Liszt - Années de Pelerinage

  • Hallo,


    nach der Lektüre des Romanes "Die Pilgerjahre des farblosen Hernn Tazaki" von Murakami bin ich auf dieses Werk gestossen und habe mir jetzt die GA von Brendel/Kocsis bestellt - obwohl im Buch mehr über die Berman Aufnahme steht. Hier im Forum habe ich dazu alles gelesen - ich habe mich für Brendel/Kocsis wegen des neueren Aufnahmedatums entschieden, bin aber nicht sicher ob die Entscheidung richtig war. Die CDs sind noch nicht eingetroffen und ich kann somit noch nichts dazu sagen. Können mit Berufenere weiterhelfen ? Wenn mir die Musik gefällt würde ich gerne eine weitere Aufnahme kaufen. Vielleicht die ebenfalls günstige Bermann GA - über die habe ich sehr unterschiedliches gelesen........


    Danke schonmal für die Ratschläge !


    Kalli

  • Hier im Forum habe ich dazu alles gelesen - ich habe mich für Brendel/Kocsis wegen des neueren Aufnahmedatums entschieden, bin aber nicht sicher ob die Entscheidung richtig war.


    Da hättest Du Dich mal für Berman entscheiden sollen, lieber Kalli. Er ist einfach der beste Interpret der "Annees", den es je gab - das ist eine Referenz, an der sich alle Anderen messen müssen. Alfred Brendel ist natürlich auch große Klasse (er ist ein großer Liszt-Verehrer und Kenner - für Liszt braucht man Emotion und Intellekt, beides hat Brendel), aber Kocsis mit dem 3. Band ein Totalausfall. Liszt hat dort in die Tiefen und Abgründe der menschlichen Seele geleuchtet. An diesem letzten Band - dem abstrakten späten Liszt - scheitern die meisten Interpreten. Was Kocsis da macht, ist an vollkommener Ahnungslosigkeit der geistigen Dimension dieser Musik nicht zu überbieten. Ich habe eine Einzelbesprechung der ersten beiden Bände inpetto - mit den "Annees" habe ich mich ausführlich auseinandergesetzt und Teile davon selber gespielt. :) Bislang konnte ich mich aber nicht dazu entschließen, das hier einzustellen quasi als ausführliche Werkeinführung. Von Berman gibt es vom zweiten Band und Auszügen vom dritten noch eine Einspielung aus den 90igern aus Italien - die ist sogar noch subtiler und ausgefeilter, zu hören bei Sposalizio, das spielt niemand so wie er. Dort werden auch die Petrarca-Sonnette rezitiert.



    Hier sind auch noch einige Auszüge enthalten - ein hochexpressiv gespielter Vallee d´Oberman z.B. - interessanter Weise sind diese früheren Mitschnitte der späten Aufnahme aus Italien ähnlicher als der DGG-Studioaufnahme:




    Schöne Grüße
    Holger

  • Ich hatte vor vielen Jahren in Dortmund einge gute Plattenhändlerin. Ich wollte damals die Aufnahme mit Berman kaufen, die ich im Radio zuvor gehört hatte. Empfohlen hatte sie mir aber die mit Aldo Ciccolini (dem ich damals nur als Interpreten von Satie wahrgenommen hatte). Ich muss hier noch anmerken, dass die Ciccolini-Aufnahme ein Import war, sie war nicht Bestandteil des deutschen EMI-Kataloges).


    Beide Aufnahmen bewegen sich für mein Verständnis auf sehr hohem Niveau und ich sehe beide vergleichbar nebeneinander. Persönlich gefällt mir Ciccolinis subtiler und sanfter Anschlag besser als Bermans "Pranke" (keine Abwertung). Gänzlich hinreissend ist Ciccolinis Sinnieren über den "Lac de Wallenstadt" Nehme die Anregung aber gerne auf, die beiden Aufnahmen vegleichend zu hören. Beschafft hatte ich mir später selbstverständlich auch die Berman-Aufnahme, die schon eine ganz besondere Klasse für sich ist.




    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

  • Danke !


    Hätte ich mal lieber gewartet......... nun habe ich natürlich Bermann (DGG) und Ciccolini auch noch bestellt - das wird aber dauern - beide kommen aus den USA (unglaublich günstig)- das kann dauern.
    Ich melde mich wenn ich erste laienhafte Höreindrücke habe. Ich hoffe auf Holgers Werkeinführung - werde vor dem Ersthören noch im Harenberg dazu lesen und auch bei Murakami die Seiten dazu nachlesen - im Harenberg wird für Teil 1 und 2 Brendel empfohlen - für Teil 3 Bermann.


    Schöne grüsse meinerseits !


    Kalli

  • Lieber Thomas,


    mein Verhältnis zu Ciccolinis Aufnahme ist etwas merkwürdig! :D Ich hatte mal die Gelegenheit, sie für ein paar Euro zu kaufen. Aber beim Anhören der Hörschnipsel wurde ich einfach mit ihr nicht warm. Ich habe sie dann doch stehen lassen (was ich heute bereue!), weil ich damals dachte: Warum kaufst Du Dir noch eine Aufnahme, die Dir nicht wirklich gefällt? Aber ich werde bei Youtube mal reinhören und sehen, was ich heute dazu sage! :hello:


    Das Problem bei vielen Gesamtaufnahmen ist, das leider so ziemlich alle (bis auf Berman) beim späten Liszt, dem dritten Band, abfallen. So auch die ansonsten wirklich sehr schöne Aufnahme von Louis Lortie auf einem Fazioli-Flügel:



    Cziffra ist natürlich auch überragend - im dritten Band hilft er sich allerdings mit einer Dramatisierung und die Wasserspiele der Villa d´Este entbehren jeglichen Sinnes eines metaphysisch-religiösen Klavierstücks, den sie bei Liszt nun mal haben müssen.


    Ragna Schirma hat eine wirklich interessante Aufnahme gemacht mit Madrigalen von Gesualdo und Marenzio dazwischen - sie ist den Stationen nachgereist und hat sich viel Mühe mit dem Booklet gegeben - darüber sprach ich mit ihr sehr nett bei ihrem letzten Auftritt hier in Bielefeld in der Konzertpause (Beethoven Klavierkonzert Nr. 5). Angeschafft habe ich sie mir aber immer noch nicht, worüber ich mich über mich selbst ärgere...



    Wirklich zauberhaft schön ist Wilhelm Kempffs Aufnahme des 2. Bandes (ohne die Dante-Sonate, versteht sich). Darauf sollte man nicht freiwillig verzichten - das ist Klavierpoesie pur! :)



    Herzlich grüßend
    Holger

  • Lt. Wikipedia hätte Kempff Anfang der 1950er für DECCA sogar eine GA der "Années" gemacht. Da ich persönlich den frühen Kempff deutlich mehr schätze als den späten würde mich das schon interessieren. Bei youtuibe bin ich auf einen interessanten Hörvergleich gestoßen: Au Lac de Wallenstadt, nacheinander gespielt von Kempff (1945), Bolet, Arrau, Berman, Ciccolini, Freire, Watts, Ginzburg und Nyíregyházi.



