Die französische Operette nach Offenbach

  • An Volker Klotz’s Standardwerk „Operette – Handbuch einer unerhörten Kunst“ hat die französische Operette einen nicht unerheblichen Anteil. Klotz stellt neben Offenbach 9 französische Komponisten mit insgesamt 17 Werken ausführlich vor. Bei uns sind die meisten dieser Operetten noch weitgehend unbekannt, was sich auch hier im Forum und im Operettenführer wiederspiegelt. Ich habe mir einige dieser Werke angeschafft und möchte heute einmal damit beginnen, diese in lockerer Folge vorzustellen - beginnend im nächsten Beitrag.


    Uwe

  • Diese Operette wurde 1898 im Théâtre des Bouffes-Parisiens in Paris uraufgeführt , spielt zur Zeit des Bürgerkönigs Louis Phillippe (um 1840) und handelt von der Baronesse Hélene, der von der Königin ein Baron Florestan als Gemahl zugedacht ist, der allerdings einen zweifelhaften Ruf genießt. Sie soll ihn abends beim Ball in den Tuilerien kennen lernen, trifft ihn aber zufällig in einem Blumenladen, wo er gerade seine derzeitige Geliebte, die Gattin des Blumenhändlers, zu einem rauschenden Abschiedsfest am Nachmittag einlädt. Hélène und ihre Tante, welche diese Szene unbemerkt belauschen, beschließen, sich für die offenen zwei Stellen als Blumenverkäuferinen zu bewerben, um das Treiben des zukünftigen Gatten weiter verfolgen zu können. Hélène nimmt dabei den Namen Veronique an.


    In einem Gartenlokal, in welchem neben dem Abschiedsfest zufällig auch noch die Hochzeit des Dieners von Hélène gefeiert wird, kommen sich nicht nur Héléne und Florestan, der das angebliche Blumenmädchen heftig umwirbt, näher. Es gibt daneben noch allerlei andere erotische Verwicklungen, so zwischen der Tante und dem Blumenhändler und zwischen dessen Ehefrau und inzwischen verlassener Geliebten des Florestan und dessen bestellten Aufpasser Baron Loustot. Als es aber für Hélène Zeit wird, auf dem abendlichen Ball zu erscheinen, verschwindet sie mit ihrer Tante eiligst und hinterlässt Florestan einen Abschiedsbrief mit der Empfehlung, er möge sich an seine auserwählte Gattin halten. Florestan, der von seinem Erbonkel zu dieser Heirat erpresst wurde, ist grimmig entschlossen, lieber in das als Alternative angedrohte Schuldengefängnis zu gehen als von seiner Veronique zu lassen.


    Auf dem Ball in den Tuilerien löst sich am Ende alles in Wohlgefallen auf. Der Aufpasser Loustot, ein noch größerer Hallodri als Florestan, dessen bereits verhängte Haftstrafe nur dann erlassen wird, wenn er Florestan dazu bringt, den Heiratskontrakt mit Hélène zu unterschreiben, bringt diesen mit Gewalt aus dem Gefängnis wieder herbei. Florestan will sich auf keinen Fall von irgendeiner feudalen Dame kaufen lassen und ist selbst dann noch wütend, als man ihn darüber aufklärt, dass Hélène und Veronique ein und dieselbe Person sind. In einem letzten Liebesduett mit Veronique/Hélène zerbröckelt sein Stolz und Zorn und er bekennt sich zu seiner Liebe zu ihr.


    Bei Amazon gibt es diese CD,



    angeblich aus dem Jahr 2003 zu einem unverständlichen Preis von € 45,99. Unverständlich vor allem auch deshalb, weil man über Amazon dieselbe CD von anderen Anbietern schon für € 16,05 erhalten kann. Allerdings kauft man die Katze im Sack, denn es werden weder Tracklisting noch Hörproben angeboten.


    Wenn man bei Amazon nochmals unter MP3 sucht, aber nur dann, findet man noch diese CD, die nur als MP3 Download erhältich ist und € 9,89 kostet.



    Ich habe mich aufgrund der Preissituation für diesen Download entschieden. Im Abgleich mit der Beschreibung von Volker Klotz musste ich jedoch feststellen, das auf dieser Aufnahme etliche Titel fehlen. Ich habe dann weiter gesucht und bei musicload diese CD gefunden:



    Durch mühseligen Vergleich habe ich dann nur die Titel heruntergeladen, die mir bei der ersten CD gefehlt haben. Jetzt hatte ich zumindest einmal alle Musiktitel, die Volker Klotz in seinem Kommentar aufzählt (er bespricht ja nicht jeden einzelnen Titel). Beim Googeln habe ich dann auf einer französischen Webseite (http://anao.pagesperso-orange.fr/oeuvre/veronique.html) eine komplette Titelliste gefunden, woraus ich entnehmen konnte, dass mir immer noch ein Duett aus dem 3. Akt „Aux Tuileries“ fehlt , welches auf keiner der beiden vorgenannten CDs enthalten ist. Es ist mir schon öfters aufgefallen, dass man bei französischen CDs nicht sicher sein kann, ob es sich wirklich um eine Gesamtaufnahme handelt. Zu sagen wäre noch, das die CD von musicload eine bessere Tonqualität bietet als die 2. von Amazon.


    Volker Klotz gibt in seinem Buch einen sehr ausführlichen Kommentar über 7 Seiten ab. Mit keiner französischen Operette in der Nachfolge Offenbachs beschäftigt er sich so eindringlich. Einen breiten Raum nimmt, wie immer bei Klotz, der von Haus aus Dramaturg ist, die Betrachtung der Handlung ein. Hier speziell die Tatsache, dass die Autoren der Operette am Ende des 19. Jahrhunderts quasi eine Rückschau auf das gesamt Jahrhundert halten. Die Rückbezüge auf das vergangene Jahrhundert macht Klotz neben Geschichtlichem und Kunsthistorischem auch an, wie er meint, bewusst herbeigeführten szenischen und musikalischen Anspielungen speziell auf Werke von Offenbach aus. Er verwendet dann aber viel Text darauf, die besonderen Qualitäten der Offenbach’schen Vorbilder hervorzuheben um dann zu beschreiben, was , wie und warum es Messager anders macht. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier dem Herrn Klotz ein wenig der Pegasus durchgegangen ist.


    Nach meinem Empfinden kann Messager im direkten Vergleich nur verlieren. Seine Musik ist durchaus gefällig, es fehlt ihr aber meines Erachtens der letzte Tick an Originalität und (wahrscheinlich beabsichtigt) die Art drastischer Komik eines Offenbach.


    Eine Kundenrezension bei Amazon liest sich so:


    Zitat

    Operette Sommermärchen.
    Wer nicht auf dem Hocker sitzt, wird vom Hocker gehauen, diese leichte Operetten Musik kann sich mit Offenbach, Mozart etc. vergleichen.


    Also, vom Hocker gerissen hat’s mich gerade nicht; meinen Vergleich mit Offenbach habe ich beschrieben, aber Mozart? Also, ich weiß nicht… ?( . Leichte Operettenmusik kann ich unterschreiben, aber die ist, wie ich meine, insgesamt auch ein wenig leichtgewichtig. Trotz alledem :thumbup:


    Uwe

  • Lieber Uwe,
    bei mir lief das Werk unter "Opern", und da gibt es ca. ein Dutzend Aufnahmen.
    Ich besitze diese EMI-France-Gesamtaufnahme:


    André Charles Prosper Messager
    V E R O N I Q U E

    Aufnahme: 1987, Studio
    Spieldauer: 96'14
    Dirigent: Jean-Claude Hartemann
    Orchestre de l'Association des Concerts Lamoureux


    Agathe Coquenard: Andrea Guiot
    Evariste Coquenard: Jean-Christophe Benoît
    Hélène de Solanges (Véronique): Mady Mesplé
    La Comtesse Ermerance de Champ d'Azur (Estelle): Denise Benoit
    Le Vicomte Florestan de Valaincourt: Michel Dens
    Loustot: Michel Dunand
    Séraphin: Jacques Pruvost


    Die Aufnahme erscheint mir recht komplett.


    LG

  • bei mir lief das Werk unter "Opern"


    Halllo Harald,


    bei den französichen Werken des Musiktheaters scheint es eine ebenso große Begriffsverwirrung zu geben wie im deutschsprachigen Raum. Das liegt auch daran, dass die Autoren ihre Werke sehr unterschiedlich bezeichnet haben. In Wikepedia kann man das dann beispielsweise so lesen:


    Zitat

    ...und die als Opéra comique bezeichnete Operette Véronique (1898)


    Nein, eine Oper ist das Werk sicherlich nicht, dazu ist die Musik, wie schon erwähnt, zu leichtfüßig.


    LG
    Uwe

  • Messager war ein Opernkomponist, den es reizte, auch Operetten zu schreiben, ebenso wie z.B. Puccini, Bizet, Chabrier, Leoncavallo, Mascagni und Schostakowitsch. Bei mir firmiert er unter Oper (eine separate Operettenliste habe ich nicht).


