ZIMMERMANN, Udo: LEVINS MÜHLE

  • Udo Zimmermann (*1943):


    LEVINS MÜHLE
    Oper in neun Bildern - Libretto frei nach dem Roman von Johannes Bobrowski von Ingo Zimmermann


    Uraufführung am 27. März 1973 in der Staatsoper Dresden und am 28. März 1973 im Deutschen Nationaltheater Weimar


    DIE PERSONEN DER HANDLUNG


    Leo Levin, Mühlenbesitzer, Bariton
    Habedank, ein Zigeuner, Bass
    Marie, seine Tochter, Sopran
    Weiszmantel, Liedersänger, Bariton
    Willuhn, entlassener Lehrer, Bariton
    Johann, deutscher Mühlenbesitzer, Bass
    Korinth und Nieswandt, seine polnischen Arbeiter, Bass und Tenor


    KLEINERE PARTIEN (von Choristen zu besetzen)
    Christina, Johanns Frau, Mezzosopran
    Fagin, ihr Vater, Tenor
    Gustav, Johanns Sohn, Bariton
    Gustavs Frau, Mezzosopran
    Pastor Glinski, Tenor
    Frau Glinski, Alt
    Kaplan Rogalla, Bariton
    Gastwirt Rosinke, Tenor
    Frau Rosinke, Alt
    Kreisrichter Nebenzahl, Bariton
    Kossakowski, reicher Bauer, Bass
    Frau Kossakowski, Mezzosopran
    Tomaschewski, reicher Bauer, Tenor
    Justizsekretär Bonikowski, Sprechrolle
    Zirkusdirektor Scarletto, Sprechrolle
    Antonja, Emilio, Antonella, Zirkuszigeuner, Schauspieler oder Tänzer
    Unteroffizier, Sprechrolle
    Der Chor die die Damen und Herren der „besseren Gesellschaft“,
    einfache Leute aus Neumühl sowie Soldaten dar


    Das Geschehen ereignet sich in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts in Neumühl und Briesen.


    INHALTSANGABE


    Erstes Bild: Die Drewenzwiesen vor Neumühl, an einer Wegkreuzung; in der Ferne sind Neumühl und die große Mühle von Johann zu erkennen.


    SZENE I:
    Korinth und Nieswandt, zwei polnische Arbeiter des deutschen Mühlenbesitzers Johann, rackern sich mit einem Fuhrwerk ab. Plötzlich schimpft Korinth laut über seinen reichen Arbeitgeber, der die Mühle des jüdischen Konkurrenten Levin durch die Wasserablassung eines Staudamms zerstört hat, um dessen Geschäfte übernehmen zu können. Nieswandt meint zögerlich, dass besagter Johann davon sprach, er werde es dem „Jud“ schon zeigen. Nun hat er es wohl wahrgemacht. Korinth flucht laut und hebt wütend seine Fäuste hoch. Nieswandt weist Korinth auf zwei näher kommende Männer hin; in einem von den beiden meint er Habedank zu erkennen, der andere ist ihm unbekannt. Schnell geben sich beide dem Anschein intensiver Beschäftigung hin.


    SZENE II: Habedank und Weiszmantel kommen hinzu; angespannte Atmosphäre.
    Habedank geht mehrmals um das Fuhrwerk herum, aber Korinth und Nieswandt lassen sich dadurch nicht stören. Als plötzlich ein paar Bretter vom Fuhrwerk herabfallen, hebt Weiszmantel sie auf und Nieswandt erklärt beredsam, die Ladung auf der Fuhre sei an der Levinschen Mühle angespült worden und da habe Herr Johann befohlen, die Gegenstände zum Bauern Kossakowski zu bringen.


    Der Name Levin lässt Weiszmantel nachfragen, ob es sich vielleicht um jenen Mann aus Rożan handelt. Habedank weiß, dass jener Levin flussabwärts eine Mühle gebaut hatte, nur mit Pfählen und Ketten gegen die Strömung gesichert. Aufgeregt ergänzt Nieswandt, dass eines Morgens die Mühle weg, und nur die Ketten und Pfähle noch da waren. Als Weiszmantel um das Fuhrwerk herumgeht, erkundigt sich Nieswandt leise bei Habedank, wer sein Begleiter sei. Ehe Habedank antworten kann, fragt Weiszmantel laut, woher denn wohl das „große Wasser“ kam, dass die Mühle zerstört habe, worauf Korinth missmutig meint, es sei eben über Nacht gekommen. Korinth schreit laut dazwischen: „Nur nicht von selber!“ Nieswandt, unruhig, will sofort weiter ziehen, denn es werde bald dunkel; Korinth zieht, Nieswandt schiebt...


    SZENE III: Weiszmantel dichtet ein Lied.
    Weiszmantel, der mit Habedank den beiden nachschaut, denkt über Levins Mühle nach: Die brachte ihm bestimmt ein „hübsch Geschäft“ ein. Habedank fragt hintersinnig, ob die Mühle vielleicht an diesem „hübsch Geschäft“ kaputtging? Jeder hier weiß doch, dass alle Bauern zu Levin gingen, weil der für das Getreide gut bezahlte, während Konkurrent Johann sogar „teures Mahlgeld“ verlangt. So gesehen kam das Wasser für Johann doch wie gerufen.


    Weiszmantel zieht eine Gitarre aus seinem Beutel und singt auf eine bekannte Melodie einen selbst gedichteten Text, von Habedank immer wieder mit Lachen unterbrochen. Und er erinnert an die von Korinth aufgestellte Behauptung, dass das Wasser „nicht von selber“ gekommen sei, gleichwohl keiner den Namen des Verursachers zu nennen wage, obwohl ihn alle kennen! Nachdem sich beide über die Umdichtung des Liedes ausgelacht haben, gehen sie in verschiedene Richtungen davon.


