22.03.2014 (Theater Lübeck) Giuseppe Verdi "Don Carlo"

  • Don Carlo : Yoonki Baek
    Elisabetta : Carla Filipcic Holm
    Eboli : Sanja Anastasia
    Posa : Gerard Quinn
    Philipp II. : Shavleg Armasi
    Großinquisitor : Michael Tews
    Mönch / Karl V. : Kong Seok Choi


    Philharmonisches Orchester der Hansestadt Lübeck und Chor des Theater Lübeck unter der musikalischen Leitung von GMD Ryusuke Numajiri; Inszenierung Sandra Leupold, Bühnenbild Stefan Heinrichs, Kostüme Jessica Rockstroh.


    (Premiere am 8.November 2013)


    Ein weiteres mal führte mich der Weg von der Elbe an die Trave um im dortigen Stadttheater Lübeck einen beeindruckenden Don Carlo zu erleben:


    Es ist doch immer wieder erstaunlich, zu welchen Leistungen auch die kleineren Häuser in Deutschland fähig sind (vgl. z.B. auch die aktuellen Planungen zur Ring-Inszenierung in Minden). Nachdem sein Vorgänger Roman Brogli-Sacher sich und der Hansestadt in den vergangenen Jahren einen Namen mit großen Wagner-Opern gemacht hat (Ring, Parsifal und zuletzt ein hervorragender Tristan), "kontert" der neue Generalmusikdirektor Ryusuke Numajiri nun mit Verdis Großwerk. Gestützt wird diese Unternehmung durch ein Sängerensemble, welches den Ansprüchen in fast allen Punkten gerecht wird:


    Beide Damen Carla Filipcic Holm als Elisabetta und Sanja Anastasia als Eboli beeindruckten durch Höhensicherheit und Dramatik. Insbesondere Frau Anastasia gefiel durch ein fein aufgerautes Timbre, wenngleich sie dem Publikum die zweite Strophe der Canzone del velo "Nei giardin del bello saracin ostello" schuldig blieb. Der schottische Bariton Gerard Quinn sang einen ausgesprochen kultivierten Posa, während Shavleg Armasi als disperater und einmal nicht greiser, sondern höchstens angegrauter Philipp II. (historisch korrekt war Philipp II. noch keine 40 Jahre alt, als er die 14jährige Elisabeth von Valois ehelichte) mein persönlicher Star des Abends war. Ebenfalls überzeugen konnte stimmlich und darstellerisch der Koreaner Yoonki Baek in der Titelrolle des (debilen) Infanten von Spanien. Einzig Michael Tews fehlte die m.E. die nötige Tiefe und Schwärze, die für die Rolle des Großinquisitors unabdingbar ist; so wurde das berühmte Duett "Nell'ispano suol mai l'eresia dominò" zu einer etwas einseitigen Angelegenheit, aus welcher Shavleg Armasi (Philipp II.) zumindest stimmlich als Sieger hervorging.


    Für die Inszenierung zeichnete die Konwitschny- und Berghaus-Schülerin Sandra Leupold verantwortlich und tatsächlich ist eine gewisse Nähe zum bekannten Hamburg/Wien-Don Carlos nicht von der Hand zu weisen. Als Szene diente ein zum Zuschauerraum hin offenes Einheitsbühnenbild mit zumeist (Licht) steingrauen Wänden, zu den Seiten und zum Bühnenhintergrund geschlossen. In der Mitte der Bühne zwei paralle Abgänge nach unten, aus denen die Protagonisten jeweils auftraten. Insgesamt ein bedrückendes Bild der höfischen Enge, aus welcher kein Ausbruch möglich scheint.
    Durchaus eindrucksvoll dann die große Autodafé-Szene, in welcher die Verurteilten ihrer Kleider entledigt dem Höllenfeuer überantwortet werden. Trotz der natürlich relativ kleinen Bühne blieb die Handlung überschaubar und die Stimme von oben in Form eines vom Schnürboden herabgelassen (Rauschgold-)Engels darf wohl dem Einfluß eines Peter Konwitschny zugerechnet werden ;) Ebenso gilt dies für die intelligente Schlusspointe, wenn der inzwischen wesentlich hellsichtigere Infant die rückwärtige Bühnenwand "mit dem kleinen Finger" umstößt, so den Blick auf das erleuchtete "Dahinter" freigibt und damit den Weg in das Zeitalter der Aufklärung weißt.


    Sehr gelungen, weil passend und gleichzeitig bedrückend in ihrer absoluten Strenge wirkten die von Jessica Rockstroh entworfenen Kostüme und Frisuren im spanischen Stil des 16.Jahrhunderts. Einzig Posa entzog sich diesem Bild und war als der aufklärerische Geist des 18.Jahrhunderts gekleidet; eine Ähnlichkeit mit Friedrich Schiller dürfte beabsichtigt gewesen sein.


    Musikalisch hatte der neue GMD sein (vermutlich bedingt durch die Nähe zur Lübecker Musikhochschule) sehr junges Orchester schon sehr gut unter Kontrolle. Einige piani könnten wohl kontrollierter gespielt werden und auch neigt die Akkustik des Hauses bei allzu starkem forte ein wenig zum kippen. Aber trotzdem bin ich sicher, dass sich dies in der zukünftigen Zusammenarbeit schnell bessert.


    Insgesamt liefert das Stadttheater Lübeck mit diesem Don Carlo eine Arbeit ab, die sich insbesondere vor dem Hamburger "Vorbild" in keinster Weise zu verstecken braucht. Und wer jetzt Lust auf mehr bekommen hat, dem sei gleich der nächste musikalische Leckerbissen ans Herz gelegt: Am 18.04.2014 kommen dann nämlich die beiden Zemlinsky-Einakter Der Zwerg und Eine florentinische Tragödie auf die Bühne.

  • Vielen Dank für diese schöne Information. Sie regte mich an, diese Oper in Lübeck besuchen zu wollen. Leider war die beschriebene Aufführung die letzte in dieser Saison. Vielleicht wird es ja nächstes Jahr etwas. Bei der Durchsicht des Lübecker Spielplans fiel mir auf, dass es demnächst Tristan und Isolde gibt mit Edith Haller bzw. Rebecca Teem. letztere Sängerin habe ich in guten Erinnerung als Götterdämmerungsbrünnhilde in Lübeck. Vielleicht fahren wir hin.

  • Bei der Durchsicht des Lübecker Spielplans fiel mir auf, dass es demnächst Tristan und Isolde gibt mit Edith Haller bzw. Rebecca Teem. letztere Sängerin habe ich in guten Erinnerung als Götterdämmerungsbrünnhilde in Lübeck. Vielleicht fahren wir hin.


    Da kann ich nur zuraten: Habe den Tristan im Dezember in der Besetzung Dowd/Teem gesehen und fand es sehr gut. Auch die Inszenierung (Verlegung der Handlung in die zürcher Wesendonck-Zeit und am Schluß nach Venedig) wirkte stimmig.