Reinhold Barchet

  • Mit dem Titel "Reinhold Barchet" starte ich einen Thread über einen Musiker, der in den heutigen Diskussionen um Künstler, auch Künstler der Vergangenheit, nicht mehr vorkommt. So gibt es bereits die Schwierigkeit, seine Lebensdaten zusammenzutragen: 1962 sei seine Zusammenarbeit mit dem Südwestdeutschen Kammerorchester, damals unter der Leitung von Friedrich Tilegant, jäh beendet worden. Wäre dies das Todesjahr, dann wäre Barchet, der 41-jährig starb, 1921 zur Welt gekommen. Barchet war 1946-1952 erster Geiger des von Karl Münchinger Stuttgarter Kammerorchesters, tauch auf Platten dieses Ensembles immer wieder als Solist auf, etwa bei der frühen Aufnahme der Brandeburgischen Konzerte.


    1952 gründete er das Barchet Quartett, eine exzellente Kammermusikformation, die 1958 eine glänzende Einspielung aller Streichquartette Mozarts und, um Emil Kessinger als 2. Bratscher verstärkt die Streichquintette einspielte. Barchet nahm Vivaldis "Vier Jahreszeiten" zunächst mit Karl Münchinger, später erneut mit Friedrich Tilegant auf (eine Aufnahme, die in meinen Ohren bsi auf den heutigen Tag maßstabssetzend ist).


    Auf dem CD-Markt sind Aufnahmen von Reinhold Barchet nicht verfügbar, es sei denn, man blickt nach HMV-Tokyo, wo ein paar einzelne CD's von ihm greifbar sind. LP-Sammler und -Hörer geht es da schon besser: auf dem Label VOX sind einige Aufnahmen mit ihm erschienen (Mozart, Vivaldi), die Aufnahmen mit Tilegant erscheinen später bei Eurodisc und in Lizenz auch bei musicaphon. Ein paar wenige Aufnahmen machte Barchet für Columbia/Erato.


    Was gefällt mir an Reinhold Barchet? Da ist einmal die Ruhe, mit der er musiziert, ohne langsam zu spielen. In seinen Aufnahmen findet man kein zirzensisches Virtuosentum, seine Geige strahlt nie auftrumpfend auf sondern erzählt sanft dennoch nachdrücklich und ungemein schönklingend.


    Und nun habe ich mein Pulver auch schon verschossen. Und hoffe, dass sich hier bei Tamino noch ein paar weitere Musikfreunde an diesen viel zu früh vergessenen Musiker erinnern. Vielleicht gelingt es ja, genügend Informationen über ihn zusammenzupuzzlen, um zu einem kleinen, würdigenden Lebensabriss zu kommen.


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

  • Lieber Thomas,


    leider kenne ich Reinhold Barchet kaum, habe aber dank Deines Threads zu recherchieren begonnen, so dass ich zumindest ein paar diskographische Hinweise geben kann. So zum Beispiel mit dieser Aufnahme:



    Im FonoForum 9/ 1970 stand über diese Aufnahme zu lesen:


    "Hinter dieser Erinnerung an Reinhold Barchet und seine 1962 so jäh beendete Zusammenarbeit mit dem Südwestdeutschen Kammerorchester unter Friedrich Tilegant verbirgt sich eine Vivaldi-Wiedergabe eigenen Profils. Sie vereint Züge der Szeryng-, wie der Marschner-Interpretation der "Jahreszeiten"-Konzerte und hebt sich doch von beiden durch das selten erfüllte Musizieren ab. Kein Detail ist unwichtig. Vivaldis Musik wird weder motorisch abgespult noch tonmalerisch plakativ dekoriert, sie wird andererseits auch nicht gedankenvoll befrachtet. Homogenität, Stilgefühl und Intelligenz des Ensembles waren dafür ebenso wichtige Voraussetzungen wie die Helligkeit und Wärme der Glanzlichter, die die Soli dem Tuttiklang aufsetzten. Mit dem Ergebnis einer klangvoll gespannten, innerlich bewegten Wiedergabe, die fast vergessen läßt, daß die Aufnahme nicht mehr jüngsten Datums ist."


    Da ich diese Aufnahme (noch) nicht besitze, kann ich bisher noch keine Einschätzung vornehmen.


