Intervalle der Neubegegnung

  • Liebe Taminos,


    zu Beginn des Jahres 2012 trug ich mich mit der Absicht, in jedem Monat eine Oper kennenzulernen. Der dabei von mir gewählte Monatsintervall entsprang einerseits der (vermeintlichen?) Feststellung, dass dies ein ausreichender zeitlicher Rahmen sei, um eine Oper wiederholt zu hören (einige Mal im stillen Kämmerlein, dann v.a. aber im Auto auf dem Arbeitsweg), sie dadurch kennen und wertschätzen zu lernen oder aber auch festzustellen, dass sich trotz wiederholter Rezeption kein wirkliches Gefallen oder gar Ablehnung einstellt. Andererseits sollte der Monatsintervall disziplinarisch wirken, gleichsam als Erlaubnis und sanfter Zwang zur Neubegegnung. Auf diese Weise hätte ich 2012 zwölf Opern in meinem Gedächtnis verankert, was mir nicht gelungen ist. Selbst wenn, wäre diese Zahl erschreckend wenig im Vergleich zu verbleibenden und noch unbedingt zu hörenden Werken.


    Beschäftige ich mich mit einem neuen Werk, sei es Oper, Sinfonik oder Kammermusik, bemühe ich mich, in dieser Zeit keine anderen, mir unbekannten Werke zu hören, um Interferenzen zu vermeiden. Allenfalls höre ich dann mir bereits vertraute und "sicher abgespeicherte" Werke.


    Betrachte ich das Hörverhalten anderer Taminos bzw. die Bemerkungen, die darauf Rückschlüsse erlauben, stelle ich fest, dass da bei mir Optimierungspotenzial besteht. In der Absicht, mehr Werke der Klassik kennenzulernen, ohne dabei aber Quantität vor Qualität zu setzen, interessiere ich mich brennend für eure Intervalle der Neubegegnung.


    Eine besinnliche Adventszeit wünscht
    Lynkeus
    :hello:

    "Geduld und Gelassenheit des Gemüts tragen mehr zur Heilung unserer Krankheiten bei, als alle Kunst der Medizin." (W.A. Mozart)

  • Verstehe ich recht, dass "Intervall der Neubegegnung" hier bedeuten soll: "jeden Monat etwas Neues"? Vom Titel her hätte ich nämlich zuerst gedacht, dass es der Zeitraum sei, der zwischen zwei Begegnungen mit einem Stück verstreichen sollte.


    Ich finde es schwierig, hier jemandem zu raten. Mir scheint es am besten, sich an Verfahren zu orientieren, die in der Vergangenheit bei einem selbst gut funktioniert haben, nicht an einem idealen Plan.
    Ich habe zu wenig genaue Erinnerung daran, wie ich in Zeiten, in denen ich sehr viel neuartige Musik kennengelernt habe, vorgegangen bin. Allein aufgrund der Länge (und der m.E. suboptimalen Begegnung fern von der Bühne) sind Opern durchaus harte Brocken, so dass ich eine pro Monat sogar ambitioniert finde. Kürzere Werke (20-40 min wie die meisten Instrumentalwerke) kann man sicher an einem Wochenende drei bis fünfmal hören und einigermaßen kennenlernen.
    Ich finde es auch völlig o.k., von einem Stück so begeistert zu sein, dass man es immer wieder hört und keine Lust hat, im nächsten Monat was neues anzufangen (zumal wenn das Neue beim ersten Mal nicht gleich zündet).
    Es ist sicher auch typabhängig, ob man Abwechslung bevorzugt oder phasenweise immer das gleiche (oder stilistisch ähnliche Stücke) hört.


    Andererseits habe ich ja schon mehrfach geschildert, dass ich mit "Autoritätshörigkeit", sturer Wiederholung und auch "intellektuellem" (im Ggs. zu unmittelbar emotionalem) Zugang eigentlich oft gut gefahren bin. Konzertführer u.ä. sind manchmal brauchbar. Das Büchlein "Partiturlesen" (M. Dickreiter, Goldmann/Schott, 1990/1997) ist immer noch erhältlich und auch wenn das keineswegs ein Universalmittel ist, kann es das Musikerlebnis vertiefen und Werke schneller erschließen. Für Opern ist die entsprechende Reihe mit Kommentar, Libretto/Übers. und Notenbeispielen von Pahlen (teils Hg.) nicht so schlecht (wenn auch die Kommentare oft etwas altfränkisch und mit Vorsicht zu genießen sind).
    Und inzwischen sind sehr viele Noten für ältere Musik (vor 1900 oder so) legal in online-Archiven zu finden.
    Für einige Stücke findet man auch CDs oder online-Leitfäden, die analytische Hinweise geben, ohne dass man etwas mit den Noten anfangen können muss. Mag sein, dass das erstmal auch nur mühsam scheint und eher vom Hören ablenkt. Aber mit der Zeit bringt es m.E. einiges. Überhaupt bringt natürlich auch die Hörerfahrung insgesamt meistens mit sich, dass sich neue Stücke schneller erschließen (zumal wenn es stilistisch halbwegs ähnliche sind).

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Verstehe ich recht, dass "Intervall der Neubegegnung" hier bedeuten soll: "jeden Monat etwas Neues"? Vom Titel her hätte ich nämlich zuerst gedacht, dass es der Zeitraum sei, der zwischen zwei Begegnungen mit einem Stück verstreichen sollte.

    Ich dachte die Intervalle als der Zeitraum, der zwischen zwei Neubegegnungen verstreichen sollte. Am Bsp.: Ich hörte im Januar diesen Jahres Der Freischütz und erlegte mir als Intervall auf, diese Oper während des gesamten Monats wieder und wieder zu hören und erst im Februar ein neues, mir unbekanntes Werk (Barbier) kennenzulernen. In der Zeit von Januar bis Februar hörte ich dann auch andere Werke, aber nach Möglichkeit eben nur bereits bekannte, um die mentale Schublade, in die der Freischütz gesteckt werden sollte, nicht auch noch mit den Eindrücken eines anderen Werkes zu füllen.


    Ich finde es schwierig, hier jemandem zu raten. Mir scheint es am besten, sich an Verfahren zu orientieren, die in der Vergangenheit bei einem selbst gut funktioniert haben, nicht an einem idealen Plan.

    Um Rat geht es mir auch nicht. ;) Vielmehr um die Methoden und Gewohnheiten anderer Hörer, um daraus im Idealfall für mein Hörverhalten und dem damit verbundenen Genuss Gewinn zu ziehen.


    Kürzere Werken (20-40 min wie die meisten Instrumentalwerke) kann man sicher an einem Wochenende drei bis fünfmal hören und einigermaßen kennenlernen.

    Derartiges habe ich noch nicht probiert. Im Wort kennenlernen ist ja lernen enthalten und dieses erweist sich ja als effizienter, erfolgt es verteilt statt massiert. Aber warum es nicht mal versuchen?

