Teodor Currentzis, Exzentriker aus Griechenland

  • Jetzt will ich versuchen, den Faden in einer etwas anderen Richtung fortzuspinnen:


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    Diese Aufnahme stammt ebenfalls aus Salzburg, vom 23. 7. 2017, und wenn das ganze Requiem so war wie das "Dies irae", dann ist Currentzis m. E. auf jeden Fall mit Mozart nicht gescheitert. Mein Gott, welch eine brachiale Power, welch ein mitreißender Drive. hier hat das Tempo m. E. jede Berechtigung, hier herrscht präzises Spiel und exzellenter Gesang- toll!
    Um mit einem abgewandelten Schiller zu sagen: "Hier bin ich Currentzis- hier darf ich's sein".


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • mich würde interessieren wie die einschlägige Kritik das Konzert mit Beethovens Sym 7 der B-PHil mit Petrenko am 26.8. in Salzburg beurteilt. Hat jmd schon Informationen?

    Im zugehörigen Thread gibt es erste Eindrücke ab Beitrag 170, zudem macht Selberhören klug, sowohl Konzert, als auch Fernsehmitschnitt finden sich in der ARD-Mediathek.

  • Zitat

    …. den Faden des Scheiterns fortspinnen wollte...


    in dem Sinne ,dass ich mich dem Ausdruck " Scheitern" nicht anschließe, schließlich setzet ich der Kritik der FAZ eine andere gegenüber.


    Zitat

    m zugehörigen Thread gibt es erste Eindrücke ab Beitrag 170, zudem macht Selberhören klug, sowohl Konzert, als auch Fernsehmitschnitt finden sich in der ARD-Mediathek

    Am Wochenende hatte ich leider keine Zeit zum intensiven Hören, werde es aber nachholen. Lesen macht auch klug und brächte in diesem Falle rascher ein Ergebnis.



    Zu TC Mozart Requiem.
    Vor einiger Zeit hörte ich die CD


    und stimme William voll zu, mit einer Ausnahme: Den Teil " Domine Jesu" fand ich zu - ich sag mal- tänzerisch. salopp- der Intention eines Requiems nicht angepasst.


    Aber es ist eine fulminante Einspielung mit dem -wie ich finde- herausragendem Sopran von Simone Kermes.


    Die Seite "Klassik begeistert" kannte ich noch nicht. Die Kritik ist ja exzellent.


    VG
    Justin

  • Mein Gott, welch eine brachiale Power, welch ein mitreißender Drive.


    Lieber Willi,


    in der Tat, das ist so!
    Nun kann man anhand dieses kurzen Ausschnitts nicht auf die ganze Aufnahme schließen. Den "Tag des Zornes" hat Currentzis auf jeden Fall hinreißend dargestellt.


    Es gibt aber eine legendäre Aufnahme aus dem Jahr 1958 von einem Dirigenten, der zeitlebens auch als Exzentriker bekannt war, übrigens in ausgezeichneter Stereo-Qualität, die tempomäßig sogar Currentzis' "Dies irae" den Rang abläuft, diese hier:

    Hermann Scherchen mit dem Wiener Akademie-Kammerchor und dem Orchester der Wiener Staatsoper.
    Scherchen benötigt für das "Dies irae" 1.40 min., während Currentzis immerhin 1.52 braucht. Auch das ist rekordverdächtig, aber dem Text durchaus angemessen.


    Für mich ist Scherchens 1958er Produktion bis heute ein Meilenstein in der Rezeptionsgeschichte von Mozarts Requiem, nicht nur wegen der Tempi, die übrigens an anderen Stellen deutlich langsamer sind als bei so berühmten Kollegen wie Karajan, Böhm oder Giulini. Scherchen benötigt für das Gesamtwerk über 63 Minuten, das ist extrem langsam (Vergleich: Goodman 48 Min., Karajan 1977 53 Min.) und liegt nahe bei Böhms später Wiener Aufnahme (DGG, 1971), der mit 64 Minuten noch eine kleine Ecke langsamer unterwegs ist.


    Doch zurück zu Currentzis: "Präzises Spiel und exzellenter Gesang" sind tatsächlich frappierend.


