Artur Rubinstein - vergessener 'Großmeister'?

  • Schon vor einiger Zeit fiel mir auf, daß ER anscheinend keinen eigenen Thread besitzt (obwohl er oft genannt wird), und nach erneutem Suchen scheint es tatsächlich so zu sein, und das sollte man in der Tat ändern...





    Es gibt wohl niemanden, der bei Verstand ist, der bezweifeln würde, dass Arthur Rubinstein zu den grössten Pianisten des zwanzigsten Jahrhunderts zählt, und sein 'Ton' zweifellos einzigartig war. Gewisse Dinge (angebliche Faulheit bezüglich Üben, Frauengeschichten etc.) dürften wohl hinlänglich bekannt sein, genauso wie ihm allerseits bescheinigt wurde, auch im hohen Alter keineswegs abgebaut zu haben sondern eher durch 'Altersweisheit' noch besser geworden zu sein, und keinerlei motorische Einbussen gezeigt zu haben.


    Wie steht Ihr zu diesem großartigen Pianisten? Gerät er in Vergessenheit? Welche Aufnahmen schätzt Ihr besonders?

  • Vergessen würde ich nicht sagen, aber etwas im Hintergrund bei der Fülle großartiger Künstler.


    Eine meiner absoluten Lieblingsaufnahmen und wohl einer der, wenn nicht die beste Aufnahme, der Paganini Rhapsodien (siehe passenden Thread) ist diese



    Einfach nur spitze!


    Vor ein paar Monaten sah ich ihn in einer TV Sendung mit CSS Klako No.2 was mich auch seh überzeugt hat!
    Die CSS Klako's mit ihm stehen daher siet einiger Zeit auf meiner "Liste".

  • Glaube nicht, dass die Gefahr der Vergessenheit besteht, ähnlich wie sonst vielleicht nur noch Toscanini, Caruso, Karajan oder Callas ist Rubinstein ein Name, den jeder kennt. Immerhin wurde vor wenigen Jahren in der Rubinstein Collection praktisch jede seiner kommerziellen Aufnahmen wieder erhältlich Ich habe etliche seiner Chopin-Aufnahmen (Mazurken, Scherzi, Nocturnes), die werden immer noch häufig empfohlen (vieles gibt es ja dreimal: Schellack, mono, stereo); die früheren Einspielungen sind meist feuriger.
    Die 3. Brahms-Sonate (ca. 1960) gefällt mir ebenfalls sehr gut.


    Am besten kenne ich viele seiner Kammermusikproduktionen; sie haben m.E. häufig immer noch Referenzcharakter, z.B.


    -Beethoven/Schubert-Trios mit Feuermann und Heifetz
    -Ravel/Tschaikowsky-trios mit Piatigorsky und Heifetz
    -Brahms' Sonaten mit Piatigorsky und Klavierquartette mit dem Guarneri-Quartett


    Und die beste mir bekannte Aufnahme des 3. Klavierkonzerts von Beethoven stammt von Rubinstein/Toscanini 1944.


    viele Grüße


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Sagitt meint:


    Wer sich für die Kunst das Klavierspiels interessiert, wird niemals an Rubinstein vorbeikommen. Er war ja unbestreitbar und unbestritten ein großer Künstler mit einer unglaublichen Lebensleistung- in welchem Alter hat er noch das d-moll Konzert von Brahms gespielt ? Über 80 war er sicher.
    Dank seiner extrovertierten Art läßt er uns an seinem reichen Leben teilnehmen.Er war Humanist, die Basis überschäumende Lebensfreude.


    So sehr ich vor dem Menschen den Hut ziehe, frage ich mich, warum bei mir wenig anderes als Chopin bleibt- da war er unvergänglicher Großmeister. Schumann und Brahms auch sehr schön, aber nicht unbedingt Referenz, sein Mozart und Beethoven läßt mich ziemlich kalt. Werke wie das zweite Konzert von Saint Saens,über das er köstlich schreibt oder besser über sich, dieses exkutierend,zählen irgendwie nicht.
    Vielleicht war Rubinstein selbst das Ereignis..und nicht sein diskographischer Nachlass ?

