Dirigenten-Ikonen unserer Zeit - eine Bestandsaufnahme

  • Immer wenn ein großer Dirigent den (meist nur mehr virtuellen) Dirigentenstab für immer aus der Hand legt, wird offiziell oder inoffiziell davon gesprochen, daß nun der letzte große Dirigent und für immer verlassen hat, was bleibe sei eine Schar eifriger Arbeiter, denen aber das unverwechselbare Profil der Dirigenten der alten Garde fehle. Ein Böhm, Karajan, Bernstein, Klemperer, Jochum, Celibidache sei eben nicht mehr nachgeboren worden, jene eigenwilligen Persönlichkeiten mit scharfem Profil und drhr individuellem Verständnis von Musik. Ich habe mich oft gefragt, ob diese Sichtweise vielleicht eine generationsabhängige sei, und ob kommende Generationen nicht vielleicht doch "anbetungswürdige Gallionsfiguren" der Dirigentenszene im Schatzkästchen haben.
    Ehrlich gesagt, es gibt eine ganze Menge an Dirigenten, die ich gerne höre, allerdings sind das vorzugsweise Vertreter des Nischenrepertoires. Einen Mozart-Papst oder Einen Bruckner-Priester aber auch keine Schostakowitsch-Autorität a la Mrawinski sehe ich in der heutigen Klassikszene.
    Machen wir ein Spiel: Jeder Mitspieler darf bis zu 6 allgemein bekannte lebende Spitzendirigenten nominieren, von denen er an Neuaufnahmen von einem oder mehrerer Mainstream-Werke interessiert wäre - quasi als gleichwertige Gegenpol zu den "großen Alten" der Vergangenheit.
    Ein weiterer Dirigententhread - mit anderem Schwerpunkt - ist in Planung .......


    mfg aus Wien
    Alfred

  • ... daß nun der letzte große Dirigent und für immer verlassen hat ...


    Solche Sätze, die ich auch gelesen habe, halte ich für eine Erfindung in den Feuilletons. Überbietungswettbewerbe scheinen mir in unserer Zeit sehr verbreitet zu sein. Bei meiner morgendlichen Presseschau las ich heute folgendes:


    "Mit Nikolaus Harnoncourt starb einer der bedeutendsten Musiker der letzten fünfzig Jahre", ist heute in der einen oder anderen Zeitung zu lesen - dazu (sinngemäß) "Sprachpapst" Wolf Schneider: Und welcher bedeutende Musiker ist da jetzt mit ihm gestorben?


    Natürlich können wir jetzt Listen aufstellen und die verbliebenen sechs bedeutendsten Dirigenten nominieren oder solche, die wir dafür halten. Solche Rankings sind bei TAMINO immer sehr beliebt, was ich nachvollziehen kann. Ich habe aber nie so richtig verstanden, was sie ausdrücken sollen und können?

  • Zitat

    Ich habe aber nie so richtig verstanden, was sie ausdrücken sollen und können?


    Wie so oft liegt alles im Auge des Betrachters.
    Die Wahrnehmung ist aber oft unterschiedlich. Die Zeit ist oft von den Persönlichkeiten geprägt über die sie verfügt.
    Als Furtwängler starb war eine Ära zu Ende. Es folgte die Ära Karajan. Nicht etwa, weil er der Nachfolger Furtwänglers bei den Berliner Philharmonikern wurde, sondern ganz einfach deshalb, weil er die vermutlich charismatischeste Dirigentenpersönlichkeit im deutschen Sprachraum war. Karajan war eine Ikone der Klassikwelt - völlig losgelöst von seinem Label, etwas, das ich über Georg Solti nicht so sagen würde. Karajans Kollegen auf gleicher Ebene, wenngleich vielleicht nicht so medienpräsent, waren Karl Böhm (vor allem in Österreich, Deutschland und Japan), Leonard Bernstein, Otto Klemperer und Jewgeni Mrawinski - letzterer wurde ja sogar als der "russische Karajan" bezeichnet.
    Ich würde sagen, daß heutzutage die Dirigenten "weniger Profil" haben - was aber durchaus eine Frage der subjeltiven Wahrnehmung sein kann.
    Nun zur Frage, was solche Rankings bewirken sollen ?
    Sie bringen die Mitspieler dazu, sich die derzeitige Szene (im speziellen Falle: zeitgenössische Dirigenten mit Charisma, oder auch Spezialisten oder auch Sektierer - im guten Sinne des Wortes) vor Augen zu führen, bzw darüber nachzudenken. Das ruft dann etliche "Kandidaten" ins Gedächtnis und hat - davon bin ich überzeugt - einen Einfluß auf die weitere Gestaltung der eigenen Tonträgersammlung. Ausserdem machen solche Rankings vielen Leuten Spaß - wie die Erfahrung zeigt.