    LG, Nemorino

  • Lieber Nemorino, ich komme soeben von einem mitreißenden Konzert aus Köln zurück mit Nezet-Seguin, Mozart, Liszt (Bronfman), Tschaikowsky, und warte in Essen auf meinen Anschlusszug. Wenn ich wieder zu Hause bin, schreibe ich weiter. Liebe Grüße Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Stichwort Entfremdung und Selbstdarstellung:


    Um eine Entfremdung festzustellen, braucht man ein unentfremdetes Original. Ein solches ist für musikalische Aufführungen aber schlicht nicht auffindbar. Mendelssohn dirigierte eher zügige Tempi, Wagner dagegen betonte eher die Tempoextreme ganz langsam und ganz schnell. Wer ist also der Entfremder? Und es ist ein legitimes Mittel, wenn die musikalische Aufführung den Hörer aufzuwecken und aufzurütteln sucht, also eine überraschende, von der Eintönigkeit des Gewohnten abweichende Darstellung sucht. Das ist nur dann an sich verdächtig, wenn man die falsche Auffassung hat, der Votrag sei so etwas wie eine Reproduktion und kein produktiver, sinnschöpferischer Prozess.


    Beethoven erlangte seinen Ruhm in Wien nicht als Komponist, sondern zunächst als Klaviervirtuose. Deshalb hat er seine Werke auch so komponiert, dass sie ihm die Selbstdarstellung als Virtuose ermöglichen. Ein Opernkomponist schreibt eine Arie selbstverständlich so, dass der Sängervirtuose damit glänzen kann. Die Selbstdarstellung des Ausführenden ist also für die Aufführung konstitutiv und legitim. Und deshalb ist die Unterstellung, virtuoser Selbstdarstellung nur weil es sie gibt ginge es nur um diese, einfach nur üble Nachrede und eine völlig willkürliche und sachlich haltlose Behauptung.


    Schöne Grüße
    Holger

  • Und es ist ein legitimes Mittel, wenn die musikalische Aufführung den Hörer aufzuwecken und aufzurütteln sucht, also eine überraschende, von der Eintönigkeit des Gewohnten abweichende Darstellung sucht.


    Du sagst es, lieber Holger! Die Musikgeschichte ist voller solcher Beispiele. :D



    https://www.youtube.com/watch?v=-quQHNriV-Q

  • Hallo Holger,


    solange wir mit Wörtern arbeiten, sind die Missverständnisse vorprogrammiert.


    Künstlerisches Können unter Wahrung der kompositorischen Vorgaben - das Ausreizen der gegebenen Grenzen selbst bis zum Äußersten - ist mMn nie Selbstdarstellung.


    Wo allerdings offensichtliche Eitelkeit und Effekthascherei den Vortrag bestimmt, fängt die Selbstdarstellung an.


    Die Festlegung darüber - wie sollte es anders sein - ist zuerst mal eine subjektive Entscheidung.


    Es grüßt


    Karl

  • Lieber Karl,


    Ich lese gerade Alfred Brendel. Das ist sehr interessant zu sehen, dass die Kritik am rhetorischen, das Affektive betonenden Vortagsstil wie ihn Currentzis pflegt offenbar bis ins 19. Jhd. zurückreicht. Und es ist beliebt, diesem Stil zu unterstellen, ihm ginge es eitel nur darum, Wirkung zu erzielen. Der Verdacht der Selbstdarstellung, wenn er sich aber letztlich gegen den Vortagsstil des Interpreten richtet und dann erst in zweiter Linie auf den Interpreten übertragen wird, stellt sich so jedoch als ein ästhetisches (Vor-)Urteil heraus, das man wiederum kritisch befragen darf. Es ist immer leicht, dem Rhetoriker Selbstdarstellung zu unterstellen. Aber ist das auch gerechtfertigt? Das Thema müsste man noch weiter ausdiskutieren. Soviel nur kurz von meinem unbequemen Handy. :D


    Schöne Grüße
    Holger

  • Hallo Holger,


    sicherlich sollte man mit solch harten Urteilen über das Verhalten eines Künstlers sparsam umgehen, auch ist und bleibt es eine Einzelfallentscheidung.



    Andererseits kann ich mich noch gut an einen Ausspruch von Heifetz erinnern, der als gefeierter Jungstar in Amerika von Erfolg zu Erfolg eilte.


    Bis ihm ein Kritiker bescheinigte, daß sein Spiel lediglich noch ein routiniertes Herunterfideln sei.


