Faszination Vokalpolyphonie – der persönliche Zugang

  • Nach David wurde das israelische Reich in zwei Reiche geteilt, in das Nordreich (Israel) und das Südreich (Juda). 722 machten die Assyrer dem Nordreich den Garaus, 589 die Babylonier unter Nebukadnezar dem Südreich, wobei Jerusalem und der Tempel völlig zerstört wurden und die Elite nach Babylon abtransportiert. In dieser Zeit schrieb ein Autor, der unter dem Namen des Propheten Jeremia auftrat, bewegende Klagelieder, die in der Bibel den Platz hinter dem Propheten Jeremia haben. Man nennt sie auch "Threni". In der katholischen Karfreitagsliturgie haben sie ihren festen Platz, wie man hier weiter oben nachlesen kann. Die ergreifendsten Kompositionen stammen dabei von Tomàs Luis de Victoria (oben beschrieben) und Thomas Tallis: "Lamentationes Jeremiae Prophetae". Dies ist eine der großartigsten Kompositionen für Chor (Kammerchor!) überhaupt. Ich habe sie zweimal singen können, einmal im Tenor, einmal im 2. Alt. Die Besonderheit dieser Komposition ist die, dass Tallis die den Text gliedernden Buchstaben (die im Hebräischen auch Zahlzeichen sind) mitvertont. Ich habe nun eine Komposition entdeckt, die das auch macht. Es handelt sich um eine groß angelegte Komposition der Threni mit fast allen hebräischen Buchstaben (Zahlzeichen). Es handelt sich um die "Lamentationes Jeremiae Prophetae" von Carly Luython.
    Als ich begann, vermehrt und intensiv Polyphonie zu hören, waren die Großmeister wie Josquin, Orlando di Lasso, Palestrina, Victoria, Tallisund viele andere mir bald ein Begriff. Aber da spielten die King´s Singers ein Requiem auf den Tod Josquins ein, verfasst von Jean Richafort, ein absolutes Meisterwerk. Und bei meiner Suche nach Komponisten der Threni stieß ich auf diese CD, die die Klagelieder in einer Komposition von Carl Luython vorstellt.
    Carls Luython war ein flämischer Komponist, der in der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts am Hofe Rudolfs II. in Prag angestellt war, der in allen Künsten damals das Zentrum Europas war (neben Luython gehörte auch Hans Leo Haßler dazu). Nebenbei: Janaceks "Die Sache Makropulos" nimmt ihren Ausgang bei Rudolf II. Sein Leibarzt, der Grieche Hieronymos Makropoulos soll ein Ewigkeitselixier für den Kaiser brauen, das aber erst an der Tochter des Arztes ausprobiert wird. Zu dieser Oper sucht ihr am besten unseren Opernführer auf.
    Neben Haßler und Luython wirkten an diesem Hof Arcimboldo, Tycho Brahe, Kepler.
    Carl Luython lebte von 1556 bis 1620 und starb in Armut.
    Seine "Lamentationes" sind ein großartiges Werk (45 Minuten!), das in den verschiedenen Versen immer mit dem eindrucksvollen Kehrvers endet: "Jerusalem, convertere ad Dominum Deum tuum". Dieser Vers ist auch von Tallis eindrucksvoll vertont worden.
    Die CD, um die es hier geht, weist noch andere Kompositionen auf, wie eine Messe von Philippe de Monte und Kompositionen von Palestrina und Regnart. Das ausführende Ensembleme ist "Dialogo Musicale" aus Holland unter der Leitung von Leo Meilink. Hier sind Sänger und Instrumentalisten mit der gleichen Leidenschaft und dem gleichen Können am Werk. Vor Jahren hat der WDR in Köln ein Symposion zu Josquin des Prez gehalten, zu dem Musiker und Musikwissenschaftler aus der ganzen Welt angereist waren. Die Musik dazu wurde von "Dialogo musicale" gespielt, eine Aufnahme die ich trotz technischer Mängel immer noch habe. Leider ergab die Google-Suche nach diesem Ensemble und nach Josquin keine Ergebnisse. Es wurde nur die hier angezeigte CD vorgestellt.


