Tombeaux - musikalische Epitaphe: musikalische Grabmale

  • Angeregt wurde ich zu diesem Thema natürlich durch die Seite "Der Musiker Gräber". Dort werden reale, hier musikalische Grabmale beschrieben, die Musiker für ihre verstorbenen Kollegen geschrieben haben.
    In der Alten Musik ist das berühmteste "Nymphes des bois - la déploration de Johannes Ockeghem" von Josquin, auf den Tod von Ockeghem (1497). Die Komposition verwendet zwei Texte gleichzeitig: ein Gedicht von Jean Molinet und den Text des Requiem als cantus firmus.



    Auf den Tod von Josquin schrieben einige Komponisten Werke, die die King´s Singers 2012 zusammengestellt und veröffentlicht haben. Dies ist eine der schönsten CDs mit alter Musik, die ich habe, und diese Musik ist durchweg von Komponisten, von denen ich noch nie gehört hatte. Jetzt habe ich es, und zwar bestimmt schon 30 mal. Die Ausführung durch die King´s Singers ist makellos. Auf die Idee zu dieser CD bin ich hier durch das Forum gekommen, leider habe ich vergessen, wer diese Musik empfohlen hat, ich möchte ihm außerordentlich danken.


    Ihr absolviert diese Stelle wie ein Intercity auf einer schwer zu nehmenden Weiche (mein verstorbener Chordirigent Johannes Glauber aus Essen)

  • In einem anderen Thema hier im Forum wird verwiesen auf "politische" Kantaten und Lobhudeleien. Diese Epoche beginnt aber erst ab 1750. Hier will ich zeigen, dass politische Kantaten die wunderbarste Musik hervorgebracht haben.
    Schütz´ Landesherr Heinrich Posthumus Reuß hatte vor seinem Tode die Texte zusammengestellt, mit denen sein Sarg beschriftet werden sollte. Schütz komponierte dazu die Musik, die 1636 veröffentlicht wurde. Wir haben in meinem früheren Essener Vokalensemble dieses Werk oft gesungen ( es ist für Solisten, Doppelchor und Orgel); alle Solisten kamen aus dem Chor, sodass eine große Geschlossenheit erreicht wurde. Herreweghe macht es in seinen Aufnahmen ähnlich.


    Ihr absolviert diese Stelle wie ein Intercity auf einer schwer zu nehmenden Weiche (mein verstorbener Chordirigent Johannes Glauber aus Essen)

  • Diese Kantate (Nr. 198) ist meine Lieblingskantate von Bach, und ich bin da nicht der einzige. Es ist der Epitaph von der Königin Christiane Eberhardine, der Frau von Friedrich August, dem König von Sachsen, der 1697 katholisch wurde, um die Krone von Polen anzunehmen. Seine Frau folgte ihm darin nicht, blieb protestantisch und trennte sich von ihm, ohne sich scheiden zu lassen. Sie war unglaublich beliebt in Sachsen, und die Trauer der Bevölkerung wird in dieser Kantate tatsächlich hörbar. Sie starb 1727.
    Der Text ist von Picander und gilt als einer der besten, den Bach vertont hat.



    Diese CD kenne ich nicht, aber meine Aufnahme, die mit John Eliot Gardiner und seinen Ensembles, ist wohl einzeln nicht zu haben.

    Ihr absolviert diese Stelle wie ein Intercity auf einer schwer zu nehmenden Weiche (mein verstorbener Chordirigent Johannes Glauber aus Essen)

  • Der Hamburger Bürgermeister Garlieb Sillem (1676 - 1732) hatte die Texte zu seiner Leichenfeier selbst gedichtet; Telemann hat sie vertont. Die vorliegende Aufnahme ist ausgezeichnet und sehr preiswert.


    Ihr absolviert diese Stelle wie ein Intercity auf einer schwer zu nehmenden Weiche (mein verstorbener Chordirigent Johannes Glauber aus Essen)

  • Es gibt noch Tombeaux von Couperin auf Corelli und Lully, und in der Neuzeit ein Tombeau de Couperin von Ravel.
    Da ich diese Werke nur dem Namen nach kenne, sollte vielleicht ein Kundigerer sie hier vorstellen.