    Zweites Bild: Habedanks Kaluse.


    SZENE I: Abend; Levin hat bei Habedank Unterschlupf gefunden und ist am Herd, neben Habedanks Tochter Marie, in die er sich verliebt hat, eingeschlafen.
    Levin erlebt träumend den Untergang seiner Mühle in ständig wachsender Erregung; er ruft plötzlich aus: „Marja, Marja, halt mich!“


    SZENE II:
    Habedank kommt herein und als Levin davon erwacht, bittet er ihn zu Tisch. Marie hat unterdessen eine Schüssel vom Herd genommen und auf den Tisch gestellt, aber keiner isst, denn Habedank berichtet von seiner Begegnung mit Weiszmantel, der wahrscheinlich zum Zirkusdirektor Scarletto weiter gegangen sei. Marie fragt interessiert, ob der Zirkus bald auch nach Neumühl kommen werde, das würde sie freuen, es wäre wie ein Fest. Levin hört in Gedanken versunken zu, sagt dann aber unvermittelt, dass man ohne Glück lieber nicht geboren werden sollte. Habedank nennt als Ursache für jedes Unglück in der Welt das Geld; es schafft Ungerechtigkeit und Bosheit, und wer viel hat, will immer noch mehr. Das sieht auch Marie so, obwohl ihr noch niemand die Frage beantworten konnte, warum das so sei. Unvermittelt steht Habedank auf und wünscht allen eine Gute Nacht, während Marie abräumt und Levin erneut wie abwesend vor sich hinblickt.


    SZENE III: Levin und Marie allein.
    Auf einmal beginnt Levin zögerlich zu sprechen: Auch er hatte doch Wunsch, reich zu werden, um Marie ein gutes Leben bieten zu können. Marie geht darauf nicht ein, sondern sagt, sie sei bei Tante Huse gewesen und die habe geraten, dass Levin nach Briesen zum Gericht gehen solle, denn da werde er Leute finden, die ihm helfen. Levin antwortet mit Sarkasmus: die Mühle ist weg und kann auch vom Gericht nicht mehr herbeigeschafft werden. Plötzlich, als hätte jemand einen Schalter umgelegt, schwelgen Marie und Levin in Erinnerungen an glücklichere Zeiten. Sie erinnert ihren Geliebten an die armen Leute, die gerne zu ihm kamen, da er sie gut bezahlte, sie wiederum ihre Steuern entrichten konnten und nicht mehr ihre Ferkel verkaufen mussten. Und genau darum hat „der Alte“ ihn auch gehasst. Aber der Traum vom Reichtum ist nun verflogen und man soll ihm nicht mehr nachschauen, wie einem davon fliegenden Vogel, meint Levin. Marie weist den Gedanken an Reichtum von sich, nur er ist ihr wichtig, er ist ihr das Liebste auf der Welt. Als sie auf ihn zugeht, um ein Zeichen der Zustimmung zu bekommen, dreht sich Levin zur Seite, und lässt Marie die harte Seite seines Wesens erkennen. Sie schreit voller Verzweiflung laut auf: „Du bist mein Liebster nicht mehr!“


    Drittes Bild: Tauffeier in Johanns Haus.


    SZENE I: Die Worte des Pfarrers an die Eltern des Täuflings.
    Während ein Männerchor im Hintergrund einen Choral vorträgt, lassen die Gäste aus der „besseren Gesellschaft“ dem Täufling ihr Konfirmandenwissen angedeihen: „Denen die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen“. Pastor Glinski aber wendet sich indigniert und mit deutlichen Aversionen an Johann und zitiert aus Psalm 37: „Es stehet geschrieben: Bleibe fromm und halte dich recht, denn nur solchen wird es wohlergehen.“ Johann stellt sich taub, die Kritik überhört er, selbst die Zustimmung seiner Gäste, die den Psalmspruch repetierend aufgreifen, ficht ihn nicht an.


    Die Unbelehrbarkeit Johanns nimmt Pastor Glinski zum Anlass, sich an die Eltern des Kindes zu wenden und er spricht ihnen seinen Glückwunsch aus, weist sie aber darauf hin, dass Gott ihnen das Söhnchen geschenkt hat. Darum sollen sie ihm stets dankbar sein. An dieser Stelle greift Opa Johann energisch ein, schiebt die Kindeseltern unsanft zur Seite und bittet den Herrn Pastor, noch zum Essen zu bleiben. Der Pastor aber lehnt, trotz inständiger Bitten auch der übrigen Gäste, die Einladung mit Hinweis auf seine noch zu schreibende Predigt für den Sonntagsgottesdienst ab. Dabei hat er allerdings nicht seine Frau auf der Rechnung, denn die sagt mit Bestimmtheit, dass sie selbstverständlich noch bleiben werden. Also fügt sich der Herr Pastor.


    SZENE II: Alle stürzen zur Tafel und beginnen gierig zu essen.
    Während man sich allseits „Gesegnete Mahlzeit“ wünscht und über das Festessen herfällt, bringt Johann nach einer Weile einen Toast auf „unser geliebtes Kaiserhaus“ aus, von der Festgesellschaft lebhaft bejubelt. Frau Pastor Glinski geht sogar noch einen Schritt weiter und fügt hinzu, dass der starke Arm des Kaisers doch auch den Schutz der Kirche garantiere, was zu nochmaligen Hochrufen führt. Erstaunt wendet Pastor Glinski ein, das richte sich doch gegen den Feind, nämlich gegen den römischen Stuhl - hier fällt Johann dem Pastor mit Überzeugung ins Wort: „Gegen die Polacken!“


    SZENE III: Habedank mit Geigenkasten und Willuhn mit Akkordeon treten auf.
    Nach nochmaligen Hochrufen der Gäste auf den Kaiser gerät Frau Kossakowski durch die eintretenden Musiker ganz aus dem Häuschen: sie erwarte jetzt „feine Musik“ und begrüßt die beiden Musikanten, die sich doch bitte zunächst einmal stärken sollten. Habedank und Willuhn aber möchten keine Umstände machen und nehmen sich ihre Instrumente vor. Da ruft Christina, Johanns Frau, dass der Kleine aufgewacht sei; sofort eilen alle Damen ins Nebenzimmer, von dort ist dann das verzückte Geplapper zu hören.


