La Calunnia è un venticello - Stimmen im Spiegel einer Arie

  • Wie die Zeit vergeht - Es kommt mir vor, wie gestern, daß ich diese Threadserie eröffnet habe - und schon sind wieder einige Monate vergangen - und wir sind bei Folge 4 angelangt. Bei solchen Serien ist es wichtig, die Balance zu wahren. Die Threads sollen nicht kurz aufeinander erscheinen, denn sonst nutzt sich das Projekt vorschnell ab, wartet man aber zu lange, dann gerät es in Vergessenheit. Die Regeln sind wie zuletzt: Die Anzahl der Beiträge pro MKitglied sind unbegrenzt, sollten aber jeweils nur EINEN Sänger pro Beitrag vorstellen - vorzugsweise mit kurzem persönlichem Kommentar. Und man sollte nicht zu kurzfristig hintereinander poste, damit die Übersicht ein wenig gewahrt bleibt. Anworten zu einem älteren Beitrag des Threads sollen mit @ gekennzeichnet und die Nummer und den Verfasser des Artikels nennen: zB @ Beitrag 33 "Grauer Wolf".....


    Nach der langen Vorrede zeige ich einen Sänger der Gegenwart, den vermutlich nur wenige im Forum kennen werden:
    Pyotr Migunov (*1974), ausgebildet am Konservatorium St. Petersburg. Die Live-Videoaufnahme stammt vom "Classik Open Air Dresden 2011"



    viel Freude mit diesem Thread....


    und einen schönen 4. Adventsonntag.....


    Alfred


  • Nun ein riesiger Zeitsprung: Fedeor Chaliapin war wohl einer der berühmtesten Sänger der Vergangenheit, welcher diese Rolle verkörperte. Beim Abhören dieser Schellack-aufnahme aus dem Jahre 1926 - es muß eine der ersten sogenannten "elektrischen" Aufnahmen gewesen sein - finden wir zahlreiche Unterschiede zu den uns gewohnten Interpretationen, wie beispielsweise spontane Tempowechsel und parodistische Einlagen des Sängers. Der "Kanaonschuß", der sonst üblicherweise durch das Orchester dargestellt wird - wird hier unterschlagen - entweder als Zugeständnis an die damalige Aufnahmetechnik - oder aber der damaligen Aufführungspraxis geschuldet -ich weiss es nicht. Am Ende der Aufnahme kommt ein winziges Stück Film, vermutlich ein erster Playback Versuch - oder eine kurzes Tonfilm-Experiment (?)


    mit freundlichen Grüßen aus Wien
    Alfred

  • Dann möchte ich nach dieser schönen, historischen Einspielung wieder mit einem moderneren Sänger aufwarten: Samuel Ramey.
    Seine Stimme eignet sich hervorragend für Rossini: einerseits ist sie sonor, metallisch, sehr dunkel grundiert, andererseits von einer erstaunlichen Beweglichkeit, die man angesichts der vorgenannten Charakteristika so nicht erwarten würde. Somit schafft er es, diese Arie äußerst eindrucksvoll vorzutragen:


  • Mein persönlicher Favorit ist Pier Paolo Montarsolo unter Claudio Abbado, hier mit Enzo Dara, dazu Teresa Berganza, Luigi Alva und (natürlich) Hermann Prey hier in Wort und Tat zu hören und zu sehen:


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Kaum eine mit bekannte Arie kann so unterschiedlich interpretiert werden, wie gerade diese. Ich benutze bewusst das Wort "interpretiert" - und nicht "gesungen"


    Die Frage: Wer ist dieser Don Basilio denn eigentlich ? Ist schwer zu beantworten. Ein Musikleher ? Ein Geistlicher ? Ein Zauberer, Scharlatan ? Eigentlich alle in einem. Je nach persönlichem Geschmack sucht sich der jeweilige Sänger die Eigenschaft aus, die er für vorrangig hält. Don Basilio kann Scheinheilig auftreten, dämonisch, derb und bedrohlich, aber auch
    schleimig und katzenartig. Feruccio Furlanetto hat sich in seiner frühen Interpretation in aus dem Jahre 1981 stammenden Glyndebourner Inszenierung für letzteres entschieden und lässt auch erahnen, daß dieser Don Basilio auch einen leichten Dachschaden hat. Ich habe den gleichen Sänger auch in einer Aufnahme nach 2005 gesehen, wo er die Rolle völlig anderes - aber gleich überzeugend anlegt...


