• Wie unterschiedlich die Menschen doch denken. Für mich war das sofort und unzweifelhaft als Ironie erkennbar. Für Dich war das nicht so. Da kann (und muss) man nichts machen. Aber dass Du, statt das hinzunehmen (»Im Zweifel für den Angeklagten«), Holger gleich psychologisierend das Gegenteil unterstellst, zeigt wenig Interesse am Weihnachtsfrieden. Auch das Nachtreten (»Ich habe mit Deiner nachträglichen Klammer nichts zu schaffen. Lass mich da aus dem Spiel, wenn Du schon nicht lernfähig bist«) ist doch absolut überflüssig, zumal Holgers nachträgliche, eingeklammerte Bemerkung ja nicht auf Dich, sondern auf Gerhard bezogen war.


    Gut, ich bitte dahingehend um Verzeihung und Nachsicht, dass ich womöglich wirklich die vorausgehende Debatte falsch verstanden und in meinem Sinne überinterpretiert habe. Ich möchte lernfähig bleiben.


    Meinen Kontrahenten - das Ganze hat natürlich eine lange Tradition der mehr oder minder bedeutsamen Frozzeleien zwischen uns - würde ich dennoch ersuchen, bezüglich seines Anteils am Geschehen auch in sich zu gehen - und das meine ich jetzt schon ernst und habe ich deutlich genug formuliert. Mir würde der Aufenthalt hier wesentlich mehr Freude bereiten, bekäme ich dies zu spüren, und sei es noch so indirekt.


    Oder braucht man dieses Medium des Halbanoymen tatsächlich, um sich von den Widersprüchen, den Frustrationen, den Komplexen (in allen Bedeutungen des Begriffs) in Beruf und Alltag freizuschaufeln? Dann hätten wir die Hölle nicht nur bei den anderen ... und wir sollten auch in uns gehen, wenn wir hören, sehen und lesen von den ganzen Scheißstürmen (Vermeidung des Anglizismus) und all den Geschmacklosigkeiten, Pauschalisierungen, mit all der psychischen und mentalen Gewaltausübung, mit all dem Ausschalten des Besseren in uns ...


    Ansonsten sollten wir uns doch ein ganz klein wenig die weihnachtsfriedlichen Sprüche schenken. Das Jahr hat zwölf Monate für ein einigermaßen gesittetes, den anderen respektierendes, sich selbst nicht ganz so wichtig nehmendes Miteinander.


    Oder?


    Ich wünsche Euch was!


    Wolfgang

  • Es ist zum K....! Schreibt bitte endlich wieder zu dem obigen Thema oder laßt es sein! :cursing:


    Der eine kotzt, ein anderer motzt, der nächste trotzt, noch einer strotzt vor Ironie oder sonst etwas. Das ist Stil und Tenor unserer Diskussionen. Gerade sind 5 Besucher im Thema. Was mögen mitlesende Gäste wohl empfinden?
    Wende oder Ende, das ist für mich Schlussfolgerung und Konsequenz.


    Herzlichst
    Operus

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • Ich setze meine Solostatements zu Thema Rezension unerbittlich fort.
    Zu Zeiten von Schumann und Brahms waren Rezensionen noch sehr wichtig und beim interessierten Publikum sehr angesehen und beliebt. Vor allem Neue Werke wurden hier eine genauen Analyse unterzogen und dann (von den einzelnen Rezensenten in der Tat oft recht unterschiedlich) bewertet. Die meisten Rezensenten waren indes bemüht ihren Lesern ein realistisches und dem Zeitgeschmack angepasstes Bild zu vermitteln, schon deshalb um auch in Zukunft gelesen zu werden. "Zeitgeschmack" ist in der Tat ein begriff, der im Laufe der Zeiten zahlreichen Wandlungen unterzogen war. Früher verstand man unter dem Begriff meist ein kollektives Einverständnis zu gewissen Merkmalen des Lebensstils.
    Ich kann es den (vermutlich wenigen) Mitlesern meiner Beiträge indes nicht ersparen, das genauer zu erkären: Beispielsweise war der Zeitgeschmack des 19. Jahrhunderts in der Malerei zumeist idealisierend, idyllisierend und wenn es schon Historienmalerei sein musste, dann dramatisierend und zugleich beschönigend, gelegentlich süsslich, das Erhabene oft gar nicht so erhabener Augenblicke künstlerisch vortäuschend. Im Falle der Klavierkonzerte waren Bombast und Virtuosität (heute aus mir unerfindlichen Gründen eher verpönt) ein Garant für ihren Erfolg beim Publikum. Heutiger "Zeitgeist" ist oft verordnet - von welcher "moralischen Instanz" ist eigentlich unklar und findet ihre Vollendung in einem Diktat des Geschmacks gegen das Publikum. (bitte mich hier noch nicht anzugreifen oder mir beizupflichten, ich möchte zuvor noch einige Beiträge schreiben, die sich mit dem WARUM von "unehrlicher" Kritik - Man beachte den Apostroph - befassen. DANACH kann man die Fragen nach "Ehrlichkeit" oder "Manipulation" der Kritik behandeln. Es gibt übrigens verschiedene Spielarten, vier davon fallen mir spontan ein : "Kaschierte Inkompetenz" - "Gefälligkeitskritik" - Politkritik - "Anbiederungskritik".
    Wie diese Entstanden, und warum sie für Kritiker geradezu überlebensnotwendig sind, darüber in Bälde in meinen nächsten Beiträgen dieses Threads.... der bitte KEIN ausgesprochener RT-Thread sein soll......


