Haydn, Joseph: Sinfonie Nr.88 G-dur

  • Hallo!
    Den ein oder anderen thread zu einzelnen Haydn-Symphonien hat Alfred ja schon ins Leben gerufen. Da ich Haydns Symphonien sehr gerne höre, eröffne ich nun auch mal einen solchen thread. Ausgesucht habe ich mir meinen persönlichen Favoriten unter den bisher noch nicht vorgestellten Werken (wenn nicht gar unter allen Haydn-Symphonien):


    Die Symphonie G-dur Hob.I:88


    Gerade heute habe ich diese Symphonie wieder gehört und bin aufs Neue begeistert. Das Werk ist für mich Lebensfreude pur in musikalischer Form.
    Kennengelernt habe ich das Werk vor gar nicht so langer Zeit in der Alten Oper bei einem Konzert mit dem RSO Frankfurt unter Hugh Wolff. Seitdem ist meine große Freude an diesem Werk ununterbrochen, und es ist meine Lieblings-G-dur-Symphonie.
    Inzwischen besitze ich auch eine schöne Aufnahme auf CD: Die Wiener Philharmoniker unter Eugen Jochum.


    Komponiert hat Haydn diese Symphonie im Jahre 1787, sie steht damit zwischen den Zykeln der "Pariser" und der "Londoner" Symphonien.
    Das Werk ist viersätzig: adagio-allegro; largo; menuetto; allegro con spirito.
    Die Symphonie ist für eine vergleichsweise große Besetzung komponiert (je zwei Oboen, Fagotti, Hörner und Flöte; ab dem 2. Satz kommen noch Pauken und Trompeten dazu).
    Besonders schön ist das D-dur-Largo (zufälligerweise wurde es kürzlich in einem anderen thread erwähnt), dessen Thema mehrfach in leichten Variationen und anderen Instrumentierungen (auch Instrumentensoli) wiederholt wird.
    Eine Stelle, die mir auch immer wieder besonders gefällt, ist das Trio im 3.Satz - ein Ländler mit sehr klangschönem Zusammenspiel von Holzbläsern und Streichern.
    Und das Finale ist ein ungemein extrovertierter, heiterer Kehraus, der einem "vom Stuhl reißt".


    Alles in allem eine ganz wunderbare Symphonie!


    Ich denke, einige hier im Forum können meine Freude an diesem Werk teilen und eigene Eindrücke schildern und interessante CD-Aufnahmen benennen. Also nur zu!


    Viele Grüße,
    Pius.

  • Ich besitze (nach derzeitigem Kenntnisstand ;) ) nur zwei Aufnahmen: Bernstein/Wiener Philharmoniker (DG) und Furtwängler/Berliner Phlharmoniker [studio] (DG).
    Beide Aufnahmen mag ich ausserordendlich. Die Furtwängler CD ist schon wegen der Großen C-Dur Sinfonie von Schubert ein Pflichtkauf. Die Aufnahmen der Schubertsinfonie gingen angeblich schneller als erwartet über die Bühne und so nahm man ganz spontan noch den haydn auf...
    Haydn ist in Bernsteins Händen natürlich auch bestens aufgehoben!



  • Wo ist die erschienen? Die DG.-Aufnahemn sind doch mit dem London Philharmonic, oder? Ist die etwa auch nur in einer Box zu haben...?


    Zitat


    Besonders schön ist das D-dur-Largo (zufälligerweise wurde es kürzlich in einem anderen thread erwähnt), dessen Thema mehrfach in leichten Variationen und anderen Instrumentierungen (auch Instrumentensoli) wiederholt wird.


    Das largo ist IMO ein Satz mit einer ganz eigenen Stimmung, wie ich sie nur
    bei Haydn finde. Das kann ich nur ganz schwer einordnen, er scheint Händel oder einigen Beethovensätzen jedenfalls näher zu stehen als Mozart. Eine Art Schweben zwischen Melancholie und Mystik (sorry wenn das schwafelig klingt)


    Zitat


    Alles in allem eine ganz wunderbare Symphonie!


    In der Tat. Im Gegensatz zu anderen Sinfonien haben sich hier bei mir bisher nur wenige Einspielungen angesammelt. Dorati (der nicht immer gut ist, aber inzwischen IMO unterschätzt wird, einige seiner Haydn- Interpretationen gehören immer noch in die erste Reihe) ist hier recht überzeugend, ebenso schätze ich die schon genannten (ziemlich unfurtwänglerische) Aufnahme von Furtwängler. Eine der erstaunlichsten Interpretationen von irgendwas ist jedoch hier enthalten:



    Scherchen dehnt das Largo auf 10 min (vgl. Dorati 5:41), bringt aber hier und auch in den anderen Sätzen eine Intensität, die man schlecht beschreiben kann: es funktioniert!
    Leider sind die Aufnahmen dieser Box insgesamt durchwachsen; die Klangqualität geht von edlem bis weniger edlem Mono, mit Ausnahme der #45, die in Stereo eingespielt ist, das Orchester ist teils ziemlich schlampig.
    Dennoch halte ich einige der Interpretationen für so herausragend, u.a. auch weil sie anders sind als alles, was ich bisher bei Haydn gehört habe, hauptsächlich 88, 45 und 49, auch 92 ist sehr gut. 44 leidet unter mäßigem Klang und einigen Hornpatzern, aber das einzigartig gespielte adagio entschädigt wiederum. Die "Londoner" scheinen mir weniger bemerkenswert, obwohl man auch hier oft der Scherchen eigenen Intensität begegnet, die sie allemal hörenswert machen.


    viele Grüße


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Hallo, Johannes!


    Zitat

    Original von Johannes Roehl


    Wo ist die erschienen? Die DG.-Aufnahemn sind doch mit dem London Philharmonic, oder? Ist die etwa auch nur in einer Box zu haben...?


    Erstmal sorry! :O :O
    Karl Böhm ist der Dirigent, nicht Eugen Jochum!
    Ein Blick auf das Cover der CD erklärt vielleicht teilweise meinen Fehler:

    Drei verschiedene Dirigenten, drei verschiedene Orchester!
    Das Orchester war richtig angegeben: Die Wiener Philharmoniker. Immerhin.
    Jedenfalls ist die Aufnahme toll!
    Viele Grüße,
    Pius.

  • Zunächst freue ich mich, daß die Haydn-Liebe in diesem Forum langsam aber sicher zu erwachen scheint. Anfängliche Bemühungen von mir und BigBerlinBear brachten nur wenig Resonanz. Anfangs konnte ich mir das nicht erklären. Aber eines Tages erkannte ich die Ursache: In den CD-Sammlungen der Forianer waren nur wenige Aufnahmen vorhanden. Das hat sich im Lauf der Zeit gebessert - aber der Durchbruch steht - so glaube ich - noch bevor.