    Das hat ihn, so sagte er, aufgeweckt und er habe danach angefangen, wieder sehr ernsthaft und diszipliniert zu üben.


    Es grüßt


    Karl

  • Am Wochenende hatte ich leider keine Zeit zum intensiven Hören, werde es aber nachholen. Lesen macht auch klug und brächte in diesem Falle rascher ein Ergebnis.

    Na, dann schau z.B. mal hier: https://www.br-klassik.de/them…e-konzert-kritik-100.html (zuletzt aufgerufen am 29.08.2018). Besondere Aufmerksamkeit verdient der letzte Absatz: "Am Donnerstag, 30. August, geben Kirill Petrenko und die Berliner Philharmoniker ein Konzert auf dem Lucerne Festival. Auf dem Programm stehen "La Péri" von Paul Dukas, Sergej Prokofjews Drittes Klavierkonzert mit Yuja Wang als Solisitn und die Symphonie Nr. 4 von Franz Schmidt. BR-KLASSIK überträgt das Konzert live ab 19.30 Uhr."

  • Über den Dirigenten Teodor Currentzis wurde in den letzten Tagen in einem anderen Thread ja recht kontrovers diskutiert. Jetzt scheint er sogar unter die Schauspieler gegangen zu sein: DAU, Landau, Currentzis: Bei diesem abgefahrenen Berliner Kunstprojekt haben sich lauter Wahnsinnige gefunden (zuletzt aufgerufen am 30.08.2018) - Klingt wirklich ein wenig verrückt, andererseits aber hat auch die Callas nicht nur die Médée gesungen, sondern auch die Medea gespielt.

  • Perm ist die östlichste Millionenstadt Europas und seine Oper zählt neben dem Bolschoi- und Mariinski-Theater und dem von Nowosibirsk zu den bedeutendsten Häusern von Russland und zwar schon vor Currentzis.


    Auch wenn der zitierte Beitrag schon etwas zurückliegt, kurz etwas dazu. Ich habe 3 Jahre im Raum Perm gelebt, allerdings in den 80-ern. Was Rheingold schreibt, stimmt größtenteils. Die russischen Städte sind mit deutschen Städten nicht zu vergleichen, vor 30 Jahren nicht und auch jetzt nicht. Die Macht- und Geldfülle der Oberschicht bestimmten das Straßenbild. Breite Straßen mit Rieseneinfahrten waren für die Kutschen nötig, dem Volk blieb nur ein kümmerliches Dasein am Rande. Das war auch 1989 noch in großen Teilen so. Geschäftsstraßen, Gassen zum Bummeln und Flanieren - Fehlanzeige. Dafür gab es Parks jede Menge. Überall in Perm war es grün, und dazwischen die häßlichen Bauten des stalinschen Barock, und dazwischen wieder alte Herrenhäuser, teils mißbraucht z.B. als Gefängnis, teils bewohnt.


    Aber das Umfeld macht die Leute stark. Der russische Wald, die Weite, die Unendlichkeit der Landschaft, die Größe der Flüsse. Wer kennt schon die Kama, die durch Perm fließt. Dagegen ist der Rhein ein Bächlein. Jetzt, nach rund 30 Jahren, habe ich Sehnsucht nach diesem Land, welches seine Freiheit aus der Weite schöpft. Und stolz ist auf seine Kultur! Das Permer Opernhaus machte sich im 2. Weltkrieg seinen Namen, als Leningrader Sänger, Tänzer und Musiker nach Perm in Sicherheit gebracht wurden. Was sich daraus entwickelte, war Tradition. Die Ballett- und Opernaufführungen, die ich in Perm erlebte, waren traditionell und konservativ. Und die Bevölkerung hat jeden Veruch einer Modernisierung strikt abgelehnt.


    Ich kann mir heute, in Verbindung mit dem Namen Currentzis nur vorstellen, daß es jetzt in Perm auch Bestrebungen wie in Deutschland 1968 gibt, nämlich alte Zöpfe abzulegen und neue Wege zu gehen. Currentzis ist in Perm stark angefeindet worden. Holender hat einen Bericht über das Permer Opernhaus und Currentzis im TV gebracht, und er hat das exzentrische wohl festgestellt. Aber er hat eben auch gesagt, daß der Giovanni ihm die Augen neu geöffnet habe. Ihm, dem großen Holender! Der muß es doch einschätzen können! Man kann also in Stuttgart gespannt sein.