    "Geduld und Gelassenheit des Gemüts tragen mehr zur Heilung unserer Krankheiten bei, als alle Kunst der Medizin." (W.A. Mozart)

  • Das Unterdruck-Setzen mit dem Ziel, jeden Monat ein neues Werk zu erkunden, das klappt bei mir nicht. Mehr oder weniger ist bei mir der Zufall Anlaß, mich mit einem Stück zu beschäftigen. Das kann sein ein Besuch einer Oper (wegen der Zerstörung der Oper durch die Regie leider immer weniger) wegen einer besonderen Attraktion (z.B. Thielemann als Dirigent, die Gruberova als Sängerin o.a.), und dann auch sehr gern etwas Neues. Auch eine Fernsehübertragung kann ein Anlaß sein.. Da habe ich viele Beispiele parat, angefangen von einer Fernseh-Salome vor etwa 30 Jahren bis zu den bis dahin mir völlig unbekannten Donizetti- und Bellini-Opern, die die Gruberova konzertant in Dresden gab. Wenn mein Interesse geweckt wurde, habe ich mich weiter vertieft, mir CD oder später DVD besorgt und mich mit z.B. der Salome befaßt. Aber nie nach Zeitplan. Mit dem Interesse an Salome begann meine Begeisterung für Strauß zu wachsen, zuerst nur die Opern (ins Konzert gehe ich überhaupt erst zunehmend seit etwa 15 Jahren, seit mir die Oper versaut wurde), vom Friedenstag bis zu Capriccio habe ich fast alle gesehen (ich glaube, mir fehlt nur die ägyptische Helena und Feuersnot), live und in Farbe. Inzwischen bin ich richtiger Strauß-Fanatiker geworden, selbst die schräge Elektra begeistert mich. Und wenn ich Lust habe, dann lege ich mir eine CD oder DVD auf. Aber wenn mir etwas nicht zusagt, kommt es (leider) kaum auf den Teller. So finde ich z.B. trotz mehrerer Versuche im Konzertsaal keinen Zugang zu Bach, ja zu Barockmusik überhaupt nicht. Ich bin da auch nicht traurig darüber und zwinge mich nicht, denn es gibt unendlich viel noch zu entdecken.


    Im Moment bin ich bei Bruckner angelangt, auch bei Mahler. Dazu lese ich auch div. Biographien, um zu verstehen, was der Mann wollte. Aber ein Intervall, also eine zeitliche Vorgabe, die kenne ich dabei nicht. Wenn ich im Fernsehen, bei einer der wenigen kulturellen Höhepunkte unseres bildungsarmen Fernsehens, etwas angekündigt sehe, was mich interessieren könnte, dann nehme ich das auf, und ich höre rein. Bei Nichtgefallen habe ich den Knopf aber schnell wieder gedrückt. Bei Gefallen speichert mein Gedächtnis das, und irgendwann denke ich daran, das wieder einmal zu hören bzw. zu sehen.


    Aber mit Monatsplanung schaffe ich es nicht, mein Wissen zu erweitern. Dazu bin ich sicher auch zu wenig Klassikfanatiker mit ca. 10-12 Stunden bewußtem Klassikhören in der Woche.


    La Roche

    Musik ist eine heilige Kunst - Hugo von Hofmannsthal. Aussage des Komponisten aus der Oper "Ariadne auf Naxos" mit der Musik von Richard Strauss.


  • Es ergibt sich hier ja die Frage, wie sinnvoll es ist, sich einen Pool von Werken, die man "kennt" zulegen zu wollen, wenngleich ich manchmal auch dieser Versuchung erlegen bin. Aber die Praxis hat gezeigt. dass der Preis hierfür ein eingeschränktes Repertoire wäre. Und selbst hier habe ich den Verdacht, daß die Mehrheit der Klassikfreunde zwar in der Lage ist , die signifikanten Anfänge von - sagen wir mal 100 Sinfonien - blind zu benennen, ebenso wie die Inhalte von etwa 30 oder 40 Opern /und daraus einige markante Arien) , je nach Gusto kommen noch Klaviersonaten oder Kammermusikstücke dazu - Aber kaum in der Lage sind sich einen Pool von einigen tausend Werken innerlich anzueignen - und wenn - dann schon gar nicht nach der vorgeschlagenen Methode.
    Wenn ich den Inhalt einer unbekannten Oper für den Tamino-Opernführer in komprimierter Form in einen Beitrag bringen möchte, dann höre ich - während ich schreibe - immer wieder Ausschnitte aus dieser Oper - orientiere mich ferner daran was schon über diese Oper geschrieben haben, sowohl musikalisch als auch inhaltlich, und lese - so vorhanden - zudem noch das Libretto. Wenn alles passt, dann habe ich in einigen Tagen einiges der Oper "intus".
    So weit so gut.
    Ein paar Monate später ist (fast) alles vergessen...
    Opern, die ich im Laufe meines Lebens etliche Male gesehen oder gehört habe, graben sich indes besser ins Gedächtnis ein. Da stört es wenig, wenn man inzwischen 30 andere Werke - welcher Art auch immer - gehört hat.


    Ständige Wiederholung, wie Johannes Roehl sie vorschlägt, ist durchaus ein gangbarer und erfolgreicher Weg. Er wird nur nicht bei jedem funktionieren. Wir wissen heute, daß es verschiedene "Lerntypen" gibt. Solche, welche einen Text HÖREN müssen damit er dauerhaft im Gedächtnis bleibt, solche die ihn LESEN müssen, und dann wieder jene, die etwas VISUELL erleben müssen, damit es dauerhaft erhalten bleibt.
    Aus diesen Erkenntnissen hat sich MULTIMEDIA entwickelt, weil hier ein synergetischer Effekt auftritt.
    Oper an sich wäre der Idealfall für multimediales Erlernen, wäre da nicht (schon wieder!!) das Phänomen, dass sich selbst überschätzende Regisseure es sich anmaßen die Inhalte und Aussagen bestehender Opern derart zu "verhunzen" (ich meinte natürlich "verfremden" oder "umgestalten") - dass vom ursprünglichen Inhalt nur wenig übrigbleibt. Man kennt dann allenfalls eine Zauberflöte von Sixtus Blaschek mit der Musik von einem gewissen Mozart - niemals aber etwas , das dem eigentlichen Werk auch nur nahe kommt.
    Bliebe also nur der Weg zur "akustischen " Wiedergabe von Oper.
    Dagegen spricht meiner Meinung nach nicht viel - ausser vielleicht, dass man auch auf diese Weise nur einen Schatten des eigentlichen Werkes erleben wird.


    Meine Erfahrung wäre, sich keine Beschränkungen aufzuerlegen, sondern in bunter Reihenfolge zu hören, das was einem gefällt,
    wobei ich rate "Lieblingswerke" oder "Bedeutende Werke" um die man ringt - immer wieder mal dazwischen einzufügen - sie bleiben dann - zumindest bei mir einigermassen im Gedächtnis haften....