    mit freundlichen Grüßen aus Wien
    Alfred

  • Der älteste noch aktive Dirigent, der internationales Renomee genießt, dürfte Stanislaw Skrowaczewski mit 92 Jahren sein. Er galt zwar über weite Strecken seines Lebens eher als Geheimtipp, aber seine Aufnahmen v.a. von Anton Bruckner haben viele Fans gefunden.
    Auch Bernard Haitink (87) und Herbert Blomstedt (88) leben noch. Also, so ganz ausgestorben ist die alte Riege noch nicht.
    Von allen drei Dirigenten habe ich im letzten Jahr noch Aufnahmen gekauft.

  • Der älteste noch aktive Dirigent, der internationales Renomee genießt, dürfte Stanislaw Skrowaczewski mit 92 Jahren sein. Er galt zwar über weite Strecken seines Lebens eher als Geheimtipp, aber seine Aufnahmen v.a. von Anton Bruckner haben viele Fans gefunden.
    Auch Bernard Haitink (87) und Herbert Blomstedt (88) leben noch. Also, so ganz ausgestorben ist die alte Riege noch nicht.
    Von allen drei Dirigenten habe ich im letzten Jahr noch Aufnahmen gekauft.


    An die drei dachte ich auch. Georges Prêtre (91) nicht zu vergessen, der kürzlich den 50. Jahrestag seines Debüts an der Mailänder Scala feiern konnte. Vielleicht gelingt es einem der vier, Leopold Stokowski einzuholen, der noch mit 95 Jahren dirigierte.


    Aber wenn wir ehrlich sind: In zehn Jahren wird von den Genannten wohl kaum mehr einer tätig sein. Wir erleben gerade den allerletzten Abglanz der großen Dirigenten, die noch die komplette zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts prägten. Prêtre und Skrowaczewski debütierten 1946, Blomstedt und Haitink 1954. Da wird man mittlerweile schon lange suchen müssen, um noch Vergleichbares zu finden.

  • Wenn ich den Thread richtig verstehe, soll es wohl auch um Leute gehen, die potentiell vielversprechend sein können.
    Nun kann es ja sein, dass es Leute gibt, die man noch gar nicht kennt, die aber über ein enormes Potential verfügen und vielleicht auch eine herausragende Persönlichkeit haben bzw. irgendwann entwickeln mögen.


    Bei den berühmten Kapellmeistern, die "man so kennt", bin ich in erster Linie und vor allem für Christian Thielemann zuversichtlich.
    Er ist nicht nur ein hochsensibler Vollmusiker, sondern besitzt auch eine gute Mischung aus Intuition und Reflektion. Obwohl er einen schon unverwechselbaren Personalstil aufweist, ist er gleichzeitig auch wach und flexibel, so dass ich nicht befürchte, dass er nur "sein Ding durchzieht" (da können ja viele gute Elemente dabeisein), sondern auch weiterhin reifen und an Einsichtung und Weisheiten hinzugewinnen wird, so pathetisch das klingen mag, und so weit er auch schon gekommen sein mag. Nicht stehenzubleiben, sich zu entwickeln, aber gleichzeitig das Gute verinnerlicht zu behalten.....das sind ja die hohen Ziele guter Musiker.


    Wenn ich hier hineinhöre


    _7ufNGqZNWk


    dann finde ich es schade, dass es so etwas "nur" in der digitalen Konzerthalle der Berliner Philharmoniker gibt.
    Davon hätte ich gerne mehr. Von ihm würde ich gerne auch mehr Wiener Klassik hören, auch Schumann, warum nicht auch einmal Mozart.


    Petrenko - den kenne ich kaum, aber was man an Ausschnitten gehört und gesehen hat, hört sich vielversprechend an.
    Sicher hat mit ihm das Orchester einen großen Könner gewählt, aber auch angesichts solcher Ausschnitte wie oben hätte ich - natürlich nur von meiner Von-Außen-Perspektive her betrachtet- mich dann wohl doch für Thielemann entschieden.
    Man wird sehen, was da kommt. Eine "Ikone" im Sinne des Threads ist er im Moment wohl noch nicht. Es liegt an ihm, was er aus der Chance macht. Ich nennen ihn hier aufgrund seiner Wahl, nicht aufgrund musikalischer Erfahrungen, die ich schon mit ihm machen konnte.




