Der frühe Bartók

  • Schönbergs Wandlung vom Paulus der Spätromantik zum Saulus der Zwölftonmusik ist ja allseits berüchtigt und wird in diesem Forum auch gerne beklagt. Wie sieht es aber mit dem frühen Schaffen eines weiteren "Titanen" des 20. Jahrhunderts aus, Béla Bartók?


    In den letzten Monaten habe ich mich intensiv mit Bertók beschäftigt und mir auch sein Frühwerk weitgehend zugelegt und angehört. Im Vergleich zu Schönbergs Werken werden diese spätromantischen Zeugnisse ziemlich vernachlässigt und selten eingespielt. Diese Besprechung wird nicht die allerfrühesten Werke Bartóks auflisten, die zu Studienzwecken geschrieben wurden und sämtlich vor 1900 entstanden. Angeführt werden hier nur Werke, die Bartók bereits im Mannesalter geschrieben hat. Auffällig ist, dass Bartók bereits in seiner frühen Entwicklung alle Genres abzudecken versucht (außer der Oper) und neben intimen Kammermusikwerken auch großformatige Orchesterwerke zu finden sind.


    Zu nennen wären:


    Kossuth, symphonische Dichtung, Sz. 21 (1903)
    Scherzo für Klavier und Orchester, Sz. 28 (1904)
    Rhapsodie für Klavier und Orchester, Sz. 27 (1905)
    Orchestersuite 1, Sz. 21 (1905, revidiert 1920)
    Orchestersuite 2, Sz. 34 (1905, revidiert 1907 und 1943)


    Klavierquintett c-Moll, Sz. 23 (1903-1904)
    Violinsonate e-Moll, Sz. 20 (1903)


    4 Klavierstücke (Négy zongoradarb), Sz. 21 (1903)



    Völlig klar heraushörbar ist Bartóks Anlehnung an Brahms in seiner frühen Kammermusik und an Strauss in seiner frühen Orchestermusik. Der Ton ist noch wahrhaft spätromantisch und die Werke wurden deshalb im weitgehend konservativen Ungarn auch akzeptiert. Allerdings lugt schon dann und wann der spätere Bartók hervor und die Stücke sind meistens reichlich mit Dissonanzen gespickt - allerdings selbstverständlich nicht in dem Ausmaß wie in seinen Werken ab 1907. Die Qualität würde ich allgemein als hoch (Violinsonate) und fallweise als sehr hoch (Kossuth, Scherzo) einstufen. Interessanterweise hat sich Bartók später nie völlig von diesen Werken distanziert. Die Rhapsodie für Klavier und Orchester spielte er als Pianist sein ganzes Leben hindurch vor konservativerem Publikum und die Orchestersuiten hat er in späteren Jahren noch bearbeitet, ohne aber ihren spätromantischen Ton zu verändern. In der nächsten Zeit werde ich die meisten der hier aufgelisteten Werke samt Diskographie kurz vorstellen. Die Orchestersuiten liegen mir leider noch nicht vor (nur sehr teuer bei Hungaroton erhältlich) und die frühen Lieder, welche ich hier nicht angeführt habe, sind praktisch nicht erhältlich.

  • Klar, Bartók hat zwei Violinsonaten mit Klavierbegleitung geschrieben, welche zu den Flaggschiffen der Gattung im 20. Jahrhundert gehören! Nein. Eine dritte gibt es noch: die Violinsonate in e-Moll, Sz. 20. Und in dieser Sonate ist alles, was man von einer romantischen Violinsonate erwarten darf: schmachtende Geigentöne, ungarisches Paprika und Schwung. Die Sonate ist dreisätzig und folgt in jeglicher Hinsicht dem konventionellen Schema:


