Ohrwurm aus Italien - Antonio Vivaldi: "Le quattro stagioni"

  • Hallo lieber Taminoianer,


    Antonio Vivaldis "Le quattro stagioni", oder "Die vier Jahreszeiten" wie man hierzulande das Werk noch in meiner Jugend nannte sind wohl eines der meistgehörten klassischen Werke überhaupt, zumindest die ersten Sekunden des Anfangssatzes, kennt fast jeder.
    Schon bedeutend weniger Leute wissen, daß diese 4 Konzerte Teil eines Zyklus sind, der insgesamt 12 Konzerte umfasst und etwa 1725 unter dem Titel "Il cimento dell´ armonia e dell´inventione" ("Das Wagnis der Harmonie und der Erfindung") erstmals veröffentlicht wurden, obwohl sie sicher älter sind.



    Die Bewertung dieser Konzerte war stets unterschiedlich, manche können sie schon nicht mehr hören, ich selbst kann mich an ihnen jedoch nicht satthören. Speziell in den letzten 20 Jahren entstanden zahlreiche, IMO sehr interessante Aufnahmen mit teilweise sehr persönlichen Sichtweisen von Interpreten, zudem noch zahlreiche Bearbeitungen.
    Wenngleich Puristen an dieser Stelle aufschreien mögen, derlei hatte durch all die Jahrhunderte Tradition.


    Wie immer werde ich meine Präferenzen im Laufe des Threads bekanntgeben, aber es geht ja nicht nur um die Frage, welches die "beste" Aufnahme ist, vielmehr sind Eure subjektiven Eindrücke interessant, bzw Eure Assoziationen.


    Dan könnte man sich noch die Frage stellen, ob Transkriptionen für spezielle Instrumente legitim sind, oder ob sie ein Sakrileg darstellen.


    Mit freundlichen Grüßen aus Wien


    Alfred

  • Hallo Alfred,


    so abgedroschen und abgespielt diese Musik auch sein mag (aber schließlich hat Honegger auch über Beethovens 5. gesagt, nach 200-maligem hören wäre sie nur noch Geräusch für ihn), sie ist nicht klein zu bekommen. Ich bekenne mich, der Gruppe derer anzugehören, denen das Anhören dieser Musik noch Spass bereitet. (Meist jedenfalls. Oder oft. Aber nicht immer. :D)
    In den letzten Jahren sind doch noch neue, oft reichlich aufregende Aufnahmen entstanden. Mein 1. Tip: Marcon/Carmingnola, Barockorchestra Venice



    Zweite Empfehlung: Il Giardino Armonico: sehr flott, sehr ausdrucksstark!



    Und für die lauen Sommernächte noch diese: Münchinger und das Stuttgarter Kammerorchster.



    Gruß
    Uwe

  • Mein Tip:


    Kyung Hwa Chung/St. Luke's Chamber Ensemble (EMI)


    Sehr erfrischend und immer noch kraftvoll.
    Und das bei ihrem relativ hohen Alter! Respekt!


    In der koreanischen Edition (EMI KOREA) ist übrigens auf der 2.CD ein Extra Video von ihr. Musikvideo zu dem Sturm.
    und das beste...die ganze 2.cd ist neben dem Video bestückt mit tracks,die jeden einzelnen Track der 1.CD erklärt und zwar von Kyung Hwa Chung höchstpersönlich.
    Sie erklärt auf koreanisch,was es mit den jeweiligen Stücken auf sich hat und wie man es am besten spielen soll.