    [timg]http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/e/e5/Andr%C3%A9_Messager.jpg/220px-Andr%C3%A9_Messager.jpg;l;220;278;*;André Mesager[/timg]Messager, André Charles Prosper, * 30.12.1853 Montluçon (Allier), † 24.2.1929 Paris; französischer Komponist.
    Er studierte an der Niedermeyerschen Kirchenmusikschule in Paris sowie privat bei C. Saint-Saëns, war 1898-1903 Directeur général der Opéra-Comique (wo er 1902 die UA von Debussys Pelleas et Mélisande dirigierte), 1901-06 Artistic Director der London Royal Opera (Covent Garden), 1907-13 Kodirektor der Opéra, ab 1908 Dirigent der Société des Concerts du Conservatoire und 1919/20 wieder Kapellmeister an der Opéra-Comique.
    Er hat sich besonders als Komponist komischer Opern einen Namen gemacht.
    – Werke: Les vins de France und Mignons et vilains (beide 1879); La fauvette du temple und La Béarnaise (beide 1885); Le bourgeois de Calais und Isoline (beide 1887); Le mari de la reine (1889); La basoche (1890); Madame Chrysanthème und Miss Dollar (beide 1893); Mirette (Ldn 1894); Le chevalier d'Harmental (1895); La fiancée en loterie (1896); Les p'tites Michu (1897); Véronique (1898); Une aventure de la Guimard (1900); Les dragons de l'impératrice (1905); Fortunio (1907); Béatrice (Monte Carlo 1914); Monsieur Beaucaire (Birmingham 1919); La petite fonctionnaire (1921); L'amour masqué (1923); Passionément (1926); Coup de roulis (1929).

    [Brockhaus-Riemann Musiklexikon: Messager (c) Schott Musik International]

  • Hallo Harald,


    wenn mich jemand fragt, ob ein musikalisches Werk eine Oper oder Operette sei, so antworte ich: wenn es im Opernführer steht, ist es eine Oper und wenn es im Operettenführer steht, ist es eine Operette.


    Spass beiseite. Ich sehe ein, dass Messager sicher ein Grenzgänger ist. Die Einordnung seiner Werke bleibt schwierig. In Deinen oben zitierten Angaben aus dem Brockmann-Rieman Musiklexikon heißt es nur "Werke" und dann folgt eine Aufzählung dieser Werke ohne weitere Zuordnung.


    Volker Klotz geht ähnlich vor: Er schreibt von etwa "30 verschiedenen Opern und Operetten" und führt dann einige Beispiele auf, ohne irgend eine Differenzierung vorzunehmen. Er beschreibt das Werk "Veronique" in einem Buch über Operetten, bezeichnet dieses aber, wie es auch in Wikipedia angegeben ist, als Opera comique.


    Wir sollten darüber aber keinen "Glaubenskrieg" entfachen.


    LG


    Uwe

  • Lieber Uwe, Lieber Harald,


    danke für die interessanten Informationen. Von den französischen Operetten nach Offenbach hatte ich bisher noch nichts gehört. In einer Hinsicht, lieber Harald, bin ich anders informiert. Puccini reizte es wohl nicht, eine Operette zu schreiben, er soll sich geweigert haben, La Rondine als Operette zu vertonen und hat sie erst dann vertont, als man sie in Lyrische Komödie umbenannt hat. Für mich bewegt sich die Musik der Rondine auch näher an der Oper als an der Operette. Manchmal sind aber die Grenzen recht fließend (u.a. für mich auch bei einigen Operetten von Lehar. Von den französischen Operetten nach Offenbach hatte ich bisher noch nichts gehört.
    Und was du, lieber Uwe, zu Amazon sagst, da wundert mich auch oft, wie unterschiedlich die Preise sind. Da werden Opernaufnahmen im sogenannten "Marketplace" von Amazon neu zwischen 10 und 15 € angeboten, bei Amazon selbst mit bis zum dreifachen Preis (da sind die anderen auch wenn man für jede DVD 3 € Porto und Versand hinzurechnet, selbst wenn man mehrere bei einer Firma des Marketplace bestellt, immer noch um mehr als die Hälfte günstiger) und dieselbe Aufnahme gebraucht hingegen manchmal für 100 € und mehr. eine Preispolitik, die man mit normalen Verstand nicht begreift.


    Liebe Grüße
    Gerhard

    Alle Kunst ist der Freude gewidmet, und es gibt keine höhere und keine ernsthaftere Aufgabe, als die Menschen zu beglücken. Die rechte Kunst ist nur diese, welche den höchsten Genuß verschafft.
    (Schiller: Die Braut von Messina, Kapitel 2)

  • Von den französischen Operetten nach Offenbach hatte ich bisher noch nichts gehört.


    Bekannterweise hat Jacques Offenbach das Feld der französischen Operette beherrscht.
    Daneben pflegten in Frankreich Louis Varney, Robert Planquette, Charles Lecocq, Edmond Audran, später Andre Messager und Reynaldo Hahn die Operette in unserem Nachbarland.
    In früheren Tamino-Zeiten hat es hierzu schon Beiträge gegeben, ich erinnere mich, dass der jüngst verstorbene Rideamus zu diesen Themen seinerzeit einiges geschrieben hat.....


    LG


    Edit: Zufällig gerade ein Beispiel gefunden: Edmond Audran - Der unbekannte Große der französischen Operette

  • Es ist wirklich Zufall, dass ich gerade mit dem Beitrag über diese Operette beschäftigt war, währenddessen Harald seinen Hinweis auf einen früheren Beitrag von Rideamus gebracht hat.


    Ähnlich wie in Veronique geht es in Audrans Operette auch um eine Zwangsehe, allerdings mit umgekehrten Vorzeichen. Die Operette spielt in der Zeit um 1440 während des Krieges um das Königreich Neapel in der Nähe von Aix en Provence. Gillette, die verwaiste Tochter eines berühmten Arztes, derzeit als Straßensängerin unterwegs, hat kürzlich erst dem schwer erkrankten König René eine besondere Arznei überbracht, an der er wieder gesundete und weswegen er ihr zu großem Dank verpflichtet ist. Gillette trifft in dem kleinen Ort den Grafen Roger de Lignolle wieder, den sie von früher her kennt und in den sie verliebt ist. Dieser ist allerdings (wie schon Florestan in Veronique) ein Haudegen, Glücksspieler und Weiberheld. Als der König mit großem Gefolge in den Ort einzieht, will er Gillette jeden Wunsch erfüllen und sie wünscht sich Roger zum Ehemann. Unverzüglich findet die Trauung gegen den Willen des Auserwählten statt. Nach der Hochzeit macht sich der Bräutigam aber sofort aus dem Staube, bzw. zur Ehre seines Königs auf an die Front nach Italien. Seiner Gemahlin hinterlässt er einen Brief (schon wieder eine Parallele zu Veronique), in dem er ihr mitteilt, er werde sie erst dann als rechtmäßige Gattin anerkennen, wenn sie ihm erstens seinen Ring und zweitens einen gemeinsamen Sprössling vorweisen kann.


    Gillette reist ihrem Roger nach Neapel nach. In der Uniform eines Leutnants gibt sie sich als ihren eigenen Zwillingsbruder aus. Roger fällt darauf rein und freundet sich mit dem lustigen Leutnant an. Dieser soll ihm sogar bei der Eroberung der noch spröden Rosita, der verheimlichten Ehefrau des prinzlichen Haushoflehrers, behilflich sein. Gillette verabredet angeblich ein nächtliches Stelldichein zwischen Roger und Rosita, schlüpft aber selbst in die Rolle der zu Erobernden. Im Dunkel der Nacht entlockt sie dem eigenen Gemahl sowohl den Ring als auch die Voraussetzung für seine zweite Forderung. Als am nächsten Morgen das feindliche Heer angreift, macht sich Roger erneut davon, um nach der vorgeblich besiegten Frau nun auch noch den Feind zu schlagen.


    Ein Jahr später soll auf dem Schloss des Grafen Roger das Kind der Gräfin Gillette getauft werden. Der Hausherr selbst ist zunächst nicht anwesend, denn er hat im vorigen Jahr den Feind nicht bezwungen sondern wurde selbst gefangen genommen. König René bringt aber als Taufgeschenk den aus der Gefangenschaft freigekauften Gatten mit. Gillette behandelt ihn vorerst höflich aber kühl, so lange, bis er endlich anbeißt. Jetzt dreht Gillette den Spieß um und verlangt als Preis für eine dauerhafte Verbindung jenen ominösen Ring. Der Graf ist verlegen, hat er ihn doch seinerzeit eingebüßt. Als Gillette ihm dann ein Trinklied vorsingt, das damals ihr angeblicher Zwillingsbruder in jener Nacht gesungen hat und ihm den Ring aushändigt, erkennt der Graf, dass Gillette zusammen mit dem nun schreienden Täufling beide seiner Forderungen erfüllt hat und muss sich erneut geschlagen geben.