    Sir Simon Rattle
    Nach seinen fantastischen Brahms-Symphonien (die setzen sich für mich wirklich von allem ab, was ich sonst so kenne) , seinem wundervollen Haydn und einigen vielversprechenden Mozart-Ausschnitten hoffe ich noch, dass es von ihm die Beethoven-Symphonien mit den Berliner Philharmonikern offline erhältlich sein werden.
    Da verspreche ich mir schon viel Gutes. Das Brahms-Requiem mit ihm ist schon sehr gute Musik, aber die Sonderstellung, die er für mich mit seinen Brahms-Symphonien erreichen konnte, hat er hier für mich nicht. Man darf gespannt sein, was er denn nach seiner Zeit bei diesem Orchester machen will.


    Paavo Järvi
    Sein Beethoven hat sicherlich ein starkes Eigenprofil und sein Schumann ist ihm m.E. richtig gut gelungen. An ihm schätze ich ebenfalls neben seinen überragenden handwerklichen Fähigkeiten ( das haben die anderen auch...) seinen reflektiven Zugang. Er macht sich eine Menge Gedanken, wenn er etwas in Angriff nimmt. Einfach nur mal so eben wieder einen Beethoven oder sonst etwas zu spielen, ist seine Sache nicht. Das gefällt mir. Nicht immer gefallen mir seine Resultate. Für mich muss ein Bruckner nicht derart transparent und rau klingen. Da höre ich dann lieber Celi, Giulinie, Wand oder Thielemann. Ich erkenne jedoch an, dass er sich viel Gedanken gemacht hat und es auch umsetzen kann, was er sich vornimmt.



    Entscheidend ist bei solchen Überlegungen ja nicht nur das Handwerkliche sondern auch die Frage " wie denkt derjenige Musik", bzw. "kann er die musikalische Entwicklung der Interpretationsgeschichte positiv beeinflussen und weiterbringen"?
    Da haben Furtwängler, Toscanini, der späte Celibidache, Solti, Böhm, Wand, Karajan und eben auch Harnoncourt die für ihr Interpretenprofil wichtigen (und sich widersprechenden) Aspekte manchmal bis ins Extreme ausgespielt und gelebt.
    Es muss dann auch Leute geben, die diese verschiedenen Impulse aufnehmen und sozusagen in der von ihnen jeweils als ideal empfundenen Mitte verorten. Nicht immer klingen diese Interpretationen dann so, dass man in Takt 1 sofort erkennt, dass "er" es ist, aber man kann sie trotzdem manchmal sogar vorziehen, in anderen Fällen dann wieder nicht. Langweilig muss ein goldener Mittelweg ja nicht zwangsläufig sein, aber er kann es sein. Bei den guten "Gemäßigten" kann der Kenner die Interpreten dann irgendwann nämlich auch klar heraushören, jedenfalls oft.


    Die Alte Musik, hier insbesondere Bach ist ein Sonderfall, die ich von der symphonischen Musik getrennt besprechen möchte.


    Hier sehe ich bei drei Dirigenten das größte Potential:


    Philippe Herreweghe
    Seine Bacheinspielungen aus dem Kantatenwerk sind oft sensationell gut.
    Ich erhoffe mir von ihm, dass da noch mehr kommt als es bisher gibt. Laut Auskunft der Facebook-Seite des Collegium Vocale Gent wird da auch in Zukunft noch etwas kommen. Herreweghes Ausflüge zu Schubert und vor allem Bruckner sind indes für mich nicht auf dem "ikonischem" Niveau, welches er bei Bach erreichen konnte.


    Masaaki Suzuki
    Er hat das gesamte Kantatenwerk Bachs eingespielt.....vielleicht sogar schon alles von Bach aufgeführt.
    In den letzten Jahren ist er immer besser geworden, obwohl er instrumental auch schon teilweise sehr gut anfing.
    Auch seine Facebook-Präsenz gibt mir den Eindruck, dass er mit dem Dirigieren dieser Musik des Thomaskantors noch längst nicht "fertig "ist.
    Wenn man damit angefangen hat, dann lässt es einen meistens nicht mehr los. Auch von ihm erhoffe ich mir noch weitere Einspielungen.


    Jos van Veldhoven
    Im Netz gibt es die All of Bach Webseite, ein sehr ambitioniertes Projekt.
    Von ihm erwarte ich mir neue Impulse und ausgewogene Ideen auf höchstem Niveau.
    Seine Einspielung der h-moll-Messe hat musikalisch viele positive Aspekte. Gut finde ich, dass er den Streit über Einzelbesetzungen vs. Mehrfachbesetzungen im Chor und auch im Orchester sehr pragmatisch und überzeugend gelöst hat.
    Zudem muss man ihm hoch anrechnen, dass man in seinem Umfeld damit begonnen hat, die große Orgel als Continuoinstrument für die Aufführung der Bachkanten/Passionen/Oratorien wiederzuentdecken..


