VIVALDI, Antonio Lucio: TITO MANLIO

  • Antonio Lucio Vivaldi (1678-1741):[timg]http://upload.wikimedia.org/wi…503px-Vivaldi.jpg;Vivaldi[/timg]


    TITO MANLIO
    Dramma per musica in drei Akten - Libretto von Matteo Noris


    Uraufführung im November 1716 in Venedig


    DIE PERSONEN DER HANDLUNG


    Tito Manlio, römischer Konsul, Bass
    Manlio, sein Sohn, Sopran
    Vitellia, Titos Tochter, Mezzosopran
    Lucio, ein latinischer Kavalier, in Vitellia verliebt, Sopran
    Geminio, Capitano der Latiner, mit Vitellia liiert, Tenor
    Servilia, Schwester des Geminio, Braut von Manlio, Mezzosopran
    Decio, Capitano, in Vitellia verliebt, Altus
    Lindo, Diener Vitellias, Bariton
    Chor


    Das Geschehen ereignet sich um 300 v. Chr. in Rom


    INHALTSANGABE


    Nach der dreiteiligen Ouvertüre (Allegro, Andante, Presto), die keinen musikalischen Bezug zum nachfolgenden Geschehen aufbaut, wohl aber eine er typischen barocken Opern-Vorspiele darstellt, ist der Hörer sofort im kriegerischen Geschehen:


    ERSTER AKT


    Am Altar im Tempel ruft Konsul Tito Manlio die Götter um Beistand gegen aufständische Latiner an. Die nehmen sich die Frechheit heraus, Mitsprache im Senat zu fordern und wollen nicht mehr nur Kriegsknechte für die Römer sein. In dieser Situation verlangt der Konsul von jedem der Anwesenden den Treueschwur. Während sein Sohn Manlio diesen Eid selbstverständlich ablegt, sich der Latiner Lucio sogar als Römer bekennt, ist ein Riss in der Familie nicht zu übersehen: Manlios Geliebte Servilia stellt sich quer und seine Schwester Vitellia auch. Zornig stellt Tito daraufhin seine Tochter unter Hausarrest und verbannt Servilia aus Rom.


    Tito sorgt sich um Rom; er erteilt Manlio den Befehl, den Feind auszuspähen, sich aber unbedingt jeglicher Kampfhandlungen zu enthalten. Seine Braut Servilia ist entsetzt, dass Manlio diesen Befehl hinnimmt und äußert sich empört, weil er seine Treue zu Rom über die Liebe zu ihr stellt. Lucio dagegen zeigt sich aufgewühlt, weil ihm gerade bewußt wurde, dass er aus Liebe zur Römerin Vitellia Verrat an seinem Volk beging.


    Nach und nach sind, bis auf Decio, alle gegangen, und der Capitano kann in einem Solo seine trübsinnige Laune nicht mehr zurückhalten: Er ist, wie Lucio, in Vitellia verliebt, weiß aber auch, dass sie für ihn wegen der ungleich höheren Stellung unerreichbar ist. Er muss still leiden, während Lucio offensiv um Vitellia werben kann. Sie in den Armen des Rivalen zu sehen, macht sein Leiden noch größer. Wenn Decio wüsste, dass es sogar noch einen dritten Bewerber um die Hand der Schönen gibt, wäre er bestimmt ganz am Boden zerstört, könnte sich mit Lucio in Trauer zusammen tun.


    Vitellia hat sich zu einem Entschluss durchgerungen: Sie schickt ihren Diener Lindo mit einem Hilferuf zum latinischen Capitano Geminio ins feindliche Lager. Aus dem Gespräch zwischen Herrin und Diener wird deutlich, dass Geminio mit Vitellia in heimlich verlobt ist, dass sie aber diese Liebe keinesfalls öffentlich zu machen gedenkt, vor allem dem Vater nicht offenbaren will; andererseits will sie Geminio auch nicht aufgeben, schon gar nicht aus politischen Gründen, nur weil (gleichsam von einer Minute zur anderen) der Geliebte plötzlich ein „Feind“ geworden ist.