    Amazon kann derzeit keine CD zu dieser Operette anbieten, hat sie aber dennoch als „derzeit nicht verfügbar“ noch im „Sucher“ . Der entsprechende ASIN funktioniert hier allerdings nicht.


    Als MP3 Download bietet Amazon aber die gleich Produktion an, kurioserweise ist aber dann die Operette auf 2 CDs verteilt (Volume 1 und Volume 2) und jede davon kostet dann € 9,89.




    Das ist insofern schon sehr außergewöhnlich, denn damit kommt die Gesamtaufnahme auf fast 20,00 € - für einen MP3 Download und eine Produktion aus dem Jahre 1957 ein stolzer Preis. In Ermangelung anderer Alternativen habe ich mir vor einiger Zeit diesen Download aber angeschafft.


    Volker Klotz hebt in seinem Kommentar zur Musik vor allem den Einfluss südfranzösischer Folklore hervor, mit welcher sich Audran, der aus der Provence stammt, schon früh beschäftigt hat und der sich wie in keinem anderen Werk Audrans vor allem in „mitreißenden Rundtänzen, rauhkehligen Soldatenchören […], in Trinkliedern und Spottversen“ ausdrückt. Da ich in südfranzösischer Folklore nicht bewandert bin, kann ich dies natürlich nicht beurteilen. Mir fällt nur eine gelegentlich herbere Melodik auf, wie sie mir auch schon aus einigen Opera comiques geläufig sind, die meinem Empfinden nach gegenüber der nach belcanto strebenden Opera buffa eine etwas rauhere Tonart bevorzugen. Es finden sich aber auch einige für meine Ohren schöne Stücke darunter und insgesamt würde ich diese Operette ähnlich bewerten wollen wie Veronique, nämlich :thumbup:


    Uwe

  • [timg]http://upload.wikimedia.org/wi…ouis_Varney.jpg;l;200;237[/timg]
    Varney, Louis, französischer Komponist und Dirigent, * 30.5.1844 New Orleans, † 20.8.1908 Paris.
    Wurde von seinem Vater, dem Theaterkapellmeister und Komponisten Pierre Varney (1811–79), ausgebildet und begann als Kapellmeister am Pariser Théâtre de L'Athénée, für das er 1876 den Einakter Il signor Pulcinella verfasste.
    Er gehörte ab 1880 zu den erfolgreichsten franz. Autoren leichter Bühnenwerke und schrieb 39 Operetten und Opéras-bouffes, die Offenbachs Leichtigkeit und Witz nachahmen.


    Dazu gehören
    - Fanfan la tulipe (1882),
    - L'amour mouillé (1887).
    Bis heute erfolgreich sind Les mousquetaires au couvent (1880).



    Heute ist sein 105. Todestag.


    LG

  • Hallo Harald,


    danke für diesen Beitrag. Varney ist für mich noch ein völlig unbeschriebenes Blatt. Er kommt in keiner meiner (2) Operettenführer vor; ich bin aber mehr oder weniger durch Zufall beim Erstellen einer Datenbank über Operetten und deren Autoren auf ihn gestoßen. Wikipedia listet ja alle seine 39 Operetten auf, die ich in meine Datenbank übernommen habe. Ein Musikstück von ihm habe ich aber bisher noch nie vernommen.


    :) Uwe

  • Charles Lecocq zählt wohl zu den bedeutendsten Nachfolgern Offenbachs. Sinnigerweise begann seine Karriere als Operettenkomponist, als er sich 1857 den ersten Preis eines von Offenbach ausgeschriebenen Kompositionswettbewerbs zusammen mit Georges Bizet teilte. 12 Kandidaten vertonten das gleiche Libretto „Le docteur miracle“; die Jury konnte sich nicht zwischen Bizet und Lecocq entscheiden und so erhielten beide den ersten Preis. Eine ausführlichere Beschreibung dieses Vorganges befindet sich hier im Forum: im Beitrag 6.


    Den internationalen Durchbruch errang Lecocq dann aber erst mit seiner Operette „Die Tochter der Madame Angot“, die im Jahre 1872 im Théâtre des Fantaisies-Parisiennes in Brüssel uraufgeführt wurde. Es war dies das Jahr nach dem deutsch/französischen Krieg von 1870/71. Offenbach wurde zu diesem Zeitpunkt als deutschstämmiger bereits heftig angefeindet, was möglicherweise den Durchbruch Lecocqs begünstigte.


    Die Operette spielt in den Pariser Markthallen im Jahre 1797, zur Zeit des Direktoriums unter Barras. Dies war die Zeit nach den Terrorjahren Robespierres, als eine besitzbürgerliche Regierung sich nur mühsam gegen Initiativen für soziale Gleichheit einerseits und monarchistische Restaurationsbestrebungen andererseits behaupten konnte. Clairette ist die Tochter des legendären, berühmt berüchtigten Marktweibes Madame Angot. Nach deren Tod wurde sie von allen Markthändlern adoptiert, man hat ihr eine feine Pensionatsausbildung zukommen lassen und danach wurde sie als Blumenhändlerin Teil des Marktgeschehens. Heute nun soll sie den gutmütigen aber biederen Friseur Pomponett heiraten. Verliebt hat sie sich jedoch in das gerade Gegenteil, den windigen, mittellosen Straßensänger Pitou, der reaktionäre Spottlieder auf das Direktorium singt. Clairette möchte darum ihre Hochzeit zumindest noch etwas hinauszögern.


    Der korrupte Finanzier Larivaudiéres (da behaupte mal einer noch, Operetten-Themen seien verstaubt), versucht den Sänger zu bestechen, damit der nicht sein Verhältnis zu der Schauspielerin Mme. Lange in seinen Spottliedern preisgibt, da diese nämlich gleichzeitig die Geliebte des mächtigen Barras ist. Pitou treibt das Schweigegeld in die Höhe bis auf 30.000 Francs und fühlt sich somit in der Lage, Clairette einen Heiratsantrag zu machen. Die vielköpfigen „Stiefeltern“ Clairettes lachen ihn jedoch aus. Als Anhänger Pitous ihn auffordern, sein neuestes Spottlied zu singen, weigert er sich, da er ja das Geld kassiert hat. Clairette, die das Lied bereits auswendig kennt, springt nun ein, singt das Lied, hilft somit, des Sängers neuestes Werk doch noch bekannt zu machen und gleichzeitig sich selbst, denn sie wird nun verhaftet und hat dadurch einen Heiratsaufschub bewirkt.


    Im Salon von Mme. Lange wollen sich reaktionäre Verschwörer versammeln, angeführt von ihr und dem Finanzier. Vor der Versammlung will die Schauspielerin aber das unverschämte Weib sehen, das es gewagt hat, ein Spottlied auf sie und Larivaudiéres zu singen. Als Clairette hereingeführt wird, erkennen die beiden überrascht, dass sie ehemalige Freundinnen aus dem Pensionat sind. Mme. Lange verspricht Clairette, ihr bei deren Liebesnöten zu helfen, ohne zu ahnen, wer denn Clairettes Favorit ist. Denn sie selbst hat ein Auge auf den Sänger geworfen und ihn für heute anonym hierher bestellt. Während Clairette im Hinterzimmer versteckt wird, stürzt Larivaudiéres herein und will von Mme. Lange wissen, was Pitou hier zu suchen hat. Sie macht ihm vor, dass sie diesen nur mit Clairette zusammenbringen wollte. Den Frisör Pomponette, der um Clairette bitten wollte, lässt die Lange kurzerhand verhaften, nachdem er ihr auf ihre Bitte hin die Abschrift des Spottliedes gebracht hatte. Da die Verschwörung verraten wurde und das Haus bereits von Soldaten umstellt wird, veranstalten die Verschwörer kurzerhand eine improvisierte Hochzeitsfeier zur Tarnung ihrer Zusammenkunft.


    Die Markthändler kommen in einem Gartenlokal zu einem festlichen Ball zusammen. Hier muss Clairette ihren vielen Eltern versprechen, die verworrene Heiraterei endlich zu klären. Clairette fädelt zu diesem Zweck eine kleine Briefintrige ein, in der sie einige der Akteure zusammenkommen lässt und sie dabei belauscht. Als sich dabei zeigt, dass es zwischen Pitou und Mme. Lange tatsächlich knistert, ist nicht nur Larivaudiéres empört, der aber nichts dagegen unternehmen kann, sondern Clairette entschließt sich nun endlich doch für den braven Pomponette, der übrigens trickreich aus dem Gefängnis entkommen ist. Pitou, der vorerst das Nachsehen hat, hofft dennoch, dass Clairette eines Tages ihres biederen Ehemannes überdrüssig wird.


    Die Operette spiegelt, trotz des Happy Ends in der scheinbaren Manier der überkommenen Besserungsstücke, ein interessantes Sittengemälde, in der drei Gesellschaftsschichten gegenübergestellt werden. Die aufkommende Bürgerschaft, die von den derzeitigen Machtverhältnissen einerseits profitiert und aber sich auch gleichzeitig dagegen verschwört, die reaktionäre Adelsklasse, die sich in Person des Sängers Pitou gegen Geld verkauft und die Unterschicht der Marktleute, ebenfalls anfechtbar durch das Bestreben, gesellschaftlich aufzusteigen.



