Artur Schnabel - "Du wirst nie ein Pianist"



  • Denkt man an Beethovens 32 Klaviersonaten und ihre Interpreten, dann kommt man an einem Namen nicht vorbei, an Artur Schnabel.


    1882 in Polen geboren, studierte er in Wien bei Theodor Leschetizky. Von seinem Lehrer ist das Zitat überliefert: "Sie werden nie ein Pianist sein. Sie sind ein Musiker" Auf ersten Blick wirkt diese Aussage irritierend. Sie stimmt insofern, als Schnabel nie als großer Virtuose galt, sondern berühmt wurde für die Ernsthaftigkeit seines Musizierens. Schnabel nahm als einer der ersten Pianisten Beethovens Metronomangaben für die "Hammerklaviersonate" ernst, und riskierte dabei auch einmal einen falschen Ton. Beethovens Klaviersonaten bildeten in seinem Repertoire einen besonderen Schwerpunkt.


    Schnabel aber auf die Rolle des bedeutenden Beethoveninterpreten zu reduzieren greift zu kurz, auch wenn die Wiener Klassik in seinen Interpretationen einen besonderen Stellenwert einnimmt. Neben seiner Konzerttätigkeit (inbesondere nach seiner Emmigration aus Deutschland 1933) war Schnabel vor allem auch als Lehrer und Komponist tätig.


    Welche seiner Aufnahmen kennt und schätzt Ihr?


    Herzliche Grüße,


    Christian





  • Leider kenne ich außer den Beethovenaufnahmen von Schnabel bisher nur wenig mehr. Die beiden letzten Schubertsonaten (leider gibt es wohl keine Einspielung der c-moll-Sonate) und Mozarts a-moll-Sonate sind jedoch m.E. eher noch besser als sein Beethoven, zumal bei Schubert viele Interpreten meinen, die Richtersche Blei-Monumentalisierung mitmachen zu müssen (quod licet Iovi.... :D)
    Seine Expressivität bei Mozart ist sehr weit entfernt von dem Porzellanpuppenklischee, dem man immer noch manchmal begegnet.
    Eine neu überspielte Schubert-Box (Music & Arts?) wurde kürzlich angekündigt, die werde ich jedenfalls ins Auge fassen; weiterhin hoffe ich, dass seine Mozart-Klavierkonzerte auch bei Naxos Historical erscheinen.
    Schnabel hat BTW auch komponiert (atonal oder 12-tönig, es gibt einiges Aufnahmen, ich habe aber noch nichts gehört)


    viele Grüße


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Hallo!


    Wie ich schon mehrfach im Forum preisgegeben habe, schätze ich Schnabels Beethoven-Zyklus sehr (ich habe ihn vom Label History). Dann habe ich noch eine Doppel-CD, die Johannes auch zu haben scheint, mit Mozarts a-moll-Sonate und den beiden letzten Schubert-Sonaten, sowie dessen Moments Musicaux. Die habe ich aber schon lange nicht mehr gehört.


    Viele Grüße,
    Pius.

  • Neben den Beethoven-Sonaten sind ja auch die Variationen und Klavierkonzerte auf Naxos Historical erschienen.


    Seinen Mozart kenne ich noch nicht, aber den Schubert kann ich sehr empfehlen. Mark Obert-Thorn hat kürzlich in r.m.c.r. mitgeteilt, er arbeite an einer Restaurierung der Schubert-Aufnahmen für Music & Arts, die im Januar 2006 erscheinen soll. Auf Pearl sind sie (neben EMI) auch zu haben. Mir gefallen vor allem die Impromptu.


    Auf Appian ist noch eine Aufnahme der 1946-47 HMV Solo Recordings zu haben (Mozart,Schumann, Brahms, Carl Maria v Weber).

  • Zitat

    Schnabel hat BTW auch komponiert (atonal oder 12-tönig, es gibt einiges Aufnahmen, ich habe aber noch nichts gehört)



    Möglicherweise war Schnabel nicht nur ein komponierender Pianist, von denen es viele gab, sondern vielleicht sogar in erster Linie Komponist, was man an solch äußerlichen Dingen wie der Tatsache zeigen könnte, daß Schnabel nur wenig für sein eigenes Instrument geschrieben hat.


