La Fanciulla del West (Puccini), Hamburgische Staatsoper, Premiere B, 04.02.2015

  • Premiere B steht auf dem Besetzungszettel, es ist aber nur die zweite Vorstellung in derselben Besetzung,
    nur ohne Auftritt des Inszenierungsteams. Man könnte das Stück mit „Minnie aus dem Westen“ übersetzen,
    das erinnert an ein ähnliches, in der Regel nicht in der Oper gespieltes Stück: „Annie get your gun“.
    Manchmal erinnerte Puccinis Musik auch an ein Musical, manches, so der Schluss, gerät an den Rand des
    Kitsches. Worum geht es: Eine Schankwirtin (Minnie) eines kalifornischen Goldgräbercamps verliebt
    sich in einen Räuber (Dick Johnson) und schützt diesen vor dem üblen Sheriff (Jack Rance) und dem
    Strick. Am Ende überzeugt sie die Goldschürfer von ihrer engelsgleichen Liebe zu Johnson, so dass diese
    Minnie und Johnson ziehen lassen. Neben diesen Hautpersonen verzeichnet das Sängerverzeichnis noch
    16 weitere Rollen, die, in dieser Aufführung hochrangig besetzt, aber allenfalls als Stichwortgeber
    dienen. Das Orchester spielte unter der Leitung von Carlo Montanaro, soweit ich es beurteilen kann
    (ich habe die Oper vorher nie gesehen), gut, auch das Bühnenbild (Vincent Lemaire) mit einer Art
    Waschkaue für den ersten Akt, einem schräg gehängten Zimmer und einer angedeuteten freien
    Landschaft war stimmig, die Inszenierung (Vincent Boussard) deutlich am Realismus orientiert.


    Trotzdem war es langweilig, wegen der Komposition (Frage: Gibt es positive Meinungen zu dieser Oper?),
    aber auch wegen der fehlenden Chemie zwischen den Sängern. Ich habe für die Rolle der Minnie keine
    Vergleiche, vermute aber, dass man eine Brünnhildenstimme braucht, um über den Orchesterwogen
    zu liegen. Puccini gönnt seinen Sängern keine Arien, kein zurückgenommenes Orchester. Und die Minnie
    (heute Emily Magee) steht fast die ganze Zeit auf der Bühne. Ich hatte die Sängerin nicht in schlechter
    Erinnerung. Sie sang vor 8 Jahren hier eine gute Kaiserin (Frau ohne Schatten). Heute reichte die an sich
    wohlklingende, schärfenfreie Stimme nicht aus. Vieles ging in den Orchesterwogen unter, manchmal
    drang der Klang durch (vielleicht ging Frau Magee auch nur sparsam mit ihren Mitteln um). Es ist aber
    schon seltsam, wenn die Sopranistin im Forte neben dem Tenor (Johnson: Carlo Ventre) nicht besteht.
    Andrzej Dobber
    (Jack Rance) blieb mit seiner großen Baritonstimme immer gut hörbar, war aber letzten
    Endes auch nichts anderes als ein Westentaschen-Scarpia. Ob Puccinis Komposition stimmliche Dynamik
    zulässt, weiß ich nicht, wenn Piano gesungen worden sein sollte, habe ich es nicht gehört. Letztlich blieb
    die gesamte sängerische Leistung aller drei Protagonisten undifferenziert. Wenn Minnie und Johnson von
    der Liebe sangen, spürte, hörte man es nicht heraus, nur der Blick zur Obertitelanlage verriet, worum es
    gerade ging. Zusammenfassen hat es wohl schon seinen Grund, warum dieses Stück so selten aufgeführt
    wird. Der Schlussbeifall war herzlich, aber nicht lang.

  • Die FANCIULLA ist neben dem TABARRO das mir liebste und wichtigste Stück von Puccini. Nirgends war er realistischer und aus meiner Sicht auch moderner. Stärken und Besonderheiten der Oper hat Ralf Reck mehr unfreiwillig bereits heraus gestellt. Das fand ich interessant an seinem Bericht. Die Oper wird nach meiner Beobachtung deshalb seltener als TOSCA, BUTTERFLY oder BOHÈME gegeben, weil sie so schwierig und nicht leicht zu besetzen ist. Dazu gehört auch ein Dirigent, der ein Händchen dafür ist. Offenbar hatte es Carlo Montanaro in Hamburg nicht. Und noch etwas, das Werk ist auf eine gewisse Weise herb und störrisch und entzieht sich damit auch heutigen Regisseuren. Denn die Oper ist kein Wildwest-Film vom Fuße der Blauen Berge.