    mfg aus Wien
    Alfred

  • Zitat von operus

    Der eine kotzt, ein anderer motzt, der nächste trotzt, noch einer strotzt vor Ironie oder sonst etwas. Das ist Stil und Tenor unserer Diskussionen.

    :thumbup:



    Zitat von operus

    Gerade sind 5 Besucher im Thema. Was mögen mitlesende Gäste wohl empfinden?
    ...

    Danke Operus ... Mal hübsch neutral und von außen betrachtet: Weite Teile der Protagonisten hier geben mittlerweile ein recht erbärmliches Bild ab. Soll das die "Elite" sein, die sich Alfred so mühsam herangezüchtet hat?

  • Kritik kann eigentlich nie ehrlich sein, da sie nur die Meinung des Kritikers, der live vor Ort war, widerspiegelt. Der Sitznachbar neben ihm kann schon eine ganz andere Meinung haben. Der Kritiker müsste nach der Vorstellung alle Zuschauer befragen wie es ihnen gefallen hat.

  • Zitat

    Eine NEUTRALE (nicht "ehrliche")Opern-Rezension sollte fürs erste zwischen "librettogetreu" und "entstellend" unterscheiden.
    Er wertet fürs erste mal scheinbar nicht, sondern beschreibt eine gegebene Tatsache. Dennoch ist damit ein Werturteil verbunden.
    [Ausführungen über Gesindel, Schund und Grenzen der Kunstfreiheit] Aus diesem Weltbild heraus […] ist es verständlich und geradezu gefordert, daß man WERTET.

    Wertungen sind gefordert, aber sicher nicht nur aus dem hier beschriebenen Weltbild heraus.



    Zitat

    Wenngleich Rezensionen nie wirklich objektiv waren, so waren sie in den seltensten Fällen gekauft, eine Umstand der sich im 20. Jahrhundert drastisch änderte.

    Ist das wirklich so? Ich bin bei solchen Behauptungen aus der Erfahrung heraus immer etwas misstrauisch (besonders wenn sie von Alfred kommen).



    Aber:

    Zitat

    Zum einen ist die Tonträgerindustrie an vorzugsweise positiven Rezensionen interesssiert und hilft hier ein wenig mit "Zuckerbrot und Peitsche" nach (Stichwort: Inserate)

    Oh ja, diesen Eindruck habe ich beispielsweise auch im Bereich der HiFi-Zeitschriften: Der Hersteller, der nicht regelmäßig inseriert, bekommt auch weniger Besprechungen. Und schlechte Besprechungen für Produkte eines guten Anzeigenkunden kann man auch lange suchen (ich erinnere mich an einen Bericht über einen Besuch bei Bose, ich glaube, das war in der image HiFi, vor etlichen Jahren, wo man schon sehr genau zwischen den Zeilen lesen musste, um zu erkennen, dass über den Klang der Geräte eigentlich nichts gesagt worden ist - es hätte ja nur Schlechtes sein können).



    Zitat

    zum andern benötiget der Klassiksammler eigentlich keine hilfe bei Kaufentscheidungen - man kann selbst in die Tonträger hineinhören. Also müssen andere Strategien entwickelt werden, um die Kritiken schmackhafter und interessanter zu gestalten

    Das ist ein plausibler Ansatz, finde ich. Nun warte ich gespannt, was nach Beitrag 64, auf den wir ja noch nicht eingehen sollen, von Dir noch kommt.