    Erstaunlich und nachdenkenswert finde ich in diesem Zusammenhang, daß der Zwölftöner Artur Schnabel, wenn er denn auch für Klavier komponiert hat, nach meiner Kenntnis niemals sich selbst gespielt hat. Offenkundig hat Schnabel strikt zwischen seiner Tätigkeit als Interpret und derjenigen als Komponist, in der er einem Schönberg an Atonalität nicht nachstand, unterschieden. Im Grunde genommen ist Schnabel doch als Interpret von Mozart, Beethoven, Schubert, Brahms in die Musikgeschichte eingegangen, nicht jedoch als Interpret des zu seiner Zeit fortschrittlich-radikalen Repertoires.


    Kann jemand diesen Widerspruch zwischen dem Darsteller Schnabel und dem Komponisten Schnabel aufklären?

  • Ich kann den Widerspruch nicht aufklären, ich kann nur berichten, was ich mit der Zeit in Erfahrung gebracht habe.
    Schnabel nahm seine kompositorische Tätigkeit sehr ernst, war aber zu stolz, sich selbst aufzuführen. Umgekehrt favorisierte er in seinen Konzerten auch nicht die Musik des Schönberg-Kreises, weshalb vice versa auch Schnabels Musik nicht von diesem Kreis gefördert wurde.
    Ich kenne lediglich einen anderen Interpreten, der ähnlich konsequent das Propagieren seiner eigenen Musik vermieden hat, das war Igor Markewitsch.


    Ich kenne von Schnabel lediglich seine 3 Symphonien, tüchtig gespielt vom Isländischen Symphonieorchester unter Paul Zukofsky, einem Musiker, der sich für die Außenseiter der Avantgarde einsetzt.


    Wie klingt Schnabels Musik? - Ich kann nur sagen: Starker Toback...! In jeder Hinsicht. Sie gehört zum absolut Unbequemsten, was ich aus dieser Zeit kenne. Der Klang ist scharf dissonant, die Musik ist kontrapunktisch gearbeitet, die Thematik eigentümlich gewunden, eingängige Floskeln werden entweder mit Absicht vermieden oder bleiben einzelnen Momenten vorbehalten. Erste und zweite Symphonie sind dabei mäßig lang, je etwa eine halbe Stunde. Die zweite allerdings dauert ungefähr eine Stunde: Eine Stunde mahlende, tobende, dann diffuse, dann wild zuckende Musik; hier läuft trockener Kontrapunkt in einen Wust von verschlungenen Stimmen, dort treibt die Musik zähflüssig wie richtungslos dahin, ehe wieder plötzlich scharfe Konturen in eine völlig andere Richtung weisen.
    Ich kenne sehr wenig Vergleichbares, sicher nicht bei den Zwölftönern oder im Umfeld der Wiener Schule. Ich war jedenfalls, als ich die Werke gehört hatte, wie erschlagen, verwirrt, wußte nicht, was ich damit anfangen soll, fühle die Verpflichtung, die Stücke genauer kennen zu lernen, verspüre aber wenig Lust, mich diesen Werken nochmals zu unterziehen.
    Aber vielleicht ist dieser Thread jetzt doch sozusagen das Stichwort...

  • Hallo liebe TaminoanerInnen


    Wir besitzen nur eine CD mit Musik von Schnabel.



    Streichquartett Nr. 5 + Klaviertrio (1945);Sieben Klavierstücke (1946 / 47)
    Pellegrini Quartett;Ravinia Trio;Benedikt Koehlen, Klavier


    Schnabel verfolgte mit grossem Intersesse , was an neuer Musik entstand, und war mit Schönbergs Werk vertraut, lange bevor Schönberg Anerkennung fand. 1911 setzte er sich für Schönbergs Übersiedlung nach Berlin ein. Das fand auch Niederschlag in seiner eigenen Musik, die immer zur Avantgarde ihrer Entstehungszeit gehörte. Er selbst betrachtete sein Komponieren als ein Feld völliger Unabhängigkeit. Einerseits kümmerte er sich nicht um Aufführungen seiner Werke, um wohlmeinenden Ermahnungen zu entgehen, publikumswirksamer zu schreiben. Andererseits weigerte er sich, als Pianist durch Gefälligkeitsaufführungen für Komponisten seiner Zeit sich einzusetzen. Schönberg verzieh Schnabel niemals, dass dieser - ausgenommen die glanzvolle Pierrot lunaire Aufführung 1924 in Berlin - keines seiner Werke spielte.
    Schnabel hoffte, sich in seinem 50. Lebensjahr vom KOnzertpodium zurückziehen zu können, um sich ganz der Komposition zu widmen. Die Emigration und die damit verbundenen finanziellen Unwägbarkeiten machten einen solchen Rückzug jedoch unmöglich.
    Die auf dieser CD enthaltenen Werke stammen alle aus der amerikanischen Zeit Schnabels und gehören zu seinen wichtigsten Werke kammermusikalischen Äusserungen.
    Das Pellegrini Quartett spielt sehr farbenreich, akribisch klar und beschwingt.