    1. Allegro moderato (molto rubato)
    2. Andante
    3. Vivace


    Der erste Satz ist ein typischer Sonatensatz, der aber klanglich mMn eher nach Frankreich tendiert als nach Deutschland. Sowohl Geigenstimme als auch der Klavierpart lassen etwas an Saint-Saens denken. Interessanterweise war es diese Komposition, die Bartók in Paris anlässlich eines Kompositionsbewerbs vorspielte (ohne etwas zu gewinnen). Das Andante ist für mich der interessanteste Satz, weil schon irgendwie ein wenig Bartóks Typus der "Nachtmusik" anklingt, allerdings mit weitgehend romantischen Mitteln. Auf jeden Fall ist dieser Satz für mich das Herzstück des Werks. Der letzte Satz ist eine Art magyarisches Perpetuum mobile, das allerdings nicht auf original magyarisches Leidgut zurückgreift, sondern auf die "magayaristische" Salonmusik, wie sie Liszt oder Brahms gepflegt haben. Der Satz ist durchaus mitreißend aber doch etwas leichtgewichtig und in seinem Gestus etwas stereotyp. Man wird beschwingt, aber doch etwas enttäuscht zurückgelassen.
    Trotzdem: diese Sonate ist auf jeden Fall hörenswert - gerade für Gegner der Moderne :D !


    Meine Aufnahme:



    Hervorragend musiziert vom ungarischen Duo Antal Szalai und József Balog.




    Eine weitere gibt es noch, welche ich aber nicht kenne:


  • Lieber Felix,


    ich bin ein bekennder Bartok-Liebhaber :) - diese frühen Sachen kenne ich leider so gut wie gar nicht! Bartok war ja ein großer Bewunderer von Liszt - spürt man das hier auch?


    Schöne Grüße
    Holger


    Ja, und wie! Liszt habe ich sträflicherweise im Einführungspost unterschlagen. Der "Kossuth" lässt ebenso sehr an Liszt denken, wie an Strauss. Genaueres, wenn ich noch einmal gründlich reingehört habe. Auf jeden Fall halte ich diese symphonische Dichtung für das bedeutendste Werk Bartóks vor seiner Wandlung zum Modernisten.

  • Hallo Felix,


    wenn ich bei einem Komponisten "Lunte gerochen" habe und er mir gefällt und sich dann auch noch als einer meiner Lieblingskomponisten entwickelte, dann will ich alles Interessante von ihm hören.


    Aus deiner Liste der frühen Werke in Beitrag 1 schätze ich besonders die Rhapsody op.1, die Suiten Nr. 1 und 2 und Kossuth. Ich stelle gerade fest, dass ich davon gar keine CD habe (nur auf Tonband) ... und das als Liszt-Hörer (schreibe Hörer und nicht Fan, da sich das relativiert hat).


    Ich möchte die Liste aber noch um die folgenden frühen Werke erweitern:
    Violinkonzert Nr.1 (1907)
    Zwei Portäts für Orchester op.5 (1905-1911)
    Zwei Bilder für Orchester op.10 (1910)


    Der erste Satz der Zwei Porträts entspricht dem musikalischen Material des VC Nr.1.



    Ich hatte in den 80er-Jahren eine LP der Suiten auf Hungaroton (mit Ferensic ?), die mich nicht besonders angesprochen hatte. Die recht langweilige Int und die miese Klangqualität hatten ihren Anteil an dem damaligen Eindruck.
    :thumbsup: Erst vor einigen Jahren, hat mich diese SACD mit Zoltan Kocsis mit den Suiten und weiteren schönen tänzerischen Kurzwerken mit ung.Volksmusik voll begeistert:



    Hungaroton, 2009, DDD


    Auch wenn das für Bartok wenig entscheidend ist -> Aber es gibt wenige SACD´s die so hammermässig klingen !



    Die Suite Nr.1, Zwei Bilder op.10 mit Dorati/Detroit SO; die Rapsody op.1 mit Pascal Roge/LSO/Weller finden sich neben weiteren herausragenden Aufnahmen auf dieser fabelhaften Decca-Doppel-CD:



    Decca, 1976-1985, ADD/DDD

  • Hallo Teleton,


    danke für das Feedback! Den Kossuth würde ich auch an die Spitze stellen. Die beiden Orchestersuiten kenne ich leider noch nicht, da die Hungarotonscheiben extrem teuer sind - vor allem die mit der Orchestersuite Nr. 1- Bei der Suite Nr. 2 ist wiederum auch die Tanzsuite dabei, und die besitze ich jetzt schon midestens 10x - das Werk ist der echte Doublettenkönig bei Bartók - grrrrrr.... Das erste Violinkonzert habe ich nicht in meine Aufzählung dazugenommen, da ich es schon nicht mehr wirklich für ein romantisches Werk halte, sondern für eines, das bereits zu neuen Ufern aufbricht. Ich finde dieses Konzert (und natürlich auch die beiden Stücke op. 5) jedenfalls extrem gut und wundere mich, dass es noch nicht bekannter ist. Allerdings habe ich auch davon schon vier Aufnahmen.


