Suche Strukturtipps für die Fülle von Musikhören

  • Hallo Zusammen,


    ich habe ein Problem welches ich einfach hier einfüge, denn ich denke ein eigener Thread wäre nicht passend.


    Es gibt ja sooooo viel Klassische Musik die ich leider völlig unstrukturiert höre. Ich höre einfach was wild durcheinander und kann es somit eigentlich gar nicht zuordnen oder besser ausgedrückt "kennenlernen".


    Ich wollte einfach mal Fragen ob Ihr irgendwelche Themenabende/wochen habt oder nach welchen Kriterien Ihr die Musik auswählt die Ihr gerade hört.


    zB. als Claudio Abbado gestorben ist, habe ich viel von Ihm gehört, oder "heute" wo Richard Strauss 150 geworden wäre, entsprechend viel von Ihm.


    Kann mir jemand dabei helfen, irgendwie eine Art Ordnung in mein Musikhören zu bringen?


    Danke bin für jeden Tipp dankbar.


    Michael

  • Kann mir jemand dabei helfen, irgendwie eine Art Ordnung in mein Musikhören zu bringen?

    Lieber Michael


    eine relativ simple, aber m.E. durchaus sinnvolle Form der Strukturierung wäre, sich mal eine Kategorie vorzunehmen, sagen wir die Symphonie, und dann beginnend mit einigen von Haydn über die späten von Mozart, Beethoven, Schubert, Schumann, Brahms, Bruckner, Mahler, Sibelius, Nielsen die Entwicklung der Möglichkeiten dieser Gattung hörend zu verfolgen. Welches die jeweiligen Schlüsselwerke sind, sollte ja im Forum oder im Konzertführer zu finden sein.
    Und vergleichbares ließe sich mit Klavierwerken (Bach-Boulez), Streichquartetten (Haydn-Lachenmann) und Opern (Monteverdi bis Britten) auch machen.

  • Zum Kennenlernen hört man am besten ein und dasselbe Stück mehrmals. Nicht unbedingt direkt hintereinander, aber zB jeden Abend einmal oder jeden zweiten Tag o.ä.
    Mittelfristig kann man dann solche Längsschnitt- oder Querschnitt-Dinge machen, wie Lutgra vorschlägt. Oder alle Brahms-Sinfonien, alle Tondichtungen von Strauss u.ä.

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Das mit dem Mehrfach-Hören kann ich auch nur empfehlen, vor allem für sperrigere Werke. Richtig kennt man ein Stück, wenn man jedes Mal weiß, wie es weitergeht. Bei einer Oper empfiehlt es sich, sie einmal ganz zu hören und dann die einzelnen Szenen und Akte einzeln immer wieder, bis man das Gefühl hat, man kennt das Werk. Bei den Opern mit Rezitativen kann man die ruhig mal überspringen, davon geht die Welt nicht unter.


    Ich persönlich fahre zweigleisig. Im Auto höre ich meine Sammlung, da folgt dann auf Palestrina Janacek oder Beethoven, auf Chormusik folgt Oper oder Sinfonie. Zuhause höre ich die Musikgeschichte, was natürlich dauert. Das Mittelalter bzw. die Ars Nova habe ich abgeschlossen, wobei man Vollständigkeit niemals anstreben sollte. Dann habe ich die Vokalpolyphonie angefangen, und zwar geordnet nach Ländern. Als ich merkte, dass ich viel zu lange auf Victoria, Tallis und Palestrina warten musste, mache ich das jetzt nach Komponisten. Hier muss man sich unbedingt Zeit lassen, die Texte lesen und nicht ganze CDs hintereinander hören.

    Ihr absolviert diese Stelle wie ein Intercity auf einer schwer zu nehmenden Weiche (mein verstorbener Chordirigent Johannes Glauber aus Essen)

  • zB. als Claudio Abbado gestorben ist, habe ich viel von Ihm gehört, oder "heute" wo Richard Strauss 150 geworden wäre, entsprechend viel von Ihm.


