Anforderungen an Sänger unserer Zeit - und die daraus resultierenden Folgen

  • Und warum muss man sich überhaupt für eine Seite entscheiden, darauf hab ich auch noch keine Antwort bekommen.


    Lieber "rodolfo39",


    da tust du gut daran, dich für keine der beiden Seiten zu entscheiden, denn die eine ist genauso dogmatisch und ideologisch verbohrt wie die andere. Dass auch die Gegenseite Recht oder sogar Berechtigung haben könnte und die eigene Seite nicht im Besitz der absoluten Wahrheit ist, ist für keine der beiden Parteien auch nur ansatzweise vorstellbar. Was die eine Seite sehen möchte, wird von der anderen genauso runtergemacht wie umgekehrt auch. Wer aber regelmäßig mit der Praxis in Berührung kommt, und du bist ja ein fleißiger Operngänger, der merkt, dass keine der beiden Seiten im Besitz der alles seligmachenden Wahrheit ist.


    In diesem Sinne beste Grüße an einen, der sich keiner der beiden Seiten im Regietheater-Streit zugehörig fühlt, von einem, der in dieser Hinsicht ebenfalls zwischen allen Stühlen sitzt! ;) :hello:

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"


    Inhalten aller Art in Beiträgen anderer in diesem Forum stimme ich hier ausdrücklich nur dann zu, wenn ich ihnen in Antwortbeiträgen ausdrücklich zustimme! ;)

  • da tust du gut daran, dich für keine der beiden Seiten zu entscheiden, denn die eine ist genauso dogmatisch und ideologisch verbohrt wie die andere. Dass auch die Gegenseite Recht oder sogar Berechtigung haben könnte und die eigene Seite nicht im Besitz der absoluten Wahrheit ist, ist für keine der beiden Parteien auch nur ansatzweise vorstellbar.

    Und das scheint mir ein grandioses Missverständnis zu sein, das ich nicht so stehen lassen möchte. Ich wüsste nämlich nicht, inwiefern die von manchen so genannten Regietheater-Freunde konventionelle Inszenierungen grundsätzlich verteufelt oder RT-Aufführungen grundsätzlich gelobt haben sollten. So wie ich das sehe, geht es auch ihnen darum, ob eine Aufführung gelungen ist oder nicht (siehe beispielsweise meine Ausführungen zur Zauberflöte (Die Zauberflöte an der Scala, 4.9. 2016, Beitrag 42). Ein Anzeichen für Verbohrtheit kann ich darin nicht sehen. Der Unterschied liegt in dem, was als »erlaubt« gelten darf und was nicht, und da ist die eine Seite eben großzügiger (und insbesondere Holger untermauert das mit Argumenten, die dann als philosophisches Geschwätz abgetan werden) und lehnt nicht von vornherein alles ab, was die RT-Gegner verdammen.

  • Zitat

    Ich wüsste nämlich nicht, inwiefern die von manchen so genannten Regietheater-Freunde konventionelle Inszenierungen grundsätzlich verteufelt .....


    Das haben sie nicht gemacht sondern kaltlächelnd in ihrem Einflußbereich alle konventionellen Inszenierungen vom Spielplan genommen und ein Netzwerk aus Regisseuren, Intendanten, Kritikern und Journalisten aufgebaut, wo jegliche kritische Meinung gegenüber dem Regiethater unterdrückt wurde, Leserbriefe nicht abgedruckt und jeder der hier aktiv wurde "ins rechte Eck" gestellt wurde. Letzteres wird bald nicht mehr funktionieren, denn durch die politischen Ereignisse der letzten Monate rutscht unsere Gesellschaft immer mehr nach rechts, daß dies bald als Normalität gesehen werden wird- Ich kann für diese Prognose nicht garantieren, aber sie ist SEHR wahrscheinlich.
    Sorry, ich MUSSTE hier antworten, Aber ich bitte ab jetzt beim Thema zu bleiben.
    Esiist nicht notwendig das Thema Regisseurtheater (so nennen wir es ab jetzt) ausgerechnet HIER über Gebühr zu erörtern - Es gibt genügend RT-Threads in diesem Forum - zwei weitere - sehr spezifische - werde ich in den nächsten Stunden eröffnen*
    Man kann das Problem der fehlenden Stimmen nicht allein auf das Regisseurthema abwälzen, ein gewisser Prozentsatz geht allerdings schon zu dessen Lasten. Das sei nur ganz allgemein festgestellt - darüber kann dann in den geeigneten Threads geschrieben werden.