    Die Hungarotonscheiben, die ich habe, sind auf jeden Fall technisch allererste Klasse (habe Kossuth, den hölzernen Prinzen, die Rhapsodie für Klavier,etc..) und die Booklets extrem informativ. Man bekommt also für sein Geld wirklich etwas geboten. Die fehlenden Suiten werde ich mir also früher oder später zulegen....

  • Gestern habe ich festgestellt, dass ich zum Opfer meiner obsessiven "Merkzettel" geworden bin. Ich hatte bei jpc über mehrere Jahre eine Kammermusikbox von Hungaroton mit Aufnahmen aus den 60er/70er Jahren auf dem Zettel, konnte mich angesichts des immer noch nicht ganz niedrigen Preises (ca. EUR 50) und der Tatsache, dass ich die Quartette schon in mehreren Aufnahmen hatte, nie zum Bestellen durchringen und nun ist sie als nicht mehr lieferbar gekennzeichnet. Da wären die frühe Sonate und das Klavier-Quintett wohl dabei gewesen...
    (Es gibt sie noch, nochmal gut 20% teurer bei Amazon, ich bin noch nicht ganz sicher, ob meine Trotzreaktion zu einer Nicht- oder Erst-Recht-Bestellung führen wird, momentan ist mir das eigentlich zu viel Geld.)


    [timg]http://ecx.images-amazon.com/i…L500_SX355_.jpg;n;300;300[/timg]


    Ich besitze von den genannten frühen Werken Kossuth (Ivan Fischer (Philips) und Kocsis in der schon gezeigten neueren hungaroton-Reihe), das "Scherzo" (ein ca. halbstündiges Werk) ebenfalls mit Kocsis (allerdings gekoppelt mit KK 3) und die Rhapsodie mit Anda/Fricsay (wohl nur in der Anda-Box zu finden). Zugeben muss ich freilich, dass, obwohl ich sicher alle Stücke schon einmal angehört habe, ich an keines davon nähere Erinnerungen habe...

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • (Es gibt sie noch, nochmal gut 20% teurer bei Amazon, ich bin noch nicht ganz sicher, ob meine Trotzreaktion zu einer Nicht- oder Erst-Recht-Bestellung führen wird, momentan ist mir das eigentlich zu viel Geld.)

    Da lohnt es manchmal doch noch einen Plattenspieler zu besitzen, das Klavierquintett habe ich in dieser Aufnahme unlängst für € 2 erstanden.

  • Gestern habe ich festgestellt, dass ich zum Opfer meiner obsessiven "Merkzettel" geworden bin. Ich hatte bei jpc über mehrere Jahre eine Kammermusikbox von Hungaroton mit Aufnahmen aus den 60er/70er Jahren auf dem Zettel, konnte mich angesichts des immer noch nicht ganz niedrigen Preises (ca. EUR 50) und der Tatsache, dass ich die Quartette schon in mehreren Aufnahmen hatte, nie zum Bestellen durchringen und nun ist sie als nicht mehr lieferbar gekennzeichnet. Da wären die frühe Sonate und das Klavier-Quintett wohl dabei gewesen...