    Kommen wir zum Beginn meines Beitrags, wo ich die Sinnfrage gestellt habe, inwieweit es überhaupt anstrebenswert sei, ein Werk "zu kennen". Dieser Wunsch (ich habe ihn selbst) dürfte eher ein Produkt der Tonaufzeichnung sein, denn in früherer Zeit hatte ein "Normaler" Klassikhörer selten Gelegenheit ein Werk öfter als dreimal in seinem Leben zu hören - und ich glaube, es bestand auch wenig Bedarf dafür. Man wollte stets "das Neueste" hören - Etwas, das zumindest im Klassikbereich ja heute kaum mehr der Fall ist....


    Und wenn man ein Werk beim Zweithören gar nicht erkennt - dann ist das auch nicht so übel ....


    mfg aus Wien
    Alfred

  • Ständige Wiederholung, wie Johannes Roehl sie vorschlägt, ist durchaus ein gangbarer und erfolgreicher Weg. Er wird nur nicht bei jedem funktionieren. Wir wissen heute, daß es verschiedene "Lerntypen" gibt. Solche, welche einen Text HÖREN müssen damit er dauerhaft im Gedächtnis bleibt, solche die ihn LESEN müssen, und dann wieder jene, die etwas VISUELL erleben müssen, damit es dauerhaft erhalten bleibt.

    Wiederholen funktioniert IMMER! Um sich etwas dauerhaft zu merken, muss das Gehirn Information aus dem Kurzzeitgedächtnis ins Langzeitgedächtnis "verschieben". Um dies zu erreichen, ist bewusstes mehrmaliges Wiederholen über einen längeren Zeitraum die wichtigste Methode. In welcher Form dies am besten geschieht, mag individuell verschieden sein, ist aber erst das zweitwichtigste Kriterium.


    :hello:

  • Wiederholen funktioniert IMMER! Um sich etwas dauerhaft zu merken, muss das Gehirn Information aus dem Kurzzeitgedächtnis ins Langzeitgedächtnis "verschieben". Um dies zu erreichen, ist bewusstes mehrmaliges Wiederholen über einen längeren Zeitraum die wichtigste Methode. In welcher Form dies am besten geschieht, mag individuell verschieden sein, ist aber erst das zweitwichtigste Kriterium.


    Für mich auch der einzig gängige Weg!!


    Aber sehr, sehr schwierig bei einem Werk wie z.B. der 3. Sinfonie von Mahler mit bis zu 100 min Dauer. Wenn man dann wie ich wöchentlich max 12 Stunden für bewußtes Hören freigibt, kann man unmöglich das gesamte Spektrum der Musik erarbeiten, da muß man Profi sein. So wird sich das "Erarbeiten" bestimmter Werke immer am persönlichen Geschmack orientieren. Und ich muß nochmals betonen - es geht dann um bewußtes Hören und nicht um Nebenbei-Berieselung. Dazu wäre mir Musik der Art, um die es im Forum geht, einfach auch zu schade.


    Also, lieber Lynkeus, am mehrfachen Hören geht kein Weg vorbei. Und wenn Du Dir etwas vornimmst, was Dir dann doch nicht gefällt, dann wird das zum Zwang - und mit meiner unmaßgeblichen persönlichen Erfahrung kann ich nur sagen - laß dann die Hände davon. Sicher kommt dann der Tag, wo Du plötzlich Gefallen daran findest, so wie ich an Mahler und Bruckner, die mir bis vor wenigen Jahren nichts bedeuteten. Jetzt aber in meiner Neugier vordere Plätze belegen!!


    "Die Musik ist eine heilige Kunst" - sagt der Komponist in der Ariadne (aber nicht in der Salzburger Fassung, da wurde das gestrichen!). Ein Anachronismus!


    La Roche

    Musik ist eine heilige Kunst - Hugo von Hofmannsthal. Aussage des Komponisten aus der Oper "Ariadne auf Naxos" mit der Musik von Richard Strauss.


  • "Die Musik ist eine heilige Kunst" - sagt der Komponist in der Ariadne (aber nicht in der Salzburger Fassung, da wurde das gestrichen!).


    In Salzburg wurde nichts gestrichen sondern eine andere Fassung der Ariadne gespielt! (Und zwar orientierte man sich da nach der Urfassung.)

  • Tausende! Werke intensiv! zu kennen ist sicher für die meisten Nichtprofessionellen illusorisch. Das muss aber auch nicht sein.
    Man muss ein Werk nicht quasi auswendig können, um es gut genug zu kennen, dass man es bei bewusstem Hören als ein zusammenhängendes und folgerichtiges Stück genussvoll erleben kann. Ich mache so etwas heute normalerweise auch nicht mehr, aber mit 16 habe ich mal mehrere Wochen lang beinahe jeden Tag nach der Schule Beethovens 5. gehört, weil ich so fasziniert davon war (und es gab auch noch lange nicht so viele andere Musik, die dazu in Konkurrenz getreten wäre). Vielleicht habe ich das Stück damals innerhalb eines Jahres häufiger gehört als in den über 20 Jahren seitdem zusammen!


    Ich halte Wiederholung, durchaus auch von einzelnen Akten oder Sätzen, je nach Länge des Stücks, letztlich für den Schlüssel. Ich halte es nach wie vor (auch für mich) für eine Herausforderung lange Stücke konzentriert durchzuhören. Es hat schon seinen Grund, dass die ultralangen Sinfonien (und Opernakte) der Spätromantik eher die Ausnahme geblieben sind und selbst da gibt es Pausen. Natürlich sollte man nicht häppchenweise hören. Aber eine Aufteilung in überschaubare Portionen ist oft von Vorteil. Da kann eine CD schon zu lange sein. Wenn man sich eine CD mit 12 Präludien&Fugen Bachs oder 20 Chopin-Mazurken in einem Rutsch anhört, besteht die Gefahr, dass hinterher "alles gleich" klingt. Da ist es unbedingt sinnvoll, lieber einzelne Stücke oder vielleicht so 3-4 nacheinander zu hören, denn sie klingen in Wahrheit natürich nicht alle gleich.

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Wenn man sich eine CD mit 12 Präludien&Fugen Bachs oder 20 Chopin-Mazurken in einem Rutsch anhört, besteht die Gefahr, dass hinterher "alles gleich" klingt.


    Bezüglich Mazurken kann ich das nur bestätigen. Sich hier schnell durchzuhören ist kontraproduktiv und verdirbt einem die Freude. Ähnliches gilt auch für Cembalomusik von Byrd oder anderen aus der Zeit.

  • Ich kann, ganz im Gegenteil, nur davor warnen, allzu absichtsvoll und inquisitorisch seine Konzentration auf die Musik zu lenken. Stücke wie die Mazurken Chopins atmen eine Flüchtigkeit und Leichtigkeit, die sich dem analytischen Ohr entzieht. Es ist ja geradezu verwerflich, beim Anhören von Musik ausschließlich auf die Musik zu achten, so stark wirken doch zugleich die assoziativen Ballungen der Emotion und des freien Vorstellungsvermögens. Wer zu Chopin ins Träumen gerät, war nicht der schlechteste Hörer.


    :hello:

  • Es ist ja geradezu verwerflich, beim Anhören von Musik ausschließlich auf die Musik zu achten, so stark wirken doch zugleich die assoziativen Ballungen der Emotion und des freien Vorstellungsvermögens.