  • Auch ich glaube nicht, daß Rubinstein je dem Vergessen anheim fallen wird, allerdings hat sein Plattenlabel IMO nicht allzuviel dazu getan , daß er im Gedächtnis bleibt.


    Karrieren "unsterbllicher" Künstler verlaufen (zumeist ) alle nach ein und dem selben Schema:


    Der Künstler in der Mitte seines Lebens auf dem Höhepunkt, langsam (oder auch schneller) abfallend in der Kunstfertigkeit (nicht unbedingt im Ausdruck) gegen Ende seines Lebens.
    Dennoch hochberühmt bis sakrosankt


    Wenn der Künstler schließlich stirbt: "Große Trauer um den Unersetzlichen und Unvergesslichen"


    Fünf Jahre später ist er (scheinbar) vergessen, sein Stil gilt als "antiquiert" seine Technik als unzureichend.
    Ein paar schmutzige Szenen aus seinem Leben runden sicherheitshalber das negative Bild ab, das man von ihm zeichnet
    (Plötzlich erinnert sich jemand, daß der Künstler ein Tyrann, unzuverlässig, ein Homosexueller oder ein Trinker, gewesen ist,
    politisch untragbar, sexbesessen, geizig oder dergleichen.
    Wenn es da nichts passendes dazu gibt - war er einfach nur langweilig (Das ist das Schlimmste !! ;) )


    Weitere Jahre gehen ins Land. Die nächste Generation hat den Künstler für sich entdeckt. Das Antiquerte seine Spiels (Gesangs, Dirigats) findet sie reizvoll oder interessant (was es in der Tat auch ist) - der Meister wird zum Geheimtip. Nach und nach wird er wieder von einer breiteren Öffentlichkeit wahrgenommen und entwickelt sich ab nun zur unsterblichen Ikone :D


    Warum sollte das bei Rubinstein anders sein ?


    Mal sehen was ihn noch empfehlen könnt.


    Freundliche Grüße aus Wien


    Alfred

  • Bei Rubinstein kommen m.E. zwei Sachen zusammen, um deretwilllen er vielleicht nicht mehr so im Blickpunkt steht. Zum einen war er für seine Generation eine ziemlich geradliniger Pianist, in gewisser Weise also viel moderner als etwa Horowitz, aber dadurch eben auch weniger auffallend.
    Dazu kommt vielleicht auch noch, dass ihm für extremes Virtuosenrepertoire (Liszt, Rachmaninoff, Prokofieff) wohl das entscheidende Quentchen Technik fehlte. Zum anderen stammen die Stereo-Aufnahmen (und was anderes will man ja nicht hören :rolleyes: ) größtenteils von einem über 70jährigen, der zwar jung geblieben sein mag, dennoch naturgemäß teilweise sein Alter nicht verleugnen kann, was sich nicht unbedingt technisch, sondern durch ein etwas reduziertes Ausdrucksspektrum zeigen kann (Man sollte ein paar Chopin-Aufnahmen aus den 30ern mal gehört haben, um den "jungen" (50jährigen) Rubinstein kennenzulernen.) Umso erstaunlicher IMO z.B. die Brahms-Aufnahmen mit den Guarneris, bei denen er fast 80 war.


    viele Grüße


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Hallo Alfred,


    na, dann haben wir bei Arthur Rubinstein ja eine "Ausnahme-Karriere", da sie nicht so recht in dein Schema passt. Rubinstein war als junger Virtuose schnell eine Berühmtheit, die aber fast ebenso schnell verblasste, da er seine künstlerische Weiterentwicklung vernachlässigte. In seiner Lebensmitte hatte er eine eher solide Pianistenkarriere und erst in seinen Vierzigern kam dann der große Aufschwung zu echtem Weltruhm, den er dann bis ins hohe Alter hinein fast unvermindert halten konnte.

  • hallo,


    zwei 'werke' von arthur rubinstein interpretiert, werden IMO bis in die ewigkeit ihre wirkung entfalten:


    die forlane aus tombeau de couperin (ravel) und die fantasiestücke op. 12 von schumann. rubinstein spielte den schumannschen zyklus (u.a. beethovens appassionata !) an seinem letzten öffentlichen klavierabend (pasadena, california) im alter von über 90 jahren. die sonore und independente stimmführung beider hände bleibt IMO unerreicht.