  • Der Kritiker müsste nach der Vorstellung alle Zuschauer befragen wie es ihnen gefallen hat.


    Lieber rodolfo39,


    wenn der Kritiker sich vorbereitet hat, wovon ich einmal ausgehe, interessiert zuhört, sich fleissig Notizen macht und dann - oft leider unter Zeitdruck - das Gehörte analysierend und refklektierend als seine Meinung wieder gibt, dann hat er das getan, was er tun kann und tun muss. Selbstverständlich unterliegt auch der um Objektivität bemühte Rezensent direkt und indirekt gewissen Beeinflussungen: Das sind z.B. Rang und Ruf der Solisten, die Zahl der Besucher, die Pausen- und Endgespräche, der Beifall usw. Meine stärkste Beeinflussung ist meine Frau, die fast jede Veranstaltung mit mir gemeinsam besucht, oft sehr lange im Anschluss mit mir diskutiert, ihre Meinung äußert und dann jedes Manuskript von mir sehr genau prüfend liest. Leider oder Gott sei Dank hört meine Liebe heute viel besser als ich. Direkte Ansprachen vom Veranstalter, seinen Funktionären und Freunden wirken unter dem Motto: "Man merkt die Absicht und ist verstimmt" eher negativ.
    Weil es mich und ein recht aktives Mitglied unseres Forums betrifft ein Beispiel: Sixtus übernahm für den "Neuen Wiener Merker" die Berichterstattung von den Veranstaltungen der Gottlob-Frick-Gesellschaft. Als erstes kam er auf mich als damaligen Präsidenten zu und sagte: Wenn ich diese Aufgabe übernehme erwarte bitte von mir keine Hofberichterstattung. Es wurden dann auch niemals Gefälligkeitskritiken, sondern Urteile eines profilierten Kenners. Ich habe Sixtus, auch wenn ich anderer Meinung war, noch nie Feedback zu seinen Rezensionen gegeben. So muss es sein: Konstruktiv kritisch, frei von direkten Beeinflussungen, dann hat man sich dem Ideal: Fachlich kompetent, objektiv-neutral und so weit wie möglich ehrlich genähert.


    Herzlichst
    Operus

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • Ehrliche Kritik darf sehr wohl einen Standpunkt vertreten und soll das auch. Sie ist immer dann lesbar, wenn der Kritiker ehrlich schreibt, was er auch tatsächlich denkt. Nur wenn er sich anbiedert, lobhudelt, falsche Rücksichten nimmt (richtige sind natürlich angebracht, man kann natürlich nicht ein ehrlich bemühtes Laienensemble z.B. in Grund und Boden kritisieren), wird es problematisch. Es gab mal die Provinzposse, wo ein Kritiker einen Verriß von Justus Frantz schrieb, als er noch Macht hatte. Er schrieb über dessen "Schmuse-Mozart" und verlor daraufhin seinen Job bei der betreffenden Zeitung. Das gab einen großen Skandel damals Deutschland weit.


    Schöne Grüße
    Holger

  • Es gab mal die Provinzposse, wo ein Kritiker einen Verriß von Justus Frantz schrieb, als er noch Macht hatte. Er schrieb über dessen "Schmuse-Mozart" und verlor daraufhin seinen Job bei der betreffenden Zeitung. Das gab einen großen Skandel damals Deutschland weit.


    Schöne Grüße
    Holger


    Vielleicht hat der Kritiker dieses geschrieben: "Spielt Pollini Opus 10, kannst du nach 10 Takten gehn. Spielt es Justus, mustus!"

    Ihr absolviert diese Stelle wie ein Intercity auf einer schwer zu nehmenden Weiche (mein verstorbener Chordirigent Johannes Glauber aus Essen)

  • Wenn ich für unsere großregionale Tageszeitung im Rahmen der Landkreisausgabe seit rund zwanzig Jahren Besprechungen schreibe, bemühe ich mich um diese Ehrlichkeit im Rahmen des Möglichen. Ich bin kein studierter Musikwissenschaftler, sondern halt ein begeisterter Liebhaber, der (hoffentlich) ein gewisses Stilgefühl entwickelt hat, reiche Hörerfahrung hat und sich schlimmstenfalls mit dezenter Ironie behelfen muss. Entscheidend ist stets, ob die Musiker auch Liebhaber sind oder Professionelle. Bei Mitgliedern der Bamberger Sinfoniker oder einer Emma Kirkby (hatten wir zu Gast und sind wir auch ein wenig stolz darauf) darf man gehobene Maßstäbe ansetzen und muss kritische Anmerkungen gänzlich anders gewichtet wissen als bei Laien. Gefälligkeitsurteile machen mir im letzteren Fall zwar keine Freude, aber ich muss natürlich abwägen. Der Ton macht die Musik, in allen Lesarten quasi - das tut er auch bei Arbeitszeugnissen. :P