  • Hallo,
    ich halt's mit Uwe:
    1. Macon/Carmignola/Venice-Baock-Orchester (mit vorzüglicher Klangqualität!)
    2. Harnoncourt/Concentus Musicus - trotz (oder vielleicht doch gerade wegen???) des Original-Klangs - frisch, ein bißchen rauh, mit Ecken und Kanten
    Gruß
    Achim

  • Hallo,



    Gute Musik ist niemals "abgedroschen"


    Zudem gibt es eine Aufnahme, die quasi eine "Schlüsselstellung in Meiner Sammlung einnnimmt:


    Antonio Vivaldi: Le quattro Stragioni
    The English Concert
    Trevor Pinnock





    Als nämlich etwa 1983 die Digitaltechnik (sauteuert damal, ein StandardPlayer kostete damals umgertechnet etwa 1200-1500 Euro, und damals war das Geld etwa doppelt soviel wert wie heute)
    kam gerade frisch am Markt. Man hörte viel über "digitalen Klang" und
    seine Nachteile . Diese Platte war eine der wenigen "Referenzen" die mir zur Verfügung standen. Sie wurde von mir als "Prüfstein" herangezogen, und ich war von der Aufnahme so begeistert, daß ich einge Wochen später meinen eigenenCD-Player hatte.


    Die Aufnahme, und ich hab inzwischen einige, nimmt in meiner Sammlung noch immer einen Rang ganz vorne ein.



    Als "wildere" Alternative empfielt sich jene Aufnahme mit "Il giardino armonico", die schon Uwe positiv erwähnte.




    Persönlich interessiere ich mich nun für eine Aufnahme mit "Modernem Instrumentarium", beispielsweise die vielgelästerte Aufnahme Mutter / Karajan oder jene von Viktoria Mullawa.



    Grüße aus Wien


    Alfred

  • Ich halte es trotz der vielen Aufnahmen mit der ersten Einspielung von Nigel Kennedy mit dem English Chamber Orchestra auf EMI.

    Otto Rehhagel: "Mal verliert man und mal gewinnen die anderen".
    (aus "Sprechen Sie Fußball?")

  • Hallo Rienzi,


    Na ich weiß nicht....


    Sie muß ja auch etwa um 1983/84 erschienen sein...


    Ein Freund hat sie mir damals voller Stolz und Begeisterung vorgeführt.
    Ich erinnere mich nicht mehr des Klanges, nur was ich damals dachte.
    Ich weiß noch, daß ich sie als nicht so schmeichelnd empfand als jene des English Concert. Die anderen Aufnahmen hatte ich damals noch nicht.


    LG
    Alfred

  • Hallo Alfredo,


    Du hast schon Recht mit Deinem Beitrag. Dies sind die Jahreszeiten "gegen den Strich gebürstet". Beim Winter friert Dir beim Hören alles ein. Bei anderen Aufnahmen weißt Du, daß es kalt ist. Bei dieser schepperst Du mit den Zähnen.
    Natürlich gefallen mir meine anderen Aufnahmen auch. Dieses Werk kann so leicht nicht verhunzt werden.

    Otto Rehhagel: "Mal verliert man und mal gewinnen die anderen".
    (aus "Sprechen Sie Fußball?")

  • Zum Ohrwurm meint Sagitt:


    Erstens gab( gibt?) es eine Aufnahme von Harnoncourt aus den siebziger Jahren, die erst durch die neuen " Wilde´n" relativiert wurde. Diese Aufnahme fiel in die " wilde" Periode von Harnoncourt ( die Wassermusik von Händel stammt auch aus dieser Zeit) und war damals eine großartige Alternative zu I Musici-Langeweile ( norddeutsche Musikauffassung, Musik soll aufwühlen und ergreifen).
    Zweitens ist auf L´europe galante unter Fabio Biondi hinzuweisen, der ebenfalls eine großartige Interpretation der quattro vorlegt. Es geht nicht um das Ausstellung geigerischer Virtuosität, sondern um die geistige Erfassung eines " Ohrwurms"
    Drittens möchte für Fans der Verfremdung auf The electric V. hinweisen,eine teilweise witzige und sehr originelle Paraphrasierund dieses Zyklus.

  • Hallo,


    leider geht es mir genau umgekehrt, wie allen anderen, desto öfter ich das Werk höre, umso süchtiger werde ich nach neuen Interpretationen.


    Der empfohlene Carmignola ist sicher ein heisser Tip, vor allem, da ich mir neulich zwei weitere Carmignola-Aufnahmen von Vivaldi-Violinkonzerten gekauft habe.


