Eichhörnchen in der Musik

  • Dieses Thema ist natürlich eine Frechheit, denn nicht mal in Janaceks schlauem Füchslein gibt es Eichhörnchen, obwohl man nicht weiß, ob dereinst Christoph Marthaler, der diese Oper zum Glück noch nicht ermordet hat, diese Tierchen noch zu Hauptfiguren macht.
    Das Thema hat verschiedene Väter. Einer ist Alfred himself, weil er gerne knackige Titel hat. Der andere ist Robert Gernhardt, der sogar eine Kunstgeschichte der Bisamratte versucht hat.
    Nun aber: worum geht es? Es geht schlicht und einfach um Sammlungen von Musikstücken, und dafür ist doch das Eichhörnchen ein beliebtes Symbol. Aber hier stocke ich schon, denn es gibt Sammlungen zweier unterschiedlicher Arten: einmal die Sammlungen, die angelegt wurden, um viele verschiedene Komponisten und Kompositionen zu vereinen und auch dadurch zu retten. Zum anderen Sammlungen, die von den Komponisten selbst angelegt wurden, aus welchen Gründen auch immer. Als Beispiel hierzu fallen mir zwei Sammlungen ein: die Geistliche Chormusik (1648) von Schütz und das "Israelis Brünnlein" von Johann Hermann Schein.


    Nun gut, hier das erste Beispiel: El Cancionero de la Colombina. Hier handelt es sich um eine spanische Sammlung von Liedern (villancicos) und Instrumentalwerken aus der Zeit des Beginns des siglo de oro, 1460 - 1480. Nach der Heirat von Isabel von Kastilien und Fernando von Aragon gingen diese, auch Reyes Católicos genannten Herrscher, daran, Spanien endgültig von den Mauren zurückzuerobern (Reconquista). Das entscheidende Jahr dazu war 1492. Wir kennen das Datum eher als die Entdeckung Amerikas durch Kolumbus, aber für die Spanier war es der Fall Granadas, der die Reconquista beendete. Diese bedeutete aber auch die Vertreibung aller Muslime und Juden aus dem Land, was ein großer wirtschaftlicher Aderlass war. Maurische und jüdische Elemente blieben aber in der Musik präsent.
    Die Liedersammlung "El cancionero de la Colombina" entstand 1460-1480, also noch vor dem "Cancionero de Palacio" (1500). Enthalten sind 95 Stücke aller Stilarten (canciones, villancicos, romances, ensaladas, auch geistliche Marienlieder sind darunter), die Hälfte der Stücke ist anonym. Der Name "La Colombina" kommt daher, dass der zweite Sohn von Kolumbus, Fernando Columbus, diese Sammlung 1543 in seine Bibliothek aufnahm, die sog. Biblioteca Colombina. Nach seinem Tod kam die Sammlung an die Kathedrale von Sevilla, wo sie bis heute ist.
    Es gibt eine sehr schöne Auswahl (22 Nummern) aus dieser Sammlung, die Jordi Savall eingespielt hat.



    Diese CD wird bei Amazon unter anderem gebraucht für 2,72-- angeboten, neu aber auch für 570 Zechinen.
    Es gibt auch ein Vokalensemble "La Colombina", deren Hauptsänger die Katalonier Josep Cabré und Josep Benet sind, die allerdings auch in vielen anderen Vokalensembles mitwirken.


    Sehr schön ist auf der Savall-CD das Lied Nr. 16:


    Mein Mann ging mit dem Erzbischof (sc. in den Krieg).
    Er ließ mir einen Sohn zurück.
    Jetzt aber habe ich 5 davon.
    2 wurden Karmeliter,
    2 Franziskaner.
    Was für ein guter Heiliger ist der Heilige Johannes.