    Nach Lindos Abgang zum Feindeslager erscheinen Tito und Lucio mit einem Soldaten, der Vitellia Ketten anlegen soll. Tito hat Lucio instruiert, wie er Vitellia zur Aufgabe ihrer starren Haltung bringen soll, er wird ungesehen beobachten, was geschieht. Und Lucio ist dem Konsul gefällig: er droht Vitellia mit Schimpf und Schande, er behauptet, dass ihr Blut zur Abschreckung für andere vergossen werden soll. Vitellia aber zeigt sich von diesen Drohungen unbeeindruckt, worauf Tito wütend hervortritt und ihr die Ketten vor die Füße wirft: sie soll an Ketten gefesselt, mit entblößter Brust und enthülltem Haupt durch die Straßen Roms geführt werden. Nach dieser Brandrede geht Tito zornig ab.


    Alleine mit Vitellia wird Lucio mutig und offenbart ihr seine Liebe: Wenn sie ihn erhört, will er sie retten, verspricht er. Dieses Liebesgeständnis weckt in Vitellia neue Energie: sie will die neue Situation für ihre Zwecke auszunutzen, weshalb Lucio bei ihrem Vater ruhig um ihre Hand anhalten soll. Sie aber wird, ihrer bisherigen Haltung abschwörend, dann dem Vater die Liebe zu Geminio gestehen und diese Liebe als eine Fügung des Schicksals und als Mittel zum Frieden hinstellen. Lucio, soviel ist klar, ist für Vitellia zu keinem Zeitpunkt „im Spiel“.


    Im Lager der Latiner bereitet sich Geminio auf den Kampf gegen die Römer vor. Als Lindo ihm nun den Brief Vitellias überreicht, muss er lesen, dass der Konsul seiner Tochter „die Stiere des Phalaris und die Qualen des Mezentius“, also Folterungen, angedroht hat. Wenn Geminio auch seine Vitellia liebt, hält er den Kampf für die Sache seines Volkes doch für viel wichtiger; er trägt Lindo also auf, seiner Braut mitzuteilen, dass er eine ungleich höhere Aufgabe zu erfüllen habe, sie daher zurückstehen muss. Das wird, wie Lindo richtig bemerkt, Vitellia einen Schlag versetzen.


    In der nächsten Szene treffen Manlio und Geminio unerkannt aufeinander und lassen ihrer gegenseitigen Verachtung mit vielen harten Worten freien Lauf, aber Manlio lässt sich (im Moment jedenfalls) nicht provozieren. Als er es im Verlauf des Streitgesprächs doch tut, verhöhnt ihn Geminio als Feigling, weil er nicht kämpfen will. Dass Manlio das Friedensgebot seines Vaters zu halten gedenkt, erfährt Geminio natürlich nicht. Aber er treibt es mit beleidigenden Schimpfkanonaden schließlich so weit, dass plötzlich beide zu den Schwertern greifen - und nur im letzten Moment durch Geminios Schwester Servilia, die gleichzeitig auch Manlios Braut ist, am Zweikampf gehindert werden können. Auf Bitten seiner Schwester, die ihn an seine eigene Liebe zu Vitellia erinnert, lenkt Geminio dann ein. Und Manlio erinnert sich plötzlich wieder an seine Verbindung mit Servilia. Die erhält nun von Geminio den Auftrag, nach Rom zu gehen und dem Konsul anzubieten, die Revolte für die Hand von Vitellia abzublasen.


    Kaum, dass Geminio diesen Vorschlag ausgesprochen hat, kommen ihm Bedenken: Was sollen seine Landsleute denken, wenn er sie wegen einer römischen Frau verrät? Er glaubt, unter diesen Umständen kein Ehrenmann mehr zu sein. Manlio hat Servilia genau beobachtet und zeigt sich, für sich gesprochen, erneut begeistert über ihre Schönheit. Dann reißt ihn Geminio brutal aus seinen Träumen: Er hat sich jetzt endgültig entschieden, die Heirat mit Vitellia zu vergessen und sieht daher auch keinen familiären Grund mehr, auf Manlio Rücksicht zu nehmen; er provoziert den Römer so lange, dass dieser sein Schwert zieht und zum Kampf bereit ist. Seine bewegt komponierte Arie

    Sia con pace o Roma Augusta
    Sei beruhigt, o ehrwürdiges Rom,/Wenn ich deinen Gesetzen nicht folge,
    So nur, weil mich die Ehre zum Kampfe ruft.
    Du bist gerecht in deinen Gesetzen,/Doch der Latiner fordert mit seiner Missachtung
    Meinen Mut zu sehr heraus.

    die im Wiederholungsteil mit Koloraturen gespickt ist, beendet den ersten Akt. Ob der Zweikampf aber stattfindet, bleibt offen. Ein Orchesternachspiel zu dieser Arie, die den Kampf musikalisch untermalen würde, fehlt jedenfalls.