    Zum Thema: Haydns Sinfonie Nr 88 zählt aus meiner Sicht zu den schönsten, die er je geschrieben hat - und er hat einige herausragernde geachrieben - herausragend aus einem Hochplateau möchte man sagen, denn die meisten Haydn Sinfonie sind einfach genial gearbeitet.


    Diese hier zählt schon zu den "Großen", wo ich eher geneigt bin sie mir "romantischem" Orchester zu hören, als mit "historischer" Besetzung, aber ich gestehe, daß ich hier zwar 3 "konventionele" Aufnahmen besitze, aber eine Aufnahme auf "Originalinstrumenten" bisher noch nicht gehört habe.


    Zu recht wurde besonders auf den zweiten Satz hingewiesen, der eine geradezu hypnotische Kraft ausstrahlt und zudem von überirdischer Schönheit ist. Das Thema soll angeblich auch mehrmals von Beethoven zitiert worden sein... (habs aber nicht nachgeprüft)
    Das soll nun den Rest der Sinfonie nicht abwerten. Weder den im Volkston gehaltenen 1. Satz - noch der Ländler oder das tänzerische, bzw tänzelnde Finale.


    Wenngleich diese Sinfonie nicht mehr zu den 6 "Pariser" Sinfonien zählt, so wurde si doch für Paris geschrieben - nämlich für den Geiger Johann Tost, der sie in Paris aufführen lassen wollte.


    Ich besitze 3 Aufnahmen des Werkes, die mich (wie bei Liblingswerken so oft der Fall) jedoch all nicht 100%ig befriedigen.


    Die Aufnahme von Karl Böhm und den Wiener Philharmonikern (gestrichen) leidet unter zu starkem Hall, jene von Bernstein mit den Wiener Philharmonikern ist eine Liveaufnahme aus dem Wiener Musikverein und weist das gleiche Klangbild auf, wie alle Bernstein Aufnahmen aus dieser Ära aus dem Musikverein: Das Klangbild ist eher kompakt, wenig durchhörbar und tiefengestaffelt und in letzter Konsequent ein wenig "neutral".



    Als dritter Mitstreiter im Bunde wäre die Aufnahgme unter Adam Fischer für Nimbus (heute nur mehr als Gesamtaufnahme zu beziehen) Das österreichisch- ungarische Haydn- Orchester spielt sehr klangschön, und stellenweise sogar mit Attacke, aber auch hier gilt: Der Klang ist ein wenig zu kompakt - wenngleich nicht sgtumpf - eher weich uind seehr musikalisch.Dafür ist sie im heutigen Haydn Saal (Schloß Esterhazy) entstanden, wo etliche Haydn Sinfonien uraufgeführt wurden.


    daher werde ich in den nächsten Wochen bis Monaten eine Erweiterung meiner Sammlung ins Auge fassen müssen...


    Wenn man diese Forum betritt kann man wirklich sagen:


    "Dich teure Halle grüß ich wieder"


    In diesem Sinne
    grüßt aus Wien:


    Alfred

  • Ich habe jetzt nochmal Furtwängler und Scherchen gehört.
    Furtwängler klingt ordentlich für ihr Alter, allerdings IMO, besonders im ersten Satz sehr streicherlastig und insgesamt wenig durchsichtig. Sonst eine energische, kontrastreiche (von den reduzierten Klangfarbenkontrasten mal abgesehen) Interpretation, verglichen mit den Excessen, die man bei diesem Dirigenten sonst manchmal vorfindet, erstaunlich geradlinig und "normal".


    Scherchen geht, wie schon angedeutet, ins Extrem: das largo dauert 10 min, wird dabei äußerst intensiv und kontrastreich gestaltet, der Charakter schwankt zwischen Idylle Resignation und Verzweiflung. Der Klang ist ruppiger, aber wesentlich transparenter als bei Furtwängler, die ff-tutti-Stellen richtig laut, das Menuett sehr schön rustikal, im Trio mit einem Mahler-ähnlichen leicht sinistrem "Volkston", die Ecksätze lebhaft und dramatisch. Leider nur in der Box erhältlich, aber u.a. wegen dieser denkwürdigen, IMO einzigartigen Interpretation lohnt sich die Auslage (entspricht BTW gut 2 Vollpreis-CDs)


    Doratis habe ich momentan verlegt...ich habe sie als sehr ordentlich, aber nicht herausragend in Erinnerung; da momentan sowieso nur seine "Londoner" und "Pariser" separat erhältlich sind


    Mir fehlt offenbar noch eine HIP-Version...einzeln scheint nur Weils Einspielung erhältlich
    Zwei sehr unangenehme Tatsachen habe ich festgestellt: die neueste Box-Ausgabe von Jochums "Londoner Sinfonien" enthält als Bonus #88 und #91, die AFAIK nie einzeln auf CD zu haben waren. Eigentlich wollte ich diese Box nicht kaufen, ebensowenig die Brüggen-Kollektion mit 13 CDs; auch hier nur die Londoner einzeln zu haben (und die habe ich schon...).


    Naja, erstmal höre ich jetzt am Wochende Harnoncourts neue "Pariser Sinfonien", werde dann, wenn es recht ist, eine Threadreihe, startend mit Nummer 82, beginnen


    viele Grüße


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
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    (Bob Dylan)

  • Ich kämpfe mich zur Zeit noch durch die Haydn-Box von Brilliant Classics,


    bei der Symphonie 88 war ich noch nicht angelangt, es ist aber auch ein haufen Zeug :rolleyes: ...


    Dennoch, ich Teile die Begeisterung, ich höre diese Symphonie nun zum ersten Mal.


    Aber bisher habe ich noch keine Symphonie von Haydn gehört die mir nicht gefallen hätte, zwar reist nicht jede unbedingt mit, aber der größte Teil ist doch schon sehr faszinierend.

  • Hallo!


    Zitat

    Original von Alfred_Schmidt
    Zu recht wurde besonders auf den zweiten Satz hingewiesen, der eine geradezu hypnotische Kraft ausstrahlt und zudem von überirdischer Schönheit ist. Das Thema soll angeblich auch mehrmals von Beethoven zitiert worden sein... (habs aber nicht nachgeprüft)


    WO?
    Diese Frage geht nicht nur an Alfred, sondern an alle!