    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

  • ... aber Kocsis mit dem 3. Band ein Totalausfall. Liszt hat dort in die Tiefen und Abgründe der menschlichen Seele geleuchtet. An diesem letzten Band - dem abstrakten späten Liszt - scheitern die meisten Interpreten. Was Kocsis da macht, ist an vollkommener Ahnungslosigkeit der geistigen Dimension dieser Musik nicht zu überbieten.


    Holger, das stimmt einfach nicht. Ich kenne diese Musik gewiss nicht so gut wie Du und ich kann mit dem dritten Band der Années auch nicht so viel anfangen, aber wenn mir jemand diese sperrige Musik nahegebracht hat, dann Kocsis. Und ich kenne auch fast alle anderen Aufnahmen, man gibt in solchen Fällen - das berühmte Werk eines Meisters erschließt sich einem nicht - ja nicht so schnell auf. Es findet hier durchaus eine geistige Versenkung in die Materie statt, und die Jeux d'eaux spielt er überragend!


    Beste Grüße,


    Christian

  • Wie schon an anderer Stelle erwähnt, ab 15.5.:

    Endlich! Darauf warte ich schon ewig, dass dei DGG ihre Berman-Aufnahmen endlich rausbringt! :thumbsup:



    Lt. Wikipedia hätte Kempff Anfang der 1950er für DECCA sogar eine GA der "Années" gemacht.

    Die möchte ich gerne haben... :)



    Holger, das stimmt einfach nicht. Ich kenne diese Musik gewiss nicht so gut wie Du und ich kann mit dem dritten Band der Années auch nicht so viel anfangen, aber wenn mir jemand diese sperrige Musik nahegebracht hat, dann Kocsis. Und ich kenne auch fast alle anderen Aufnahmen, man gibt in solchen Fällen - das berühmte Werk eines Meisters erschließt sich einem nicht - ja nicht so schnell auf. Es findet hier durchaus eine geistige Versenkung in die Materie statt, und die Jeux d'eaux spielt er überragend!

    Weil Du da opponierst, habe ich mir die Kocsis-Aufnahme gerade noch einmal angehört. :D Diese "sperrige" Musik dem Hörer nahebringen wollen - darin liegt genau das Problem. Diese "Sperrigkeit" ist es nämlich, ihre Unnahbarkeit, was sie wirklich zukunftsweisend macht in Richtung Moderne. Nach dem Wiederhören kann ich sagen: Das ist sicher keine schlechte Aufnahme, aber.... Klaviertechnisch ist Kocsis ein "Großer" - und "Les jeux d´eau..." zweifellos exzellent gespielt. Was mich abgeschreckt hat beim Hören (und das ist schon eine Weile her, seitdem ich mich zuletzt mit dieser Aufnahme beschäftigt habe), ist gleich das erste Stück. Sein Titel (frz. im Original, übersetzt ins Deutsche:) "Engel! Gebet an die Schutzengel". Liszt ist der Erfinder des religiösen Klavierstücks und dieses ist ein Gebet. Hier handelt sich um romantisch-mystische Religiosität, kontemplative Versenkung, sie sich ausdrückt und auch ausdrücken soll. An dieser Stelle kann man sich auf die romantische Musikphilosophie beziehen, wonach das Musikhören so etwas wie "Andacht" ist. Genau so ist es von Liszt ernst - todernst - gemeint. Auch das letzte Stück hat eindeutig religiösen Charakter: "Sursum corda. Erhebet eure Herzen". Damit weiß Kocsis einfach rein gar nichts anzufangen. "Angelus..." ist überschrieben mit Andante pietoso. Was macht Kocsis? Das wirkt geradezu ratlos: Die mystischen Akkorde zu Beginn, die kontemplative Versenkung ausdrücken, müssen schlicht regungs- und bewegungslos gespielt werden - im Sinne eines mystischen nunc stans (stehenden Jetzt). Kocsis dynamisiert sie, legt da eine Strebensdynamik hinein, wo keine ist. Der Sinn des Gebets (im romantischen Sinne andachtsvoller Versenkung) ist damit völlig verschwunden. Takt 21 steht auch noch sostenuto ed espressivo - von "getragenem" Ausdruck ist Kocsis Vortrag wirklich himmelweit entfernt.


    Bei Nr. 7 "Sursum corda" zeigt sich sehr schön, wohin es führt, wenn man diese Musik dem Hörer "nahebringen" will. Wenn man die Musiksprache anschaut, dann ist das zunächst scheinbar (!) sehr rhetorisch, eine sehr wirkungsdynamische Beschwörung des "Erhabenen". So etwas gibt es beim mittleren Liszt zweifellos. Und so spielt es Kocsis. So aber erweist man Liszts Musik letztlich einen Bärendienst. So gespielt klingt das wie romantischer Pomp - man denkt sich: Die allerstärkste Leistung von Liszt ist das sicher nicht! Das Entscheidende verpaßt Kocsis nämlich, wenn man Bermans letzte Aufnahme zum Vergleich heranzieht. Liszt schreibt einmal von der Erfahrung des "absoluten Nichts" in der Kunst, der Nutzlosigkeit und Vergeblichkeit aller Anfänge. Genau das passiert hier nämlich: Diese Rhetorik des Erhabenen kehrt sich gegen sich selbst. Beklemmend wird deutlich, dass diese Erhebung eigentlich eine vergebliche ist. Dazu paßt das Motto des vorhergehenden Stücks - dem Trauermarsch für Kaiser Maximilian, wo es als Motto heißt: Bei den großen Dingen, genügt es, gewollt zu haben. Diese "Erhebung" im letzten Stück ist zwar gewollt, aber eben nicht gekonnt - eine im Grunde unmögliche. Mit dieser "Dialektik" bekommt das Stück seine Bedeutung und Tiefe - wird zum Sinnbild des Nihilismus, der Auflösung der romantischen Kunstform (mit Hegel). Das Religiös-Erhabene wird nur noch beschworen, hat aber seien Kraft längst verloren. Wenn man das naiv "undialektisch" spielt wie Kocsis, dann bleibt es eben beim Pomp - und nicht einem, der sich selber dekonstruiert.