    Auch interessant und preislich recht günstig: Bach - Violinkonzerte in verschiedenen Interpretationen



    für teuer Geld aus Japan erhältlich:



    Zumindest gibt es ein paar CD - Einspielungen, nicht nur Aufnahmen für die Vinyl - Freunde.


    Zudem gibt es immerhin 7 Alben, die ausschließlich als Download erhältlich sind:


    http://www.amazon.de/s/ref=ntt…ital-music&search-type=ss


    Bei youtube findet sich das ein oder andere, hier ein Beispiel:





    viele Grüße

  • Lieber Don Gaiferos,


    genau diese Aufnahme der "Vier Jahreszeiten" ist die, die ich als meine persönliche Referenz bezeichne. Vor 30 Jahren war die Platte noch ganz normal und neu im Plattengeschäft zu kaufen (damals von Bärenreiter musicaphon verlegt).


    Für Aufnahmen der "Vier Jahreszeiten" ist Barchet mehrfach herangezogen worden. Karl Münchinger (DECCA) Rolf Reinhardt (VOX), beide Aufnahmen mono, Münchinger hat noch eine stereo-Aufnahme gemacht, die aber mit Werner Krotzinger) und Friedrich Tilegant (ariola eurodisc) in stereo.


    Ähnlich sieht es bei den Brandenburgischen Konzerten aus. Auch hier Münchinger (DECCA), sodann Jascha Horenstein (VOX), Friedrich Tilegant und Kurt Redel (Erato).


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

  • Hallo Thomas,


    Über diesen Thread über den von mir schon seit meiner Jugend besonders hoch eingeschätzten und verehrten Geiger REINHOLD BARCHET habe ich mich ganz besonders gefreut, vor allem darüber, daß man sich auch in unserem Forum nun einmal an einen Geiger erinnert, über den damals die bekanntesten Musikkritiker, wie z. B. Ekkehard Kroher, ab den 50er Jahren geradezu ins Schwärmen gerieten. Ich hatte schon immer wieder einmal angesetzt zu einem Thread über diesen Geiger, doch sah ich mich durch die Erfahrung mit anderen Thread-Versuchen über m. E. ähnich zu Unrecht vergessene Interpreten, wie z. B. den Geiger BRONISLAW GIMPEL, den Pianisten WITOLD MALCUZYNSKI, den Dirigenten PAUL KUENTZ, die Sängerin ADELE STOLTE u.a., die wenig oder gar keine Resonanz fanden, etwas entmutigt und stellte dieses Vorhaben immer wieder zurück In kleineren Beiträgen, die ich in der Zeit von August 2011 bis August 2014 schrieb, machte ich zwar immer wieder auf REINHOLD BARCHET aufmerksam und versuchte, diesen der Vergessenheit zu entreißen, doch leider ohne Erfolg. Vielleicht hat ja der Thread eines Moderators - zumal kraft eines so interessanten und hochinformativen Beitrags - etwas mehr Gewicht und findet etwas mehr Aufmerksamkeit und Widerhall. Ich würde dies sehr begrüßen, vor allem auch als kleine Wiedergutmachung für den so schnell vergessenen wunderbaren Violinisten, über den es leider tatsächlich nicht allzuviel Biographisches zu finden gibt, und auch von seinen durchaus zahlreichen Einspielungen - auch mit seinem großartigen BARCHET-QUARTETT - ist heute leider nicht mehr viel zu bekommen, und viele gute Aufnahmen z. T. nur noch als LP in gebraucht.


    Nun hat Don Gaiferos erfreulicherweise schon sogleich auf Denen Thread geantwortet und sich offenbar auf die Suche nach noch erhältlichen Aufnahmen von und mit REINHOLD BARCHET begeben, auch etwas über ihn geforscht und auch jenen Artikel von Ekkehard Kroher aufgespürt und zitiert, der unter dem Titel "Hommage à Reinhold Barchet" seinerzeit in der fono forum erschien! Kompliment! In wenigen prägnanten Worten wird hier die Kunst dieses Geigers, wie auch des SÜDWESTDEUTSCHEN KAMMERORCHESTERS unter FRIEDRICH TILEGANT beschrieben, hier zwar auf die Interpretation von VIVALDI's Vier Jahreszeiten bezogen, diese singulären Attribute lassen sich aber ebenso auf andere Einspielungen durch REINHOLD BARCHET anwenden. Don Gaiferos hat schon auf einige Aufnahmen hingewiesen, die auch ich meinerseits nur empfehlen kann.
    Bis heute hat sich dabei seine Einspielung der schon oben erwähnten Vier Jahreszeiten in der Bestenliste der unzähligen Einspielungen dieses beliebten Werkes gehalten, und vielleicht lebt ja REINHOLD BARCHET mit dieser großen künstlerischen Leistung doch noch länger in der Erinnerung einiger Melomanen fort. Auch seine Interpretation der Brandenburgischen Konzerte, insbesondere des Vierten, BWV 1049, hat sich sehr gut unter ähnlich vielen Einspielungen mit an vorderster Stelle behauptet.


