"An opera stage is not a psychiatrist's couch" — Lorin Maazel greift moderne Opernregie scharf an


  • Der weltberühmte 83jährige Dirigent (und Komponist) Lorin Maazel, seit über einem halben Jahrhundert Leiter zahlloser Spitzenorchester und derzeit Chefdirigent der Münchner Philharmoniker, hat kürzlich den Wahnsinn der heutzutage gängigen Opernregie heftig angekreidet. Seiner Meinung nach ist es die Aufgabe der Regisseure und Dirigenten, die Intentionen von Librettist und Komponist umzusetzen und diese zu respektieren. Das Gegenteil sei pervers und eine Ausbeutung der Meisterwerke. Die Regisseure und auch Dirigenten sollten das eigene Ego zurückstellen. Eine Opernbühne sei nicht das Sofa eines Psychiaters.


    Hier der bei Facebook veröffentlichte Text im Originalwortlaut (englisch):



    Dazu kann ich nur sagen: Bravo, Maestro! :jubel:

  • Auch von mir ein großes Lob an Herrn Maazel. Und er ist ein Dirigent der weiß wovon er spricht. Ich kann mich nicht erinnern, das er jemals RT ähnliche Aufführungen dirigiert hätte, zumindestens nicht solche die ich bei You Tube von ihm gesehen habe.

  • Genau das ist es, was wir hier schon immer festgestellt haben: Der Intendant und der Regisseur sind nur dann als Fachleute zu betrachten, wenn sie den Werk dienen und es verstehen, die unveränderte Handlung des Originalwerks mit den Sängern in Personenführung, Gestik und Mimik so umzusetzen, dass die Intention des Komponisten deutlich wird. Ich will die hier bereits mehrfach aufgeführten Beispiele gelungener Umsetzung früherer Regisseure nicht wiederholen, von denen das Publikum gepackt wurde und mit der Handlung mitging, ohne dass diese umgeworfen werden musste und ohne dass abwegige Deutungsversuche gemacht wurden. Die heutigen Aufführungen, in denen die Regisseure nur ihre eigenen psychischen Probleme ausspielen, sind für den Außenstehenden hingegen dagegen unverständlich, öde und langweilig.
    Das als Ausrede dienende, fadenscheinige Argument, dass das heutige Publikum nicht mehr die Bildung habe, eine Handlung, die nicht in der Moderne spielt, zu verstehen, haben wir hier auch schon zur Genüge widerlegt.
    Wie Lorin Maazel es klar ausdrückt, ist die Oper ein Gesamtkunstwerk. Der Librettist erzählt eine Handlung und setzt sie in das entsprechende kulturelle und soziale Umfeld. Der Komponist findet dazu eine passende Musik, aber der "modische" Regisseur - statt nun die Handlung lebendig werden zu lassen, was er wohl nicht mehr versteht - zerstört die eine Hälfte des Werkes und missbraucht die andere (die Musik) zur Selbstdarstellung, wobei ihm sogar nicht einmal mehr aufgeht, dass der gesungene Originaltext absolut nicht zur Handlung passt.
    Danke, Lorin Maazel, für diese offenen und treffenden Worte.
    Ich bin gespannt, was die Befürworter dieser Machwerke diese Aussage des Meisters kommentieren werden.


    Liebe Grüße
    Gerhard

    Alle Kunst ist der Freude gewidmet, und es gibt keine höhere und keine ernsthaftere Aufgabe, als die Menschen zu beglücken. Die rechte Kunst ist nur diese, welche den höchsten Genuß verschafft.
    (Schiller: Die Braut von Messina, Kapitel 2)

  • A great number of opera lovers are becoming increasingly alienated from an art form that has nourished the spirits and minds generations of people...

    Gut, dass einer der wichtigsten und prominentesten Kulturschaffenden im Bereich der Oper diese Einschätzung untermauert. Je mehr Menschen seines Kalibers diesen Eindruck bestätigen, das sich zahlreiche Operblioebhaber entfremdet (bzw. befremdet) fühlen, desto besser ist es.



    The roles of both stage director and conductor are essentially custodial, bringing into play only those actions which heighten and make clearer the intentions of librettist and composer, actions which at every turn must respect and honor the librettist and the composer. To do otherwise is to pervert and despoil the work of masters. The egos of stage director and conductor (and his/her psychological problems) are never ever to come into play.


    An opera stage is not a psychiatrist's couch.

    Diese Worte sind so wahr, dass sie in Stein gemeißelt werden sollten. Ich übersetze:


    "Die Rollen sowohl des Regisseurs als auch des Dirigenten sind im Wesentlichen bewahrender Natur, wobei sie nur die Handlungsabläufe zur Aufführung bringen, welche die Intentionen des Librettisten und des Komponisten unterstreichen und verdeutlichen, Handlungsabläufe, welche zu jeder Zeit von Respekt und Ehrerbietung dem Librettisten und dem Komponisten gegenüber geprägt sein müssen. Etwas anderes als das zu tun, bedeutet, das Werk der Meister zu pervertieren und zu plündern. Die Egos des Regisseurs und des Dirigenten (und deren psychologischen Probleme) sollten niemals Teil der Aufführung sein.


    Eine Opernbühne ist kein Therapiesofa."


    Bravo, Maestro!


    Vor allem der Respekt vor dem Werk anderer, insbesondere des Librettisten, scheint mir eine wichtige Komponente zu sein, die niemals der verkrampften Pseudo-Originalität und ikonoklastischen Neuerungswut zum Oper fallen sollte.

  • Prinzipiell haben Wir hier bei Tamino seit Jahren dasselbe geschrieben.
    Interessanterweise wurde dann gelegentlich behauptet, derartiges schade der "Reputation" des Forums -
    darüber konnte ich allerdings nur lachen.
    Auffällig ist, daß, nachdem wir uns lange Zeit in dieses Thema geradezu verbissen haben, die ersten Reaktionen zu vernehmen sind. Auffällig dabei ist nur, daß es stets Künstler sind, die derart gut abgesichert sind, daß ihnen die Regietheaterlobby (ich vermeide das andere Wort dafür) nichts anhaben kann. Dennoch auch von unserer Seite Dank an Maestro Lorin Maazel.


    Es zeichnet sich seit geraumer Zeit ein allmähliches Umdenken ab, das sich immer öfter aus den Medien-welcher Art auch immer herauslesen lässt.


    Tamino hat hier sicher mit Pionierarbeit geleistet, ach wenn einige das nicht so sehen.
    Natürlich erreicht ein Internet Spezialforum nicht jene Anzahl an Personen, wie beispielsweise Tageszeitungen oder Fernsehen - ABER es erreicht die ZIELGRUPPE PUNKTGENAU


    Interessanterweise sind es immer jene Threads, von denen behauptet wird, sie wären nicht gut für die Aussendarstellung Taminos, die die höchsten Einschaltquoten aufweisen.