    Mir ist es eigentlich egal, Stuttgart liegt nicht in meinem Einzugsbereich. Ich glaube aber, daß zwischen Currentzsi und dem mir sehr gut bekannten Gabriel Feltz (der ja nach Stuttgart schon einige Zeit in Dortmund ist) hinsichtlich Musik- und Ästehtikauffassung Welten liegen. Ich kann mich aber auch täuschen. Ich glaube, ich würde Feltz vorziehen.
    Herzlichst La Roche

    Musik ist eine heilige Kunst - Hugo von Hofmannsthal. Aussage des Komponisten aus der Oper "Ariadne auf Naxos" mit der Musik von Richard Strauss.


  • Lieber Karl,


    ja, aber bezeichnend beschränkt sich die Heifetz-Kritik auf das, was wirklich zu hören war, nämlich den Vortragsstil und verzichtet auf Unterstellungen was die Motivation des Kunstlers angeht. Ich habe auch mal einen scharfen Verriss von Lang Lang geschrieben und mich ebenfalls nur darauf beschränkt, die Leistung zu kritisieren. Auf Spekulationen, was die "Intention" des Künstlers gewesen ist, also ob er ein Selbstdarsteller ist oder nicht, habe ich komplett verzichtet. Das wäre für mich nämlich die Grenze, wo sachliche Kritik in Richtung persönlich gerichteter Polemik überschritten wird. Und solche Polemik ist letztlich einfach überflüssig, man kann auch ohne Beleidigung der Person die Fehlleistungen deutlich ansprechen. ;)


    Schöne Grüße
    Holger

  • Der Thread über das Scheitern von Currentzis in Salzburg ist mit diesem hier zusammengeführt worden. Letztlich ging die sich aus der Rezension heraus entspinnende Diskussion über den Rezensionsanlass hinaus und beschäftigte sich mit den Arbeiten von Currentzis im Allgemeinen. Beiträge zu Themen aktueller Tagespolitilk ohne merklichen Bezug zum Threadthema habe ich entfernt. TP

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

  • Vorgestern und gestern war es soweit - Teodor Currentzis gab sein offizielles Auftaktkonzert mit seinem neuen Orchester, das damit endlich einen Chefdirigenten bekommen hat, vor ausverkauftem Haus und einem am Ende enthusiasmiertem Publikum. Ich habe das gestrige Konzert live miterlebt.


    Gewählt hatte Currentzis sich Mahlers 3. Symphonie - ein Werk, zu dem er wohl eine besondere Beziehung hat. Darüber gibt er in einem Video Auskunft, das bei SWR classic abrufbar ist. Und Hype hin, Hype her ... er hat geliefert!


    Das war eine rundum überzeugende, höchst intensive Interpretation, bei dem das Orchester und das Publikum auf der vordersten Stuhlkante saßen. Ich habe das Stück erst einmal live gehört - kenne aber sicher 15 verschiedene Einspielungen - und das war eine der besten und intensivsten Darbietungen, die ich bisher gehört habe. Mein erstes Liveerlebnis liegt ziemlich genau 30 Jahre zurück, Leonard Bernstein und das NYPO, die dabei entstandene DGG Aufnahme kennen viele. Nun, ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, das Konzert gestern hätte mich weniger beeindruckt als das in New York.
    Für meinen Geschmack in allen Sätzen die ideale Tempowahl, alle Details hörbar und zudem ein Spannungsbogen, der vom ersten bis zum letzten Takt reicht, das ist große Dirigierkunst. Das Fusionsorchester, das ja dank Michael Gielen zur Hälfte auch ein routiniertes Mahlerorchester ist, hat sich von seiner besten Seite gezeigt und man spürt wie dankbar sie sind, einen solchen Chefdirigenten bekommen zu haben. Nach den schwierigen Fusionsjahren kann dieses Orchester sicher sehr optimistisch in die Zukunft blicken. Und das Stuttgarter Publikum auch.


    Das Konzert wird noch in Freiburg und Wien wiederholt, es wird wohl auch im TV gesendet und ist derzeit auf der website verfügbar.