    Ihr absolviert diese Stelle wie ein Intercity auf einer schwer zu nehmenden Weiche (mein verstorbener Chordirigent Johannes Glauber aus Essen)

  • Dies ist eine Musiksammlung der katholischen Könige, die nach der Vertreibung der Mauren und Juden so gut wie ausschließlich spanische Komponisten beschäftigten. Dadurch kam eine durchaus volkstümlichere Note in die Musik, bedingt vor allem durch die Gattung der villancicos. Bis heute wird diese Sammlung im Königspalast zu Madrid aufbewahrt, wie
    der Name ja auch schon sagt. Von ursprünglich 548 Werken sind noch 458 enthalten. Die Zeit der Entstehung liegt zwischen 1470 und 1510, also später als der "cancionero de la colombina". Richtig bekannt wurde diese Sammlung erst durch eine Edition des Musikologen Asenjo Barbieri 1890 (also unser Eichhörnchen). Der bekannteste Komponist dieser Sammlung, der auch die meisten Beiträge (63) schrieb, war Juan de Encina.
    Es gibt eine CD bei Amazon:



    Ich selber habe eine kleine Sammlung aus dem WDR mitgeschnitten, was den Vorteil hat, dass die Ansage immer genaue Angaben zum Werk und zu den Mitwirkenden hat und dieses dazu komplett kostenlos ist.
    Was an der Musik der beiden bisher erwähnten cancioneros schon früh auffällt, ist die Liebe der spanischen Musik zu raffinierten Rhythmen.

    Ihr absolviert diese Stelle wie ein Intercity auf einer schwer zu nehmenden Weiche (mein verstorbener Chordirigent Johannes Glauber aus Essen)

  • Das ist ja echt ein Knüller! Leider hatte ich beim Aufrufen der Seite technische Probleme, denn immer, wenn das blaue Eichhörnchen erscheinen sollte, drängte sich Parsifal vor. ich werde es aber noch weiter versuchen. Sehr verheißungsvoll ist ja schon der Name des Orchesters mit "Frivolités Parisiennes".
    Danke, Schneewittchen. Übrigens, immer wenn ich deine Beiträge lese und deinen Avatar sehe, fällt mir meine Theatergruppe für die Unterstufe ein. Der größte Knüller, den wir je hatten, war ein selbstgeschriebenes Stück mit dem Titel "Schneewerbchen und die 7 Konsumzwerge!

    Ihr absolviert diese Stelle wie ein Intercity auf einer schwer zu nehmenden Weiche (mein verstorbener Chordirigent Johannes Glauber aus Essen)

  • Vom folgenden Komponisten möchte ich kein Lied über ein Eichhörnchen vorstellen, sondern ihn sozusagen selbst als Eichhörnchen, denn als ich die folgende Gesamtaufnahme erstand, stellte ich fest, dass er zusammen mit Schubert und Brahms wohl die meisten Lieder komponiert oder bearbeitet hatte, nämlich weit über 300:



    Es gibt in dieser Box eine Sammlung "Schottische Lieder op. 108", neben walisischen Liedern, italienischen Arien und und und. Aus den Schottischen Liedern habe ich hier folgenden Text:


    Behold my love how green the groves


    Behold, my love, how green the groves,
    The primrose banks how fair;
    The balmy gales awake the flowers,
    And wave thy flowing hair.

    The lav'rock shuns the palace gay,
    And o'er the cottage sings:
    For Nature smiles as sweet, I ween,
    To Shepherds as to Kings.


    Let minstrels sweep the skilfu' string,
    In lordly lighted ha':
    The Shepherd stops his simple reed,
    Blythe in the birken shaw.

    The Princely revel may survey
    Our rustic dance wi' scorn;
    But are their hearts as light as ours,
    Beneath the milk-white thorn!

    The shepherd, in the flowery glen;
    In shepherd's phrase, will woo:
    The courtier tells a finer tale,
    But is his heart as true!

    These wild-wood flowers I've pu'd, to deck
    That spotless breast o' thine:
    The courtiers' gems may witness love,
    But, 'tis na love like mine.