    Das zweite und das dritte Stück sind "Threnodien" - Klagelieder und die Zypressen Totenbäume. Das ist wieder die "negative" Seite von Liszt - die Erfahrung des Nichts als Gegensatz zur Lebensbewegtheit, zum Ewig-Schöpferischen. Die erste der Threnodien soll "Andante" (also schreitend) gespielt werden. Das ist eine torkelnde, sich mehr vorwärtsschleppende als treibende Bewegung. Kocsis gehört hier zu denjenigen, die "dramatisieren" - also Kraft dort hineinlegen, wo eigentlich Kraftlosigkeit der Ausdruck ist. Mit dieser Dynamisierung ist die ganze Vergeblichkeit, der Gestus des Aufbäumens, der zu nichts führt, weg, die Dramatik tendiert so zum vordergründigen Theaterdonner. Sicher ist das in vielen Details nicht schlecht und durchaus einfühlsam gespielt, aber es fehlt auch hier die "Negativität", die Selbstaufhebung wirkungsrhetorischer Mittel, welche den späten Liszt so bemerkenswert macht. Die zweite Threnodie gelingt Kocsis zweifellos weit besser. Das ist ganz sicher sehr gut gespielt. Die Dimension, welche da allerdings fehlt, bemerkt man, wenn man Bermans geradezu unerhörte letzte Aufnahme heranzieht. Da gibt es z.B. diese schattenhaften chromatischen Bewegungen Takt 96 ff. Da notiert Liszt: espressivo dolente. Kocsis spielt das schattenhaft. Schön! Berman dagegen vermag es, wirklich Qual zum Ausdruck zu bringen - das Entsetzen über die innere Leere. Das sind Tiefen und Abgründe, die sich bei Liszt auftun, in welche der Blick von Kocsis einfach nicht hineinreicht.


    Und nun die Wasserspiele. Liszt ist eben doch nicht Ravel. Auch dieses ist nämlich ein religiöses Klavierstück. Liszt zitiert an einer Stelle das Johannes-Evangelium:


    „Sed aqua quam ego dabo ei, fiet in eo fons aquae salientis in vitam aeternam“.
    (Vielmehr wird das Wasser, das ich ihm gebe, in ihm zur Quelle des ewigen Lebens).


    Die Brunnen an der Villa d´Este stehen für die Emanation im neuplatonischen Sinne: Der Ausfluß der Dinge aus Gott und ihre Rückkehr zu Gott. Es handelt sich hier also nicht bloß um ein impressionistisches Bild mit spritzenden Fontainen - auch wenn Debussy dieses Stück von Liszt gespielt hörte und davon sehr beeindruckt war. Kocsis Aufnahme ist nicht zuletzt deshalb gelungen, weil er nicht nur hochvirtuos einen brillianten klaviertechnischen Wasserzauber vorführt, sondern romantische Empfindsamkeit wahrt, die etwa bei Nikolai Lugansky völlig fehlt. Aber ist das ein Bild der Ewigkeit, des ewigen Lebens? Welche Dimensionen dieses Stück haben kann, erfährt man wiederum bei Berman, der dies zuletzt sehr langsam spielt (ähnlich wie Arrau). Dadurch bekommt es aber geradezu ekstatische Expressivität, wird zu einem Hymnus an die göttliche Schöpfung. An einer Stelle findet sich die Spielanweisung dolcissimo tranquillo. Genau so realisiert es Berman - und das wirkt geradezu magisch! Das ist wirklich die Stille der Ewigkeit, die man da vernimmt - eben die unendliche Ruhe in der Bewegung des Wassers, wodurch sich dieses impressionistische Bild ins Romantisch-Metaphsische transzendiert. Dadurch wird der Kontrast zu den beiden Threnodien vorher deutlich - jene waren der Ausdruck des Nichts, dieses ist der von Ewigkeit. Die Kunst schwankt nach Liszt zwischen diesen beiden extremen Polen - dem Nichts und der Ewigkeit.


    Nr. 5, das "ungarische" Stück, ist für ein Lento assai bei Kocsis einfach viel zu schnell - später steht da noch einmal Piu lento. Auch das klingt bei Kocsis eher nach mittlerem und nicht spätem Liszt. Die rhetorischen, lamentierenden Seiten, sie liegen ihm freilich. Nur es fehlt einfach immer wieder die Dimension, welche diese späten Lisztstücke von den "erzromantischen" Seiten des früheren Liszt entscheidend abhebt. :hello:


    Herzliche Grüße
    Holger

  • Den Youtube-Ausschnitt von Ciccolini habe ich reingehört und festgestellt, dass ich diese Aufnahme doch haben muß. Verflixt! Da bin ich besonders kritisch - weil ich die ersten Stücke aus Bd. 1 selber gespielt habe. Die Tellslegende ist schön organisch flüssig - es fehlt mir allerdings die letzte Intensität und konzentrierte Spannung. Bei Au lac du Wallenstadt rhythmisiert und akzentuiert er die Begleitfigur in der linken Hand - so ist das von Liszt nicht notiert! Die sollen absolut gleichmäßig gespielt werden - wie die spiegelglatte Fläche des Sees. (Liszt hat da einen irren Fingersatz: Mit 3-4-5 soll man eine Quarte und Quinte greifen. Was muß er für riesen Hände gehabt haben! :D Ich muß da selbstverständlich umgreifen.) Bei Nr. 3 erlaubt sich Ciccolini auch einige Freiheiten - mir fehlt da etwas die Frische. In Au bord d´une source gibt es Oktavierungen und das wirklich schwierige Finale ist technisch auch nicht ganz sattelfest (das ist es bei Brendel z.B. aber auch nicht... ) :)


    Schöne Grüße
    Holger

  • Zitat Holger Kaletha

    Zitat

    Was muß er für riesen Hände gehabt haben! :D Ich muß da selbstverständlich umgreifen.) Bei Nr. 3 erlaubt sich Ciccolini auch einige Freiheiten - mir fehlt da etwas die Frische. In Au bord d´une source gibt es Oktavierungen und das wirklich schwierige Finale ist technisch auch nicht ganz sattelfest (das ist es bei Brendel z.B. aber auch nicht... )


    Die hatte er, lieber Holger, obgleich ja nicht besonders groß, hat er über enormen Hände verfügt: m. W. existiert in Weimar ein Gipsabguß der Hand, er das belegt. Bei Brendels Liszt habe ich an einigen Stellen das Problem, daß es technisch nicht ganz perfekt ist. Natürlich hilft Virtuosität um der Virtuosität willen nicht weiter, aber bei Liszt ist diese Virtuosität nach meinen Begriffen ein Vehikel von Ausdruck, daher kann ich mit einigen von Brendels Liszt-Interpretationen nicht so viel anfangen (andere dagegen sind so tiefgründig, daß es eine Freude ist).


    Herzliche Grüße
    Jörn

  • Die hatte er, lieber Holger, obgleich ja nicht besonders groß, hat er über enormen Hände verfügt: m. W. existiert in Weimar ein Gipsabguß der Hand, er das belegt. Bei Brendels Liszt habe ich an einigen Stellen das Problem, daß es technisch nicht ganz perfekt ist. Natürlich hilft Virtuosität um der Virtuosität willen nicht weiter, aber bei Liszt ist diese Virtuosität nach meinen Begriffen ein Vehikel von Ausdruck, daher kann ich mit einigen von Brendels Liszt-Interpretationen nicht so viel anfangen (andere dagegen sind so tiefgründig, daß es eine Freude ist).