    Das finde ich schon einmal einen guten Ansatz, lieber Michael. Im Falle von Abbado habe ich es auch so gemacht. Ich bin ein Gegner von zuviel "Planung" in dieser Hinsicht. Es sind oft genug kontingente Umstände, warum man sich gerade mit dieser Musik beschäftigt. Ich hatte in diesem Jahr auch nicht vor, mich mit Beethoven-Sonaten intensiv zu beschäftigen. Und dann macht Willi diese schönen Threads auf und ich verspüre Lust, da mitzumachen. Im Austausch miteinander ist es doch viel schöner und man lernt eine Menge neue Dinge dazu! Wenn man merkt, daß einen eine bestimmte Musik bzw. Musikrichtung fesselt, dann kann man sich da hinein vertiefen. So eine Art "Fünfjahresplan" aufzustellen in Sachen Musik mit Rechenschaftsbericht darüber, ob das Plansoll denn auch wirklich erfüllt wird wie im sogenannten real existierenden Sozialismus, dazu habe ich einfach keine Lust. Die Spontaneität finde ich inspirierender und nachhaltig wirksamer! :hello:


    Schöne Grüße
    Holger

  • Die Forderung nach Struktur fände ich nur dann angebracht, wenn es um systematisches Wissen geht. Was ist eine Sonate, was ist Romantik, was ist Polyphonie, was ist die Neudeutsche Schule und Ähnliches. Da könnte ich mich beim Lesen und Hören auf eine spezielle Auswahl beschränken.


    Zum Genießen allerdings brauche ich sie überhaupt nicht. Wenn mich Wagner erschlägt, fliehe ich zu den Schubert-Liedern und wenn mir Palestrina zu eintönig wird, lege ich Bartóks "Der wunderbare Mandarin" auf.
    Da habe ich überhaupt keine Skrupel.


    Das ist für mich wie beim Sprachenlernen. Erstmal Worte pauken und immer nur Worte, ganz ohne System.
    Kann man die, kann man bei flexionsarmen Sprachen schon eine ganze Menge. Bei den anderen muss man freilich dazu noch die Formen beherrschen. Das wird aber leichter, wenn man sich schon einen gewissen Wortschatz zugelegt hat.


    Was beim Sprachenlernen die Worte sind, sind in Deinem Fall die Werke der Meister. Ich fände es also ganz in Ordnung, sich auch ohne feste Struktur erstmal einen größeren Musikschatz anzueignen.

  • Viele Wege führen nach Rom. Prinzipiell pflichte ich mal jenen bei, die empfehlen, ein Werk mehrmals zu hören.
    Aber da gab es ja noch die zweite Frage:

    Zitat

    Es gibt ja sooooo viel Klassische Musik die ich leider völlig unstrukturiert höre. Ich höre einfach was wild durcheinander und kann es somit eigentlich gar nicht zuordnen oder besser ausgedrückt "kennenlernen".


    Das finde ich fürs erste gar ich mal so schlimm. Man sollte aber herausfinden, welche Musik einem gefällt - und welche nicht.
    Ich habe es in meiner Jugend so gemacht, daß ich, wenn mir ein Werk eines Komponisten besonders gefallen hat, ich nach einem zweiten gesucht habe, oder einen Komponisten mit ähnlichen Werken in meine Sammlung aufgenommen habe. Allmählich vergrößert sich dann der Horizont. Alleredings - meine Kritiker werden das vermutlich gleich beanstanden, ist diese Methode sehr selektiv. Dein musikalisches Spektrum wird über einen sehr langen Zeitraum eher einseitig bleiben - auch kein Malheur...Die Struktur kommt im Lauife der Zeit von alleine - und das Form wird das beschleunigen......


    mfg aus Wien
    Alfred

  • Die Synthese aus hami und Alfred lautet: fühle mal, welche Stücke dich einladen, sie mehrmals zu hören. Du wirst erstaunt sein, was du alles entdeckst. Ich höre meine Lieblingsstücke wie Schuberts D944 immer wieder und entdecke immer noch...



    Herzliche Grüße


    Christian

  • Ich höre meine Lieblingsstücke wie Schuberts D944 immer wieder und entdecke immer noch...

    Da bin ich viel bescheidender und begnüge mich mit der einstmals Achten, der Unvollendeten. Die hat nur 2 Sätze und ist auch viel schöner!