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Schon im ausgehenden Mittelalter, bzw der Frührenaissance entstanden Liedersammlungen von zumeist unbekannten Autoren, bzw aus verschiedenen Quellen. Eine der ersten Liedersammlungen in deutscher Sprache ist das "Lochhamer Liederbuch" (auch Lochhaimer Liederbuch), welches etwa um 1450 zusammengestellt wurde und ungefähr 50, hauptsächlich einstimmige Lieder des Spätmittelalters. bzw der Frührenaissance umfasst, durch zahlreiche Doubletten und unkomplett erhaltene Lieder schwankt die genannte Anzahl je nach Quelle. Der Name weist auf einen ehemaligen Besitzer "Wolflein von Lochham" hin, der sich auf Seite 37 der 92 seitigen Handschrift als Eigentümer der Sammlung deklariert, und auf diese Weise verewigt hat. Eine Auswahl von 25 Titeln findet sich auf der abgebildeten Naxos CD.

    mit freundlichen Grüßen aus Wien
    Alfred

  • Thank you!


    Liebe Grüße


    Willi ^^


    Also, da habe ich nun nichts mehr verstanden. Bea und wo, verdammt noch mal, sind die Eichhörnchen?
    Lieber Willi, das ist ja der größte Hammer, dass Beethoven 300 Lieder schrieb. Ich denke mal, dass wir allen großen Sammlern posthum das "Blaue Eichhörnchen" verleihen. Vielleicht macht einer von euch einen künstlerischen Entwurf dazu.

    Ihr absolviert diese Stelle wie ein Intercity auf einer schwer zu nehmenden Weiche (mein verstorbener Chordirigent Johannes Glauber aus Essen)

  • In meiner Gesamtausgabe habe ich folgende Lieder, die ich der Einfachkeit halber in der Reihenfolge der Gesamtausgabe aufliste:


    An die ferne Geliebte op. 98 (Songs I)................14 Lieder
    Liederkreis von Alois Jeitteles


    Sechs Lieder von Chrstian
    Fürchtegott Gellert op. 48 ...................................6 Lieder


    Lieder nach W. A. Goethe.................................... 7 Lieder
    Liebeslieder (Songs II)......................................... 19 Lieder
    Scherzlieder (Songs III)..........................................5 Lieder
    vier Arietten und ein Duett mit
    italienischem Text op. 82......................................11 Lieder
    Ernste Lieder........................................................11 Lieder
    Verschiedene Lieder (Songs IV) ............................16 Lieder
    Canons, Epigrams and Jokes................................72 Lieder (teils sehr kurz, davon 9 Irish songs)
    Irish songs II WoO 152 & 153 (Songs V)............. 22 Lieder
    Irish songs III WoO 154 ( Songs VI)......................12 Lieder
    Welsh songs WoO 155 (Songs VII).......................26 Lieder
    Scottish songs WoO 156 & 157 (Songs VIII).........24 Lieder
    Scottish songs op. 108 ? WoO 158/1 (Songs IX) ..52 LIeder
    Folksongs WoO 158 A/B/C/ (Songs X)................... 19 Lieder


    Insgesamt handelt es sich um 316 Lieder auf 10 CD's, die Beethoven entweder komponiert oder bearbeitet hat.


    Hier noch einmal das oben angeführte Lied:
    nbZmBBmYWSI&nohtml5=False


    Liebe Grüße


    Willi :)


    P.S. Mein Zitat von 20.22 bezog sich auf einen Fehler, auf den mich unser lieber Stimmenliebhaber aufmerksam gemacht hatte. Ich hatte zuerst geschrieben, dass Beethoven über 300 "Leder" geschrieben oder bearbeitet habe, und Stimmenliebhaber hatte nach meiner Korrektur seinen Beitrag wieder gelöscht. :D

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).


