Professoren

  • Sagitt meint:


    Immer öfters endet meine Recherche nach einem Sänger in einer Hochschule. Von Blochwitz weiss ich dies schon lange, dass er eine Professur in der Schweiz hat und dort eigentlich der mit dem größten Renommée ist, bei dem Tenor Protschka stelle ich fest, dass dieser die Musikhochschule in Köln leitet, bei Uwe Heilmann stelle ich heute fest, dass er in Japan eine Gesangsprofessur hat. Drei lyrische Tenöre der Extraklasse, die nicht im Sängerberuf alt werden, sondern den Weg in die Hochschule gegangen sind.
    Ein weiterer fiel mir auf Klaus Häger, einst ARD-Preisträger, Bariton in Hamburg und Berlin,jetzt Professor in Rostock.
    Immerhin ist es ein Rückzug aus dem Rampenlicht und mindestens bei den Tenören ist bemerkenswert, wie relativ kurz ihre Karriere war. Der Übergang in die Professur ist bei allen dreien damit verbunden, dass sie auf CD nicht mehr präsent sind. Alle drei haben mit Spitzendirigenten gearbeitet und Aufnahmen gemacht.
    Auch Klaus Häger ist gerade 40.


    Ob wir rätseln dürfen oder aufklären können, was das passiert ?

  • Hallo,


    Gesangsprofessuren sind manchmal Rettungsanker für Sänger, deren Karrieren auf dem Podium bzw. auf der Opernbühne vorzeitig zuende gegangen sind. Bei Heilmann und Blochwitz kenne ich die Gründe für den Rückzug nicht, bei Protschka war es eindeutig die stimmliche Überforderung, die seiner Karriere ein relativ frühes Ende beschert hat (seine "Endzeit" habe ich Anfang/Mitte der 90er in Hamburg noch mitbekommen). Wie viele lyrische Tenöre konnte er offenbar der Versuchung nicht widerstehen, zu schwere und damit für seine Stimme ungeeignete Partien zu singen (etwa den "Fidelio"). Ein aktueller Fall im Baritonbereich ist Andreas Schmidt, der mit einem völligen stimmlichen Versagen dieses Jahr in Bayreuth wahrscheinlich vor dem Ende seiner Karriere steht - und das mit Ende 40! Hoffentlich findet er an einer Hochschule eine Professur (ob ich sich so jemand allerdings als Gesangslehrer und Stimmbildner eignet, steht auf einem anderen Blatt). Daß es auch anders geht, bewiesen und beweisen z.B. Thomas Quasthoff oder Kurt Moll, die neben ihrer Weltkarriere noch Zeit finden, ihr Wisssen weiterzugeben.


    Grüße


    GiselherHH

    "Mache es besser! (...) soll ein bloßes Stichblatt sein, die Stöße des Kunstrichters abglitschen zu lassen."


    (Gotthold Ephraim Lessing: Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt)

  • Salut,


    ich kann da ein paar vage Ausführungen geben:


    Man muss in Germanien zunächst zwischen dem "Titel" und dem "Amt" des Professors unterscheiden. Wer das Amt eines Professors erhält, eine Professur demnach, ist nicht zwangsläufig "Professor Dr. Dr. mus. blabla", sondern braucht im Prinzip nicht einmal studiert zu haben [soetwas wird man allerdings wohl eher nicht finden :D]. Der Prof.-Titel geht nach Beendigung des Amtes dann flöten, aber auch hier war man erfinderisch: Prof. a.D. [adé wäre besser gewesen].


    Bei den Brüdern in Austria ist das lt. Alfred wohl anders...


    Meines Wissens werden Professuren in aller Regel "angetragen", d. h. ein Künstler des Begehrens der HS wird gefragt, ob er die Stelle anzunehmen geneigt ist. Gründe für die Annahme gibt es denkbar viele, z.B. die nette BAT-Kohle [bar-auf-Tatze], mehr oder weniger geregelte Arbeits- und jede Menge Freizeiten. Etwas weniger Stress vielleicht, wenn man's nicht ernst nimmt.


    Aber es täuscht, dass alle Professoren an Hochschulen sich vom Konzertleben vollständig zurückziehen: Prof. Ulf Hoelscher [Violine] z.B. konzertiert noch regelmässig und macht auch verschiedene TV- und CD-Aufnahmen.


    Der "neuste" Prof. an der MuHo in Carlsruhe z.B. ist Prof. Albrecht Breuninger, ebenfalls Fiedel, soweit ich weiß noch keine 40 [allerdings auf dem besten Wege...].


    Dann kenne ich auch einige Spezis, denen solche Stellen angetragen wurden, die aber abgelehnt haben; die Kohle war hier offensichtlich nicht wichtig - da gab es andere Diskrepanzen.



    Sodele, jetzt krieg ich wieder Ärger...


    :hello:


    Ulli

  • Hallo,


    ich sehe es so, dass die Hochschulen einfach gerne Leute mit bekannten Namen holen, weil sich das auf das Renomeè sehr gut macht. Ob dann die berühmten Leute (In Würzburg beispielsweise Cheryl Studer und Bernd Glemser) diesen Professorenjob ernst nehmen bzw. als Pädagogen wirklich tauglich sind, diese Frage gerät teilweise ein bisschen in den Hintergrund.
    Ich will jetzt niemandem die Lehrbefähigung oder den Willen dazu absprechen, war mehr eine allgemeine Aussage (Nicht gegen Glemser, Studer, Wottrich etc. gerichtet)


    Gruß, flo

  • Zitat

    Original von Ulli
    Bei den Brüdern in Austria ist das lt. Alfred wohl anders.


    Hallo,


    da fällt mir in diesem Zusammenhang eine schöne Anekdote mir Karl Böhm ein, seines Zeichens ja bekanntlich Dr.iur. (Graz).


    Als er von einem Sänger während einer Bühnenprobe einmal "Herr Professor" genannt wird, fährt ihn der alte Grantler an: "Nennen Sie mich Doktor! Professor ist hier jeder Oarsch!" :D


    Grüße


    GiselherHH


    P.S.: Frau Studer wurde die Professur in Würzburg laut ihrer Webpage Ende 2003 verliehen. Da war ihre Karriere schon längst auf dem absteigenden Ast. Unter den Juristen nennt man so etwas "synallagmatisches Austauschverhältnis" oder im Lateinischen noch kürzer: "Do, ut des"...

    "Mache es besser! (...) soll ein bloßes Stichblatt sein, die Stöße des Kunstrichters abglitschen zu lassen."


    (Gotthold Ephraim Lessing: Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt)

  • Prominente Sänger werden sehr gerne zum Stimmbildner an den Musikhochschulen, ob sie alle gute Lehrer werden darf bezweifelt werden. Der Zulauf von Gesangsstudenten zu bekannten Namen wie z.B. auch Siegfried Jeusalem (HfM Nürnberg - Augsburg) ist groß, nur die Schüler bleiben an den Bühnen oft in den Anfängen stecken!
    Die Damen und Herren Kammersänger auch wenn sie Professoren werden niht automatisch zu guten Lehrern.

  • Hallo zusammen,


    ich darf die Professorenriege um einen Weltklassetenor erweitern:
    Herr Francisco Araiza hat seit geraumer Zeit einen Lehrstuhl für Gesang an der Staatl.Musikhochschule Stuttgart.Er erfreut sich dort außerordentlicher Beliebtheit und er lehrt zusätzlich zu seinem gut gefüllten Terminkalender.


    Uwe Heilmann war ja auch in Stuttgart engagiert und hat hier auf der Bühne seine japanische Lebenspartnerin gefunden,mit der er noch einige Zeit gemeinsam auftrat und dann den Ortswechsel nach Japan vollzog.Schade,daß wir ihn nicht mehr hören können.Als Lyr.Tenor hat er vor allem mit Mozart-Partien auf sich aufmerksam gemacht.Zuletzt wurde ihm der Freischütz-Max angeboten,den er als Grenzerfahrung in seiner noch jungen Karriere hier erfahren hat.

  • Sagitt meint:
    Ja, in der Inscenierung von Loriot. Heilmann tappst ein wenig durch die Kulisse.
    Vom stimmfach ist der Max für einen lyrischen alsolut grenzwertig. Meist ist den wirklich lyrischen Tenören der Ausflug in solche Gefilde nicht sonderlich bekommen. Ein Beispiel ist Josef Protschka, ein wunderbar lyrischer Tenor, der dann den Florestan sang und jetzt auch die Professorenriege bereichert, m.W. sogar als Rektor.

  • Hallo!


    Hier in Österreich ist es so, das man unterscheiden muss:


    1) Professor als Amtstitel eines Gymnasiallehrers
    2) Professor als verliehener Titel des Bundespräsidenten
    3) Ordentlicher Universitätsprofessor (O. Univ.-Prof.)
    4) Außerordentlicher Universitätsprofessor (Ao. Univ.-Prof.)


    ad 1)
    Ist ein Lehrer (Vertragsbediensteter) einmal an einem Gymnasium respektive gleichwertiger Schule pragmatisiert (also Beamter) so kann er sich Professor nennen.


    ad 2)
    Der Bundespräsident verleiht diesen Titel bekannten Persönlichkeiten, die irgendwas geschafft haben. zB. sind Udo Jürgens, Fritz Muliar u.a. Personen, die sich Professor nennen dürfen, weil es der BP verliehen hat


    ad 3)
    Da in Österreich der Univ.-Doz. (Dozent) abgeschafft wurde (= der nächste Sprung auf der wissenschaftlichen Karriere nach dem Doktor, gleichbedeutend mit der Lehrbefugnis an Hochschulen) ist der nächste Schritt nach dem Doktorat die Habilitation zum Außerordentlichen Universitäts-Professor. Dies geht aber mit einer Anstellung bzw. einem Ruf an eine Universität einher - d.h. man kann nur dann Univ.-Prof. sein, wenn man auch eine Anstellung auf einer Uni inne hat.


    ad 4) Der Unterschied vom ordentlichen zum außerordentlichen Professor ist jener, dass ein ordentlicher Professor einen Lehrstuhl inne hat - d.h. sie oder er leitet für gewöhnlich ein Institut einer Universität oder einen Teil davon respektive etwas Gleichwertiges (oder Höherwertiges)


    Professoren, die in Ruhestand getreten sind oder nicht mehr unterichten, von der Uni geschieden sind etc. werden emeretierte Univ-Profs genannt.


    Aber: Habilitiert zB. jemand in Wissenschaftswissenschaften und ist anschließend an einem Institut für Informatik lehrend tätig, so kann er sich _nicht_ Univ-Prof betiteln, weil die Habilitation in Bezug mit der lehrenden Stelle sein muss. (wie eng das aber gezogen wird entzieht sich meiner Kenntnis)


    Kunstunis haben dann noch die Möglichkeit überhaupt Lehrbeauftragte ohne universitärer Laufbahn zu bestellen und das ganze System etwas anders zu führen. Wie dann dort die "Habilitation" aussieht oder ob es dort eine überhaupt gibt, entzieht sich meiner Kenntnis - irgend einen Nachweis wird es sicher über das Können geben.


    Grüße
    Andi

  • Hallo,


    dazu könnte man noch ergänzen, dass 1) offiziell seit einigen Jahren nicht mehr gültig ist, da sich die Herren der Fraktion 3) erfolgreich dagegen gewehrt haben, mit 1) die gleiche Bezeichnung zu teilen. Offiziell müsste ein Gymnasiallehrer als Magister angesprochen werden.

  • Liebe Österreicher,


    für einen "Piefke" wie mich ist es immer wieder erheiternd und faszinierend zugleich, welch große Bedeutung akademische Grade und sonstige Titel in Eurem öffentlichen Leben spielen. Mittels 3sat kommt man ja auch bei uns in den Genuß Eurer Nachrichtensendung "ZIB", in der es vor "Dipl.-Kfm." und "Mag." (von Doctores jedweder Provenienz mal ganz zu schweigen) wimmelt. Mein Lieblingswort aus dem politischen Bereich ist übrigens "Clubobmann".


    Ganz kurios wird es dann ja bei den verschiedene Varianten des geheimnisumwitterten Titels "Hofrat", der ja selbst in Eurem mittlerweile ziemlich republikanisch gesinnten Land viele Visitenkarten ziert. Aber warum dürfen dann die armen Damen und Herren des gewesenen Adels ihr Adelsprädikat nicht wenigstens als Namensbestandteil tragen? Wie gesagt: faszinierend...


    Grüße


    GiselherHH

    "Mache es besser! (...) soll ein bloßes Stichblatt sein, die Stöße des Kunstrichters abglitschen zu lassen."


    (Gotthold Ephraim Lessing: Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt)

  • Hallo Giselher,


    ich kann mir gut vorstellen, dass dies auf Ausländer noch komischer wirkt, als auf uns selbst. Es ist ein Relikt aus alten Zeiten, dass wir einfach nicht loswerden, kein Mensch weiß warum...

  • Das entspricht etwa dem deutschen System (nur das Gymnasiallehrer schon seit ca. 80-100 Jahren nicht mehr Professoren heißen; sie sind i.d.R. (Ober-)Studienräte)
    Wer habilitiert ist, ist, sofern er seine Lehrverpflichtung wahrnimmt Privatdozent, mit einer befristeten Stelle an der Uni "Hochschuldozent" (Oberassistent giibts glaube ich nicht mehr); wer nicht mehr lehrt, aber anzeigen will, dass er sich mal hablitiert hat, kann sich z.B. "Dr. phil habil." schimpfen.
    "Richtige" Univ--Professoren gibt es zwei Sorten (nach Besoldung früher "C3" bzw "C4", C4 entspricht etwa dem alten Ordinarius, C3 dem außerordentlichen Professor, ab demnächst heißt es "W2" und "W3"). Dann gibt es noch Honorarprofessoren und "apl. Prof." (letzteres ein reiner Titel für altgediente Privatdozenten, keine Vergütung) Kann sein, dass diese beiden Titel auch ehrenhalber vergeben werden können.


    Ein Professor für Violine muß natürlich nicht promoviert oder habilitiert sein (und ist es meist auch nicht); es geht ja nicht um wissenschaftliche Forschung, sondern um künstlerische Fähigkeit. Ähnlich dürftes es an Kunstakademien aussehen; wie genau das System dort funktioniert, weiß ich allerdings nicht.


    viele Grüße


    Mag. JR

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Zitat

    Aber warum dürfen dann die armen Damen und Herren des gewesenen Adels ihr Adelsprädikat nicht wenigstens als Namensbestandteil tragen?


    Welch unösterreichsche Frage :D
    Keine Ahnnung ;)


    Selbstverständlich wird da, wo der Adel verkehrt, beispielsweise in den Wiener Citygeschäften die "Frau Baronin" auch als solche tituliert - das velangt schon der Anstand.


    Ich selbst habe Rechnunge verfasst, die an Prinzessin XY.. gerichtet waren.


    Kammersänger Eberhard Wächter, gestand in einem Interview, daß er in seinem Heimatort des öfteren mit " Herr Baron" tituliert werde - und er sich drüber freue.


    Als Exkaiserein Zita, wenige Jahre vor ihrem Tod (sie wurde über 90 Jahre alt) Einreiseerlaubnis nach Österreich erhielt*, da fand ihr zu Ehren eine Messe im Wiener Stephansdom statt, wo Sie der Kardinal von Wien mir "Eure Majestät" anredete. Als die sden Dom verließ, spendeten die
    Menschen begeisterten Applaus.


    Ihr Begräbnis einige Jahre später entprach kaiserlichem Hofzerimoniell,
    selbst der käiserlich.königliche Hofleichenwagen wurde aus dem Museum geholt und vier Rappen vorgespannt.Begraben wurde- hochoffiziell (im Fernsehen übertragen) Zita, Kaiserin von Österreich, Königin von Ungarn (die restlichen Titel habe ich vergessen.....


    Ich bin übrigens bislang noch mit keinem dünkelhaften Adeligen in Kontakt gekommen, alle waren sehr liebenswürdig und angenehm


    Wien bleibt Wien


    LG


    Alfred



    * das war 1982, die österreichische Bundesregierung verzichtete damals auf die ansonsten obligate Verzichtserklärung - Zita hat als NICHT auf den Thron verzichtet, wie beispielsweise ander Mitglieder der Familie Habsburg.

  • Hallo Theophilus,


    ich finde diese kleine Eigenheit eigentlich auf eine sehr hübsche Weise altmodisch. Es hat so etwas Mürbes, gut Abgehangenes, lange Gereiftes - wie ein guter Schinken oder eine von Kellerschimmel überzogene alte Flasche Tokaijer. Diese Titel bewahren etwas von jenem Aroma, das die Romane von Joseph Roth, Heimito von Doderer oder Fritz von Herzmanovsky-Orlando durchzieht. Unbedingt beibehalten!


    Grüße nach "Kakanien"/"Tarockanien" sendet


    GiselherHH

    "Mache es besser! (...) soll ein bloßes Stichblatt sein, die Stöße des Kunstrichters abglitschen zu lassen."


    (Gotthold Ephraim Lessing: Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt)

  • Hallo Giselher


    Zitat

    ich finde diese kleine Eigenheit eigentlich auf eine sehr hübsche Weise altmodisch.


    Das dürfte auch der beste Grund dafür sein, dass sich diese "kleine Eigenheit" so beharrlich am Leben erhält.



    Grüße aus Kakanien

  • Zitat

    Original von GiselherHH
    Unbedingt beibehalten!


    Es gibt wissenschaftliche Arbeiten darüber, die diese Eigenheit der Österreicher im Zusammenhang mit dem Tourismus in Österreich setzen.


    Das Resultat:


    Gäbe es dieses K. u. K. nicht in Wien, wäre das ein touristisches Desaster. Deshalb muss man schon des wirtschaftlichen Einkommens wegen (man denke an die Arbeitsplätze) an diesem Zeremoniell, Titeln usw. beibehalten.... :D


    In diesem Sinne: Es hat uns sehr gefreut... ;)
    Andi