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    Offensichtlich ist die Außenwirkung unseres Forums stärker als gemeinhin behauptet wird.
    Denn vor 5 Jahren waren wir noch die "einsamen Rufer in der Wüste" :baeh01:


    Mögen sich noch viele Persönlichkeiten des Musiklebens gegen das Regietheater
    einsetzen.
    Angeblich - das ist die neueste Strategie - gibt es das Regietheater ja überhaupt nicht.
    Schön, das zu hören.
    Und ich freue mich persönlich auf den Tag an dem ich diese Aussage bestätigen kann :)


    mit freundlichen Grüßen aus Wien
    Alfred

  • Auch die Opernkritiker der WAZ fangen an, sich vom Regietheater zu distanzieren. So erschien heute eine Kritik über den Zemlinsky-Doppelabend an der Rheinoper, wobei "Eine florentinische Tragödie" komplett verrissen wurde, gerade wegen der Regie.

    Ihr absolviert diese Stelle wie ein Intercity auf einer schwer zu nehmenden Weiche (mein verstorbener Chordirigent Johannes Glauber aus Essen)

  • Der ständige Einsatz im Tamino-Forum für werkgetreue Inszenierungen hat Auswirkungen. beschleunigt und verstärkt den in Gang gekommenen Umdenkungsprozess. Wobei ich mir abgewöhnt habe, pauschal vom "Regietheater" zu sprechen - denn Regie ist egal in welcher Forum bei jeder Aufführung notwendig, es kommt entscheiden auf das WIE diese gemacht wird an. -. Ich verwende gerne die Bezeichnung "Provokationstheater", eine Begrifflichkeit, die übertreibende, verunstaltende Regie - also das was wir mehrheiltich ablehnen und ändern wollen - genau trifft.
    Bei den Künstlertreffen der Gottlob-Frick-Gesellschaft stehen Diskussionen über zeitgemäßes Opernschaffen fast immer auch auf dem Programm. Es ist erstaunlich und erfreulich, mit welcher Offenheit und Schärfe unsere Gäste aus dem künstlerischen Bereich die Auswüchse und Fehlentwicklungen benennen. Allerdings - und hier hat Alfred wieder einmal recht - sind es in der Regel, die großen Alten, die keine Repressalien mehr zu befürchten haben, die sich engagiert äußern,deren Meinungen aber immer noch viel Gewicht haben. So ist z. B. der weltberühmte Bariton Bernd Weikl, selbst erfolgreicher Regisseur, einer der intellektuell glänzendsten Kritiker solcher Fehlentwicklungen. Eine seiner Stärken ist, dass er nicht nur angreift, sondern immer auch fundierte Wege zur Verbesserung benennt. In dieser Art sollte die Auseinandersetzung geführt werden: Deutliche, nachvollziehbare Beschreibung der für falsch empfundenen Situation, durchaus mit Attacke, danach aber konstruktive Verbesserungsvorschläge. Dabei aber Totschlagargumente und Verbalinjurien tunlichst vermeiden.


    Herzlichst
    Operus

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • Lieber Dr. Pingel,


    könnte der erwähnte WAZ-Artikel mit einem Link eingestellt werden ?
    Auch eine Gesamtübersetzung des englischen Textes der Aüßerungen von Lorin Maazel wäre hilfreich. ( Diese Bitte geht an alle "Englisch Perfekten") Danke.


    Herzlichst
    Operus

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • Hier eine sinngemäße Übersetzung, sicher mit der heißen Nadel gestrickt, aber vielleicht doch den Kern treffend:


    Opernaufführungsirrsinn


    Eine große Zahl von Opernliebhaber wird zunehmend entfremdet von einer Kunstform, die Nahrung für Seele und
    Verstand von Generationen von Menschen war:


    Oper, die höchste Fusion von Gesang und Klang, Worten und Phantasie, eine Körper- und Seelensprache mit keiner
    anderen vergleichbar in ihrer Breite und Tiefe der Gedanken und Emotionen.


    Auch auf das Risiko hin, dass Naheliegende zu sagen, das Langweilige zu postulieren, erlaube ich mir das Thema der Inszenierung und musikalischen Interpretation einer Oper unter Anwendung von Logik und Vernunft anzugehen.


    Die Oper ist ein Gesamtkunstwerk, d.h. eine künstlerische Schöpfung, welche die Elemente Musik, Drama, Spektakel, Tanz, Sprache, Moral, Kostüme, Körpersprache zusammenbringt sowie alle anderen Aspekte zu jedem Zeitpunkt der zu erzählenden Geschichte so wie es in Musik gesetzt wurde.


    Der Librettist erzählt die Geschichte, setzt sie in eine bestimmte Zeit, einen kulturellen und sozialen Kontext. Der Komponist findet den geeigneten Klang, die richtige Phrasenwendung, das thematische Material um seine/ihre Interpretation der Gefühle, die in der Geschichte ausgedrückt werden, zu projizieren. Die Aufgabe des Regisseurs ist es, in überzeugender Weise die Essenz der Geschichte, wie sie durch den Komponisten interpretiert wurde, herauszuarbeiten. Die Aufgabe des Dirigenten ist es, die Implikationen der Musik in sinnvoller und vibrierender Weisen zum Leben zu erwecken.


    Die Rolle sowohl des Regisseurs als auch des Dirigenten sind im Prinzip die eines Hüters/ Verwalters und sollte nur
    Aktionen beinhalten, die die Intentionen von Librettist und Komponist vertiefen und klarer machen. Diese Aktionen haben in jedem Fall den Librettisten und Komponisten zu respektieren. Wenn man dies nicht tut, pervertiert und ruiniert man Meisterwerke. Die Egos von Regisseure und Dirigenten inclusive ihrer psychischen
    Probleme haben hier nichts zu suchen.


    Eine Opernbühne ist keine Psychiatercouch.

  • Lieber operus,


    Deinen Ausführungen und Deinem Plädoyer für eine konstruktive Kritik kann ich gerne zustimmen.


    Überhaupt möchte ich an dieser Stelle einmal ein Bekenntnis zum Künstlertum und zur künstlerischen Freiheit ablegen, und zwar als jemand, der ebenfalls dem"Provokationstheater" wie Du es treffend bezeichnest, nicht gerade zugeneigt ist.