    Johann bietet dem Pastor eine Zigarre an, der sie nur zögerlich ergreift. Nach kurzer Pause sagt Glinski leise, aber mit verächtlichem Unterton, dass Willuhn seit der Entlassung aus dem Schuldienst nicht mehr zur Kirche käme, dafür lieber mit den Zigeunern umherziehe. Aus Johanns Antwort spricht Verachtung: „Ein Deutscher (...) und Lehrer gewesen.“ Er winkt seinen Sohn Gustav heran und bittet ihn, dem Herrn Pastor einen Cognac zu holen. Gustav geht missmutig ab, bringt den Cognac und Johann und Glinski prosten sich zu. In diesem Moment geht die Magd mit einer Flasche Schnaps vorbei, und Willuhn schnappt sich den Korn mit einer anspielenden Bemerkung auf den Pastor: „Gast ins Haus, Gott ins Haus!“ Er nimmt einen gehörigen Schluck und meint aufgeräumt, mit diesem „Zielwasser“ könne er die Töne doch wesentlich besser treffen.


    Die Damen kommen aus den Nebenraum zurück und Frau Kossakowski fordert Habedank und Willuhn auf, endlich zu spielen: „Sobottka!“


    SZENE IV: Die Gäste beginnen zu tanzen.
    Willuhn spielt nur linkshändig, denn die rechte Hand hält die Schnapsflasche eisern fest. Die Tänzer haben im Gedränge dem alten und schwerhörigen Fagin, Vater Christinas und somit Johanns Schwiegervater, den Stuhl weggerissen, worauf er sich lauthals beschwert. Dann murrt er über Johann, was der die ganze Zeit mit dem Pastor zu quatschen habe, ob er vielleicht plötzlich fromm geworden sei. Christina meint, es gehe sicherlich um Levins Mühle, denn der Jude habe Johann vor Gericht verklagt - das mache jetzt Zusammenhalt notwendig. Für Fagin ist das kein Thema, er sagt kurz und bündig, der Levin solle nach Russland abhauen - aber der Johann wird das schon deichseln.


    Habedank, der sich unter die Tanzenden gemischt hatte, gibt Willuhn ein Zeichen, alleine weiter zu spielen und stellt sich lauschend in die Nähe von Johann und dem Pastor. So hört er, dass Johann das Kirchendach reparieren lassen will, denn es „wäre doch schade, wenn es beim lieben Gott hereinregnen tät.“ Habedank weiß genau, warum Johann dieses Angebot macht. Der aber jagt den Geiger, als er ihn bemerkt, mit Drohgebärden davon.


    Während die angetrunkene Frau Kossakowski ein Lied trällert und allein im Kreis tanzt, flüstert Johann dem Pastor zu, er rechne mit dessen Unterstützung beim Landrat und Glinski sagt eifrig zu, denn gegen die „polnische Überfremdung“ müsse dringend was getan werden. Und zu Frau Kossakowski, die in ihrem Zustand die „fröhlichen Feiern“ bei den Polen lobt, schreit Johann an, dann solle sie doch gleich nach Polen gehen, er sei jedenfalls die „Polackerei“ in seinem Haus leid.


    SZENE V:
    Johann und Glinski trinken einvernehmlich weiter; Willuhn beginnt einen „Rheinländer“ zu spielen, singt laut dazu und Johann, mehr schreiend als singend, lobt den „deutschen Pastor“ als rechten Mann. Plötzlich verändert sich sein Wesen - er blickt starr zum Fenster, ballt seine Fäuste und schimpft auf den „Jud und sein Gesicht“. Wütend rennt er zur Tür und ruft „das Pack“ herein, er werde sie alle „wie Ungeziefer“ zertreten. Dann springt er, immer weiter schimpfend, auf den Tisch, verliert aber infolge der heftigen Bewegungen sein Gleichgewicht und knallt auf den Boden. Sofort umringen ihn alle Gäste mit bedauernden Worten. Willuhn genehmigt sich abseits seelenruhig ein tiefen Schluck, es wirkt, als mache ihm der „tiefe Fall“ Johanns Spaß.


    Viertes Bild: Rosinkes Gaststube.


    SZENE I: Habedank und Willuhn mit Korinth und Nieswandt an einem Tisch, an dem anderen die Bauern Kossakowski und Tomaschewski. Allein an einem weiteren Tisch sitzt Kaplan Rogalla, in einem Brevier lesend.
    Habedank flüstert, es sei doch allen bekannt, wie es mit dem Wehr war. Nieswandt regt sich über das Thema auf, er will mit dem Gericht absolut nichts zu tun haben. Korinth ist plötzlich doch unsicher geworden: hat der „Alte“ oder hat er nicht? Nieswandt aber lässt keine Zweifel zu und sagt mit Bestimmtheit: „Er hat!“ Trotzdem bleibt er dabei: er geht nicht auf das Gericht.