    Übrigens bin ich von der Adam-Fischer-Einspielung der Nr. 88 etwas enttäuscht. Dabei hat er doch bei Nr. 86 gezeigt, wie schwungvoll und energisch er Haydns 80er dirigieren kann...


    Viele Grüße,
    Pius.

  • Hallo Pius,


    schwungvoll und energisch ist auf jeden Fall diese Einspielung mit La Petite Bande, Leitung: Sigiswald Kuijken. Der zweite Satz von Haydn 88 ist IMO traumhaft ...



    Aber: Achtung! Dies ist eine richtige HIP-Einspielung ohne Wenn und Aber. Wer nicht auf HIP steht, sollte lieber die Ohren davon lassen ... Ich kann diese Aufnahme sehr empfehlen und finde sie hörenswert und interessant.


    Freundliche Grüße von Andrew

    „Nichts auf Erden ist kräftiger, die Traurigen fröhlich, die Ausgelassenen nachdenklich, die Verzagten herzhaft, die Verwegenen bedachtsam zu machen, die Hochmütigen zur Demut zu reizen, und Neid und Hass zu mindern, als die Musik.“

  • Zitat

    Original von Andrew
    schwungvoll und energisch ist auf jeden Fall diese Einspielung mit La Petite Bande, Leitung: Sigiswald Kuijken. Der zweite Satz von Haydn 88 ist IMO traumhaft ...


    [...]


    Aber: Achtung! Dies ist eine richtige HIP-Einspielung ohne Wenn und Aber. Wer nicht auf HIP steht, sollte lieber die Ohren davon lassen ... Ich kann diese Aufnahme sehr empfehlen und finde sie hörenswert und interessant.


    Prima!


    Da kann ich ja unmittelbar anschließen - wer hätte das gedacht? Nur sieht das in meinem Besitz befindliche Cover nicht gar so freundlich aus:



    Ich erwische bei Haydn-Sinfonien stets die superschwarzen... :rolleyes:


    Die Nr. 88 war lange Zeit meine Lieblingssinfonie wegen des rauschenden Knalleffekts nach der Themenvorstellung im 4. Satz - auch heute begeistert mich die Stelle immer wieder, zumal sie - was gemein ist - nur ein einziges Mal gespielt und nicht wiederholt wird. Man könnte Haydn dafür hassen - aber er hat nicht mit der Erfindung der Repeat-Taste gerechnet. :D


    Ich mag die Spielart der kleinen Bande ebenfalls überaus gerne und finde die Einspielung ist nicht so fremdlich, wie Andrews Text vermuten lässt. Der zweite Satz ist hier schon extrem langsam gespielt [6:59], aber es kommt keine Langeweile auf. Im Menuett ist besonders das Drehleyer-Trio obercool, zumal es auch einige [für damalige Verhältnisse und auch noch heute wirksame] rhythmische und harmonische Finessen bereit hält.


    Wunderbar! :]


    Ulli

  • Zitat

    Original von Pius


    WO?
    Diese Frage geht nicht nur an Alfred, sondern an alle!


    An den "zufällig" 1828 verstobenen [wie man in Forenkreisen formuliert]:
    [SIZE=7][kann nicht mal einer der Moderatoren ein paar Beiträge löschen, damit er wieder auffüllen muss?][/SIZE]


    Das Thema des 2. Satzes von #88 hat mich deutlich an den Beginn von Beethovens As-Dur-Klaviersonate [op. 26?] erinnert. Besonders vielleicht die 4. Variation mit den angebundenen Achteln.


    :hello:


    Ulli

  • Ich schließe mich all denen an, welche die Nr. 88 zu ihrem absoluten Favoriten erklären, vor allem Alfred, wenn er sagt, dass sie aus einem Plateau von höchstem Niveau herausragt. Die erwähnte Bernstein-Aufnahme ist auch mein Favorit.


    Hinweisen möchte ich aber auf eine DVD, durch die ich diese Symphonie "entdeckt" und erschlossen bekommen habe:




    Christoph von Dohnanyi erarbeitet darin - leider stark erkältet - diese Symphonie mit den Londoner Philharmonikern. Unverständlicherweise wird die Symphonie niemals durchgespielt. Die Dokumentation ist aber trotzdem ein idealer Weg, sich mit dieser Symphonie anzufreunden, wenn das noch nötig sein sollte, oder mehr darüber zu erfahren..

  • Hallo,
    mir gefällt diese Aufnahme sehr gut:


    Hugh Wolff macht das flott, humorig, ja sogar schrullig. :D


    Aber auch bei Klemperer macht es Spass:


    Nicht ganz so flott aber mit Biss und antiphonalen Violinen :yes:


    Gruß
    embe

  • Wäre sie nicht vergriffen, Hätte ich auch die genannt, die mir als "Gegendarstellung" zu Bernstein am besten gefällt.



    Wer sie günstig findet (bei Amazon wird sie derzeit nur für einen grotesken Preis privat angeboten), sollte unbedingt zuschlagen.

  • Oh ja! :yes:


    habe mir vor Jahren noch einiges aus der Reihe zulegen können und verstehe überhaupt nicht, wie man so etwas vom Markt nehmen kann ?(:no:


    Die Nr. 88 ist unter Weil sehr spritzig; auch Bernstein bekam das hin - nur nicht in seiner späten DG-Einspielung... :rolleyes:


    Tolle HIP-Aufnahme mit kleinem Orchester. :]


    :hello:
    Stefan

  • Hallo Rideamus & Barezzi,


    die Tafelmusik-CD hab ich mal für ein paar Euro aus der Bucht gefischt. Gefällt mir auch sehr. Es besteht aber möglicherweise, eventuell, ein hauchzartes Fünklein Hoffnung, daß diese CDs auch mal wieder neu aufgelegt werden. Schließlich hat Sony/BMG vor ein paar Wochen eine ganze Reihe älterer CDs aus dem Programm von Vivarte und DHM zum midprice neu aufgelegt. Wer weiß, vielleicht kommt da ja noch mehr...