    übrigens habe ich seine zweibändigen memoiren seit der schulzeit mehrfach gelesen und sie haben mir sogar in schwierigen zeiten mut gemacht und tatsächlich mein leben beeinflusst !


    gruß, siamak

  • Liebe Forianer,


    an eine Aufnahme von Rubinstein möchte ich hier noch besonders erinnern: Sein Moskauer Konzert von 1964. Sein erster Auftritt auf russischem Boden seit der Oktober Revolution von 1917. Gehört hatte ich von dieser Aufnahme durch Joachim Kaisers Buch Mitte der 80er Jahre. Um so gespannter war ich dann auf die Rubinstein Edition bei RCA. Das Moskauer Recital gehörte zu den ersten Platten die ich mir gekauft habe. Und man mag ja über Joachim Kaiser geteilter Meinung sein, aber mit der Einschätzung dieses Auftritts hat er Recht. Rubinstein spielte bei der Gelegenheit ein fast reines Chopin-Programm. Und ein Livekonzert ist eben doch eben einfach anders als eine Studio Aufnahme. Irgendeinen Teil des Konzerts hervorzuheben fällt schwer. Wenn man es denn möchte: Die As-Dur Polonaise!


    Hier das übrige Programm:


    1.Polonaise Nr. 5 fis-moll op. 44
    2.Impromptu Nr. 3 Ges-Dur op. 51
    3.Nocturne Nr. 8 Des-Dur op. 27 Nr. 2
    4.1. Grave - Doppio movimento
    5.2. Scherzo
    6.3. Marche funèbre: Lento
    7.4. Finale: presto
    8.Barcarolle Fis-Dur op. 60



    .Nr. 4 - Nr. 4 cis-moll op. 10
    2.Nr. 5 - Nr. 5 Ges-Dur op. 10
    3.Nr. 13 - Nr. 1 As-Dur op. 25
    4.Nr. 17 - Nr. 5 e-moll op. 25
    5.Walzer Nr. 3 a-moll op. 34 Nr. 2 "Grande Valse brillante"
    6.Polonaise Nr. 6 As-Dur op. 53 "Heroische"
    7.Nr. 1 Des Abends
    8.Walzer Nr. 2 As-Dur op. 34 Nr. 1 "Valse brillante"
    9.Ondine
    10.O Polichinelo






    Herzliche Grüße,:hello:


    Christian

  • hallo Christian,


    habe auch schon einiges über den moskauer auftritt gehört und sogar gesehen (ausschnitt aus der dokumentation über die geschichte des klavierspiels (ARTE).


    meine frage an dich: wie würdest du die akustik bzw. aufnahmequalität bewerten ?


    gruß, siamak

  • Hallo Siamak,


    bei der Aufnahme des Konzerts handelt es sich um einen Mittschnitt von Melodiya, der für die Rubinstein-Collection digital überarbeitet wurde. Das Ergebnis ist sehr überzeugend. Faktisch kein Rauschen, ein klarer, trockener- für damalige Verhältnisse- räumlicher Klang. Rubinsteins unverwechselbarer Ton kommt gut heraus. Nur im Scherzo der b-moll Sonate wurde eine kleine Korrektur vorgenommen (Offenbar eine Gedächtnislücke Rubinsteins). Du hörst also an dieser Stelle eine Änderung der Klangfarbe.


    Herzliche Grüße,


    Christian

  • liebe freunde,


    zum letzten mal nun melde ich mich aus teheran. 1001 naechte neigen sich dem ende. ich verleugne ja nicht, dass ich ein absoluter rubinstein-fan bin. ich habe mir hier in teheran zwei folgen aus der rubinstein-collection in der primaeren kartonierten huelle besorgt und kann nur sagen, sternstunden der klavierinterpretation.


    beethovens sonate op. 2 nr.3 (energisch und geradlinig mit sonorem ton) und schuberts b-dur D 960 (wunderbar ausformuliert mit wenig pedal und tollen tempowechseln).