    ZWEITER AKT


    In einem Saal des Palastes sind Tito Manlio und der latinische Cavaliere Lucio allein. Und der nimmt die Gelegenheit wahr, dem Konsul seine Liebe zu Vitellia zu offenbaren. Tito fragt ihn rundheraus, ob er nur deswegen Rom den Treueeid geschworen habe? Lucios Antwort ist eindeutig: Vitellias Schönheit hat ihn in seinen Bann gezogen, dagegen war er einfach machtlos. Tito gibt offen zu, dass er dieser Verbindung zwar gerne zustimmen würde, doch hält er seine Tochter wegen ihres Hangs zu den Latinern für nicht heiratsfähig und verbietet strikt diese Verbindung. Er geht sogar noch weiter, lässt jede Vaterliebe vermissen und droht, wie schon einmal, seiner Tochter den Tod an, falls die sich über seine Anordnung hinwegsetzen sollte. Über diese harte Haltung ist Lucio entsetzt und er bittet den Konsul um Mitleid für Vitellia.


    Die kommt gerade jetzt hinzu und bietet die Offenlegung ihrer Herzensgeheimnisse an. Dazu kommt es jedoch nicht, weil Tito Servilia ansichtig wird und sie zornig fragt, weshalb sie die Stadt noch nicht verlassen habe. Servilias Antwort (das Publikum kennt sie bereits) ist jenes Friedensangebot ihres Bruders, für die Hand Vitellias auf den Konsultitel zu verzichten. Es ist verständlich, dass Tito überrascht ist, während Lucio erkennen muss, dass noch ein weiterer Rivale im Spiel ist. Kaum, dass Tito dieser Ehe wegen seiner friedensstiftenden Konstellation zugestimmt hat, tritt Manlio auf die Szene und berichtet, dass er Geminio im Zweikampf getötet habe. Vitellia und Servilia fallen bei dieser Nachricht in Ohnmacht, aber in Lucio keimt schon wieder Hoffnung auf eine Verbindung mit Vitellia auf. Tito lässt die beiden Frauen von Dienern in ihre Gemächer bringen. Auch Lucio geht mit ihnen ab.


    Jetzt, da der Konsul mit seinem Sohn alleine ist, erfährt Tito, was sich im Lager der Latiner zugetragen hat: Manlio hat nach schweren persönlichen Beleidigungen Geminios den Anführer der Feinde Roms ausgeschaltet! Genau das aber ist für den Vater keine Entschuldigung. Manlio hat sich einem Befehl widersetzt, und dafür muss er büßen. Nach dem Abgang des Vaters sinniert Manlio über diese Ungerechtigkeit: Sollte er als Feigling nach Rom zurückkehren? Nein, das kam für ihn nicht in Frage! Sein Tod aber wird das Herz Servilias zerreißen und das ist viel schlimmer!


    Die nächste Szene spielt „am Hofe“ und zeigt eine am Boden zerstörte Vitellia mit ihrem Diener Lindo. Dass sie die Asche ihres geliebten Geminio aus der „Urne reißen“ will, den Tod des Mörders verlangt (und dabei übersieht, dass es sich um ihren Bruder handelt), ihr Blut nach Rache für Geminio schreit, ist für Lindo unverständlich. Die hinzukommende Servilia empfängt sie wütend mit den Worten, sie werde den Mörder ihres Geliebten und Bruder Servilias „abschlachten“! Darüber zeigt sich Servilia entsetzt (schließlich geht es um ihren „Schatz“ Manlio), gibt jedoch in einigen Punkten Vitellia sogar recht, in anderen dagegen argumentiert sie vorsichtig relativierend, was Vitellia wieder auf die Palme bringt. So wogen die Worte hin und her, und Lindo kommt zu dem Schluss, Manlio sei wirklich zu bedauern, denn von einer Frau beschimpft zu werden, sei schon schlimm, von zwei Furien dagegen geplagt zu werden, der reine Wahnsinn. Vorstellbar ist, wenn auch im Libretto nicht explizit erwähnt, dass Lindo kopfschüttelnd abgeht.


