Beethoven - Violinkonzert op 61

  • Den Dirigenten hört man zwar in der Regel nicht, aber die Auswirkungen seines Tuns durchaus . Insofern kann er sehr wohl für die Anschaffung einer Aufnahme ausschlaggebend sein.

    Bei allen Beethoven- und Brahms-Konzerten (und einer Reihe weiterer) ist für mich der Dirigent normalerweise (mindestens) genauso wichtig wie der Solist.


    Natürlich ist der Dirigent wichtig und in allen guten Aufnahmen besteht zwischen Solist und Dirigent auch ein genuines Einverständnis, wie z.B. bei Zino Francescatti und Bruno Walter. Trotzdem würde ich mir keine Konzertaufnahme kaufen, nur weil sie Herr Soundso dirigiert. Voraussichtlich werde ich mir von Brahms und Beethoven VC aber überhaupt keine mehr kaufen, denn es stehen bereits jeweils 15-20 im Regal. Von Paganini 1-6 habe ich zwei, aber das ist mindestens eine zuviel :untertauch: .

  • Ich vermute, dass normalerweise der Geiger mitzureden hat, wer eine Konzertaufnahme dirigiert...

    Da kann ich dir nur bedingt Recht geben. Der Produzent hat ein Orchester, will etwas aufnehmen, das Orchester wird i.a. vom Chef dirigiert und dann wird angefragt beim Solisten. Der kann natürlich ja oder nein sagen. Oder das Orchester + Dirigent hat ein Projekt mit einem bestimmten Solisten vor, dann muss eben ein Produzent gefunden werden. Natürlich können auch Produzent und Solist sich ein Orchester suchen.
    Bleiben wir bei Beethovens Violinkonzert. Ich habe historische Aufnahmen mit Menuhin, Oistrach, Schneiderhan, schätze Hillary Hahn mit Zinman sehr, bin aber auch enorm angetan von dieser Aufnahme:

    Antje Weithaas hat keine medienwirksame Karriere gemacht, aber diese Einspielung kann sehr wohl mit den großen mithalten. Das ist eine Interpretation, völlig unpathetisch, sehr empfindsam ohne hinzuschmelzen, immer souverän - einfach mitreißend! Dabei spielt sie, was nicht jeder draufhat, drei Kadenzen, die im 1. Satz mit Pauke, dann als Überleitung zum 3. Satz und im 3. Satz noch einmal. Zudem gibt es ein mehr als solides Zusammenspiel mit dem vitalen Orchester unter Sloane. Ich höre diese Aufnahme sehr sehr gerne.
    :hello:

  • Als Betthupferl noch ein paar Zeilen zu einer weiteren Einspielung des Beethovenschen Violinkonzerts. Die folgende Aufnahme lässt sich von meiner Warte aus wieder eher kurz abhandeln:



    Violine: Salvatore Accardo
    Dirigent: Carlo Maria Giulini
    Orchester: La Scala Philharmonieorchester
    Aufnahme: Teatro Abanella, Mailand, Dez. 1992 (Studio)


    25:49 - 9:53 - 10:31
    Kadenzen: Fritz Kreisler


    Wie kaum anders zu erwarten stellt sich Giulinis Interpretationsansatz als recht breit dar, allerdings auch nicht gerade als aufregend, und Giulini hat insbesondere mit den Wiener Philharmonikern auch sicher schon klangschönere Zeugnisse seiner Kunst hinterlassen. Indes weiß sein Orchester aber mit einem hohen Grad an Eleganz und klanglicher Differenzierung zu überzeugen.


    Ganz Ähnliches gilt für Accardos Spiel: auch er ist erkennbar ein Freund der großen Geste. Seine Darbietung ist sorgfältig ausformuliert, allerdings nicht gerade geeignet, für übermäßige Spannung beim Hörer zu sorgen. Auch sein Geigenton lässt nicht wirklich aufhorchen, erst die Kadenzen versieht er jeweils mit ein paar interessanten klanglichen Haken und Ösen.


    Das alles soll klingt jetzt vermutlich deutlich negativer als es gemeint ist, und die Einspielung ist mit Sicherheit eine sehr gute. Gegenüber der starken Konkurrenz kann sie allerdings kaum eigene Akzente setzen. Anhänger der langsameren Gangart für Beethovens Konzert können durchaus mal ein Ohr riskieren, für unabdingbar halte ich das aber nicht.

  • Ich frag mich immer wieder, warum man dann so etwas überhaupt kauft, wenn es einem doch nicht so zusagt. Ich höre bevor ich kaufe.