    Kunst entsteht meiner Auffassung nach immer innerhalb von Begrenzungen. Man braucht ja im Leben immer irgendwie eine Form, wenn man etwas erkennen will.
    Eine französische Suite, ein Ricercar, eine Sonate, eine Symphonie, eine Messe, selbst die Zwölftontechnik.....es gab so viele Formen, an die ein Komponist sich durch die klassische Musikgeschichte hindurch halten musste. Innerhalb dieser Begrenzungen wurde Grossartiges geschaffen. Auch im (Mainstream)-Jazz ist das Leadsheet eine Formvorgabe, also die Akkordprogressionen (Changes) oder die Festlegung, ob z.B. die Achtel binär oder ternär (swing) gespielt werden sollen. Im Rockbereich ist es ganz ähnlich, ebenso beim Gospel, Soul....sogar im Trancegenre gibt es formale Elemente, die zu beachten sind, z.B. die Bassdrum muss irgendwann auf den Vierteln pumpen (four on the floor....)


    Trotz aller formalen Begrenzungen gab es doch in den wenigen von mir genannten Beispielen immer wieder enorme Freiheiten für den künstlerischen Ausdruck.
    Auch eine klassische Partitur ist ja so eine Art Auftrag und Begrenzung.
    Niemand könnte dahergehen und im Sinne der künstlerischen Freiheit den Beginn der 5. von Beethoven verduren, also in C-Dur spielen. Das wäre in der Tat entstellend, provozierend und nicht mehr ernstzunehmen, jedenfalls so lange auf dem Programmzettel noch "Beethoven" steht.
    Dennoch gibt es im Bereich dieser Symphonien ja von Furtwängler bis Järvi ganz enorme Interpretationsunterschiede, wie wir ja alle wissen. Über die Ergebnisse kann man sehr geteilter Meinung sein. Dennoch kam keiner dieser Dirigenten auf die absurde Idee, den ersten Satz der 5. in Dur zu spielen, oder ihn als Walzer umzuarrangieren.... ;-)


    Die "Männer von Brabant" als Ratten herumlaufen zu lassen, wäre für mich aber schon so eine absurde Grenzüberschreitung, für die ich von der Partitur und vom Libretto her keine vertretbare Begründung erkennen kann. Ein Kunstwerk, dass die Überschrift "Wagner" verdient, war das in meinen Augen nicht mehr wirklich.


    Bei der Opernregie will - so glaube ich- kaum jemand, dass die Vorgaben derart sklavisch abzuarbeiten wären, dass man am Ende immer annähernd die gleiche Aufführung erlebt, egal ob man sich die Oper nun in Wien oder Frankfurt anschaut. Ich jedenfalls will das nicht. Gerade weil ich mich sehr für die Freiheit der Kunst und für das wirkliche Künstlertum einsetze, meine ich, dass der Opernregisseur seine Vorstellungen entwickeln und verwirklichen darf und muss, jedoch innerhalb eines gewissen Rahmens, der gar nicht einmal derart detailliert und streng sein muss, wie es bei einer Orchesterpartitur der Fall ist. Hier kann er sich als Künstler beweisen. Die Gleichung Provokation = Kunst stimmt so nicht.
    Das Werk als Gesamtkunsterlebnis (bestehend aus Musik und Bühne) gibt m.E. den begrenzenden Rahmen selbst vor.


    Deswegen muss auch ich "leider" den Ausführungen des Maestros Maazel zustimmen.
    "Leider" in diesem Fall aber nur deshalb, weil er sich vor einiger Zeit mit seinen musikalischen Möglichkeiten ausgerechnet für den FCB stark gemacht hat. Ich hingegen bin ja nun ein Anhänger des BVBs.....;-)
    Ansonsten schätze ich diesen hochkompetenten Mann ja sehr, unter anderem auch seine schulmässige Schlagtechnik.


    Gruss
    Glockenton

  • Lieber Dr. Pingel,


    könnte der erwähnte WAZ-Artikel mit einem Link eingestellt werden ?
    Auch eine Gesamtübersetzung des englischen Textes der Aüßerungen von Lorin Maazel wäre hilfreich. ( Diese Bitte geht an alle "Englisch Perfekten") Danke.


    Herzlichst
    Operus


    http://nachrichten.rp-online.d…t-nur-der-zwerg-1.3471878


    Grüße

  • Bravo, Maestro! Ich muss ja sagen, dass ich als eingefleischter BVB-Fan, was Maazel betrifft, durch sein fragwürdiges Dirigat der Bayern-Hymne im Bayern-Trikot (!) ein wenig verstört war, aber diesen Äußerungen kann man nicht genug zustimmen. :thumbup:


    Glockenton schrieb:

    Zitat

    Bei der Opernregie will - so glaube ich- kaum jemand, dass die Vorgaben derart sklavisch abzuarbeiten wären, dass man am Ende immer annähernd die gleiche Aufführung erlebt, egal ob man sich die Oper nun in Wien oder Frankfurt anschaut. Ich jedenfalls will das nicht.


    Das ist ein Irrtum! Ich gehe mit dir jede Wette ein, dass es auch vor der Regisseurdiktatur keine zwei Aufführungen einer Oper gegeben hat, die sich völlig geglichen hätten. Wenn ich aber in die Oper gehe, um Rigoletto zu sehen, dann will ich Rigoletto sehen, weder eine "Lesart", noch eine "Deutung", sondern die - gekonnt umgesetzten - Anweisungen des Librettos. Mit "sklavisch" hat das absolut nichts zu tun, sondern viel mehr mit handwerklichem Können.


    Du hast es einige Zeilen vorher absolut treffend formuliert:


    Zitat

    Kunst entsteht meiner Auffassung nach immer innerhalb von Begrenzungen. Man braucht ja im Leben immer irgendwie eine Form, wenn man etwas erkennen will.
    Eine französische Suite, ein Ricercar, eine Sonate, eine Symphonie, eine Messe, selbst die Zwölftontechnik.....es gab so viele Formen, an die ein Komponist sich durch die klassische Musikgeschichte hindurch halten musste. Innerhalb dieser Begrenzungen wurde Grossartiges geschaffen.


    Genau, innerhalb der Begrenzungen wurde Großartiges geschaffen, weil deren Urheber großartig waren.

    "Tatsachen sind die wilden Bestien im intellektuellen Gelände." (Oliver Wendell Holmes, 1809-94)

  • Das ist ein Irrtum! Ich gehe mit dir jede Wette ein, dass es auch vor der Regisseurdiktatur keine zwei Aufführungen einer Oper gegeben hat, die sich völlig geglichen hätten. Wenn ich aber in die Oper gehe, um Rigoletto zu sehen, dann will ich Rigoletto sehen, weder eine "Lesart", noch eine "Deutung", sondern die - gekonnt umgesetzten - Anweisungen des Librettos. Mit "sklavisch" hat das absolut nichts zu tun, sondern viel mehr mit handwerklichem Können.