    Unter Druck gesetzt wurde ich jedenfalls noch nie. Nun gut: Zum einen habe ich nichts zu verlieren und verdiene noch nicht im vierstelligen Bereich jährlich, zum anderen braucht das Blatt Leute wie mich dringend, die gegen geringes Honorar auf einem gewissen Niveau diverse Einzelereignisse und Reihen abdecken. Die festen Kulturredakteure reichen nicht aus.


    :hello: Wolfgang

  • Ich möchte nochmal zurückkommen auf Operus´Beitrag 68.


    Meine damalige Bedingung hatte natürlich einen besonderen Grund: Ich war als Teilnehmer der Veranstaltung im Genuss der Vergünstigungen, die sie ihren Gästen gewährt. Da ist die Versuchung groß, der Veranstaltung etwas Freundliches zu sagen. Aber wenn das zur Bedingung wird, dann wird aus dem Rezensenten tatsächlich eine Art Hofberichterstatter. Und der wollte ich nicht sein. Aber da ich das 4 Jahre in Folge gemacht habe, nehme ich an, dass es auch ohne solche Zugeständnisse zur allgemeinen Zufriedenheit verlaufen ist. Schließlich waren hier Profis unter sich.


    Ein anderes Problem sehe ich dann, wenn der Rezensent von einer Zeitung bezahlt wird (was beim Merker nicht der Fall ist). Eine ehrenamtliche Rezension ist ihrer Natur nach unabhängiger (also auch ehrlicher) als eine gut bezahlte oder eine auf Lebenszeit gesicherte Stelle. Die Folgen kennen wir.


    Ein weiterer Aspekt kommt hinzu: Je professioneller die künstlerische Darbietung, desto unabhängiger die Kritik. Man kann von einem Kirchenchor nicht erwarten, dass seine Sänger großstädtische Musikkritik ertragen. Es ist eben auch hier alles relativ.


    Herzliche Grüße von Sixtus

  • Jede Kritik wird natürlich subjektive Elemente enthalten. Ich will auch nicht auf die Kritik an den Sängern hinaus, mir geht es in erster Linie um die optische Verwirklichung des Werkes. Wenn der Kritiker ein Fachmann ist (und das sollte man von einem bezahlten Schreiberling erwarten) und nicht erkennt, dass die Verwirklichung mit dem eigentlichen Werk (dessen wesentliche Züge durch die Handlung des Librettos und die darauf geschriebene Musik ein für alle Mal festliegen) absolut nichts mehr gemein hat oder wie es in der von mir eingestellten Kritik genannt wird "stofffremd" ist, und statt dessen diesen Unsinn noch hochjubelt, dann ist das für mich (den Fachmann vorausgesetzt) entweder Unwissenheit (d.h. Kritik, ohne sich überhaupt mit dem Werk beschäftigt zu haben) oder eben Unehrlichkeit, bei der auch ich immer wieder nur vermuten kann, dass dies - von wem auch immer - verordnet oder gekauft ist. Der Kritiker des Kölner Stadtanzeigers, den ich zitiert habe, hatte in meinen Augen Ahnung von dem Werk und hat die Stoffremdheit sofort erkannt. Dazu bedarf es wohl keiner Publikumsbefragung.
    Ich stelle zu meiner Genugtuung fest, dass inzwischen immer mehr Kritiker die Stofffremdheit vieler Inszenierungen erkennen und ebenso, dass das Publikum diese Entstellungen schon lange leid ist. Und wenn ich die Meinungen von Prominenten, die unmittelbar mit der Materie vertraut sind, lese oder - wie auch in Ölbronn - mit ihnen sprechen kann, dann gebe ich auf deren Meinung weit mehr als auf die unbedarften Kritiken vieler Schreiberlinge.