    Ich versuche nun wieder zum Thema zukommen:


    Es fehlen Stimmen in gewissen Bereich der Oper, andere indes, Caruso41 hat es völlig richtig bestätigt sind derzeit besser vertreten als in den letzen 50 oder 60 Jahren. Das ist in letzter Konsequenz eine Frage der Spielpläne. Zahlreiche Opern sind von der Bildfläche veschwunden. Wagner hat an Bedeutung verloren (bin gespannt obs hier Proteste hageln wird) und Verdi vermutlich auch. Das wirkt sich dann auch auf den Pool an Singstimmen aus.


    mfg aus Wien
    Alfred


    * die neuen angedachten RT- Threads werden aller Wahrscheinlichkeit nach folgende Titel bekommen


    "Wem gefällt eigentlich das Regisseurtheater ?"
    und
    "Schaden die RT-Threads dem Ruf de Tamino Klassikforum - und wenn ja. warum nicht ?"

  • Wagner hat an Bedeutung verloren (bin gespannt obs hier Proteste hageln wird) und Verdi vermutlich auch. Das wirkt sich dann auch auf den Pool an Singstimmen aus.


    Ich sehe die Sache umgekehrt. Wie weiter oben schon festgestellt wurde, fehlen für die genannten Komponisten ( Verdi, Wagner) einfach genügend geeignete Stimmen. Also werden sie weniger aufgeführt.
    Ich persönlich finde diesen Trend keineswegs bedauerlich. Wenn man (wie ich) kein großer Wagnerianer ist und die meisten Verdi- und Puccini- Opern beinahe mitpfeifen kann, ist einem die derzeitige Erweiterung des Belcanto- und Barockrepertoires hochwillkommen.

  • Zitat

    Ich sehe die Sache umgekehrt. Wie weiter oben schon festgestellt wurde, fehlen für die genannten Komponisten ( Verdi, Wagner) einfach genügend geeignete Stimmen. Also werden sie weniger aufgeführt.


    Liebe Madame Cortese, ich bin eher der Meinung, daß hier das Publikum fehlt, und deshalb keine Stimmen mehr gebraucht und ausgebildet werden, bzw gebraucht werden. Du gibt mir mit Deinem zweiten Statemen bereits indirekt recht:


    Zitat

    Ich persönlich finde diesen Trend keineswegs bedauerlich. Wenn man (wie ich) kein großer Wagnerianer ist und die meisten Verdi- und Puccini- Opern beinahe mitpfeifen kann, ist einem die derzeitige Erweiterung des Belcanto- und Barockrepertoires hochwillkommen.


    Ja- Der Barockbereich im Segment Oper hat kräftig zugelegt, wogegen deutsche und französiche Spielopern und eigenartigerweise auch Meyerbeer fast von den Bühnen verschwunden sind.


    Bei Wagner ist der Rückgang ziemlich deutlich daran zu sehen, daß man derzeit wesentlich leichter zu Karten kommt als noch vor ein paar Jahren. Die Zwickmühle der Wagnerianer, zu erkären ob das Interesse an Wagner generell abflaut, oder ob der Rückgang in Bayreuth dem Regisseurtheater anzulasten sei, das überlasse ich ihnen - ich selbst bin kein Wagner-Fan. :D
    mfg aus Wien
    Alfred

  • und eigenartigerweise auch Meyerbeer fast von den Bühnen verschwunden sind.

    Und diese Behauptung wird von der Realität Lügen gestraft. Nach geradezu jahrzehntelanger Meyerbeer-Flaute ist dieser Komponisten in den Spielplänen wieder im Kommen. Und wurde Meyerbeer jahrzehntelang nicht gespielt, weil die vielen guten Wagner- und Verdi-Sänger ihn nicht singen konnten, scheint es heute, wo die guten Verdi- und Wagner-Sänger weniger werden, gleichzeitig wieder mehr fähige Meyerbeer-Sänger zu geben - so hat, wie so oft, jedes Schlechte auch sein Gutes.

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"


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  • Bei Wagner ist der Rückgang ziemlich deutlich daran zu sehen, daß man derzeit wesentlich leichter zu Karten kommt als noch vor ein paar Jahren. Die Zwickmühle der Wagnerianer, zu erkären ob das Interesse an Wagner generell abflaut, oder ob der Rückgang in Bayreuth dem Regisseurtheater anzulasten sei, das überlasse ich ihnen - ich selbst bin kein Wagner-Fan. :D


    Einen behaupteten Rückgang einzig an Bayreuth festzumachen halte ich für mehr als nur absurd. - Gibt es z.B. statistisches Material, welches belegen könnte, dass Wagner oder auch Verdi in den vergangenen Jahren signifikant weniger aufgeführt worden wäre? Und ich meine damit nicht weniger, als im Wagner/Verdi-Jahr!

  • MSchenk schrieb:

    Zitat

    Einen behaupteten Rückgang einzig an Bayreuth festzumachen halte ich für mehr als nur absurd.