    Amazon verlangt einmal wieder viel Geld für die CD, nämlich € 43,99, dafür gibt es sie von anderen Anbieter wieder für € 11,20. Hier hat Amazons „Roboter" scheinbar wieder einmal nicht aufgepasst.



    Bei jpc bekommt man diese dafür schon für € 9,99



    Und diese für € 12,99.


    Bei beiden CD’s von jpc scheint es sich aber um die selbe alte Aufnahme aus dem Jahr 1952 zu handeln. Amazon gibt kein Aufnahmedatum an, aber anhand der Aufmachung scheint es sich um eine neuere Aufnahme zu handeln.


    Musicload hat gleich drei Gesamtaufnahmen im Angebot:



    Die angegebenen Veröffentlichungsdaten täuschen aber über die tatsächlichen Aufnahmedaten hinweg und beziehen sich allein auf die Veröffentlichung der CDs.


    Ich selbst hatte das Glück, eine im Rundfunk übertragene Aufführung dieser Operette aus Lausanne aus dem Jahre 2010 mitschneiden zu können.


    Lecocqs Musik ist ähnlich der Offenbachs, doch nicht so überzogen phantastisch oder burlesk, eher in der gemäßigteren Tradition der Opera comique, dabei eingängig und gut gemacht, in bester Manier einer klassischen Operette. Die Musik hat kaum Schwächen, dafür aber meiner Erachtens auch nur wenig Höhepunkte. Zwei davon möchte ich allerdings herausgreifen: die drastisch vorgetragene Legende der Madame Angot und das sehr schöne Frauenduett zwischen Clairette und Mme. Lange.


    Insgesamt stufe ich die Operette etwas höher ein als die beiden zuvor beschriebenen, also :thumbup::!:


    Uwe

  • Wie der Zufall so spielt, konnte ich gestern aus der in obigem Beitrag erwähnten "Operette" "Le Docteur Miracle" ein Terzett von Georges Bizet mitschneiden. Mir gefällt es sehr gut, es ist sehr komplex, teils filigran teils derb burlesk gestaltet. Ich meine aber, man merkt es diesem Musikstück an, dass Bizets Weg doch zur großen Oper vorgezeichnet ist. Einige musikalische Phrasen erinnern sogar an die Habanera aus Carmen.


    Bizets Version des Docteur Miracle wurde von der Kritik sogar als origineller und witziger gelobt, Lecocq fand sie wohl auch nicht übel, "aber in manchen Teilen ein bisschen zu schwerfällig..." - naja
    (aus dem Beitrag: Georges Bizet: Viel mehr als nur CARMEN - Komponistenforum für Klassik und Romantik)


    Ich finde, Lecocq hatte gar recht, allerdings schwerfällig würde ich es nicht bezeichnen, eher schwergewichtig. Jetzt fehlt mir allerdings noch der Vergleich zu seiner eigenen Interpretation.


    :) Uwe

  • Wie schon mehrfach auch hier im Forum erwähnt, ist Florimond Roger, genannt Hervé, der eigentliche Begründer des Genres, das wir heute als Operette bezeichnen. Bereits ab 1854 hat er für sein eigenes Theater „Folies concertantes“ kleine Stücke geschrieben, die als Vorläufer von Offenbachs Werken gelten. Ob auch schon sein 1848 uraufgeführtes Stück „Don Quichotte et Sancho Pança“ dazu zählt, ist mir nicht ganz klar geworden. In Wikipedia heißt es dazu nur, dass eben jenes Genre um 1848 in Paris entstanden sei.


    Gerühmt wird Hervés Faust-Persiflage „Let petit Faust“ (1869), die ich jedoch noch nicht kenne. Bei der 1883 uraufgeführten Operette „Mam’zelle Nitouche“ handelt es sich dagegen um ein Spätwerk Hervés. Und während „Petit Faust“ lt. Volker Klotz noch eine „Opéra bouffe mit geräumigen Ensembleszenen für ausgebildete Stimmen“ war, ist „Mam’zelle Nitouche“ eher ein singspielartiges Werk, mit knappen, selten mehrstimmigen Couplets und überwiegend für singende Schauspieler geschrieben.


    Im Kloster „Kleine Schwalben unserer lieben Frau“, das als adelsfrommes Mädchenpensionat fungiert, führt der Organist Celestin ein Doppelleben. Unter dem Namen Floridor schreibt er frivole Operetten und verbringt die Nächte teils bei den Proben zu seinem neuesten Werk „Babett und Kadett“ und teils in den Armen der Hauptdarstellerin Corinne. Denise, die Musterschülerin der Mutter Oberin, ist ein scheinheiliges Mädchen (eben Mam’zelle Nitouche). Sie tut fromm, träumt indessen aber heimlich vom Theater. Sie ist Celestin auf die Schliche gekommen, hat seine Partitur entdeckt und schon die Lieder gelernt. Zusammen mit dem ertappten Organisten singt sie das frivole Lied vom Bleisoldaten, und als die Mutter Oberin überraschend dazukommt, schalten beide schnell auf „Gloria in excelsis“ um. (Die Szene hat eine gewisse Ähnlichkeit mit Suppés Erstlingswerk „Das Pensionat“. Dort singen die Mädchen eines Damenstiftes ebenfalls frivole Lieder, tanzen Walzer und Cancan und schalten sofort auf den Eingangschoral der Operette um, als die Vorsteherin auftaucht).


    Im Kloster taucht jetzt Major de Cháteau-Gibus auf. Er hat, wenn man so will, auch zwei Leben. Einerseits ist er der Bruder der Mutter Oberin, andererseits ebenfalls der Geliebte der Sängerin Corinne, allerdings der mit den älteren Rechten, weshalb er auch am Abend zuvor einen gefährlichen Zusammenstoß mit Celestin/Floridor hatte. Er erkennt diesen in seiner Hauptrolle als würdigen Organisten jetzt allerdings nicht und ist auch in ganz anderer Mission da. Denn Denise soll einen seiner Offiziere heiraten, den Grafen Fernand, der draußen wartet und das junge Mädchen förmlich kennen lernen soll. Die Mutter Oberin erlaubt die Anwesenheit eines jungen Mannes im Kloster aber nur unter strengen Auflagen. Abgeschirmt hinter einem Wandschirm wird Graf Fernand als greiser Schulinspektor ausgeben, dem Denise aufsagen soll, was sie alles weiß und kann. Das Ergebnis dieser Schulstunde ist ein beiderseitiges Desinteresse der Beiden aneinander. Bezeichnend für den Stil dieser Operette ist, dass diese Schulprüfung nicht etwa als Duett behandelt wird, sondern getrennt in einem Couplet des Schulinspektors und einem Rondeau der Denis, in welchem diese ihr Wissen „herunterleiert“. Als alsbald eine Nachricht von Denises Eltern eintrifft, sie müsse unverzüglich nach Hause kommen und sich für die Ehe vorzubereiten, freut sich Denise auf den Ausgang, während Celestin, dem ihr Begleitschutz anvertraut wird, um die für heute Abend bevorstehende Premiere seiner Operette bangt.


    Im Theater ist gerade der erste Akt der neuen Operette „Babett und Kadett“ bejubelt zu Ende gegangen. Ob die Aufführung jedoch weitergehen kann, ist sehr fraglich, denn die launische Diva Corinne hat soeben erfahren, dass ihr Floridor sich mit einer Anderen in der Stadt herumtreibt und weigert sich wutschnaubend, heute Abend weiterzusingen. Denise, die von ihrem Begleiter Celestin in einem seriösen Hotel sicher untergebracht schien, hat sich heimlich ins Theater geschlichen. Sie wird im Foyer von dem ihr wegen des Wandschirms noch unbekannten Fernand umschwärmt. Sie erzählt ihm, sie sei Schauspielerin, heiße Mam’zelle Nitouche und habe die Hauptrolle des heutigen Stückes ebenfalls einstudiert. Als der Theaterdirektor davon erfährt, lässt er sie tatsächlich, der Not gehorchend, die Partie zu Ende bringen und das Publikum, Fernand eingeschlossen, ist entzückt. Dagegen hat der Major seinen Nebenbuhler im Theater entdeckt und verfolgt ihn blindwütend bis auf die Bühne. Während man dort ihm anstatt dem Komponisten den Lorbeerkranz überstülpt, macht sich Celestin mit Denise aus dem Staub.


    In der Kaserne feiern die jüngeren Offiziere noch den Premierenabend nach. Da werden Celestin und Denise, die von einer Streife aufgegriffen worden waren, hereingeführt. Die Offiziere jubeln, da sie Denise sogleich erkennen und sie wird auch gleich aufgefordert, eines der Liedchen zu singen. Befeuert vom Champagner und der allgemeinen Stimmung kommen sich Denis und Fernand immer näher. Doch erneut stört der grimmige Major. Der trifft - Denise und Celestin konnten sich gerade noch rechtzeitig in eine Uniform werfen – zwei verdächtige Reservisten an; der eine, vorlautere, scheint sogar eine Frau zu sein. Ein Test soll es erweisen, zwei Pferde müssen her. Jedoch, anstatt den Test zu bestehen, galoppieren die beiden in der Nacht davon.