    :hello:

    "Das ist zeitgenössische klassische Musik. Dann unterstelle ich, daß da kein intellektueller Zugang..."
    Miroslaw Lem, Tenor

  • Seltsamerweise gab es die Haydn-Messen mal zeitweise bei Brilliant. ?(
    Die sind zwar auch wieder verschwunden, aber das wurde jedenfalls temporär abgegeben; die Symphonien aus dem Programm genommen (bräuchte mindestens noch die e-moll dringend, da sie mir im Radio so gut gefiel :boese2: )... :no:


    Da versteh einer mal die Labelpolitiken... :rolleyes:


    :hello:
    Stefan

  • Zwei Nachträge, die ich sicher schonmal irgendwo von mir gegeben habe, aber noch nicht in diesem thread.
    Lt. Tovey soll Brahms über das Largo dieser Sinfonie gesagt haben, er wünschte, so solle seine eigene Neunte klingen ;)
    Und ich habe schon vor zwei Jahren auf damalige Empfehlung von C.Huth die von embe genannte CD mit den Frankfurtern unter Wolff besorgt (sowie eine mit 92, 96.97).
    Wolffs Lesart ist stark HIP beeinflußt (bzw. ist HIP mit größtenteils modernen Instrumenten) , sehr schlank, Violinen geteilt, es klimpert sogar ein Cembalo mit (m.E. überflüssig). Auf seine Art ziemlich gut, aber vielleicht nicht gerade die Tiefen des Largo auslotend. Die CD lohnt sich aber auf jeden Fall wegen der selten so gut gespielten Sinfonien 89 und 91. (Bei diesen beiden ist auch Dorati sehr gut, aber halt nur in der Box mit allen 104 zu haben).
    Ich will dem, was ich oben über Scherchens außerordentliche Aufnahme schrieb, nichts hinzufügen, nur nochmal in Erinnerung rufen!


    :hello:


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
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    (Bob Dylan)

  • Habe gerade auf youtube (wewewe.youtube.com/watch?v=WlURvraEmeY) eine Fernsehaufnahme mit Bernstein gefunden in der er als Zugabe den letzten Satz wiederholt, nur dass er dieses Mal ausschließlich mit den Augen dirigiert.


    Hat das irgendeine Bedeutung (Anekdote, Aufführungs-Fama?) oder ist das nur ein Gag von Lenny?

    Früher rasierte man sich wenn man Beethoven hören wollte. Heute hört man Beethoven wenn man sich rasiert. (Peter Bamm)

  • Ja, die Nummer 88 zählt auch zu meinen Favoriten, u.a. auch da Haydn hier zum ersten mal die Pauken sehr Gewinn bringend in einem langsamen Satz einsetzt (wie ja dann fast regelmäßig) und damit zu seiner Zeit weitestgehend alleine dasteht (von wenigen Ausnahmen abgesehen).
    Ein weiterer Grund ist das wirklich außergewöhnliche Trio. Auch hier ist wie öfters bei Haydn seine Freude an Experimenten zu bewundern, bei der er häufig in Trios nach ungewöhnlichen musikalischen Effekten suchte.
    Die Stelle im Finale, welche so großartig und unwiederholt dasteht erinnert mich an den mir jedes Mal eine Gänsehaut über den Buckel jagende Stelle im 2. Satz der 104.
    Auf jeden Fall die bis dahin (1787) beste Sinfonie überhaupt.
    Und für mich ein Grund sie gleich wieder zu hören und wie's sich geziehmt niederzuknien :jubel: :jubel: :jubel:

  • Auch dieses wahrscheinlich 1787 komponierte Schwesterwerk der ihm nachfolgenden Sinfonie Nr. 89 (s. Haydn, Joseph: Sinfonie Nr. 89 F-dur) wurde von dem Geiger Johann Tost nach Paris mitgenommen um Haydns Reputation dort lebendig zu erhalten, denn gerade die Pariser hatten die Leistung zu schätzen gewusst, die Haydn in den vorangegangenen „Pariser Sinfonien Nr. 82-87 in der Weiterentwicklung der sinfonischen Gattung vollbracht hatte. Nach manchen Quellen hatte Haydn sie allerdings auch dem Prinzen Krafft Ernst von Oettingen-Wallerstein geliefert, der bei ihm drei Sinfonien in Auftrag gegeben hatte und sehr verärgert war, als er feststellen musste, dass er nicht der einzige Besitzer dieser Werke war. Wieder andere Quellen sprechen Haydn von einem Doppelverkauf frei und verweisen darauf, dass Trost offenbar eine rege Notenpresse unterhielt und beide Werke nicht nur gegen Haydns Wunsch dem Pariser Verleger Sieber verkaufte, sondern auch anderweitig vertrieb, was wiederum Haydn sehr erzürnte, als er davon erfuhr.


    Uns kann heute egal sein, was davon stimmt, denn was einzig zählt, sind die Werke selbst. Vielleicht entgingen die beiden Sinfonien aber deshalb der sonst üblichen Praxis der Verleger, ihnen einen griffigen Beinamen zu geben. Dass gerade die Sinfonie Nr. 88 trotzdem bis heute zu den bekannteren und beliebtesten Joseph Haydns zählt, spricht für ihre besondere Qualität und Wirksamkeit.


    Ein wenig schulgeschädigt, bestanden die für mich wichtigsten Haydn-Sinfonien lange Zeit fast „nur“ aus den bekannten Namenssinfonien und waren meine – mir bis fast zum Überdruss vertrauten - Lieblinge die Nummern 100 sowie die Sinfonie Nr. 94 „mit dem Paukenschlag“. Die Nr. 88 hörte ich erstmals in dieser Proben-DVD mit Christoph von Dohnany, die ich trotz des unangebracht solzen Preises sehr empfehlen kann, nicht nur wegen Haydn, sondern auch als Portrait dieses hervorragenden Dirigenten, der leider bei den Aufnahmen stark erkältet war:



    Die Leichtigkeit der Sinfonie, ihre spontan einschmeichelnden oder mitreißenden Themen und nicht zuletzt ihre Heiterkeit nahmen mich schon beim ersten Ansehen der DVD für sie ein. Um so enttäuschter war ich, als ich feststellen musste, dass die - sehr ausgiebigen – Probenausschnitte auf der DVD nicht mit einer Aufführung der ganzen Sinfonie abgeschlossen wurden. Natürlich musste ich mir danach möglichst verschiedene Aufnahmen des Werkes besorgen, auf die ich später noch zurück komme. Hier nur so viel, dass ich bei der Beschreibung der Einspielung von Leonard Bernstein mit den Wiener Philharmonikern folge, da ich die m. E. beste unter Bruno Weil leider nur aus einem früheren Hörerlebnis erinnere und nicht besitze, da sie schon länger gestrichen ist und derzeit nicht angeboten wird.