    Ihr absolviert diese Stelle wie ein Intercity auf einer schwer zu nehmenden Weiche (mein verstorbener Chordirigent Johannes Glauber aus Essen)

  • Dieser Zyklus "geistlicher Madrigale" ist das letzte Werk von Orlando di Lasso, 1594 geschrieben. Drei Wochen später ist der Komponist gestorben, ohne sein Werk gehört zu haben. Der Text stammt von einem italienischen Dichter und beschreibt die Reue des hl. Petrus, nachdem er Jesus verleugnet hatte.
    Die Aufnahme, von der hier nur der Anfang vorliegt, lief bei Arte und dauert 50 Minuten. Es ist intensive, meditative Musik, die sich beim ersten Hören kaum erschließt. Sie wird von Solisten des Collegium vocale Gent unter der Leitung von Philipp Herreweghe gesungen. Erkannt habe ich Maria Cristina Kiehr, Hana Blazikova, Peter Kooy und Stephen McLeod. Es ist ein Beispiel dafür, dass diese Solisten nicht nur solistisch singen, sondern auch als kleiner ausgewogener Chor agieren können. Es ist auch ein Beispiel dafür, wie Herreweghe von kleinen Besetzungen wie dieser über mittlere (Matthäuspassion) und große (Neunte von Beethoven) alle Ensembles zu Höchstleistungen bringt. Ein Geheimnis dieser Tatsache, ist, dass er nur erstklassige Sänger verpflichtet.


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  • Am Karfreitag gastierte das Ingenium-Ensemble aus Ljubljana zum ersten Mal in der Essener Philharmonie, mit einem Programm, das Motetten und kleine Passionen zum Karfreitag enthielt, alle vor 1600 komponiert. Atemlos verfolgten ein paar Hundert Zuhörer dieses 6köpfige Ensemble, das mit einer erstaunlichen Stilsicherheit und Souveränität dieses schwere Programm absolvierte. Es gibt keinen Leiter, nur der sehr junge (schwarze, meint die Stimmlage) Bass gab Anfänge und Schlüsse mit einem kaum merkbaren Kopfnicken an. Einen Teil der Literatur kannte ich, so Tallis, Byrd, Victoria, Gesualdo. Ganz neu war mir die dreiteilige Johannespassion von Jacobus Händl, genannt Gallus.
    Am Schluss gab es nur eine Zugabe, eine Komposition der Heimat des Ensembles. Man konnte durchaus sehen, dass die Musiker sehr erschöpft waren, aber fast 2 Stunden Polyphonie - das ist wie ein Marathonlauf.


    https://www.youtube.com/watch?…e.com/watch?v=LJP5f6DRf5I


    Beim Anklicken erscheint Victorias Motette "Nigra sum".

    Ihr absolviert diese Stelle wie ein Intercity auf einer schwer zu nehmenden Weiche (mein verstorbener Chordirigent Johannes Glauber aus Essen)

  • Am Karfreitag gastierte das Ingenium-Ensemble aus Ljubljana zum ersten Mal in der Essener Philharmonie, mit einem Programm, das Motetten und kleine Passionen zum Karfreitag enthielt, alle vor 1600 komponiert.


    Hätte ich das gewusst, dann wäre ich auch dabei gewesen :(


    Übrigens fällt mir jedesmal, wenn dieser Thread wieder nach oben rückt, das Fehlen von Bachiania schmerzlich auf.

  • Ich hätte es auch verpasst, wenn mein Chorleiter mir nicht eine Karte geschenkt hätte. Ich versorge ihn nämlich regelmäßig mit CDs und DVDs mit alter Musik und mit ausgefallenen Biersorten. Da hat er sich revanchiert. Wir saßen in der ersten Reihe. Es war mein schönstes Vokalpolyphonie-Konzert nach den King´s Singers vor 20 Jahren.
    Das nächste Konzert ist am 24.6. in der Essener Philharmonie. Das Orchestra of the Age of Enlightenment unter William Christie spielt Campra, Fischer, Rameau und Bach. Das Gute an diesen Programmen ist, dass man abends immer noch reichlich Karten kriegt, denn der Zuspruch ist wie hier nur den Kennern vorbehalten. Außerdem wäre eine tolle Gelegenheit, uns endlich mal kennenzulernen.
    Das Ensemble Ingenium hat jetzt die erste CD herausgebracht, Informationen findest du bei YouTube.
    Die Sache mit Bachiana sehe ich genauso wie du.


    P.S. Du müsstest mal meine E-Mail-Adresse rauskriegen (über Alfred, Gerhard, musikwanderer), dann könnte ich dir meine Brosamen schicken, die über das, was ich hier veröffentliche, hinausgehen. Außerdem könnte ich dir eine Kopie einer Fernsehaufzeichnung von Orlando di Lassos "Lagrime di San Pietro" machen, mit 8 Sängern unter Herreweghe.

    Ihr absolviert diese Stelle wie ein Intercity auf einer schwer zu nehmenden Weiche (mein verstorbener Chordirigent Johannes Glauber aus Essen)

  • Das nächste Konzert ist am 24.6. in der Essener Philharmonie. Das Orchestra of the Age of Enlightenment unter William Christie spielt Campra, Fischer, Rameau und Bach. Das Gute an diesen Programmen ist, dass man abends immer noch reichlich Karten kriegt, denn der Zuspruch ist wie hier nur den Kennern vorbehalten. Außerdem wäre eine tolle Gelegenheit, uns endlich mal kennenzulernen.