    Die beiden Fliehenden erreichen noch in der Nacht das Kloster, immer noch in Uniform, vom Major bis hierher verfolgt. Während die Mutter Oberin Einbrecher wittert, kann sich Denise rasch umziehen. Sie erklärt der Mutter Oberin ihre unerwartete Rückkehr damit, dass sie sich entschieden habe, im Kloster zu bleiben und der Welt da draußen zu entsagen. Die erfreute Mutter Oberin berichtet nun Denise, dass draußen im Garten der Graf Fernand wartet, der ehrenhafterweise seine Brautwerbung zurückziehen will, da er eine andere liebt, nämlich eine Schauspielerin namens Mam’zelle Nitouche. Jetzt erkennt Denise, wer er ist und reagiert blitzschnell. Nein, man dürfe den verblendeten jungen Mann keineswegs den Weg der Sünde gehen lassen – sie wolle ihm ins Gewissen reden, hinterm Wandschirm selbstverständlich. Sozusagen mit Engelszungen gelingt es Denise, sich Fernand zu erkennen zu geben und der Mutter Oberin weiszumachen, für Fernands Seelenheil das eigene ersehnte Klosterleben zu opfern. Auch der Major ist beruhigt. Seine Geliebte Corinne hat ihm gegenüber den Komponisten einen Affen genannt, was wiederum auch diesen beruhigt, denn die Diva nennt ihn unter vier Augen zärtlich immer so.


    Bei Amazon ist die Operette nur als MP3 Download zu haben.



    Beide CDs sind von der selben Produktion mit Fernandel als Celestin und der musiklischen Leitung von André Grassi. Die erste CD enthält auch Dialoge und kostet 16,99 €, die zweite enthält keine Dialoge und kostet 5,99 €.


    Dann gibt es noch diese hier:



    Hamburger Rundfunkorchester , Wilhelm Stephan , Valerie Bak , Kurt Wehofschitz, zum Preis von 5,34 €, aber Vorsicht, diese CD enthält nur 6 Titel und zwar in Deutsch.


    Bei jpc ist die erste der unter Amazon genannten CDs für 21,99 € erhältlich:



    Diese gibt’s dann auch bei musicload für 19,99. Die Nr. 2 (Amazon) gibt’s bei musicload für 9,99 €.


    Eine Besonderheit der Operette ist sicherlich die, dass es sich um die erste Operette in der Operette handelt, die ich kenne. Eine ähnliche Konstellation gibt es dann später noch in der „Bajadere“ von Kálmán und auch noch in der einen oder anderen, heute nicht mehr geläufigen Operette.


    Operetten mit singenden Schausspielern sind eigentlich nicht so mein Ding, und so kann ich die Musik auch nur sehr subjektiv beurteilen. Ich denke, zwangsläufig kann ein Komponist für nicht ausgebildete Sänger auch nur eine leicht zu singende Melodik erfinden und das ist auch mein Eindruck von dieser Musik: leichtfüßig und leichtgewichtig, zum Teil recht schlicht. Zur Schlichtheit gehört auch die „Ausgestaltung“ der Finali, z. T. fast ohne Musik. Zudem sind fast alle Musiknummern recht kurz. Die beiden letztgenannten Punkte könnten aber auch an der Rundfunkfassung der Operette liegen.


    Hervorzuheben wären dann dennoch das bereits erwähnte „Lied vom Bleisoldaten“, der „Hauptschlager“ aus der Operette in der Operette „Babett und Kadett“, das „Lied von den Fanfaren“ , das „Lied der großen Trommel“ sowie die „Anrufung der Heiligen Scheinheiligen“, alles zusammen parodistische Nummern.


    :| Uwe


  • Florimond Ronger Hervé
    * 30.6.1825 Houdain (Arras), gest. 3.11.1892 Paris
    Mam'zelle Nitouche
    Uraufführung: 26.1.1883 in Paris
    Libretto: Henri Meilhac, Albert Millaud
    Sprache: französisch


    LG

  • Bei Volker Klotz kommt Robert Plaquette lediglich in einem Personen- und Werksregister auf den allerletzten Seiten vor. Folgt man dann den Erwähnungen seines Namens im Text, so geschieht dies meist im Zusammenhang mit negativen Beispielen, wie etwa „harmlos gemütlichen Werken“, „gemütsträchtige Großoperette“, „bäuerliche Idealisierung á la Anzengruber“. Gelegentlich wird er aber auch positiv erwähnt und zählt dann wiederum zu „einem der profiliertesten Komponisten der zweiten Operettengeneration“. Keines seiner Werke hat dann aber die Gnade gefunden, in den großen Kanon der eingehend behandelten und zur Aufführung empfohlenen Operetten aufgenommen zu werden. Lediglich im vorvorletzten Anhang „Weitere Vorschläge für Spielpläne“ wird dann neben einer Operette namens „Rip“ auch „Die Glocken von Corneville“ angeführt.

    Auch in Reclams Operettenführer konnte ich Planquettes Operette nicht finden. Und im deutschen Wikepedia gibt es zwar eine Seite über Planquette, aber keine einzige Werksbeschreibung. Die Inhaltsbeschreibung dieser Operette musste ich mir daher aus einer englischen Wikepedia-Seite übersetzen:


    Der geizige alte Bauer Gaspard wird in dem Dorf Corneville verachtet wegen der unbarmherzigen Behandlung seiner Nichte Germaine. Er möchte sie mit dem ältlichen Sheriff verheiraten, da der Sheriff Verdächtiges über Gaspard erfahren hat und damit droht, darüber Recherchen anzustellen. Aber Germaine fühlt sich Jean Grenicheux verpflichtet, einem aristokratischen jungen Fischer, welcher behauptet, sie einst vor dem Ertrinken gerettet zu haben. Gaspard hat eine Magd namens Serpolette, welche er als Kind in einem Feld abgelegt gefunden hat. Sie ist zu einer kecken Schönheit herangewachsen und zu einem Objekt des Klatsches bei den heimischen Frauen geworden, welche sie als Nichtsnutz beschimpfen. Sie ist ebenfalls in Grenicheux verliebt.


    Ein Fremder in der Uniform eines Kapitäns kommt an und Germaine erklärt ihm, er möge sich vom Schloss fernhalten, denn dort spuke es und weiter erzählt sie ihm, dass die Glocken des Schlosses erst wieder läuten werden, wenn der rechtmäßige Besitzer zurückkommt. Was Germaine (noch) nicht weiß, ist, dass es sich bei dem Fremden um Henri, Marquis von Corneville, handelt, der soeben aus dem Exil zurückgekehrt ist. Er erinnert sich an seine Kindheit und an ein junges Mädchen, das ins Meer gefallen ist. Er hatte es herausgeholt, danach aber nie wieder gesehen. Er ist gekommen, um sich sein Schloss und seine Felder wieder anzueignen.


    Auf dem Markt, der zweimal im Jahr abgehalten wird, verpflichten sich am nächsten Tag Germaine, Serpolette und Grenicheux bei dem mysteriösen Henri in der Hoffnung, so die schäbigen Pläne des alten Gaspard aufzudecken.


    Marquis Henri bringt seine neue Dienerschaft in der Nacht auf’s Schloss und enthüllt seine wahre Identität. Er entdeckt einen Brief im Schloss, der besagt, dass die Vicomtesse de Lucenay als Kind vor langer Zeit in Gefahr war und daher dem Gaspard anvertraut und unter falschem Namen großgezogen wurde. Jeder denkt, dass müsste zu Serpolette passen. Henri spürt, dass er sich zu Germaine hingezogen fühlt. Sie erzählt ihm die Geschichte, wie Grenicheux sie gerettet hatte und dass sie sich verpflichtet fühle, ihn zu heiraten. Henri wird klar, das Germaine das Mädchen ist, das er einst gerettet hatte und dass Grenicheuxs Beteuerung, er habe dies getan, falsch ist.


    Inzwischen hat der alte Gaspard absichtlich das Gerücht genährt, dass es in den Kellern des Schlosses spukt, da er dort Schätze seiner früheren Herren versteckt hält. Er kommt eines Nachts mit einem Boot an, um nach seinem Gold zu sehen, in der Annahme, das Schloss sei leer. Henri und die anderen, in Rüstungen gesteckt, springen hervor, läuten die Glocken und nehmen den alten Gauner gefangen. Der Schock macht den alten Mann verrückt.


    Nachdem das Schloss renoviert war und die Glocken geläutet haben, wurde Henri als rechtmäßiger Besitzer des Schlosses anerkannt. Er gibt ein Fest für das ganze Dorf und seine Gäste jubeln. Gaspard, der seinen Verstand verloren hat, wandert singend von Gruppe zu Gruppe. Serpolette vermutet, dass sie die Vicomtesse de Lucenay sei, zumal die Seite des Geburtsregisters mit den Eintragungen von ihrer und Germains Geburt verloren gegangen ist (Gaspard hatte sie gestohlen). Grenicheux ist inzwischen zum Faktotum der vorgeblichen Vicomtesse avanciert und buhlt nun um sie.