    Der erste Satz (Adagio-Allegro) beginnt mit einer Reihe einfacher, eher getragener Akkorde, die dem Werk nötige Gewicht verleihen, da das unmittelbar folgende Allegro von besonderer Leichtigkeit ist. Seine leichtfüßige Wirkung ist um so phänomenaler, als dahinter eine sehr komplexe Durchführung steht, die von einer, wir sie bei Harenberg richtig gekennzeichnet wird, „unscheinbaren Nebenfigur“ ausgeht. Dabei werden Variationen einer Achtelpassage mit dem Hauptthema kontrapunktiert. Wird die Passage zunächst von den Violinen vorgegeben, so übernimmt es in der Reprise die Flöte. Der Effekt dieses, wie so oft bei Haydn, trotz seiner raffinierten Komplexität sehr einfach wirkenden Satzes macht auf das Kommende mehr als neugierig, stimmt aber auch auf die sonnige Stimmung ein, welche die ganze Sinfonie beherrscht.


    Der zweite Satz, ein Largo, gehört zum Schönsten, was je für ein Orchester geschrieben wurde. Auch er erscheint auf den ersten Blick sehr einfach, denn er wird von einem einzigen und trotz mehrfacher Wiederholung kaum variierten Thema beherrscht. Vorgestellt wird es vom Cello mit kleiner Streicherbegleitung. Wollte man das Thema frei nach Georg Kreisler "austexieren", könnte man es etwa so beginnen:


    In herrlichen Räumen
    Will ich numehr träumen...


    Ohne die Wirkung dieses wunderschönen Themas zu schmälern, wird es wiederholt von einigen drängenden Akkorden, zunächst der Streicher und später des vollen Orchesters, unterbrochen, in dem – völlig ungewöhnlich für einen langsamen Satz einer Sinfonie der Zeit – auch die Trompeten und Trommeln mitwirken, die während des ersten Satzes noch geschwiegen haben. Die Wirkung auf das Pariser Publikum scheint außerordentlich gewesen zu sein, denn man sprach noch lange davon, und noch Brahms wünschte sich, dass seine "neunte Sinfonie" so klänge wie dieser Satz. Dieser Dialog zwischen „träumenden“ Streichern und den Weckrufen des Orchesters hätte der Sinfonie sehr wohl einen Namen geben können.


    Der dritte Satz ist überschrieben mit Menuett & Trio – Allegretto. Er könnte kaum einen größeren Gegensatz zu der vorangehenden, (überwiegend) entspannten Träumerei darstellen. Auch hier zeigt sich allerdings Haydns Vorliebe für relativ lange Motive. Das kraftvolle Menuett, eine reizvolle Mischung aus höfischem Tanz und fast rebellischem Trotz, rahmt ein idyllisches Trio ein, das eine fast bäuerliche Klangwelt suggeriert. Der Haydn-Kenner H. C. Robbins Landon hat den Satz denn auch mit einer Bauernszene von Breughel verglichen. Für mein Gefühl wurzelt aber gerade in dieser bukolischen Idylle ein etwas beunruhigender Eindruck der nachfolgenden Reprise des trotzigen Menuetts, das damit einen leicht revolutionären Unterton gewinnt, der dem FIGARO aus Mozarts Oper nicht schlecht angestanden hätte.


    Das darauf folgende, hurtige Finale in Sonatenform ist überschrieben mit Allegro con spirito und überzeugt mich um so mehr, je schneller es gespielt wird, die nötige Virtuosität des Orchesters natürlich vorausgesetzt. Es ist eine völlig unerwartete, aber dennoch hinreißende Krönung der Sinfonie, die mit ihrem virtuos modulierten Thema den Hörer ebenso wenig zum Durchatmen kommen lässt wie das Orchester. Abgeschlossen wird es mit einem typisch Haydnschen Überraschungseffekt, wenn man zunächst den Eindruck gewinnt, dass der Satz bereits an sein - überraschend frühes - Ende gekommen sei, nach einer Generalpause aber noch einmal mit seinem, nunmehr einen halben Ton höher gespielten Thema einsetzt und zu einer wuchtigen Koda gelangt.


    Meine Lieblingseinspielungen habe ich bereits genannt. Deshalb möchte ich zu ihnen erst etwas mehr sagen, wenn Berufenere hoffentlich den analytischen Teil des hier Beschriebenen ergänzt haben, denn die Musikanalyse am Notentext überfordert mich bekanntlich.


    :hello: Jacques Rideamus

  • Nachdem bislang noch niemandem etwas zu meiner o.g. Darstellung einfiel, mache ich weiter mit der Vorstellung meiner derzeit bevorzugten Aufnahmen, wobei mir klar ist, dass noch zu viele Desiderate ausstehen um mit einiger Autorität von einer für mich besten zu sprechen, etwa die Aufnahmen von Weil, die ich schon erwähnte, Kuijken, Fritz Reiner und vielleicht auch Scherchen, den es leider nicht einzeln gibt.


    Ich fange an mit einer Besonderheit, auf die bereits Georgius weiter oben hingewiesen hat und die sich jeder ansehen sollte und zum Glück kann, denn man findet sie bei Youtube unter den Stichworten Bernstein Haydn 88 oder "www.youtube.com/watch?v=WlURvraEmeY". Da gibt es zwar nur den phänomenalen vierten Satz mit den Wiener Philharmonikern, dirigiert von Leonard Bernstein, den aber gleich zweimal, weil Bernstein den Finalsatz wiederholen lässt und dabei sein Orchester in bestem Licht erscheinen lässt. Bei der Wiederholung "dirigiert" er nämlich allein mit seiner Mimik und leichten, rhythmischen Kopfbewegungen. Dabei wird deutlich, wie bereitwillig ihm das Orchester auch ohne große Anweisungen folgt, vor allem aber, welches Vergnügen Bernstein dieser Satz und dessen Darbietung durch die Philhamoniker macht. Eine bessere Werbung für Haydn gibt es kaum, so ansteckend ist das, zumal die Kameraführung dieses recht ordentlich klingenden Mitschnitts fast ein Partiturlesen ersetzt und für eine gut nachzuverfolgende Bebilderung der Stimmverteilung sorgt. Gibt es von dieser Aufführung auch eine Gesamtaufnahme oder hat jemand eventuell einen TV-Mitschnitt? Er wäre die ideale Ergänzung zu der oben beschriebenen Proben-DVD mit Christoph von Dohnanyi.


    Rein spielerisch gefällt mir die noch leichter federnde Variante bei Bruno Weil mit seiner Tafelmusik, an die ich derzeit leider nur durch die Hörprobe bei Amazon erinnert werden kann, noch besser, wie ich überhaupt keine Aufnahme erinnere, die mir besser gefallen hat. Ich habe sie weiter oben im Thread bereits verlinkt, deshalb kann ich hier auf eine Bebilderung verzichten.