    Das wäre schön! Ich habe den Termin notiert, weiß aber noch nicht, ob ich an dem Abend kann.


    P.S. Du müsstest mal meine E-Mail-Adresse rauskriegen (über Alfred, Gerhard, musikwanderer),


    Ich versuche es...

  • Heute Abend auf WDR 3 (Radio, 20.04-22.00): ein Konzert der Gruppe Alamire mit der Messe L´homme armé einmal von Josquin und dann von Palestrina.

    Ihr absolviert diese Stelle wie ein Intercity auf einer schwer zu nehmenden Weiche (mein verstorbener Chordirigent Johannes Glauber aus Essen)



  • Hallo,
    auf dieser CD sind 20 in der Renaissancezeit entstandene, meist 5-8-stimmige polyphone A-Cappella-Chorsätze enthalten, interpretiert von „Voces Suaves“ Wer die CD anklickt erfährt die Namen der Komponisten, einige sind mehrfach vertreten.
    Die CD dürfte nicht sehr bekannt sein, darum stelle ich einige YouTube-Aufnahmen ein um das Besondere von polyphoner A-Cappella-Chormusik (mit Voces Suaves) hörbar zu machen.





    https://www.youtube.com/watch?v=RrnlCK6SqiU CD Track 16
    https://www.youtube.com/watch?v=bEHWtPhO8FI CD Track 3
    https://www.youtube.com/watch?v=bEHWtPhO8FI CD Track 7



    Die Chorwerke der Tracks Nr. 4, 6, 11 und 16 werden um den Klang einer Theorbe erweitert. Eigentlich meine ich, A-Cappella-Chorwerke sollten rein vokal bleiben; der feine, zurückhaltende Ton der mit Darmsaiten bespannten Theorbe verträgt sich aber sehr gut mit dem polyphonen A-Cappella-Chorklang und stört überhaupt nicht, wie das bei manchen instrumental begleiteten A-Cappella-Chorwerken der Barockzeit der Fall ist.



    http://www.voces-suaves.ch/voces.phpDas Ensemble klingt rund (keine auffälligen Stimmen, weder in Farbe, Timbre, Vibrato) und lässt zugleich die polyphone Struktur deutlich erkennen; die Intonation ist hervorragend.


    Viele Grüße
    zweiterbass

    Wer die Musik sich erkiest, hat ein himmlisch Gut bekommen (gewonnen)... Eduard Mörike/Hugo Distler

  • Und das gilt auch für Bach-Motetten, wie z. B. "Singet dem Herrn...", welche durch völlig überflüssiges b.c in ihrer überragenden Wirkung als A-Cappella-Chorwerke behindert werden.


    Zwar vermute ich, dass es keine vollkommene Einigkeit der Gelehrten geben wird, aber dass barocke "A cappella"-Werke ohne Instrumente aufgeführt wurden, ist wohl kaum mehr haltbar. Sie wurden anscheinend nachweislich *manchmal* mit colla parte Instrumenten aufgeführt und wohl IMMER mit Basso continuo


    So eindeutig ist die Quellenlage nicht. Zunächst waren viele der Bachmotetten offenbar als Begräbnismusik gedacht, und Trauermusik oblag in Leipzig einem Instrumentalverbot.


    Ausserdem bestätigt J.A.Scheibe, der Leipzig und Bach kannte, 1744 in seinem „Critischen Musicus“ die a capella-Aufführung von Motetten – ohne b.c. - als übliche Praxis:
    http://www.archive.org/details/bub_gb_P95oNO55jfYC


    Dies scheint auch Doles als Quasi-Amtsnachfolger Bachs im Thomaskantorat (Harrer einmal ausgeklammert) so praktiziert zu heben, obgleich hier die Frage nach einer ungestörten Kontinuität natürlich offen bleiben muss.

  • Gestern Abend gastierten die King´s Singers in Essen. Ich habe sie zum 3. Mal live gehört, gestern traten sie in einer vollkommen neuen Formation auf; sie sollten sich vielleicht in "Phoenix Singers" umbenennen. Sie moderierten das Konzert selbst, z.T. in ganz vorzüglichem Deutsch. Die Philharmonie war zu 90% besetzt, und das vom typischen Essener Publikum, das Alte Musik liebt. Da klingelt kein Smartphone, da wird nicht geknistert oder geraschelt und auch nicht gehustet. Es ist allerdings auch ein kleiner Nachteil, dass die King´s Singers so gut und so beliebt sind. Die vorgetragenen Kompositionen sind nun nicht gerade für solche Räume wie die Philharmonie geschrieben. Der 2. Punkt ist die Programmgestaltung: ich fand es ein wenig zusammengewürfelt, ich hätte mir mehr thematische Blöcke gewünscht und mehr spanische Komponisten (z. B. Victoria; das aber konnten die King´s Singers natürlich nicht wissen). Der Höhepunkt war für mich eine meditative Motette von Alonso Lobo.
    Es gibt allerdings bei manchen dieser Konzerte, wie gestern auch, ein wirkliches Ärgernis, nämlich dass nach jedem Stück geklatscht wird. Das könnten die Musiker verhindern durch eine Blockbildung im Programm und um einen Hinweis am Anfang, dass nur am Ende eines Blocks geklatscht wird.