    Henri hat sich inzwischen in Germain verliebt, obwohl sie nur eine Bedienstete in seinem Haushalt ist. Er verlangt von Grenicheux, dass er seinen Schwindel beichtet, aber ohne den Namen des wirklichen Retters zu offenbaren. Germain belauscht jedoch diese Unterhaltung. Hernri bittet Germain, seine Frau zu werden, sie lehnt aber ab, da sie glaubt, dass ein Dienstbote keinen Marquis heiraten kann. Gaspard, der seinen Verstand plötzlich wiedergefunden hat, erklärt reumütig, dass seine angebliche Nichte die wirkliche Vicomtesse sei und Serpolette nur ein Zigeunerwaisenkind und somit könne der Marquis Germain heiraten. Henri vergibt Gaspard, Serpolette nimmt Grenicheux, und alles endet im Happy End, während die Glocken von Corneville läuten.


    Bei Amazon habe ich nur diese CD gefunden



    Für 19,27€ soll man wieder einmal die Katze im Sack kaufen, kein Tracklisting, keine Hörbeispiele.


    Bei jpc gibt's die



    für 13,99 €. Das Angebot enthält Hörbeispiele. Und die gleiche CD gibt’s dann auch bei musikload für 15,99€.

    Möglich ist ja, dass die Handlung allzu brav und bieder ins Happy End übergleitet, das kann ich aufgrund der englischen Inhaltsbeschreibung nicht beurteilen. Aber als „harmlos gemütlich“ kann ich die Musik nicht empfinden, auch das Werk nicht als „gemütsträchtige Großoperette“ betrachten. Großoperette ja, denn sie hat alles, was eine klassische Operette auszeichnet und schwelgt zuweilen in großen Ensembles und Finali, dabei durchaus in der Manie der Sielopern, wenn auch das eine oder andere etwas dick aufgetragen erscheint. Die Musik scheint mir der Offenbachs sehr ähnlich zu sein – hin und wieder kann ich mich zwar des Eindruck nicht erwehren, sie sei auch ein wenig abgelauscht - aber das ist schwer festzumachen.
    Meine Bewertung tendiert dann eher zu Lecoq als zu den anderen bisher vorgestellten französischen Komponisten: :thumbup::!:


    Uwe

  • Hallo, Operettenfreunde!


    Obwohl ich kein großer Kenner der französischen Operette bin fällt mir auf, daß es hier hochkarätige Besetzungen gibt. Scheinbar legen die Franzosen mehr Wert auf gute Sänger als wir Deutschen. Denn Vieles ist bei unseren Operetten mit zweit- und drittklassigen Sängern besetzt. Das schreckt mich schon beim Kauf ab. (Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel). Hier z. Bsp. die Besetzung "vom Feinsten":


  • „Die Gaukler“ ist eine wirkliche Zirkusoperette, viel mehr als „Die Zirkusprinzessin“ von Kálmán, die nur im 1. Akt im „Backstage“ eines Zirkus spielt und ansonsten von echten und angeblich falschen Grafen und der ganzen Adelssippe bevölkert wird. Zugegeben, „Die Gaukler“ spielt auch nur im 1. Akt im Zirkus und es gibt dort auch Adlige und eines der ärmsten Protagonisten stellt sich am Schluss doch wieder als Hochwohlgeboren heraus (welch beliebtes Motiv in Operetten der letzten zwei Jahrhunderte), aber die Operette handelt doch in erster Linie von den Akteuren eines Zirkus, den Gauklern eben. Ganz reizend finde ich noch, dass die Geschichte im Jahre 1750 spielt. Ich denke, hier verbietet sich eine Modernisierung von selbst. Aber der Reihe nach:


    Auf den Straßen von Versailles läuft gerade eine Vorstellung der kleinen Gauklergruppe um den brutalen Direktor Malicorne. Die 16-jährige Suzanne wuchs als Findelkind unter Gauklern auf und wird jetzt von Malicorne zur Seiltänzerin abgerichtet. Das unerfahrene Mädchen versteht noch nicht so recht, wieso es die Männer anzieht und es macht ihr nicht nur ihr Kollege, der Spaßmacher Paillasse den Hof. Weitere Kollegen von Suzanne sind der Kraftathlet Pingouin, der mit der Schlangendame Marion liiert ist. Im ersten Bild der Operette erleben wir diese Akteure vor oder nach ihrem Auftritt vor dem Zirkuszelt, also wenn man so will, ebenfalls im Backstage“.


    Im 2. Bild sieht man das Zirkuszelt von vorn mit offener Bühne. Malicorne versucht, die Leute zum Besuch des Zirkus zu animieren, Marion zerreißt dicke Schiffsketten und bezwingt Pingouin, Paillasse macht Späßchen, aber erst als Suzanne ein ergreifendes Lied singt, strömen die Leute ins Zelt. Auf Anweisung Malicornes muss Suzanne abkassieren. Sie nimmt persönlich Blumensträußchen an, nicht aber eine volle Geldbörse, die der verzückte Offizier André de Langeac (hier haben wir den ersten Adligen) ihr anbietet. Malicorne ist darüber wütend, er entreißt ihr den Geldbeutel und will sie bestrafen, André greift schützend ein. Suzanne schenkt ihm zum Abschied eines ihrer Blumensträußchen. Als Malicorne nochmals wütend wird und gar mit der Peitsche droht, haben seine Hauptakteure endgültig genug. Paillasse, Pingouin und Marion machen sich zusammen mit Suzanne unter dem Beifall der Menge davon.


    Der zweite Akt spielt drei Monate später in einem Wirtsgarten der Ortschaft Bécanville in der Normandie. Die Einheimischen freuen sich auf ein Volksfest mit Sängerwettstreit. Comte des Etiquettes, ein reicher Schlossherr und Prinzipal des Ortes, ist der Onkel des Leutnants André. Er pflegt ein Verhältnis mit Madame Bernardin, der Frau seines Chorleiters. Pikanterweise benutzt er diesen auch noch als Übermittler der heimlichen Botschaft an seine Gattin, indem er den Chor des Gatten so oft ein bestimmtes Lied singen lässt, wie die Uhr schlagen wird für das vereinbarte Rendezvous. Nach monatelangem Umherziehen erreicht die kleine Gauklertruppe den Ort. Sie haben sich mit allerlei Beschäftigungen über Wasser gehalten, wie Hunde und Katzen frisieren, aus Kaffee weissagen und sonstigem artistischen Kleinkram. Sie geben sich nun als Vortruppe eines italienischen Zirkus aus. Während sie sich zu Proben zurückziehen, marschieren im Ort Soldaten auf, angeführt von dem Leutnant André. Er hat Suzanne nicht vergessen, ihr Blumensträußchen aufbewahrt und ist nun glücklich, sie hier wiederzutreffen. Nachdem sich beide ihre Liebe gestanden haben, soll nun Andrés Onkel, der Comte, helfen, den Standesdünkel von Andrés Vater zu überwinden. Der Comte hilft auch, als Malicorne mit seinem neuen Zirkus auftaucht und die vier abtrünnigen Artisten in die Enge treibt, indem er ihn auszahlt und alle anderen in sein Schloss einlädt.


    Bei einem Fest im Schloss soll Madame Bernardin das Lied von der Schäferin Colinette vortragen, welches der Comte einst komponiert hatte. Da ihr eifersüchtiger Gatte das nicht zulässt, spring Suzanne mit einem Lied ein, das sie seit ihrer Kindheit kennt und es stellt sich heraus, es ist dasselbe Lied! An diesem Lied (siehe auch Zigeunerbaron und ähnliche Wiedererkennungsgeschichten) erkennen nun Suzannes wahre Eltern ihr Kind wieder. Es sind der Comte Etiquette und Madame Bernardin, die früher als Seiltänzerin aufgetreten war. Vor 16 Jahren gab sie das Kind Malicorne in Verwahrung. Während der Chorleiter Bernardin aufgrund dieser Enthüllungen sofort seine Scheidung ankündigt, sind alle anderen mit diesem Ausgang zufrieden. Der Comte erteilt das Jawort für die Verbindung seines Neffen mit seiner Tochter, kauft Malicorne seine Zirkus ab und verschenkt ihn an Pingouin, Marion und Paillasse. Da sich Pingouin und Marion heiratseinig sind, geht als einziger Paillasse in Liebesdingen leer aus. Er lenkt sich davon ab, wie er das auch mit seinem Jahrmarktspublikum tut: mit witzigen Sprachkapriolen.