    Herzliche Grüsse


    romeo&julia

  • Wie gesagt, habe ich noch nie eine Komposition von Schnabel gehört (IIRC sind einige Kammermusikwerke mal bei Arte Nova unter Mitwirkung von Christian Tetzlaff erschienen).
    Allerdings ist er nicht der einzige Musiker seiner Generation (sowie der etwas jüngeren), deren Namen sowohl mit der "2. Wiener Schule" (oder anderen damals avantgardistischen Richtungen) und der "Wiener Klassik" verbunden sind: Hermann Scherchen, Rudolf Kolisch, Klemperer, E. Kleiber, um nur die bekanntesten zu nennen (bei einigen kommen gewisse gemeinsame politische Positionen noch dazu, aber das ist ja ein unpolitisches Forum :D) und etwas später Hans Rosbaud (dieser allerdings leider wohl eher ein Mitläufer während der tausend Jahre) . Selbst Furtwängler hat in den 20er Ur- und Erstaufführungen dirigiert, die stilistisch dem Repertoire, das man mit ihm verbindet (und erst recht seinen eigenen Kompositionen) eher fern standen und sich bekanntlich Hindemiths wegen mit den Nazis angelegt.
    Ich weiß daher nicht, ob man überhaupt von einem Widerspruch reden kann.


    viele Grüße


    JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)


  • Der Vergleich mit Furtwängler hinkt. Denn Furtwängler hat ja nicht im Stil der Neuen Musik komponiert, wie eben Schnabel. Es geht ja um die Unterscheidung zwischen Darstellung und Schaffen und nicht um eine Unterscheidung mehrerer Facetten des darstellenden Künstlers. Insoweit war Schnabel als darstellender Künstler/Interpret/Pianist eben einer derjenigen, die fest im klassischen Repertoire verwurzelt waren. Als Interpret fühlte Schnabel, so vermute ich, daß insoweit bestimmte Maßstäbe für das Verhältnis zum Publikum bestimmend waren, denen der Komponist Schnabel offenbar nicht entsprach. Anders läßt es sich jedenfalls aus meiner Sicht nicht erklären, daß der Interpret Schnabel eigene Werke und im Übrigen auch Werke anderer Vertreter der Stilrichtung Neue Musik eben nicht aufgeführt hat, damit bewußt auf einen Austausch mit dem Publikum verzichtet hat.


    Wenn man dann unterstellt, daß Schnabel kein Einzelfall gewesen ist, kann man sich insoweit, so meine ich, auch die Frage stellen, woraus diese Bedürfnislosigkeit nach Publikum der Komponisten Neuer Musik zur Zeit Schnabels aber auch heutzutage herrührt.

  • Morgen,


    in dem Erinnerungsbuch von Artur Schnabel (Titel: Du wirst nie ein Pianist, Wolke Verlag) ist zu lesen, dass er als Künstlerpersönlichkeiten diese beiden verehrte: Busoni und d'Albert. Die Vereinigung beider sei der perfekte Künstler; von d'Albert die Rohheit, von Busoni die Kultiviertheit. Der doppelte Zug, von Leidenschaft und Formwillen, findet sich eigentlich auch in seinen Interpretationen. Findet sich auch in seinen Komponistenfreunden; er nennt zuerst Schönberg, verweist dann - hervorhebend - auf Ernst Krenek, nennt auch Hindemith. Mit Hindemith war er fast nie einer Meinung, "in Kleinigkeiten" (a.a.O.). Er berichtet, auch schon mal eigene Kompositionen aufgeführt zu haben, mit seiner Gattin als Liedsängerin. Brahms hatte Schnabel mit in die Sonntagswirtschaft genommen, so ward sein Ruf als Brahms-Spezialist begründet (Schmunzeln erlaubt).
    Seine Beethoven-Sonaten aus den Jahren 1929-1936 sind doch in Momenten recht geschlagen, er änderte sehr viel (Der Änderer sei er genannt worden, noch nach Jahren, a.a.O.). Nun, unvergessen ist ein 4. Klavierkonzert von Beethoven, von 1949, EMI, Philharmonia Orchestra, Sir Malcolm Sargent, unvergessen der Poesie wegen.


