Wie wichtig ist Textverständlichkeit bei Gustav Mahler?

  • Viele Aufnahmen der vokalen Sinfonien von Mahler kranken etwas an der Wortdeutlichkeit. Was da alles zusammen gesungen wird. Mahler, der Perfektionist, der als Direktor der Wiener Staatsoper selbst mit ausgewiesenen Weltstars gegen deren Willen stundenlang an einer einzigen Arie probte, würde sich im Grabe umdrehen. Für mich sind nur solche Aufnahmen akzeptabel, in denen den Worten die gleiche Bedeutung beigemessen wird wie den Noten

    Für dieses interessante Thema machen wir mal einen neuen Thread auf, es passte zum dem anderen ("Müssen Sänger schön sein") überhaupt nicht. Ausgangspunkt war mein Hinweis auf Laura Claycomb in der Aufnahme vom Mahlers Vierten unter Michael Tilson-Thomas.

    Die amerikanische Sopranistin Laura Claycomb trifft diesen Ton perfekt, ihr Stimme hat sogar ein etwas knabenhaftes Timbre.

    Ich habe diesen Satz jetzt noch einmal komplett gehört und muss sagen, man bräuchte ein sehr gutes Ohr, um hier zu hören, dass es sich um eine Nichtmuttersprachlerin handelt. Ich finde ihre Textverständlichkeit hervorragend, was natürlich auch damit zusammenhängen mag, dass sie sich für diese Live-Aufnahme sehr gut vorbereitet hat. Ich habe vier Aufnahmen im Vergleich gehört (falls Du - lieber Rheingold - eine spezielle im Ohr hast, sag wir welche, möglicherweise habe ich sie). Dorothea Röschmann (Harding) singt nicht deutlicher und zelebriert einige Manierismen. Kiri Te Kanawa (Solti) singt eigentlich gut verständlich, aber opfert an einige Stellen die Deutlichkeit dem Gesang. Bei Desi Halban (Walter) hört man deutlich, dass Deutsch nicht Muttersprache ist und ebenso bei Judith Raskin (Szell), beide klingen auch zu reif.

    Die interessante Frage ist, ist Muttersprachlichkeit überhaupt Voraussetzung für eine gute Textverständlichkeit? Drei der bedeutendsten und vielleicht auch am besten zu verstehenden Mahlersängerinnen des 20. Jahrhunderts kamen aus dem angelsächsischen Bereich: Kathleen Ferrier, Janet Baker und Maureen Forrester.


  • Hm, ich bin ja auch der Meinung, dass bei Liedgesang (auch solche mit Orchester) eine gewisse Textverständlichkeit gegeben sein muss. Gerade bei den Gesangspassagen in Gustav Mahlers Sinfonien ist es für mich nur der halbe Genuss, wenn ich den Text nicht verstehe. Ich mein damit jetzt aber gar nicht mal die inhaltliche, sondern die "akustische" Verständlichkeit, die Aussprache. Wenn zum Schluss von Mahlers 2. Sinfonie der Chor das mächige "Auferstehn, ja Auferstehn" anstimmt, dann geht diese Passage in ihrer Wirkung vollkommen unter, wenn dieser Text und seine beabsichtigte Wirkung nicht akustisch verständlich rüberkommt.


    Ob die Sänger Muttersprachler sein sollen ... hm, weiß nicht ob das per se ein Vorteil ist; sicher gibts genug Sänger/innen, die entsprechend deutlich singen können. Schwieriger wirds für mich, wenn die (Aus-)sprache verfremdet ist und die Sprachmelodie nicht mit der Sprache zusammenpaßt. Ohrenfällig wird mir dies oft bei englischsprachigen Sängern. Immer wieder spannend, wenn aus 'Flügel' 'Fligen' werden.

  • "Muttersprachlichkeit" ist eher nachrangig. Beispiele: Thomas Stewart in den Referenz Meistersingern unter Kubelik ist z.B. textverständlich und akzentfrei. Hingegen hat mich bei James King trotz recht guter Textverständlichkeit immer seine "Americanità" gestört. Insgesamt ist man ja bescheiden geworden: In der Oper ist man heute schon froh, wenn ein Sänger hochdramatischer Partien die Töne trifft; es gibt ja Übertitel. ;)


    Für das Lied, insbes.das Orchesterlied, gilt m.E. nichts anderes.

  • Die Callas hat ihre Töne immer getroffen, auch als ihre Stimme nachließ. Sie hat sie auch immer sauber attackiert, im Gegensatz zu manchen heute hochgeschätzten Sängern, die die Töne von unten anschleifen.
    Gruß Mme. Cortese

  • Die Callas hat ihre Töne immer getroffen, auch als ihre Stimme nachließ. Sie hat sie auch immer sauber attackiert, im Gegensatz zu manchen heute hochgeschätzten Sängern, die die Töne von unten anschleifen.
    Gruß Mme. Cortese