    Die CD habe ich mir zum einen in meiner Eigenschaft als großer Freund sowohl von Beethoven als auch von Giulini blind gekauft. Zum anderen war sie (wie oft bei mir) gebraucht und zu einem Preis zu haben, den aufzubringen mir nicht gerade abverlangt hat, Häuser und Kinder zu verkaufen. Von daher habe ich mich einfach so ins Risiko gestürzt. :)

  • Bevor ich mich wieder der Gefahr aussetze, mich für den Besitz einer CD rechtfertigen zu müssen :P , will ich mich im Folgenden wieder einer meiner favorisierten Aufnahmen von Beethovens Violinkonzert widmen. Außerdem gab mir die Solistin dieser Platte wie eingangs beschrieben durch ein Konzert überhaupt erst den Anstoß, mir noch einmal alle Einspielungen vorzunehmen, die sich über die Jahre so bei mir angesammelt haben:



    Violine: Patricia Kopatchinskaja
    Dirigent: Philippe Herreweghe
    Orchester: Orchestre des Champs-Élysées
    Aufnahme: Arsenal, Metz, Okt. 2008 (Studio)


    22:41 - 9:13 - 9:05
    Kadenzen: Ludwig van Beethoven (für die Klavierfassung op. 61a, Bearb.: Patricia Kopatchinskaja)


    Herrweghes HIP-Orchester fällt angenehm durch seinen transparenten und hellen Klang auf und besticht durch höchsten Detailreichtum und Durchhörbarkeit: manche Feinheit gelangt hier ans Tageslicht, die mir bei anderen Einspielungen noch nie aufgefallen ist. Die Gangart ist recht flott und der Zugriff dem Gardiners nicht ganz unähnlich, gefühlt gestaltet Herreweghe jedoch ein leicht sanfteres und weniger kantiges Klangbild. Teilweise lässt sich ihnen kaum übermäßige temporale Strenge attestieren, das jedoch macht in diesem Fall keinen schlechten Eindruck sondern trägt durchaus zur Lebendigkeit des Gehörten bei.


    Auf diesem elysischen Klangfeld beweist Kopatchinskaja dann eindrucksvoll, daß ihr Spiel zuvorderst ein Höchstmaß an Seele auszeichnet. Wie schon während ihres Live-Konzerts festzustellen, begreift sie ihren Part auch hier mitnichten als kapriziös-virtuose Selbstverwirklichungsübung sondern als Teil des Ensembles und, auch in der individuellen Auslegung, als Dienst am Werk. So scheint ihr Spiel stellenweise fast im Orchesterklang zu verschwinden und wieder aufzutauchen, ihre Agogik stets die Wirkung von Beethovens Komposition verstärken zu wollen statt etwa Ausdruck des eigenen Romantizismus zu sein.


    Gleichzeitig ist Kopatchinskajas Darbietung höchst unbekümmert und leichtfüßig, erkennbar weder auf pathetische Wirkungstreffer ausgelegt, noch auf technische Perfektion (obwohl sie das Handwerkszeug dazu fraglos hat, wie das Finale eindrucksvoll beweist) - und gerade deswegen ungemein anrührend und effektvoll. Hier wird hörbar für die Magie des Momentes musiziert! Dem Booklet lässt sich entnehmen, daß sich Kopatchinskaja zu ihrem Spiel von der überlieferten Vortragsweise Franz Clements hat inspirieren lassen, dem Widmungsträger von Beethovens Violinkonzert und berühmten Geiger seiner Zeit.


    Neben den bereits erwähnten, mehrspurig eingespielten Kadenzen sind zwei andere Formalien vielleicht noch erwähnenswert: da wäre zum einen eine dritte Kadenz in der Überleitung vom Larghetto zum finalen Rondo. Zum anderen schienen mit beim Hören immer mal wieder im Vergleich zum Erwarteten leicht veränderte Töne aufzutauchen, und tatsächlich: ein Blick ins Beiheft verrät, daß ich mir das mitnichten eingebildet habe. Offenbar existieren von der Partitur mehrere Bearbeitungsstufen von Beethovens Hand. Kopatchinskaja hat sich dementsprechend erlaubt, einige Änderungen im sonst standardmäßig gespielten Tonmaterial anzubringen, was die Aufnahme noch ein Stückchen interessanter macht.


    Kurz und gut: auch diese CD fällt in die Kategorie 'Sollte man zumindest mal gehört haben'. Alleinseligmachend ist Kopatchinskajas Herangehensweise nicht notwendigerweise. Aber wenn man sich auf ihre theoretischen Grundlagen erst einmal eingelassen hat, wird einen ihre Umsetzung, so behaupte ich, unweigerlich zu fesseln und zu begeistern wissen.

  • Auf YouTube findet sich übrigens noch eine weitere Einspielung von Kopatchinskaja / Herreweghe:



    Da handelt es sich allerdings um eine Live-Aufnahme mit dem HR-Sinfonieorchester, die sich indes einem kurzen Probehören zufolge einige Qualitäten mit der oben beschriebenen Studio-Fassung teilt und daher nicht fehl am Platze sein dürfte.

  • Hallo Tobias,


    deiner Einschätzung zu dieser fesselnden Interpretation von Patricia Kopatchinskaja mit dem HR SO kann ich uneingeschränkt zustimmen und teilen.
    :thumbsup: Einerseits spielt sie unwarscheinlich gefühlvoll um dann im nächsten Moment ihrem unglaublich wilden Temprament freien Lauf zu lassen. Einfach fabelhaft !


    Ich hatte die CD in Beitrag 186 auch zum Kauf im Auge. Aber ich muss sagen, dass man diese "wilde Maus" einfach auch optisch geniessen muss und ich mir lieber das YT-Video in dieser aktuellen LIVE-Aufführung ansehe. Das gibt dem Gehörten noch einen Schuss an Spannung dazu, wenn man ihre Gefühlsausbrüche optisch und akustisch miterleben kann. Zudem wusste ich gar nicht, dass bei der Beethoven-Kadenz nach der KK-Fassung noch ein zweiter geiger aus dem Orchester Einsäztze hat ... hier kann man es sehen ! Ausserdem ist der klangliche Eindruck ausgezeichnet und die Bildaufzeichnung in HD.