    Nun zu den übrigen, die mir tatsächlich vorliegen.
    Am belanglosesten finde ich die von Barry Wordsworth und der Capella Istropolitana auf Naxos. Die Satztempi sind hier 6:40, 5:34, 4:13 und 3:53. Die Aufnahme belegt, wie wenig aussagekräftig solche Zeitangaben sind, wenn es sich nicht gerade um Extreme handelt. Hier handelt es sich im Wortsinn um Durchschnitt, und zwar in jeder Hinsicht. Eher liegt das Niveau noch darunter, denn der Notentext wird zwar ordentlich und fehlerfrei gespielt, das ist aber auch das einzig Lobenswerte, denn derart uninspiriert, ohne jeden Drive und zudem noch so humorlos darf man mit keiner Haydn-Sinfonie umgehen, schon gar nicht mit der 88. Da gleicht auch der günstige Preis nicht das Defizit der Darbietung aus. Im Gegenteil: wer die Sinfonie nur aus dieser Aufführung kennt, könnte sie fälschlich für langweilig halten. Das ist zwar fast auch ein Kunststück, aber dezidiert ein fehlplatziertes.


    Deutlich besser, aber auch nicht auf der Höhe manch anderer Aufnahme dieser Gesamtedition, von der ich nur die Nummern 88-92 habe, ist Adam Fischer mit dem "Austro-Hungarian Haydn Orchestra" bei Nimbus bzw. Brillant. Seine Tempi: 6:34, 6:48, 4:30, 3:53. Das Largo gerät ihm zunächst fast wie der langsame Satz eines Cellokonzertes, was nicht ohne Reiz ist; da es aber insgesamt eher schleppend als träumerisch gerät, verfehlt er für mich die besondere Stimmung dieses Satzes. Das Finale gelingt ihm deutlich besser als Wordsworth, aber auch ihm fehlt das spielerische Element, das in den großen Aufnahmen zur Geltung kommt.


    Deutlich besser und definitiv hörenswert gelingt die Sinfonie Jewgenji Mrawinsky mit den Leningrader Philharmonikern auf einer diesem Dirigenten gewidmeten - derzeit leider nicht mehr greifbaren - Doppel-cd der EMI. Seine Satzlängen sind 6:59, 5:26, 4:20 und 3:40. Der fast kammermusikalische Klang, den er seinem Orchester abgewinnt, bekommt vor allem dem träumerischen Effekt des Largo, das er nicht übertrieben langsam nimmt, sehr gut. Insgesamt gerät ihm die Sinfonie jedoch eher nachdenklich und ist leider auch ziemlich frei von der Lebensfreude, die ihr Bernstein und Dohnanyi abgewinnen können. Leider gibt es von Letzterem keine Gesamtaufnahme, so dass mir als derzeit beste Einspielung nur die von Leonard Bernstein und den Wiener Philharmonikern bleibt, die als einzige (neben Weil) die Lebensfreude und den Humor zu vermitteln weiß, der in diesem Werk steckt.


    Ich weiß nicht, ob die Aufnahme identisch ist mit der bei YouTube zu sehenden Aufführung. Der Geist ist es definitiv. Leider kenne ich die derzeit vergriffene Aufnahme mit den New Yorker Philharmonikern nicht, könnte mir aber durchaus vorstellen, dass sie in der Tat, wie weiter oben von Barezzi gesagt, noch besser ist. Wenn dem so wäre, und auch dazu würde ich gerne noch mehr von Euch hören, gehört die Einspielung zu den größten Desideraten der Diskographie dieser Sinfonie. Die Satzlängen der Aufnahme mit den Wiener Philharmonikern sind gegenüber den vorgenannten Aufnahmen teilweise extrem: 9:17, 7:20, 4:23 und 3:33. Dennoch wirkt die Darbietung an keiner Stelle schleppend oder (im Finale) überhastet. Das Largo lässt er bewundernswert ruhig ausschwingen, und ich kenne keine andere Aufnahme, in der der träumerische Charakter der wunderschönen Largo-Melodie besser zum (im Wortsinn) Tragen kommt. Entsprechend schroff geraten die Einwürfe der Orchestertutti. Das hinreißend federnde Finale gerät allenfalls bei Weil noch eine Spur leichtfüßiger. Da muss ich mich aber auf mein Gedächtnis verlassen.



    (Das Cover meiner Aufnahme ist noch das andere der alten Vollpreis-Edition, die nur mit der Osford-Sinfonie gekoppelt war, aber ich nehme an, dass die Einspielung und Tonqualität mindestens identisch sind)


    Bernsteins Aufnahme ist auch die einzige der mir bekannten, die belegt, wie sehr Haydn in dieser Sinfonie bereits deutlich auf Beethoven voraus weist, und die zu ihrer Zeit enorme Modernität der Musik erahnen lässt, von der die Zuhörer der ersten Aufführungen so begeistert gewesen sein müssen, dass sie in Paris noch lange Tagesgespräch war.


    Da ich diese Sinfonie im Gegensatz zu manchen anderen nch nicht so gut kannte, stört es mich überhaupt nicht, wenn Bernsteins Einspielung keine Spur von HIP-Einflüssen aufweist, die mir bei sattsamer bekannten Sinfonien spontaner willkommen sind. Allerdings weist meine Bevorzugung der Weil-Aufnahme bereits darauf hin, dass das wahre Glück auch bei dieser Sinfonie wohl mindestens bei der HIP-Informiertheit liegt, die auch die Aufnahme von Hugh Wolff mit dem RSO Frankfurt zu kennzeichnen scheint, von der ich aber nur die Hörproben bei jpc kenne, die sich aber in der Tat recht vielversprechend anhören und zudem sehr gute Kopplungen mitbringen.



    :hello: Jacques Rideamus

  • Hallo Jacques,


    Zitat

    Original von Jacques Rideamus
    Da ich diese Sinfonie im Gegensatz zu manchen anderen nch nicht so gut kannte, stört es mich überhaupt nicht, wenn Bernsteins Einspielung keine Spur von HIP-Einflüssen aufweist, die mir bei sattsamer bekannten Sinfonien spontaner willkommen sind. Allerdings weist meine Bevorzugung der Weil-Aufnahme bereits darauf hin, dass das wahre Glück auch bei dieser Sinfonie wohl mindestens bei der HIP-Informiertheit liegt, die auch die Aufnahme von Hugh Wolff mit dem RSO Frankfurt zu kennzeichnen scheint, von der ich aber nur die Hörproben bei jpc kenne, die sich aber in der Tat recht vielversprechend anhören und zudem sehr gute Kopplungen mitbringen.