    SZENE II: Levin kommt herein, grüßt den Wirt mit einem Nicken und setzt sich, von Rosinke argwöhnisch beobachtet, an Habedanks Tisch.
    Tomaschewski ruft Rosinke zu sich und sagt ihm mit vorgehaltener Hand, er solle Johann Bescheid geben, mit wem sich seine Leute hier treffen. Dienstbeflissen schickt der Wirt sofort seine Frau zum Mühlenbesitzer. Unterdessen sagt Habedank, dabei von Willuhn unterstützt, zu seinen Tischnachbarn, dass man Levin mit einer Aussage vor Gericht unterstützen müsste. Das erfreut Levin natürlich und er sagt mit fester Stimme: „Ich werde es beweisen!“


    SZENE III: Johann stürmt, gefolgt von Frau Rosinke, in die Gaststube.
    Wütend wirft Johann seinen Arbeitern Korinth und Nieswandt vor, die Mühle verkommen zu lassen und ihn damit in den Ruin zu treiben; aber jetzt ist ein für allemal Schluss: am nächsten Fünfzehnten können sie den letzten Lohn abholen und dann das Weite suchen - ab „nach Russland!“ Ungläubig schauen sich Korinth und Nieswandt an - und verlassen dann eiligst die Wirtsstube. Johann zeigt ihnen seine Fäuste hinterher und geht ermattet zu Kossakowski und Tomaschewski an den Tisch.


    Während sich die Bauern über die „Drecksarbeiter“ mokieren, geht Rosinke mit einem Schnapsglas zu Levin - und wird von Johann am Arm festgehalten. Mit harschem Ton bestimmt er, das Glas bei ihm abzustellen und „dem da“ nichts mehr zu geben. Mit leerem Tablett geht Rosinke verwirrt zur Theke zurück. Als Levin den Wirt fragt, ob er ihn vergessen habe, antwortet Rosinke, er wolle nicht in den Streit mit Johann hineingezogen werden, außerdem könne er ja auch „woanders“ etwas trinken. Levin und Habedank gehen daraufhin hinaus.


    SZENE IV: Der Kaplan verlässt die Wirtsstube.
    Kaplan Rogalla steht auf und wünscht zu zahlen, und fügt hinzu, dass es ihm in „dieser Gesellschaft“ nicht schmeckt. Darüber ist Johann dermaßen verärgert, dass er den Priester an sein Deutschtum erinnert. Rogalla bleibt an der Tür kurz stehen und meint dann, er sei in erster Linie Priester und was Johann als Deutschtum bezeichne, sei ihm völlig fremd. Da hält es auch Willuhn nicht mehr auf seinem Stuhl und er geht, leicht schwankend, hinaus. Dabei sagt er leise, es sei nun auch für ihn Zeit zu gehen, nachdem „der letzte Mensch“ gegangen sei. Johann hat diese Bemerkung trotzdem mitbekommen und er ruft wütend Willuhn hinterher: „Ich krieg' euch noch alle!“


    Fünftes Bild: Gerichtssaal in Briesen.


    SZENE I: An der Stirnwand, hinter dem erhöhten Richtertisch, das Bildnis von Kaiser Wilhelm I., daneben die Tische der Protokollanten. Rechts und links die Tische für die Parteien.
    Sowohl die Anhänger Johanns als auch Levins Parteigänger diskutieren aufgeregt das zu verhandelnde Geschehen. Justizsekretär Bonikowski läutet die Glocke und ruft die „Angelegenheit Neumühl“ auf. Nachdem er die Anwesenheit sowohl des Klägers als auch des Beklagten festgestellt hat, verkündet er den „Hochwohlgeborenen Herrn Kreisrichter Nebenzahl“ und fordert die Zuhörer auf, sich zu erheben. Er selbst zieht sich zurück.


    In diesem Moment kommt Tante Huse in den Gerichtssaal und droht Johann mit ihrem Regenschirm; damit löst sie bei seinen Parteigängern Empörung, bei Levins Anhängern Freude aus. Die Regenschirm-Drohung reicht Huse jedoch nicht, sie beschuldigt Johann sogar lautstark, selber die Schleusen in der Nacht geöffnet zu haben, um Levins Mühle zu zerstören. Während Johanns Anhänger abermals laut protestieren, Johann schimpfend aufspringt und gegen Tante Huse zetert, zeigen Levins Anhänger für den Mut der alten Huse Bewunderung.


    Der alte Fagin versteht nicht, dass eine evangelische Deutsche seinen Schwiegersohn so angeht und fragt Johann, was die Huse gegen ihn in der Hand habe. Da Fagin wegen seiner Schwerhörigkeit laut sprach, hat Huse dessen Äußerung gehört und greift frontal an: „Der Johann ist mir ein Deutscher, ein frommer Frommer, ein Deutscher und frommer Unmensch!“ Das löst einen Tumult aus: Johanns Anhänger protestieren, Levins Freunde dagegen lassen mit Bravorufen Huse hochleben. Das Geschrei hat überdeckt, dass der Richter eingetreten ist. Nur Justizsekretär Bonikowski hat es bemerkt, springt sofort auf und läutet Sturm mit seiner Glocke und verlangt mit krähender Stimme Ruhe. Da er nicht durchdringt, greift Tante Huse energisch ein - mit Erfolg...


    SZENE II: Kreisrichter Nebenzahl eröffnet die Verhandlung.
    ...und der Richter verneigt sich, spöttisch dankend, vor ihr. Danach fordert er Levin auf, seine Klage vorzutragen. Und der hält mit dem ihm durch Johann zugefügten immensen Schaden nicht hinter dem Berg. Das provoziert Johanns Anhänger schon wieder zu lautstarkem Protest, nur Johann ist merkwürdig ruhig und beteuert immer wieder seine Unschuld. Levin bleibt jedoch bei seiner Anklage, wodurch der Tumult noch größer wird. Der Richter muss mit dem Hammer Ruhe einfordern...