    Mich wundert, dass weiter keine Rückmeldungen zu deinem dankenswerten Beitrag gekommen sind, denn -->


    :angel: Ich würde dieses HR-Konzert als eines der wichtigsten und (für mich) besten Aufführungen des Beethoven_VC bezeichnen.

  • am 15.1.2016
    Meine Güte, kann diese zierliche Person Geige spielen und was für ein Temperament. Ich habe ja schon viele der geigenden jungen "Superstars" gehört, aber das war schon eine Klasse für sich. Phänomenal. Und wie sie dem eigentlich abgenudelten Stück von Beethoven neues Leben einhauchte, grandios. Sie hatte natürlich mit Roger Norrington, der für dies Konzert zu seinem alten Orchester zurückkehrte, den idealen Begleiter. So wunderschön musiziert hört man dies Stück heute selten. Und viele Nuancen, die PK spielt, lassen aufhorchen, alle wohlüberlegt und größtenteils wohl durch die verschiedenen Partiturvorlagen gedeckt. Ob das auch für alle vier Kadenzen gilt, weiß ich nicht, üblicherweise gibt es zwei, am Ende des ersten und des letzten Satzes. Aber PK spielt auch eine kurze am Übergang vom zweiten zum dritten Satz und im selbigen in der Mitte. Aber sehr stimmig, diese Kadenzen, die niemals den Beethoven'schen Gedankenfluss verlassen, sondern immer "Improvisationen" nahe am Thema sind. Die Kadenz im ersten Satz übrigens involviert auch ein Cello, die Pauke und die erste Geige, sehr ungewöhnlich, aber anscheinend durch die Klavierfassung gedeckt. Insgesamt hört man hier Beethoven ganz neu und das ist einfach spannend. Und PK kann im zweiten Satz ppp spielen und man hört sie trotzdem. Riesenbeifall schon nach dem ersten Satz, was sich eigentlich nicht gehört, aber vom Dirigenten fast erzwungen wurde. Als Zugaben dann, natürlich kein Bach, kein Paganini oder Ysaye, PK bleibt sich treu: György Kurtag, kurz und witzig präsentiert. Ein Konzert, an das ich lange zurückdenken werde.

  • Mich wundert, dass weiter keine Rückmeldungen zu deinem dankenswerten Beitrag gekommen sind, denn --> :angel: Ich würde dieses HR-Konzert als eines der wichtigsten und (für mich) besten Aufführungen des Beethoven_VC bezeichnen.


    Moin Wolfgang! Einige, so auch lutgra, haben sich ja schon zuvor zu dieser Einspielung geäußert: vermutlich war jetzt dann mal in ausreichendem Maße 'abgefeiert'. :P Wie dem auch sei: ich schließe mich Deiner Einschätzung voll und ganz an! Ich bin froh, diese CD nochmal in den Player geschoben zu haben, denn beim ersten Anhören hat sie mich gar nicht so in dem Maße begeistert. Aber manche Dinge dauern halt ein bißchen (und Geschmäcker ändern sich)... :)



    Ob das auch für alle vier Kadenzen gilt, weiß ich nicht, üblicherweise gibt es zwei, am Ende des ersten und des letzten Satzes. Aber PK spielt auch eine kurze am Übergang vom zweiten zum dritten Satz und im selbigen in der Mitte.


    Die vierte (!) Kadenz ist tatächlich an mir vorbeigegangen - da muß ich wohl kurz unaufmerksam gewesen sein. Ich werde beim nächsten Mal genau hinhören - danke für den Hinweis! :)

  • Um gleich noch ein paar warme Worte zu einer weiteren Einspielung hinterherzuschieben: langsam nähere ich mich dem Ende meines Anhör-Unternehmens in Sachen Beethovens Violinkonzert. Die CDs habe ich - mit einer Ausnahme - durch, bleiben noch zwei Vinyls mit Aufnahmen, die wohl den meisten Anwesenden bekannt sein dürften. Deren ältere ist die folgende:




    Violine: Yehudi Menuhin
    Dirigent: Otto Klemperer
    Orchester: New Philharmonia Orchestra
    Aufnahme: Kingsway Hall, London, Jan. 1966 (Studio)


    24.24 - 10:23 - 10:07
    Kadenzen: Fritz Kreisler









    Wie kaum anders zu erwarten zeigt sich Klemperer als Freund eines Interpretationsansatzes der Marke "groß - breit - stark". Und auch wenn mir allgemein manches im Ausdruck ein wenig zu weihevoll und im Ton zuweilen eine Spur zu rührselig ist, so erhält er seinem New Philharmonia Orchestra doch immer genug klangliche und charakterliche Flexibilität, um alle Aspekte von Beethovens Konzert angemessen zu beleuchten. Spielerisch und vom Orchesterklang her ist das Gehörte auf jeden Fall top und für Freunde der klassischen Gangart sicher eine Empfehlung wert.