    Ahnungslos kommt Manlio auf die Szene und freut sich, seine geliebte Servilia und Vitellia wiederzusehen - doch die beschimpfen ihn als „barbarischen Mörder“ und „grausam“. Manlio versteht nicht, was ihm hier geschieht: Ist er nicht ein Held des Vaterlandes? Dass Servilia durch ihn den Bruder verlor, ist für ihn kein Thema; den Feind Roms getötet zu haben, war notwendig und unausweichlich. Als sich Manlio enttäuscht den beiden Frauen als Mordopfer anbietet, sind die sich nicht einig, wer mit Vitellias Dolch den Streich führen soll.


    Zunächst wird ihnen aber diese Entscheidung durch den Auftritt Decios abgenommen, der im Auftrag Titos Manlio Fußketten anlegen soll - was Vitellia mit Genugtuung hört, Servilia dagegen „unheilvoll“ nennt. Aber Decio muss Manlio sogar mitteilen, das sein Vater zusätzliche Kerkerhaft angeordnet hat. Vitellia, die ihre Rachegefühle nicht unterdrücken kann, verlangt nach einer Axt, damit „dieser Kopf abgeschlagen zu Boden fällt“- Servilia will dagegen Tito sofort um Manlios Leben bitten, während Vitellia beim Vater seinen Tod einzufordern gedenkt. Lucio empört sich über das Vorgehen gegen Manlio und entschließt sich, ihn zu retten.


    In seinem Privatgemach hat Tito einen Solo-Auftritt, in dem er (für das Publikum völlig unerwartet) nachdenklich erscheint: Die Staatsräson verlangt von ihm ein Todesurteil gegen den eigenen Sohn, als Vater aber hat er Mitleidsgefühle. Doch nach Abwägung aller Argumente entscheidet er sich (wie nicht anders zu erwarten) für das Staatswohl und gegen Vatergefühle. Seine Contenance verliert Tito jedoch, als der Capitano Decio mit der Forderung der römischen Truppen zu ihm kommt, Manlio als Kriegshelden zu ehren. Das ist eine Unverschämtheit, denn es entscheidet nicht die Truppe - er regiert in Rom, er hat die Befehlsgewalt, er ist der Richter - voller Zorn weist Tito Capitano Decio also in seine Schranken und wirft ihn dann hinaus.


    Nun kommt zu Titos Missfallen auch noch Servilia mit der inständigen Bitte um Milde, die er jedoch ebenfalls gnadenlos zurückweist; selbst ihr Hinweis, ihr Bruder habe Manlio ja provoziert, verfängt beim Konsul nicht; ihre Redekunst, die Tito durchaus bewundernd zur Kenntnis nimmt, lässt ihn nicht umfallen. Aber er gewährt Servilia auf ihre Bitte hin gnädig den Besuch bei Manlio im Kerker.


    Kaum ist Servilia gegangen, kommt Vitellia zu ihrem Vater und der erwartet eine erneute Bitte um Milde, aber die Tochter gesteht ihm, dass sie Geminio geliebt habe und dass sie in einer Ehe mit ihm sogar eine Friedensmöglichkeit zwischen Rom und den Latinern sah. Und genau das hat ihr Bruder mit dem Mord zerstört, folglich empfindet sie das Todesurteil gegen ihn als gerecht. Titus geht, sich und seine Handlungsweise bestätigt fühlend, ab. Da kommt Lucio und konfrontiert Vitellia mit der Anrede „Gattin“ absichtsvoll an sein Liebesgeständnis und ihre Reaktion, die ihm Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft signalisierte. Aber Vitellia sieht das völlig anders: Sie allein bestimmt über sich und das, was er als Hoffnung aufgefasst hat, war zwar ihrerseits ein Betrug, doch darf sich der, der ihr mit Ketten drohte, darüber nicht wundern. Lucio ist entsetzt, doch sie empfiehlt ihm herzlos, eine andere Frau zu suchen, ihr Herz wird für ihn niemals frei sein - und geht davon.