    Ebenso würde mich aber die Aufnahme mit Fabio Bondi und Europa Galante reizen.


    Dazu hätte ich gern eine erstklassige Aufnahme mit modernem Intrumentarium. Hier tendiere ich zu Viktoria Mullava......



    Fragen über Fragen



    Alfred

  • Hallo,


    Wie schon zu Beginn des Threads angekündigt hatte ich vor meine "Vier-Jahreszeiten-Diskographie zu erweitern.
    Inzwischen habe ich mir sowohl die Aufnahmen von Carmignola, als auch jene von Mullova gekauft.
    (Fabio Bondi schied auf Grund des "Copy-Control" Kopierschutzes aus - Sorry EMI :P , nicht weil ich kopiere, sondern wegen der möglichen Probleme beim Abspielen, heute oder auf künftigen Player-Generationen )


    Hier ein ganz kurzes Resumé:


    Carmignolas Aufnahme ist wunderbar, auch spannend, jedoch jene Aussenseiterposition von Il giardino armonica nimmt sie nicht ein, wobei ich letzterer absprechen würde, historischen Ansprüchen zu entsprechen - soo wild hat man niemals im 18. Jahrhundert gespielt !!!
    (Ungeachtet dessen bereitet es mir immer wieder Vergnügen, sie zu hören)
    Aber eigentlich waren wir ja bei der Carmignola -Aufnahme. Nachdem ich in letzter Zeit bereits 3 CDs mit diesem Geiger gekauft habe, glaube ich seinen Violinklang schon identifizieren zu können, ein sehr persönlich geprägtes Spiel, daß trotz aller Spielfreude und allen Temperaments immer einen leichten Hauch von Melancholie in sich trägt.....
    Dazu kommt, daß es im Gegensatz zu den "Ausbrüchen, sehr cantabel und weich interpretierte Stellen gibt. Die Qualität der Auifnahmen von Carmignola - Marcon ist sofort erkennbar, eröffnet sich in ihrem vollen Ausmaß jedoch erst nach mehrmaligem Hören....



    Nun zu Mullova
    Die Fragestellung war, wie legitim es ist, das Werk mit "modernem" Kammerorchester aufzunehmen, alte Aufnahmen die ich noch auf LP besitze, schienen mir dazu nicht geeignet.


    Der erste Eindruck ist der (relativ) dicke Klang des Orchesters.
    Die Umgewöhnung auf "modernes" Orchester ist also ebenso mit "Arbeit" verbunden wie es seinerzeit die Umstellung auf "historische" Instrumente war. Dazu kommt, daß Philips schon mal
    "schlanker" aufgenommen hat.
    Einige "Effekte, die man von "HIP" Aufnahmen gewohnt ist vermisst man schmerzlich.
    Aber - Das ist nur die eine Seite der Palette:
    Einmal "eingehört" findet man Stellen von ungeahnter Intensität, manchmal sogar ein wenig beklemmend, die man sooo nie zuvor gehört hat, denn gespielt wird eher vital, keineswegs "brav", so wie die "Jahreszeiten" vor 30 oder mehr Jahren gespielt wurden.
    So lässt sich die Frage, ob es sinnvoll ist, sich heutzutage auch eine "moderne" Lesart des Werkes zu kaufen, eindeutig mit "ja"
    beantworten, zumindest soweit es diese Einspielung betrifft.