    Liebe Grüße
    Gerhard

    Alle Kunst ist der Freude gewidmet, und es gibt keine höhere und keine ernsthaftere Aufgabe, als die Menschen zu beglücken. Die rechte Kunst ist nur diese, welche den höchsten Genuß verschafft.
    (Schiller: Die Braut von Messina, Kapitel 2)

  • Wenn der Kritiker ein Fachmann ist (und das sollte man von einem bezahlten Schreiberling erwarten) und nicht erkennt, dass die Verwirklichung mit dem eigentlichen Werk (dessen wesentliche Züge durch die Handlung des Librettos und die darauf geschriebene Musik ein für alle Mal festliegen) absolut nichts mehr gemein hat oder wie es in der von mir eingestellten Kritik genannt wird "stofffremd" ist, und statt dessen diesen Unsinn noch hochjubelt, dann ist das für mich (den Fachmann vorausgesetzt) entweder Unwissenheit (d.h. Kritik, ohne sich überhaupt mit dem Werk beschäftigt zu haben) oder eben Unehrlichkeit, bei der auch ich immer wieder nur vermuten kann, dass dies - von wem auch immer - verordnet oder gekauft ist.


    Es tut mir leid, Gerhard, aber selbst mit größten Wohlwollen hört sich dies für mich so an: Wenn es mir nicht gefällt, aber dem Kritiker (oder jemand anderem), dann hat der Kritiker (oder der andere) mindestens Unrecht, wenn er nicht gar unehrlich ist. Wenn der einzig gültige Maßstab, was schon "stofffremd" oder gerade noch akzeptabel ist, die eigene Meinung ist, braucht es keine doch Kritik mehr. Schlimmer noch wird hier vom Kritiker implizit das erwartet, was ihm gleichzeitig vorgeworfen wird, nämlich sich nicht nach der eigenen, sondern nach einer fremden Meinung zu richten. - Ich finde nicht, dass das eine Basis ist, auf der man sich als denkender Mensch mit diesem Thema auseinandersetzen kann.

  • Eine Analogie zu President Reagans Adresse am Gorbatschow:
    Mr. Alfred, tear down this thread! :no:

    Ihr absolviert diese Stelle wie ein Intercity auf einer schwer zu nehmenden Weiche (mein verstorbener Chordirigent Johannes Glauber aus Essen)

  • Um nach dem naiven kindlichen, aber doch auf seine Weise ganz ehrlichen Bericht der kleinen Anna (siehe Beitrag 10) und den mehr oder weniger zum Thema gehörenden Wortgefechten zwischendurch wieder einmal ein konkretes Beispiel für eine »ehrliche« Rezension hier einzustellen, greife ich die heute von Bertarido in einer anderen Diskussion verlinkte Besprechung der Entführung aus dem Serail von Christian Wildhagen aus der NZZ vom 7.11.2016 auf (http://www.nzz.ch/feuilleton/b…ite-konstanze-ld.126996): Sie zeigt, um was es in Mozarts Oper neben der »Oberflächenhandlung« auch geht und erklärt damit gleichzeitig einiges zum Regiekonzept, es wird nicht von vornherein verteufelt oder in den Himmel gehoben. Klar erkennbar ist, dass der Rezensent dem Regisseur und seinen Intentionen gerecht werden will. Aber es wird dabei eben in differenzierter Weise sowohl gelobt als auch kritisiert und klar gesagt, wo die Inszenierungsidee nicht trägt oder auch verfehlt ist. Leser mit ganz unterschiedlichen Erwartungen wie etwa Bertarido oder Gerhard werden gleichermaßen in die Lage versetzt, für sich zu entscheiden, ob ein Besuch der Aufführung für sie interessant sein könnte oder eben nicht.

  • Klar erkennbar ist, dass der Rezensent dem Regisseur und seinen Intentionen gerecht werden will.


    Das ist auch mein Ansatz, lieber Dieter. Ich nenne das "immanente Kritik". D.h. ich messe eine Regie-Idee erst einmal an ihren eigenen Ansprüchen, ob sie ihnen gerecht wird, ob sie stimmig oder unstimmig ist, ob sie Phantasie oder keine hat, ernsthaft ist oder klischeehaft usw. Ich glaube, das ist man Künstlern schuldig, dass man sie erst einmal in dem was sie tun, Ernst nimmt. Kritik, wenn sie ehrlich gemeint ist, ist letztlich auch eine Form des Ernstnehmens. Denn die schlimmste Form der Mißachtung ist die Ignoranz und Gleichgültigkeit. Gleichgültigkeit beleidigt Künstler mehr als wirklich seriöse Kritik. Und letztlich erfährt man nur so etwas Überraschendes, Neues, wenn man nicht nur die eigenen Erwartungshaltungen zum Maßstab macht.


