Heinrich Schütz: Il primo libro de Madrigali (1611) – SWV 1–19


  • Entstehung und Analyse


    In seinem zweiten Jahr in Italien begann Heinrich Schütz das Werk, das später als Opus 1 am Beginn seines wundersamen und beeindruckenden Schaffens steht. Bereits im dritten Jahr in der Fremde, wo er seine musikalische Ausbildung bei Gabrieli vervollkommnete – so Gregor-Dellin in seiner Schützbiografie - erschienen die 18 fünfstimmigen Madrigale (ohne Generalbass) auf der Grundlage des Schäferstücks „Pastor fido“ von Battista Guarini und Texten von Marino und anderer; „versammelt und komponiert zu einem Zyklus von Liebe, Lenz, Leidenschaft, Schmerz und Tod, Liebesbitterkeit und Todessüße.“ (S.74) Eine neunzehntes Madrigal mit eigenem Text und doppelchöriger Anlage huldigt Schützens Mäzen, dem Landgraf Moritz von Hessen-Kassel, der das Marburger Jurastudium und auch die Lehrzeit bei Gabrieli finanziert hatte. „‘Vasto mar‘ stellt die Brücke dar zu den wenig später in Dresden entstehenden mehrchörigen »Psalmen Davids« (1619), der ersten großen Schützschen Transposition venezianischen Spätrenaissance-Musizierens in deutsche Kunstübung.“ (Wolfram Steude, siehe letzten Link)


    Steude weiter:


    Die Analyse des Heinrich-Schütz-Hauses Bad Köstritz:

    Zitat

    Mit dem Aufenthalt in Venedig kam der 24jährige Schütz nicht nur in eine weltoffene Stadt, sondern auch mit der Kunst, Kultur und italienischen Sprache in Berührung. Die ästhetische Forderung, die Musik solle so genau wie möglich das vertonte Wort nachbilden, begegnete ihm erstmals in der Lagunenstadt. Dieser prägenden Kompositionsweise blieb Schütz in seinem weiteren kompositorischen Schaffen treu. Das Probierfeld für derartige Neuerungen stellte in dem Falle die weltliche Vokalmusik dar, speziell das kunstvoll gesetzte fünfstimmige Madrigal. Der Lehrmeister Gabrieli veranlasste seine Schüler, als "Beleg" für ihren Studienaufenthalt, eine Sammlung von vollstimmigen polyphonen Madrigalen ohne Generalbass zu komponieren. Mit seinen Madrigalen lernte Schütz nicht nur den polyphonen Satz, sondern vor allem Textgestalt und Textinhalt mit einer adäquaten Musik zu verbinden - somit den Worten und Stimmungen musikalisch nachzuspüren, ohne dass die Komposition in zusammenhangslose Einzelelemente auseinanderbricht. Das von den venezianischen Meistern hochgelobte Il primo Libro De Madrigali Di Henrico Sagittario Allemanno umfaßt 19 Einzelwerke. (Auch wenn diese Sammlung "primo libro" betitelt wurde, folgte nie ein zweiter Band.) Dem literarischen Geschmack der Zeit folgend, entnahm er die Texte der Madrigale 1-3, 5, 11 und 15 dem damals berühmten Hirtendrama Il Pastor fido von Battista Guarini; die der Madrigale 4, 7-9, 12-14 und 16-18 sind vom Dichter Giambattista Marino original bezeichnet als Madrigali e Canzoni. Der Text von Nr. 6 stammt von Alessandro Aligieri und der von Nr. 10 von einem anonymen Dichter. Die Texte aus dem Guarini'schen Schäferstück und aus den "Rime" Marinos stehen in keinem inhaltlichen Bezug zueinander. Schütz stellte sie, so Gregor-Dellin, zu einem Zyklus von Liebe, Lenz, Leidenschaft, Schmerz und Tod, Liebesbitterkeit und Todessüße zusammen. Die Madrigale 1 bis 18 sind fünfstimmig; das 19. Vasto mar fällt aus dem Rahmen, nicht nur, weil der Text wahrscheinlich von Schütz selbst verfasst wurde, sondern auch deshalb, weil es alle bisherigen Versuche innerhalb der Klasse von Gabrieli in den Schatten stellt. Es handelt sich dabei um eine achtstimmige doppelchörige Komposition. Alfred Einstein schrieb: Es gibt kaum ein kühneres, weniger schulmäßiges, charakteristischeres Werk von Schütz. Gerade das Moderato des Ausdrucks ist verpönt, das Exzessive, Überschwangvolle zum Prinzip erhoben; das sprengende Gefühl bedient sich der stärksten, freiesten Mittel der Deklamation, des Motivkontrastes, der Harmonik: ein unmittelbares Vorbild, [...], ist kaum nachzuweisen - diese Stücke sind gestalteter, weniger spielerisch, verwoben, tiefer als alles Italienische. (Gregor-Dellin, M.: S. 74f.) Schütz' Meisterschaft der deklamatorischen Textausdeutung und sein Gestaltungsvermögen nehmen im Opus primum ihren Anfang. Nicht allein auf die Ton- und Affektmalerei beschränkt zeigen die Stücke einen ungeheure Dramatik gepaart mit melodischem Reichtum.“