    mit freundlichen Grüßen


    Alfred

  • Hallo,


    Zwar bleibe ich beim Thema, und doch komme ich nun in eine andere Richtung.
    Inspiriert wurde ich dazu - wo sonst - hier im Forum, und zwar durch den Thread: Bilder einer Ausstellung :D
    Das scheint nun ja wirklich weit hergeholt , ist es aber nicht:
    Die "Bilder einer Ausstellung" eigentlich ein Klavierwerk Mussorgskys, wurden etliche Jahre nach dem Tod des Komponisten durch Ravel und Stokowsky instrumentiert (beide 1929), später dann noch durch etliiche Andere.
    Interessanterweise, oder eigentlich erwartungsgemäß, gibt es etliche Verfechter der Originalversion. Eigentlich ist ja eine Orchestrierung, oder Uminstrumentierung immer ein wenig als Verfälschung eines Werkes angesehen worden, trotzdem wurde es immer wieder gemacht (vielleicht mal ein eigener Thread ?)
    Ein Stück, das immer wieder dieses Schicksal erleiden musste, waren aber beispielsweise Vivaldis "Vier Jahreszeiten"
    Ob so etwas noch als "Seriöse Klassik" bewertet werden soll, oder ob wir uns hier schon ein wenig dem "Crossover" nähern, werden wir demnächst in einem gesonderten Thread besprechen.
    Hier und heute ist die Frage lediglich, ob jemand eine Bearbeitung von "Le Quattro Stagioni" in seiner Sammlung hat (AFAIK gibt es sowas für Blockflöter, für Gitarre und etliche andere Instrumente) und was er davon hält.


    Beste Grüße aus Wien



    Alfred

  • Ich habe einmal eine Aufnahme von Giuliano Carmignola mit den Sonatori de la Gioiosa Marca gehört (das Ganze auf DIVOX) und muss gestehen, dass ich von dieser höchst bemerkenswerten Einspielung sehr beeindruckt war.


    Ciao

  • Ich glaube, die bekannteste Bearbeitung ist die für Computersysteme - die hören wir dann als Warteschleifenmusik oder im Fahrstuhl von Hotels und Einkaufszentren :stumm:


    Ich muss gestehen, dass ich keine Bearbeitung für andere Instrumente habe. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass ich generell von dieser Musik, wie auch von den Brandenburgischen Konzerte eher extreme Interpretationen hören will. Beides habe ich eigentlich als Hintergrundgedudel etwa im Kaufhaus kennengelernt. Fand ich ziemlich abstoßend, war also irgendwie voreingenommen. Mit Il Gardino Armonico oder Carmignola etc. sind für mich vollkommen neue Aspekte aufgetaucht - traditionelle Aufnahmen habe ich auch (Marriner, um I Musici mache ich immer einen Bogen), fühle mich dann aber immer wieder in den Fahrstuhl zurückversetzt. Wenn ich irgendwann einmal genug vom Original habe, wende ich mich vielleicht anderen Arrangements zu.

  • Hallo Vivaldi-Freunde,


    lange Zeit hat dieser Thread geruht aber eine kürzlich erschienene Aufnahme, die wohl auch recht "bekannt" sein dürfte erfordert es das er wieder einmal hervor geholt wird.



    Natürlich kann man heute die 4 Jahreszeiten nicht mehr einfach so auf den Markt bringen. Da muß man sich schon etwas besonderes einfallen lassen.
    Also wirft die DECCA ihr junge Geigerin Janine Jansen ins Rennen, die dann noch erklärt warum es ihr ganz wichtig war dieses Werk mit nur 8 weiteren Musikern einzuspielen. Darunter so bekannte Namen wie Julian Rachlin. Genau genommen sind es sogar nur 7, da Jan Jansen zwei Instrumente spielt.


    Wie auch immer, es kommt auf das Ergebnis an und das ist IMO leider nur mittelmäßig, Gerade in den stürmischen, nach Kraft und Dynamik verlangenden Passagen fehlt es einfach ein der nötigen "Wucht" um die Gewalten der Natur angemessen darzustellen.


    Bleibt noch das Spiel der Solistin. Auch da bin ich nicht wirklich glücklich. Einiges klingt ja gar nicht so schlecht aber der junge "Star" der DECCA scheint stellenweise eher dem Gedanken zu folgen "ach, höret doch meinem tollen Geigenspiel" statt sich dem passenden Ausdruck zu widmen.
    Das mit dem tollen Geigenspielt ist das auch wieder relativ. So gibt es durchaus Stellen, wie z.B. im letzten Satz des Sommers, da sind IMO deutlich HÖRBARE Mängel in ihrem Spiel und das Spiel wird UNSAUBER in der Tongestalltung.