    Insbesondere gehört haben sollte man diese Einspielung aber vor allem wegen Menuhins Beitrag: einen derart delikaten Geigenton habe ich bewusst sonst noch nirgendwo gehört. Glatt ist er, aber nicht charakterlos - fast würde ich ihn als 'seifig' bezeichnen wollen. Das ist in jedem Fall deutlich schmeichelhafter gemeint als es klingt, dennoch dürfte Menuhins Ton durchaus in die Kategorie "Geschmackssache" fallen. Sein Spiel ist ausdrucksvoll phrasiert, gerät stilsicher aber nie in Gefahr, die Grenze zum Manierismus zu überschreiten, sondern ist erkennbar dem Werk verpflichtet. Wenn es überhaupt etwas zu bemäkeln geben sollte, dann daß Menuhin meinem Eindruck nach in den schnelleren Passagen zuweilen nicht jeden Ton mit soviel Ausdruck hinterlegen kann wie angebracht und (mutmaßlich) gewünscht. Aber das ist Erbsenzählerei…


    Unter den 'großen alten' Aufnahmen hat die vorliegende nach meinem Dafürhalten auch heute noch ihre Existenzberechtigung. Wer sie noch nicht kennt, kann auch hier bei YouTube einmal ein Ohr riskieren:





    Eine kleine Anmerkung noch zum Schluß: das Konzert mit Menuhin / Klemperer gibt es außer in der gezeigten Box auch noch in einer Vielzahl von Einzel-Versionen auf CD und Vinyl. Nur war von denen keine verkehrsfähige Covergrafik aufzutreiben.

  • Vinyl, Teil 2 - und wie angedroht noch ein Klassiker, der sich in vielen Plattensammlungen finden dürfte:




    Violine: Anne-Sophie Mutter
    Dirigent: Herbert von Karajan
    Orchester: Berliner Philharmoniker
    Aufnahme: Philharmonie Berlin, Sep. 1979 (Studio)


    26:34 - 11:24 - 10:22
    Kadenzen: Fritz Kreisler









    Die Berliner Philharmoniker bringen Karajan-typisch ordentlich Schmelz mit, haben aber zumindest zum Einstieg auch ebenso viel Dynamik zu bieten. Sonderlich schnell ist das Ganze nicht, aber hörbar stets unter Spannung. Das zumindest so lang, wie Karajan 'seinen' Beethoven spielt. Denn wann immer Mutters Geige einsetzt, nimmt er sich zugunsten der Solistin dynamisch in teilweise schon extremer, fast kammermusikalisch anmutender Weise zurück. Vermutlich will er seiner Ziehtochter hier optimale Bedingungen bieten, ihre Kunst zu präsentieren. Leider aber schlägt sich dieses Ansinnen auch in teils außerordentlich langsamen Tempi nieder, die an einen Spannungsbogen oder dergleichen kaum mehr denken lassen. Offen gesagt schlafen einem vor lauter Betulichkeit streckenweise fast die Füße ein. Gerade vor dem Hintergrund der in meinen Augen noch immer referenzwürdigen Aufnahmen der Beethoven-Sinfonien, die Karajan vorgelegt hat, ist dies in hohem Maße erstaunlich und ganz sicher keine Sternstunde im Schaffen des Maestro.


    Und die arme kleine Anne-Sophie muss es wohl mangels besseren Wissens mitmachen: Mutter war zum Zeitpunkt der Aufnahme bekanntermaßen gerade 16 Jahre alt, und das hört man ihr für meine Begriffe auch deutlich an. Dunkel und sehr fein im Ton erzeugt ihr kunstvolles Spiel im ersten Moment durchaus einen Aha-Effekt. Dann macht sich aber schnell der Eindruck breit, daß vieles doch vielleicht eine Spur zu ziseliert, mancher Ausdruck mehr das Resultat von Überlegung denn Empfindung ist. In dieser Hinsicht gleicht ihr Spiel dem von Shlomo Mintz: man will es ihr nicht so recht abnehmen. Daß dies in Mutters Fall auch in ihrer Jugend begründet liegt, lässt sich meiner Meinung nach daran erkennen, daß zudem ihre Phrasierung manchmal deutlich 'vom Blatt gespielt' anmutet. Ich könnte mir vorstellen, daß das heute ganz anders aussähe.


    Unter dem Strich behaupte ich auch als überzeugter Karajan-Anhänger: an dieser Einspielung ist die Zeit in allen Belangen überdeutlich vorbeigegangen. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, für wen diese Aufnahme heute noch wirklich essentiell sein sollte.