    Fazit: Schützens Opus 1 dürfte von allen seinen Werken das unbekannteste und am wenigsten gespielte sein; vielleicht wegen der italienischen Texte. Schütz wurde ja erst in Verbindung mit der deutschen Sprache der große strenge alte Meister. Dennoch wäre es falsch, diese Madrigale deshalb nicht wahrzunehmen. Auch hier schon es geht nie um Tonmalerei oder Affekte, um die bloße Wiedergabe von Inhalten. Kontraste und Spannungen bei der genauen Deutung des Wortes vereinigen sich mit einem kaum glaublichen Reichtum an Melodien und Rhythmen. Schon jetzt ist ein Meister am Werk: Der Wechsel der Tonwerte als Mittel des musikalischen Ausdrucks mit kontrapunktischer Betonung der Affekte, so dass sich Text und Musik kunstvoll überlagern. „Die Stimmen gehen nicht, oder nur ganz selten, im Gleichschritt dahin, sondern reichen einander den Text weiter, unterbrechen oder versetzen ihn. ‚O Dolcezze Amarissimi D'Amore‘ , o bitterste Süße der Liebe: Wenn etwa hier die beiden Soprane und der Baß in lang gehaltenen und synkopierend verschobenen Tönen von unterschiedlicher Intervallspannung von der Bitterkeit der Liebe erzählen, sprechen Alt und Tenor im ansteigenden wechselnden Gezwitscher einer Sechzehntelfigur von der Süße der Empfindung – und das alles auf die drei Silben ‚d’a-mo-re‘ (zweites Madrigal). Mittels Spreizung der Motive, die ihrerseits wieder untereinander kontrastieren (so daß Moser von einem ‚Kontrastfiguren-madrigal‘ sprechen konnte), und einer reichen Modulation mischen sich Leichtes und Inbrünstiges, Hell und Dunkel, Freude und Schmerz. Chromatische Gänge, überraschende Wendungen und Tonart-Versetzungen sowie weite und kühne Intervallsprünge werden mit großer Sicherheit und Selbstverständlichkeit eingesetzt.“ (S.75f.) Schon hier also ist Schütz ein Meister der Ausdeutung von ganz unterschiedlichen Texten; jedem Textgedanken wird ein musikalischer Gedanke zugeordnet, wobei der Wille zu einer übergreifenden musikalischen Architektur zu beobachten ist: herbe Chromatik, Seufzerpassagen, spielerisch oder kreisende Bewegungen bei bestimmten Worten. Schütz verband die Einzelelemente zu einem organischen Ganzen, in dem sich vollstimmige und geringstimmige Partien logisch abwechseln, so dass die Komposition immer dichter wird. (Silke Leopold, siehe erste Booklet der ersten Aufnahme, S.11) Interessanterweise deutet Leopold die Madrigale als Endpunkt der Gattung: Polyphone Sätze hätte Schütz auch in Deutschland studieren können; aber die Erkenntnis des besonderen Verhältnises von Textgestalt und Textinhalt zu einer adäquaten Musik ohne Auseinanderbrechen der Komposition in unverbundene Einzelteile wäre das eigentliche Ergebnis seines Italienaufenthalts gewesen. Demzufolge wurzelt seine Musikphilosophie in Italien? Auf jeden Fall liefert Schütz hier nicht bloß ein Gesellenstück; das ist keine Arbeit, die bloß zeigen soll, dass er sein Metier beherrscht. Vieles ist natürlich Handwerk, Konvention der Zeit (Wahl der Tonarten etc.), aber die Auswahl und Kompilation der Texte spricht schon eine deutliche Sprache. Die satztechnische Virtuosität mag noch nicht an die italienischen Vorbilder heranreichen; aber er bemüht sich sichtlich und hörbar eine Tonsprache zu finden, um Text und Musik zu einer Einheit zu formen. Schütz in nuce made in Italy? Parla italiano? Was heißt nach italienischer Art auf italienisch?




    Aufnahmen:


    Ich selbst besitze nur wenige Aufnahmen, nicht bei allen ist übrigens das 19. Madrigal enthalten. Oft findet man die Einspielungen unter dem deutschen Titel "Italienische Madrigale". Zu den verschiedenen Aufnahmen im Einzelnen aber erst später.