    BTW: Auch wenn man die Arie schon in etlichen Versionen gehört/gesehen hat: Diese hier ist ein Gustostück der besonderen Art. Don Basilio ist ein interessanter Charakter: Man weiss nicht welcher Seite man mehr aufmerksamkeit schenlken sollte, der bedrohlichen oder der humoristischen....


    mfg aus Wien
    Alfred

  • Für mich ein weiteres Beispiel, dass ich oft dem Gesang der vielgerühmten Heroen des "Goldenen Zeitalters" nichts abgewinnen kann. Die Aufnahme von Chaliapin gefällt mir überhaupt nicht. Das hört sich für mich völlig ausdruckslos und nicht einmal technisch beeindruckend an. Mit Einschränkungen geht es mir bei Caruso übrigens genauso . An der Aufnahmetechnik allein kann das nicht liegen. Vermutlich haben sich doch die Hörerwartungen seit jener Zeit erheblich geändert.

  • Ja - Natürlich war der Zeitgeschmack ein anderer. Zudem musste man auf die Einschränkungen durch das Medium Schellackplatte Rücksicht nehmen. Die Spieldauer pro Plattenseite war relativ kurz - Der Rauschpegel war hoch, man musste das Pianissimo lauter singen als üblich - und dann gab es noch die Dynamilbeschränkung. Extreme Lautstären waren nicht wirklich möglich, da ansonst einerseits Verzerrungsgefahr bestand, andrerseits die Rillen zu breit ausfielen - was die mögliche Spieldauer weiter herabsetzte
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    Aber nun kommt ein Hochgenuss:



    Robert Lloyd legt die Arie völlig anders an. Was er alleine mit dem Schirm aufführt ist schon beachtenswert. Eigenlich ist die Arie hier eine Kabarettnummer. Hier wirkt Don Basilio nicht schleimig-kriecherisch verschlagen, auch nicht düster bedrohlich, sondern komisch. Ja er will schon bedrohlich wirken mit seiner Gestik - und Dr. Bartolo ist - wie man sehen kann - auch sehr eingeschüchtert. Aber der sollte es eigentlich gar nicht sein. Diese künstliche Dämonie wirkt übertrieben und daher lächerlich - was natürlich Absicht ist. Robert Lloyd liefert hier eine Meisterleistung - auch stimmlich !!!


    mit freundlichen Grüßen aus Wien
    Alfred

  • Auch wenn die Siepi aufnahme technisch grenzwertig ist, so ist sie dennoch unverzichtbar. Ich kannte sie noch nicht,
    Sie ist IMO aus verschiedenen Gründen unverzichtbar. Nicht nur aus stimmlichen Gründen, sondern auch aus genen der Rollenauffassung. Hier haben wir keinen "dämonischen" Don Basilio, sondern einen der richtiges Vergnügen daran hat wie er sein Opfer zerstört - und das auch sehr eindrucksvoll zeigt.
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    Zum nächsten Beitrag Bruno di Pratico ist hier der Darsteller des Dr. Bartolo, Don Basilio ist angeblich Fericcio Furlanetto. Ich finde, er ist kaum zu erkennen. Ich habe schon etliche Clips mit diesem Sänger in dieser Arie gesehen - jedesmal legte er sie anders an - und ist von mal zu mal kaum zu erkennen.


    http://vimeo.com/63560245


    Wie auch immer: Bei dem von mir eingestellten Ausschnitt handelt es sich um eine sehr interessante Deutung.
    Durch ein sparsames, aber nicht entstellendes Bühnenbild und eine entsprechende Lichtregie wird die Handlung auf die beiden Figuren focussiert und wir erleben die Schilderung wie einen hypnotischenTraum oder eine Imagination des Dr. Bartolo. Don Basilio, der Verleumder ist quasi überall (ital. dapertutto*) und zeigt aus allen Ecken auf sein auserkorenes Opfer, welches keine wie immer geartete Chance hat der Verleumdung zu entrinnen...