    sein letzterklavierabend, den ich oben schon ansprach: beethovens appassionata, schumanns fantasiestuecke op.12, chopin: 3. scherzo, 2 etueden, nocturne op. 15 nr.2, polonaise as-dur 'heroische', debussy: ondine, la plus que lent, 1. satz aus pour le piano, zugaben mit persoenlicher ansage. unfassbar, der mann war nahezu blind ! welch ein wagemut und einsatz in der appassionata und polonaise, welch eine beherrschung des instruments.


    gruss, siamak

  • Liebe Leute,
    ...darf ich's überhaupt sagen? Ich bin kein Rubinstein-Vereher! Ich habe einen ungeheuren Respekt vor ihm, bewundere die Natürlichkeit seines Spiels, weiß seinen leuchtenden Ton zu schätzen, staune über den unglaublichen Umfang seines Repertoires und die Fähigkeit, sich souverän in den gegensätzlichsten Kompositionen zu bewegen - Aber wirklich lieben kann ich sein Spiel nicht.
    Das liegt natürlich nicht an Rubinstein, sondern ausschließlich an mir.


    Daniel Barenboim, der Rubinsteins Lieblingsschüler war, sagte kürzlich in einem Zeitungsinterview etwas sehr Kluges, sinngemäß in etwas dies: Rubinsteins Spiel wäre von solcher Natürlichkeit gewesen, dass es einem geradezu kinderleicht vorkäme. Wer jedoch versuche, eine ähnliche Selbstverständlichkeit zu erreichen, würde überhaupt erst merken, wie schwer das vermeintlich Leichte ist.


    Vielleicht ist mir Rubinstein ja schon zu natürlich, zu "gesund", wer weiß? Ich glaube, fast jeder hat schon einmal die Erfahrung gemacht, etwas im höchsten Maße zu bewundern, ohne jedoch in der Tiefe berührt zu sein - so jedenfalls geht's mir mit Ruby.


    Schöne Grüße!
    Daniel

  • Liebe Rubinsteinfreunde- und solche die es noch werden wollen,


    Siamak hat ihn ja schon einmal weiter oben erwähnt, aber ich möche ihn Euch noch einmal ans Herz legen, jenen letzten Konzertabend, "Recital for Israel", Passadena (Kalifornien), in vielerlei Hinsicht ein bemerkenswertes Dokument, dass übrigens auch auf Video mitgeschnitten wurde, allerdings besitze ich nur die CD.


    Das Programm, dass sich der 90-jährige da ausgesucht hat ist ein typisches Rubinsteinprogramm, insofern als Chopin den Abschluss des Konzerts bildet, als allerletztes Stück eines der Vorzeigestücke Rubinsteins, die Polonaise op. 53. Wer in so einem biblischen Alter noch so Klavier spielen kann ......


    mit 90 Jahren das Presto der Appassionata so zu spielen ist so als (man verzeihe mir den überaus profanen Vergleich :D) würde Franz Beckenbauer die Nationalmannschaft 2006 als Spieler zum Titel führen.





    1. Beethoven, Sonata No. 23 in F Minor, Op. 57, "Appassionata"
    2. Schumann, Fantasiestucke, Op. 12
    3. Debussy, La Plus Que Lente
    4. Debussy, Pour Le Piano
    5. Chopin, Etude in E Minor, Op. 25, No. 5
    6. Chopin, Etude in C-Sharp Minor, Op. 10, No. 4
    7. Chopin, Nocturne in F-Sharp, Op. 15, No. 2
    8. ChopinPolonaise In A-Flat, Op. 53 "Heroic"


    Allerdings fehlen auf der CD Debussy´s Ondine, das Scherzo in cis-moll von Chopin und die Zugaben



    Herzliche Grüße,:hello::hello:


    Christian

  • Ich halte ihn für einen spieltechnisch versierten Pianisten, aber musikalischen Langeweiler, der sich anmaßt, über einen berühmten Dirigenten Unwahrheiten zu verbreiten, anstatt eine Zusammenarbeit mit demselben anzustreben, die bei gegenseitigem Verständnis bestimmt zu großartigen Ergebnissen geführt hätte. :kotz:

  • Zitat

    Original von heldenbariton
    Ich halte ihn für einen spieltechnisch versierten Pianisten, aber musikalischen Langeweiler, der sich anmaßt


    Lieber Guido,



    Dein Verdikt grenzt ja fast an Majestätsbeleidigung :D


    Aber im Ernst: Rubinstein so kategorisch abzuqualifizieren? Nun, über Geschmäcker läßt sich bekanntermaßen streiten, aber wie wäre es, Du präzisierst Deine Kritik ein wenig? Denn zumindest als Chopin-Interpret dürfte Arthur Rubinstein in den Olymp gehören.