    SZENE III: Beweisführung.
    ...und fragt Levin schließlich nach Beweisen, nach Zeugen, doch Levin kann weder das eine noch das andere beibringen. Auf nochmalige Nachfrage des Richters verlangt Willuhn, von Levins Anhängern unterstützt, dass Korinth und Nieswandt aussagen. Doch Johanns ehemalige Mitarbeiter winden sich, worauf Levin dem Richter zu verstehen gibt, dass Korinth und Nieswandt am Wehr mitgebaut hätten, folglich Aussagen machen könnten. Wieder entsteht unter Johanns Parteigängern Tumult, der den Beklagten mutig macht und die entlassenen Arbeiter anherrscht, sie sollten ihr „Maul halten“. Das geht Nebenzahl nun aber entschieden zu weit und er weist Johann in seine Schranken.


    Der Richter blickt auf die beiden polnischen Arbeiter - unsicher steht Korinth auf und beginnt zu sprechen: Ja, Nieswandt und er haben am Staudamm mitgebaut. Als sie am anderen Morgen mit Marie am Ufer standen, mussten sie feststellten, dass der Staudamm gebrochen war - aber wohl kaum „von selber“. Zustimmendes Gemurmel bei Levins Anhängern, ablehnende Äußerungen bei der Gegenpartei. Richter Nebenzahl fragt Johann, ob er den Zeugen kenne, und hört sofort eine wütende Tirade: „Faules Pack! Undankbares Gesindel. Hat mit den andern dort bei mir gearbeitet“- was viel Beifall bei seinen Freunden auslöst. Nur Tante Huse protestiert auf ihre beherzte Art und ruft Johann „Lügner“ zu. Sie stellt sich mitten in den Gerichtssaal...


    SZENE IV: Tante Huses Rede vor Gericht.
    ...und hält eine Brandrede gegen Johann: Levin sei arbeitsam und habe mit seiner Hände Arbeit die Mühle aufgebaut um nächste Ostern seine Marie heiraten zu können; aber der „ungezogene Kerl, so fromm und schlecht“ habe die Konkurrenz absichtlich ausgeschaltet, der alte „Sadrach!“ Levins Leute brechen in Jubelrufe aus, Johanns Anhänger dagegen protestieren laut. Wieder muss der Richter mit dem Hammer Stakkato schlagen und zudem Tante Huse für ihre Rede zurechtweisen. Doch die ist nicht so einfach mundtot zu machen und gibt dem Richter Zunder: „Müssen denn erst die Menschen mit diesem Neumühler Dreck aufräumen? Ohne Kreisgericht?“ Nebenzahl hämmert wieder auf dem Richtertisch und fordert mit scharfer Stimme in Richtung Huse, sie solle die Würde des Gerichts wahren und sich setzen, denn ihre Aussagen seien für das Gericht wertlos. Die resolute Huse setzt sich entrüstet.


    SZENE V: Der Richter schließt die Verhandlung.
    Nebenzahl ruft Johann an den Richtertisch und fragt ihn, ob er seine Aussage richtig verstanden habe, dass der Zeuge Korinth bei ihm gearbeitet, dann aber entlassen worden sei. Das bestätigt Johann, worauf der Richter, hinterlistig, zu dem Ergebnis kommt, hier liege ganz klar eine „Belastung des früheren Brotherrn als Rache für Entlassung“ vor. Und deshalb komme eine Vereidigung auch nicht in Betracht; so diktiert es der Richter, und so schreibt es Bonikowski ins Protokoll. Im Grunde hat Nebenzahl sein Urteil bereits gefällt, aber er weiß natürlich, dass er dem Kläger noch eine Frage zu stellen hat: er will wissen, ob Levin weiter auf seiner Klage bestehen will, und der antwortet mit dem Brustton der Überzeugung: „Auf meinem Recht, Herr Richter!“


    Hier wird Gesang der näher kommenden Zirkus-Zigeuner hörbar.


    Nebenzahl schließt die Verhandlung und kündigt Levin das Urteil schriftlich an; dann geht er mit Bonikowski ab. Johanns Anhänger umringen und beglückwünschen ihn mit Jubel, Levins Leute protestieren ebenso lautstark. Johann macht eine höhnische Siegergeste in Richtung Levin und ruft seine Anhänger zu einer Feier „drüben im Deutschen Haus“ auf. Dazu lädt er sogar Willuhn ein, gibt ihm aber zu verstehen, dass er in seinen Augen ein „ganz großer Verbrecher“ ist. Danach geht Johann zum Fenster und ruft den Zirkusleuten zu, sie sollten am Sonntag nach Neumühl kommen und ihm und seinen Freunden „was Lustiges beim Rosinke“ zeigen.


    An dieser Stelle ist die Theaterpause vorgesehen.


    Sechstes Bild: Habedanks Kaluse am Abend.


    SZENE I: Maries Lied.
    Marie kommt mit einem Bund Kalmus und streut ihn auf dem Dielenboden aus; dabei singt sie ein Lied vor sich hin.


    SZENE II:
    Von Marie unbemerkt ist Levin eingetreten; ergeht auf sie zu und streichelt ihr über das Haar. Er berichtet ihr von einem Schreiben seines Vaters, der ihn auffordert, nach Rożan zurückzukehren, denn schließlich wohnen doch alle seine Leute hier. Weil Marie zwar mit ihm überall hingehen will, nur nicht nach Rożan, sagt Levin ihr genau das zu.