    Gannes Musik ist geprägt von einer, dem Milieu entsprechenden, jahrmarktschreienden teilweise ruppigen Rhythmik und Melodik, schnörkellos und direkt. Dabei kann sie dramatisch und wuchtig werden, teilweise furios mit Offenbach’schem Temperament. Stellvertretend für diese Charakterisierung sei ein sehr schneller trompetendominierter Marsch genannt, der auch die Ouvertüre eröffnet und sehr an den „Einzug der Gladiatoren“ von Julius Fucik erinnert. Interessanterweise wurden beide Märsche im Jahr 1899 komponiert, es ist daher nicht anzunehmen, dass sich einer der Komponisten vom anderen hat inspirieren lassen. Es gibt natürlich auch die leiseren und zarteren Töne, doch verharren diese eher im Stil von Chansons, bei denen es mehr auf den Text als auf die Musik ankommt. Die zugkräftigeren Nummern sind jedenfalls die, welche dem robusteren Zirkusmilieu entsprechen. Hierzu zählen neben dem bereits erwähnten schnellen Marsch noch ein Marsch der Soldaten „Va gentil soldat“ sowie die Finali I und II. Aber auch die Eingangsnummern aller drei Akte, allesamt etwas sanfter, sind melodisch eingängig und haben sogar „Schlagerqualitäten“.


    Die hier abgebildete CD gibt es derzeit nur bei Amazon als MP3 Download zu einem sehr günstigen Preis.



    Aber Achtung! Amazon hat noch mehr Angebote dieser Operette, keine davon ist aber eine Gesamtaufnahme.


    :thumbup: Uwe


  • Vorbemerkung: wenn ich in diesem Thread immer mal wieder Volker Klotz bemühe, dann hängt das damit zusammen, dass ich durch sein Buch erst auf diese hier beschriebenen Operetten aufmerksam geworden bin, die in meinem Reclam Operettenführer entweder gar nicht oder aber nicht in dieser Ausführlichkeit behandelt werden.


    Klotz bezeichnet "Ciboulette“ als beispielhaft letzte französische Operette. Damit meint er nicht die letzte französische Operette überhaupt, sondern die letzte nach Art der bereits entschwundenen französischen Tradition in der Operette. „Sind Sie damit einverstanden, eine traditionelle Operette zu komponieren über die (Pariser) Markthallen wie Fille Angot?“ fragte der Librettist Robert des Flers bei Hahn nach. Und so komponierte Hahn 1923 seine bis dato erste Operette, die nochmals das Milieu des Pariser Markthallenviertels heraufbeschwor wie schon Lecoqs „Fille de Madame Angot“ 1872 oder Offenbachs „Mesdames de la Halle“ 1858. Und bereits die Titelfigur ist Zitat, denn schon in letztgenanntem Einakter gab es eine Blumenverkäuferin namens Ciboulette, zu Deutsch: Schnittlauch. Und interessanterweise spielt die Operette auch innerhalb des Zeitraums, in welcher die beiden Vorbilder entstanden sind, nämlich im Jahre 1867.


    Die flatterhafte Chansonnette Zénobie hat gleich zwei Liebhaber, den flotten Husarenoffizier Roger und den müßiggängerischen Grafen Antonin. Letzterer wird hauptsächlich dazu benutzt, Zénobies kostspielige Wünsche zu erfüllen und ihre Launen auszuhalten. Nach durchbummelter Nacht treffen Zénobie und Antonin morgens um vier in den gerade öffnenden Markthallen auf Roger, der mit seinen Offizierskollegen die Nacht hindurch seine Beförderung gefeiert hatte. Zénobie schickt Antonin weg, ihr entlaufenes Schoßhündchen zu suchen und amüsiert sich daraufhin mit Roger. Beobachter dieser Zustände ist der alte Marktaufseher Duparquet. Er nannte sich in seinem früheren Leben einmal Rodolphe, wollte Künstler werden und hatte eine früh verstorbene Geliebte namens Mimi und ist somit direkt aus der Oper „La Bohéme“ entsprungen. Duparquet empfindet Sympathie für den unbedarften Antonin und klärt diesen, als er kleinlaut nur mit dem Mäntelchen des Hündleins zurückkehrt, schonend über Zénobies Verhalten auf. Unvermutet konsequent vermacht darauf Antonin seinem Nebenbuhler Roger die gemeinsame Geliebte samt den noch ausstehenden Rechnungen.


    Das Bauernmädchen Ciboulette aus Aubervilliers kommt heute zu spät auf den Markt und wird ihr Gemüse nicht mehr los. Den Verlust ersetzen ihr Duparquet und der frustrierte Antonin. Ciboulette ist von Antonin angetan, mehr als von ihren acht Verlobten, die zuhause auf sie warten. Heute aber wird sie volljährig und ihr Vormund besteht darauf, dass sie sofort heiratet. Ciboulette lässt sich aber lieber von der Fischhändlerin Pingret die Zukunft prophezeien. Diese sagt ihr einen Märchenprinzen voraus, für den Fall, dass zuvor drei wundersame Ereignisse eintreten: Unter Kohlköpfen müsse dieser auftauchen, eine andere Frau, die den Märchenprinzen ebenfalls will, müsse in Sekundenschnelle weiß werden und Ciboulette selbst müsse in einem baskischen Tamburin einen Brief finden. Hoffnungsvoll fährt Ciboulette auf ihrem Fuhrwerk nach Hause und ahnt nicht, dass hinten auf dem Wagen Antonin unter den Kohlköpfen eingeschlafen ist. Duparquet, der von ihrem Onkel zum Essen eingeladen worden ist, begleitet Ciboulette auf dem Kutschbock.


    Vor dem Bauernhof mit Gartenwirtschaft des Onkels Grenu ereignet sich, während die acht Verlobten jeweils von Ciboulette ihre Erhörung einfordern, bereits das erste Wunder: Antonin erwacht unter den Kohlköpfen. Duparquet kann ihn überreden, den bereits erhörten Bräutigam zu spielen. Der Onkel ist entzückt über den angeblichen Sohn eines reichen Veterinärs. Während Ciboulette sich schon richtig in Antonin verliebt hat, ist dieser noch zurückhaltend, da er noch immer ein wenig seinen Liebeskummer pflegt. Als die Husaren mit ihren Freundinnen, darunter auch Zénobie, im Lokal eintreffen, versteckt das Bauernmädchen Antonin im Weinkeller. Sie selbst legt sich sogleich mit ihrer Rivalin an und sticht diese beim Singen des Regimentsliedes sogar aus, wobei es daraufhin zu Handgreiflichkeiten zwischen den beiden Frauen kommt. Da sich diese beim Tisch, wo die Hochzeitskarpfen vorbereitet werden, abspielen, ist Zénobie sofort über und über mit Mehl bestäubt. Und schon hat sich das zweite Wunder ereignet.


    Leider aber zieht der wieder aus dem Weinkeller befreite Antonin der grollend davon gereisten Zenobie nach. Duparquet rät Ciboulette, Antonin in Paris mit derselben Künstleraura zu gewinnen, die ihn an Zébonie fesselt. Nach anfänglichem Entsetzen über diesen Vorschlag können sich Onkel Grenu und das ganze Dorf dann doch dafür begeistern und steuern Vorschläge für eine phantasierte Künstlerbiographie der nunmehr spanischen Sängerin Conchita Ciboulero bei.


    Auf einer Soiree des Walzerkomponisten Métra wird das Debüt einer geheimnisvollen spanischen Sängerin erwartet. Empfohlen hat diese ein Freund des Komponisten, der alte Duparquet. Er hat Ciboulette in wenigen Wochen bestens ausbilden und einkleiden lassen, finanziert von einem anderen Freund, der nicht lange gefragt hat, warum dieser bescheidene Mann ihn plötzlich so maßlos anpumpt. Bei diesem unwissenden Mäzen handelt es sich um Antonin, der sich nach seiner endgültigen Trennung von Zénobie dem Weltschmerz hingibt. Nun tritt Ciboulette als die erwartete Sängerin auf und erobert mit einem bezaubernden Walzer sowohl das versnobte Pariser Publikum als auch endgültig das Herz von Antonin. Auch das dritte Wunder trifft nun ein. In ihrem baskischen Tamburin findet sie den Abschiedsbrief von Antonin, den dieser vor seinem geplanten Selbstmord dort hinterlassen wollte. Auch bei diesem Brief und den Umständen seiner Auffindung hatte der an allen Fäden ziehende Duparquet seine Hände im Spiel.


    Volker Klotz's Kommentar befasst sich ausgiebig (vier Seiten Kommentar gegenüber zwei Seiten Inhaltsbeschreibung) mit der Handlung und ihren Anspielungen auf Vergangenes und gar auf Vergangenes des Vergangenen, wenn er beispielsweise darauf verweist, dass Lecoqs Operette zu ihrer Zeit bereits die Vergangenheit der Zeit des Bürgerkönigs heraufbeschwört. Auch kann er sich für den sinnigen Einfall begeistern, den Dichter Rodolphe aus der „Bohéme“ als alternden Beamten wieder aufleben zu lassen, der dann sein Amt auch nicht wie ein Beamter verwaltet sondern durch die Augen des Künstlers sieht und somit das bunte Markttreiben in all seinen Facetten preist und zudem Einfluss auf den roten Faden der märchenhaften Handlung nimmt.