  • Danke, lieber lutrga, für diesen Bericht und den Hinweis auf die website. Ich werde es mir auf alle Fälle ansehen, denn ich bin ein Anhänger der großartigen 3. Sinfonie, habe mehrere Aufnahmen und das Internet, und habe diese beim ersten Hören mir endlos lange vorkommende Sinfonie inzwischen kennen und lieben gelernt. Und live erlebt z.B. mit der Dresdener Staatskapelle, dem Gewandhausorchester, dem mdr-Sinfonieorchester und der Staatslkapelle Weimar (2002 zum Abschied von Georg Alexander Albrecht als Chef!).
    Es muß ja etwas dran sein an Currentzis, was mir beim ersten Hören entgangen ist. Ein Mann wie Holender kann und darf sich nicht irren, auch wenn sich seine Begeisterung auf den Permer Don Giovanni beschränkte! Und er hat ja auch mit den Jahren an Erfahrung gewonnen (ich meine Currentzsi).
    Herzlichst La Roche

    Musik ist eine heilige Kunst - Hugo von Hofmannsthal. Aussage des Komponisten aus der Oper "Ariadne auf Naxos" mit der Musik von Richard Strauss.


  • Zitat

    Das Konzert wird noch in Freiburg und Wien wiederholt, es wird wohl auch im TV gesendet und ist derzeit auf der website verfügbar.


    Morgen früh im Fernsehen SWR 3, 9.00h !


    LG Fiesco

    Il divino Claudio
    "Wer vermag die Tränen zurückzuhalten, wenn er den berechtigten Klagegesang der unglückseligen Arianna hört? Welche Freude empfindet er nicht beim Gesang seiner Madrigale und seiner Scherzi? Gelangt nicht zu einer wahren Andacht, wer seine geistlichen Kompositionen anhört? … Sagt nur, und glaubt es, Ihr Herren, dass sich Apollo und alle Musen vereinen, um Claudios vortreffliche Erfindungsgabe zu erhöhen." (Matteo Caberloti, 1643)

  • Danke, lieber Fiesco, das nehme ich auf, denn früh um 9.00 Uhr ist nicht meine Zeit, um konzentriert Mahler zu genießen!
    Herzlichst La Roche

    Musik ist eine heilige Kunst - Hugo von Hofmannsthal. Aussage des Komponisten aus der Oper "Ariadne auf Naxos" mit der Musik von Richard Strauss.


  • Auch in der "Süddeutschen" vom 22.9. steht eine Kritik, bei der ich mich frage, wohin die Musikkritik steuert. Damit will ich keineswegs an Currentzis herummäkeln, dazu nehme ich die Meinungen der Kollegen hier zu ernst. Aber die Kritikerin schwingt sich zu einer Eloge auf, die man besser noch reimen und dann in Musik setzen sollte - vielleicht von Currentzis selbst.

    Ihr absolviert diese Stelle wie ein Intercity auf einer schwer zu nehmenden Weiche (mein verstorbener Chordirigent Johannes Glauber aus Essen)

  • Ich habe die Sendung ebenfalls aufgenommen und kurz in den dritten Satz hineingeschaltet. Die Posthornpassagen waren sehr verinnerlicht und stimmungsvoll, das Orchester spielte auf höchstem Niveau und voller Engagement.
    Ich freue mich darauf, den Rest zu hören...

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.
    Gustav Mahler

  • Meine Aufnahme von heute 9.00 Uhr habe ich ab ca. 13.00 Uhr komplett gehört, und etwas Besseres hätte ich mir bei diesem Wetter nicht antun können.
    Der erste Eindruck: Currentzis hat seine Kleidung dem Ereignis angepaßt. Dirigenten tragen ja nur noch selten den Frack, das ist den Orchestermännern gepflichtet. Aber der Chef trug schwarzen Zwirn. Es ist zwar kein Kriterium, um einen Chefdirigenten zu beurteilen, aber ich bin altmodisch. Er stand da und wirkte, wirkte wie der "Chef". Nun meine Eindrücke, wobei ich betonen möchte, nicht nach wissenschaftlichen oder philosophischen Erkenntnissen zu lauschen, sondern danach, "was mir mein Bauchgefühl sagen will". Darin unterscheidet sich ein Konzerterlebnis bei mir von den Gedankengängen des Dr. Kaletha.