    Lieber Jörn,


    als ich zuletzt in Weimar war, wurde das Liszt-Museum leider gerade umgebaut für das Jubiläum und war deshalb geschlossen. Riesen Hände braucht man - und dehnbare Finger. Beides hatte wohl Liszt. :) Ich staune eigentlich immer wieder, wie gut Brendel mit seinen technischen Mitteln bei Liszt zurecht kommt. Die H-moll-Sonate ist einfach sehr gut interpretiert. Der erste Band der "Annees..." gelingt ihm, den zweiten finde ich dagegen, wenn es um das Belcanto geht, etwas spröde. :hello:


    Herzlich grüßend
    Holger

  • Ich schicke gleich voraus, dass ich kein Kenner auf diesem Gebiet bin. Ich habe die Einspielungen der Lisztschen Klavierwerke mit Jorge Bolet, und es würde mich interessieren, wie die Experten die darin enthaltenen Interpretationen der "Annés de pèlerinage" beurteilen.


  • Zitat von Holger Kaletha

    Die H-moll-Sonate ist einfach sehr gut interpretiert.

    Das finde ich auch. Die Annes von Brendel gefallen mir nur partiell.



    Zitat von Bertarido

    Ich habe die Einspielungen der Lisztschen Klavierwerke mit Jorge Bolet, und es würde mich interessieren, wie die Experten die darin enthaltenen Interpretationen der "Annés de pèlerinage" beurteilen.

    Ich höre zwar Liszt äußerst gern, bin aber kein Experte (Holger ist es dagegen schon). Die Einspielung kenne ich (besitze sie aber nicht). Nach meiner Erinnerung sind es Aufnahmen, die Bolet bereits in etwas höherem Alter aufnahm (er wurde allerdings auch nicht so ganz alt, vielleicht knapp über 60)? Diese haben erheblich an Ausdruck gewonnen. Kein geringerer als Gilels hat ihn im Übrigen sehr bewundert. Eigentlich sollte die Aufnahme auch in meiner Sammlung nicht fehlen (tut sie aber noch).


    Mit herzlichem Gruß
    JLang

  • Ich schicke gleich voraus, dass ich kein Kenner auf diesem Gebiet bin. Ich habe die Einspielungen der Lisztschen Klavierwerke mit Jorge Bolet, und es würde mich interessieren, wie die Experten die darin enthaltenen Interpretationen der "Annés de pèlerinage" beurteilen.


    Die Bolet-Aufnahme (auf einem Bechstein-Flügel eingespielt) muß man haben - Bolet ist wirklich einer der ganz großen Liszt-Interpreten und ich bewundere ihn auch sehr. Da denke ich wie Jörn! :) Gerade die "Annees..." finde ich aber bei Bolet etwas schwächer, muß ich sagen. Aber das wäre etwas für eine Einzelbesprechung.


    Schöne Grüße
    Holger


  • Die Bolet-Aufnahme (auf einem Bechstein-Flügel eingespielt) muß man haben - Bolet ist wirklich einer der ganz großen Liszt-Interpreten und ich bewundere ihn auch sehr. Da denke ich wie Jörn! :) Gerade die "Annees..." finde ich aber bei Bolet etwas schwächer, muß ich sagen. Aber das wäre etwas für eine Einzelbesprechung.


    Schöne Grüße
    Holger


    Danke für die Einschätzung - dann weiß ich zumindest, dass die Bolet-Box kein Fehlkauf war :)

  • Mir ist - wenn ich mir diese Bemerkung hier erlauben darf - Bolet als Liszt-Interpret - bei aller Bedeutung, die ihm zweifellos zukommt - in vielen Fällen etwas zu zurückhaltend, was das pianistische Ausleben der spezifisch Lisztschen Expressivität des Klaviersatzes anbelangt. Das mag Ansichtssache sein. Aber gerade wenn man die "Années de Pèlerinage" in der Interpretation durch Lazar Berman im Vergleich dazu hört, wird das ganz besonders signifikant.


    Ich müsste das jetzt natürlich an Beispielen aufzeigen, wie sich das gehört. Aber meine Lieder nehmen mich derart in Beschlag, dass ich keine Zeit dazu habe. Sorry!

  • Zitat Helmut Hofmann

    Zitat

    Mir ist - wenn ich mir diese Bemerkung hier erlauben darf - Bolet als Liszt-Interpret - bei aller Bedeutung, die ihm zweifellos zukommt - in vielen Fällen etwas zu zurückhaltend, was das pianistische Ausleben der spezifisch Lisztschen Expressivität des Klaviersatzes anbelangt.
    Ich müsste das jetzt natürlich an Beispielen aufzeigen, wie sich das gehört. Aber meine Lieder nehmen mich derart in Beschlag, dass ich keine Zeit dazu habe. Sorry!


    Ich kann, lieber Helmut Hofmann, insgesamt verstehen, daß es durch die viele Arbeit, die im Kunstlied-Forum steckt, nicht möglich ist, es im Einzelnen zu begründen. Wenn ich eine Vermutung anstellen darf, gilt das Urteil vielleicht vor allem für die Werke, in denen Virtuosität als gesteigertes Ausdrucksmittel eingesetzt wird? Liszt ist aber doch eine ambivalente Figur: hohe Expressivität weisen ja auch die Werke tiefer Kontemplation auf (Consolations). Diese Expressivität bringt Bolet imO in großem Maße (ein wenig vergleichbar finde ich hier Freire), vielleicht ist er bei anderen Werken manchmal etwas zu gezügelt (ganz anders im Ansatz natürlich Cziffra). Um die Ausdruckstiefe und Ausdruckswelten des Liszt’schen Klavierwerkes auch nur annähernd auszuloten oder zu durchschreiten, benötigt es vermutlich gleich eine ganze Reihe herausragender Pianisten.


    Mit herzlichem Gruß
    JLang

  • Mir ist - wenn ich mir diese Bemerkung hier erlauben darf - Bolet als Liszt-Interpret - bei aller Bedeutung, die ihm zweifellos zukommt - in vielen Fällen etwas zu zurückhaltend, was das pianistische Ausleben der spezifisch Lisztschen Expressivität des Klaviersatzes anbelangt. Das mag Ansichtssache sein. Aber gerade wenn man die "Années de Pèlerinage" in der Interpretation durch Lazar Berman im Vergleich dazu hört, wird das ganz besonders signifikant.

    Wobei man sagen muß, lieber Helmut, dass sich auch Berman in den "Annees..." wohltuend vor rhetorischen Übertreibungen hütet. Da hilft es, wenn man ein wenig die russische Pianistenschule kennt: Er war ja der Lieblingsschüler von Alexander Gioldenweiser, dem Antipoden von Heinrich Neuhaus. Statt russischem Expressivo pflegte er einen "Minimalismus", die Reduktion auf das Wesentliche. "Man muß jede Note, die man spielt, begründen könnnen" - so gibt Berman das Credo seines Lehrers wieder. Die Vermarktung von Berman im Westen - ohne Kenntnis dieser Zusammenhänge - als exaltierter, zügelloser Virtuose hatte damals teilweise absurde Züge. Gerade der "Minimalismus" bekommt den "Annees..." spürbar gut.