    Naja, das hatten wir aber auch alles schon. Damals als diese 1.000.000 CD's mit diesem Kopftuchträger über die Ladentheke ging. Wirklich gestört hat es auch keinen.


    Was diese Aufnahme endgültig unnötig macht ist folgendes:


    39 min. 02 sek. werden bei mir am Player angezeigt.


    Das braucht man nicht weiter kommentieren.


    So bleiben für mich drei wesentliche Erkenntnisse:


    1. Es gibt wesentlich bessere Aufnahmen der 4 Jahreszeiten


    2. Mit dieser Aufnahme hat sich IMO Janine Jansen nicht annähernd in die "Schlagdistanz" der wirklichen Spitzen GeigerINNEN (Hahn, Fischer.....) gespielt.


    3. Der CD Preis ist bei dieser Spiel"dauer" einfach eine Frechheit!


    Spart euch die CD einfach und wenn ihr mögt hört einfach einmal beim Händler den Schlußsatz des Sommers. Dann hört ihr die falschen Töne!!! :angry:

  • Hallo Vivaldi-Freunde,


    ich bin nicht gerade ein Barokmusikkenner- und Liebhaber, habe aber Vivaldis "Vier Jahreszeiten" doch drei mal im Platten bzw.CD-Schrank.
    Nachdem ich diesen Thread gelesen habe lohnen sich ggf. noch weitere.


    Auf CD die saubere, filigrane Decca-Aufnahme mit Karl Münchinger/Stuttgarter Kammerorchester, die schon eingangs erwähnt und abgebildet wurde.
    Dann die ebenso gute und interessante präsentierte Version mit Karajan / Berliner PH mit Anne Sophie Mutter an der Violine als LP.


    ;) Alfred interessiert ja auch welche bearbeitete Versionen ggf. bei den Taminoaner vorliegen. Auch da kann ich mit dienen, obwohl ich sonst kein Freund von entzerrenden Bearbeitungen bin, die ein originales Werk verunstalten.
    :) Aber da ich kein Barock-Fan bin lasse ich die Decca-Hammer-Aufnahme, die ich noch nicht auf CD gefunden habe, mit
    Leopold Stokowsky / London SO für großes Orchester voll gelten.
    Stokowsky bietet eine sinfonische Supershow, die mir zu hören Riesenspaß macht: Da geht es richtig Rund !!!


    Wer kennt dieses Showpiece ???

  • Vor Jahren, als ich bzgl. Klassik noch absolut unerfahren und durch die Medien leicht zu beeinflussen war :D, kaufte ich mir die Kennedy-Aufnahme. Welch Graus – sie wurde schon lange wieder weiter verkauft.


    Inzwischen steht bei mir der bereits mehrfach erwähnte Carmignola ganz oben auf der Beliebtheitsliste. Auf einer seiner Aufnahmen (ich weiß gerade nicht sicher, ob es die "Jahreszeiten" sind) hört man jedoch recht laute Atemgeräusche, die ich anfangs etwas befremdlich fand. Inzwischen stören sie mich nicht mehr, geben dem Ganzen gar einen irgendwie intimen Charakter.


    Viele Grüße,
    sendet Cosima

  • Ich habe die Aufnahmen mit Spivakov und Mullova, wobei letztere aufgrund der enormen Vitalität und Spannung mein klarer Favorit ist. Die beste Interpretation habe ich aber vor zwei jahren in einer lauen Sommernacht gehört: Auf der Piazza San Marco vor dem Cafè Quadri, gespielt von der hauseigenen Kapelle, bei einem Capucccino, für dessen Preis ich hier eine Kaffemaschine kaufen könnte ;)


  • Das ist bedauerlich, denn gerade der Sommer ist für mich ein Höhepunkt
    unter Vivaldis 'Jahreszeiten'.
    Und zur Spieldauer: Für eine CD ist das schon enorm wenig, da hätte
    man durchaus noch ein weiteres Konzert als Zugabe draufpacken können.