    Der zweite Akt wird mit Lucios Solo abgeschlossen, der Vitellia sozusagen nachruft, dass Manlio nicht ihrer Rache zum Opfer fallen werde. Sein Entschluss steht nämlich felsenfest: Er wird aus dem Inhaftierten einen römischen Helden machen, komme, was da wolle!


    DRITTER AKT


    Das Libretto gibt als Handlungsort einen „schrecklichen Kerker mit brennenden Fackeln“ noch dazu bei „Nacht“ an. Mit der Erlaubnis Titos ist Servilia bei ihrem Geliebten, den sie, an den Füßen angekettet, schlafend vorfindet. Das Bild rührt ihr Herz an, und als Manlio erwacht, versucht sie, sein Leiden mit tröstenden Worten zu lindern. Sie bekennen ihre Liebe zueinander, sprechen von der Hoffnung auf einen sanften Himmel und eine milde Gottheit, die eine gemeinsame Zukunft ermöglichen werden. Servilia geht dann „glücklich“ hinaus.


    Manlio ist froh, dass Servilia gegangen ist: „Wäre sie länger geblieben, hätte sie (…) meine Standhaftigkeit geschwächt.“ Aber Ruhe ist ihm nicht gegönnt, denn Lucio kommt in den Kerker und übergibt Manlio das vom Vater ausgefertigte Todesurteil, das alle Träume, alle Hoffnung auf ein glückliches Ende zunichte macht. Jetzt will sich Manlio als Held zeigen, der einsieht, nicht mehr am Leben zu sein, wenn sich „über dem Meer die Morgenröte erhebt“, weil er des Konsuls Befehl missachtet hat. Aber Lucio schlägt ihm einen Deal vor: In einem weiteren Schreiben bestimmen die latinischen Soldaten ihn zu ihrem Anführer; dieses Angebot will er annehmen und mit dem gesamten Heer zu Manlios Rettung in Rom einmarschieren. Doch Manlio weist dieses Vorhaben als chancenlos zurück, Lucio dagegen ist nicht von seinem Vorhaben abzubringen, er gelobt stattdessen, standhaft an seinem Plan festzuhalten.


    Servilia ist aus Liebe, Sehnsucht oder auch Angst vor der eigene Courage mit dem Namen „Hoffnung“ noch einmal zurück gekommen. Manlio ist niedergeschlagen; die Rückkehr der geliebten Servilia bereitet ihm noch größere Pein, als der erwartete Tod. Beiden ist nun jede Hoffnung geschwunden, sie wollen miteinander sterben.


    In einem der Palastgemächer unterhalten sich Vitellia und Lindo; er berichtet ihr, dass in der Stadt die Menschen zusammenströmen. Sie ist überzeugt, dass die Römer Manlios Tod wollen, die Stimmung sich klar gegen ihren Vater richtet, weil der die Vaterliebe über das Staatswohl stellt. Als sie Lindo hinaus schickt, um die Meinung des Volkes zu erkunden, gefällt das dem Diener gar nicht: Spion zu spielen, ist, wie er erklärt, ein sehr undankbares Geschäft. Dennoch gehorcht er.


    Vitellia bleibt nicht allein: Lucio kommt hinzu und berichtet, bei Manlio gewesen zu sein, der das Urteil gelesen und sich als tapferer Römer erwiesen habe. Als er dann das Thema wechselt und ihr wieder seine Liebe gesteht, verspricht sie ihm die Ehe, sobald er ihr den Kopf ihres Bruders bringe. Das ist für den verliebten Lucio eine schmerzhafte und traurige Wahl - aber man wird sehen...


    In einer neuen Szene wird Manlio vor seinen Vater geführt und bittet ihn inständig, ihm ein letztes Mal die Hand küssen zu dürfen. Tito verweigert dieses Zeichen der Sohnesliebe, schimpft, er könne „dies Gesicht nicht mehr sehen“. Doch Manlio nutzt einen Moment der Unachtsamkeit, und küsst seines Vaters Hand; der ist überrascht und gesteht sich, das er Mitleid in seinem Herzen fühlt - doch er schiebt jede väterliche Regung beiseite. Manlio äußert eine letzte Bitte an seinen Vater: Tito möge sich doch bitte Servilias annehmen. Das gefällt dem Herrn Konsul sehr, denn er verspricht im abgehen, Servilia zu heiraten.