    Ich wünsche mir, dass man die oft ganz wundervollen Aufführungen, die auf der Webseite zu hören sind, auch in offline-Ton-und Bildträgern zukünftig bekommen kann. Es wäre doch tragisch, wenn man Leute mit schlechtem Internetanschluss oder einer GB-Quote von der Möglichkeit des Kennenlernens dieser Interpretationen ausschlösse.



    Was das Ikonenhafte, das "Anbetungswürdige" anbelangt, so sehe ich hierzu im symphonischem Bereich vor allem bei Thielemann das meiste Potential für so etwas, wobei mir der Ausdruck "anbetungswürdig" dann doch widerstrebt. Es kann und wird so sein, dass ein Publikum ihm sozusagen "zu Füssen liegt" und begeistert und bereichert von seiner musikalischen Arbeit ist. Aber die Zeit der großen "Anbetung" von göttergleichen Pultstars ist m.E. schon lange vorbei. Der letzte Vertreter dieser Art war dann wohl Karajan, vielleicht auch noch Bernstein und Celibidache. Für mich sind das großartige Vorbilder, die einen inspirieren und bewegen, jedoch gleichzeitig immer noch normale Menschen. Als solche würde ich sie auch bei persönlichen Begegnungen ansehen und ansprechen und habe es bei Begegnungen mit "Musikern der Spitzenklasse" (um es einmal so platt zu sagen) auch immer so gehalten.
    Ein Harnoncourt wollte gar nicht verehrt, sondern lieber verstanden werden. Das Publikum reagierte auf ihn entweder mit großer Wertschätzung bis Liebe, oder eben auch mit deutlicher Ablehnung, bzw. Unverständnis.


    Bei Thielemann ist es in dieser Hinsicht wohl recht ähnlich.
    Vielleicht gehört das bei den Großen der Zunft irgendwie auch dazu...



    Gruß
    Glockenton

  • Zitat

    Wenn ich den Thread richtig verstehe, soll es wohl auch um Leute gehen, die potentiell vielversprechend sein können.


    Das war vom mir aus bewusst nicht genau definiert. Mit ist klar, daß bei mir auf Grund meiner konservativen Grundgaltung - oder was man sich darunter vorstellt, erwartet wurde, ich würde nur Vorschläge jenseits der 100 akzeptieren.
    Immerhin sind die Vorschläge schon recht interessant. Nicht alle finden meinen Beifall, aber das spielt eigentlich keine Rolle.


    Wie Glockenton schon ganz richtig bemerkt hat, ist ChristianThieleman einer der wenigen herausragenden Dirigentenpersönlichkeiten unserer Zeit, die es geschafft haben "karajanähnliche" Verehrung - und auch Ablehnung - zu geniessen. Bemerkenswert dabei ist. daß er vergleichsweise jung ist.


    Ein weiterer Kandidat in meinen Augen wäre Roger Norrington: Auch er zählt zu den eigenwilligen Dirigentenpersönlichkeiten. Er hat zwei Orchester nach seinem Willen geformt und oft genug polarisiert.


    Riccardo Chailly - ich war nie ein besonderer Fan von ihm - muss in diesem Zusammenhang ebenfalls genannt werden. Scheinbar versucht die DECCA derzeit, ihn zum Flaggschiff ihres Labels aufzubauen, wie einst Solti.


    Nicht vergessen sollte man auch John Eliot Gardiner. Leider hat er sich - wie mir scheint - wieder auf den Bereich der "Alten Musik" zurückgezogen, nachdem er einige Zeit in Sachen Klassik und Romantik aktiv war.....