    Hier auf der fünften und letzten CD der Box:



    Quellen:


    Martin GREGOR-DELLIN: Heinrich Schütz. Sein Leben, sein
    Werk, seine Zeit, Berlin 1985.


    http://heinrich-schuetz-haus.de/swv/sites/swv_001.htm


    http://heinrich-schuetz-haus.de/swv/daten/daten_swv_1-19.htm


    http://kammermusikkammer.blogs…alienische-madrigale.html

  • Sagitt meint:


    Vielen Dank. Das ist ja sehr verdienstvoll, das Sagittarius hier so umfassend mit einem Werk vorgestellt wird. Ich habe dieses Werk zwar, aber es spielt in meiner Schütz-Liebe keine sonderliche Rolle. Für mich ist Schütz Psalmen Davids, Sinf. sacrae 1 bis 3, Exequien, einzelne Vertonungen, Chorbuch 1648 und der Schwanengesang. Sowohl dieses frühe Werk als auch die Passionen lassen mich eher kalt.


    Schütz war zweimal in Italien und hat wohl neben Gabrieli auch Kontakt zu Monteverdi gehabt (alles andere ist unwahrscheinlich). Aber sein eigener Stil ist doch eine ziemlich andere Welt als die italienische der damaligen Zeit.


    Vielleicht ist dieser schöne Beitrag Anlaß, sich mal genauer mit diesem Werk zu befassen.

  • Ich habe dieses Werk zwar,aber es spielt in meiner Schütz-Liebe keine sonderliche Rolle.Für ist Schütz Psalmen Davids,Sinf. sacrae 1 bis 3, Exequien,einzelne Vertonungen, Chorbuch 1648 und der Schwanengesang. Sowohl dieses frühe Werk als auch die Passionen lassen mich eher kalt.

    Das geht wohl den meisten so. Bei mir dominieren auch die von dir genannten Werke und ich denke, wir sollten uns denen gemeinsam zuwenden, denn nicht einmal Wikipedia http://de.wikipedia.org/wiki/S…80.93_SWV_306.E2.80.93337 hat hier eigene Artikel für die wichtigsten Stücke: Außer dem selbstverständlich umfangreicheren zu den "Exequien" gibt es nur noch welche zur "Auferstehungshistorie", zu den drei Passionen nach Matthäus, Lukas und Johannes (wie kann man die nicht mögen? :) ) und zu den "Sieben Worten". Keine Einträge zu den "Cantiones und Symphoniae sacrae", zur "Geistlichen Chormusik", zu den "Kleinen Geistlichen Konzerten und nichts zum "Schwanengesang", traurig ...



    Zitat

    Vielleicht ist dieser schöne Beitrag Anlaß, sich mal genauer mit diesem Werk zu befassen.

    Ja, ich wollte damit einen Startpunkt setzen und der Chronologie folgen; das nächste wären demnach die "Psalmen Davids". Wenn wir dann aber zu seinen Hauptwerken kommen, wird es schwierig; das schafft einer allein nicht, schon allein wegen der Bewertung der Aufnahmen. Außerdem müssen Aufwand und Nutzen in Relation stehen, sonst wende ich mich vorerst den noch nicht behandelten Werken Pfitzners oder anderen Sachen zu.

  • Mit den Passionen ist das schnell erklärt. Der Platz ist besetzt.Von JSB. Wer mit diesen Stücken gross geworden ist, findet nicht leicht zurück.


    Das leuchtet ein! Ich kannte, was sicher selten ist, Schützens eher als die von Bach. Wobei ich trotzdem denke, dass sich beide kaum vergleichen lassen; aber es ist verständlich, dass der übermächtige Schatten des größten Komponisten aller Zeiten selbst den Meisterwerken des Henricus Sagittarius Licht und Sonne nimmt. Schon Bach übrigens wird trotz vieler Threads hier im Forum wesentlich weniger diskutiert als die Instrumentalmusik oder Oper des 19. Jahrhunderts; wen wundert's also, dass sich für Schütz so wenige erwärmen können.

  • Sagitt meint:

    Vielen Dank. Das ist ja sehr verdienstvoll, das Sagittarius hier so umfassend mit einem Werk vorgestellt wird Ich habe dieses Werk zwar,aber es spielt in meiner Schütz-Liebe keine sonderliche Rolle.Für ist Schütz Psalmen Davids,Sinf. sacrae 1 bis 3, Exequien,einzelne Vertonungen, Chorbuch 1648 und der Schwanengesang. Sowohl dieses frühe Werk als auch die Passionen lassen mich eher kalt.


    Mir geht es ganz genauso. Ich habe viel Schütz gesungen, und es waren so gut wie immer die hier genannten Werke!

    Ihr absolviert diese Stelle wie ein Intercity auf einer schwer zu nehmenden Weiche (mein verstorbener Chordirigent Johannes Glauber aus Essen)