    Herzliche Grüße, :hello: :hello:


    Christian

  • Ich will niemanden beleidigen, aber darf doch meine Meinung äußern; Musik ist eben, wie Interpretation derselben, Geschmackssache.
    Wenn ich Chopin hören will, dann mit z.B. Lipatti, Jan Ekier oder Harasiewicz.


    Gruss Guido

  • Zitat

    Original von heldenbariton
    Ich will niemanden beleidigen, aber darf doch meine Meinung äußern; Musik ist eben, wie Interpretation derselben, Geschmackssache.


    Von Beleidung kann hier keine Rede sein. Nur warum magst Du Rubinstein nicht? (Ist durchaus legitim) aber es hat ja einen Grund warum Du Lipatti etc. pp. magst. Es interessiert mich einfach.


    Herzliche Grüße, :hello: :hello:


    Christian

  • Ich wüßte kaum einen universelleren Pianisten des 20. Jhds. als Rubinstein (gestehe aber gern zu, dass ich als nicht unbedingt Pianophiler gewiß vieles noch nicht gehört habe), jedenfalls nicht im Kernrepertoire bis Ende des 19. Jhds. Bei Chopin, Brahms und als Kammermusiker ist er m.E. in einer Liga für sich. Auch einige Beethoven-Aufnahmen sind immer noch sehr beeindruckend (etwas das 3. Konzert mit Toscanini, das mir an jugendlichem Feuer immer noch unübertroffen scheint). Man sollte allerdings nicht nur zu den Einspielungen greifen, die er in hohem Alter machte, sondern wenigstens einiges aus der früheren Zeit (30er-50er) ergänzen.


    viele Grüße


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
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    (Bob Dylan)

  • Früher habe ich Rubinsteins Chopin Aufnahmen regelrecht vergöttert.
    Heute sehe ich das etwas differenzierter.
    Sicherlich war Rubinstein einer der größten Chopininterpreten seit Beginn der Tonaufzeichnung, aber nicht überall ist das letzte Wort gesprochen. Die erste Ballade g-moll gefällt mir Beispielsweise nicht so richtig. Da fehlt einfach was... Genau wie die Scherzi. Zu wenig Feuer an den heftigen Stellen und zuwenig Gefühl in den zarten Abschnitten.


    Die Polonaisen allerdings möchte ich nicht missen! Vorallem Rubinsteins Interpretation der "heroischen" ist ja nahezu legendär. Ebenso die Marzurken.


    Aber in Vergessenheit wird er zumindest bei mir nie geraten =)

  • Vieles ist in diesem Thread schon über A.R. geschrieben worden. Sicher kennt so mancher von Euch seine beiden Memoiren-Bände, vielleicht der eine oder andere die "Gegenbiographie" von Harvey Sachs, die ich entbehrlich finde. Auch ich habe die gesamte R.Collection und finde hochinteressant, manche Werke in verschiedenen Perioden eines langen Lebens immer wieder in neuen persönlichen Ansichten hören zu können, wo kann man dies sonst so exemplarisch wiederfinden ? Arthur Rubinstein war ein nach außen hin lebenshungriger, extrovertierter, aber letztlich doch auch sehr verletzlicher, sich hinterfragender Künstler, was ihn sehr menschlich und sympathisch macht. Sein Chopinspiel ist neben all den unterschiedlichen Sichtweisen von Pianisten der heutigen Generation eine exemplarisches, es ist "männlich", farbig, zeigt Größe und Herz und birgt einen geradezu nicht zu benennenden Wert: dieser Künstler verstand es, unglaublich schöne Kantilenen auf dem Klavier hervorzubringen, Melodien zu "singen". Dies tat er in einer Art, die man ganz selten antrifft. Und in der Tat: die Natürlichkeit seines Spieles sucht ihresgleichen, kein Schnickschnack, keine übertriebene Gestik im Ausdruck und - pardon - wirklich keinerlei Manieriertheit, wie ein User dieses Threads weiter oben festgestellt haben will. Gerade diese Gabe hat ihn zeitlebens ausgezeichnet und ist vorallem in seinem Chopinspiel ohne Wenn und Aber zu bewundern.