    Ich kann hier eigentlich keinen allzu grossen Abstand zwischen unseren Standpunkten sehen. Wie ich ja versuchte auszuführen, will auch ich in einem Konzert, bei dem Beethoven auf dem Programm steht, auch Beethoven hören, d.h. die Musiker sollen auf jeden Fall erst einmal die Noten spielen, die der Komponist vorgab.
    Allerdings werde ich in diesem Leben wohl niemals ein Beethoven- (oder Bach oder oder....)Konzert erleben, dass nur "der reine Beethoven" (usw.) ist.
    Eine Lesart muss ich nicht nur hinnehmen, weil es ja gar nicht anders geht, sondern ich interessiere mich ja auch dafür, verschiedene Lesarten kennenzulernen. Wenn sie gut und in sich stimmig sind, hat jede von ihnen mehrere Wahrheiten anzubieten, die sich nicht gegenseitig ausschliessen müssen. Beim Musizieren von Fremd- oder Eigenwerken gibt es nicht nur eine Wahrheit - das ist ja auch das Schöne an der Sache. Wenn man selbst in der Sache drinsteckt und spielt, dann gibt es in der Tat nur eine Wahrheit. Je tiefer man in dem Stück ist, desto falscher findet man eigentlich jede andere Interpretation. Nach einigen Jahren kann die eigene Wahrheit aber ganz anders aussehen...


    Und wenn die Musikhörer hier bei Tamino sich die Xte-Gesamtaufnahme der 9 Symphonien zulegen, dann doch wohl deshalb, weil sie darauf gespannt sind, wie die jeweiligen Dirigenten den Beethoven sehen bzw. dessen Notentext deuten.
    Die Färbung durch den Interpreten liegt also immer im System. Ein Komponist spielt selbst ein das dasselbe Stück im Laufe seines Lebens jedesmal auf eine andere Art und Weise. Wenn viel Zeit dazwischenliegt, kann das sehr unterschiedlich sein. Jedesmal, wenn er sich z.B. ans Klavier setzt und etwas von ihm selbst spielt, ist er auch sein eigener Interpret.


    Wenn ich nun in einen Lohengrin gehe, dann will ich auch Lohengrin auf der Bühne sehen und nicht irgendein anderes Stück zur herrlichen Musik von Richard Wagner - sehr einig!
    Aber allein im Bühnenbild, in der Art und Weise, wie die Sänger schauspielerisch miteinander interagieren, ihre Mimik, wie sie sich bewegen, wie sie gekleidet sind, wie die Beleuchtung ist, usw. usw. wird es doch immer zwangsläufig auf eine Lesart oder Deutung hinauslaufen (Lesart oder Deutung muss ja nicht automatisch = verfremdend und provozierend sein), selbst wenn die Regisseure bemüht wären, dass Libretto so gut es geht umzusetzen. Ich glaube schon, dass die Handlungsspielräume hier auch innerhalb der durch das Werk selbst entstehenden Grenzen immer noch beträchtlich sind.


    Dafür ist ein Regisseur ja - und auch da stimme ich zu- auf sein Handwerk angewiesen. Aber er braucht aus meiner Sicht eben doch mehr als nur Handwerk: Phantasie, Einfühlungsvermögen, Gehör für die musikalischen Rollendeutungen des Komponisten....uvm.
    Mit anderen Worten: Hier wird wohl auch ein echter Künstler gefragt sein, ähnlich wie in der Musik.


    Ich habe Musiker kennengelernt, die mehr oder weniger Handwerker waren und damit nicht nur brauchbare, auch zunächst sogar sehr beeindruckende Resultate abliefern konnten.
    Neulich hörte ich z.B. eine Triosonate (Orgel) von Bach in einem öffentlichen Vorspiel.
    Der Organist machte alles richtig, was man hinsichtlich Spielweise, Spieltechnik und Registrierung richtig machen kann. Die Spieltechnik war beeindruckend. Und doch fand ich, dass es irgendwie gar nicht lebte. Es fehlte mir einfach eine ganze Menge Kunst, zündende Ideen, ein inneres Bewegtsein, der daraus resultierende, gewisse überspringende Funke, ein tiefergehendes Verständnis, dass jedes Handwerk und jedes Angelernte übersteigt. Ein Mordent oder ein Triller muss im Zusammenhang erfühlt sein, mit einem "gewissen Ohngefähr" gespielt werden. Hier klang es so, dass man hört, dass der fachkundige Professor ihm das Ornament in die Noten eintrug und er es dann deswegen spielte.


    Um von diesem Vergleich wegzukommen:
    Diese künstlerischen Eigenschaften innerhalb der durch das Werk vorgegebenen Begrenzungen wünsche ich mir auch bei einem Opernregisseur, zusätzlich zu seinem unverzichtbaren Handwerk.
    Nicht, um damit sein Ego herauszustellen - auch hier grosse Einigkeit mit Maazel- sondern um dem Verständnis und dem Erlebnis der eigentlichen Aussage des Werkes dienlich zu sein, und zwar im Einklang und nicht im Widerstreit mit der Musik.


    Das Problem bei der ganzen Diskussion ist wohl, die notwendigen Begrenzungen innerhalb derer man künstlerisch wirken kann und soll zu definieren. So einfach und eindeutig, wie eine mathematische Gleichung oder eine militärischer Befehl ist, geht es in der Kunst eben nicht zu, selbst wenn der eine oder andere das gerne so hätte.
    Hierzu müssen Dirigent und Regisseur tief in das Werk eindringen und zusammenfinden. Manche Dirigenten, wie z.B. Karajan (der gerne alles unter Kontrolle hatte, wie bei einem Flugzeug oder Segelboot) haben dann gleich den Dirigenten und den Regisseur in Personalunion verkörpert, um ihre Gesamtsicht des Gesamtkunstwerkes in grosser Homogenität vermitteln zu können.


    Jeder klassische und seriöse Musiker, der auch ein Künstler ist, spielt auch zunächst "nur" was in den Noten steht (oder was er z.B. bei Alter Musik bis Beethoven über die stilistisch passende Wiedergabe einer in einem dürren Notentext chiffrierten Musik gelernt hat) und doch kommen mitunter recht unterschiedliche Resultate heraus, was ich eigentlich sehr gut finde, denn sonst bräuchte man ja diesen Beruf gar nicht mehr erlernen. Künstlerischer Ausdruck ist etwas sehr Menschliches, und wir Menschen sind nun einmal auch verschieden.


    Andererseits ist in der Kunst nicht alles relativ und Ansichtssache, sondern es gibt auch klare Kriterien, die Qualität definieren. Sonst bräuchte man sich um diesen Begriff der "Qualität" ja gar nicht mehr zu scheren, denn schon im Wortsinn steckt die Aussage, dass da etwas Messbares vorhanden ist, was eindeutig besser oder schlechter sein kann, als andere, vergleichbare Resultate. Wäre das nicht so, bräuchte man weder Aufnahme- noch Eksamensprüfungen. Äussert man solche Einsichten, dann macht man sich jedoch nicht nur Freunde.
    Aber das ist ein anderes Thema...