    Das geschah ja von meiner Seite auch nicht. An sich ist es aber ein Indiz, vielleicht ein schwaches, aber immerhin ein Indiz.
    Sollte dieses Indiz indes nicht halten, müsste man hinterfragen ob nicht in Bayreuth selbst was schief gelaufen ist - wo mit wir wieder bei den Inszenierungen angelangt wären(?) Könnte aber sein dass das Publikum an den Sängern der letzten Jahre kein Gefallen fand ? - In diesem Fall wären wir wier überraschend beim eigentlichen Thema angekommen


    Zitat

    Gibt es z.B. statistisches Material, welches belegen könnte, dass Wagner oder auch Verdi in den vergangenen Jahren signifikant weniger aufgeführt worden wäre? Und ich meine damit nicht weniger, als im Wagner/Verdi-Jahr!


    Ich kann das nicht belegen, aber zumindesten bei uns im Forum war das Interesse im Verdi Jahr durchaus gering.
    Wieder nur ein Indiz...


    mfg aus Wien
    Alfred

  • Jetzt ist mir wieder eine Stunde Arbeit in den Orkus gerutscht! Ich versuche meinen Beitrag zu rekonstruieren. (Meistens wird er dadurch besser - ein schöner Trost!)


    Zuletzt kreiste die Diskussion um die aktuelle Verschiebung der Spielpläne zulasten von Wagner und Verdi. Zu den Gründen fällt mir folgendes ein: Die passenden Sänger fehlen! Keine Angst, kein neuer Kassandra-Ruf, nur ein alter Hut!


    Wir müssen nicht bis in die 60er und 70er Jahre zurückgehen und den G.Londons, Bastianinis und Simionatos nachtrauern, um zu erkennen, in welchem Flachland wir angekommen sind. Es genügt die Zeit zwischen damals und heute: Freni, Pavarotti, Cappuccilli, Gjaurov bzw. lLgendza, W.Meier, Morris, Moll. Und heute?
    Ausnahmen gibt es immer: Stemme, Kaufmann, Volle - Radvanovsky, Beczala, Hvorostovsky, Pape. Aber meistens schnappt der Griff in die Vollen - ins Leere. Oder er bekommt Scharlatane geboten, die als Stars aufgebauscht werden. Wie konnte es dazu kommen?
    Der Markt ist eine Bestie. Sein Hunger ist unstillbar, und deshalb schluckt er alles, auch Stimmen - je jünger und unverbrauchter, desto besser. Sie können nicht mehr langsam bis zur Vollreife wachsen. Das heißt bei großen Stimmen: bis zu Verdi und Wagner. Sie werden vorzeitig verschlissen, weil ihre Träger vorzeitig verlockt werden, die dicken Brocken zu schlucken: Aida, Otello, Rigoletto; Brünnhilde. Siegmund, Wotan. Wie sollen die Sänger für diese Übermenschen heranreifen, wenn man ihnen vor ihrer Reife die Gurgel zudrückt - mit Partien, die sie (noch) nicht ausfüllen können?!
    Man sage jetzt nicht: Vogt! Der verdankt seine Entdeckung EINER FARBE: dem gläsernen Zwirnsfaden seines Tenorinos, der unbekümmert um kraftvoll männlichen Glanz Helden säuselt. Während er zu 80% unhörbar bleibt, jubeln seine Fans dem filigranen Rest zu, der dünn wie eine Stecknadel übers Orchester schwebt.


    Ich begrüße die Aufwertung von Meyerbeer, Bellini und Donizetti im Repertoire. Aber bitte nicht auf Kosten von Verdi und Wagner! Aber wie das bewerkstelligen?
    Sixtus weiß auch nicht alles. Aber eines weiß ich: Wenn die Oper eine Chance haben soll, müssen wir mit dem Beschönigen dieser Zustände aufhören und uns den Sand aus den Augen wischen, der uns die Sicht trübt. Im Klartext: Ohne eine realistische Diagnose gibt es keine erfolgreiche Therapie.
    Herzliche Grüße von einem skeptischen, aber wohlmeinenden S.

  • Jetzt ist mir wieder eine Stunde Arbeit in den Orkus gerutscht!


    Da das öfter vorzukommen scheint, ein wohlmeinender Rat: Warum schreibst Du Deine Texte nicht in einem Textverarbeitungsprogramm wie Word, wo Du sie zwischendurch zur Sicherheit auch abspeichern kannst, und kopierst dann den gesamten Text mit "kopieren" und "einfügen" in das Textfenster bei Tamino? :hello:

  • Wenn die Not am höchsten ist --- tritt die Hilfe in Gestalt eines Deus ex machina aus dem Off!


    Danke, lieber Bertarido. Jetzt darf ich wieder was Neues in Technik lernen. Ob sich das noch amortisiert?
    Aber jetzt hast du mir wieder einen Trick weggenommen, der sich als Alzheimer-Prävention bewährt hat!


    Jedes Schlechte hat auch eine gute Seite - und umgekehrt...


    Ein dankbar belehrter Sixtus