    Adam Fischer wäre - ohne daß ich begründen könnte warum - auch auf meiner Kandidatenliste


    Sicher fehlen hier noch einige.....


    mfg aus Wien
    Alfred

  • Ich finde, dass es einen erstaunlichen Trend gibt, dass Dirigenten der Alten Musik, die dort sehr erfolgreich waren, sich jetzt in die klassischen Gefilde vorwagen, wo sie die Tugenden der Alten Musik mit bringen, als da wären: größere Durchsichtigkeit, Instrumente der Zeit (Brahms!), hervorragend ausgebildete junge Solisten und vor allem grandiose Chöre für die Werke, die mit Chor zu singen sind. Dies erschien mir immer ein großes Manko der älteren Garde, dass sie sich mit zu großen, zu unflexiblen und stimmlich nicht frischen Chören abspeisen ließen (Karajan z.B.!). Genannt sind schon Suzuki, Herreweghe, Gardiner, Norrington, Jos van Immerseel. Ich möchte auf jeden Fall als leuchtendes Beispiel Thomas Hengelbrock erwähnen, allerdings auch Jordi Savall hat sich aus seiner siglo-de-oro-Ecke herausgetraut. Ein weiterer positiver Zug ist, dass zunehmend mehr Orchester sich solche Spezialisten zu Gastkonzerten holen, damit die diesen Orchestern mal zeigen, wie man eine Haydn-Sinfonie vernünftig spielt (indem man erst mal nur 30 Leute mitspielen lässt; leuchtendes Beispiel die Berliner Philharmoniker unter Simon Rattle in Luzern). Mit dieser Programm gab es eine ganze Reihe von Sinfoniekonzerten beim WDR.

    Ihr absolviert diese Stelle wie ein Intercity auf einer schwer zu nehmenden Weiche (mein verstorbener Chordirigent Johannes Glauber aus Essen)

  • Wie Glockenton schon ganz richtig bemerkt hat, ist ChristianThieleman einer der wenigen herausragenden Dirigentenpersönlichkeiten unserer Zeit, die es geschafft haben "karajanähnliche" Verehrung - und auch Ablehnung - zu geniessen.


    Es tut mir leid, aber ich vermag diese "karajanähnliche" Verehrung nicht wirklich zu entdecken - wobei ich ehrlicherweise zugebe, diese auch bei keinem anderen noch aktiven Dirigenten entdecken zu können. Weiter glaube ich auch nicht, dass es so etwas, wie ein Karajan-Phänomen nochmal geben wird. Dies liegt jedoch weniger an den Dirigenten selber, sondern hat vielmehr mit der Entwicklung im Klassikbereich zu tun hat. Zu seiner Zeit war Karajan tatsächlich in gewisser Weise (zumindest in Deutschland und vielleicht auch in Österreich) omnipräsent: Salzburg, Berlin, Medien (wobei es z.B. auch nur drei Programme im Fernsehen und eine überschaubare, öffentlich-rechtlich geprägte Radiolandschaft gab). In praktisch jeder Klassik-Abteilung der großen Kaufhäuser, aber auch im gut und sogar schlecht sortierten Musikhandel kam man um HvK (und in der Wahrnehmung quasi symbiotisch mit ihm verbunden die DGG) praktisch nicht herum.
    Inzwischen ist die Vielfalt der Kanäle, aber auch der wahrnehmbaren Künstler um ein vielfaches größer. Hinzu mag kommen, dass auch das Publikum inzwischen kritischer reagiert und mit Ikonen nicht mehr ganz soviel anzufangen vermag. Jedenfalls ist auch ein Christian Thielemann zwar nicht einer unter Vielen, denn in der entsprechenden Klasse gibt es naturgemäß nicht "Viele", aber definitiv kein zweiter Karajan! Es wären z.B. zu nennen Nelsons, Jansons, Dudamel, Järvi, Rattle, seit kurzem Petrenko, Chailly etc. pp. - man möge nach eigenem Gutdünken ergänzen.


    Ganz persönlich finde ich die hier immer wieder versuchte Überhöhung der Person Thielemann eigentlich ziemlich undifferenziert bis peinlich und glaube fest daran, dass er dies auch nicht nötig hat. Wohlgemerkt ist dies keine Kritik an Christian Thielemann, sondern eher eine an seinen Claqueren ...

  • Bedeutende Dirigenten jenseits der 70 (Auswahl):