    Gruss
    Glockenton

  • Herzlichen dank an Lutgra und Harald für die rasche Hilfe.


    Herzlichst
    Hans

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • Die Färbung durch den Interpreten liegt also immer im System. Ein Komponist spielt selbst ein das dasselbe Stück im Laufe seines Lebens jedesmal auf eine andere Art und Weise. Wenn viel Zeit dazwischenliegt, kann das sehr unterschiedlich sein. Jedesmal, wenn er sich z.B. ans Klavier setzt und etwas von ihm selbst spielt, ist er auch sein eigener Interpret.
    Wenn ich nun in einen Lohengrin gehe, dann will ich auch Lohengrin auf der Bühne sehen und nicht irgendein anderes Stück zur herrlichen Musik von Richard Wagner - sehr einig!
    Aber allein im Bühnenbild, in der Art und Weise, wie die Sänger schauspielerisch miteinander interagieren, ihre Mimik, wie sie sich bewegen, wie sie gekleidet sind, wie die Beleuchtung ist, usw. usw. wird es doch immer zwangsläufig auf eine Lesart oder Deutung hinauslaufen (Lesart oder Deutung muss ja nicht automatisch = verfremdend und provozierend sein), selbst wenn die Regisseure bemüht wären, dass Libretto so gut es geht umzusetzen. Ich glaube schon, dass die Handlungsspielräume hier auch innerhalb der durch das Werk selbst entstehenden Grenzen immer noch beträchtlich sind.


    Das glaube ich auch! Jeder, der ein Stück spielt, "deutet" es im Moment des Spielens, egal ob bewusst oder unbewusst. Genau diese persönliche Note ist es, die verschiedene Interpretationen interessant macht. Aber eine persönliche Note entsteht durch eine intensive Beschäftigung mit dem Stück und setzt natürlich technisches Können voraus. Die Prämisse dabei ist aber, alle Spielanweisungen so gut und genau wie möglich umzusetzen. Selbstverständlich wird es auf dieser Welt keine zwei Musiker geben, die unter einem Andante dasselbe verstehen, aber jeder wird wissen, dass ein Andante kein Presto ist. Spielt er es doch so, wird er - zu Recht - gerügt.


    Zitat

    Dafür ist ein Regisseur ja - und auch da stimme ich zu- auf sein Handwerk angewiesen. Aber er braucht aus meiner Sicht eben doch mehr als nur Handwerk: Phantasie, Einfühlungsvermögen, Gehör für die musikalischen Rollendeutungen des Komponisten....uvm.


    Diese Eigenschaften machen das Handwerk eines guten Regisseurs aus - neben technischem Wissen über Lichteffekte, Mehrsprachigkeit und musikgeschichtlichen Kenntnissen. Besonders dein letzter Punkt - Gehör für die musikalischen Rollendeutungen des Komponisten - ist von höchster Bedeutung.


    Zitat

    Ich habe Musiker kennengelernt, die mehr oder weniger Handwerker waren und damit nicht nur brauchbare, auch zunächst sogar sehr beeindruckende Resultate abliefern konnten.
    Neulich hörte ich z.B. eine Triosonate (Orgel) von Bach in einem öffentlichen Vorspiel.
    Der Organist machte alles richtig, was man hinsichtlich Spielweise, Spieltechnik und Registrierung richtig machen kann. Die Spieltechnik war beeindruckend. Und doch fand ich, dass es irgendwie gar nicht lebte.


    Gut, aber das ist dein persönlicher Eindruck, der von anderen Zuhörern ganz anders gesehen werden kann. Woran erkennst du denn, dass der Organist das Stück "lebt"?


    Zitat

    Es fehlte mir einfach eine ganze Menge Kunst, zündende Ideen, ein inneres Bewegtsein, der daraus resultierende, gewisse überspringende Funke, ein tiefergehendes Verständnis, dass jedes Handwerk und jedes Angelernte übersteigt.


    Auch das ist ein sehr persönlicher Eindruck. Wie sollte denn das "innere Bewegtsein" ausschauen oder sich anhören?



    Zitat

    Das Problem bei der ganzen Diskussion ist wohl, die notwendigen Begrenzungen innerhalb derer man künstlerisch wirken kann und soll zu definieren. So einfach und eindeutig, wie eine mathematische Gleichung oder eine militärischer Befehl ist, geht es in der Kunst eben nicht zu, selbst wenn der eine oder andere das gerne so hätte.


    Mit Militär oder Mathematik hat das nichts zu tun. Es würde schon genügen, wenn der Librettist einer Oper nicht als austauschbare Variable betrachtet würde, dessen Ideen keinerlei Relevanz mehr haben.


    Zitat

    Hierzu müssen Dirigent und Regisseur tief in das Werk eindringen und zusammenfinden. Manche Dirigenten, wie z.B. Karajan (der gerne alles unter Kontrolle hatte, wie bei einem Flugzeug oder Segelboot) haben dann gleich den Dirigenten und den Regisseur in Personalunion verkörpert, um ihre Gesamtsicht des Gesamtkunstwerkes in grosser Homogenität vermitteln zu können.


    Was zumindest bei Karajan auch absolut keine schlechte Idee war.


    Zitat

    Jeder klassische und seriöse Musiker, der auch ein Künstler ist, spielt auch zunächst "nur" was in den Noten steht (oder was er z.B. bei Alter Musik bis Beethoven über die stilistisch passende Wiedergabe einer in einem dürren Notentext chiffrierten Musik gelernt hat) und doch kommen mitunter recht unterschiedliche Resultate heraus, was ich eigentlich sehr gut finde, denn sonst bräuchte man ja diesen Beruf gar nicht mehr erlernen. Künstlerischer Ausdruck ist etwas sehr Menschliches, und wir Menschen sind nun einmal auch verschieden.


    Richtig, und der beste künstlerische Ausdruck ist der, der auf natürliche Weise erzeugt wird - ganz einfach durch die natürliche Verschiedenheit der Interpreten. Wie sollte es auch möglich sein, dass zwei Künstler exakt dieselbe Interpreation abliefern, wenn sich nicht einmal die Regenbogenhaut ihrer Augen oder die Fingerabdrücke gleichen. Sehr problematisch finde ich es allerdings, wenn man im Konzert spürt, dass der Interpet hier etwas auf Biegen und Brechen in das Stück hineininterpretieren will, was teilweise auch schon äußerlich an unerträglichem Gehampel während des Vortrags deutlich wird.