    Dieser Vorschlag empört aber Servilia, sie erhebt schwere Vorwürfe gegen Manlio, der ist jedoch überzeugt, rechtmäßig verurteilt zu sein und ihr mit seiner Standhaftigkeit die größte Ehre angedeihen zu lassen. Servilia bleibt bei ihrer Ablehnung, Tito zu ehelichen und wünscht sich (wieder einmal) den Tod.


    Vitellia und Lindo befinden sich an der Straße, die zur Richtstätte führt. Beide warten auf Manlio, der hier vorbeigeführt werden soll. Zu ihnen tritt Servilia und im Gespräch treten zwischen den beiden Frauen die unterschiedlichsten Empfindungen zu Tage: Vitellia fühlt Triumph und Zufriedenheit in ihrem Herzen, Servilia dagegen empfindet Ungerechtigkeit und Trauer.


    Lindo weist die beiden Frauen auf den sich nahenden Manlio hin. Vor ihnen stehend bittet er Servilia um Vergebung für zugefügte Beleidigungen; seine Schwester aber weist er darauf hin, dass er von ihrem Verhältnis zu Geminio nichts gewusst habe, weshalb er auch keinen Grund sehen kann, sie um Verzeihung zu bitten. Während Servilia ihrem Manlio Mut zuspricht, bittet der Lucio, keinen Streit zu suchen, sondern Frieden zu wahren. Als er sich dann voller Bitterkeit noch einmal Vitellia zuwendet, wird diese von ihren Gefühlen übermannt und fällt ihm weinend in die Arme.


    In diesem Augenblick sind plötzlich laute Schreie zu hören: Mit einem Trupp Soldaten tritt Decio auf die Szene und verlangt die sofortige Herausgabe Manlios, der nicht mehr Rom gehöre, sondern der Armee. Zu diesen Worten setzt er dem gerade noch Todgeweihten den Lorbeerkranz des Siegers auf. Tito, völlig überrumpelt vom putschartigen Auftritt der Soldaten, erfasst aber dann die geänderte Lage: Die Armee ist die Stütze Roms, ihr Wille ist ein höheres Gesetz, er muss wohl oder übel zurückstecken. Er kann es aber nicht lassen und erteilt seinem Sohn noch eine kurze Morallektion; dann aber führt er ihm Servilia als Braut zu, während Vitellia freiwillig Lucio ihre Hand reicht. Die Volksmenge singt im Schlusschor von vergangener Angst und verschwundenem Schmerz, die nun der Freude und dem Glück gewichen sind:

    Spari già dal petto,/La tema, e 'l dolor
    Schon sind aus der Brust/Angst und Schmerz verschwunden.
    Freude und Glück/Lachen schon im Herzen.



    INFORMATIONEN ZUM WERK


    TITO MANLIO ist eine von vier Opern, die Antonio Vivaldi in und für Mantua schrieb, als er im Dienst des Landgrafen Philipp von Hessen-Darmstadt, dem von den Habsburgern bevollmächtigten Provinz-Gouverneur seit 1714, stand.


    Der damals dreiundvierzigjährige Statthalter hatte in Mantua für einen kulturellen Aufschwung gesorgt und mit der Verpflichtung von Antonio Vivaldi im Jahre 1718 einen prominenten Opernkomponisten Italiens gewinnen können. Und der stellte sich zunächst mit einer Inszenierung seiner Oper „Armida“ vor, die nur wenige Monate zuvor in Venedig auf die Bühne gekommen war. Auf diese Oper folgte am 26.Dezember „Il Teuzzone“, bei deren Präsentation der Hof die Vermählung des verwitweten Landgrafen mit der Witwe des Großherzogs der Toskana, Prinzessin Eleonora da Guastalla, ankündigte.


    Für die Krönungsfeierlichkeiten war als neues Bühnenwerk Vivaldis der hier vorgestellte TITO MANLIO eingeplant. Doch es kam alles ganz anders: Die anreisende Prinzessin Eleonora machte noch vor den Toren Mantuas einfach kehrt und ließ die Hochzeit platzen. Insofern fehlen bis heute genaue Daten über die erste Aufführung von TITO MANLIO, entstanden war jedoch ein unbestrittenes Meisterwerk, das für die Arien eine ungewöhnlich farbige Instrumentierung aufweist: Cello, Viola d’amore, zwei Hörner, Oboe, Trompete und Kesselpauken, Blockflöte und Fagott.