    Ihr absolviert diese Stelle wie ein Intercity auf einer schwer zu nehmenden Weiche (mein verstorbener Chordirigent Johannes Glauber aus Essen)

  • Zitat dr. pingel


    Zitat

    in der Neuzeit ein Tombeau de Couperin von Ravel.


    Soweit ich es im Kopf habe, ist das keinem Kollegen gewidmet, sondern im Krieg gefallenen Freunden.


    Mir fiele noch der Klavierzyklus "Bilder einer Ausstellung“ – Erinnerungen an Viktor Hartmann von Modest Mussorgski ein (entstanden 1874), der allerdings ebenfalls keinem Musiker gewidmet ist. Der Maler Hartmann war ein Freund Mussorgskis (verstorben 1873), der Zyklus erinnert an seine Gemälde bzw. Zeichnungen. Es ist allerdings noch für jedes der Stücke auch eine reale Bildvorlage zu ermitteln. Die Einspielung Jandós ist eine preiswerte und imO sehr gute Wahl.



    Mit besten Grüßen
    JLang

  • Tombeau de Couperin von Ravel.


    Lieber dr.pingel,


    das habe ich bei der Bachwoche Ansbach gehört - Beitrag im Thread "Bachwoche Ansbach" in "Nebenthemen, Gestern im Konzert"


    https://www.youtube.com/watch?v=lGvMvocR_Nc


    Das ist zwar nicht Angela Hewitt, aber Alexandre Tharaud ist sehr, sehr, gut und als Franzose u. U. noch näher dran.


    LG
    zweiterbass

    Wer die Musik sich erkiest, hat ein himmlisch Gut bekommen (gewonnen)... Eduard Mörike/Hugo Distler

  • Um nicht ganz am Thema vorbeizuschreiben. Eingefallen ist mir, daß Bruckner einen Teil, exakter das Adagio seiner 7. Sinfonie als Trauermusik dem verstorbenen Richard Wagner widmete. Bruckner schrieb dazu brieflich:


    "Vom Enthusiasmus über meine 7. Sinfonie in München werden wohl Fräulein Eva durch Herrn Baron von Wollzogen in Kenntniß
    gesetzt worden sein. Nach der Walküre wurde mit den neuen vier Tuben der CBT und den Hörnern
    im Dunkel des Hoftheaters dreimal die Trauermusik aus dem zweiten Satze meiner 7. Sinfonie, die
    ich zum Andenken meines unerreichbaren Ideals unmittelbar in jener so bitteren Trauerzeit schrieb,
    aufgeführt, und zwar zum Andenken an den Heißgeliebten, Unsterblichen Meister aller Meister!
    Wie ergriffen waren wir Alle!"


    Ich habe bisher nur eine Aufnahme der 7. Bruckners, die von Herbert Blomstedt mit dem Gewandhausorchester Leipzig.


    Mit herzlichem Gruß
    JLang

  • Das ist ein wunderbares stilles Werk, ein ganz typischer Pärt.
    Diese Aufnahme, die noch andere Werke von Pärt enthält, ist empfehlenswert.


    Ihr absolviert diese Stelle wie ein Intercity auf einer schwer zu nehmenden Weiche (mein verstorbener Chordirigent Johannes Glauber aus Essen)

  • Die Totenmesse von Verdi und 14 weiteren Komponisten ist ein Gemeinschaftswerk,dass am 1.Jahrestag von Rossinis Tod am 13.11.1869 aufgeführt werden sollte.Dazu kam es aber nicht und das Requiem geriet in Vergessenheit.
    Erst 1970 wurde es wiederentdeckt und 1988 von Helmut Rilling uraufgeführt.
    Verdi komponierte für Rossini das "Libera me",das er später überarbeitet auch in seinem Requiem verwendete.

  • Dies ist eine sinnvolle Ergänzung des bereichernden Threads der "Musiker Gräber". Eines der gelungendsten Beipiele für bleibendes musikalisches Gedenken ist sicherlich das Violinkonzert von Alban Berg, das auch die Titel : "Dem Andenken eines Engel" und "Requiem für Manon." trägt. Berg schuf es zum Andenken der früh verstorbenen Manon Gropius, der Tochter Alma Werfel-Mahler aus der Ehe mit dem Architekten Walter Gropius.


    Herzlichst
    Operus

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • Von einem sehr berühmten Komponisten für einen sehr berühmten Komponisten:


    An Weber's Grabe für Männerchor a capella von Richard Wagner.