  • Da ich nicht unbedingt der Fan von Klavier solo bin, kann ich hier nicht viel beitragen. ich habe jedoch schon lange Zeit die Chopin - Box mit Rubinstein in meiner Sammlung.


    Die beiden auf der CD enthalten Klavierkonzerte von Chopin liebe ich jedoch sehr:


    Klavierkonzert Nr. 1 e-moll op. 11
    New Symphony Orchestra of London
    Stanislaw Skrowaczewski


    Klavierkonzert Nr. 2 f-moll op. 21
    Sympony of the Air
    Alfred Wallenstein



  • Sagitt meint:


    Bei den Konzerten wird Rubinstein eindeutig von Krystian Zimerman getoppt, aber die unglaubliche Natürlichkeit seiner Aufnahmen der Walzer oder der Nocturnes ist doch sehr schwer zu erreichen.
    Rubinstein hatte sicher keine brilliante Technik, seine Biographie gibt die Gründe dafür an, aber er war ein Musiiker, zutiefst Philosoph und Musiker.
    Das macht den unvergänglicher Charme einiger seinen Aufnahmen aus.


    Und sonst ? Allen ein frohes Fest !

  • Zitat

    Original von Johannes Roehl
    Bei Chopin, Brahms und als Kammermusiker ist er m.E. in einer Liga für sich.


    Hier kann ich JR nur zustimmen.


    In diesem Thread Die Klavierkonzerte von Brahms - Zwei Symphonien mit piano obbligato habe ich kürzlich auf Rubinsteins Einspielung des zweiten Klavierkonzerts von Brahms mit Eugene Ormandy (noch ein Musiker, der einst fast alles einspielte, heute aber zu Unrecht vergessen zu werden droht) und dem Philadelphia Orchestra hingewiesen.


    Meines Erachtens ist das eine Scheibe, die auch einen teureren antiquarischen Erwerb lohnt und dringend mal wieder aufgelegt werden sollte.


    Da Klaviermusik nicht "mein" Kernrepertoire ist, kann ich nicht beurteilen, ob er wirklich an spieltechnischer Perfektion hinter manchen zurück steht, weil er das Üben hasste, aber wenn dem so war, dann gilt das nur auf allerhöchstem Niveau. Auch ich glaube nicht, dass er je wirklich vergessen sein wird und schon gar nicht, dass er je vergessen werden sollte.


    :hello: Rideamus

  • Zitat

    Original von Theophilus
    Hallo Alfred,


    na, dann haben wir bei Arthur Rubinstein ja eine "Ausnahme-Karriere", da sie nicht so recht in dein Schema passt. Rubinstein war als junger Virtuose schnell eine Berühmtheit, die aber fast ebenso schnell verblasste, da er seine künstlerische Weiterentwicklung vernachlässigte. In seiner Lebensmitte hatte er eine eher solide Pianistenkarriere und erst in seinen Vierzigern kam dann der große Aufschwung zu echtem Weltruhm, den er dann bis ins hohe Alter hinein fast unvermindert halten konnte.


    Hallo Theophilus


    Soll ja nicht nicht provokant sein aber woher weißt du alles? Alles, von HiFI angefangen bis über alle Foren hinweg, mit tausenden von Beiträgen wo man sich fragt woher du die Zeit dafür nimmst?


    Finde ich immer wieder erstaunlich, welches unglaubliche Allgemeinwissen gewisse Teilnehmer haben, obwohl viele ander auch nicht " auf der Nudelsuppe daher geschwommen sind".


    Erwarte auch keine Antwort.