    Daniel Barenboim
    Jiri Belohlavek
    Herbert Blomstedt
    Richard Bonynge
    William Christie
    René Clemencic
    Dennis Russell Davies
    Andrew Davis
    Christoph von Dohnanyi
    Charles Dutoit
    Christoph Eschenbach
    Wladimir Fedossejew
    Gabriele Ferro
    Lawrence Foster
    John Eliot Gardiner
    Gianluigi Gelmetti
    Michael Gielen
    Enoch zu Guttenberg
    Hartmut Haenchen
    Bernard Haitink
    Jos van Immerseel
    Eliahu Inbal
    René Jacobs
    Marek Janowski
    Mariss Jansons
    Neeme Järvi
    Michail Jurowski
    Okko Kamu
    Dmitri Kitajenko
    Bernhard Klee
    Ton Koopman
    Gustav Kuhn
    Sigiswald Kuijken
    Philip Ledger
    Raymond Leppard
    James Levine
    Neville Marriner
    Zubin Mehta
    Riccardo Muti
    Roger Norrington
    Seiji Ozawa
    Libor Pesek
    Trevor Pinnock
    Michel Plasson
    Georges Pretre
    André Previn
    Helmuth Rilling
    Gennadi Roshdestwenski
    Jordi Savall
    Claudio Scimone
    Leif Segerstam
    Leonard Slatkin
    Pinchas Steinberg
    Jeffrey Tate
    Juri Temirkanow
    Michael Tilson Thomas
    Edo de Waart
    Ralf Weikert
    Antoni Wit
    Lothar Zagrosek
    Benjamin Zander
    Alberto Zedda
    David Zinman


    Das soll eine aktuelle Bestandsaufnahme der älteren Dirigenten-Persönlichkeiten sein. Wer sie liest, wird feststellen, dass wir bei allen Musikzentren, Aufführungspraxen, Länderspezifika gut aufgestellt sind!



    :hello: LT

  • Sagitt meint:


    und das sind nur die älteren...wenn ich an Currentzis denke..wem ist es in der Klassikscene in den letzten Jahre so gelungen, diese aufzumischen?


    P.S. Ranking? Jungs stehen am Teich,ziehen blank...schaun mer mal...Ranking

  • Ganz persönlich finde ich die hier immer wieder versuchte Überhöhung der Person Thielemann eigentlich ziemlich undifferenziert bis peinlich und glaube fest daran, dass er dies auch nicht nötig hat. Wohlgemerkt ist dies keine Kritik an Christian Thielemann, sondern eher eine an seinen Claqueren ...


    Ich habe mir ja schon Einiges in den Jahren anhören dürfen, aber sollte diese leicht despektierliche Äußerung zwischen den Zeilen ("hier") auch auf mich gemünzt sein ( das ist mir jetzt nicht ganz klar), so möchte ich sie vorsorglich in aller Form zurückweisen.


    Wenn ich über Thielemanns Interpretationen ( in erster Linie Beethoven) etwas Positives schrieb, dann habe ich das in den entsprechenden Threads auch immer -so gut es in der "Kürze" von Beiträgen möglich ist- versucht musikalisch-argumentativ zu begründen; eben in dem ich fachlich beschreibe, was ich höre und dies dann selbstverständlich subjektiv wie jeder andere auch für mich bewerte.
    Mich hat jedenfalls keiner bestellt, dem Manne Positives anzudichten (was hätte ich davon), sondern es gibt sehr viele musikalische Gründe, die bei mir bisher zu freundlichen Beschreibungen führten. Wenn es um Beethoven geht, bin ich mit Vorprägungen vor allem der Interpreten Wand, Harnoncourt und Karajan an das Hören der Thielemann-Einspielungen herangegangen, jedoch auch mit eigenen Vorstellungen, die beim Lesen der Partitur entstehen. Manches war mir neu, aber Vieles konnte mich auf Anhieb musikalisch überzeugen. Gerade habe ich durch ihn den zweiten Satz der Vierten Beethovens wieder neu entdeckt. Es ist ein gutes Beispiel dafür, was geschehen kann, was für elektrisierende Wirkungen sein Musizieren auslösen kann. Man verliert das Zeitgefühl und sitzt dort mit offenem Mund, hält den Atmen an. Hier funktioniert sein Ansatz einer flexiblen Agogik ( und natürlich noch viel mehr) ganz hervorragend. Es muss ja nicht immer funktionieren und könnte z.B. zum episodenhaften Erleben eines Satzes führen (bei einem Satz aus einer Brahms-Symphonie erging es mir neulich bei ihm so...) aber es kann eben auch eine ähnlich unglaubliche Spannung erzeugen, die man nur von Augenzeugenberichten aus den Furtwänglerkonzerten (nach dem Krieg) her kennt.
    Ich selbst habe so eine elektrische Spannung eher selten live erlebt, einmal war es live in einem Concentus-musicus-Konzert in Bielefeld. Das bekannte "Air" von Bach wurde -vielleicht sogar spontan- wesentlich langsamer gespielt, als es von den drei Aufnahmen Harnoncourts bekannt ist. Die Spannung, die in diesem "Furtwänglertempo" sich aufbaute, war einfach unbeschreiblich und kann vielleicht so intensiv auch nur im Live-Moment nachvollzogen werden. Beim nächsten Mal war es das "Et Resurrexit" aus der h-moll-Messe, auch mit Harnoncourt in Graz. Die Energien, die da durch den Raum gingen, waren körperlich spürbar.
    Diese rational schwer erklärbaren Dinge kann es bei großer Musik mit großartigen Interpreten geben, und ich merke schon beim Mitanhören von Blue-rays, dass auch Thielemann zu denen zählt, bei denen es diese Momente geben kann. Wenn ich das erwähne, dann entspricht es meinem Erleben und hat nichts mit "Claquer" zu tun. Auf diese Feststellung lege ich Wert.