  • Eine weitere Sammlung von Musikstücken enthält das schlesische "Glogauer Liederbuch" Ebenso wie das in Beitrag Nr 6 vorgestellte Lochamer Liederbuch stammt es etwa aus der Zeit um 1450. Allerdinge ist es vom Umfang her wesentlich größer, es enthält 292 geistliche und weltliche Musikstücke, teils intrumental, teils vokal. Naturgemäß ist auch hier nur eine kleine Auswahl auf CD enthalten- Allerdings hat man hier zwei Anbieter zur Auswahl. bzw der Liebhaber alter Musik wird vermutlich beide haben wollen....
    mit freundlichen Grüßen aus Wien
    Alfred

  • Die Volksliedbearbeitungen sind beinahe 200 Lieder, aber das sind natürlich "nur" Bearbeitungen, d.h. die Melodien waren vorgegeben. (Freilich zählt man bei Bach Choralsätze auch als originale Werke.)
    Ich finde keine genaue Zahl für die originalen Lieder Beethovens, das dürften um die 100 sein (ich habe gewisse Zweifel, ob Prey et al. auf capriccio wirklich "sämtliche" sind; es gibt eine andere angebliche GA mit 5 CDs. Es kommt auch darauf an, inwieweit man nur Klavierlieder oder auch Scherzkanons, Arien u.ä. mitzählt oder nicht.
    Das sind zwar viel mehr Lieder als man für Beethoven "auf dem Schirm" hat, aber (nur quantitativ gesehen) nicht besonders viele verglichen mit den Liedkomponisten des 19. Jhds. Schumann hat in seinem "Liederjahr" 1840 allein über 130 komponiert, insgesamt wohl über 200. Loewe, Wolf, u.a. noch mehr.


    Lieder über Tiere gäbe es z.B. das berühmte Flohlied (aus Faust) und "Elegie auf den Tod eines Pudels"


    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Beethoven in allen Ehren, aber habt ihr mal überlegt, dass dieses Thema im Rahmen der "Alten Musik" liegt. Aber auf der anderen Seite: es ist auch wieder egal.

    Ihr absolviert diese Stelle wie ein Intercity auf einer schwer zu nehmenden Weiche (mein verstorbener Chordirigent Johannes Glauber aus Essen)

  • Ich habe mir noch mal deinen Eingangsbeitrag durchgelesen, und festgstellt, dass zu zwar selbst Beispiele aus der "alten Musik" gewählt hast, aber nicht explizit gefordert hast, dass die Beispiele anderer Taminos auch aus der "alten Musik" stammen müssen :D .
    Sonst hätte ich ja nie gewagt, das Beispiel Beethoven zu wählen. ^^


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • aber nicht explizit gefordert hast, dass die Beispiele anderer Taminos auch aus der "alten Musik" stammen müssen :D .


    Doch, lieber Willi. Unser Dottore hat es sicher nicht zufällig in den Bereich "Forum für alte Musik - vom Mittelalter bis zur Renaissance" gestellt. :yes:

    Einer acht´s - der andere betracht´s - der dritte verlacht´s - was macht´s ?
    (Spruch über der Eingangstür des Rathauses zu Wernigerode)

  • O, da habe ich mal wieder nicht auf die Überschrift geschaut.


    Ich nehme meine in Beitrag Nr. 13 getätigte Behauptung mit dem Ausdruck des größten Bedauerns und reumütiger Zerknirschung zurück und behaupte nunmehr das Gegenteil. :hail:


    Liebe Grüße


    Willi :untertauch:

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Ich habe gar nicht bemerkt in welchem Bereich sich der Thread befand, hatte aber intuitiv das Gefühl, hier ginge es vorzugsweise um alte Musik und habe meine Beiträge dementsprechend gestaltet.
    Das Thema Beethoven-Lieder - und zwar die Bearbeitung alter irischer, walisischer und schottischer Volkslieder passt aber dennoch irgendwie in den gesteckten Rahmen, da Beethoven die Bearbeitungen ja im Auftrag eines Schottischen Sammlers alter Volkslieder, nämlich George Thomson aus Edinburgh (1757-1851) ausführte. Das Sammeln alter Volkslieder und deren Aufbereitung war im späten 18. frühen 19. Jahrhundert eine Mode in Schottland. Die Lieder indes waren meist viel älter, womit wir wieder (vereinzelt) im angepeilten Zeitraum angelangt wären.