    Das Erinnerungbuch endet mit einem bewußt gesetzten Anker bei Schopenhauer: Musik ist die Welt noch einmal. Recht hat er.


    Freundliche Grüße!
    Albus

  • Sehr lohnend ist die Sonate für Violine solo von 1919, bei der Tonales und Atonales sich auf interessante Weise ergänzt. Der Stil ist ganz eigen und von der Wiener Schule recht weit entfernt (was wahrscheinlich auch die von Tom behaupteten Widersprüche auflöst). Was Edwin über die Sinfonien sagt, macht mich sehr neugierig, die gibt es aber offenbar nicht auf CD?


    Also nochmals die Empfehlung, Tetzlaff spielt einwandfrei:


  • Hallo Kurzstueckmeister


    Deine Empfehlung mit Tetzlaff werden wir gelegentlich kaufen gehen, da uns die von uns vorgestellte Aufnahme der cpo mit dem Streichquartett Nr. 5 ausgesprochen gut gefällt und uns der Geiger Tetzlaff immer wieder überzeugt, hoffen wir auf eine kleine Entdeckung.


    Herzliche Grüsse


    romeo&julia

  • Hallo Kurzstueckmeister!
    Die CDs mit den Symphonien sind bei einem kleinen US-Label namens Orion erschienen, das schon längere Zeit nicht mehr existiert. Habe eben eine kurze Überprüfung bei den diversen Versandhäusern gemacht, konnte die beiden CDs aber nirgends entdecken - leider. ;(

  • Neben den Beethoven-Sonaten und Klavierkonzerten sind die Schubert-Aufnahmen Schnabels von interpretatorischer Bedeutung.


    Die Beethoven-Sonaten sind (für mich) die Referenzaufnahme dieser Werke.


    Gruß Heldenbariton

  • In ihrer letzten Aufnahme hat auch das LaSalle Quartett das 3. Schnabel-Quartett, neben Gielens “Un vieux souvenir” aufgenommen.



    Zu Aufnahmen seiner Kompositionen siehe etwa hier.


    Ich kenne sonst nur noch seine Sinfonie Nr. 1&3 im Paul Zukofsky-Dirigat bei Musical Obervations von 1996. Das reicht mir :pfeif:


    Wie Edwin Baumgartner trefflich sagt: "Starker Toback...! In jeder Hinsicht."



    Was sagt ihr eigentlich zu den gerasten, flüchtig wirkenden schnellen Sätzen seiner Beethoven-Sonaten-Intrpretationen? Erreicht er womöglich nicht dadurch genau jenen Effekt, den Beethoven vielleicht erzielen wollte?


    (Bei den langsamen Sätzen denke ich fast immer: Schöner kann man das nicht spielen! - Da vergesse ich völlig die Kenntnisse meiner alternativen Einspielungen)


    Sein Schubert konnte mich bislang nicht wirklich berühren - womöglich liegst an den schlechten Transfers...

    Gruß ab


    ---
    Und ich meine, man kann häufig mehr aus den unerwarteten Fragen eines Kindes lernen als aus Gesprächen mit Männern, die drauflosreden nach Begriffen, die sie geborgt haben, und nach den Vorurteilen ihrer Erziehung.
    J. Locke

  • Auch Artur Schnabel, der doch in so vieler Munde ist, hat es nicht mal auf die zweite Seitte hier im Forum geschafft. Heute jedoch hat er Geburtstag, und zu dem Behuf habe ich die aktuelle CD mitgebracht, die in unserem Beethoven-Sonatenprojekt gerade an der Reihe ist:



    Heute ist die 133. Wiederkehr von Artur Schnabels Geburtstag.


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Heute ist sein Todestag, dazu habe ich eine CD ausgewählt, von der ich zuletzt die Sonate Nr. 7 D-dur op. 10 Nr. 3 von ihm besprochen habe mit dem von ihm grandios gespielten Largo als Mittelpunkt einer großen Aufnahme:



    Heute ist sein 64. Todestag.


    Liebe Grüße


    Willi

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).