    Würde ich zugespitzt für mich auch so sagen :D Ich kann gar nicht rein analytisch an Musik herangehen.


    Was meine Intervalle bzw. Hörgewohnheiten angeht, kann man wohl getrost von Chaos sprechen :D
    Mag daran liegen, dass ich noch nicht allzu viele Jahre "dabei" bin und noch massig zu entdecken habe (selbst im sog. "Standardrepertoire"), aber mein Intervall ist keiner, bei mir ist ganz viel Bauchgefühl und plötzlich entfachte Neugier. Ich habe sowohl manchen Monat sogar mehr als eine neue Oper bzw. Musikstück gehört, aber ich kann mir auch wochenlang nur ein einziges Werk anhören bis zum Umfallen, was enorm Spaß machen kann (vielleicht sogar noch in verschiedenen Interpretationen) und den hier schon erwähnten Wiederholungs-Einprägungs-Effekt haben kann. Aber es ist immer ganz verschieden. Es gibt für mich auch Werke, die ich zB sehr schätze, jedoch nicht allzuoft hintereinander hören kann, weil die das einfach nicht zulassen, während andere Dauerrotation sehr gut aushalten (und ich sie).
    Und obwohl ich mir oft selbst Vorgaben mache, halte ich mich meistens nicht richtig dran :P
    Viel liegt sicher auch daran, ob man ein Werk mag bzw. zumindest ansatzweise gut findet oder gleich am Anfang arge Probleme bekommt , die sich nur langsam oder gar nicht auflösen.

  • Nicht analytisch, aber musikalisch...
    Mein Punkt war ein ganz trivialer: Das Artefakt des 20./21. Jhds. der Sammlung von kürzeren Werken einer Gattung auf einer CD verleitet dazu, diese Werke nicht einzeln in ihrer Individualität wahrzunehmen, sondern als mehr oder minder ähnliche Exemplare. Natürlich sind sich Mazurken, Walzer und Fugen usw. untereinander ähnlich und wenn man die Werke einmal gut kennt, ist es sicher auch unproblematisch 10 oder mehr davon hintereinander weg anzuhören.
    Mir ist das mal konkret aufgefallen, als ich Bachs WTK auf LP gehört habe. Eine LP-Seite von 20-30 min schien mir eine wesentlich bessere Dosis als 70 min. auf CD, die mich eher dazu brachte, den Einzelstücken zuzuhören, statt auf die Favoriten zu warten oder (wenn noch nicht vertraut) das ganze als Reihe von sehr ähnlichen Stücken wahrzunehmen.

    Struck by the sounds before the sun,
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    (Bob Dylan)

  • Eine ganze Reihe nachdenkenswerter Beiträge ist bereits zusammen gekommen und ich möchte auf bestimmte Aspekte näher eingehen, in der Annahme, diese in meinem Eingangsbeitrag nicht sorgfältig genug herausgearbeitet zu haben.

    Mehr oder weniger ist bei mir der Zufall Anlaß, mich mit einem Stück zu beschäftigen. [...] Aber ein Intervall, also eine zeitliche Vorgabe, die kenne ich dabei nicht.

    [...] am mehrfachen Hören geht kein Weg vorbei.

    Zunächst steht auch für mich absolut außer Zweifel, dass wiederholtes Hören der Königswerk zum Verständnis eines Werkes ist. Die Entscheidung, welches Werk es denn dann wird, ist auch bei mir stark durch den Zufall geprägt. Aber, mal angenommen, ich höre zufällig eine tolle Sinfonie im Radio, finde Name und Komponist heraus und lege mir diese zu, um mich ausführlich damit zu beschäftigen, bin ich geraume Zeit darauf festgelegt. Höre ich dann meinetwegen eine Oper, die mich begeistert, nehme ich mir vor, mich mit dieser zu beschäftigen, schiebe das aber auf, da das andere Werk gerade auf meiner Agenda steht und ich einige Zeit einplane, ehe ich mich neuem widmen kann. Wie bereits gesagt, möchte ich somit Interferenzen vermeiden. Deswegen lese ich überlicherweise auch nicht (mehr) zwei Bücher gleichzeitig. Ich möchte vermeiden, dass sich die Werke wechselseitg beeinflussen, so wie man auch Französisch- und Englischvokabeln nicht am selben Tag lernt. (Ich habe mal gehört, eine mögliche Ursache der relativ weit verbreiteten Rechts-Links-Schwäche sei, dass man die Unterscheidung meist gleichzeitig gelehrt bekommt, anstatt nacheinander.)


    Es ergibt sich hier ja die Frage, wie sinnvoll es ist, sich einen Pool von Werken, die man "kennt" zulegen zu wollen, wenngleich ich manchmal auch dieser Versuchung erlegen bin. Aber die Praxis hat gezeigt. dass der Preis hierfür ein eingeschränktes Repertoire wäre. Und selbst hier habe ich den Verdacht, daß die Mehrheit der Klassikfreunde zwar in der Lage ist , die signifikanten Anfänge von - sagen wir mal 100 Sinfonien - blind zu benennen, ebenso wie die Inhalte von etwa 30 oder 40 Opern /und daraus einige markante Arien) , je nach Gusto kommen noch Klaviersonaten oder Kammermusikstücke dazu - Aber kaum in der Lage sind sich einen Pool von einigen tausend Werken innerlich anzueignen - und wenn - dann schon gar nicht nach der vorgeschlagenen Methode.

    Wie heißt es doch so schön in einem Threadtitel: Einmal ist keinmal. Ich sehe keine Zweck darin, ein Werk einmal gehört zu haben nur um des Hörens willen, weil meine Erfahrung zeigt, dass ich nur durch wiederholtes Hören wirklich erkenne, ob bzw. in welchem Ausmaß mir ein Stück gefällt. Bei den ersten Hörsitzungen hat mich noch jede Komposition kalt gelassen. Die Freude und der Genuss entspringen der Wiederholung und dem Wiedererkennen. Oder wie es Max Goldt einmal formulierte: "Das Publikum klatscht doch nicht, weil ein Lied besonders gut ist, sondern weil es ein Lied bereits kennt. Es beklatscht sein eigenes Gedächtnis."

    "Geduld und Gelassenheit des Gemüts tragen mehr zur Heilung unserer Krankheiten bei, als alle Kunst der Medizin." (W.A. Mozart)

  • Bei den ersten Hörsitzungen hat mich noch jede Komposition kalt gelassen.


    Ernsthaft?...Ich meine, sicherlich wird man nicht andauernd sofort begeistert, aber noch nie? Hat die wirklich noch nie ein Werk auf Anhieb begeistert oder habe ich dich da falsch verstanden?

  • Aber wenn ein Werk beim ersten Mal hören einem nicht gefällt, dann ist es doch eher unwahrscheinlich das man sich weiter damit befasst, ist zumindestens bei mir so. Ich habe z,B. Lulu von Berg ein einziges Mal in Düsseldorf gesehen, zwar mit Anja Silja als Gräfin Geschwitz, habe aber troztdem festgestellt, das mir dieses Stück überhaupt nicht zusagt und mir bis heute auch keine weitere Aufnahme davon angeschaut oder angehört. Trotzdem scheint mir die Vorgehensweise von Lynkeus gar nicht so verkehrt zu sein.