    Soweit ich weiß, hat Wagner den Anlaß seines Werkes, nämlich die Umbettung der Gebeine C.M.Webers von London nach Dresden selbst initiiert.

  • Franz Liszt: Il penseroso (nach Michelangelos Grabmal) (in: Annees de Pelerinage (Italien Heft 1))



    Franz Liszt: Vision (Napoleons Grabmal), Etudes d´execution transzendente Nr. 6



    Ein wirklich abstoßend häßliches Ding für meinen Geschmack (... die Farbe, ich sage lieber nicht, woran mich das erinnert) - wenn man in Paris davorsteht, sieht es noch schlimmer aus!


    Schöne Grüße
    Holger

  • Ich sehe gerade, dass in WDR 3 am Samstag, den 23.11., zwischen 11 und 12 Uhr das "Tombeau pour Marais le Cadet" von Marin Marais gespielt wird.

    Ihr absolviert diese Stelle wie ein Intercity auf einer schwer zu nehmenden Weiche (mein verstorbener Chordirigent Johannes Glauber aus Essen)


  • Edward Collier (fl1662-1705)
    Miscellany of Musical Instruments
    with portrait of Henry Purcell

    Odes on the death of Henry Purcell
    Musik von Jeremiah Clarke, Gottfried Finger, Henry Hall, Thomas Morgan und John Blow. Fünf Gedichte zur Erinnerung an den jung verstorbenen Henry Purcell wurden vertont. Nur drei sind erhalten. (Von Gottfried Finger hat man statt des verlorenen Stückes einfach ein andrers Stück mit dem Titel 'Farewell' verwendet. Mr Henry Purcell's Farewell Tune von Thomas Morgen ist auch keine Ode sondern ein Satz aus einer Suite).

  • Paul Dessau (1894-1979) hat zwei Werke komponiert, die je an einen Freund sowie an einen verehrten Musiker erinnern:


    In memoriam Berthold Brecht (Lamento, Marcia, Epitaph)


    Schneidend scharf ist der Komponist in der Aussage. Schmerz, der für mich schwer auszuhalten ist. Dessau lotet die Möglichkeiten der Tonalität bis hin zur Dodekaphonie aus.


    Eine ausführliche Analyse findet sich in: Komponieren für und wider den Staat: Paul Dessau in der DDR
    von Matthias Tischer (Seite 104-123), Böhler Verlag, Weimar 2009


    In memorian Anton Webern (1970/71)
    5 instrumentierte Kanons aus Bachs "Musikalisches Opfer" BWV 1079
    .

    Alleen / Alleen und Blumen // Blumen / Blumen und Frauen // Alleen / Alleen und Frauen // Alleen und Blumen und Frauen und / ein Bewunderer


    Aus Solidarität mit Eugen Gomringer habe ich die Übersetzung eines seiner Poeme gesetzt, weil dieses Gedicht, das sich an einer Hausfassade in spanischer Sprache befindet, überpinselt werden muss. Grund: Sexismus-Vorwurf
    .

  • Der Codex Chantilly entstand Ende des 14. Jahrhunderts und vereinigt verschiedene Komponisten. Das Ensemble "Organum" unter Marcel Peres hat daraus für den WDR einige Stücke aufgenommen. Einer der dort vertretenen Komponisten schrieb ein Tombeau auf den Tod von Guillaume de Machaut (den Namen konnte ich aus der Radioansage nicht rekonstruieren). Interessant ist, dass der Name Machaut nicht wie Macho, sondern wie Machaut (analog zu Haut) ausgesprochen wird.

    Ihr absolviert diese Stelle wie ein Intercity auf einer schwer zu nehmenden Weiche (mein verstorbener Chordirigent Johannes Glauber aus Essen)

  • Der Komponist des Tombeau auf Machaut (Beitrag 19) heißt F. Andrieu, die Aufnahme stammt aus dieser CD hier, die man sowieso empfehlen kann, aber auch deswegen, weil Marcel Pérès selber da nicht singt.


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  • In Beitrag 1 habe ich das Requiem auf Josquin von Jean Richafort in der Aufnahme der King´s Singers vorgestellt. Heute habe ich die Aufnahme des Huelgas-Ensembles gehört; sie steht der der King´s Singers nicht nach.