    Die ersten Einsätze der 8 Hörner zum wohl längsten 1. Satz einer Sinfonie kamen wie aus einem Guß, ich merkte, wie sich meine Haltung straffte, als würde ich in "Habt acht"-Stellung gehen. So exakt, im absoluten Gleichklang - das ließ viel erwarten. Alle kniffligen Stellen des 1. Satzes bis hin zum marschartigem Schluß bestätigten meinen ersten Eindruck. Das ging weiter so. Der Beginn des 2. Satzes war nicht nur ein Menuett, hier tanzte man dazu, so rhythmisch brachte Currentzis die Streicher und dazu extrem zart zu spielen. Ich weiß nicht, wieviel Proben dazu erforderlich waren, aber das Ganze war gelungen.
    Der 3. Satz (oder besser die 3. Abteilung) begann, wie man es schon oft gehört hat. Man hörte den Wind um die Bäume kreisen, das Gras rascheln, man glaubte, selbst im Wald zu sein. Wie schon Norbert sagte, das Posthornsolo war "Fern" , dh. unsichtbar außerhalb des Saales postiert (das habe ich z.B. in Leipzig schon 2x anders erlebt) und gewann dadurch gewaltig an Räumlichkeit. Und mit dem Einsatz der Streicher und der Hörner nach der 2. Solostelle bekam ich Gänsehaut. Diese Gänsehaut setzte sich fort mit dem Altsolo. Nach dem "O Mensch" waren die Violinen derart zart, ich glaube, mir standen die letzten Haare zu Berge. Nicht nur Gänsehaut, sondern Gefühl bis hin zu feuchten Augen. Der 4. Satz war für mich der Gelungenste.
    Mit dem 5. Satz konnte ich bisher nie etwas anfangen, das hat sich trotz toller Chöre auch heute nicht geändert. Die Aussage erreicht mich nicht. Dafür war der letzte Satz die Steigerung, die man in dieser Sinfonie erwartet. Der choralartige Schluß mit sauberen Bläsern, auch sehr gut zu hörendem Schlagwerk ist in dieser Gesamtheit immer ein Ereignis, und Currentzis kostete es aus, von ppp bis zum fff in absoluter Präzision, mit persönlicher Hingabe (man merkte ihm an, daß das Musizieren mit dem Orchester ihm Freude bereitete!!). Und der Wahnsinnsschluß brachte ein Ergebnis, von dem wohl jeder Musiker träumt: Kein Apllaus für eine gefühlte Minute, bevor der Orkan losbrach. Ich glaube, Currentzis hat einen Paukenschlag an den Beginn seiner Stuttgarter Zeit gesetzt. Mich hat er überzeugt mit Mahler, und warum er mit Beethoven in Salzburg gescheitert sein soll, das muß andere Ursachen haben. In dieser Qualität würde ich mir alle Schostakowitsch-Sinfonien reinziehen.
    Und was ist mit meinem Bauchgefühl? Es war ein tolles Erlebnis, und ich war vollstens begeistert von Theodor Currentzis. Ich habe bedauert, nicht applaudieren zu können. Außer meiner Frau hätte es ja keiner gehört. Das Schicksal ist hart, weil Stuttgart so weit ist. Oder auch nicht, ich habe einen Diesel mi E4 und damit Lokalverbot.


    Herzlichst La Roche

    Musik ist eine heilige Kunst - Hugo von Hofmannsthal. Aussage des Komponisten aus der Oper "Ariadne auf Naxos" mit der Musik von Richard Strauss.


  • Hallo,


    gestern lief eine Doku über Currentzis. Ich mag den Kerl nicht, irgendwie finde ich ihn selbstherrlich und eitel.


    Erst er und dann die Musik inkl. Musiker.


    Aber vielleicht liege ich auch komplett falsch, also schau ich mir die Doku an.


    Und was erzählt er da gleich zu Beginn:


    Musik ist nicht was der Komponist geschrieben hat, sie gibt es nur im Jetzt.


    Ok, die Noten sind es nicht, sondern was Herr C. daraus macht, wenn er beim Dirigieren mehr einem Balletttänzer gleicht.


    Gut, wird einer sagen, so wird man wenigstens wahrgenommen.


    Nein danke, da halte ich mich gerne an Klemperer, der für sich erkannt hatte, daß schon zuviel Herumfuchteln mit dem Stab nur störend wirkt.