  • Bei den ersten Hörsitzungen hat mich noch jede Komposition kalt gelassen. Die Freude und der Genuss entspringen der Wiederholung und dem Wiedererkennen. Oder wie es Max Goldt einmal formulierte: "Das Publikum klatscht doch nicht, weil ein Lied besonders gut ist, sondern weil es ein Lied bereits kennt. Es beklatscht sein eigenes Gedächtnis."

    Lieber Lynkeus, mich verwirrt schon mal das Wort "Hörsitzungen". Unter solch strengen Umständen hätte mich Musik beim ersten Hören auch kalt gelassen. :(


    Auf Max Goldt, so klug der auch sein kann, würde ich mich in dem genannten Zusammenhang nicht berufen. Wie erklärten sich die rauschaften und legendären Erfolge von berühmten oder weniger berühmten Uraufführungen, hätte Goldt Recht? Ich selbst erinnere mich ganz genau an einen Auftritt von Gulda in der Hamburger Musikhalle mit seinem CONCERTO FO MY SELF. Bis dato war es mir gänzlich unbekannt. Am Schluss des Konzertes hielt es niemanden auf den Sitzen, alt wie jung, mich eingeschlossen. Wir beklatschten also das wirkungsvolle Stück, nicht unsere Erinnerung, denn ich halte es kaum für möglich, dass außer mir alle anderen im Saal das Werk in dem von Goldt meinten Sinne kannten. Ich möchte noch ein Beispiel anführen. Hier in Berlin dirigierte Metzmacher die 11. Sinfonie von Schostakowitsch, die ich im Gegensatz zu dem Gulda-Konzert, aus dem Effeff kenne. Im Saal waren hunderte sehr junge Leute. Der letzte Ton war verklungen, und diese jungen Leute flogen regelrecht in die Luft in einer Mischung aus Begeisterung und Erleichterung, dass es nun zu Ende war, denn man war auf den Einsturz des Philharmonie-Gebäudes gefasst. Der Beifall, der nicht weniger lärmend war als die Musik, galt dem Moment, dem Erlebnis. Da saß niemand wie in einer "Hörsitzung". Das war elementare Begegnung mit Musik.


    Musik ist auch eine lustvolle Sache. Da kann man nichts planen. Musik muss einen überkommen.


    Gruß Rheingold

  • Ich erinnere mich noch an meine anfänglichen Begegnungen mit der klassischen Musik.
    Ich legte mir eine neuerworbene Schallplatte auf und habe dann beim Hören, den deutschen Text im Libretto mitgelesen und fand in manchen Fällen beim Lesen der Texte die Handlung manchmal ein kleinwenig dürftig um die so viel Musik herum komponiert worden war.
    Kurzum es stellte sich als kontraproduktive heraus und ich habe es gelassen um mich dann entschloßen anhand von Gesanginterpretationen herauszufinden worum es geht ( natürlich habe ich mich vorher mit der Rahmenhandlung der einzelnen Akte vertraut gemacht ).
    Ich kenne einige Menschen die musikalischen Erlebnisse immer wieder und wieder in ihrem Kopf abrufen können, sie können diese Erfahrungen speichern, beneidenswert.
    Für mich ist Musik leider flüchtig, gehört und sie bleibt nicht haften.
    Natürlich erinnere ich mich noch genau wie es geklungen hat, aber ich kann diese musikalischen Moment nicht wieder abrufen, es ist als ob sie gelöscht worden wären.
    Ich bin irgentwann einmal dazu übergegangen meine gesamte Sammlung ( das war vor ungefähr 10 Jahren ) in kurzen Sätzen zu besprechen und in 4 Kategorien einzuteilen teilweise mit Begründung, um einen dauerhaften Anhaltspunkt zu haben wer wie gesungen hat und welche Phrasen ich im Zweifelsfalle bevor ich etwas schreibe mir noch einmal wieder anhören sollte um zu überprüfen in wie weit sich das Hörverhalten im heutigen Falle von Händel, Bach oder auch Rossini gerade auf dem Tenoralen oder auch Baritonalen Sektor verändert hat.
    Früher konnte ich mich bei Hören von klassischer Musik noch entspannen, heute artet das für mich in Arbeit aus, ich höre analysiere und versuchte Querverbindungen mit anderen Sängern und Interpretationen zu finden um die gesanglichen Leistungen zu relativieren, richtig einordnen zu können.
    Das geschieht beinahe automatisch.
    Verglichen mit früher sind es heute Kleinigkeiten die mich für eine Stimme einnehmen können, sei es zum Beispiel beim ersten hören von Daniela Fally.
    Ich war extrem kritisch als sie anfing zu singen, aber schon nach 10 Minuten hatte sie mich mit einem bezaubernden Pianoton auf ihrer Seite gehabt.
    Wenn sie den an diesem Abend nicht gesungen hätte, hätte sie mich vermutlich den ganzen Abend über nicht erreicht.
    Manchmal geschieht es aber auch schon in Sekunden, wie zum Beispiel bei einer Traviata in Berlin, schon nach dem ersten Ton, hatte mich die Sängerin der Violetta mit ihrem einzigartigen Timbre in ihren Bann gezogen.
    Werke erschließe ich mir heute nicht nach einem festen Schema, sondern irgentwann überkommt mich ein bestimmtes Gefühl: Dieses Werk willst du jetzt unbedingt hören.
    Dann höre ich es und schreibe mir später kurze Gedanken dazu auf, um dieses dann dauerhaft abzuspeichern.

  • In Salzburg wurde nichts gestrichen sondern eine andere Fassung der Ariadne gespielt! (Und zwar orientierte man sich da nach der Urfassung.)


    So ganz recht kann ich Dir nicht geben. In der Stuttgarter Urfassung kann es schon sein, daß im 1. Akt leider die musikalischen Höhepunkte insbesondere des Komponisten fehlten. Sicher einer der Gründe, daß Strauß für Wien eine überarbeitete Fassung für nötig hielt, die sich sicher auch auf Grund des wesentlich reicheren musikalischen Materials durchgesetzt hat. Aber nicht vorhanden war in Stuttgart mit Sicherheit das Auftreten von Hugo von Hoffmansthal und seiner damaligen Favoritin und auf keinen Fall das Erscheinen des Hausherren. Und das wäre für mich nach Stuttgart und Wien eine dritte Fassung


    Mir persönlich gefällt die Wiener Fassung eindeutig am Besten, wenn auch die Zerbinetta-Arie gegenüber Stuttgart entschärft wurde. Dafür hat der 1. Akt Musik, die in Stuttgart offenbar fast völlig fehlte. Und was für schöne Musik - nicht nur die Aussage, daß Musik eine "heilige Kunst" ist. Und wie komme ich zu dieser Aussage? Indem ich die Stuttagrter Fassung mangels Aufführungen noch nie gehört oder gesehen habe, die Salzburger Fassung 2 x , aber die Wiener sicher 10 x - in völlig unterschiedlichen Intervallen - womit das Thema nicht verfehlt ist.