    So viel Kammermusik hat Bartók gar nicht geschrieben und mit einzelnen CD-Käufen kommst Du sicherlich besser weg als wenn Du diese Box kaufst. Die Violinsonaten gibt es in einer Integrale (ohne die frühe allerdings) von Isabelle Faust für 13 Euro bei jpc, die frühe Sonate bei Brilliant (siehe oben). Das Klavierquintett und die Kontraste bekommst Du günstig bei Naxos (unter anderem mit Bartók, Benny Goodman und Szigeti). Streichquartette brauch ich Dir ja wohl kaum zu empfeheln. Das Klavierquintett gefällt mir von allen Bartókwerken, die ich bisher kennengelernt habe, beinahe am wenigsten. Allerdings ist die Einspielung vom Kodály Quartett auch nicht rasend gut (ich mag die Formation nicht). Alternative Einspielungen sind zur Zeit tatsächlich kaum erhältlich.
    Generell ist das Frühwerk Bartóks (also alles vor op. 5) vielleicht nicht so ein Must-Have wie der frühe Schönberg, allerdings stufe ich den Kossuth doch ziemlich hoch ein. Die Sachen für Klavier und Orchester begeistern einen wohl kaum, wenn man nicht gerade ein Fan von Liszts Konzertwerken oder Straussens Burleske ist ;) . Allerdings finde ich, dass vor allem das Scherzo viele interessante Stellen hat. Die frühen Suiten kenne ich, wie gesagt nicht.
    Schön sind auch die 4 Klavierstücke, die wahrscheinlich nur auf den Gesamteinspielungen von Kocsis und Jandó erhältlich sind. Die Kocsis Einspielung ist aber eh Pflicht für Bartókfreunde.....

  • So viel Kammermusik hat Bartók gar nicht geschrieben und mit einzelnen CD-Käufen kommst Du sicherlich besser weg als wenn Du diese Box kaufst. Die Violinsonaten gibt es in einer Integrale (ohne die frühe allerdings) von Isabelle Faust für 13 Euro bei jpc, die frühe Sonate bei Brilliant (siehe oben).


    Die Quartette habe ich schon in ca. drei Aufnahmen, die beiden gezählten Violinsonaten mit Kremer, die Solosonate mit Tetzlaff, Kontraste in der historischen Goodman/Bartok u. evtl. noch einer weiteren Aufnahme. Diese grüne Box gilt halt als "original-ungarisch" und wäre mir im Grunde das Geld auch wert gewesen, aber vermutlich hast Du recht, dass man die wenigen Sachen, die mir noch fehlen, auch alternativ erhält.
    Die konzertanten Werke mit Klavier höre ich mir nachher mal an. Von der Solo-Klaviermusik reichen mir bislang ca. drei Auswahl-CDs, ich muss zugeben, dass obwohl ich mich eigentlich als Bartok-Fan betrachte, mir davon bisher nur einiges wirklich gefällt, so dass ich von der großen Kocsis-Box Abstand genommen habe.

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  • on der Solo-Klaviermusik reichen mir bislang ca. drei Auswahl-CDs, ich muss zugeben, dass obwohl ich mich eigentlich als Bartok-Fan betrachte, mir davon bisher nur einiges wirklich gefällt, so dass ich von der großen Kocsis-Box Abstand genommen habe.


    Ich muss zugeben, die Klaviermusik ist bis auf die Kinderstücke und den Mikrokosmos eher schwer zu hören (am schwersten finde ich aber die zweite Violinsonate und die Solosonate für Violine). Inzwischen habe ich mich aber gut eingehört und habe viel Spaß an den Aufnahmen. Ich höre sie allerdings meist mit Kopfhörer (schon um meine Kinder zu schonen), da wirkt das ganze plastischer auf mich als normal über Boxen. Ein wirkliches Gipfelwerk ist für mich die Suite "Im Freien".

  • Zitat Johannes Roehl

    Zitat

    Die konzertanten Werke mit Klavier höre ich mir nachher mal an. Von der Solo-Klaviermusik reichen mir bislang ca. drei Auswahl-CDs, ich muss zugeben, dass obwohl ich mich eigentlich als Bartok-Fan betrachte, mir davon bisher nur einiges wirklich gefällt,


    Hm, ich mag ja nicht immer auf meinen Lieblingen beharren, mache es aber einfach ;). Wie Felix Meritis denke ich auch, daß grade die Kinderstücke von Bartók sehr gut/ leicht hörbar sind. Mein Zugang zu Bartóks Klavierwerk erfolgte, wie an anderer Stelle dargelegt über das Konzert für zwei Klaviere, Schlagzeug und Orchester (dies stellt ja eine Erweiterung einer Sonate dar) in einem Konzert. Ich meine, daß man sich von diesem Werk aus gut weiter zu den Stücken für Soloklavier "vorarbeiten" kann.