    Was Bolet angeht: Er hat z.B. eine überragende H-Moll-Sonate gespielt und auch die Norma-Paraphrase z.B. nimmt er sehr expressiv. Da gibt es auch bei ihm durchaus Unterschiede. Seine eher kontemplative Art kommt vielen Stücken sehr zugute. Komischer Weise finde ich ausgerechnet den 2. Band mit viel italienischem Belcanto bei Bolet oft weniger gelungen, obwohl ihm der eigentlich besonders liegen müßte. Da müßte ich mal eine Einzelbesperchung machen um zu ergründen, woran es liegt ...



    Um die Ausdruckstiefe und Ausdruckswelten des Liszt’schen Klavierwerkes auch nur annähernd auszuloten oder zu durchschreiten, benötigt es vermutlich gleich eine ganze Reihe herausragender Pianisten.

    Das ist wohl wahr, lieber Jörn. An Vielschichtigkeit ist Liszt glaube ich von keinem anderen Komponisten zu überbieten! :)


    Herzlich grüßend
    Holger


  • Nr. 1 Die Tellslegende (Chapelle de Guillaume Tell)


    Der Beginn ist im Ton genau getroffen und die erste Seite (die Exposition des Dramas) auch sehr schön gespielt. In den dramatischen Passagen ist das aber einfach zu lärmend aufdringlich. Seltsamer Weise hält sich Ciccolini an einer nun wirklich eindeutigen Stelle nicht an Liszts Textvorgaben. Im Mittelteil erschallen – sehr tonmalerisch bildhaft – zum Kampfgetümmel die Fanfaren, deren Signale als Echos von den Bergen zurückgeworfen werden. Da ist der Eindruck von Nähe und Ferne entscheidend. Liszt notiert deshalb den scharfen Kontrast ff – pp. Ciccolini spielt da völlig grundlos durchgehend ein lautes Forte. Im Schlussteil fehlt dann passend zum Friedensschluss der hymnische Ton – das Wetterleuchten des vergangenen Kampfes wirkt viel zu vordergründig, so als tobe das Kampfgewitter noch. Den Schluss dagegen gestaltet Ciccolini sehr nachdenklich.


    Nr. 2 Au lac de Wallenstadt


    Das geht gar nicht! Da hätte sich Ciccolini einfach nur an Liszts Spielanweisungen halten sollen. Das Stück ist überschrieben mit Andante placido. „Placido“ heißt: ruhig, sanft, gelassen, friedlich. Dazu schreibt Liszt in Takt 1 für die Ausführung der linken Hand vor: dolcissimo egualmente. Ciccilinis Vortrag verkehrt alle Vorgaben Liszts glatt ins Gegenteil: Das ist ein sehr unruhiger und wenig gelassener Vortrag mit viel zu lautem Ton. Kein pianissimo, kein dolcissimo und vor allem kein egualmente – die Gleichmäßigkeit der Bewegung in der linken Hand unterbindet Ciccolini ganz gezielt durch eine Rhythmisierung der Begleitfigur. So ist das von Liszt nicht notiert. Dazu kommen im Ton unpassende kurze Vorschläge, die so angerissen fast schon lächerlich wirken.


    Nr. 3 Pastorale


    Das ist gut gespielt aber auch pianistisch ein wenig „schlampig“. Es fehlt die stupende Präzision von Berman und auch etwas die Frische. Liszts Notierungen zufolge bewegt sich das Stück im dynamischen Bereich von pp und ppp – ist also wirklich sehr leise. Ciccolini dagegen gestaltet hier Kontraste von Forte und Piano mit Crescendo, ergänzt also interpretierend die bei Liszt sehr spärliche Notierung. Dadurch wird es etwas plakativ.


    Nr. 4 Au bord d´une source


    Auch das hört sich gut an – allerdings vermisst man den romantisch-leidenschaftlichen Ton. Und ist das wirklich dolce tranquillo? Romantisch geheimnisvoll – mit Schauder und Staunen vor der Quelle als dem Symbol des schöpferischen Ursprungs aller Dinge – klingt das bei Ciccolini jedenfalls nicht. Selbst ein Virtuose wie er zeigt im technisch anspruchsvollen Teil Takt 41 ff. seine Probleme. Da wird nicht wie vorgeschrieben ff gespielt. Ansonsten erlaubt sich Ciccolini in Virtuosenmanier einige Oktavierungen im Bass.


    Nr. 5 Orage


    Um den virtuosen Effekt dieses Oktavengewitters zu steigern, greift Ciccolini auch hier zum Mittel der Oktavierung. Das Byron-Zitat als Motto sagt, dass dieses Naturschauspiel eigentlich eine Seelenlandschaft ist – was sich im Naturgeschehen spiegelt, das sind die tobenden Leidenschaften im Innern des Gemüts. Ciccolinis Vortrag ist hier – völlig undämonisch – eher wild als bedrohlich zu nennen und etwas differenzierungsarm.


    Nr. 6 Vallée d´Oberman


    Dieses Stück ist zweifellos das meistgespielte des Bandes. Liszt hat ihm zwei längere Zitate aus seinem Lieblingsbuch vorangestellt, das er immer bei sich hatte – dem Briefroman Oberman von Etienne de Sénancour (1770-1846). Der Roman wurde 1804 in zwei Bänden veröffentlicht – er gilt als Klassiker der französischen Frühromantik und ist in Frankreich noch heute Lehrstoff an Gymnasien. Liszt nannte Sénancours Oberman „das Buch, das stets mein Leid betäubt“. Dazu gesellt sich noch ein Byron-Text. Das Stück hat also einen programmatischen Bezug – und der ist die Befindlichkeit von Schwermut und nihilistischer Leere. Ob Ciccolini das gelesen hat? Sein Ton ist zwar von Beginn an leidenschaftlich bewegt, hat aber rein gar nichts von lastender Schwermut an sich. In diesem Stück kommt sentimentalische Überspanntheit in all ihren Extremen zum Ausdruck – von zauberhafter Verführung bis hin zum dramatischen, schneidenden Schmerz. Hier muss man einfach konstatieren: Die Dämonie und den sinnlichen Zauber, mit denen ein Vladimir Horowitz etwa seine Hörer gefangen nimmt, hat Ciccolini nicht zu bieten. Bezeichnend die Passage Takt 75 – Liszt schreibt dort pp dolcissimo. Bei Ciccolini ist das bestenfalls mp – da fehlt die betörende Sinnlichkeit und Feinheit. Und da er den Passus duriusculus vor dem Recitativo in viel zu massivem Forte spielt, nimmt er diesem einiges von seiner dramatischen Wirkung. Die zarte und dahinschmelzende Melodik, mit der sich das Thema Takt 170 ff. (Lento) einzuschmeicheln sucht, wirkt geradezu ruppig und unsensibel im Ton. Ciccolini wählt – wie Jorge Bolet – die von Liszt notierte Ossia-Variante, welche die rauschende Schlussapotheose einleitet. Die gerät bei Ciccolini leider zum leeren Tastendonner mit einem viel zu harten Schluss. Interpreten sollten hier einfach die programmatischen Vorgaben nicht ignorieren: Diese Per-aspera-ad-astra-(„durch Dunkel zum Licht“-)Dramaturgie bleibt bis zuletzt von (selbst-)zerstörerischer Skepsis angenagt. Das zeigt sich ganz am Schluss, wo das Schwermut-Thema das letzte Wort behält, welche diese Schussapotheose damit als eine gebrochene erscheinen lässt.