    Leider beschleicht mich manchmal das Gefühl, dass es Thielemann-Befürworter oder Ablehner geben könnte,die ihn, der ja auch mit dem Israel Philharmonic Orchestra als Gastdirigent arbeitet, wegen einer wahrscheinlich sogar fälschlich vermuteten aussermusikalischen Haltung loben und meinen irgendwie unterstützen bzw. bekämpfen zu müssen. Auf der Strecke bleibt bei diesem Unsinn immer die Musik und die hervorragende Arbeit, die Thielemann und die Orchester zusammen oft geleistet haben. Ich distanziere mich von beiden Gruppen, sollte es sie denn geben, und stelle klar, dass seine Interpretationen es meiner Meinung nach verdienen, mit offenen Ohren angehört und dann vorurteilsfrei und ohne aussermusikalische Hintergedanken besprochen zu werden. Alles andere wäre doch eigentlich recht armselig. Ja, in der Tat so etwas wäre wirklich peinlich , um die Wortwahl des o.g. Zitats aufzugreifen.
    Wenn man jedoch von einer wunderbaren Darbietung wirklich begeistert ist und das dann auch im Forum weitergeben möchte, dann sollte es hier doch auch erwünscht sein. Wenn man erst anfängt, alles Mögliche als "peinlich" zu bezeichnen, dann, so fürchte ich, wird am Ende alles derart peinlich, dass immer weniger Leute Lust haben, überhaupt noch etwas zu schreiben.
    Es hat etwas mit dem Thema Interpretationsbesprechung zu tun, aber durchaus nicht mit der Überhöhung einer Person. Für mich ist keine dieser Personen "anbetungswürdig", und ich finde es auch -wie oben angeführt- richtig, dass die Zeit der gottgleichen Verehrungen von Dirigenten vorbei ist, und dass sich das im Normalfall auf ein normales Schätzen und vielleicht auch Lieben beschränkt.
    Für seinen Fleiß kann jemand etwas, für seine Gabe nicht.


    Andererseits sollte man auch einmal anerkennen können, dass es Künstler geben kann, die in guten Momenten genialisch über das hinauswachsen können, was Andere im Stande wären abzuliefern. Diese Gleichmacherei, dieses "alle sind gut und jeder hat seinen Stil, keiner darf besser oder schlechter sein" mag einer weltanschaulichen Sicht entspringen ( mir begegnet es hier in Norwegen ständig) hat aber mit den Wirklichkeiten in der Welt der Kunstmusik kaum etwas zu tun.


    Das Publikum - man sieht es auch bei den Thielemanschen Beethovenaufführungen in Wien- lässt sich ohnehin vom Höreindruck leiten. Und wenn man sich diese Blue-rays ansieht, dann gab dieser wohl zur echten Begeisterung Anlass - zurecht, wie ich in diesem Fall finde.


    Gruß
    Glockenton

  • Ganz persönlich finde ich die hier immer wieder versuchte Überhöhung der Person Thielemann eigentlich ziemlich undifferenziert bis peinlich und glaube fest daran, dass er dies auch nicht nötig hat. Wohlgemerkt ist dies keine Kritik an Christian Thielemann, sondern eher eine an seinen Claqueren ...

    Ist es eigentlich mit deinem Weltbild vereinbar, dass solche Begeisterung für Thielemann auch ernst gemeint und echt sein könnte? Ich kann nur für mich sprechen, aber die am 28.2. in der Semperoper Dresden von ihm dirigierte "Walküre" war orchestral die beste, die ich je erleben durfte. Dafür bin ich ihm einfach dankbar! Nicht mal in seiner Berliner GMD-Zeit hat er bei "Walküre" eine solch umwerfende Orchesterleistung erreichgt, obgleich die auch schon iemlich gut war (v.a. im Vergelich zu seinen Vorgängern am Haus). Jetzt war er viel flüssiger und auch zügiger und es war sinnvoll und schlüssig, einfach mitreißend! Sein im Vergleich zu früheren Jahren deutlich zügigerer "Tristan" im letzten Sommer in Bayreuth hat mich bei der Radio-Übertragung hingegen nicht so überzeugt wie seinerzeit in Berlin, aber diese Dresdner "Walküre" am 28.2., da war es wieder, dieses Wunder, wie ich es in den letzten Jahren zumeist nur bei ihm erlebt habe - trotz etwas durchwachsender Gesangssolisten einfach eine beglückende Vorstellung!