    Den letzten Satzteil bitte streichen, aber zu empfehlen ist sie allemal und vermutlich ist sie eine ideale Sinfonie für Einsteiger (wie etwa Beethovens Fünfte), dabei hat sie alles:
    Schönheit, Tragik, stille Wehmut, ein geheimnisvolles Sehnen nach etwas Unbekanntem und dabei alles in schlichter Einfachheit.


    Da geht es mir wie Freund Hasiewicz, ich kann, oder richtiger muss, obwohl schon über 60 Jahre bekannt mit ihr, sie immer wieder hören.

  • Am Anfang war das Chaos. Ich hörte alles, was mir zwischen die Ohren kam. Das war die schönste Zeit meines Lebens. Mit der Zeit blieb immer mehr hängen, sehr früh "Rheingold", Bruckners 4. Sinfonie, Mahlers Erste, die Zweite von Sibelius, die späten Mozart-Sinfonien, Beethovens Neunte. Ich höre eigentlich ständig Musik, auch gern mal bei profanen Hausarbeiten. Vorlieben wechseln, wenige sind geblieben. Meine Neugierde entwickelte sie nicht nach einem Plan, sie war und ist spontan geblieben und auch etwas sprunghaft. Zum Glück. Ich bin froh, kein Musikwissenschaftler zu sein. Seit Jahren interessierte ich mich für Lieder. Da liegen die Dinge in der Tat etwas anders. Ohne eine gewisse Struktur und Ordnung geht da nämlich nichts. Schließlich will ich nichts verpassen.


    Ich lese gern, was andere hier schreiben. Es gibt erstaunlich viel Übereinstimmung, wenn auch nicht auf den ersten Blick.


    Gruß Rheingold

  • Es gibt ja sooooo viel Klassische Musik die ich leider völlig unstrukturiert höre. Ich höre einfach was wild durcheinander und kann es somit eigentlich gar nicht zuordnen oder besser ausgedrückt "kennenlernen".

    Allzuviel Struktur verdirbt den Spaß an der Sache - just my two cents. Hör einfach, was Dir gefällt, geh auf Entdeckungsreise, der Überblick und die Struktur kommen mit der Zeit von allein.


    Eines will ich aber noch weitergeben: als ich jung war, hatte ich das Ziel, alles Hörenswerte hören zu wollen, alles Sehenswerte sehen zu wollen und alles Lesenswerte lesen zu wollen. Und manchmal hat mich die Fülle des Erfahrbaren bedrückt. Inzwischen habe ich dieses Ziel als vergeblich aufgegeben und freue mich an jeder glücklichen Hör-, Seh- oder sonstigen Erfahrung, ohne dabei schon an die nächste zu denken.

  • Lieber Michael74,


    Ich denke auch, daß zu viel Struktur nicht unbedingt notwendig ist: es kommt eben ganz darauf an, was Du möchtest. Möchtest Du die Struktur von Werken kennenlernen, schadet es nicht, sich beispielsweise einem Bereich intensiv zu widmen (Beethoven oder Schubert Sonaten, Sinfonien etc.). Aber es sollte nie zur "Pflicht" werden nach dem Motto "das muß ich jetzt aber auch noch hören". Denn wenn Dir beim Hören plötzlich nach etwas anderem ist, würde ich dem unbedingt folgen. Ich nehme mir manchmal beispielsweise vor, wieder etwas zu den Beethoven Sonaten beizutragen, stelle aber fest, daß mir aktuell nach einer ganz anderen Art von Musik zumute ist (z. B. einer Wagner Oper). Dem folge ich dann, so daß ich beim Hören auch eher springe. Als ich angefangen habe zu höre, habe ich ganz querbeet gehört: immer, wenn mir etwas von einem Komponisten gefallen hat, habe ich ich weitere seiner Werke gehört. Mein Tip wäre also auch eher das sprunghafte Hören, darüber kann man viele Eindrücke gewinnen und Stücke anschließend auch kennenlernen. Wobei das Kennenlernen von neuen oder (vermeintlich) schon bekannten Stücken gern auch ein Leben lang dauern darf.


    Mit bestem Gruß
    JLang