    Nr. 7 Eglogue


    Verhalten im Tempo ist das wirklich einnehmend schön gespielt!


    Nr. 8 Le mal du pays


    Das „Heimweh“ gelingt Ciccolini mit am besten. Das ist ungemein differenziert und einfühlsam gespielt, hellhörig für die dunklen Töne. Warum er allerdings die Wiederholung des Themas im Bass zu Beginn im Tempo beschleunigt, bleibt sein Geheimnis. Die mit Adagio dolente überschriebene Passage ist allerdings für das Empfinden von tiefem, quälendem Schmerz zu leichtgewichtig und ein wenig zu unverbindlich im Ausdruck. Beiendruckend dagegen, wie Ciccolini das Zögern und Zaudern gestaltet, etwa in der Zurückhaltung des rinforz. der immer wieder in die Tiefe abgleitenden Schmerzfigur.


    Nr. 9 Les cloches de Genève


    Hier fehlt einfach die Zartheit und der Zauber des fernen Glockengeläutes. Die rauschenden Harfenklänge fließen zwar wie sie sollen und das alles ist sehr virtuos gespielt – aber auch viel zu direkt und vordergründig.


    Schöne Grüße
    Holger

  • Ich habe nun erneut den ersten Band gehört und will versuchen, meine Eindrücke wiederzugeben. Einschränkend muß ich sagen, daß ich das Spiel nicht mit den Noten verfolgt habe, sondern die einzelnen Stücke mehrfach gehört habe. Ich konzentriere mich zunächst auf die ersten beiden Stücke, weil mir aktuell einfach etwas die Zeit fehlt, um lange Höreindrücke zu posten.


    1) Chapelle de Guillaume Tell
    "Einer für alle – alle für einen" ist das Motto, das Liszt dem Stück voranstellte. Feierlich-ernst beginnt Kostick dieses Stück, das Tremolo ist m. E. allerdings etwas zu laut, er muß hier im fortissimo vibrato so steigern, daß es mitunter regelrecht metallisch-scheppert. Das macht in diesem Kontext (des lautmalerischen Kampfes) auch Sinn und ich bin ja ein erklärter Freund eines mitunter etwas brutalen Tons (liebe Grüße an Holger :) ). Leider ist das pp einfach zu laut, so daß die dynamische Spannung, die vorgesehen ist, trotz des kraftvollen ff nicht voll ausgeschöpft wird. Insbesondere durch die abschließende Klangmacht, die nach der Steigerung entfaltet wird, gerät das Stück meinem Eindruck nach etwas aus dem Gleichgewicht: Das Hymnische gewinnt etwas allzu Triumphales.


    2) Au lac de Wallenstadt
    Auch hier hat Liszt ein Motto (natürlich von Byron) vorangestellt: "Dein reizvoller See, mit der Welt, in der ich einst weilte, ist ein solches Ding, das in seiner Stille mich mahnt, hinter mir zu lassen die trüben Wasser und nach reinerer Quelle zu streben". Hier trifft Korstick imO zunächst sehr schön den Ton für einen anmutigen See. Doch ist dieser See vielleicht ein wenig zu bewegt (ich habe den Eindruck, daß es rhythmisch mitunter ein wenig unruhig wird). Vielleicht hätte man hier auch das Andante noch mehr auskosten müssen. Ich persönlich mag es noch ruhiger und gleichmäßiger, um nicht nur den ruhigen See vor mir zu sehen, sondern um die Sehnsucht das Streben nach der reineren Quelle in größerer Ausdruckskraft zu hören. Hier ist mir der Klavierton, ich kann es leider nicht besser beschreiben, nicht "schlicht" genug (mein Vergleich wäre hier Brendel, der eine schlichte Eleganz entfaltet, die grandios ist).


    Beide Stücke scheinen mir nicht ganz an das heranzureichen, was ich von Berman oder Brendel kenne (und liebe), aber Korstick sind in beiden Stücken auch sehr beglückende Momente gelungen. Den folgenden Stücken werde ich mich portionsweise widmen.


    Mit bestem Gruß
    JLang

  • Sehr schön, lieber Jörn, dass Du Dich an Korsticks Aufnahme machst! Deine geistvolle Besprechung beglückt mich wirklich sehr! :) Ich werde das deshalb auch responsiv nachhören und freue mich sehr über den Gedankenaustausch!


    Herzlich grüßend
    Holger

  • Ich habe mir gerade Korstick mit den Nr. 1-3 angehört.


    Korsticks Stärke bei Chapelle de Guillaume Tell ist zugleich seine Schwäche, finde ich: die vielen verschiedenen Töne, mal empfindsam besinnlich, mal pompös. Das ist sehr einfühlsam freilich. Doch man sollte den Titel nicht vergessen. Es ist ein Reisebild der Tellskapelle am Vierwaldstätter See. Hier ein Gemälde aus dem 19. Jhd.:



    Die Stimmung im Bild ist wie man sieht friedlich-romantisch - die Kapelle steht natürlich auch für die romantische Haltung der "Andacht", das Bild hat also eine sakrale Konnotation. Dafür ist mir dann Korstick einfach zu "bombastisch" und pastos - es wird, sehr weltlich, ein wildes Schlachtengemälde gemalt im Stil einer Symphonischen Dichtung, die Wilhelm Tells Leben und Leiden heißen könnte. Er spielt das Stück im Grunde so, als handele es sich hier um Liszts dann umgearbeitete Frühfassung, das Album eines Reisenden. Beim reifen Liszt kann man jedoch realisieren: Im Grunde ist das Kampfgeschehen nur eine Assoziation in einer friedlichen, romantisch-erhabenen Naturlandschaft. Entsprechend sollte der Ton am Schluss etwas Hymnisches, Choralhaftes haben. Wenn man dann Berman (ich habe die Aufnahme aus Rußland 1972 gehört aus der Brilliant-Classics-Box) zum Vergleich nimmt, dann ist das zugleich schlichter und eben im Ton einheitlicher und treffender - es entwickelt sich das dramatische Geschehen aus einer einheitlichen Grundstimmung feierlicher Erhabenheit heraus, womit das Stück beginnt und dann auch wieder einmündet. Und er kann die Tremoli natürlich Pianissimo spielen, wie sie sein sollen! Da stimmt einfach alles! :)


    Au lac de Wallenstadt ist Korstick sehr gut gelungen, finde ich. Er spielt allerdings "Expressivo" und es stimmt, lieber Jörn, die Stille des Sees, von der im Motto von Byron die Rede ist, könnte man ruhig etwas eindringlicher hervorbringen. Denn das ist ja auch der semantische Kontrast: weltlicher Frieden (der Schluß der Tellslegende) und himmlischer Frieden in der Natur (deus sive natura). In der russischen Aufnahme spielt das Berman auch etwas flotter als in der Studio-Aufnahme der DGG, das wirkt so, als wehe dort eine erfrischende Brise, welche die Oberfläche des Sees leicht kräuselt . Maria d´Agoult, Liszts Geliebte von damals, spricht von sanften Wellen - das sind Ausdrucksnuancen, die natürlich erlaubt sind.