    Jeder mag es selbst entscheiden, welche der 3 nunmehr vorliegenden Fassungen ihm am besten gefällt. Mir eindeutig Wien!


    La Roche

    Musik ist eine heilige Kunst - Hugo von Hofmannsthal. Aussage des Komponisten aus der Oper "Ariadne auf Naxos" mit der Musik von Richard Strauss.


  • Man muss ein Werk nicht quasi auswendig können, um es gut genug zu kennen, dass man es bei bewusstem Hören als ein zusammenhängendes und folgerichtiges Stück genussvoll erleben kann.
    [...]
    Ich halte es nach wie vor (auch für mich) für eine Herausforderung lange Stücke konzentriert durchzuhören.


    So ist es.
    Ich höre pro Woche im Schnitt geschätzte 3 Stunden unbekannte Musik - leider kaufe ich aber im Schnitt mehr als das, sodass die Originalverpackten immer mehr Platz einnehmen (aber ich habe jetzt eine größere Wohnung ...)
    Mein Ziel wären eher 5 Stunden pro Woche (Mo-Fr je eine unbekannte CD) - aber dafür habe ich zuviel anderes Programm.
    Und ich ziehe es schon vor, alles zumindest 2x angehört zu haben.
    :hello:

  • Wer zu Chopin ins Träumen gerät, war nicht der schlechteste Hörer.


    Lieber Farinelli, ich kann Dir da voll und ganz beipflichten. Allerdings nicht, was die Solostücke betrifft, da fehlt mir noch immer der Zugang. . Ich komme ins Träumen und ins Schwärmen beim 1. Klavierkonzert, besonders beim langsamen Satz, der Romanze. Und da muß es Pollini sein. Ich habe mehrere Aufnahmen, u.A. mit Yundi Li und irgendwo liegt auch Lang Lang rum. Aber keiner kommt ran an Mauricio Pollini. Um das festzustellen, habe ich seine Interpretation bestimmt 10-15 mal in 4 Jahren gehört, und manchmal bekam ich dabei um die Augen sogar sehr menschliche Regungen.


    In meiner persönlichen Hitparade würde diese Interpretation des Konzertes ganz weit vorne liegen. Er war vor einigen Jahren im Gewandhaus zu hören, und ich war gerade in Urlaub. Unverzeihlich!


    La Roche

    Musik ist eine heilige Kunst - Hugo von Hofmannsthal. Aussage des Komponisten aus der Oper "Ariadne auf Naxos" mit der Musik von Richard Strauss.


  • Früher konnte ich mich bei Hören von klassischer Musik noch entspannen, heute artet das für mich in Arbeit aus, ich höre analysiere und versuchte Querverbindungen mit anderen Sängern und Interpretationen zu finden um die gesanglichen Leistungen zu relativieren, richtig einordnen zu können.


    Vielen Dank für die Warnung. Ich befürchte, gerade auch diesen Weg zu gehen. Nur möchte ich auf jeden Fall bei der Entspannung, beim Genuß bleiben. Ich werde mich zwingen, nicht in das Extrem zu verfallen und die zweitschönste Nebensache der Welt (und was ist die Schönste?????) zur Arbeit zu machen. Ich hoffe, daß es mir gelingt.


    La Roche

    Musik ist eine heilige Kunst - Hugo von Hofmannsthal. Aussage des Komponisten aus der Oper "Ariadne auf Naxos" mit der Musik von Richard Strauss.


  • Ich kann, ganz im Gegenteil, nur davor warnen, allzu absichtsvoll und inquisitorisch seine Konzentration auf die Musik zu lenken. Stücke wie die Mazurken Chopins atmen eine Flüchtigkeit und Leichtigkeit, die sich dem analytischen Ohr entzieht. Es ist ja geradezu verwerflich, beim Anhören von Musik ausschließlich auf die Musik zu achten, so stark wirken doch zugleich die assoziativen Ballungen der Emotion und des freien Vorstellungsvermögens. Wer zu Chopin ins Träumen gerät, war nicht der schlechteste Hörer.


    :hello:


    Verstehe ich dich richtig? Chopins ausgetüftelte Miniaturen soll man wie Tafelmusik beim Verzehr von Sauvignon blanc und Foie gras hören? Na dann, bon appetit!

  • Hat dich wirklich noch nie ein Werk auf Anhieb begeistert oder habe ich dich da falsch verstanden?

    Ich muss diese Frage verneinen. Ich entsinne mich zumindest keines Erlebnisses, bei dem mich ein Werk beim ersten Hören begeisterte. Allenfalls gibt es eine Art "Gefallen unter Vorbehalt", d.h. dass ich nach einmaligem Hören glaube, dass mir ein Stück nach mehrmaligen Hören gefallen könnte. Ein Gefallen bei erster Begegnung gibt es vielleicht in Zusammenhang mit zusätzlichen visuellen Eindrücken.



    ...mich verwirrt schon mal das Wort "Hörsitzungen". Unter solch strengen Umständen hätte mich Musik beim ersten Hören auch kalt gelassen.

    Mein lieber Rheingold, lass dich bitte nicht von dem Wort verwirren, es klingt strenger als es gemeint war. Beim ersten Hören versuche ich mich nur auf die Musik zu konzentrieren. Ich lese dabei nicht im Internet, blättere nicht in Katalogen oder tu sonst etwas. In der Regel sitze ich einfach im Sessel und höre, also ist das eine Hörsitzung. Da, wie gesagt, die ersten Begegnungen mich üblicherweise kalt lassen, wird aus der Hörsitzung auch oft ein Nickerchen. :pfeif:



    Wie erklärten sich die rauschaften und legendären Erfolge von berühmten oder weniger berühmten Uraufführungen...

    Nescio! Massenpsychose? :baeh01: Ein solches Erlebnis wurde mir leider noch nicht zuteil.



    Werke erschließe ich mir heute nicht nach einem festen Schema, sondern irgentwann überkommt mich ein bestimmtes Gefühl: Dieses Werk willst du jetzt unbedingt hören.

    So ergeht es mir ja oft genug auch und dann gebe ich diesem Drängen nach. Einen festen Plan habe ich auch nicht, keine Termine oder ähnliches. Es ist nur häufig genug so, dass ich mir denke, ein Stück noch öfter Hören zu müssen, um mich auf etwas neues stürzen zu können, aus der Überlegung heraus, das Werk noch nicht erfasst/verinnerlicht zu haben. Bei Opern kristallisierte sich diesbezüglich ein Monatsintervall heraus, das ich dann gewissermaßen im Voraus veranschlagte.



    Ich höre pro Woche im Schnitt geschätzte 3 Stunden unbekannte Musik...