    *dapertutto, ital. "überall" ist auch ein Synonym für den Teufel.
    Um sicherzugehen und weitere Mehrdeutigkeiten aufzuspüren habe ich das Wort via "Babelfisch" übersetzen lassen. Und zwar mit "automatischer Spracherkennung des Quellwortes". Treffsicher erkannte das Programm als Herkunftsprache "indonesisch" und übersetzte das Wort ebenso zielsicher ins Deutsche: "dapertutto"...... :hahahaha:


    Eine direkte Einbindun des Clips war mir leider nicht möglich, da kein youtube file
    mit freundlichen Grüßen aus Wien
    Alfred

  • Wie könnte es auch anders sein: "Die Verleumdung sie ist ein Lüftchen" (La Calunnia) ist für mich auch eine der Bravourarien von Gottlob Frick. Er singt diese Arie auf deutsch. Dadurch können wir alle Feinheiten verstehen und erleben, die er durch Einsatz seiner ganzen stimmlichen Möglichkeiten, Farben, Variabilität des Vortrags und durch die Wortverständlichkeit gestalterisch erreichen kann. In einem Querschnitt aus dem Jahr 1957 unter Wilhelm Schüchter singt Frick übrigens Bartolo und Basilio in einer Aufnahme. Bei diesem diskussionswürdigen, aber gelungenen Experiment ist beonders das ungemein flink-bewegliche Parlando, zu dem die schwere Stimme fähig ist, äußerst erstaunlich. Insgesamt liefert Frick ein Beispiel, dass die Deutschen mit den Italienern durchaus mithalten können. Leider kann ich mangels technischer Fertigkeiten die Aufnahme(n) nicht einstellen. Vielleicht gibt es wieder ein Heinzelmännchen?


    Herzlichst
    Operus

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • Lieber Hans,


    auf den ersten Blick scheint es so, dass von besagter Arie derzeit kein Video vorliegt, das man einstellen könnte, so dass ich hier behelfsweise die entsprechende CD-Aufnahme einstelle:



    Ansonsten kann man Deiner Einschätzung nur beipflichten, die Geschmeidigkeit und Agilität sind in der Tat verblüffend. Ein sehr schönes Dokument seines großen Könnens und seines großen Humors.

  • Lieber Don,


    danke - exakt getroffen. Genau dies ist der Barbier-Querschnitt um den es geht. Ich will versuchen La Calunnia durch die Gottlob-Frick-Gesellschaft bei You Tube einstellen zu lassen. Vieleicht geht dann von dort eine Übertragung ins Forum.


    Herzlichst
    Operus

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • Und hier Hans Hotter in einer Aufzeichnung der Bayrischen Staatsoper München unter Joseph Keilberth. Ich brauche vermutlich nicht darauf hinzuweisen, daß diese Arie zu meinen Lieblingsstücken zählt. Interessant ist hier - neben den musikalischen Eigenschaften, wie der Charakter des jeweiligen Sängers mit einbezogen wird.
    Hotter betont - vor allem am Anfang das Salbungsvolle des Geistlichen...und er "doziert" vorerst ganz sachlich, erklärt die Funktion der Verleumdung, ohne den Spaß zu zeigen, den Siepis Don Bartolo an der Sache hat,


    mit freundlichen Grüßen aus Wien
    Alfred

  • Ja, das war der damalige sängerische Reichtum an der Bayerischen Staatsoper. Dieser Basilio von Hans Hotter besticht vor allem durch die köstliche Darstellung. Der Bartolo dürfte wahrscheinlich Max Proebstl gewesen sein? Auch ein hervorragender Bassist, der heute besonders im heiteren Fach zur Spitzenklasse zählen dürfte. In dieser Inszenierung wechselten sich Hans Hotter und Gottlob Frick ab und ein Kaliber wie Kurt Böhme wirkte auch noch in dieser Zeit am selben Haus. Selige Ensemblezeiten, wohin seid ihr entschwunden? Wie heißt das gemütvolle Lied. "Wohin ist das alles wohin?"


    Herzlichst
    Operus


    der ganz sentimental wird, wenn er das hört und an seine Operngängerjugend und seine ersten Versuche als Kritiker zurückdenkt. :huh:

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