    In der Pastorale ist mir Korstick ein bisschen zu flott im Tempo für einen pastoralen Ton. Das ist zwar klangschön gespielt, aber auch hier stört mich ein wenig die unpastorale Virtuosenattitüde.


    Herzlich grüßend
    Holger

  • Lieber Holger,


    hab vielen Dank für das Nachhören, das ist wirklich wunderbar. Eigentlich eine sehr schöne Idee, das Vor- und Nachhören. Es tut mir leid, wenn ich erst so spät darauf antworte, aber momentan gibt es sogar Tage, an denen ich gar keine Musik hören oder bei Tamino online sein kann ;(



    Zitat

    Wenn man dann Berman (ich habe die Aufnahme aus Rußland 1972 gehört aus der Brilliant-Classics-Box) zum Vergleich nimmt, dann ist das zugleich schlichter und eben im Ton einheitlicher und treffender - es entwickelt sich das dramatische Geschehen aus einer einheitlichen Grundstimmung feierlicher Erhabenheit heraus, womit das Stück beginnt und dann auch wieder einmündet. Und er kann die Tremoli natürlich Pianissimo spielen, wie sie sein sollen! Da stimmt einfach alles!

    Berman ist für mich insbesondere bei diesem Stück kaum zu schlagen: der im Vergleich zu Korstick schlichtere Ton macht einen kleinen, aber semantisch signifikanten Unterschied. Berman trifft, wenn man das so platt sagen kann, in meinen Ohren den Ton des Bildes, das Du freundlicherweise eingestellt hast. Korsticks Bild sähe anders aus: Schlachtengemälde gefällt mir da sehr gut als Vergleich. Interessant eigentlich, daß Korstick hier das Bild ausblendet und im Prinzip auf den Kern der Tell-Geschichte "zurückfällt".



    Zitat

    In der Pastorale ist mir Korstick ein bisschen zu flott im Tempo für einen pastoralen Ton. Das ist zwar klangschön gespielt, aber auch hier stört mich ein wenig die unpastorale Virtuosenattitüde.

    Das werde ich gleich morgen noch einmal hören und dann auch versuchen, mich der CD portionsweise zu widmen. So trage ich wenigstens auch einmal wieder ein wenig zu Inhalten bei.


    Sei herzlich gegrüßt
    Jörn

  • Es tut mir leid, wenn ich erst so spät darauf antworte, aber momentan gibt es sogar Tage, an denen ich gar keine Musik hören oder bei Tamino online sein kann ;(


    Das ist halt "Schicksal" und damit höhere Gewalt - solche Zeiten gibt es bei mir leider auch zu viele (und vielleicht ist es gar nicht schlecht, wenn wir nicht ganz Netz-süchtig werden, bei der Musik schmerzt es mich dagegen :untertauch: ), lieber Jörn. Uns drängt ja niemand und die Zeit können sie uns nehmen, wie wir wollen! :hello:


    Herzlich grüßend
    Holger

  • Soeben ist Korsticks Aufnahme bei mir noch einmal verklungen und ich will mich an den nächsten drei Stücken versuchen


    Pastorale – auch ohne ein vorgestelltes Motto mit einem Bezug zu einem literarischen Werk wird der intendierte Charakter am Titel deutlich. Es ist ein vergleichsweise schlicht gehaltenes Stück musikalischer Bukolik. Für mich hört es sich ein wenig so an, als ob das Stück Korstick ein wenig zu schlicht war: er belebt es durch einen vergleichsweise schnellen Ansatz und virtuos anmutende Zwischenspiele. Korstick läßt das Stück leider nicht aus seiner Schlichtheit heraus wirken, mir klingt es ein wenig zu unruhig. Eine wahrhaft bukolische Stimmung mag da bei mir leider nicht aufkommen.


    Au bord d’une source: "In säuselnder Kühle | Beginnen die Spiele | Der jungen Natur" lauten die Zeilen Schillers, die diesem Stück vorangestellt sind. Erneut bildet also das Wasser den Ausgangspunkt. Bei diesem Stück trifft Korstick mit seinem Ansatz auf wunderbarste Weise den Kern des Stückes, der mir sehr wichtig erscheint: Das Spielerische der Natur, das im Gegensatz zum ruhigen See (Au lac de Wallenstadt) eine belebte Leichtigkeit aufweisen kann, ja sogar muß, wird stellenweise zu einem kleinen Spielrausch aus bewegter Wasseroberfläche, Wirbeln und kleinen Strudeln gesteigert. Dabei wirkt das Spiel jedoch nie zu kräftig, verliert nie das Spielerische, wird (noch) nicht zu einem reißenden Bach. Zugleich hat man den Eindruck, daß das Stück ohne seine Kohärenz zu verlieren in einen solchen Bach hätte gesteigert werden können. Ein schönes Bild einer ganz jungen, sich entwickelnden Natur.


    Orage: Wie so häufig stellte List dem Werk ein Byron Zitat voran (aus Childe Harold) "Doch wo, ihr Stürme, liegt Euer Ziel? Seid ihr wie jene in der menschlichen Brust? Oder findet ihr doch in der Ferne wie die Adler ein erhabnes Nest?" Mensch und Natur stehen also im Mittelpunkt dieses eindrucksvollen Werkes. Das dynamische Spektrum umfaßt eigentlich fast nur f aufwärts, um diese Naturgewalt zu evozieren sind - wenn ich es recht höre - stellenweise alle Finger zugleich im Einsatz. Und das reizt Korstick auch vollständig aus: er entfaltet einen pianistischen Gewittersturm, bei dem er seine ganze pianistisch-manuelle Fähigkeit einsetzt und den Flügel regelrecht erzittern läßt. Für mich ist dieses Stück eines der extremsten im gesamten Zyklus und es verwundert daher kaum, daß Korstick diese Extremität mit ins letzte Detail ausspielt (soweit ich das ohne Noten nachvollziehen kann). Sicherlich bewegt sich das am Rand einer Ästhetik des "Schönen", aber gibt das Stück das nicht vor? Erfordert das Toben von Natur- und Gefühlsgewalt nicht gerade diese musikalische Grenzerfahrung, weil Beides die Grenzen menschlicher Begrifflichkeit sprengt, die Musik in Form der Korstick'schen Interpretation sie aber darzustellen vermag? Meine Antwort wäre: ja, unbedingt! Aber dies ist sicher nur eine mögliche Antwort unter vielen.


