnen Anlass gibt oder ob nicht nur ein Bruchteil der Werke die Basis dafür bereitet.


    Ich freue mich jedenfalls über jede begeisterte Stimme, weil sie mich motiviert, in den Auseinandersetzung mit Bach am hartnäckig zu bleiben.

    "Geduld und Gelassenheit des Gemüts tragen mehr zur Heilung unserer Krankheiten bei, als alle Kunst der Medizin." (W.A. Mozart)

  • Die Bewunderung galt natürlich spezifischen Werken (zB Beethoven kannte vermutlich kaum etwas von den Chorwerken). Ich denke auch, dass es einem Laien nicht so viel weiterhilft und ihm nicht direkt einleuchtet, was Komponisten an anderen Komponisten bewundern, da es sich eben tatsächlich oft um eher "technische" Dinge handelt bzw. um musikalische "Logik" oder Schlüssigkeit in weitem Sinne.


    Für Anfänger ist es erst einmal egal, ob sich die Bewunderung auf viele oder nur einige Werke bezieht. Er kann ja mit den unstreitig bewundernswerten beginnen. (Da heute von Bach aber beinahe alles häufig gespielt oder jedenfalls aufgenommen wird, scheinen viele Musiker und Hörer beinahe alle seiner Werke hoch zu schätzen.)
    Barockmusik kann, jedenfalls teilweise, für den an Romantik gewohnten Hörer, etwas einhören verlangen. Wobei uns der Spätbarock von Bach, Händel, Vivaldi usw. harmonisch-melodisch viel näher ist als Monteverdi oder Schütz.
    Bach war sicher ein außerordentlich sorgfältiger Komponist, insofern ist ein sehr hohes Niveau auch bei weniger bekannten Stücken gegeben; ich glaube nicht, dass man als Einsteiger Gefahr läuft, sich mit den "falschen" i.S.v. "schwächeren" Stücken bekannt zu machen. Eher ist man von einem Koloss wie den GBV überfordert.


    Bei den GBV würde ich es vielleicht mal mit einer Aufnahme auf dem Klavier versuchen. Ich hatte Belders auch mal; die ist gewiss nicht schlecht, aber gut 80 min Cembalo ist für viele erst einmal ermüdend. Es spricht aber auch wenig dagegen, das Werk erst einmal zurückzustellen.

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Es handelte sich um die sicher nicht referenzträchtige, aber von der Kritik doch wohlwollend aufgenommene Einspielung von Pieter-Jan Belder.


    Nun, vielleicht liegt es am Cembalo? Es würde mich nicht wundern, fiele dir der Einstieg in die Goldberg-Variationen mit Klavier leichter. Die nebenstehende Einspielung gelang ganz wunderbar!


  • Auch diese schon etwas ältere Aufnahme (AD: 7/1969, Beethovensaal Hannover) mit Wilhelm Kempff ist durchaus empfehlenswert.


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Sagitt meint:


    Meine erste grössere Bach-Erfahrung war eine Matthäus-Passion in der Beethovenhalle, wohl 1962. Ich fand sie damals vor allem lang.
    Das hat sich aber, selbst singend, dann sehr geändert. Einmal eine kleine Tournee mit diesem Werk, in sieben Tagen fünfmal gesungen, jedesmal Schauer über den Rücken, Beginn einer langen Reise.
    Seit Jahrzehnten immer mit viel Freude, und auch Respekt, Bach gesungen. Respekt bei der h-moll Messe und einigen intrikaten Kantaten, we etwa BWV 21.
    Jetzt steht WO 1-3 an, im März Johannes-Passion, Fassung 1725, im September die h-moll Messe


    Die Vorfreude ist gross.

  • Für die Beantwortung der Frage, warum es für mich keine Musik gibt, die ich so sehr liebe und deswegen auch jeden Tag neu bereit bin, in sie einzutauchen um sie von verschiedenen Einfallswinkeln heraus immer besser zu verstehen, müsste ich sehr sehr weit ausholen. In irgendeinem Thread habe ich einmal versucht zu beschreiben, warum ich diese Musik so gut finde.


    Bachs Vokalwerke, also Oratorien, Messen, Passionen und Kantaten liegen mir besonders am Herzen, obwohl ich finde, dass er auch in anderen Genres (man denke an die Cellosuiten, das WTK oder die Orgelwerke) immer die Musik geschrieben hat, die unerreichte Massstäbe setzte.