    Mit herzlichem Gruß
    JLang

  • Das gehört alles ja nicht unbedingt hierher (da keine frühen Werke), aber die Sonate f. zwei Klavier kenne ich natürlich seit langem, auch die Soloklaviersonate habe ich schon mehrfach gehört und die gefällt mir recht gut. Was ich sonst an Klaviermusik gehört habe, waren eben größtenteils sehr kurze Stücke, zu denen ich so keinen rechten Zugang gefunden habe.

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  • Was ich sonst an Klaviermusik gehört habe, waren eben größtenteils sehr kurze Stücke, zu denen ich so keinen rechten Zugang gefunden habe.


    Da kann ich aber durchaus eine Brücke zum eigentlichen Thema des Threads schlagen. Die frühen "4 Klavierstücke" beinhalten nämlich zwei relativ lange Stücke. Der Zyklus setzt sich aus folgenden Einzelsätzen zusammen:


    1. Etüde für die linke Hand (Tanulmány balkézre): 9.27 min
    2. Fantasie 1 (Ábránd 1): 4.58 min
    3. Fantasie 2 (Ábránd 2): 3.23
    4. Scherzo: 8.17


    Die Stücke sind noch klar spätromantisch, auch wenn schon gewisse moderne harmonische Härten auftreten. Es handelt sich aber durchaus um hörenswerte Musik.

  • Zitat Johannes Roehl


    Zitat

    Das gehört alles ja nicht unbedingt hierher (da keine frühen Werke), aber die Sonate f. zwei Klavier kenne ich natürlich seit langem, auch die Soloklaviersonate habe ich schon mehrfach gehört und die gefällt mir recht gut. Was ich sonst an Klaviermusik gehört habe, waren eben größtenteils sehr kurze Stücke, zu denen ich so keinen rechten Zugang gefunden habe.


    Klar, das Konzert für zwei Klaviere nicht, aber warum denn bitte nicht die Kinderstücke?


    Beste Grüße
    JLang

  • Klar, das Konzert für zwei Klaviere nicht, aber warum denn bitte nicht die Kinderstücke?


    Es stimmt schon, dass die Kinderstücke relativ früh entstanden sind, aber unter "frühem Bartók" im eigentlichen Sinne würde ich das kompositorische Schaffen Bartóks vor seiner Entdeckung der Volksmusik verstehen. Allerdings habe ich das im Eröffnungsbeitrag nicht so geschrieben und man kann bei anderer Auslegung wohl alle Werke, die vor 1910 entstanden sind, als früh ansehen. Ich selbst habe also nichts dagegen, wenn die Kindersücke auch hier besprochen werden.

  • Zitat von Felix Meritis

    Es stimmt schon, dass die Kinderstücke relativ früh entstanden sind, aber unter "frühem Bartók" im eigentlichen Sinne würde ich das kompositorische Schaffen Bartóks vor seiner Entdeckung der Volksmusik verstehen.

    Lieber Felix Meritis,


    hab vielen Dank für die Erläuterung des Fokus ich hatte tatsächlich ganz vereinfachend alles vor 1910 als "frühen Bartók" verstanden. Aber Dein Fokus macht natürlich Sinn. Für Kinderstücke ist an anderer Stelle immer noch genug Platz :)


    Herzliche Grüße
    JLang

  • Ich wollte nichts abwürgen, aber die Soloklavierwerke als solche sollte man lieber anderswo diskutieren, sofern Bedarf besteht.


    Ich habe mir nun mal das Scherzo und die Rhapsodie angehört und so recht begeistern wollen mich die Werke nicht, obwohl sie nicht uninteressant sind. Das "Scherzo" (umfangreicher langsamer (Einleitungs-)Teil, dann zwei Scherzo-Teile a 8-9 min mit ca. 5 min langsamerem "Trio"-Zwischenteil) ist eher ein Orchesterwerk als konzertant. Das Klavier pausiert teils minutenlang, das Orchester scheint ziemlich groß besetzt, inkl. Schlagwerk, Englischhorn u.a. und klingt in der Tat stellenweise (mir zu sehr) nach Strauss. Der Beginn des letzten (wieder schnellen) größeren Abschnitts hat auch etwas von den grotesken Scherzi Mahlers (wobei ich nicht unbedingt an einen direkten Einfluss glaube). Bislang habe ich aber Schwierigkeiten das als schlüssiges Ganzes wahrzunehmen und die eher untergeordnete Rolle des Klaviers finde ich auch etwas verwirrend.
    Die Rhapsodie ist da deutlich traditionell-konzertanter, klingt so ein wenig nach Ungarischen Tänzen; so richtig vom Hocker hat sie mich bisher aber nicht gerissen...
    Kossuth nehme ich mir dann als nächstes vor.