    mfg aus Wien
    Alfred


  • Als nächstes möchte ich die Liedersammlung von Alexander Utendal (ca 1530-1581) vorstellen. Sie trägt en Titel:
    "Froeliche newe teutsche vnnd Frantzoesische Lieder"
    Die Sammlung umfasst jeweils 13 deutsche und französische Lieder , sie wurde in Innsbruck komponiert und 1574 in Nürnberg gedruckt und war Erzherzog Ferdinand II (1529-1596) von Tirol gewidmet.
    Ich selbst besitze eine Aufnahme dieses Werkes, allerdings nicht die hier LINKS abgebildete. Offensichtlich ist der Freiraum in bezug auf Instrumentierung und Interpretation ein gewaltiger, denn die in meinem Besitz befindliche Aufnahme (RECHTES BILD)weicht von der hier gezeigten significant ab. Während die Einspielung des Enesembles "Romanesque" eher verhalten klingt, ist die Aufnahme von Schloss Ambras mit der neuen Innsbrucker Hofkapelle etwas rhytmischer und derber, mit einsat von Pauken, die auf der "Ricercar"-Aufnahme gar nicht vorhandnen scheinen.
    Dieser Freiraum dürfte vom Komponisten eingeplant wirden sein, denn es heisst im Vorwort der Sammlung:
    "Froeliche newe Teutsche vnnd Frantzoesische Lieder, lieblich zu singen,
    auch auff allerley Instrumenten zu gebrauchen"


    mit freundlichen Grüßen aus Wien
    Alfred


    PS; Die rechte CD ist über unsere Werbepartner nicht zu bekommen, die Quelle siehe Link:


    http://cdeditionen.musikland-t…ontent/cd-editionen-2001/

  • Ich habe jetzt etwas gelesen, und damit befinde ich mich hoffentlich in der richtigen Zeitspanne, von "El Cancionero de Palacio", einer Sammlung von Liedern aus dem Mittelalter und dem 16. Jahrhundert, hier in folgender Einspielung:



    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Lieber William, wir sind hier nicht pingelig und lassen den Beethoven gelten. Aber wenn du mal in Beitrag Nummer 2 schaust, was findest du da: El Cancionero de Palacio. Die dort vorgestellte CD ist mit deiner identisch, aber deine ist wohl eine neu digitalisierte. Aber es macht natürlich nichts 8-) , ich freue mich total, dich und auch Alfred hier mit sehr erhellenden Beispielen zu finden. Ich habe am Anfang selber nicht geglaubt, dass das Thema so viel hergibt. Aber noch habe ich mein Pulver nicht verschossen.

    Ihr absolviert diese Stelle wie ein Intercity auf einer schwer zu nehmenden Weiche (mein verstorbener Chordirigent Johannes Glauber aus Essen)

  • Wo du Recht hast, hast du Recht, lieber Dottore, aber jetzt habe ich noch mal alle Beiträge durchgesehen und meine, dass wir diese hier noch nicht gehabt hätten, die "Cantigas de Santa Maria", eine der größten Sammlungen von Liedern des Mittelalters, in galicisch-portugiesischer Sprache, die man damals auf der iberischen Halbinsel sprach. Die Cantigas bestehen aus 420 Gedichten, die zum größten Teil dem lobpreis der Jungfrau Maria dienten. und in der Niederschrift zum Teil mit aufwändigen Miniaturen verziert waren. 357 Lieder erzählen von Marias Wundern, und 63 haben ihre Lehren und die Festlichkeiten Mariens zum Inhalt. Die Lieder sind metrisch stark unterschiedlich.
    Sie sind während der Herrschaft des Königs Alfons X. (1221 - 1284) gesammelt worden.