    SZENE III: Eintreffen der Zirkus-Zigeuner.
    Mit fröhlichem Gesang kommen die Zirkusleute („Scarletto und die Tänzerin Antonja, der Jongleur Emilio und die kleine Antonella; es ist eine kleine, bunte Truppe, zwar ärmlich gekleidet und von Hunger und Verboten ständig bedroht“) mit Habedank, Weiszmantel und Willuhn ins Haus. Habedank beginnt eine bekannte Melodie auf seiner Geige zu spielen, Willuhn und Weiszmantel begleiten ihn mit Akkordeon und Gitarre. Während Marie einen Tanz mit der kleinen Antonella beginnt, Emilio jongliert und Antonja ihre Pirouetten dreht, singen sie alle zusammen ein Begrüßungslied.


    SZENE IV: Dorfpolizist Adam ist zur Stelle.
    Plötzlich betritt der Dorfpolizist Adam den Raum; er ist ganz offensichtlich nicht mehr sicher auf den Beinen, weiß aber, dass der Polizist die Hand an den Tschako zu legen hat, wenn es dienstlich wird. Und der Amtsauftrag sieht vor, sich die Papiere der Zirkusleute zeigen zu lassen. Während er die Unterlagen prüft, die er jedoch als unzulänglich ablehnt, umtanzt ihn Antonja verführerisch. Genervt wehrt sich Adam gegen das „Gehopse“ und Willuhn beeilt sich, das mit künstlerischen Belangen zu erklären. Das ist Adam egal und er erklärt unbeeindruckt, dass Singen und Musizieren nur nach Genehmigung durch die Behörden erlaubt sei. Scarletto rettet zunächst die Situation mit dem Hinweis, dass der große Zirkusfreund Johann sie doch nach Neumühl bestellt habe. Adam wird verlegen und meint, er müsse dazu Erkundigungen einziehen - dann geht er ab, nicht ohne die Hand wieder militärisch an den Tschako gelegt zu haben.


    SZENE V: Weiszmantel singt das Lied vom polnischen Aufstand.
    Während Marie den Zirkusleuten zu Essen gibt, will Weiszmantel von Levin wissen, wie er sich seine Zukunft vorstellt. Jedenfalls keine Mühle mehr, antwortet Levin, außerdem habe der Prozess ihm die Augen geöffnet - dem Johann will er auf keinen Fall nacheifern! Nun kündigt Weiszmantel an, dass es jetzt„erst richtig anfängt“, ab morgen werde man Lieder singen, Lieder, die keinen gleichgültig lassen werden. Habedank fordert ihn auf, für Levin das polnische Freiheitslied anzustimmen, jenes Lied, das vor zehn Jahren den Aufstand begleitete. Und Weiszmantel singt, zunächst nur von Marie, dann auch von Levin und Willuhn summend begleitet, das Lied vom Kampf gegen Kaiser und König; ein Kampf, der damals im Blutbad endete, das Land in Trümmern zurückließ und die Menschen zum Fortzug zwang.


    Siebtes Bild: Rosinkes Gaststube.


    SZENE I: Die Gäste kommen.
    Auf der Bühne sitzen Habedank und Willuhn mit ihren Instrumenten, bei ihnen steht Weiszmantel; die Doppeltür vor dem großen Thekenraum ist weit geöffnet. Hier steht Rosinke und lässt nur die Angehörigen der „besseren Gesellschaft“ hinein. Hinten, an der Theke Rosinkes Frau mit Dorfpolizist Adam im Gespräch; im Vorraum die Angehörigen der „unteren Schichten“, die in den Thekenraum blicken.
    Als Johann mit seiner Frau eintrifft, heißt ihn Rosinke unterwürfig willkommen und gratuliert ihm zum gewonnenen Prozess. Da Rosinke durch dieses Gespräch abgelenkt ist, kann das Volk in den Thekenraum vordringen und äfft dabei Rosinkes Glückwunsch für Johann nach. Rosinke ruft wütend Adam herbei und beiden gelingt es nur mit Mühe, die ungebetenen Gäste wieder in den Vorraum abzudrängen. Nachdem sich Johann und seine Frau zu ihrem reservierten Platz begeben haben, regt er sich über „das Gesindel“ auf und verlangt, sofort die Türen zu schließen, hier sei ja schließlich geschlossene Gesellschaft.


    Was nun geschieht, lässt den Verdacht auf geplante Provokationen aufkommen: Mit auffälliger Höflichkeit grüßt Weiszmantel Johann und wird daraufhin ebenso provozierend angeblafft, worauf Willuhn Johann zu „besserem Benehmen“ auffordert. Tomaschewski schimpft „Frechheit“ worauf Rosinke, um Streit zu vermeiden, ängstlich nach Adam ruft. Kossakowski hält das für unnötig und fordert Adam auf, ruhig nach Hause zu gehen. Als Marie auftaucht, beschimpft Johann sie als Dirne und erinnert Rosinke daran, die Türen zu schließen, was diesem jedoch nicht gelingt, denn der Andrang ist zu groß.


    SZENE II: Der Zirkus tritt auf.
    Zirkusdirektor Scarletto kündigt die Ballerina Antonja mit einem bezaubernden Tanz an. Die Darbietung Antonjas wird von einigen begeistert beklatscht, andere äußern sich eher miesepetrig. Dann zeigt auf Scarlettos Ankündigung hin der Jongleur Emilio seine Künste, von allen bestaunt und mit viel Beifall bedacht. Als Scarletto Francesca, das Wunderhuhn, ansagt, greift noch größeres Erstaunen um sich - nur der alte Fagin regt sich laut über den „Blödsinn“ auf und wirft plötzlich sein Bierglas gegen das „Wunderhuhn“, das fluchtartig die Bühne verlässt. Fagins Verhalten löst besonders bei den einfachen Leuten Empörung aus. Scarletto reagiert mit der Ankündigung eines weiteren Tanzes von Antonja, kann aber damit auch die Ruhe nicht wiederherstellen.