    Herzlich grüßend
    Holger

  • Früher als geplant bin ich zurück in diesem Thread, der so rasant voranschreitet, daß man es sich einfach nicht erlauben kann allzulange zu pausieren, wenn man möchte, dass der geneigte Leser den Anschluss zwischen den Beiträgen - im konkreten Falle - zwischen den meinen - findet.
    Ich behaupte nun mal, daß Kritik, wie sie einst ihre Aufgabe erfüllte - heute weitgehend entbehrlich ist.
    Und - ich deutete es an - das wäre für die hauptbedrohlichen Rezensenten existenzbedrohlich.
    Das Interesse, wie Beethovens 5. in irgendeinem Konzertsaal vorgestern geklungen hat dürfte weitgehend abgeflaut sein, die Rezension neuer Werke wird vermutlich nur von einer extremen Minderheit gelesen.
    Bei Tonträgern wäre das Interesse an "ehrlichen" Rezensionen vielleicht vorhanden - aber dem stehen einige Hindernisse im Wege.
    1) Kann heutzutage jeder Internetnutzer kostenlos in Sound-Samples hineunhören und sich ein (Klang)Bild machen.
    2) Sind heutige Rezensionen in der Regel nicht "ehrlich" sondern beschönigend
    Einerseits will man seinen komponierenden Professor, der einem mühsam durch das Musikstudium durchgepaukt, und vielleicht noch einen Posten verschafft hat nicht verärgern, indem daß man über seine Kompositionen oder die seiner Lieblingsschüler negatives schreibt. Andrerseits weiss man auch nicht wie vernetzt der Pianist ist, der gestern ein Musterbeispiel für Langeweile abgeliefert ist. Es könnte schädlich sein sich hier Feinde zu schaffen, so bleibt man im guten Mittelfeld und wird im Laufe der kommenden jahre ein anerkannter, weil beliebter Kritiker der nie jemandem Weh getan hat.
    Ein paar positive Gemeinplätze "einer der grössten Pianisten seiner Generation" etc geben jeder Kritik den nötigen Zuckerguß.
    Eine andere Art von Kritik istes - wir erleben sie täglich - jenen Interpreten, Dirigenten und Regisseueren gute Kritiken zu geben, die von Politik oder Tonträgerindustrie forciert werden, dazu gehören vorzugsweise jene, die HEUTIGE "kunstwerke" in wlcher Form auch immer - wohlwollen bis euporisch beschreiben - denn mit denen kann man noch Tantiemen verdienen.
    Das hat lange Zeit gut funktioniert, wurde aber oft so offensichtlich ausgereitzt, daß die Methode immer seltener funktioniert - was von seiten der "Kunstschaffenden" Empörung hervorruft.
    Was ein professioneller Kritiker schreibt - das IST einfach zu glauben!!!
    Eben NICHT.
    Der "Amateurkritiker hat hier einen anderen Ansatz. Vielleicht ist er manchmal nicht so beschlagen wie ein guter Profi-Kollege, im Gegenzug unterliegt er aber keinen Sachzwängen und kann es sich erlauben, eine Interpretation etc etc völlig niederzumachen. Auch diese Freiheit wird leider über Gebühr ausgenützt.


    Wenn sich aber Kritik weder politisch, noch wirtschaftlich, noch kaufentscheidend auswirkt, wozu ist sie dann noch zu brauchen?


    Nun - einer kleinen Minderheit - die vermutlich so klein gar nicht ist - macht es einfach Spaß elegante Formulierungen zu lesen, seine eigene Meinung bestätigt zu sehen, oder aber ironischen Anspielungen zu folgen. Heutige Kritiker müssen es verstehen AUFMERKSAMKEIT und INTERESSE zu erwecken (Der erste Punkt und zweite Punkt des AIDA -Modells)
    Und zwar hier nicht in erster Linie für das Produkt, sondern für sich selbst. Der Kritiker als Marke. Funktioniert beispielsweise dann, wenn einer mit spitzer Feder so alles und jedes zerpflückt. Der Hörer wartet schon auf die kommende Rezension, identifiziert sich im Idealfall mit dem Rezensenten, fühlt sich bestätigt und über den Interpreten erhaben. Solche Modelle funktionieren teilweise recht gut, hängen aber sehr von der Persönlichkeit des Rezensenten ab.
    Wir sehen also: der Rezensent sucht sich in der Regel eine Gruppe aus, für die er schreibt - und die ihn schützt.
    Wenn alle Stricke reißen - kann man noch immer die Texte für CD-Booklets verfassen.....


    mfg aus Wien


    Alfred

  • Der "Amateurkritiker hat hier einenanderen Ansatz. Vielleicht ist er manchmal nicht so beschlagen wie ein guter Profi-Lollege, im Gegenzug unterliegt er aber keinen Sachzwängen und kann es sich erlauben eine Interpretation etc etc völlig niederzumachen. Auch diese Freiheit wird leider über Gebühr ausgenützt.