    :hello: Jacques Rideamus


    jepp, das ist wirklich eine sehr schöne Aufnahme der Symphonie. Das RSO Frankfurt hatte ich mit Wolff und Haydns 88. auch mal live gehört. Leider ist die CD-Aufnahme nicht dieser Livemitschnitt, der war noch besser.
    So bleibt der Böhm meine Lieblingsaufnahme. Und somit scheine ich auch HIP-Einflüsse bei Haydn-Aufnahmen nicht unbedingt zu brauchen.


    Viele Grüße,
    Pius.

  • Die 88. ist fraglos eine von Haydns schönsten Sinfonien, weist aber auch einige bemerkenswerte Besonderheiten auf:


    Der erste Satz ist quasi monothematisch - ich kann jedenfalls kein reguläres Seitenthema erkennen. Das gesamte musikalische Geschehen ist aus zwei Keimzellen abgeleitet: 1. aus dem Hauptthema und 2. aus der wirbelnden Sechzehntelfigur in den tiefen Streichern, die bei der ersten Forte-Wiederholung des Hauptthemas als Kontrapunkt dazutritt. Es werden keine neuen Themen eingeführt, auch keine einfachen Verbindungsmotive oder thematisch weniger konturierten Überleitungsteile. Dadurch entsteht die gerne (und zu Recht) gelobte Konzentriertheit des Satzes, die aber bemerkenswert unprätentiös daherkommt - man kann einfach durch Zuhören den ganzen Reichtum der thematischen Arbeit erkennen.


    Einmalig die Verbindung zwischen dem ersten Satz und dem Finale: Das Finalthema ist nichts anderes als eine Variation des Kopfsatzthemas - das gewissermaßen ins Drollige, Kehrausmäßige umgebogen wird. Auch sonst gibt es bemerkenswerte Parallelen: das Finale ist ebenfalls quasi monothematisch. Dem entspricht die thematische Konzentriertheit - alles wird aus dem Hauptthema und einem Sechzehntelmotiv abgeleitet, was bei einem Finalsatz (der ja auch anfangs eigentlich den erwarteten, entspannt-lustigen Tonfall anstimmt) noch erstaunlicher wirkt als beim Kopfsatz. Vor der Coda gibt es sogar einen kurzen Rückgriff auf die Akkordschläge, die die langsame Einleitung des ersten Satzes prägen und das Perpetuum mobile des Finales ganz kurz, fast unmerklich unterbrechen (jedenfalls hör ich das so).


    Die Schönheit des Largo kann man nicht genug preisen. Formal gilt es als Variationensatz mit Zwischenspielen (so z.B. Walter Lessing). Das Thema ist genauso "heilig", "unantastbar" wie die Kaiserhymne im Kaiserquartett: es (jedenfalls sein Vordersatz) erklingt bei jeder Variation unverändert (worauf schon Rideamus hinwies) und wird nur sehr fantasievoll umspielt. Obwohl der formale Aufbau dadurch besonders gut nachvollziehbar sein müsste, ist er mir nicht hundertprozentig klar - sind die Tutti-Teile mit Pauken und Trompeten Bestandteile der Variationen oder kann man sie als Zwischenspiel werten? (Ich habe auch keine Partitur hier.)


    Extra hinweisen muss man bei dieser Sinfonie auf den Instrumentationskünstler Haydn: Wie er im Largo immer wieder neue Farbzusammenstellungen zaubert und im Finale das Thema bei jedem Erscheinen (und es erscheint oft) neu instrumentiert, ist schon eine Kunst für sich, zumal das Orchester ganz "normal" besetzt ist. Der Effekt mit den im Largo überraschend hereinbrechenden Pauken und Trompeten gehört natürlich auch dazu.


    Das Menuett ist sehr schön, aber etwas konventioneller als die anderen drei Sätze. Überaus reizvoll dagegen das Trio mit seiner aparten Instrumentierung und dem Kontrast zwischen dem volkstümlichen Tonfall und der spannungsvollen Harmonisierung.


    Trotz oder wegen mancher Exzentrizität eine ideales Werk zum Einsteigen in die Haydn'schen Sinfonien. Dass eine seiner am meisten thematisch "arbeitenden" Sinfonien gleichzeitig eine seiner populärsten wurde (Parallelbeispiel: Oxford-Sinfonie), ist bezeichnend für diesen Komponisten.



    Viele Grüße


    Bernd

  • Zitat

    Original von Zwielicht
    Die 88. ist fraglos eine von Haydns schönsten Sinfonien, weist aber auch einige bemerkenswerte Besonderheiten auf:


    Der erste Satz ist quasi monothematisch - ich kann jedenfalls kein reguläres Seitenthema erkennen. Das gesamte musikalische Geschehen ist aus zwei Keimzellen abgeleitet: 1. aus dem Hauptthema und 2. aus der wirbelnden Sechzehntelfigur in den tiefen Streichern, die bei der ersten Forte-Wiederholung des Hauptthemas als Kontrapunkt dazutritt. Es werden keine neuen Themen eingeführt, auch keine einfachen Verbindungsmotive oder thematisch weniger konturierten Überleitungsteile. Dadurch entsteht die gerne (und zu Recht) gelobte Konzentriertheit des Satzes, die aber bemerkenswert unprätentiös daherkommt - man kann einfach durch Zuhören den ganzen Reichtum der thematischen Arbeit erkennen.


    Es ist ein erstaunlicher Satz. Eigentlich ist das eher ein Thema für ein Finale (auch der 2/4-Takt ist in Kopfsätzen die Ausnahme, aber der häufigste Takt für Finali). Es ist fast zu rund und abgeschlossen für einen Sonatensatz. Die 16telfigur bricht das allerdings auf und die "hüpfende" Variante des Themenkopfs ist schon wesentlich offener. Es gibt ein rudimentäres Seiten/Schlußgruppenthema, etwa bei 2:00, das aber vermutlich auch abgeleitet werden kann. Diese etwas lyrischere Phrase taucht jedenfalls in der Reprise auch wieder auf. Man müßte genauer sehen, inwiefern das Material hier noch karger als bei anderen monothematischen Sätzen (zB. 84, 85, 104) ist.