    BARCHET war aber nicht zuletzt ein wunderbarer MOZART-Interpret, und sein so natürliches, verinnerlichtes Spiel bar jeder technischer Mätzchen, und andererseits bar jeder störenden Gefühlsüberfrachtung, nicht zuletzt sein herrlich klarer, reiner Geigenton hatten eine geradezu verzaubernde Wirkung. Seine Einspielung der Konzerte KV 216 und 219 mit dem PRO MUSICA-ORCHESTER STUTTGART unter der Leitung des in jeder Hinsicht musikalisch gleichgesinnten ROLF REINHARDT ist für mich bis heute unangefochten das Nonplusultra. Hinsichtlich des Konzertes KV 216 gibt es noch eine ältere Electrola-Aufhahme durch DAVID OISTRAKH mit dem PHILHARMONIA ORCHESTRA, die ich ebenfalls sehr schätze.


    Nicht minder international angesehen wie der Solist REINHOLD BARCHET war gewiß auch sein BARCHET-QUARTETT mit den schon von Dir genannten Quartett-Mitgliedern. Mit der Aufnahme sämtlicher MOZART-Streichquartette, wie auch der Streichquintette Ende der 50er Jahre, erspielte sich dieses Ensemble den Deutschen Schallplattenpreis. Wie sehr das Spiel dieses Quartetts Ruhe, Harmonie, Klangästhetik und Homogenität verströmt, vermittelt auch seine Interpretation des MOZART-Quartetts KV 458:
    youtube.com/watch?v=oZMngVzf5iI


    Abschließend noch kurz einige wenige biographische Daten, die z. T. schon erwähnt wurden:


    Reinhold BARCHET wurde am 03.08.1920 in Stuttgart geboren und starb am 05. 06. 1962 in Stutgart. er studierte am Würzburger Konservatorium, war 1943 - 1945 Mitglied des BRUCKNERORCHESTERS LINZ und Bad Aussee. Von 1946 - 1952 war er Konzertmeister beim STUTTGARTER KAMMERORCHESTER, 1952 bei der STUTTGARTER PHILHARMONIE
    und seit 1955 beim SÜDDEUTSCHEN KAMMERORCHESTER PFORZHEIM. Mit seinem 1952 gegründeten BARCHET-QUARTETT gastierte er mit großem Erfolg im In- und Ausland.


    REINHOLD BARCHET war ein sehr bescheidener Mensch, der niemals bloße Virtuosität in den Mittelpunkt seiner Kunst stellte, sondern der sich mit edlem Ton und verinnerlichtem Vortrag stets als Diener der Musik erwies. Er war nicht nur ein vorbildlicher Konzertmeister und wohl seinerzeit der beste Mann im Orchester von KARL MÜNCHINGER, sondern auch ein herausragender Solist und Interpret vor allem der Werke von MOZART, VIVALDI, BACH, HÄNDEL und CORELLI. Seine Einspielung des NARDINI-Violinkonzertes ist heute noch im Handel erhältlich. Leider blieb REINHOLD BARCHET eine ganz große und lange intenationale Karriere verwehrt, Sein früher Tod mit 41 Jahren erschütterte damals die Musikwelt. Hoffen wir, daß diese kleinen Würdigungsversuche seiner Lebensleistung ihn etwas der Vergessenheit entreißen können.


    Viele Grüße
    wok

  • Eine kleine Korrektur zu meinem Beitrag Nr. 4 von heute morgen:

    In 4. Absatz meines Beitrags sollte es korrekterweise heßen: "Ende der 50er Jahre - exakt war das 1959 - erspielte sich dieses Ensemble den Grand Prix du Disque der Akademie Charles Gros", statt den Deutschen Schallplattenpreis. Pardon!