    Hier haben wir die Cantiga Nr. 10, die in 13 Liedern die "Rose der Rosen" zum Inhalt hat:



    Liebe Grüße


    Willi :)


    Vergl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Cantigas_de_Santa_Maria

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Klasse, lieber William, diese Sammlung hatte ich glatt vergessen, dabei haben wir in den 80ern in unserer evangelischen Schola (6 Männer) eins der Lieder daraus gesungen. Vom Ensemble Unicorn gibt es auch eine schöne CD mit Liedern von Dufay (da ist der Counter Bernhard Landauer der Protagonist, ein sehr guter Sänger, von dem man leider nie viel hört; ich habe ihn mal als Oberon in Brittens Sommernachtstraum in Gelsenkirchen erlebt).

    Ihr absolviert diese Stelle wie ein Intercity auf einer schwer zu nehmenden Weiche (mein verstorbener Chordirigent Johannes Glauber aus Essen)

  • Vielleicht ist der Counter auch ein Raub der Flammen geworden, was wir jedoch nicht hoffen wollen.


    Liebe Grüße


    Willi :D

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • William Brade, 1560 in England geboren , 1630 in Hamburg gestorben hat 5 Sammlungen von Kompositionen hinterlassen, wovon 2 (auszugsweise oder komplett) auf der hier gezeigten CD unter dem Namen „Hamburger Ratsmusik“ enthalten sind.
    Es handelt sich um jeweils eine Sammlung von Consortmusik Brades , welche nicht, wie das Cover uns glauben machen will um „ca 1600" veröffentlicht wurden, sondern um 1609 (Hamburg) und um 1614 (Hamburg)
    Weitere Sammlungen erschienen 1618 in Antwerpen und 1621 in Berlin.


    Newe ausserlesene Paduanen,
    Galliarden, Canzonen, Allmand und Coranten auff allen
    musicalischen Instrumenten lieblich zu gebrauchen (mit 5 Stimmen)
    Hamburg 1609


    Newe auserlesene Paduanen und Galliarden auff allen musicalischen
    Instrumenten und insbesonderheit auf Fiolen lieblich zu gebrauchen
    (mit 6 Stimmen)
    Hamburg 1614


    Der Hinweis auf „Fiolen“ (Violinen) findet sich erst in den Drucken von 1614 und 1617


    Brade dürfte um 1594 England verlassen haben, denn wir finden ihn von 1594 am Hof des dänischen Königs, Christian IV, es folgten Engagements in Berlin am Brandenburger Hof, dann in Bückeburg und von 1613-15 in der Hamburger Ratskapelle. Er wechselte den Aufenthaltsort noch einige Male, starb aber dann am 26. Februar 1630 in Hamburg.
    Auch wenn Brade heute nahezu unbekannt ist, zu Lebzeiten war er ein gesuchter Musker und Komponist.


    Man sollte Consortmusik mögen, wenn man die vorgestellte CD erwerben möchte. Sollte das aber der Fall sein, dann ist sie in jedem Fall ein absolutes MUSS,


    mit freundlichen Grüßen aus Wien
    Alfred

  • Brade kenne ich gut, denn diese CD ist vor Jahren mal im WDR vorgestellt worden; da habe ich eine Aufnahme von gemacht. es ist sehr lebendige Musik (kein Wunder bei all den Tänzen), und wird von Hesperion XX auch sehr gut dargeboten.