    Zitat


    Auch sonst gibt es bemerkenswerte Parallelen: das Finale ist ebenfalls quasi monothematisch. Dem entspricht die thematische Konzentriertheit - alles wird aus dem Hauptthema und einem Sechzehntelmotiv abgeleitet, was bei einem Finalsatz (der ja auch anfangs eigentlich den erwarteten, entspannt-lustigen Tonfall anstimmt) noch erstaunlicher wirkt als beim Kopfsatz. Vor der Coda gibt es sogar einen kurzen Rückgriff auf die Akkordschläge, die die langsame Einleitung des ersten Satzes prägen und das Perpetuum mobile des Finales ganz kurz, fast unmerklich unterbrechen (jedenfalls hör ich das so).


    Ich meine allerdings, daß Monothematik in Finalsätzen eher weniger ungewöhnlich ist als in Kopfsätzen. Die Verbindung zum Kopfsatz ist aufgrund einer gewissen Gestaltähnlichkeit nicht zu leugnen. Ein sehr wichtiges Charakteristikum ist aber neu: der Halbschluß in Moll in der Mitte des Finalthemas (ob die witzige Fagottverdopplung hier zum ersten Mal so deutlich auftritt weiß ich aufgrund unserer verkehrten Hörreihenfolge nicht genau)


    Zitat


    Die Schönheit des Largo kann man nicht genug preisen. Formal gilt es als Variationensatz mit Zwischenspielen (so z.B. Walter Lessing). Das Thema ist genauso "heilig", "unantastbar" wie die Kaiserhymne im Kaiserquartett: es (jedenfalls sein Vordersatz) erklingt bei jeder Variation unverändert (worauf schon Rideamus hinwies) und wird nur sehr fantasievoll umspielt. Obwohl der formale Aufbau dadurch besonders gut nachvollziehbar sein müsste, ist er mir nicht hundertprozentig klar - sind die Tutti-Teile mit Pauken und Trompeten Bestandteile der Variationen oder kann man sie als Zwischenspiel werten? (Ich habe auch keine Partitur hier.)


    Ich leider auch nicht. Aber m.E. ist an diesen Stellen die Schlußphrase des Themas erweitert und wird fortgesponnen. "Zwischenspiel" finde ich daher ein wenig verwirrend, ohne daß mir was besseres einfiele.


    Zitat


    Das Menuett ist sehr schön, aber etwas konventioneller als die anderen drei Sätze. Überaus reizvoll dagegen das Trio mit seiner aparten Instrumentierung und dem Kontrast zwischen dem volkstümlichen Tonfall und der spannungsvollen Harmonisierung.


    Das Trio ist ganz sicher eines der besten überhaupt; Ulli hat oben schon darauf hingewiesen. Freilich sind viele Interpreten etwas zu zaghaft bei den dröhnenden Dudelsack- oder Drehleier-Borduntönen. :D Wie ich schonmal schrieb, erinnert mich das wirklich an Mahler: ein ziemlich doppelbödiger Volkston.
    (und erfreulicherweise ein Menuett, in dem keiner meine älteren Einspielungen unerträglich schleppt wie sonst manchmal...)


    :hello:


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Diese tollen Beiträge hier zeigen doch, dass Alfreds Panik völlig unberechtigt ist. ;)


    Die Verdopplung der Melodiestimme im Fagott ist übrigens in auch in der Wiener Klassik schon eine häufig anzutreffende instrumentatorische Raffinesse: Die Melodie, normalerweise in den 1. Geigen liegend, erhält so mehr Farbe und Prägnanz, doch der weiche, zurückhaltende Ton des Fagottes zieht nicht zu viel Aufmerksamkeit auf sich. Ein weiteres prominentes Beispiel wäre übrigens das Seitenthema in Mozarts Jupitersinfonie (Kopfsatz), ein Jahr später komponiert.
    Das Seitenthema, was ich im ersten Satz erkennt, besteht aus einer kurzen Phrase, die exakt auf dem Motiv endet, mit dem der Vordersatz des Finalsatzthemas (!) auf dem von Johannes erwähnten Moll-Halbschluss schließt.
    Die hörbare Konzentriertheit entsteht wahrscheinlich vor allem auch unbewusst durch die vielen gar nicht so eindeutigen Bezüge. Fast jeder Takt der Sinfonie besteht aus dem Material des Hauptthemas und dessen Kontrapunkt. So taucht schon in der Exposition eine 16tel-Begleitfigur in den 1. Geigen auf (bei Fischer ab 1:43), die einfach aus einer Spiegelung der Sechszehntel des erwähnten Kontrapunktes besteht. Die Modulation zur Dominante ensteht zusätzlich durch eine aufsteigende Linie, die aus einer Sequenz des Kopfmotives (lediglich die ersten 4 Noten!) des Hauptthemas besteht.
    So könnte man endlos fortfahren, bis irgendwann jeder Takt idenfiziert wäre...
    Ich spiele die Sinfonie auch gerade (2. Geige), und da erkennt man gut die Zusammenhänge. :yes:

    "Das Große an der Musik von Richard Strauss ist, daß sie ein Argument darstellt und untermauert, das über alle Dogmen der Kunst - alle Fragen von Stil und Geschmack und Idiom -, über alle nichtigen, unfruchtbaren Voreingenommenheiten des Chronisten hinausgeht.Sie bietet uns das Beispiel eines Menschen, der seine eigene Zeit bereichert, indem er keiner angehört." - Glenn Gould

  • Seit ich mich mit dieser Sinfonie für den obigen beschäftigt habe, spuken die Themen das Largo und des hurtigen Finales mir im Ohr herum. Das gehört vielleicht eher in den Ohrwurmthread, hätte ich deswegen nicht noch eine Frage an die Notenbesitzer und -kenner unter Euch.


    Ist es nur ein subjektiver Eindruck, oder sind die Themen dieser beiden Sätze (im Adagio ist es ja schon eine Melodie) tatsächlich so nahe verwandt, wie sie mir vorkommen? Mir kommt es jedenfalls so vor, als sei das Hauptthema des Schlusssatzes eine nur leicht veränderte Achtelversion des Largo-Themas. Untypischerweise fallen mir nämlich beide immer gleichzeitig ein.


    Spinne ich oder ist da was dran?


    :hello: Jacques Rideamus

  • Nein, Du spinnst nicht wirklich...



    Die beiden Themen sind insoferne "verwandt", daß sie beide auf einem Dreiklangmotiv aufbauen, welches jeweils rhythmisch anders angelegt, zudem beim Largo aufsteigend, beim Finalsatz absteigend ist. Beide Themen beginnen auftaktig auf dem Dominantton [Largo: D-Dur --> A | Finale: G-Dur ---> D].


    Dies durch einfaches Hören herauszufinden, finde ich schon bemerkenswert.


    :hello:


    Ulli