  • Das Durchforsten meiner Festplatte brachte kürzlich tatsächlich noch eine Einspielung von Beethovens Violinkonzert zutage, von der ich nicht einmal weiß, wie ich an sie geraten bin. Vermutlich entstammt sie irgendeiner Nice Price-CD, die ich kopiert und dann dem meistbietenden Interessenten angedreht habe. Daher kann ich hier auch keinen passenden Eintrag vom Werbepartner präsentieren, geschweige denn ein CD-Cover (das angezeigte stammt von der Vinyl-Pressung von 1978). Sei's drum, außerplanmäßig schiebe ich also noch ein:




    Violine: Salvatore Accardo
    Dirigent: Kurt Masur
    Orchester: Gewandhausorchester Leipzig
    Aufnahme: Studio Paul-Gerhardt-Kirche, Leipzig, 1977 (Studio)


    25:40 - 11:05 - 9:45
    Kadenzen: Joseph Joachim



    Ziemlich schnell fällt zu Beginn der hoch kultivierte Orchesterklang auf, der Masur den Gewandhausmusikern entlockt. Groß und voluminös ist das ohne Frage, wirkt aber nie schwer, ja unterschwellig strahlt das Orchester gar eine gewisse freundliche Helligkeit aus. Temporal bewegt sich Masur im Bereich des HUP-Standards (Historically Uninformed :P ), also nicht sonderlich flott. Langeweile kommt dennoch keine auf: wie schon seine Aufnahmen der Beethoven-Sinfonien gefällt mir das in seiner ungekünstelten, engagierten Hingabe wirklich ausgezeichnet.


    Accardos Part ist dann wenig überraschend in den Grundzügen der Einspielung mit Giulini nicht unähnlich: insbesondere auf den temporal sehr unhektischen Ansatz trifft das zu. Jedoch kommt mir sein Spiel in der vorliegenden Aufnahme merkbar beseelter und ein bißchen weniger routiniert vor - womöglich ist das tatsächlich den 15 Jahren Altersunterschied geschuldet, die zwischen den beiden Einspielungen liegen. Zwar ist auch hier schon jede Einzelheit mit höchster Sorgfalt ausgestaltet, dennoch wirkt nichts erstarrt sondern durchaus lebendig. Seinen Beitrag dazu leistet sicher auch Accardos organischer, präsenter Geigenton, der angenehm nach 'Holz' klingt.


    Eine Erwähnung wert ist m. E. daneben durchaus auch noch die technische Perfektion, die Accardo hier an den Tag legt: auffällig ist, nur um mal ein schlagendes Beispiel herauszugreifen, die ungeheure Präzision in den Trillern, die das Konzert verschiedentlich zieren. Interessanterweise spielt er hier übrigens die Kadenzen von Joseph Joachim, wohingegen er später mit Giulini diejenigen von Fritz Kreisler aufnehmen wird.


    Kurz und gut: wer Salvatore Accardo Beethoven spielen hören möchte, dem würde ich auf jeden Fall empfehlen, dieser Einspielung den Vorzug vor der späteren zu geben.

  • Unter dem Strich behaupte ich auch als überzeugter Karajan-Anhänger: an dieser Einspielung ist die Zeit in allen Belangen überdeutlich vorbeigegangen. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, für wen diese Aufnahme heute noch wirklich essentiell sein sollte.


    Hallo Tobias,


    :thumbup: volle Zustimmung -das ist nicht der Karajan den wir schätzen.
    Diese Mutter/Karajan-Aufnahme von DG-1979 wurde seinerzeit sehr hochgelobt und als "Wundergeigerin" hochgeputscht. Irgendwann als die CD ihren Einzug nahm bekam ich mal diese Mutter-CD-Box mit den VC von Beethoven, Brahms, Bruch, Mendelssohn und Mozart geschenkt. Diese CD-VC-Box fand sich viele Jahre in allen CD-Regalen aller CD-Händler und muss ein guter Verkaufserfolg für die DG gewesen sein. Die Kritiken bei der abgebildeten CD-Box belegen, wie positiv die aufnahmen auch heute noch beurteilt werden ... ;(
    *** Spätestens als ich die enthalten Aufnahmen mit meinen vorhanden Aufnahmen (damals noch auf LP) verglich wusste ich, dass ich diese CD´s nicht auf Dauer in meiner Sammlung verbleiben werden. Beim Beethoven-VC war ich seinerzeit mit Francescatti schon in besten Händen. Brahms mit Szeryng/Monteux (RCA) ist eine ganz andere Welt. Und die Mozart VC mit Zimmerman oder Oistrach, die ich heute habe, abenfalls.
    Ausserdem war die Klangqualität dieser DG-Aufnahmen recht stumpf, wenig ansprechend und nicht zeitgemäss (insgesamt mit wenig Hörspass).
    Die CD-Box hatte ich dann vor einigen Jahren bei EBAY nach mehrmaligem Einstellen noch an einen ASM-Verehrer bringen können:



    DG, 4CD, ~1979, ADD



    :!: Ich möchte aber noch anschliessend erwähnen, dass ich heute ASM mit ihren heute reifen Int mehr schätze, als manche andere Taminos.
    Die Aufnahmen der zeitgenössischen und ihr gewidtmeten VC u.a. von Gubaidulina, Penderecki 2, Lutoslawski sind vorbildlich und auch die Aufnahme des Tschaikowsky-VC ist der "virtuose Hammer"(wenn ich auch hier Oistrach vorziehe) und das Korngold-VC (DG, 2003) ist auch nicht so übel. Bernstein-Serenade ist befriedigend und das für sie geschriebene Previn-VC (auf DG) wird ohnehin kein Anderer spielen. Und wenn ich die TV-Dokumentationen heute sehe, dann erlebe ich eine beachtenswerte Künstlerin des 21.Jhd.