    Auch in der Musik entdeckt Klotz zahlreiche „musikalische Reden und Gesten von einst“, die „verfremdet vitalisiert in neuer klanglicher und harmonischer, szenischer und dramatischer Umgebung aufleben“. Und wie schon bei „Veronique“ entdeckt er überall „sinnreiche Anspielungen und Zitate“ auf die zuvor erwähnten vergangenen Vorbilder, so etwa zum „Bonne-nuit“ Ensemble aus der „Großherzogin von Gerolstein“ oder dem Vorwurf der „Schönen Helena“ an ihren zu früh zurückgekehrten und unangemeldet ins Schlafzimmer hereingeplatzten Mann. Klotz führt weiter aus, dass selbst wenn man solche Zitate „samt ihrer hintersinnigen Mitgift“ überhört, „sich an Hahns musikalischen Heiterkeiten ergötzen [kann]“ und diese den „klanglichen und satztechnischen Feinmechaniker“ verraten.


    Vielleicht ist es ja diese „Feinmechanik“, die in mir nicht die reine Freude oder Heiterkeit auslösen kann. Klotz selbst räumt ein, zwar im Zusammenhang mit weiteren Werken Hahns, dass dessen Kompositionen allzu oft zu hauchzart und versonnen klangen, um wirklich erfolgreich zu werden. Für meinen Geschmack bring Hahn zwar häufig einen moderneren Tonfall, dies aber zu Lasten der Melodik. So mancher Titel erscheint mir langweilig und trotz der angestrebten Heiterkeit oftmals gar trist. Und Hin und Wieder findet sich sogar lediglich ein Hauch von Nichts. Selbst das doch komisch wirkenden Finale II, als man aus Ciboulette eine spanische Sängerin machen will, wirkt musikalisch gesehen ohne Pep und das Spanische Kolorit ist nur sehr zart angedeutet. Das erste Finale bringt erstmals so etwas wie eine eingängige Melodik und ebenfalls überzeugen kann der Schlusswalzer, mit welcher Ciboulette ja schließlich alle begeistern muss. Und wieder einmal fällt mir auf, dass die Nummer, die ich noch am besten finde, ein mehrteiliges, mehrstimmiges Couplet (Nr. 21 Ah Monsieur Métra), bei Volker Klotz keine Erwähnung findet. Das muss doch wohl an mir liegen – oder?


    :| Uwe

  • Lecocqs Operette Giroflé-Girofla gilt eigentlich als sein Hauptwerk, mehr noch als seine ebenfalls in diesem Thread beschriebene „Tochter der Madame Angot“ (Beitrag 12). Umso erstaunlicher ist es, dass in Deutschland nur diese eine alte Aufnahme aus dem Jahr 1960 angeboten wird.



    Wobei bei dieser CD Giroflé Girofla nur als Bonus angeboten wird und sowohl jpc als auch Amazon hierzu angeben: „Erster und einziger Akt“, was nahe legt, dieser Operette bestehe nur aus einem Akt, was aber nicht stimmt. Bei Amazon gibt es die gesamte Operette (3 Akte) von der gleichen, deutschsprachigen Version, wenigstens noch als Download.


    Ebenso erstaunlich ist, dass diese Operette hier im Forum noch nicht einmal irgendwo erwähnt wurde (Stichwortsuche „Giroflé Girofla“ erfolglos).


    Da ich so uralte Aufnahmen aufgrund ihrer meist schlechten Tonqualität nicht gerne kaufe, habe ich lange gezögert, mir dieses Werk zuzulegen. Ein Sammler hat mich dann auf diese bulgarische Webseite aufmerksam gemacht. Dort habe ich dann diese CD gefunden:



    Da die ganze Seite fast ausschließlich in Kyrillisch abgefasst ist, habe ich den Betreiber auf englisch per E-Mail kontaktiert. Die finanzielle Abwicklung lief dann per MoneyGram (http://www.moneygram.de). Das Ganze ist einigermaßen kompliziert. Man muss über MoneyGram herausfinden, wo es einen entsprechenden Shop gibt und dort das Geld in bar einzahlen. Der Preis lag bei 7,00 € für eine Doppel-CD + 5,00 € Versand. Nachdem all dies geklärt war, ging alles recht reibungslos, die CD war innerhalb 3 Tagen da.


    Auch die Beschriftung im Booklet der CD ist ausschließlich kyrillisch. Ich konnte aber anhand der Inhaltsangabe eines Klavierauszuges, den ich im Internet gefunden hatte, die einzelnen Musiktitel recht gut zuordnen und feststellen, dass es sich offensichtlich um eine Gesamtaufnahme handelt, natürlich auf Bulgarisch, auch mit Dialogen. Die Tonqualität der CD ist, obwohl es sich wohl auch um eine ältere Aufnahme handelt, erträglich, die sängerischen Qualitäten ausreichend.


    Die Operette spielt in einer spanischen Hafenstadt im 18. Jahrhundert und handelt von den Geldnöten des dortigen Provinzgouverneurs Don Bolero d’Alcarazas. Er hat zusammen mit seiner Ehefrau zwei Töchter, eineiige Zwillingen, Giroflé und Girofla. Beide sollen heute in einer Doppelhochzeit an den Mann gebracht werden: Giroflé an Marasquin, den Sohn des größten Geldgebers des Don Bolero, bei dem er hoch verschuldet ist, Girofla an den maurischen Fürsten Mourzouk. Während der Bankierssohn pünktlich zur Trauung erscheint, verspätet sich der Fürst. Da es Ersterer wegen unaufschiebbaren Geschäften sehr eilig hat, wird die Trauung mit Giroflé schon mal vollzogen. Während dieser Zeremonie wird ihre Schwester Girofla von Piraten entführt. Als der Fürst endlich eintrifft, traut man sich nicht, ihm davon zu berichten und so muss Giroflé, die ihrer Schwester ja wie ein Ei dem anderen gleicht, stellvertretend für diese noch einmal eine Trauungszeremonie über sich ergehen lassen. Don Bolero und seine Frau haben den Admiral Matamoros zur Befreiung Ihrer Tochter ausgesandt und sind besorgt, was passiert, wenn ihr Töchterlein nicht vor Mitternacht zurückgebracht werden könnte. Giroflé kann doch unmöglich mit zwei Ehemännern die Hochzeitsnacht verbringen.


    Die anschließende Hochzeitsfeier findet ohne die beiden Bräute statt, denn Giroflés Eltern haben sie kurzerhand in ihr Zimmer gesperrt, damit sie sich auf der Feier nicht verplappern kann. Inzwischen trifft eine Lösegeldforderung von 10.000 Piaster für den Freikauf von Girofla ein. Giroflé bricht derweil aus ihrem Zimmer aus, trifft zwei Cousins, die sie zu einem Umtrunk einladen, das zu einem Besäufnis ausartet. Betrunken erscheint danach Giroflé auf der Hochzeitsgesellschaft. Nach erstem Schock sind die Gäste wieder versöhnt, als die Braut ein lustiges Trinklied anstimmt. Die beiden Ehemänner merken von der Abwesenheit Giroflas nichts, da sie schon so tief ins Glas geschaut haben, dass sie die eine Braut doppelt sehen. Gegen Mitternacht ziehen sich die Bräutigame auf ihre Zimmer zurück. Nur Marasquin winkt das Glück der Hochzeitsnacht. Mourzouk, der maurische Fürst, muss Verzicht üben, und damit er nicht auf dumme Gedanken kommt, schieben die Brauteltern vor seiner Tür den Riegel zu.


    Der Alkohol hat bei Mourzouk aber leider nicht bewirkt, dass er schläfrig wird, sondern genau das Gegenteil. Ungeduldig wartet er auf seine Braut und als sie nicht kommt, demoliert er das ganze Zimmer, bricht das Türschloss auf und verlässt das Haus. Die Brauteltern sehen sich nun gezwungen, zumindest dem anderen Schwiegersohn reinen Wein einzuschenken und bitten ihn, noch ein letztes Mal Giroflé als Ersatz für ihre Schwester zur Verfügung zu stellen. Giroflé ist ganz begeistert, nochmals ihre Schwester vertreten zu dürfen und auch Marasquin willigt glücklicherweise ein. Als Mourzouk halbwegs ernüchtert zurückkommt, riecht er jedoch den Braten und will einen Streit vom Zaun brechen. Zum Glück erscheint nun noch rechtzeitig Admiral Matamoros, der die entführte Braut befreien konnte. Girofla kann sich endlich ihrem Mourzouk in die Arme werfen, der dann endlich seine richtige Braut zum Traualtar führen kann.


    Über die Musik ist ähnliches zu sagen wie über die der Madame Angot – gediegen, ganz in der Manier einer klassische Operette; mit den ganz großen Werken aus dieser Epoche ganz sie aber nicht mitthalten. Einige der Nummern sind dann doch etwas schwächer geraten, weniger eingängig oder nur durchschnittlich, und auch bei den gefälligeren Nummern vermisse ich zuweilen eine gewisse Originalität, die aufhorchen lässt.


    :) Uwe