    Nun zur Überschrift 'Ohrwurm': Nicht soo ganz falsch, denn zu jeder Jahreszeit klingen in mir die passenden Passagen der vier Konzerte in den Ohren. Obwohl es schon ein wenig ungerecht ist, Vivaldis Werk mit einem gewöhnlichen Gassenhauer oder gar Schlager zu vergleichen..

  • Ich kann die vier Jahreszeiten auch noch immer hören, obwohl der Frühlings-Anfang in der Tat sehr abgedroschen ist. Aber im Laufe des Satzes legt sich das intensive Déjà-ecouté-Gefühl sehr rasch, und der 2. Satz Frühling ist ja wirklich wunderbar. Dennoch bleiben Frühling und Herbst im Vergleich zu Sommer und Winter meiner Meinung nach ein bisschen hinten - Sommer und Winter sind einfach effektvoller (und in moll, im Gegensatz zu den beiden Übergangsjahreszeiten!).

  • Mich wundert etwas, dass diese etwas ältere, aber ungemein mitreissende und "wilde" Aufnhame noch nicht erwähnt wurde:



    Vivaldi, Antonio (1678-1741)
    Concerti op. 8 Nr. 1-4 "4 Jahreszeiten" + Violinkonzerte RV 180 & 253
    Goltz, Freiburger Barockorchester, The Harp Consort,
    Goltz, Lawrence-King
    HMD
    DDD, 96


    Das bemerkenswerte an der Aufnahme ist, dass die Besetzung um ein ein sehr umfangreiches und abwechlungreiches Continuo-Orchester "ergänzt" wurde. Das gibt einen ganz besonderen "historischen" und auch "fetzigen" Sound. Man hört die Freude, die die beiden Ensembles beim gemeinsamen musizieren hatten, richtig heraus.
    Als "Bonus-tracks" gibt*s die den Konzerten zugrundeliegende Sonette auch noch gesprochen auf der CD...


    Kennt noch jemand diese Aufnahme?


    Gruß
    Karsten

  • Hallo liebe TaminoanerInnen


    folgende unter fünf verglichenen Aufnahmen möchten wir gerne weiter empfehlen,



    Giuliano Carmignola; Venice Baroque Orchestra; Ltg: Andrea Marcon


    Am besten gefallen hat die Aufnahme mit Giuliano Carmignola und dem Venice Baroque Orchestra unter Andrea Marcon : Carmignola überzeugt mit geigerischer Brillanz, Orchester und Solist musizieren sehr nuancenreich, sowohl dynamisch wie artikulatorisch. Ebenfalls überzeugend wirkt der Interpretationsansatz von Enrico Onofri und Il Giardino Armonico unter Giovanni Antonini - eine äusserst lautmalerische Version. Bei der Einspielung mit Fabio Biondi und dem Ensemble Europa Galante steht das Cembalo zu sehr im Vordergrund, der Violinpart ist zudem nicht sehr sauber gespielt. Die Aufnahme mit Gidon Kremer und seiner Kremerata Baltica wirkt etwas schulmeisterlich; ebenfalls wenig überzeugend die Aufnahme mit Rinaldo Alessandrini und dem Concerto Italiano. Die junge Geigerin Janine Jansen spielt den Solopart technisch sehr souverän, nahm das Tempo aber etwas zu schnell.
    Die Aufnahmen;
    Giuliano Carmignola; Venice Baroque Orchestra; Ltg: Andrea Marcon
    Sony (2000)


    Fabio Biondi; Europa Galante
    Virgin (2001)


    Gidon Kremer; Kremerata Baltica
    Nonesuch (2000)


    Janine Jansen; Candida Thompson; Henk Rubingh; Julian Rachlin; Maarten Jansen... Jan Jansen, Orgel, Cembalo
    Decca (2004)


    Enrico Onofri; Giardino Armonico; Ltg: Giovanni Antonini
    Warner Classics (2002)


    Francesca Vicari; Concerto Italiano; Ltg: Rinaldo Alessandrini
    Naive (2003)


    Herzliche Grüsse


    romeo&julia

  • Zitat

    Original von romeo&julia
    Fabio Biondi; Europa Galante
    Virgin (2001)


    Hallo,


    Diese Aufnahme gehört zu meinen Lieblingsaufnahmen des "Vier Jahreszeiten". Besonders die Detailarbeit, um den von Vivaldi ausdrücklich hineinkomponierten programmatischen Hintergrund (Sonette) möglichst plastisch darzustellen, ist vorzüglich erfrischend gelungen.