    Lieber Alfred,


    völlig niedermachen birgt die Gefahr der Zerstörung. Kritik sollte eigentlich immer einen konstruktiven, aufbauenden Ansatz haben. Mit Schrecken denke ich an einen Meisterkurs der großen Elisabeth Schwarzkopf, wo diese Absolventen mit spöttischer, rüdester, beleidigender, zerstörerischer Kritik vor Publikum fertigmachte. Das empfand ich als unmenschlich. Also damals schon eine Art weiblicher, klassischer Dieter Bohlen.
    Der Thread heißt Ehrlichkeit in der Kritik. Dieses Kriterium dürfte vom Amateurkritiker leichter einzuhalten sein als vom abhängigen Profi. Ein ausgezeichnetes Beispiel dafür ist der von mir hoch geschätzte "Wiener-Merker" - und das gewiss nicht, weil ich für diese Fachzeitschrift auch gelegentlich schreibe. Was heißt eigentlich Amateur? Die Mitarbeiter des Merker haben in der Regel jahrzehntelange Opernerfahrung, damit stellen sie im Opernerleben viele Fachjournalisten in den Schatten, auch wenn diese unter Umständen geschliffener (abgehobener, verkopfter?) formulieren. Die Neutralität geht so weit, dass die Merker-Redakteure sogar ihre Eintrittskarten selbst bezahlen. Da der Merker neben breit gefächerten internationalen Kritiken über jede Vorstellung in der Wiener Staatsoper berichtet, kann es durchaus passieren, dass zwei Merker-Kritiker über dieselbe Inszenierung oder den gleichen Sänger völlig unterschiedliche Urteile abgeben. Genau das finde ich spannend und deshalb freue ich mich jeden Monat auf die neue Ausgabe des Merkers. Ich habe so viele Opernzeitschriften abonniert, dass mein Schätzle als schwäbische Hausfrau immer moniert, wenn wieder eine Rechnung kommt. Ich empfehle dennoch allen Opernfreunden, den Wiener Merker regelmäßig zu lesen. Ein Abonnement wäre auch noch ein sinnvolles Weihnachtsgeschenk. Ich lasse mich sogar hinreissen, hier im Forum Werbung für diese Zeitschrift zu machen, weil ich meine, dass diese mit so viel Idealismus von Opernfreunden herausgebrachte und hauptsächlich von Aboeinnahmen und Spenden lebende Zeitschrift Unterstützung verdient.


    Herzlichst
    Operus,


    der sich nun gegen den Anschiss wappnet, der ihm sicherlich droht, weil er das Werbeverbot im Forum schamlos missachtet hat. :untertauch: Vorbeugend bitte ich um Weihnachtsamnesty.

    Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

  • Ein ausgezeichnetes Beispiel dafür ist der von mir hoch geschätzte "Wiener-Merker"

    der sich nun gegen den Anschiss wappnet, der ihm sicherlich droht, weil er das Werbeverbot im Forum schamlos missachtet hat.


    Je nun, wenn man den Namen der gemeinten Zeitschrift falsch schreibt, ist der Werbeeffekt nicht ganz so groß...

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"


    Inhalten aller Art in Beiträgen anderer in diesem Forum stimme ich hier ausdrücklich nur dann zu, wenn ich ihnen in Antwortbeiträgen ausdrücklich zustimme! ;)

  • Ich beziehe mich auf Beitrag Nr. 80 von Alfred: Machen wir doch einmal bei einem Teilbereich, nämlich was die Besprechungen von Tonträgern angeht, die Probe aufs Exempel: In den beiden letzten Ausgaben von FonoForum (Dezember 2016 und Januar 2017) gibt es zusammengenommen etwa hundert Einzelrezensionen von CDs und DVDs im Klassikbereich, bei denen neben der mehr oder weniger ausführlichen oder gehaltvollen eigentlichen Besprechung auch eine Bewertung mit null bis fünf Sternen für „Musik“ (und ebenso für „Klang“) vergeben wurde. Wie sieht nun die Verteilung der Sterne im Bereich Musik aus?