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"


    Inhalten aller Art in Beiträgen anderer in diesem Forum stimme ich hier ausdrücklich nur dann zu, wenn ich ihnen in Antwortbeiträgen ausdrücklich zustimme! ;)

  • Ein Thema - 2 Ansichten: Ich bin durchaus der Ansicht, daß es "anbetungswürdige" Künstler geben sollte. Allerdings schwierig, in einer Zeit wo Autoritäten und selbst der Papst als "Normalsterbliche" gesehen werden.
    Die Gesellschaft braucht "Leitbilder". Es gibt sie - allerdings sind die Kriterien andere nach denen sie ausgesucht werden. Luxus und Elite sind beinahe Unwörter. Freundlicher Umgang miteinander wird über Kompetenz, Können und andere "Hard Skills" gestellt, frei nach derm Motto: Mittelmäßige alle Länder vereinigt euch - wer elitär wirkt ist uns a priori unheimlich.
    Kommen wir zu Christian Thielemann und seine Anhänger und Gegner. Letztere haben schon vor Jahren versucht dessen Hochkommen zu verhindern, allerdings mit untauglichen,dilletantischen Mitteln. Zuerst wurde er mit Furtwängler verglichen, in der irrigen Annahme, er würde somit indirekt ins rechte Eck gestellt, das ging aber in die Hose, weil es dem Publikum mehrheitlich egal war.(was sich manche nicht vorstellen kann oder sogar will) Dann wurde er mit Karajan verglichen - das hat ihm auch nicht geschadet. Immer wieder konnte man aus gewissen Kreisen Störaktionen gegen Thielemann vernehmen, und man hat letztlich verhindert, daß der einzig würdige Kandidat für den Posten des Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker quasi auf die Seite geschoben wurde (Ich habe mehrfach geschrieben, daß dies aus meiner Sicht ein Glück für Thielemann war)und durch eine doch eher unbekannten Dirigenten, der auf keiner der Favoritenlisten zu finden war. Und all jenen, die dies bestreiten, weise ich auf die dürftige Diskographie des letztlich nomiierten hin, wobei auch das Existierende nicht unbedingt Spitzenrepertoire ist. Seis wie es ist.
    Ich gestehe aber daß es mir viel Vergnügen macht, zu sehen, wie Thielemann in aller Munde ist. aber viel wichtiger, eine Aufnahme nach der anderen einspielt auch die Deutsche Grammophon ist hier sehr aktiv.
    Ich brauche nicht zu übertreiben - er ist derzeit der interessanteste deutsche Dirigent. Daß man hier sprachlich gelegentlich etwas pointierter formuliert, ist ein Gruß an meine "Freunde" von denen einigen die Galle übergehen dürfte, wenn sie die erfolgreiche Karriere Thielemann miterleben müssen.
    Wir sehen, dass, was unbeabsichtigt war - sich schon wieder die Gemüter an Thielemann erhitzen - ein Idealfall für Klassiklabel, die solch ein Streitobjekt unter Vertrag haben.....


    mfg aus Wien
    Alfred

  • Lieber Glockenton, lieber Stimmliebhaber,


    nein, meine Anmerkung war weder gegen Euch gemünzt, noch hat mein Weltbild mit echter Begeisterung für einen Dirigenten, Sänger oder Schauspieler irgendein Problem. Ein Problem hat es höchtens mit einer geradezu ikonenhaften Überstilisierung als zweiter Karajan, als weltbester Dirigent bzw. bedeutendster Dirigent unserer Zeit etc. Wie gesagt, da gibt es m.E. doch noch einige, die in dieser Klasse mitspielen. - Und was mich persönlich angeht, so glaube ich zwar nicht, das wir persönlich besonders viel miteinander anfangen könnten, was mich allerdings nicht hindert, seine Leistungen voll anzuerkennen: Ich schätz seine Strauß-Dirigate, fand seinen Bayreuther Tristan phänomenal und auch den Dresdner Brahms-Zyklus in weiten Teilen sehr gelungen. Anderes jedoch, wie z.B. seinen Beethoven-Zyklus oder seine Bruckner-Interpretation finde ich einfach nicht gut.