    Viele Grüße,
    Daniel

  • Hallo zusammen,


    ich wollte ja gerne die Janine Jansen-Aufnahme kaufen,doch Richards vernichtende Kritik hat mich bisher davon abgehalten.Weiß niemand etwas Positives über diese Künstlerin zu berichten?Oder bestätigt sich mein Verdacht,daß hier ein freizügiges Dekolleté als Quotenbringer eingesetzt wird?
    Was ist denn nun als Referenzaufnahme zu bezeichnen?
    A.S.Mutter,N.Kennedy,H.Hahn oder J.Fischer?
    Oder gibt es eine herausragende no-name-Aufnahme?
    Da ich immer wieder von den jungen Künstlerinnen und Künstlern begeistert bin,wird mich eure Meinung interessieren.

  • Einspruch! Ich halte die von romeo&julia favorisierte Aufnahme mit Giuliano Carmignola und dem Venice Baroque Orchestra unter Andrea Marcon auch für optimal gelungen und um Längen besser als die der Familie Harnoncourt. Besser als Kennedy und Mutter etc ist sie sowieso. Jansen et al. und Vicari/Concerto Italiano kenne ich aber noch nicht.


    :hello:
    Thomas

    Da freute sich der Hase:
    "Wie schön ist meine Nase
    und auch mein blaues Ohr!
    Das kommt so selten vor."
    - H. Heine -


  • Na ja, Jansens Aufnahme ist immerhin durch die Kammermusikbesetzung nicht ganz uninteressant (und die dürfen schon daher etwas schneller sein als Barock- oder Kammerorchester). Ich habe einmal den Winter im Radio gehört, und der war wirklich zum Frösteln! Toll gespielt!
    Einmal hineinhören kann zumindest nicht schaden.


    Aber wirklich sehr gut ist die erste Einspielung Carmignolas mit den Sonatori della Gioiosa Marca. Das war die erste Aufnahme nach dem Pop-Hit von Nigel Kennedy, die musikalisch Furore gemacht hat. Diese Aufnahme sollte in einem Vergleich eigentlich nicht fehlen.

  • Hallo liebe TaminoanerInnen


    Die Kammermusikversion von Janine Jansen entspricht im allgemeinen Klangcharakter bestürzend nah der Coverphoto-Ausstattung. Dynamik, Phrasierung und Artikulation sind zwar sehr stark ausgearbeitet und die kleine Besetzung sorgt für Transparenz. Es ist ein abruptes Nebeneinander von extrem breitem und extrem kurzem Spiel und wirkt ausgesprochen manieriert – die Klangrede ist eine gekünstelte Art , die oft wie eine Parodie wirkt. Kennt man den ganzen Reichtum der Ornamente, Verzierungen und Spielweisen bei Streichinstrumenten, wie er sich aus zeitgenössischen Traktaten (und auch etlichen historisch informierten Einspielungen) erschließt, ist man geradezu bestürzt über die in dieser Einspielung zum Ausdruck kommende Beschränktheit des Repertoires an „improvisatorischer Freiheit. Dies gilt insbesondere für die führenden Streicherstimmen, weniger für die kundig agierende, mit Cello, Baß, Theorbe und alternierend Cembalo und Orgel farbig besetzte Continuo-Gruppe. Hinzu kommt noch, das natürlich mit Vibrato gespielt wird, wo immer möglich (auch wenn es sich nicht um schweren romantischen Zuckerguß, sondern allenfalls eine Glasur handelt, die gleichwohl klebrig bleibt).
    Eine Interpretation die sicherlich ausserhalb des Gewohnten steht. Wir sind da klar Richards Meinung, es gibt einige bessere Aufnahmen der vier Jahreszeiten.



    Herzliche Grüsse


    romeo&julia