    Grüße


    Christopher

  • Hochinteressant finde ich diese neu erschienene Slim-Box aus der Reihe "Original Album Classics" mit fünf Originalalben:



    Beethoven: Klaviersonaten Nr. 8, 14, 26
    Saint-Saens: Klavierkonzert Nr. 2
    Franck: Sinfonische Variationen
    Rachmaninov: Klavierkonzert Nr. 2, Paganini-Rhapsodie
    Liszt: Klavierkonzert Nr. 1
    Brahms: Klavierkonzert Nr. 2
    de Falla: Nächte in spanischen Gärten


    Dies sind überwiegend Aufnahmen aus der legendären "Living Stereo"-Phase. Besonders Saint-Saens, Franck, Liszt und Rachmaninov sind hier bemerkenswert gelungen.



    Agon

  • Es gibt Pianisten, die schätzt man, und solche, die liebt man. Zur letzten Kategorie gehört für mich eindeutig Artur Rubinstein. Da ist dieses immer organisch-runde und natürliche, niemals manierierte oder effekthascherische Klavierspiel. Rubinstein wahrt immer die "goldene" Mitte, vermeidet die Extreme. Darin ist er sicher der Antipode zu Horowitz. Dann dieser wunderbare, unverwechselbare Rubinstein-Ton: voll und warm im Klang, ungemein farbenreich. Er gehört zu den großen Klangmeistern auf dem Klavier. Und schließlich ist da seine makellose Technik, die er sich nach einer eher "schlampenden" Jugendphase mit viel Fleiß aneignete. Wie er mit 90 Jahren, fast vollständig erblindet, die großen "Schlachtrösser", das Grieg- und das Saint-Saens-Konzert Nr. 2, meistert (DVD mit Previn), ist ehrfurchgebietend! Allein diese Handhaltung und ergonomische Fingertechnik, da gerät jeder Pianist ins Schwärmen. Da weiß man, woher dieser grandiose Klang kommt! Und er war ein wahrlich universeller Pianist. Ein wunderbarer Mozart (wer spielt sonst den langsamen Satz des Konzertes KV 488 mit einer solch getragenen Trauer!), ein ebenso überzeugender Beethoven (eine ganz großartige Les Adieu-Sonate). Sein Chopin wurde zu Recht zum Maßstab. Allein das 1. Nocturne - die Kunst, die ideale Linie zu treffen! Wunderbar auch sein Schumann und Schubert. Für mich ist er einer der ganz großen Brahms-Interpreten, mit seiner Mischung aus Klangkultur und herber Strenge. Immer noch meine Referenz: seine Aufnahme der Sonate op. 5. Und dann seine Interpretationen der Moderne: Debussy, Ravel, Poulenc, de Falla, Villa-Lobos (eine funkensprühende "Puppenstube") und Strawinsky. "Petrouschka" für Klavier ist ihm mit zu verdanken, leider existiert davon kein Konzertmitschnitt. Dazu muß man sagen: Rubinstein im Studio und im Konzertsaal, das waren zwei ganz verschiedene Menschen! Beispiel: Die Schumann-Fantasiestücke. Im Konzert ist diese unglaubliche Lebensfreude zu spüren, eine urwüchsige Kraft, Spontaneität und Vitalität, die selbst in hohem und höchstem Alter (das Israel-Konzert!) verblüfft. Dagegen wirkt so mancher 18jährige wie ein müder "Opa"! Das sind wahrlich zeitlose Aufnahmen - zum Glück von RCA nahezu vollständig dukumentiert!


    P.S.: Nicht zu vergessen: Rubinstein als Kammermusiker. Großartige, zeitlos-gültige Aufnahmen mit dem damals sehr jungen Guarneri-Quartett, mit Heifetz, Szeryng, Piatigorsky.


    Beste Grüße
    Holger

  • Was wäre es schön, RCA würde die Rubinstein Collection neu auflegen.
    Das waren damals ca. 100 CDs oder sogar mehr.
    Nur ich Ignorant sagte mir "Rubinstein, wer ist schon Rubinstein?"
    Heute nach ca. 30 Aufnahmen, insbesondere auch Kammermusik mit Szeryng und Schoppäng, weiß ich was ich damals zu kaufen versäumt habe.


    Gruß S.