    Nette Grüße


    Karl

  • Die Dokumentation heißt "Die Sprache unserer Träume" und ist in der Mediathek des SWR-Fernsehens zu besichtigen. ( ca. 60 Minuten)

    [Externe Link sind wohl hier nicht erlaubt, wenn ich mich recht entsinne, es ist aber leicht über Suchmaschinen zu finden.]


    Gruesse...MDM

  • Ich mag den Kerl nicht, irgendwie finde ich ihn selbstherrlich und eitel.

    Wenn das Ergebnis stimmt, kann er ruhig eitel sein. Und zumindest einige Aufnahmen finde ich geradezu sensationell gut.

    Nein danke, da halte ich mich gerne an Klemperer, der für sich erkannt hatte, daß schon zuviel Herumfuchteln mit dem Stab nur störend wirkt.

    Na ja, dann müsste man auch Bernstein vorwerfen, durch seinen Dirigierstil eher gestört zu haben.

    Die Dokumentation heißt "Die Sprache unserer Träume" und ist in der Mediathek des SWR-Fernsehens zu besichtigen. ( ca. 60 Minuten)

    [Externe Link sind wohl hier nicht erlaubt, wenn ich mich recht entsinne, es ist aber leicht über Suchmaschinen zu finden.]

    Danke für den Hinweis. Mir ist aber nicht bekannt, dass das Einstellen von Links hier verboten wäre.

  • Danke für den Hinweis. Mir ist aber nicht bekannt, dass das Einstellen von Links verboten wäre.

    Hallo Bertarido,


    Es war jedenfalls in der Vergangenheit Gegenstand der Diskussion:


    Zum 500. Mal: BITTE KEINE Links auf andere Seiten !!!


    Dieser Thread ist im Unterforum auch noch immer oben angepinnt.


    Über die aktuelle Gültigkeit könnte sich eventuell ein Moderator äußern.



    Gruss...MDM

  • Ich habe mir die Dokumentation gerade angeschaut, und ich muss sagen, dass ich Currentzis dort zwar etwas exzentrisch, aber durchaus sympathisch finde. Vor allem scheint er mir von der Liebe zur Musik getrieben zu sein.

  • Danke für den Hinweis auf die Doku. Habe mir das eben auch mit Interesse angesehen.

    Meine ersten Eindrücke waren: Hoffentlich spricht er nicht so lange. Da fielen dann gewichtig vorgetragene Formulierungen ("eine neue Sprache erfinden, die Sprache unserer Träume"), die nicht daneben, aber zunächst fast banal wirkten. Übrigens auch der Satz über die "Musik nur im Jetzt" - für mich eine Selbstverständlichkeit. Und als er dann darüber redete, dass sich durch und in der Musik "Räume" auftun, in denen er sprechen könne über seine Liebe und Probleme und Einsamkeit - da dachte ich: Warum sollte ich mir das anhören wollen?

    Aber das war eben lange und gottseidank nicht alles. Bertarido hat völlig Recht: Das Einzige, das zählt, ist das klangliche Ergebnis in all seinen Facetten. Und das Wesentliche zu Currentzis habe ich gesehen in seiner unbedingten Art, mit den Orchestern in Musik zu kommunizieren. Es war natürlich quantitativ nicht viel zu sehen, aber wenn das kein Zerrbild seiner Arbeit war, dann hat er äußerst viel zu vermitteln und zu geben - eine musikalische Führung in Musik. Und die Entfaltung der Musik ist das Zentrum, nicht er als Person.

    Geradezu kurios wurde es, als man zunächst sah, wie verhältnismäßig förmlich er beim und vom SWR-Sinfonieorchester empfangen wurde, und dann, wie ungebunden das Zusammenwirken mit seinen Musikern in Perm überbordet in mehrerlei Hinsicht. SWR und Currentzis sind erstmal eine irgendwie irre Mischung, eine sehr heterogene Konstellation. Fast wesensfremd wirkte das. Dennoch scheint der Beginn geglückt zu sein. Die Begebenheit mit dem Konzert, das er dort drei Stunden nach einer Vollnarkose gegeben hat, ist nicht nur stark, sondern ebenfalls ein Indiz für seine Authentizität und künstlerische Potenz sowie Führungskraft.

    Auch in Anbetracht der die Musiker belastenden jüngeren Geschichte des Orchesters wünsche ich dieser neuen Verbindung eine beflügelte Zukunft.