  • Hallo Tobias,


    :thumbup: volle Zustimmung -das ist nicht der Karajan den wir schätzen.
    Diese Mutter/Karajan-Aufnahme von DG-1979 wurde seinerzeit sehr hochgelobt und als "Wundergeigerin" hochgeputscht. Irgendwann als die CD ihren Einzug nahm bekam ich mal diese Mutter-CD-Box mit den VC von Beethoven, Brahms, Bruch, Mendelssohn und Mozart geschenkt. Diese CD-VC-Box fand sich viele Jahre in allen CD-Regalen aller CD-Händler und muss ein guter Verkaufserfolg für die DG gewesen sein. Die Kritiken bei der abgebildeten CD-Box belegen, wie positiv die aufnahmen auch heute noch beurteilt werden ... ;(


    Lieber Wolfgang,


    gerade gestern stellte ich nicht ohne Erstaunen fest, daß die originale Einzel-CD mit der Mutter / Karajan-Aufnahme von Beethovens Violinkonzert beim hiesigen Saturn noch immer zum vollen Preis in den Regalen steht! Und das, obwohl seit geraumer Zeit eine billige Wiederveröffentlichung davon erhältlich ist... Sie muss wohl wirklich ihre Liebhaber haben! Warum, kann ich wie gesagt nicht recht nachvollziehen. Vermutlich dürften wir hier nicht zuletzt einmal mehr schlicht Zeugen bestens funktionierenden Marketings sein...



    Ansonsten muss ich bis dato noch zugeben, von Mutter eigentlich nichts zu kennen. Ich hatte zwischenzeitlich ein Auge auf die nebenstehende "Modern"-Box geworfen, insbesondere weil ich das Programm ziemlich spannend fand.


    Ich glaube, die von Dir lobend erwähnten Aufnahmen von Zeitgenossen sind da sogar noch gar nicht enthalten: auch die würden mich interssieren! Wie auch immer: sollte mir davon einmal etwas in die Hände fallen, werde ich darüber zu berichten wissen - dann aber im (doch sicher irgendwo im Forum zu findenden) ASM-Thread. :)

  • Und immer, wenn man meint, da geht nichts mehr, kommt von irgendwo noch ein Violinkonzert daher… :P Wie diese schiefe Zeile schon vermuten lässt, ist mir zwischenzeitlich tatsächlich noch eine weitere Version von Beethovens Konzert in die Hände gefallen, die ich kürzlich als Teil einer dicken EMI-Box mit Beethovens Hauptwerk erwarb:




    Violine: David Oistrach
    Dirigent: André Cluytens
    Orchester: Orchestre National de France
    Aufnahme: Paris, Nov. 1958 (Studio)


    25:28 - 9:45 - 10:30
    Kadenzen: Fritz Kreisler









    Cluytens' Beethoven-Sinfonienzyklus ist m. W. hauptsächlich dafür bekannt, der erste in Stereo gewesen zu sein. Warum das so ist, lässt auch die vorliegende Aufnahme mit dem Orchestre National de France erahnen: wirklich bemerkenswert ist es wahrlich nicht, was Cluytens hier abliefert. Zwar mag die Kritik auch bei dieser Gelegenheit ein wenig überhart erscheinen, aber die vielfach hoch- und höchstklassige Konkurrenz lässt die Luft gerade auf diesem vielbestiegenen Berg nunmal sehr dünn sein. Jedenfalls scheint Cluytens dem Stück weder in klanglicher noch in temporal-struktureller Hinsicht (s)einen Stempel aufdrücken zu können, so daß der Orchesterpart fast ein bißchen beliebig dahinzuplätschern scheint. Immerhin versteht er es, seinem Solisten den angemessenen Raum zur Entfaltung zu geben, und dessen Kunst ist dann auch schon von ganz anderem Kaliber!


    Ganz offenbar ist Oistrach ein Anhänger einer 'romantischen', gefühlsbetonten Lesart von Beethovens Violinkonzert: sein immer sangliches Spiel und der stets präsente melancholisch-samtige Unterton lassen daran kaum einen Zweifel. In letzterem ähnelt er leicht Henryk Szeryng, sein Geigenton klingt allerdings noch ein wenig weicher konturiert. Auch sein höchst effektvolles Vibrato, das stilsicher stets um den Perfektionspunkt kreist, ist m. E. eine eigenen Erwähnung wert. So ist es kaum verwunderlich, daß auch und gerade das Larghetto zu seinem Paradesatz gerät. Allerdings begibt sich Oistrach nie in Gefahr, das Gespielte zum Rührstück verkommen zu lassen: bei aller Emotion ist seine Artikulation immer klar, die Phrasierung frei von Mätzchen. Wie Oistrach ohnehin jedes Virtuosengedöns abgeht; hier steht klar das Werk im Vordergrund, ja fast scheint man über weite Strecken eine gewisse Schüchternheit in seinem Vortrag zu vernehmen. Unter dem Strich kann das Fazit nur lauten: hier spielt einer von den wahrhaft Großen!


    Und wer's nicht glaubt, der kann sich die hier beschriebene Einspielung hier selbst anhören: :)




    P.S. Neben der oben abgebildeten CD ist diese Aufnahme über die Jahre offenbar in einer Unzahl von verschiedenen Auflagen, Formaten und als Teil diverser Boxen veröffentlicht worden. Dranzukommen sein sollte also problemlos!