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  • Gewidmet hat der in New York lebende Spanier Leonardo Balada (geb. 1933), die beiden Werke »Homage to Sarasate« und »Homage to Casals«, mit denen er den Internationalen Preis für Orchesterwerke der Stadt Barcelona gewonnen hat, zwar seinem Vater, aber erstere verarbeitet eine Komposition des Landsmanns Pablo de Sarasate aus dem 19. Jahrhundert und die zweite greift ein Stück auf, das Pablo Casals am Schluss seiner Konzerte gespielt hat. Die Überblendung von alt und modern in der Tonsprache lässt, laut Booklet, an den früheren Wohnort von Balada, Barcelona, denken, wo alte enge Gässchen in moderne Avenuen ausmünden.


  • Diese Musik komponierte der schwedische Hofkapellmeister Joseph Martin Kraus für die Beisetzungs-Zeremonien des ermordeten schwedischen Königs Gustav III. Sie orientiert sich klar an Glucks Musiksprache und hat mich tief bewegt. Dabei ging mir die Trauersinfonie noch mehr unter die Haut als die Begräbniskantate. Die ist nämlich eine nicht enden wollende Eloge auf den Verblichenen - ohne Bibelzitate. Ich habe sie zunächst auf Schwedisch gehört, ohne die deutsche Übersetzung mitzulesen; dadurch konnte ich mich der Musik doch unbefangener widmen (der deutsche Text ist für mich fast ungenießbar, wie ich hinterher feststellte).
    Die Trauersinfonie hingegen, bestehend aus drei klagenden Sätzen und dem Begräbnischoral „Låt oß thenna kropp begrafwa“ (nach dem deutschen „Nun lasset uns den Leib begraben“ von Michael Weiße) als drittem Satz (der möglicherweise bei der Gedenkaufführung mitgesungen wurde) geht wirklich unter die Haut. Schon der Begin mit wenigen dumpfen Paukenschlägen, ohne weitere Instrumente, dann aber, wenn auch nur kurz, wie ein Trauermarsch wirkend, evoziert Trauerstimmung. Kraus fordert für die Hörner und Trompeten Dämpfer und „Timpani coperti“ (mit Tuch bedeckte Pauken); nirgends ein Lichtstrahl, einfach nur tiefe Trauer. Beeindruckend, ergreifend!

  • In einem Kirchenkonzert in unserer Gemeinde zum Karfreitag spielten jetzt Instrumentalisten des Ensembles "Nel dolce" (Blockflöte, Violine, B.c.) aus Köln das Stück "Tombeau de M.Lully" von Jean-Féry Rebel (1666-1747).

    Ihr absolviert diese Stelle wie ein Intercity auf einer schwer zu nehmenden Weiche (mein verstorbener Chordirigent Johannes Glauber aus Essen)

  • Josef Suk war verheiratet mit der Tochter von Antonin Dvorak. Dieser starb 1904, und Josef Suk schrieb zum Gedenken an seinen Schwiegervater seine o.g. Sinfonie. Aber das Schicksal war unbarmherzig. Noch während der Komposition starb seine Frau, Dvoraks Tochter. Suk änderte seine Konzeption, schrieb einen 4. und 5. Satz, und diese widmete er seiner Frau. Die Sinfonie, die so voller Trauer wie kaum ein anderes Werk der Musikliteratur ist, widmete er damit sowohl seinem Schwiegervater und Komponisten als auch seiner Ehefrau.


    Wie ihn der Tod zweier lieber Menschen kurz hintereinander traf, geht aus seiner Aussage hervor: "Ich kann mit niemanden sprechen, meine ungeheure Qual treibt mich von Ort zu Ort - und je länger sie dauert, desto stärker schmerzt mich mein Herz - mein Leiden ist mehr, als ein Mensch ertragen kann."


    Herzlichst La Roche

    Musik ist eine heilige Kunst - Hugo von Hofmannsthal. Aussage des Komponisten aus der Oper "Ariadne auf Naxos" mit der Musik von Richard Strauss.


  • Heute (Sa 24) gibt im WDR3 um 18.04 ein Konzert mit der Überschrift "Tombeaux", in der auch ein paar der hier genannten Werke gespielt werden.

    Ihr absolviert diese Stelle wie ein Intercity auf einer schwer zu nehmenden Weiche (mein verstorbener Chordirigent Johannes Glauber aus Essen)