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  • Ich habe mir nun mal das Scherzo und die Rhapsodie angehört und so recht begeistern wollen mich die Werke nicht, obwohl sie nicht uninteressant sind. Das "Scherzo" (umfangreicher langsamer (Einleitungs-)Teil, dann zwei Scherzo-Teile a 8-9 min mit ca. 5 min langsamerem "Trio"-Zwischenteil) ist eher ein Orchesterwerk als konzertant.


    Ich kann da leider kaum widersprechen, denn auch mich haben die Werke noch nicht vollends überzeugt. Das Scherzo halte ich für wesentlich origineller, allerdings ist das thematische Material nicht übermäßig memorabel. Ich werde mir das Werk sicherlich noch 1 - 2 Mal anhören, bevor ich mich an ein Urteil wage. Was ich allerdings sehr erstaunlich finde, ist die bereits im frühen Alter beinahe perfekte Orchestrierungskunst Bartóks. Der Kossuth ist überhaupt ein wahres Feuerwerk an orchestraler Pracht (Beitrag folgt).

  • Die Krönung Bartóks Frühwerk stellt meiner Meinung nach die symphonische Dichtung Kossuth dar. Bartók schrieb sie in 1903, als er noch tief in seiner nationalistischen Phase war (nach ungarischem Selbstverständnis "patriotische" Phase). Thema des Werks ist natürlich die ungarische Revolution von 1848, die von den Österreichern mithilfe der Russen brutal unterdrückt wurde. Dieses Trauma wirkt bis heute (oder besser: man lässt es wirken...). Einer der Helden der Revolution, der andere wäre der ungarische Nationaldichter Sándor Petöfi, war der Jurist Lajos Kossuth, der sich hauptverantwortlich zeigte für die teilweise sehr fortschrittlichen Ideen der ungarischen Revolution. Nach Niederschlagung des Unabhängigkeitskrieges flüchete Kossuth in die USA, wo er bis an sein Lebensende blieb.
    Bartóks Werk folgt sowohl Strauss'schem als auch Liszt'schem Vorbild. Die moderne Harmonik und die Suitenform lehnt sich an Strauss an, die melodische Gestaltung erinnert teils sehr stark an die Orchesterwerke Liszts. Das Werk besteht aus einer Abfolge von 10 Sätzen, die in weniger als 20 min Spielzeit untergebracht werden:


    I: "Kossuth"
    II: "Welcher Kummer belastet Deine Seele, mein lieber Gemahl?"
    III: "Das Vaterland ist in Gefahr"
    IV: "Einst erlebten wir bessere Zeiten..."
    V: "Dann nahm unser Los eine schlimmere Wendung"
    VI: "Auf zum Kampfe"
    VII: "Kommt, kommt, schöne ungarische Helden, schöne ungarische Ritter"
    VIII: ohne Bezeichnung
    IX: "Alles ist aus"
    X: "Still ist alles, still..."


    Die Nummern VII - IX nehmen ca. 2/3 der Spiezeit in Anspruch, wobei das Herzstück der symphonischen Dichtung ganz klar die Nr. VIII darstellt, die das eigentliche Kriegsgeschehen beschreibt. Dieser Satz bringt als Verulkung eine groteske Variante des "Kaiserlieds", welches die österreichischen Übeltäter charakterisiert. Das Kaiserlied wird in weiterer Folge raffiniert in das musikalische Geschehen eingearbeitet. Wenn ich auch Probleme hatte, das Liszt'sche Vorbild in den ersten Nummern zu vergessen, so geht die Nr. VIII ganz klar über Liszt hinaus (ich behaupte, auch über dessen kompositorische Fähigkeiten). Die kontrapunktische Finesse gepaart mit ausdrucksvoller Harmonik ist sehr beeindruckend und müsste eigentlich ausreichen, den "Kossuth" zu einem der bekannten Orchesterwerke der Spätromantik zu machen. Zur Zeit der Entstehung war "Kossuth" tatsächlich erfolgreich. Die Ungarn liebten das Werk natürlich und der ungarische Dirigent Hans Richter (eigentlich János Richter!) führte das Werk in England auf. Bei den österreichischen Musikern des Budapester Philharmonieorchesters stieß das Stück allerdnigs auf weniger Begeisterung. Das Stück konnte aber schließlich trotz zahlreicher "Krankheitsfälle" im Orchester aufgeführt werden. Einspielungen gibt es relativ wenige und mir selbst liegt nur eine vor:



    Die Klangqualität ist hervorragend und sollte man das Ballett "Der hölzerne Prinz" - ein geniales, viel zu wenig bekanntes Werk - nicht besitzen, rate ich unbedingt zum kauf!

  • Folgende Einspielung habe ich wohl nur, weil ich Blomsted/ SFS gesammelt hatte und diese CD, wenn ich mich recht erinnere, einst im Phonohaus erstanden habe:


    Hat die zufällig noch jemand? Der Thread ist Anlass, das Stück mal wieder zu hören.


    Beste Grüße
    Accuphan

  • Folgende Einspielung habe ich wohl nur, weil ich Blomsted/ SFS gesammelt hatte und diese CD, wenn ich mich recht erinnere, einst im Phonohaus erstanden habe:

    Hat die zufällig noch jemand? Der Thread ist Anlass, das Stück mal wieder zu hören.


    Die DECCA-Scheibe mit Bartoks "Kossuth" unter Herbert Blomstedt habe ich auch; habe sie sogar, wie Du auch, im Frankfurter PHONOHAUS gekauft. Jaja, lang' ist's her....


    Grüße
    Garaguly

  • Es gibt anscheinend ca. 5-6 greifbare Einspielungen von Kossuth. Eine ganz neue bei cpo, die schon gezeigte CD unter Kocsis, Blomstedt/Decca, Fischer/Philips und eine ältere Hungaroton-Aufnahme.


    Die neue hungaroton-Aufnahme scheint mir ebenfalls (nicht nur, aber auch klanglich) erstklassig zu sein! Das Stück gefiel mir jedenfalls erheblich besser als die beiden Werke mit Klavier und wirkt auf mich auch schlüssiger und geschlossener als diese. Obwohl spätromantisch erinnert es mich in seinem ernsten und teils düsteren Charakter weniger an Strauss als das "Scherzo" (bei dem mich einige Stellen an die Rosenkavalier-Walzer erinnerten, wobei Rosenkavalier erst knapp 10 Jahre später komponiert wurde). Warum das Stück nicht so bekannt ist, weiß ich auch nicht; vielleicht hängt es auch damit zusammen, dass außerhalb von Ungarn Lajos Kossuth kaum ein Begriff ist (diese Hussiten-Stücke von Smetana und Dvorak sind ja wohl auch nicht so bekannt), anders als Till Eulenspiegel :D

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  • Ich habe die "2.Suite", ursprünglich von 1905, aber mehrmals revidiert, hier in der letzten Fassung von 1943, zweimal angehört. Ich habe das Stück zufällig in einer Mercury-Box mit Bartok-Aufnahmen Doratis. Die Suite ist ganz nett, viel mehr m.E. nicht. Folkloristische Anklänge, farbig instrumentiert, aber allzu viel verpasst man nicht, wenn man das Stück nicht kennt. Zwei recht entspannte "comodo"-Sätze umrahmen eine Art Scherzo und ein andante, das Stück hat aber gar nicht den Anspruch einer Quasi-Sinfonie, selbst wenn es ganz grob diese traditionelle Satzfolge zeigt.


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    (Bob Dylan)

  • Ja, diesen Eindruck hatte ich beim Anhören der jpc-Schnipsel auch - deswegen habe ich das Werk auch noch nicht. Die erste Suite allerdings auch nicht, obwohl die wesentlich interessanter klingt (harmonish recht harsch und rhytmisch komplexer). Ich werde berichten, sobald ich das Teil habe.