  • Hallo!


    Zum Beispiel in dieser Box. Wobei man mit etwas Ausdauer sicher auch eine günstigere Gelegenheit findet.



    Sie enthält neben besagter Aufnahme eine Einspielung mit dem Stockholm Festival Orchestra unter Sixten Ehrling aus dem Jahre 1954.


    Zu hören hier:


    Gruß WoKa

    "Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber Schweigen unmöglich ist."


    Victor Hugo

  • Vielen Dank für den Tip, lieber WoKa! :)


    25 Taler für 17 CDs würde ich durchaus günstig nennen - insbesondere dann, wenn mir der Rest des Inhalts auch nur annähernd so gut gefallen sollte wie besagte Aufnahme von Beethovens Violinkonzert. Ich habe mir das Ding auf meinem Merkzettel notiert...

  • Einen hab' ich noch: der Kreis meiner Beethoven-Violinkonzerte schließt sich, und ich werde enden, wie ich begann: mit Henryk Szeryng. Scheinbar zu noch weniger Meriten als die Einspielung mit Bernard Haitink hat es die folgende Aufnahme gebracht - in meinen Augen ebenso zu unrecht. Ich kenne sie jedenfalls nur aus der abgebildeten, schon lang vergriffenen Box:


    Violine: Henryk Szeryng
    Dirigent: Hans Schmidt-Isserstedt
    Orchester: London Symphony Orchestra
    Aufnahme: London, Juli 1965 (Studio)


    25:31 - 10:16 - 9:47
    Kadenzen: Joseph Joachim / Carl Flesch


    Für die vorliegende Einspielung des Violinkonzerts gilt in weiteren Teilen ganz Ähnliches wie für die 8 Jahre später entstandenen Aufnahme mit Haitink. Insbesondere Szeryngs Part unterscheidet sich (naturgemäß) nur in Nuancen von der weiter oben schon besprochenen Platte. Ein wenig mehr Zug im Zugriff scheint er hier zu haben, dafür einen Hauch weniger Tiefe realisieren zu können. Und auch sein Geigenton ist eine Spur weicher. Wie gesagt: Nuancen. Eine Bemerkung wert ist sicherlich noch, daß Szeryng im Unterschied zu der Aufnahme mit Haitink im (und in der Überleitung zum) Finale die - weitgehend unauffälligen - Kadenzen seines Lehrers Carl Flesch spielt. Im Kopfsatz vertraut er dagegen auf die bewährte Joachim-Kadenz.


    Auch diese Einspielung ist unter den 'traditionellen' mit Sicherheit eine der besten. Müsste ich mich aber entscheiden, würde ich wohl der späteren Aufnahme unter Haitink den Vorzug geben - obwohl das London Symphony Orchestra für meine Ohren ein wenig voller und runder klingt als die Amsterdamer. Völlig unverständlich scheint indes, daß Universal keine der beiden Szeryng-Großtaten mehr im Programm zu haben scheinen - oder wenn, dann wie so oft nur als Japan-Importversion.




    So. Jetzt gehe ich erst einmal einen Thread eröffnen: "Was hört Ihr jetzt gerade nicht? (Klassik 2016)". Und ich habe schon eine ziemlich genaue Vorstellung davon, was ich als erstes nicht hören möchte… :P


  • Ludwig van Beethoven (1770-1827)
    Violinkonzert op.61
    + Viotti: Violinkonzert Nr. 22


    Arthur Grumiaux
    New Philharmonia Orchestra, Alceo Galliera (Beethoven)
    Concertgebouw Orchestra, Edo de Waart
    Philips, ADD, 1966/70


    Bei aller Vorliebe für die Nische, Musik wie Beethovens Violinkonzert ist dann doch zu allermeist noch einmal eine ganz andere Hausnummer, bestens dazu geeignet, den Hörer zu "erden" und Maßstäbe gerade zu rücken... ;)
    Grumiaux hat das Werk mehrfach eingespielt, jedes Mal für Philips: 1957 - noch in mono - mit van Beinum, 1966 in London mit Galliera und dann 1974 (erneut mit dem Concertgebouw) unter Leitung von Colin Davis. Diese 66er-Aufnahme ist eine ganz klassische Interpretation voller Herz, Kraft und Schönheit. Das Klangbild ist geprägt durch analoge Wärme und eine vergleichsweise weite dynamische Spanne. Große Musik, großer Geiger, formidable Aufnahme. Viel mehr gibt es eigentlich nicht zu sagen. :)


    Viele Grüße
    Frank

  • Auf YouTube findet sich übrigens noch eine weitere Einspielung von Kopatchinskaja / Herreweghe:



    Da handelt es sich allerdings um eine Live-Aufnahme mit dem HR-Sinfonieorchester, die sich indes einem kurzen Probehören zufolge einige Qualitäten mit der oben beschriebenen Studio-Fassung teilt und daher nicht fehl am Platze sein dürfte.