    Ihr absolviert diese Stelle wie ein Intercity auf einer schwer zu nehmenden Weiche (mein verstorbener Chordirigent Johannes Glauber aus Essen)

  • Es ist ein Beispiel dafür, dass diese Solisten nicht nur solistisch singen, sondern auch als kleiner ausgewogener Chor agieren können. Es ist auch ein Beispiel dafür, wie Herreweghe von kleinen Besetzungen wie dieser über mittlere (Matthäuspassion) und große (Neunte von Beethoven) alle Ensembles zu Höchstleistungen bringt. Ein Geheimnis dieser Tatsache, ist, dass er nur erstklassige Sänger verpflichtet.



    Das habe ich leider erst jetzt gelesen, aber ich möchte doch die Gelegenheit ergreifen, dem ausdrücklich zuzustimmen, auch wenn ich bedaure, dass es jetzt vielleicht etwas im Threadverlauf stören mag.


    Herreweghes Qualitätsvorsprung ist z.B. beim Thema Bachkantaten meinem Eindruck nach ( ich beziehe mich auf seine neueste Veröffentlichungen) recht schwer einzuholen. Da ist nicht nur erstklassigstes Singen und Spielen, sondern viel Geschmack, Ästhetik und vor allem eine kaum einzuholende Erfahrung mit der Materie zu beobachten. Auch beim Thema Schütz ( Schwanengesang) ist mir im Vergleich zur neuen Aufnahme mit Rademann aufgefallen, wie sehr man bei Herreweghe doch die pure Klangqualität und die m.E. viel ausgewogeneren Tempi genießen kann.
    Ich schätze seine Aufnahmen meistens sehr. Will nicht sagen, dass er immer die meiner Meinung nach "besten" Sichtweisen liefert ( z.B. Beethoven oder Schubert ist für mich eine Welt, die ich lieber mit Anderen höre), aber gerade im Bereich der Alten Musik vor Mozart gewinnt er in meinen Ohren so manchen Vergleich. Manchmal brauchte ich auch etwas länger, um letztendlich zu solchen Schlüssen zu kommen.
    Das erscheint demjenigen, der Dirigieren gelernt hat, als umso erstaunlicher, weil Herreweghe von der Schlagtechnik her eigentlich nicht über eine solche zu verfügen scheint. Dennoch klappt beim ihm immer alles bestens...


    Gruß
    Glockenton

  • @Michael: Die neue Formation ist so perfekt wie alle anderen vorher auch!
    @ Glockenton: Ich habe Herreweghe im Sommer 2017 live in Dortmund erlebt (Monteverdi, Marienvesper). Er hatte dort ein Ensemble, von dem ich nur Dorothee Mields kannte. Sehr oft höre ich seine Matthäuspassion. Ich denke oft, dass er gar nicht dirigiert, sondern mehr den Verlauf angibt. Er hat eben die mündigsten Sänger. Und alle guten Sänger alter Musik reißen sich wahrscheinlich darum, bei ihm zu singen. Dazu macht er keinen Unterschied zwischen Solisten und Chor; die Sänger haben alle viel zu singen, also genau das zu tun, was alle Sänger wollen.
    In den Achtzigern habe ich in Essen im Vokalensemble Fulerum gesungen (also mindestens eine Etage unter den Ensembles von Herreweghe). Eines unser besten Stücke waren die "Musikalischen Exequien" von Schütz. Unsere Aufführung war vor allem deswegen so geschlossen, weil wir auch alle Solopartien aus dem Chor besetzt hatten (sogar für mich fiel eine kleine Solorolle ab). Ich denke, dass dies auch das Geheimnis von Herreweghe ist. Am Karfreitag kommt übrigens Mark Minkowski mit seinen Ensembles aus Grenoble nach Essen. Da gibt es nur 8 Sänger, jeweils 4 für einen Chor und die Solisten. Ich denke, Paul McCreesh ist hier der Vorreiter. Seine Matthäuspassion hatte durchaus ihre Meriten.

    Ihr absolviert diese Stelle wie ein Intercity auf einer schwer zu nehmenden Weiche (mein verstorbener Chordirigent Johannes Glauber aus Essen)