    Zitat

    Andererseits ist in der Kunst nicht alles relativ und Ansichtssache, sondern es gibt auch klare Kriterien, die Qualität definieren. Sonst bräuchte man sich um diesen Begriff der "Qualität" ja gar nicht mehr zu scheren, denn schon im Wortsinn steckt die Aussage, dass da etwas Messbares vorhanden ist, was eindeutig besser oder schlechter sein kann, als andere, vergleichbare Resultate. Wäre das nicht so, bräuchte man weder Aufnahme- noch Eksamensprüfungen. Äussert man solche Einsichten, dann macht man sich jedoch nicht nur Freunde.


    Also meine Freundschaft kannst du mit solchen Äußerungen ganz leicht gewinnen. ;)

    "Tatsachen sind die wilden Bestien im intellektuellen Gelände." (Oliver Wendell Holmes, 1809-94)

  • Auch ich finde den Beitrag von Glockenton sehr zutreffend.


    Ein Konzertstück ist aber gegenüber einer Oper etwas völlig anderes. Ein Dirigent, ein Pianist, ein Geiger wird immer Beethovens Noten spielen. Bei jeder Interpretation wird der kundige Hörer immer eines sein: Hörer. Er wird vielleicht das Kleid einer Solistin oder die Schuhe eines weiblichen Orchestermitgliedes als optisches Beiwerk betrachten. Aber entscheidend im Konzert ist die akustische Wirkung (aich bei einer CD ist das so).


    Im Opernhaus - auch da gebe ich Glockenton völlig recht - kommen die optischen Wirkungen hinzu. Und da können Bühnenbildner, Maskenbildner, Regisseur ein Stück so entstellen, daß man nur durch die akustischen Reize erkennen kann, um welches Stück es sich handelt (auch da nicht mehr immer). Wir alle hier im Forum, die Maazels Aussagen abstrichlos befürworten, wollen auch auf der Bühne sehen und hören, was gerade gegeben wird. Dabei ist es egal, ob einer den Auftritt von rechts oder links hat, aber es ist nicht egal, welche Kleidung er trägt, welche Kulissen den Hintergrund bilden und was für Requisiten benutzt werden.


    Es bleibt nur zu wünschen, daß nun endlich noch mehr Prominenten der Kragen platzt und die Umsetzung von peinlichen, entstellenden und zerstörenden Arbeiten auf der Theaterbühne anprangern oder sogar verweigern. Wenn Tamino dazu beigetragen hat, bin ich stolz, dazuzugehören!!


    La Roche

    Musik ist eine heilige Kunst - Hugo von Hofmannsthal. Aussage des Komponisten aus der Oper "Ariadne auf Naxos" mit der Musik von Richard Strauss.


  • Wir alle hier im Forum, die Maazels Aussagen abstrichlos befürworten, wollen auch auf der Bühne sehen und hören, was gerade gegeben wird. Dabei ist es egal, ob einer den Auftritt von rechts oder links hat, aber es ist nicht egal, welche Kleidung er trägt, welche Kulissen den Hintergrund bilden und was für Requisiten benutzt werden.


    Was soll man da noch ergänzen oder sagen, lieber La Roche. Da gibt es nichts mehr zu sagen. Genau so ist es. Du triffst es mit Deiner Aussage auf den Punkt.
    Ich hatte es an anderer Stelle vor einiger Zeit schon mal im Forum erwähnt, selbst wenn ich nicht auf den Abendspielplan geschaut hätte, wenn ich Ohrstöpsel in den Ohren gehabt hätte, beim Öffnen des Vorhangs wußte ich, welche Oper jetzt gespielt wird. So war das früher. Beim Rigoletto voriges Jahr in der Semperoper, hätte ich das allerdings nicht mehr sagen können. Auch nicht bei der "Bahnhofsuhr- Traviata" aus Salzburg! Leider könnte man die Beispiele noch lange fortführen.


    Mit Kampfesgruß
    CHRISSY

  • Der widerwärtige Blog Parterre von James Jordan alias Il Cieco hat bereits begonnen, gegen Maazel zu hetzen, wie er es bereits gegen Piotr Beczala getan hat. Da kann man fast die Uhr danach stellen. Diese RT-Mafia ist fast niedlich....

  • Der widerwärtige Blog Parterre von James Jordan alias Il Cieco hat bereits begonnen, gegen Maazel zu hetzen, wie er es bereits gegen Piotr Beczala getan hat. Da kann man fast die Uhr danach stellen. Diese RT-Mafia ist fast niedlich....


    Wer kennt diesen James Jordan? Ich glaube, Maazels Wirkungsmächtigkeit ist doch etwas größer. :D


    LG
    Joseph

  • Opera Staging Madness (Part Two)
    In Part One of my comment regarding the Philistinism of some present day opera staging concepts,
    I wrote: ‘The roles of both stage director and conductor are essentially custodial.’ ‘Custodial’ challenges, does not restrict, the fantasy of Stage and Music Director.
    Two examples: the first, Giorgio Strehler’s 1980 production at La Scala of Verdi’s Falstaff…end of Scene Four when a gigantic laundry basket, presumably containing Falstaff hiding and suffocating inside, is dumped over a restraining barrier into the river Thames.
    In a whimsical stroke of staging genius, Giorgio had a huge wave wash over the stage three seconds after the laundry basket “hit” the river! (Never mind that at least one performance, the water flowed over the raked stage into the orchestra pit!). Sheer staging heaven, this! No need to turn Shakespear’s jocund reveler Falstaff into a retired sumo wrestler at a Caracas brothel.
    The second example: Keita Asari’s now legendary staging in 1986 at La Scala of Madame Butterfly. About an hour before the opera began, a Japanese country-style house could be seen being ‘constructed” authentically block by block, rock garden and all. At precisely 7pm, the lights dimmed, the conductor (me at the time) walked out, bowed and gave the down beat.
    The audience has been imperceptibly drawn into the timelessness of an ancient culture. Cio-Cio San’s suicide was staged with a delicacy that brought tears to my eyes at every performance: no disembowelment, simply a gentle poke of her fan, which seemed to release a vermilion carpet that slowly unravelled over twenty feet of stage….her life’s blood.
    Now THAT’S staging genius.
    No need to desecrate the refinement of a tender soul in a fragile ancient culture and given soul-life by Puccini by casting Butterfly as a hash-slinger in a San Diego diner.