    Lieber kurzstueckmeister, das ist doch eine Angabe. Ich stelle fest: Ich hatte, von mir ausgehend, angenommen, ein jeder setze sich eine gewisse Zeit mit einem Werk intensiv auseinander, ehe er sein Interesse auf ein anderes Werk richtet. Den vorangehenden Beiträgen entnehme ich, dass dem nicht so ist. Persönlich bin ich schon immer so verfahren, auch aus der Erfahrung heraus, dass nur durch Hören, Hören und nochmal Hören für mich Genuß entsteht. Wenn ich daran denke, wie oft ich mich durch Turandot quälte, nur Geräusch vernehmend, bis dann plötzlich ein schöner Einfall dem anderen hinterherjagte... diese Erlebnisse verschafft mir nur massiertes Hören. Es freut mich, wenn anderen Taminos diese Fesseln nicht auferlegt sind.

    "Geduld und Gelassenheit des Gemüts tragen mehr zur Heilung unserer Krankheiten bei, als alle Kunst der Medizin." (W.A. Mozart)

  • Drei Stunden noch nicht bekannte Musik finde ich recht ambitioniert. Als ich noch relativ viel neues kennengelernt und nur vereinzelt (aber zunehmend mehr) alternative Aufnahmen mir schon bekannter Stücke gekauft habe, jedenfalls insgesamt noch mit dem Hören nachgekommen bin, habe ich im Schnitt etwa eine oder zwei CDs pro Woche neu gekauft, freilich meist eher schubweise. (Das war nicht als Einsteiger, sondern etliche Jahre später, als Schüler konnte ich mir eher eine CD im Monat leisten.) Jedenfalls könnte das damals auch in der Größenordnung gelegen haben (eine neue CD dreimal gehört).


    Ich erinnere mich nur noch vereinzelt an ganz frühe Hörerlebnisse. Ich weiß zB noch wie ich zum ersten Mal Beethovens 7. bei einem Freund hörte und mir auf der Zugfahrt nach Hause die Themen des 1. und 3. Satzes nicht aus dem Kopf wichen. Das war ein Stück, das mir gleich so vertraut vorkam, als hätte ich es schonmal gehört. Andere Stücke (zB Brahms 1. Sinfonie) waren erstmal ziemlich unverständlich bzw. enthielten neben einzelnen schönen Stellen lange Durststrecken. Aber wenn mich nicht irgendeine "schöne Stelle" (oder irgendetwas) gepackt hat, habe ich vermutlich dann eben erst einmal etwas anderes gehört. Gerade als (relativer) Anfänger hat man doch so viel Musik zur Auswahl, da kann man eine Zeit lang den Weg des geringsten Wiederstandes gehen. Auf Dauer läuft man allerdings Gefahr als "Dünnbrettbohrer" so manches zu verpassen.

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Hier kamen ja schon viele schöne Aspekte zur Sprache und man kann nicht jeden einzeln zitieren, daher versuche ich es einmal mit einer Art Thesen und lade wie der Threaderöffner zur Diskussion ein:



    · In seiner Frühzeit als Klassikhörer wird man wohl in der Regel querbeet hören und versuchen, so viel wie möglich des klassischen Repertoires kennenzulernen.


    · Später werden sich automatisch Interessenschwerpunkte herausbilden, die man besonders zu erweitern sucht durch häufiges Hören.


    · Viele Werke begeistern uns beim ersten Hören, initiieren sogar überhaupt erst unsere Liebe zur klassischen Musik; es gibt also einen „naiven“ und rein emotionalen Zugang zur Musik.


    · Dennoch ist die häufige Wiederholung der einzige Weg, um ein Musikstück ernsthaft genießen und würdigen zu können.


    · Die Musik als besonders reine Form der Kunst, in der Abstraktion und Sinnlichkeit so ununterscheidbar verschmolzen sind, bedarf der formalen Wiederholung so sehr wie der immer wieder neu geschürten Begeisterung.


    · Eine Steigerung des Genusses durch Rationalisierung des Musikhörens (etwa Kontextschaffung durch Sekundärliteratur etc.) ist möglich, aber nicht zwingend gegeben.


    · Ratio und Emotion müssen in einem angemessenen Verhältnis bei der Aneignung stehen; je mehr bewusstes Agieren, desto größer die Gefahr der Genusstrübung, wobei es hier ganz sicher viele Ausnahmen gibt.


    · Analyse und Arbeit bei der Aneignung von Musikstücken müssen nicht automatisch getrübten Genuss bedeuten.


    · Nicht jedes entspannte Musikhören muss ein Genuss im ästhetischen Sinne sein.


    · Auch bei der Musik sind wie in allen Lebens- und Kunstbereichen die Emotionen ausschlaggebender als die reine Vernunft, eine wirkliche Planbarkeit ist also nicht gegeben.


    · Man muss unterscheiden zwischen Musik, die man nur so nebenbei hört (bei mir etwa Telemann, Mozart etc.) und jener, der man sich „ernsthaft“ und ganz und gar widmet, mit der Partitur in der Hand oder mit geschlossenen Augen auf dem Sofa etc.


    · Man kann jede Musik „so nebenbei“ oder „ernsthaft und ausschließlich“ hören – das bedeutet kein Werturteil über bestimmte Stücke.


    · Sich bestimmte Ziele der Aneignung bekannter oder fremder Stücke zu setzen, ist nicht verwerflich oder infantil, wenn die Sache im Rahmen bleibt und der selbst verordnete Zwang nicht die Lust am Hören mindert.


    · Der erfahrene Musikliebhaber wird anteilig wohl hauptsächlich ihm bekannte Werke auskosten, sei es in oft gehörten oder in immer neuen Aufnahmen; er wird vergleichen und sich tiefer in die Materie einarbeiten; er wird aber auch immer begierig sein, Neues kennenzulernen, sei es einen neuen Komponisten, ein anderes Stück eines schon bekannten Komponisten, ein neues Genre, eine ganz andere Musikrichtung etc. – prozentual nicht zu pauschalisieren, aber so in etwa 80 zu 20, wenn nicht gar 90 zu 10.


    · Jeder Hörer und Klassikliebhaber findet seinen eigenen Weg und sein eigenes Maß, aber es gibt auch viele Gemeinsamkeiten.


    · Quantität und Qualität dürfen hier wie immer im Leben nicht verwechselt werden; ein Mensch, der seine 200 CDs aus- und inwendig kennt; muss nicht schlechter fahren als einer mit 10 000 Tonträgern.


    · Ein Intervall festzulegen zwischen zwei Begegnungen mit einem Stück ist so pauschal praktisch unmöglich.


    · Ein Werk kennenzulernen, zu genießen oder einfach nur zu hören, sind unterschiedliche Dinge; ein Werk professionell für zum Beispiel eine Aufführung oder Aufnahme einzustudieren, ist wiederum etwas völlig anderes.


    · Der Zufall ist wie prinzipiell im Leben unser großer Zucht- und Lehrmeister; aber auch das sich treiben lassen und gelöst von Blüte zu Blüte fliegen hat etwas für sich; also auch mal oder oft der blinde Griff ins CD-Regal.


    · Außermusikalische Einflüsse (Bücher, Fernsehen, Freunde, Institutionen etc.) lenken uns natürlich auch.


    · Ein Sammler ist nicht unbedingt ein Hörer.