    In diesem Moment steigen Korinth und Nieswandt durch ein offenes Saalfenster ein und suchen sofort provozierenden Kontakt zu Johann und seiner Frau Christina. Johann wird wütend, worauf Korinth seinem ehemaligen Chef droht. Scarletto greift wieder ein und kündigt den „weitgereisten Gesangskünstler“ Weiszmantel mit einem eigens komponierten Lied an...


    SZENE III: Großes Wunder hat gegeben...
    ...der dann auch sofort das Lied „vom großen Wunder und vom großen Wasser“ ankündigt. Derweil torkelt Dorfpolizist Adam in den Raum und führt die Hand militärisch an den Tschako - ihm ist wie Kaisers Geburtstag. Weiszmantels Lied aber, in dem auch ein Bruch des Staudamms erwähnt wird, lockt immer mehr der armen Leute an. Johann springt wütend auf und beschwert sich lauthals über diese Provokation, Adam torkelt grölend über die Szene, Rosinke versucht, die aufgeheizte Stimmung zu beruhigen, hat aber keinen Erfolg.


    Der Tumult wird immer größer: Johanns Parteigänger springen ihrem Freund bei, die Gegenseite repetiert immer wieder Weiszmantels Lied, und so schaukelt sich die Wut auf beiden Seiten immer höher. Schließlich rastet Johann aus und wird gegen Weiszmantel handgreiflich. Dadurch angestachelt kommt es zu einem allgemeinen Handgemenge, bei dem die „unteren Schichten“ Johann und seine Anhänger kreisförmig umrunden können und sie schließlich zum Ausgang abdrängen.


    Die armen Leute geraten über diesen „Sieg“ in einen wahren Begeisterungstaumel, bei dem sie sich umarmen, lachen und tanzen. Habedank, Willuhn und Levin rufen begeistert aus, dass sich so etwas bisher noch nie in Neumühl ereignet habe, und Weiszmantel ergänzt, dass „wir verfluchtige Hundezucht“ darauf stolz sein können.


    Diese Szene, textlich wie musikalisch eine der gelungensten der Oper, lässt unweigerlich den Gedanken an die Prügelszene in den „Meistersingern“ aufkommen. Hier ist dem Komponisten eine in der Tat eindrucksvolle Darstellung gelungen, die in seiner musikalischen Komplexität volle Bewunderung auslöst.


    Achtes Bild: In Johanns Haus.


    SZENE I: Johann allein.
    Aufgeregt schimpfend rennt Johann hin und her, wettert über die „antideutsche Aktion“ und den Aufruhr. Aber dagegen wird er höheren Orts, in Briesen nämlich, vorgehen. Und dann „ins Loch mit dem Pack“. Er sucht Papier und Feder, kritzelt dann hektisch ein paar Zeilen hin - duckt sich plötzlich wie eine zum Sprung ansetzende Katze - und lauscht in die Stille. Er glaubt, Stimmen zu hören, rennt hektisch zur Tür, dann zu den Fenstern, die er mit den Riegeln schließt. Seine Erregung steigert sich immer mehr; fast kreischend sieht er Männer, Weiber und Kinder ins Haus strömen, vor denen er zurückweicht, und schließlich ermattet in den großen Lehnstuhl sinkt: „Fort! Bloß weg von hier, fort aus dem Haus, nach Briesen“- ein ängstlicher Schrei und...


    SZENE II: Frau Christina kommt herein.
    ...dann kommt Christina mit einer Schüssel ins Zimmer, setzt sie ab, öffnet die Fenster und Läden; dann tritt sie vor Johann hin mit der Frage, was mit ihm los sei. Johann erhebt sich und sagt tonlos: „Wir ziehen nach Briesen!“ Christina sieht ihren Mann entgeistert, aber stumm, an, und lässt vor Schreck die Schüssel fallen.


    Neuntes Bild: Vor Neumühl, wie im ersten Bild.


    SZENE I: Habedank verabschiedet sich von Levin und Marie.
    Marie sieht keinen Ausweg als den Fortzug, denn wenn sie hier bleiben, kommen bestimmt die „vom alten Deuwel“ beknieten Leute aus Briesen und schleppen Levin in die Kabuse. Da kommt man nämlich schnell hinein, aber nur schwer wieder heraus. Weiszmantel, der ebenfalls nicht bleiben will, sieht Korinth und Nieswandt kommen und wundert sich, dass sie Johanns Karre dabei haben...

    SZENE II:
    Nieswandt und Korinth haben wieder Arbeit.
    ...und die Erklärung bieten die beiden umgehend: sie fahren wieder Korn zur Mühle, jetzt zu Rosinkes Mühle, denn der hat sie Johann abgekauft. Weil er jedoch nichts von diesem Geschäft versteht und lieber in seiner Kneipe bleiben möchte, haben sie beide schließlich, nach vielen Überredungen durch Rosinke, und gegen ausbedungene gute Bezahlung den Job übernommen. Korinth und Nieswandt müssen laut lachen und stecken damit Marie, Levin und Weiszmantel an.