    Opera Staging Madness (Part Three)
    by Lorin Maazel
    What can be done to safeguard an endangered art form?
    If it is believed that an opera audience can be cowed into tolerating any abuse of text and music for fear of seeming to be old-fashioned, conservative, recidivist (who wants to be thought of as not with it, not up to speed, uncool), the manipulators, axe-grinders and mafiosi, given a free hand, cheerfully assault the art form.
    One of the challenges for an opera house General Manager is to sell out the house. The ultimate say-so rests with the audience. If their beloved world of opera is being degraded and ridiculed (not too long ago. a stage director who publicly derided the art form of opera, staged one, with the cast dressed as monkeys), what to do? Boo? Certainly not.
    The singers and musicians do their best under trying circumstances and their work should be respected.
    What then?
    Follow the example of a gentleman who, after the First act of a Shakespeare play presented at an international festival and directed by someone who proudly said he had never read one and engaged non-professionals to “act”, stood up and said in a ringing voce “George, let’s go”. All but thirty people left the theater.
    You won’t get your money back but if the General Manger reads on Facebook often enough that the Opera House he/she is managing is losing its audience, he/she will soon change course.
    Another suggested action is pre-emptive in nature:
    if you read that a new production at your favorite opera house will be given of La Boheme set in a Nepalese fish market with the Sex Pistols in the orchestra pit conducted by Sarah Palin, don’t go.
    - Lorin Maazel

  • Ich erlaube mir, eine Rohübersetzung vorzulegen:


    "Was kann man tun, um eine bedrohte Kunstform zu retten?
    Wenn der Glaube vorherrscht, dass die Zuschauer einer Oper dahingehend eingeschüchtert werden können, dass sie jedweden Missbrauch von Text und Musik tolerieren, aus Angst, dass man sie für altmodisch, konservativ, reaktionär halten könnte (wer möchte schon für nicht zeitgemäß, rückschrittlich und uncool gehalten werden?), dann werden die Intriganten und Mafiosi, die bereits ihre Äxte schleifen, fröhlich die Kunstform attackieren, sofern man ihnen freie Hand lässt. Eine der Herausforderungen für den Leiter eines Opernhauses besteht darin, ein ausverkauftes Haus zu erzielen. Letztendlich hat das Publikum die Entscheidungsgewalt darüber. Wenn seine heißgeliebte Welt der Oper herabgesetzt und lächerlich gemacht wird, (und es ist noch nicht lange her, dass ein Regisseur öffentlich die Kunstform der Oper herabgesetzt hat, indem er eine Oper auf die Bühne brachte, in der alle Mitwirkenden als Affen verkleidet waren), was soll es tun? Buh rufen? Ganz sicher nicht.
    Die Sänger und Musiker geben ihr Bestes unter den schwierigen Umständen und ihre Arbeit sollte respektiert werden.
    Was dann also?
    Folgen wir doch einfach dem Beispiel eines Gentleman, der, nach dem 1. Akt eines Shakespearstückes, das während eines internationalen Festivals von jemandem inszeniert wurde, der sich damit brüstete, noch nie ein Shakespeare-Stück gelesen zu haben und der nur Laien als “Schauspieler” engagiert hatte, aufstand und mit lauter Stimme sagte. “George, lass uns gehen!” Alle Leute bis auf dreißig verließen das Theater. Sie werden Ihr Geld nicht erstattet bekommen, aber wenn der Generalintendant oft genug auf Facebook liest, dass das Theater, das er leitet, seine Zuschauer verliert, dann wird er seinen Kurs bald ändern.
    Eine andere Maßnahme, die vorgeschlagen wird, ist präventiver Natur:
    Wenn Sie lesen, dass eine neue Produktion von La Boheme in Ihrem bevorzugten Opernhaus gegeben wird, die in Nepal auf einem Fischmarkt spielt und bei der die Sex Pistols unter Leitung von Sarah Palin im Orchestergraben spielen, gehen Sie nicht hin.


    Lorin Maazel"

  • Lieber Don Gaiferos,


    vielen Dank für die Übersetzung. Könntest du eventuell - wenn es deine Zeit erlaubt - auch der Part two übersetzen? Ich habe das früher auch schon hier und da bei englischen oder italienischen Texten gemacht. Viele Taminos, die die Sprache vielleicht nicht so gut beherrschen, sind dir dafür sehr dankbar.


    Liebe Grüße
    Gerhard

    Alle Kunst ist der Freude gewidmet, und es gibt keine höhere und keine ernsthaftere Aufgabe, als die Menschen zu beglücken. Die rechte Kunst ist nur diese, welche den höchsten Genuß verschafft.
    (Schiller: Die Braut von Messina, Kapitel 2)

  • Lieber Gerhard,


    mache ich gerne. Vielleicht kann einer der Mods ja die drei übersetzten Teile wieder zu einem Ganzen zusammenfügen.


    "Teil 2
    Im ersten Teil meines Kommentars über das Philistertum mancher Operninszenierungs-Konzepte heutzutage habe ich geschrieben: ‘Die Rollen sowohl des Regisseurs als auch des Dirigenten sind im Wesentlichen bewahrender Natur’. Etwas zu ‘bewahren’ stellt keine Begrenzung, sondern eine Herausforderung für die Fantasie von Regisseur und Dirigent dar.
    Zwei Beispiele dazu: das erste ist Giorgio Strehlers Produktion an der Scala von Verdis Falstaff im Jahr 1980...am Ende der vierten Szene wird ein gigantischer Wäschekorb, in dem sich vermeintlich Falstaff, nach Luft ringend, versteckt hält, über eine Absperrung in die Themse geworfen.
    In einem skurrilen, genialen inszenatorischen Geistesblitz ließ Giorgio eine riesige Welle über die Bühne schwappen, drei Sekunden nachdem der Wäschekorb in den Fluss“klatschte” (was macht es schon, dass dabei zumindest bei einer Vorstellung das Wasser über die abschüssige Bühne in den Orchestergraben lief!) So etwas ist ein wahres Paradies für den Regisseur! Da braucht man den fröhlichen Zecher Falstaff gar nicht in einen pensionierten Sumoringer in einem Bordell in Caracas zu verwandeln.
    Das zweite Beispiel: Kita Asaris mittlerweile legendäre Inszenierung von Madame Butterfly in der Scala 1986. Etwa eine Stunde vor Beginn der Aufführung konnte man sehen, wie ein japanisches Landhaus ganz authentisch Stein für Stein nachgebaut wurde, mit Steingarten und allem Drum und Dran. Genau um 7 Uhr wurde das Licht gedämpft, der Dirigent (also ich zu jener Zeit) erschien, verbeugte sich und gab den ersten Einsatz.
    Das Publikum wurde unmerklich in die Zeitlosigkeit einer uralten Kultur hineingezogen. Cio-Cio Sans Selbstmord wurde so delikat aufgeführt, dass es mir jede Vorstellung die Tränen in die Augen trieb: es wurden keine Eingeweide aufgeschlitzt, es gab lediglich einen kleinen Stich mit dem Fächer, der scheinbar einen blutroten Teppich entstehen ließ, welcher sich langsam über die 20 Fuß lange Bühne entrollte...ihr Lebensblut.
    Nun, DAS ist eine geniale Inszenierung.
    Es ist überhaupt nicht notwendig, die feine Natur einer zarten Seele in einer fragilen, alten Kultur mit klar vorgegebener Gefühlswelt zu entweihen, indem man sie als Hackfleischbräterin in einem Schnellimbiss in San Diego besetzt."