    Mit herzlichem Gruß
    JLang

  • Machen wir also weiter mit Korstick – mein Gegenhören von Au bord d´une source und Orage. Warum ich auch hier mit Korstick nicht ganz einverstanden bin, zeigt gleich in Takt 1 Liszts Vortragsanweisung dolce tranquillo. Der Ort der Quelle ist für Liszt also ein ruhiger Ort. Wie wichtig Liszt diese ruhige Stimmung ist, zeigt sich auch in Takt 17, wo er ausdrücklich noch einmal – zur Warnung der Interpreten – p tranquillo notiert. Die Quelle im romantischen Sinne ist ja ein mythischer, heiliger Ort, der des göttlich geweihten Ursprungs aller Dinge. Auch hier kann man an die Emanation aus dem Neuplatonismus (Plotin) denken: der Ausfluss der Dinge aus dem in sich ruhenden Einen (griech. Hen). Im Motto von Schiller steht auch – es beginnen (!) die Spiele der Natur, sie werden also gerade aus dem Schlaf gewissermaßen zum Leben erweckt. Bei Korstick hat man dagegen das Gefühl, es handelt sich bei diesem Stück bereits um eine Kopie der Wasserspiele im Park der Villa d´Este – wo Fontänen aufspritzen und die Wasser doch schon ein ganzes Stück weg von der Quelle geflossen sind einem spektakulären Wasserfall entgegen. Bei Korstick sind die Spiele der Natur also bereits vollständig zum Leben erwacht. Mir ist das einfach zu pastos gerade zu Beginn und mir fehlt die Feinheit, das Geheimnisvolle, die Ambivalenz von Schlafen und Wachen im Moment der Weckung der schlummernden Kräfte der Natur – am Schluss darf es sich natürlich steigern. Auch mangelt es dem Klavierton ein bisschen an sinnlicher Ausstrahlung.


    Was Korstick dagegen in Orage macht, das geht interpretatorisch voll in Ordnung. Nur klanglich ist das unbefriedigend. Der Flügel klingt hohl wie eine Blechbüchse und im Fortissimo gläsern, hart und scharf. Bezeichnend notiert Liszt Takt 35 fff. Da kann Korstick einfach dynamisch nicht mehr zulegen zum vorherigen ff, weil der Flügel bereits dermaßen überstrapaziert ist, dass er nichts mehr hergibt. Das ist ein klaviertechnisches Problem. Mit der „richtigen“ Einsetzung des Armgewichts kann man einmal die unschöne, in den Ohren schmerzende Härte vermeiden und oben herum im ff noch weiter dynamisch differenzieren. Weil Korstick durchgehend im ff-Bereich spielt und da kaum dynamische Differenzierungen anbringt (in Takt 7 z.B. soll das Fortissimo eigentlich ins Piano zurückgenommen werden) droht es dann doch etwas eintönig und der Hörer von soviel Kraft regelrecht erschlagen zu werden.


    Herzliche Grüße
    Holger

  • Hab wieder vielen Dank für das Gegenhören. Ich würde Dir hinsichtlich Au bord d´une source beipflichten


    Zitat

    bereits um eine Kopie der Wasserspiele im Park der Villa d´Este – wo Fontänen aufspritzen und die Wasser doch schon ein ganzes Stück weg von der Quelle geflossen sind einem spektakulären Wasserfall entgegen.

    Die Wasserspiele aus der Villa d’Este sind mir zwar als Bild eine Nummer zu groß, sie laufen doch höchstens mit halber Wassermenge, aber ganz richtig, ein dolce tranquillo ist das nicht ganz, was Korstick da spielt. Das geht noch viel ruhiger und entspannter. Ich sehe, um im Bild zu bleiben, Korstick hier auf halbem Weg zwischen ruhiger Quelle und spektakulärem Wasserfall. Aber: ein ruhiger Bach ist eben im Gegensatz zu einem ruhig liegenden See eine andere Form von Gewässer: auch wenn es ruhig und süßlich ist, es ist in diesem Sinne eben kein " in sich ruhendes Eines", die Quelle kann nicht ruhen. Ich hielte es hier eher mit Heraklit, mann könne niemals und auch nur einmal in denselben Fluß springen.


    Bezüglich Orage haben wir unser altes "Problem": ich finde Korstick trifft hier mit der elementaren Urgewalt die für die musikalische Stimmung erforderlichen Ton: das gläserne ff. ist in seiner Extremität sehr passend. Ich bin nach wie vor nicht der Meinung, daß man Korstick spieltechnische Mängel vorwerfen kann. Er will keinen schönen, runden Ton hervorbringen, spielt daher ganz bewußt so, wie er spielt. Da ich nun einige Deiner Besprechungen gelesen habe und sich darin natürlich gewisse Präferenzen ablesen lassen, denke ich, daß Dir einfach dieser Stil nicht so sehr zusagt. Denn Dein Zitat



    Zitat

    droht ... der Hörer von soviel Kraft regelrecht erschlagen zu werden.

    ist in meiner Auffassung bei diesem Stück schon ein Kompliment ;)


    Bezüglich der fehlenden Steigerungsmöglichkeit gebe ich Dir bei nochmaligem Hören Recht. Hier wäre eine stärkere Differenzierung noch schöner gewesen.


    Sei herzlich gegrüßt
    Jörn

  • Aber: ein ruhiger Bach ist eben im Gegensatz zu einem ruhig liegenden See eine andere Form von Gewässer: auch wenn es ruhig und süßlich ist, es ist in diesem Sinne eben kein " in sich ruhendes Eines", die Quelle kann nicht ruhen. Ich hielte es hier eher mit Heraklit, mann könne niemals und auch nur einmal in denselben Fluß springen.

    Ich finde, lieber Jörn, hier hätte Korstick den Kontrast zwischen dem ruhigen Beginn und der Belebung am Schluß deutlicher herausbringen können - Liszt zeichnet hier die Belebung der Quelle auch durch die dynamischen Vorzeichen ja nach. Die Musik ist sehr bildhaft visuell - der Zauber des schönen Anblicks einer Quelle in der Stille sollte nicht verloren gehen. Die Emanation ist ja auch ein Bild des Werdens (der Bewegung) der Dinge, aber sie haben ihren Ursprung im (ruhenden) Sein.



    Bezüglich Orage haben wir unser altes "Problem": ich finde Korstick trifft hier mit der elementaren Urgewalt die für die musikalische Stimmung erforderlichen Ton: das gläserne ff. ist in seiner Extremität sehr passend.

    Bei einem Gewitter gibt es Blitz und Donner und die Stille danach. Wenn man nur auf hohem Dynamiklevel spielt, also die Dynamikspanne kaum Ausschläge nach oben und unten hat, es also ununterbochen donnert und blitzt, dann verliert der einzelne Donnerschlag einiges von seiner elementaren Wirkung. Das war meine Kritik. :hello:


    Herzliche Grüße
    Holger