  • Links darf man im Forum setzen, allerdings zwischen zwei Anführungszeichen.

    Wer sich den Link mit dem Link verbinden möchte, braucht nur das, was zwischen den beiden Anführungszeichen zu kopieren und oben einzufügen.

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    Alleen / Alleen und Blumen // Blumen / Blumen und Frauen // Alleen / Alleen und Frauen // Alleen und Blumen und Frauen und / ein Bewunderer


    Aus Solidarität mit Eugen Gomringer habe ich die Übersetzung eines seiner Poeme gesetzt, weil dieses Gedicht, das sich an einer Hausfassade in spanischer Sprache befindet, überpinselt werden muss. Grund: Sexismus-Vorwurf
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  • Was Leiermann in seinem Beitrag schreibt, dem kann ich mich anschliessen. Ich habe die Fernseh Doku "Sprache der Träume" über den Dirigenten Teodor Currentzis gesehen. Und sie hat mich angesprochen. Vom Wesen dieses Dirigenten hat sich mir etwas gezeigt, was man in 60 Minuten über einen Menschen erfahren kann. Ein Selbstdarsteller? Ja, eitel nicht unbedingt. Wer kommt schon zur Vertragsunterzeichnung im löchrigen Wollpullover. Ein Musikbesessener? Ja, einer der totalen Einsatz gibt, einer der stundenlange Proben ansetzt, einer der nach einer Nierenkolik und Operation in Vollnarkose drei Stunden später Bruckners Neunte und Ligetis "Lontano" dirigiert. Ehrlich? Ja, wenn er von einer vergangenen Liebesbeziehung spricht, was ihn nicht im besten Licht doch menschlich zeigt. Die Musiker des SWR Orchester, das nach einer leidvollen Fusion Orientierung und neue Impulse sucht, ist gespannt auf ihren Chef. Von seiner Art zu Proben sind sie angetan.


    Vor dieser Doku wurde übrigens besagtes Bruckner/Ligeti Konzert in voller Länge gezeigt.


    Den Formen des Musikbetriebs ordnet er sich unter, teilweise, die Kleidung im Konzert schwarzes Hemd und Hose, dort wo es passt in einem Rameau Konzert durchbricht er auch Konventionen, wenn die Musiker angeführt vom Dirigenten durch die Reihen des Publikums musizierend gehen.


    In meiner Sammlung besitze ich vier Aufnahmen: Die drei Aufnahmen, die T.C. mit dem Orchester Musica Aeterna für das französische Label Alpha aufgenommen hat und nun, weil vergriffen, wegen seiner Berufung zum ersten Chefdirigenten des SWR Orchesters neu aufgelegt werden: das Mozart Requiem, von Purcell "Dido und Aeneas" sowie die 14. Sinfonie von Schostakowitsch. Ich hatte mir überlegt, was diesen drei Werken gemein ist. Es ist das Thema des Todes, das aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet wird: religiös im Falle des Requiems, aus Sicht der Liebenden in der Oper und der des Individiums in der Sinfonie. (Bei jpc übrigens gegenwärtig exclusiv als Komplettpaket zum Sonderpreis erhältlich.)

    Die vierte Scheibe in meiner Sammlung ist Tschaikowskys 6. Sinfonie "Pathėtique".


    Alle Einspielungen lassen mich nicht kalt. Aus verschiedenen Gründen. Es werden Extreme ausgelotet, alles ist tief empfunden, die Sänger des Chores und das Solistenensemble im Requiem bringen eine Leistung , die Gänsehaut erzeugt. Gedanklich werden die Werke durchdrungen, persönliche Sichten des Dirigenten werden eingebracht. Im Booklet zur Tschaikowsky Sinfonie ist ein Brief des Dirigenten abgedruckt.


    Für mich ist spürbar, dass für T.C. Musik das Leben, Leben Musik ist.

    Alleen / Alleen und Blumen // Blumen / Blumen und Frauen // Alleen / Alleen und Frauen // Alleen und Blumen und Frauen und / ein Bewunderer


    Aus Solidarität mit Eugen Gomringer habe ich die Übersetzung eines seiner Poeme gesetzt, weil dieses Gedicht, das sich an einer Hausfassade in spanischer Sprache befindet, überpinselt werden muss. Grund: Sexismus-Vorwurf
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