    Bei den Vokalwerken kommt die Dimension dazu, dass nicht nur gedachte Stimmen vereint in einer musizierenden Person miteinander "sprechen" (wie z.B. bei den Orgelwerken oder dem WTK), sondern dass den Chören und Solisten (ein Orchester, oder auch die Streicher/Bläser- oder Continuogruppe eines Orchesters ist im barocken Sinne ja auch ein "Chor") atmende und reale Personen zugeordnet sind. Hier kann eine ideale Mischung und Abwechslung aus Solo, Kammermusik und Tuttiwirkungen entstehen, wie ich finde.
    Dabei sind die einzelnen Akteure bei Bachs Musik ziemlich gleichberechtigt. Jede Stimme hat ihre eigene, für sich genommen schon hohe Qualität.
    Etwas Schöneres, aber auch etwas Schwereres als diese Musik aufzuführen, kann ich mir nicht vorstellen.


    Die Kunst der Fuge ist auch für mich sowohl ein intellektuelles als auch ein sehr emotionales Erlebnis.
    Wenn man es entsprechend spielt, finde ich schon, dass auch diese Musik die Emotionen sehr anregen kann.


    Gruss
    Glockenton

  • Bach ist ein unerschöpfliches Thema! Für mich der größte Komponist aller Zeiten, das größte Genie, der Inbegriff des Musikalischen! Ein derart gewaltiges und reiches Gesamtwerk (und da gingen schon hundert Kantaten und anderes verloren), die ganze Bandbreite abdeckend, wenn man von der Oper absieht; in jedem Bereich Höchstes geleistet! Die Orchesterwerke kannte ich schon früh, die Suiten und Konzerte etc., aber ohne durchzudrehen. Die Erweckung kam mit einer Matthäus-Passion in der Jenaer Stadkirche St. Michael, später über Glenn Gould mit der "Klaviermusik". Mittlerweile macht Bach den Hauptteil meiner Sammlung aus, was nicht wundernehmen kann, wenn man inzwischen Zugriff auf verschiedene Gesamteditionen hat und so manches Einzelwerk in etlichen Aufnahmen zu erwerben ist. Meine liebste Kammermusik ist von Bach, meine liebsten Solokonzerte für Klavier und Violine sind von ihm; meine liebste Messe, Motette, Kantate, Passion; mein liebstes Oratorium, mein liebstes Orgelwerk - er führt logischerweise nur nicht bei Konzerten für peripherere Instrumente (Flöte etc.), bei Opern und dem deutschen Kunstlied. Man kann ohne Not zwanzig seiner Kompositionen für die ersten Plätze eines universellen Musikrankings aufstellen, ohne scheel angeblickt zu werden. Bach ist der Gottvater der Musik und Mozart und Beethoven sind Christus und Heiliger Geist!


    Für Einsteiger:



  • Ich sage immer:


    "Es gibt in der Musik keinen anderen Gott als Bach und Mendelssohn ist sein Prophet!"


    Was ja nicht gegen meine Aussage spricht! :) Auch wenn Beethoven und Mozart keine Propheten nötig hatten! :D


    Eh, "wir glauben all an einen (!) Gott" ;)

  • Ich wollte damit nur zum Ausdruck bringen, dass Bach einfach durch die Frühe seines Auftretens und Todes 1750 fast in Vergessenheit geriet, während Mozart und Beethoven natürlich in einer Zeit wirkten, wo so etwas nicht mehr möglich war.


    Verstehe - genau so war mein Spruch ursprünglich ohnehin intendiert.

  • Ich muß Bach nicht verstehen - ich mag ihn. Er erschließt sich mir - incl. Solo-Partiten und WTK - unmittelbar emotional. Ich brauche keine Übersetzer, keine Interpreter, keine Kritiker. Dies gilt für geschätzt über 70% seines Gesamtwerks. Schwierigkeiten habe ich mit etlichen Kantaten, der Chromatischen Fantasie und einer Reihe von Orgelwerken, die ein wenig "trocken" sind. Dennoch gibt es bei Orgelkompositionen NUR Bach, andere Komponisten sind Randnotizen.