    Ihr absolviert diese Stelle wie ein Intercity auf einer schwer zu nehmenden Weiche (mein verstorbener Chordirigent Johannes Glauber aus Essen)

  • Eine nicht ganz unbekannte und sehr sehr alte Liedtextsammlung spukt mir schon lange im Kopf herum, und sie wurde hier noch nicht genannt:

    Carmina Burana (oder: Lieder aus Benediktbeuern)
    sind eine Sammlung von 254 mittelalterlichen, seltener mittelhochdeutschen, altfranzösischen und provenzalischen Lied- und Dramentexten, die 1803 in der Klosterbibliothek Benediktbeuern entdeckt wurden und im 11. und 12. Jahrhundert, einige auch im 13. Jahrhundert verfasst wurden, von so bekannten Autoren wie Hugo von Orleans (+ um 1160), dem Dichter Archipoeta (+ nach 1165), Walter von Châtillon (+ 1201), Petrus von Blois (+ 1203) oder anderweitig überliefert wurden und können z. B. den deutschen Minnesängern Dietmar von Aist (+ nach 1170), Heinrich von Morringen (+ 1222), (Walther von der Vogelweide (+ 1228) und Heidhart (+ 1240) zugeordnet werden.
    Einem breiten Publikum wurden 24 von ihnen wohl erst 1937, als Carl Orff dies als szenische Kantate komponierte und in der Oper Frankfurt uraufführte.


    Ich hatte das Glück, in zwei Konzerten mitzuwirken, mit denen wir am 1. und 2. September 2007 die erste volle Saison des Konzerttheaters Coesfeld eröffneten.


    In dieser Buchmalerei im "Codex Buranus" ist unter dem Schicksalsrad (Rota Fortunae) der Text, den Orff für seinen Eingangs- und Schlusschor verwendete: "O Fortuna", verzeichnet:



    und hier ist eine der m. E. überzeugendsten Interpretationen:


    (Vergl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Carmina_Burana)


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Die Nennung von Orffs "Carmina Burana" ist ein Beispiel für die sinnvolle Ergänzung eines Thema in die Gegenwart hinein, denn die Sammlung selbst ist ja sehr alt. Ich habe die Carmina nie singen können, das ist dann der Nachteil von Vokalensembles. Die Aufnahme, die du empfiehlst, hatte ich auch mal, ich muss sie mir wohl wieder besorgen, denn sie ist wirklich toll, natürlich auch besonders wegen der Solisten.
    Die Einleitung wird übrigens immer falsch gesungen: es heißt nicht "O Fortuna", sondern "Oh, four tuna!" (tuna ist der Thunfisch).

    Ihr absolviert diese Stelle wie ein Intercity auf einer schwer zu nehmenden Weiche (mein verstorbener Chordirigent Johannes Glauber aus Essen)

  • Zitat

    dr. pingel: Die Einleitung wird übrigens immer falsch gesungen: es heißt nicht "O Fortuna", sondern "Oh, four tuna!" (tuna ist der Thunfisch).


    Das in Klammern wusste ich schon, lieber dottore, aber ich habe eine Frage zur Grammatik. Muss es nicht heißen: "Oh, four tunas!"? :D


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Bleiben wir doch beim Thema, die vielen Geplänkel und Spitzfindigkeiten sind nicht angetan die Seriosität des Forums zu unterstreichen (Dieser Satz wird von mir später gelöscht . bitte nicht zu antworten)




    Soweit ich weiß gibt es ja zu einigen (laut Wikipedia sind es 40) der Texte der "Carmina Burana" auch originale Noten (Neume) Diese könnenheute nur mehr sehr schwer interpretiert werden, bei 13 Liedern soll es angeblich gelungen sein.
    Clemenci, Picket und andere haben sich an der Rekonstruktion der Interpretation versucht. Ich habe da ein wenig hineingehört. Zum einen ist auffällig, daß die Deutungen so unterschiedlich sind, daß man (zumindest bei meinen Stichproben war das so) die Stücke nicht wieder erkennen konnte. Andrerseits klang allses zusammen doch fatal nach Carl Orff (!!)
    Irgendwie habe ich den Eindruck, daß die "rekonstruktionen " doch mehr "Spekulationen" - oder - vornehmer ausgedrückt - rein hypothetischischer Natur sind....


    mfg aus Wien
    Alfred