    Der Komponist hatte, durchaus zeitgemäß, aus älteren Werken sieben Stücke in die neue Partitur übernommen und vermerkte nicht ohne Stolz auf der ersten Seite: „Musica del Vivaldi fatta in 5 giorni“- die Musik schrieb Vivaldi in fünf Tagen. Es gibt in einer Turiner Bibliothek zwei Manuskripte, wovon eines insgesamt zweiunddreißig, das andere jedoch die erwähnten zweiundvierzig Nummern aufweist. Die höhere Zahl ergibt sich aus der (bei Matteo Noris nicht vorkommenden) Einfügung der komischen Figur des Lindo. Ein genialer Schachzug, der zwar die Grundstruktur des Textes beibehielt, die Handlung aber entscheidend auflockerte. Wer den Text dieser Zusätze verfasste, ist unbekannt geblieben. Zu Vivaldis Lebzeiten wurde die Oper übrigens nie wieder gespielt, und wohl auch für keine anderen Werke „ausgeschlachtet“. Wiederaufgeführt wurde TITO MANLIO erst wieder im Februar 1979 in der Piccola Scala in Mailand unter der Stabführung von Vittorio Negri.


    Der Text von Noris war, mit der Musik von Carlo Francesco Pollarolo, im Jahr 1696 für den Großherzog Ferdinando de’ Medici entstanden und später auch erfolgreich in Venedig, Ferrara, Livorno, Neapel, Genua, Verona, Reggio und Turin gegeben worden.


    © Manfred Rückert für den Tamino-Opernführer 2013
    unter Hinzuziehung des Librettos und der Einführung in die Oper aus dem Booklet der Co-Produktion WDR Köln/cpo/Opera Barga Festival

  • Bei den Tamino-Werbepartnern ist die Vivaldi-Oper in zwei Einspielungen erhältlich - immerhin. Eine dritte gibt es sogar für die vielen Vinyl-Freunde:



    Die nebenstehende Aufnahme von cpo/WDR/OPera Barga Festival verantwortet Federico Maria Sardelli mit seinem Orchester "Modo Antquo"; es singen Sergio Foresti, Elisabeth Scholl, Nicky Kennedy, Rosa Dominguez, Lucia Sciannimanico, Thierry Gregoire, Davide Livermore und Bruno Taddia.





    Hier die andere Aufnahme; als Interpreten werden Nicola Ulivieri, Karina Gauvin und Ann Hallenberg aufgeführt; Ottavio Dantone dirigiert die Accademia Bizantina.


    Der Versuch, das Cover der LP-Ausgabe mit Hilfe der ASIN einzustellen mißlang leider.

  • Vermutlich meinst Du diese Philips-Aufnahme:



    die leider als CD z.Zt. wohl gestrichen ist. Soll angeblich beim Label "pentatone" neu erscheinen (?).


    Besetzung dieser langjährigen Referenzplatte:


    Aufnahme: Sept. 1977, Studio
    Dirigent: Vittorio Negri
    Kammerorchester Berlin
    Rundfunkchor Berlin
    Cembalo: Jeffrey Tate,
    Vc.: Hartmut Friedrich,
    Vl.: Karl Suske, Dieter Zahn,
    Horn: Peter Damms, Siegfried Gizyki,
    Oboe: Hans Werner Wätzig,
    Blockflöte: Thekla Waldbauer,
    Trompete: Franz Witecki


    Label Philips CD: 446 332 2


    Decio: Norma Lerer
    Germinio: Claes Haakon Ahnsjö
    Lindo: Domenico Trimarchi
    Lucio: Margaret Marshall
    Manlio: Rose Wagemann
    Servilia: Julia Hamari
    Tito Manlio: Giancarlo Luccardi
    Vitellia: Birgit Finnilä


    LG

  • Meine Hoffnung auf Haralds Hilfe wurde nicht enttäuscht: Genau die ist es; warum die Einstellung mit der Amazon-ASIN hier nicht funktionierte, ist mir mal wieder ein Rätsel. Aber das Problem ist ja gelöst - vielen Dank.


    :hello: