Vissarion Shebalin / Wissarion Schebalin

  • Da es mir inzwischen gelungen ist, eine der drei CDs mit den Streichquartetten von Vissarion Shebalin zu beschaffen, möchte ich hier einen neuen Thread zu diesem Komponisten starten. Eine Biographie zu verfassen ist - wie ich gerade feststellen durfte - gar nicht nötig, denn Ex-Tamino Holger Sambale hat das schon in idealer Manier getan. Ich erlaube mir, seinen Beitrag hierher zu holen. Schade übrigens, dass er nicht mehr hier schreibt, wir haben ziemlich viel gemeinsame Interessen.



    Ja, eine CD aus der erwähnten schon Seit langem vergriffenen GA des Krasni Quartetts nenne ich jetzt mein, die 3. Folge mit den Quartetten 6-8. Die 1. Folge habe ich gerade in USA bestellt, bei einem Einkaufspreis von € 0,49 sind die hohen Portokosten tragbar.


    Die Quartette 6 und 7 bestätigen vieles, was Holger schreibt. Es sind klassisch viersätzige Werke, von 20-25 min Länge. SQ 6 entstand im Kriegsjahr 1943, SQ 7 im Katastrophenjahr 1948, aber der Gestus beider Werke ist eher optimistisch und fröhlich. Von der Verzweiflung eines Schostakowitsch ist hier nichts zu spüren. Nun könnte man diese Werke als irrelevant zur Seite legen, wenn sie denn nicht so wunderbare Musik enthielten. Auf die würde ich Zukunft ungern verzichten und ich könnte mir vorstellen, dass - richtig vermarktet - mit diesen Werken auch Geld verdient werden könnte. Die Aufnahmen klingen hervorragend und das Spiel des jungen Krasni Quartetts aus St. Petersburg ist bezwingend, wo sind diese Musiker abgeblieben? Also eine dicke Empfehlung, falls auch diese CDs mal über den Weg laufen, das ist russische Kammermusik vom Feinsten.


    TAMRUSINFO

  • Die 3. Symphonie von Vissarion Shebalin entstand in den Jahren 1934/35. Sie ist vom klassischen viersätzigen Typ und dauert etwas über eine halbe Stunde. Shebalin war kein Neuerer und somit liegt dies Werk in der Tradition von Rimsky-Korsakoff, Glasunow und Miaskovsky unter Einbringung von Schärfen und Modernismen a la Prokofieff und Schostakowitsch. Als geborener Melodiker steht er dem leichteren Prokofieff vielleicht am Nähesten. Je mehr ich von wenig bis gar nicht bekannte Komponisten aus dem Sowjetriesenreich höre, umso mehr bestätigt sich meine Vermutung, dass hier der größte noch zu hebende Musikschatz lagert.



    Das USSR RSO wird in meiner Einspielung kompetent vom jungen Valery Gergiev geleitet. Schade nur, dass er statt uns mit einer schönen aktuellen GA der 5 Shebalin Symphonien zu begeistern, es vorzieht uns mit weitgehend überflüssigen Mahleraufnahmen zu behelligen.

  • Ich weiß, daß ich mit einem Beitrag, der allenfalls ein Coverbild zeigt, und wo ich die Aufnahme lediglich durch Abhören der kurzen jpc-Soundsamples "kenne" - nicht gerade das Gelbe vom Ei biete, aber es ist nun mal so, daß es wirklich kaum Aufnahmen gibt, daher ist jene - hier gezeigte - bei TOCCATA erschienene Einspielung mit Orchestermusik für den einen oder anderen interessant. Das VOL 1 auf der Plattenhülle gibt der Hoffnung Nahrung, daß weitere Folgen geplant sind. Zur Musik, soweit man nach wenigen Minuten hineinhören etwas verbindliches sagen kann, ist mir aufgefallen, daß es sehr eingängige, schmissisge Stellen gibt, die es einmal mehr unverständlich scheinen lassen, daß sich keine Plattenproduzenten dafür interessierten. Die Aufnahme ist soeben auf meine Bestelliste für Juli gewandert, sie passt gut in meinen Themenschwerpunkt "Russische Sinfonien und Konzerte"

    mfg aus Wien
    Alfred

  • Beim Erstellen neuer Thread-Directory Einträge bin ich wieder auf diesen Thread gestossen. Wollte ich nicht die abgebildete CD erwerben und darüber berichten ? -Warum habe ich die CD nicht wie verprochen bestellt ?
    Ahh - habe ich doch - da liegt sie seit Monaten unberührt und originalverpackt. Machen wir uns also an die Arbeit und hören wir uns die beiden Orchestersuiten an.
    Beide haben ein Programm, welches im (englischsprachigen) Booklet der CD jeweils genau erklärt wird.


    Die Suite Nr 1 op 18 wurde am 12, Mai 1934 in Moskau uraufgeführt. Der Protagonist der zugrundeliegenden Geschichte, ein arbeitsloser Ingenieur namens Nunbach, der gezwungen ist sein Geld durch Verkauf von pornographischen Ansichtskarten zu bestreiten beendet sein Leben nach zahlreichen Enttäuschungen und Misserfolgen. Die Geschichte scheint mir ziemlich wirr zu sein, somit verzichte ich auf eine Beschreibung.
    Auf jeden Fall ist die erste von 6 Musiknummern, der bombastische Trauermarsch dem Andenken der (fiktiven) Person Nunbach gewidmet. Die restlichen 5 Nummern sind äusserst originell instrumentiert und mehrheitlich klangschön, mit exotischen und Jazz-Elementen versehen. Eigentlich habe ich mir vorgenommen keine Vergleiche zu ziehen, aber einerseits kommen mir klanglicheElemente von Rimsky-Korsakoff und Gershwin in den Sinn- In Wahrheit ist die Tonsprache aber IMO unvergleichlich.


    Die Suite Nr 2 op 22 bestand ursprünglich aus drei Teilen. Sie verwendete Teile von Shebalins Schauspielmusik zu "Die Kameliendame" von Alexandre Dumas. (1935) Der Komponist überarbeitete 1962 das Werk und fügte weitere Stücke hinzu.
    Wie bereits bei der ersten Suite setzt Shebalin auf den Mix von tänzerischen Elementen, rhythmisch vorantreibenden Themen (Nr 2 Tarantella). Wie eine Oase der Ruhe wirkt der folgende Satz (Nr 3 Langsamer Walzer), verhalten und leise, ein Moment der Besinnung. Der Folgende Satz (Nr Bolero) holt uns wieder ins reale Leben zurück, voll Schwung Rhythmus und Tempo. Und wieder als Kontrast der folgende Abschnitt (Nr 5 Romantischer Walzer) der aber schnell durch den folgenden Satz (Nr 6 Potpourri) ersetzt wird. Hier scheinen keine Regeln zu gelten. Ziemlich plakativ werden Schlagistrumente eingesetzt. Wie schon der Name der folgenden Nummer andeutet (Nr 7 Romanze ohne Worte) folgt erneut ein eher stiller Abschnitt. Das Finale (Nr 7 Galopp) beginnt mit einem parodierten Hornsignal. Danach gehts erst richtig los - im extremen Tempo jagt nun ein Thema das andere, während der Komponist sich mit Pauken und Trompeten austobt......


    mfg aus Wien
    Alfred

  • Ich habe mich heute einmal etwas intensiver der Musik von Vissarion Shebalin speziell seinen Symphonien gewidmet.
    Begonnen habe ich mit der 3. Symphonie, diesmal in der Aufnahme von Gennadi Roshdestvensky. Da mich die Symphonie wieder sehr stark angesprochen hat, habe ich dann via youtube die Symphonien 2 und 4 nachgeschoben, die es wohl nicht auf Tonträgern gibt. Die zweite kürzere ist lyrisch geprägt und erinnert stark an die Musik des Lehrers Miaskovsky. Die vierte ist wesentlich extrovertierter, teils sogar etwas lärmig, aber sehr effektvoll und dürfte Liebhaber entsprechender Filmmusiken (Star Wars) voll ansprechen, zumal sie auch klanglich sehr gut ist.


    Ich hoffe sehr, dass dem im Vorbeitrag gezeigten Volume 1 noch einige weitere u.a. mit allen fünf Symphonien folgen werden, es wird höchste Zeit.




  • Hallo Lutgra,


    ich habe Deinen Beitrag zu Shebalin erst heute gesehen. Ja, die Roshdestwensky-10-CD-Box (Brillant) (Abb bei Lutgra) ist ohnehin der Hammer, was er darin neben bekannter Werke in ausgezeichneten Int, dann auch an unbekannter Sinfonik an neuem Material offenbart.
    Dazu gehört in dieser Brillant-Box natürlich die Shebalin-Sinfonie Nr.3. Als ich das Werke vor Jahren erstmals mit Begeisterung hörte, hatte ich sogleich nachgesehen, was von Shebalin noch an CD´s angeboten wird ... wieder ein trauriges Bild (genau wie bei Eshpai) ... es gibt sehr wenig weiteres. Diese Musik ist so interessant und kurzweilig, dass man mehr von diesem Komponisten hören möchte ...
    Die Sinfonien Nr. 2 und 4 muss ich mir auch noch von YT laden.


    Die beiden Suiten Nr.1 und 2 könnten auch nach Deinen Worten für mich interessante Musik sein, auch wenn diese laut Kritik Ähnlichkeiten mit den Jazz-Suiten von Schostakowitsch haben sollen (die Jazz-Suiten hauen mich insgesamt nicht so um !) Wenn ich für den Preis eine CD bestelle, habe ich auch Erwartungen, die ich erfüllt haben möchte ...

    Zitat

    Both suites are pure light music, in the vein of Shostakovich’s “Jazz” suites or suites of theatre and film music, but certainly less memorable.




    Zu diesen unbekannten sträflich vernachlässigten russischen Komponisten gehört auch Boris Parsadanian (1925-1997).
    In der eben so wichtigen (wie Roshdestwensky) Swetlanow-10CD-Box (Brillant) befindet sich die Boris Parsadanian - Sinfonie Nr.2 op.6 "Martyros Saryan" (1961).
    Leider für dieses "Hammerstück" das gleiche Bild ... es gibt hier gar nichts Weiteres an CD´s.


    Swetlanow hat in der Box noch weitere unbekannte Werke von Boiko-Sinfonien Nr. 2&3, Pakhmutova - Concerto für Orchester, Muralev - Azov Moutain ... sowie zwei eigene Were = die Sinfonie Nr.1,Bilder aus Spanien, Siberische fantasie, Symphonic Preludes, Festive Poem, Daugava - Sinf.Dichtung, die Werke haben es alle in sich :thumbup:



    Brillant, ADD




    Die 3 Box ist dann die Mrawinsky-10CD-Box (Brillant), in der Mrawinsky von Vadim Salmanow - Sinfonie Nr. 2 g-dur (1959) mit der Leningragder PH zu Gehör bringt. Ebenfalls eine 4sätzige Sinfonie mit russischen Flair, zupackend, kurzweilig, keine Langeweile.
    Auch hier das gleiche Bild - es werden auf dem Markt kaum andere Werke auf CD angeboten ... schade !



    Brillant, ADD



    :!: Diese 10CD-Boxen von Roshdestwensky - Swetlanow - Mrawinsky waren alle drei mal für je 10-20€ greifbar .. heute nachdem man weis, welche wichtigen Inhalte darin schlummern, haben diese inzwischen Mondpreise !