    · Die eigene Biografie, der eigene Charakter, die musikalische Sozialisation, die tägliche Stimmung – all das beeinflusst unser Hörverhalten und unsere Intervalle.


    · Die Oper ist kein Sonderfall der persönlichen Rezeption.


    · Man kann ein bekanntes Werk jedesmal neu kennenlernen und ein neues niemals beim ersten Hören.


    · Arno Schmidt hat errechnet, dass ein guter Leser in etwa 3000 Bücher in seinem Leben richtig kennenlernen kann; ich denke, die Zahl für musikalische Werke dürfte wesentlich geringer sein.


    · Die Zeit (unseres Lebens wie auch der Musikstücke) ist unser aller Lehrmeister.


    · Man kann in seiner Jugend ein Werk 500mal gehört haben und es dennoch noch nicht kennen; wahrscheinlicher ist aber eine Art Überdruss an ihm.


    · Man darf und muss manchmal sogar Musik auch nur in Abschnitten (etwa den Satz einer Sinfonie) immer wieder hören.


    · Manche geliebte Werke genießt und schätzt man durch Enthaltsamkeit beim Hören, andere wieder müssen täglich in den Player.


    · Gedächtnisfähigkeit und Wiedererkennen sind zentrale Kategorien des Musikverstehens und – genießens.


    · Wem eine Musik beim ersten Hören nicht gefällt, hat nicht die Gewähr, dass diese nicht sein Lieblingsstück werden wird; wer eine Musik sofort abgöttisch liebt, kann sie später durchaus hassen lernen.


    · Eine Uraufführung folgt anderen Rezeptionsgesetzen und wird stark von außermusikalischen Aspekten beeinflusst; Erfolg und Applaus entspringen mehrheitlich nicht notwendigerweise einem Musik- und Hörverständnis, sondern haben auch viel mit Umständen und Psychologie zu tun.


    · Da jeder anders Musik hört und Musik in jedem etwas anderes auslöst, ist die Diskussion sowohl müßig als auch notwendig.


    · Wer die Frage nach dem Sinn dieser hier geführten Auseinandersetzung stellt, hat Recht und Unrecht zugleich.


    P.S.P.S. Sorry, ist etwas viel geworden, aber nebenbei läuft Sky Unitel Classica und ich spreche dem Hopfen zu... 8-)

  • · In seiner Frühzeit als Klassikhörer wird man wohl in der Regel querbeet hören und versuchen, so viel wie möglich des klassischen Repertoires kennenzulernen.


    · Später werden sich automatisch Interessenschwerpunkte herausbilden, die man besonders zu erweitern sucht durch häufiges Hören.

    Oder doch eher andersherum: Zuerst kennt man nur wenige Stücke, die man sehr oft hört.
    Später weitet sich das Interesse und man kommt nicht mehr dazu, derart zu fokussieren.
    ;)


    · Arno Schmidt hat errechnet, dass ein guter Leser in etwa 3000 Bücher in seinem Leben richtig kennenlernen kann; ich denke, die Zahl für musikalische Werke dürfte wesentlich geringer sein.

    Wenn man bedenkt, wieviel länger man für ein Buch braucht, muss es umgekehrt sein.


    :hello:

  • Es ist nun die Frage, was man unter "richtig kennenlernen" versteht.
    "Das Bildnis des Dorian Gray" - mein Lieblingsbuch übrigens - kann ohne wesentlichen Verlust an Substanz - auf einer Druckseite beschreiben werden. Die feinen Spitzen und Zwischentöne gehen natürlich verloren.
    ABER - Wer das Buch bereits enmal gelesen hat, dessen Erinnerungen werden durch solch einen Text wieder aktiviert - selbst wenn gewisse Stellen in der Kurzbeschreibung gar nicht vorkommen.....
    Mahlers vierte indes (nur als Beispiel) - ist da wesentlich schwieriger im Gedächtnis zu behalten.....


    mfg aus Wien


    Alfred

  • In der Stuttgarter Urfassung kann es schon sein, daß im 1. Akt leider die musikalischen Höhepunkte insbesondere des Komponisten fehlten.

    Darf ich noch einmal ganz kurz darauf zurückkommen, lieber La Roche? In Stuttgart, also bei der ersten Uraufführung der "Ariadane" wurde statt des Vorspiels Molieres "Bürger als Edelmann" in einer Bearbeitung von Hofmannsthal als Sprechstück mit Tanzeinlagen gegeben. Das war gar kein Erfolg. Deshalb entschlossen sich Strauss und sein Dichter zu einer radikalen Umarbeitung, die dann in Wien erstmals auf die Bühne kam und bis heute gemeinhin als die Ariadne gilt. In Salzburg wurde in diesem Jahr statt des Moliere eine ganze neue Einleitung geschaffen, auch mit teilweise neuen Figuren, darunter Hofmannsthal selbst. Optisch war das ganz schön, es nahm aber kein Ende und zog und zog sich. Das Unternehmen halte ich schon deshalb für ziemlich fragwürdig, weil es eben nicht die Urfassung war, bei der es auch in der Oper selbst etliche musikalische Unterschiede zur heute üblichen Fassung gibt - und das letzte Wort hat Herr Jourdain, der Bürger aus dem vorangehenden Sprechstück, in dem es auch den Komponisten gibt.


    Vom Opernteil der Urfassung gibt es eine sehr schöne DVD von VAI mit Claire Watson als Aridane und Beverly Sills als Zerbinetta unter Erich Leinsdorf. Es ist eine konzertante Aufführung von 1969 aus Boston mit szenischen Andeutungten. Wenn ich nicht irre, hat auch Sinopoli diese Fassung mit Margaret Price eingespielt. Der gesamte Text ist bei Fürstner erschienen und dort zu beziehen.


    Herzlich grüßt Rheingold

  • Oder doch eher andersherum: Zuerst kennt man nur wenige Stücke, die man sehr oft hört.
    Später weitet sich das Interesse und man kommt nicht mehr dazu, derart zu fokussieren.
    ;)

    Möglich wäre es immerhin, aber ich kenne persönlich keinen Klassikliebhaber, der nicht irgendeinen Schwerpunkt oder eine besondere Liebhaberei hätte. Außerdem müssen wir natürlich vom Beginn der Klassikliebe bis zum ihrem Ende eine exponentiell ansteigende Linie an kennengelernten Stücken annehmen, die am Anfang natürlich mit wenigen anfängt, aber dann in der ersten Phase sicher sehr rasch anwächst, um später wesentlich langsamer zu steigen. Denke ich jedenfalls ...



    Zitat

    Wenn man bedenkt, wieviel länger man für ein Buch braucht, muss es umgekehrt sein.
    :hello:

    Arno Schmidt schrieb seinerzeit, er brauche etwa fünf Tage, um ein Buch zweimal zu lesen. Nun ist das geschriebene Wort natürlich ein ganz anderes Medium als die gehörte Musik und so denke ich, dass man wesentlich mehr Zeit braucht, um ein Musikstück so genau kennenzulernen wie ein Buch, allein deshalb, weil man es viel öfter wiederholen muss als eine Lektüre und weil man zwischen diesen Wiederholungen Intervalle haben wird.