  • Ich habe mir gestern die 2.te Orchestersuite in folgender Einspielung gekauft:




    Ich muss mein Urteil definitiv widerrufen, denn die Soundschnipsel haben mich in die Irre geleitet! Vielleicht kann man mich in puncto Bertók einfach nicht mehr ernst nehmen, weil ich fast von ihm alles fantastisch finde, aber dieses Stück macht auf mich einen direkt subversiven Eindruck. Jeder der vier Sätze beginnt recht harmlos und konsonant, wird aber in weiterer Folge ins Groteske geführt. Die Anfänge der Sätze 1 und 3 haben was von Dvorák, also Balsam für die Ohren der konservativen Zeitgenossen Bartóks. Nach der ersten Minute schleichen sich aber immer mehr Dissonanzen und rhythmische Komplexitäten ein, sodass von Balsam keine Rede mehr sein kann. Der dritte Satz verwandelt sich nach ein paar Minuten sogar in den reinsten Debussy. Besonders beeindruckend fand ich das Scherzo (in der späteren Transkription für 2 Klaviere in "Allegro diabolico" umbenannt), das im Stile eines Lisztschen Mephistowalzers beginnt, aber ebenfalls immer moderner wird bis es zwei Mal zu regelrechten, dissonanten Explosionen kommt (ähnlich wie "Also sprach Zarathustra, aber härter harmonisiert). Auch hervorragend das Finale, das zunächst wie Sibelius daherkommt und dann auch immer wüster wird.
    Ich kann also Teleton (siehe oben) nur beipflichten! Demnächst kommt die Suite Nr. 1, bin schon gespannt.



    Die Qualität dieser Aufnahme ist absolut hervorragend, sowohl klangtechnisch als auch intepretatorisch. Ebenfalls enthalten ist die ungleich berühmtere "Tanzsuite", aber die habe ich noch nicht hören können. Ein Gustostück ist auch die Orchestertranskription des ersten Rumänischen Tanzes op. 8a. Das ist dann auch schon der Bartók, wie man ihn kennt. Allerdings gebe ich trotz allem der Klavierversion den Vorzug, da perkussiver.

  • Endlich konnte ich das letzte größere Werk Bartóks, das mir noch in der Sammlung fehlte in den CD-Player schieben. Zur Zeit dürfte nur die relativ rezente Aufnahme unter Zoltán Kocsis mit dem Nemzeti Filharmonikus Zenekar erhältlich sein:




    Witzigerweise haben sich meine ursprünglichen, auf Soundschnipsel beruhenden, Vorlieben bezüglich der beiden frühen Orchestersuiten, opp. 3 und 4, genau ins Gegenteil verkehrt. Während mir die zweite Suite nun ganz hervorragend gefällt, finde ich die erste Suite ein gutes Stück konventioneller. Sicher, gute Musik ist das schon, die Instrumentierung erst recht, aber so richtig zünden will das ganze bei mir nicht. Einzig der erste Satz, eine groteske Variante des Meistersingervorspiels, gefällt mir wirklich gut. Der Rest dvorákelt ziemlich, aber ohne die eingängigen Melodien des Tschechen. Ein ordentliche Prise Strauss ist natürlich auch wieder dabei. Interessanterweise war es dieses Werk, das die reaktionäre Budapester Akademie der Künste in den 1930er Jahren für eine Würdigung Bartóks in Form einer Preisverleihung auswählte (das Stück stammt aus 1905!). Bartók lehnte ab.

  • Von Bartoks frühen Werken gibt es nicht all zu viele Einspielungen. Umso erfreulicher, dass Naxos sich der Sache annimmt und mit JoAnn Falletta auch gleich die richtige Anwältin mitbringt. Das sind erstklassige Aufnahmen, die hier präsentiert werden. Ich kenne die viel gerühmten Kocsis-Aufnahmen bei Hungaraton nicht, aber das Preisschild dort ist mir deutlich zu hoch. Allzumal wenn es jetzt ein attraktive preiswerte Alternative gibt. Die Dame empfiehlt sich für höhere Aufgaben.

  • Ich will meine heutige Erinnerung an den Todestag vonb Bela Bartok mal in diesem Thread einstellen, entschuldige bitte Felix, wenn du dies lesen solltest, aber auf diese Weise erfahren sicherlich mehr davon. Ich habe zu diesem Ereignis diese Box von Bela Bartoks Landsmann Sir Gorg Solti ausgesucht:





    Heute ist Bela Bartoks 70. Todestag.


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).