    Es klingt klar, transparent und sehr gut zusammen. Es ist lebendig ohne Übertreibungen und es enthält sich jedweder Geschmacklosigkeiten. Ich frage mich nur, wie gerade dieses gute Zusammenspiel möglich ist, obwohl Herreweghe als Dirigent und Einsatzgeber gerade nicht sehr hilft. Aber vielleicht ist es das ja auch: Sie sind noch mehr gezwungen, aufeinander zu hören. Es muss eine sehr gute Probenarbeit vorausgegangen sein.


    Mir gefällt dieses Konzert sehr gut.


    Gruß
    Glockenton

  • Das Violinkonzert op.61 gehört zu den Werken, die ich mir regelmäßig in den verschiedensten Einspielungen anhöre.


    Damit also schon über Jahre/Jahrzehnte.


    Mit der Zeit entwickelt sich ein eigener, sicherlich recht subjektiver Zugang.


    Der gestaltet sich wie folgt:


    Spielt das Orchester zu warm oder aufgebläht, zu betont und/oder laut, ist es eigentlich schon vorbei.


    Wie soll denn da eine Violine dagegenhalten, das ist ja schon beim Konzertflügel nicht so einfach?


    In der Regel kommt es zu einem von vorneherein gescheiterten Versuch des Solointerpreten, mit entsprechendem auffallenden Spiel ein gewisses Gleichgewicht herzustellen.


    Endet in überreizten Darbietungen, denen jeglicher Fluß und Schönheit fehlt.


    Und das passiert leider selbst bekannten Größen, die hier schon angeführt sind.


    Auch ist ein gewisses Tempo beim Orchester notwendig, damit das ganze Fahrt aufnimmt und die Violine denn Schwung mitnehmen kann.


    Also keine monumentale Beethovenmusik, nicht feierlich, nicht emotional zugezuckert, sondern aus allem etwas in lebendiger frischer Ausdrucksweise.


    Diese Qualität besitzt für mich die hier schon mehrfach erwähnte Aufnahme mit Klemperer/Yehudi Menuhin.


    Schon mit dem Beginn des 1.Satzes bemerkt man die richtige Lautstärke und Ausdrucksweise. Die Musik gleitet leicht und locker dahin, kein bißchen kantig und aufgesetzt.


    Und die wunderbar darauf auch tonal abgestimmte Violine setzt das fort, man spürt dieses - leider nicht immer bei anderen Interpretationen - selbstverständliche Miteinander des Musizierens.


    Musik, in die man sich heineinlegen möchte. So schön, so in sich stimmig.


    Und so bin ich immer wieder bei dieser Einspielung gelandet, bis ....

  • ...ich diese Aufnahme bekommen habe:



    Ebenfalls sehr homogen und fließend, das Violinenspiel für mich noch funkelnder und klangstärker gegenüber der Menuhin Einspielung.


    Auffallend die veränderte Aufnahme-/Abmischtechnik, man ist näher dran am Geschehen, alles wirkt irgendwie direkter.



    "Nebenbei:


    Die Arbeit der Tontechniker wird insgesamt selten angesprochen, sie ist ein schwer einzuschätzender Qualitätsfaktor in der Beurteilung von klassischer Musik auf Tonträgern.


    Wenn die Musiker ihre Arbeit getan haben, wenn alles auf Band ist, fängt es im Tonstudio mit der Nachbearbeitung, dem zweiten Teil der Produktion, ja erst an.


    Ein technischer aber auch künstlerischer Vorgang."

  • Der polnisch-amerikanische Geiger Roman Totenberg (1911-2012), der es immerhin auf ein Leben von 101 Jahren brachte, ist heute so gut wie vergessen. Das liegt u.a. daran, dass er schon Mitte der 30er Jahre in die USA emigrierte und überwiegend dort wirkte, Jahrzehnte davon als Lehrer an diversen Konservatorien. Es existieren nur ganz wenige Aufnahmen des Geigers, wahrscheinlich weil alle amerikanischen Firmen schon andere Geiger (Heifetz, Stern etc) für ihre Label verpflichtet hatten. Es gibt m.W. nur eine Aufnahme eines klassischen Konzertes von ihm und das ist das von Beethoven. Es wurde in den 50ern für das polnische Muza-Label eingespielt (mit dem Poznan SO unter Wislocki) und von Westminster und später Heliodor übernommen. Die Heliodor-Version ist noch recht häufig zu finden, leidet aber unter der damals üblichen elektronischen Stereophonisierung. Heute habe ich eine Monoversion auf Westminster gefunden und mir diese Aufnahme gleich wieder angehört. Und trotz des historischen Klangbildes und recht pauschalen Orchesterspiels hat mich diese Aufnahme wieder gleich gefangen genommen, das Spiel von Totenberg ist einfach wunderbar. Sein Geigenton ist einmalig und was er aus dem langsamen Satz macht, ist kaum zu toppen. Dies ist neben Francescatti/Walter eine meiner absoluten Lieblingsaufnahmen. Es wäre schön, wenn irgend jemand die mal neu herausbringen würde, aber dazu wird es vermutlich nicht kommen.
    1980 wurde Totenberg übrigens seine Stradivari gestohlen und die ist kürzlich nach 35 Jahren wieder aufgetaucht und wurde seinen Erben übergeben, ein anderer Geiger hatte sie entwendet. Auf einer polnischen Website gibt es einen ausführlichen Nachruf auf Englisch.