    Gruß
    wok

  • Ich hatte schon immer wieder einmal angesetzt zu einem Thread über diesen Geiger, doch sah ich mich durch die Erfahrung mit anderen Thread-Versuchen über m. E. ähnich zu Unrecht vergessene Interpreten, wie z. B. den Geiger BRONISLAW GIMPEL, den Pianisten WITOLD MALCUZYNSKI, den Dirigenten PAUL KUENTZ, die Sängerin ADELE STOLTE u.a., die wenig oder gar keine Resonanz fanden, etwas entmutigt und stellte dieses Vorhaben immer wieder zurüc

    Ich finde es sehr erfreulich, dass hier im Forum auf wenig bekannte bzw. fast vergessene Künstlerpersönlichkeiten hingewiesen wird. Gerade das macht doch dies Forum auch so wertvoll. Wenn ich über Anne-Sophie Mutter oder Jascha Heifetz informiert werden möchte, gibt es genügend alternative Quellen. Bei Reinhold Barchet oder Bronislaw Gimpel aber nicht.


    Und lieber wok, Du sagst, dass auf Deine Beiträge wenig oder gar keine Resonanz erfolgt. Wenn Du aber mal nachschaust, wirst Du sehen, dass z.B. den Bronislav Gimpel Thread innerhalb eines Jahres über 400 Menschen angeschaut haben, das ist einer pro Tag. War es das nicht wert? 400 Geigeninteressierte haben die Beiträge gelesen oder zumindest kurz überflogen. Das finde ich jetzt als Ergebnis nicht so schlecht.


    Über Reinhold Barchet kann ich selbst z.Zt. wenig beitragen. Ich kenne den Namen und habe vermutlich auch ein, zwei Aufnahmen in der Sammlung, aber noch nicht gehört. Wie das kommt? Nun, als mein bevorzugter Plattenladen vor 4 Jahren umziehen musste, wurden in einer Sonderaktion zigtausende von LPs für 1 € verkauft und ich habe alles mit Geige oder Streichquartett mitgenommen, was ich finden konnte, sicher 100-200 LPs. Die habe ich noch lange nicht alle durchgehört.

  • Zitat

    lutgra: Und lieber wok, Du sagst, dass auf Deine Beiträge wenig oder gar keine
    Resonanz erfolgt. Wenn Du aber mal nachschaust, wirst Du sehen, dass
    z.B. den Bronislav Gimpel Thread innerhalb eines Jahres über 400
    Menschen angeschaut haben, das ist einer pro Tag. War es das nicht wert?
    400 Geigeninteressierte haben die Beiträge gelesen oder zumindest kurz
    überflogen. Das finde ich jetzt als Ergebnis nicht so schlecht.

    Hallo lutgra,


    Danke für Deinen lieben Kommentar. Ja, so betrachtet, ist das Ergebnis meiner Threads in der Tat gar nicht so schlecht. Von dieser Warte aus habe ich dies noch nicht betrachtet, auf die Anzahl der gelesenen Threads habe ich bisher nicht geachtet. So könnte es sich tatsächlich oft als wichtiger erweisen, daß z. B. 400 Menschen einen Beitrag lesen als wenn 10 oder 20 auf einen Beitrag schreiben. Da kommt es dann natürlich auf die Qualität an, wie man sich mit einem Beitrag befaßt. Jedenfalls warst Du wohl der einzige, der z. B. auf meinen Thread über Bronislav Gimpel antwortete und sich damit beschäftigte.


    Viele Grüße
    wok

  • Ein Mitleser möchte uns folgendes mitteilen:



    mit freundlichen Grüßen aus Wien
    Alfred

  • Auch ich erinnere mich an den ausgezeichneten Geiger Reinhold Barchet, der als Persönlichkeit bescheiden und gewinnend war. Er war eine Stütze der Stuttgarter Kammerorchesters in der Zeit von Karl Münchinger und die Seele unde Motor der Pforzheimer Kammerorchesters unter Friedrich Tilegant. Schön, dass jetzt an solche Künstler erinnert wird. Ich werde sicherlich gelegentlich einen Beitrag über Ricardo Odnoposoff und Ludwig Hölscher einstellen.


    Hezrlichst
    Operus

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • Dann fügen wir mal - quasi als Ehrenbezeigung - ein Klangbeispiel ein, und zwar Nardinis Violin concerto in e.moll -1. Satz
    Ich weiss - irgendwann wird der Link nicht mehr funktionieren, weil der Clip vom Netz genommen wird. Aber bis dahin....



    mfg aus Wien