  • Sehr konkret auch seine Lösungsvorschläge. Buhen hilft nichts, das glaube ich auch. Man sollte einfach öfter die Courage haben, während der Vorstellung aufzustehen und ruhig lautstark sein Missfallen beim Gehen zu bekunden. Wie in Maazels genanntem Beispiel könnte das eine Sogwirkung auslösen. Die Intendanten würden bald schon ihren Kurs ändern (müssen). Und das Präventive ist natürlich auch richtig und wurde hier schon öfter gesagt: Warum geht ihr in Inszenierungen, von denen ihr schon vorher wisst, dass sie euch nicht zusagen werden? Man kann sich heutzutage sehr gut vorab informieren. Ich weiß, dass das viele bei uns ohnehin tun. Aber es müssten wohl noch deutlich mehr werden. Man sollte auch nicht mehr davor zurückschrecken, auch langjährige Abonnements sang- und klanglos zu kündigen.

  • Dem kann ich nur beipflichten. Das Publikum ist oft viel zu höflich und duldsam.
    Ich unterstütze außerdem seine Aussage, dass eine bewahrende Haltung im Sinne der vorgegebenen Oper keine Beschränkung, sondern eine kreative Herausforderung darstellt.

  • Danke für die Übersetzung, so viel Zeit hatte ich heute nicht. Aber ich verfolge diesen thread mit einigem Interesse. Als Neuling bei tamino bin ich ja gleich am Anfang bei der RT-Szene hier etwas angeeckt und habe mich dann auch auf Grund meiner nur begrenzten Erfahrungen in diesem Bereich zurückgezogen. Aber ich finde das Thema inzwischen ganz spannend. Um es gleich zu sagen, ich teile durchaus nicht alle hier vertretenen Ansichten, aber - immerhin - ich kann sie inzwischen nachvollziehen.


    Die Ausführungen von Lorin Maazel haben bei mir zwei Gedanken geweckt.


    Wenn es heute tatsächlich möglich ist, dass Regisseure, die noch nie Shakespeare gelesen haben und auch noch darauf stolz sind, mit Laien (vermutlich Arbeitslosen oder Freigängern*) eines seiner Stück aufführen, warum sollte es dann nicht ebenso möglich sein, mal einen Opernnarren, der die Bühne zwar noch nie von hinten gesehen hat (oder höchstens um Autogramme zu bekommen), aber dafür die Oper in und auswendig kennt, diese auch mal inszenieren zu lassen. So ein Gilbert Kaplan der Operninszenierung, natürlich ohne dessen Vermögen. Das wäre mal ein Experiment, das ich machen würde, wenn mir die Mittel dafür zur Verfügung stünden.


    Der zweite Gedanke:
    Es gibt ja Inszenierungen, die legendär sind, z.B. vermutlich die beiden von Maazel genannten oder die Traviata von Visconti. Wieso gibt es im Operngeschäft eigentlich nicht auch die Tradition, derartige Jahrhundert-Inszenierungen permanent zu erhalten und weiter zu tradieren. Beim Ballett ist das doch inzwischen ganz normal, dass Choreographien von Balanchine oder Neumeier fortleben. Ich habe in New York z.B. mal die Originalchoreographie des "Sacre du Printemps" gesehen, soweit noch rekonstruierbar. Das war hochinteressant, da auch klar wurde, dass nicht nur die Musik für den Skandal verantwortlich war, sondern eben auch die Choreographie. Die Tänzer haben nämlich nicht zum Publikum hin getanzt, sondern im Kreis "nur für sich". Das war für ein Publikum, das etwas wie Schwanensee erwartete, eine Riesenprovokation.


    Also würde ich dafür plädieren, sehr gelungenen Opern-Inszenierungen auch solch einen Status zuzuteilen. Frage auch hier natürlich, wieweit man das im Einzelfall noch rekonstruieren kann. Falls alle diese Gedanken in den unzähligen threads zu diesem Thema schon diskutiert wurden, bitte ich das zu entschuldigen, das kann man einfach nicht alles vorab lesen.



    * Um nicht missverstanden zu werden, Aktionen dieser Art mit Jugendlichen, Arbeitslosen oder Freigängern finde ich sehr lobenswert, aber bitte nicht für ein zahlendes und womöglich vorab nicht informiertes Publikum im Theater.

  • warum sollte es dann nicht ebenso möglich sein, mal einen Opernnarren, der die Bühne zwar noch nie von hinten gesehen hat (oder höchstens um Autogramme zu bekommen), aber dafür die Oper in und auswendig kennt, diese auch mal inszenieren zu lassen.

    Lieber Lutgra,


    das wäre wohl so, als wolle man einen Formel 1 - beigeisterten, 10jährigen Vettel - Anhänger Auto fahren lassen - auch wenn er keinen Führerschein hat. Trotz aller Begeisterung wäre der Unfall vorprogrammiert.
    Oder eine Florence Foster-Jenkins singen lassen. Enthusiasmus hat ihr sicher nicht gefehlt - aber das Können, wollen allein genügt nicht.
    Begeisterung allein ist wohl kein ausreichendes Kriterium für Qualität, obwohl ich Dir gerne konzediere, dass Begeisterung, und die von Maestro Maazel erwähnte Haltung des Respekts vor dem Werk m. E. unabdingbare Voraussetzungen für eine hochqualitative Arbeit sind.

  • Lieber Lutgra,


    das wäre wohl so, als wolle man einen Formel 1 - beigeisterten, 10jährigen Vettel - Anhänger Auto fahren lassen - auch wenn er keinen Führerschein hat. Trotz aller Begeisterung wäre der Unfall vorprogrammiert.
    Oder eine Florence Foster-Jenkins singen lassen. Enthusiasmus hat ihr sicher nicht gefehlt - aber das Können, wollen allein genügt nicht.
    Begeisterung allein ist wohl kein ausreichendes Kriterium für Qualität, obwohl ich Dir gerne konzediere, dass Begeisterung, und die von Maestro Maazel erwähnte Haltung des Respekts vor dem Werk m. E. unabdingbare Voraussetzungen für eine hochqualitative Arbeit sind.

    Warum eigentlich nicht? ich würde das gerne mal machen...Ich denke wer sich an Libretto und Musik hält, KANN gar nichts falsch machen, egal ob Laie oder Profi....

  • das wäre wohl so, als wolle man einen Formel 1 - beigeisterten, 10jährigen Vettel - Anhänger Auto fahren lassen - auch wenn er keinen Führerschein hat. Trotz aller Begeisterung wäre der Unfall vorprogrammiert.

    Na, aber wenn ich Euch hier richtig verstehe, sind ja die Mehrzahl der heute gezeigten RT-Inszenierungen genau solche Unfälle.