    SZENE III: Vier Soldaten mit einem Unteroffizier unterwegs nach Neumühl.
    Weiszmantel sieht plötzlich („Psiakrew“) Soldaten auf sie zukommen und meint zunächst scherzhaft, Johann schicke Grüße aus Briesen. Dass er mit seinem Scherz durchaus nicht daneben lag, wird deutlich, als der Uffz. sie militärisch knapp fragt, ob sie aus Neumühl seien („Beiläufig, Herr Kommandant, aus Neumühl“ sagt Habedank) und ihnen die Herren Levin und Weiszmantel bekannt seien, ein Polak und ein Landstreicher nämlich, die als Unruhestifter gesucht würden. Als zunächst keiner antwortet, wird der Uffz. ärgerlich und Korinth beeilt sich, auszusagen, er kenne beide, könne sie dem Herrn General sogar „wenn wir treffen sie in Neumühl“ zeigen. Nieswandt wagt es, den „Herrn General“ auf ihren Auftrag hinzuweisen, nämlich das Korn zur Mühle bringen zu müssen. Dagegen hat der Herr Unteroffizier keine Einwände, er befiehlt seinen Soldaten sogar, anzufassen. Mit dem kleinen Trupp begibt sich auch Habedank nach Neumühl. Weiszmantel, Marie und Levin winken den Davonziehenden hinterher, wobei sie alle die Melodie vom Lied über das „Große Wunder“ summen...


    INFORMATIONEN ZU AUTOREN UND WERK


    Mit LEVINS MÜHLE hat das Geschwisterpaar Ingo und Udo Zimmermann den Bühnen eine Literatur-Oper geschenkt, die man durchaus unter dem Oberbegriff „Dramma giocoso“ einordnen kann. Dramatische Szenen finden sich ebenso wie folkloristische Darstellungen des Landlebens in Westpreußen um 1870. Die Bestrebungen Preußens, das ursprünglich polnische Gebiet (vom 16. Jahrhundert bis zur zweiten Teilung Polens 1793) endgültig zu germanisieren, ist sowohl in Johannes Bobrowskis Roman als auch im Libretto von Ingo Zimmermann deutlich spürbar.


    Ingo Zimmermann, der Germanist und Theologe, hat nach der Romanvorlage ein komprimiertes Libretto geschaffen, das die Eckpunkte dieser Entwicklung konsequent durchschaubar macht: Johann, der deutsche und fromme Mühlenbesitzer, soll die Mühle des polnischen Juden Levin zerstört haben - was jedoch nicht zu beweisen ist. Das wird mittels Monologen und Dialogen, die ständig zwischen objektivem Bericht und zweifelnder Betrachtung changieren, erreicht.


    Der Komponist Udo Zimmermann, 1943 in Dresden geboren, dessen Musikerlaufbahn über acht Jahre Mitglied im Kreuzchor zur Musikhochschule Dresden, später auch nach Berlin, führte, wo er Gesang ebenso wie Komposition und Dirigieren studierte, bringt zwar das Handwerkliche ein, aber im Grunde fühlt sich Zimmermann nach eigener Aussage als Autodidakt. Er habe „aus den Partituren der anderen“ gelernt (wobei die Namen Henze und Klebe für ihn eine zentrale Rolle spielen).


    LEVINS MÜHLE ist Udo Zimmermanns dritte Oper, nach „Die weiße Rose“ von 1967 (die 1986 zugunsten von „Weiße Rose zurückgezogen wurde), und „Die zweite Entscheidung“ von 1970. Und sie ist bezeichnend für Zimmermanns Stil, der seine musikalischen Mittel offensichtlich nach einem sorgfältig aus der Dramaturgie abgeleiteten Plan einzusetzen vermag. Sie verbindet in ihrer Vielschichtigkeit Vertrautes mit Neuem; so ist das tonal-folkloristische, beispielsweise in der Tauffeier-Szene, nicht nur ein illustratives Moment, sondern soll auch die Gegensätze der Ethnien deutlich machen.


    © Manfred Rückert für Tamino-Opernführer 2012
    unter Hinzuziehung folgender Quelle:
    Klavierauszug von Horst Karl Hessel im Verlag Breitkopf & Härtel
    (früher VEB Deutscher Verlag für Musik Leipzig)

  • Es ist mehr als bedauerlich, dass es von einer der wichtigsten zeitgenössischen Opern, Udo Zimmermanns LEVINS MÜHLE, bis heute keine adäquate Aufnahme gibt. 1974 ist das Werk in einer Kurzfassung bei Nova als LP erschienen, später bei edel classics auch als CD, heute jedoch aus den Katalogen verschwunden. Siegfried Kurz leitete seinerzeit das RSO und den Rundfunkchor Leipzig; als Solisten wirkten, neben vielen anderen, mit: Wolfgang Hellmich als Levin, Gerda Schriever als Christine, Günter Neef als Fagin und Hajo Müller als Johann. Den Habedank sang Günter Dressler, den Korinth Rolf Wollrad, die Marie Helga Termer, und Nebenzahl war Günter Leib; als Nieswandt trat Johannes Kemter, als Pfarrer Glinski Karl Fr. Hölzke, als Weiszmantel Werner Haseleu und als Willuhn Rolf Haunstein auf.


    Diese Aufnahme ist bei den Tamino-Werbepartnern nicht mehr erhältlich. Amazon hat nur die folgende Einspielung mit Ausschnitten im Programmangebot:



    Unter dem Oberbegriff „Zerbrochene Idyllen, Musik in Deutschland 1950 bis 2000“ ist hier neben Werken von Boris Blacher, Siegfried Matthus und Fritz Geißler auch LEVINS MÜHLE von Udo Zimmermann enthalten.

  • Ich habe zum Glück noch die alte Berliner Aufnahme; damals habe ich sie als Schallplatte aus der DDR mitgebracht, dann gab es sie auch als CD, die ich zum Glück noch besitze. Eine wunderbare Oper, eine Schande, dass es davon keine Gesamtaufnahme gibt.
    Das gleiche gilt übrigens für Zimmermanns andere Oper, der "Schuhu". Nur die "Weiße Rose" ist, glaube ich, lieferbar.

    Ihr absolviert diese Stelle wie ein Intercity auf einer schwer zu nehmenden Weiche (mein verstorbener Chordirigent Johannes Glauber aus Essen)