    Fünf Sterne werden 30 Mal vergeben, viereinhalb Sterne gibt es 11 Mal, vier Sterne 41 Mal, dreieinhalb Sterne nur 13 Mal und drei Sterne 11 Mal. Eine niedrigere Sternebewertung ist überhaupt nicht dabei.


    Zu den am niedrigsten eingestuften Aufnahmen gehören auch einige Schwergewichte wie etwa Rudolf Buchbinder mit den Wiener Philharmonikern unter Zubin Mehta bei Sony Classical (Klavierkonzerte von Mozart), eine Decca-Aufnahme von Pergolesis »Adriano in Siria« und Puccinis »Manon Lescaut« (jeweils Deutsche Grammophon). Andere Labels mit Alben unter vier Sternen sind BIS, Chandos, cpo, DErato, MDG, Naxos, Orfeo.


    Inwieweit das nun ein Beleg für Alfreds Aussage ist, dass heutige Rezensionen »in der Regel nicht ›ehrlich‹ sondern beschönigend« seien, weiß ich nicht. Denkbar wäre immerhin auch, dass man versucht, nach Möglichkeit nur Aufnahmen zu bringen, die man für gut hält (sozusagen Kaufempfehlungen zu geben) und die anderen unter den Tisch fallen lässt, soweit nicht besondere Gründe vorliegen (beispielsweise Bedeutung des Künstlers oder Wert fürs Repertoire). Bei image HiFi wurde das jedenfalls vor Jahren im Editorial entsprechend thematisiert. Was diese »Kaufempfehlungen« angeht, so habe ich aber gerade bei FonoForum nicht den Eindruck, dass man hier bekannte Namen oder große Labels besonders hofiert, im Gegenteil. Alfreds Frage

    Zitat

    Wenn sich aber Kritik weder politisch, noch wirtschaftlich, noch kaufentscheidend auswirkt, wozu ist sie dann noch zu brauchen ?

    wäre von mir überhaupt nicht so zu beantworten, wie er das tut, nämlich dass es um den Spaß an »eleganten Formulierungen« geht oder die »Bestätigung der eigenen Meinung«. Aber, wie gesagt, das bezieht sich jetzt nur auf den von mir hier behandelten Teilbereich der Kritik und lässt sich sicher nicht verallgemeinern.

  • Schön, dass die Debatte nun wieder in sachlichen Bahnen verläuft. Was ist "ehrlich", was ist "unehrlich"? Wir kennen es alle, uns gefällt eine Aufführung, sei es Konzert, sei es Oper und sind gespannt auf die Rezension. Dann kommt vielleicht ein Verriss und wir sind überrascht. Oder es ist umgekehrt. War der Kritiker woanders oder haben wir es falsch gehört? Wenn ich im Konzert war, dann verfolge ich stets mit Interesse die Kritik in der Tageszeitung. In Berlin kann es dabei schon mal vorkommen, dass ein gewiss hochkarätiges Programm sich in der Kritik überhaupt nicht wiederfindet. Am Wochenende überschneiden sich die kulturellen Ereignisse dermaßen, dass die Kulturredaktion sich aussucht, was ihr wichtig für eine Rezension erscheint. Das entäuscht mich manchmal, weil es auch Programme mit großen und nicht oft gespielten Werken betrifft. Ansonsten kann ich meistens nachvollziehen, was da geschrieben steht, es geht ja nicht um Regieverirrungen, sondern um die "reine" Musik. Anders bei der Oper. Hier wird die Premiere rezensiert. Und da erleben wir stets eine völlig subjektive Deutung des jeweiligen Verfassers. Inszenierungen in altherkömmlicher Art, die es sehr selten noch gibt, kommen oft schlecht weg. Das gab es alles schon mal, die Zeiten haben sich (sehr wohl!) geändert, da brauchen wir eine zeitgemäße Sicht auf das Stück. So etwas kann uns aufregen, aber unehrlich ist es doch nicht. Die Kritik und die Aufführung mögen uns nicht gefallen, aber deswegen ist es dennoch die ehrliche Ansicht des Rezensenten. Ein Beispiel ist die von mir im DVD-Thread vorgestellte Oper "La Rondine" von der Deutschen Oper Berlin. Regie ein Sänger, nämlich Rolando Villazon. Also jemand, der Ahnung hat. Und so erleben wir eine herrliche stilechte Darbietung in vielen wechselnden Kostümen, jeder Akt spielt da, wo er nach dem Libretto auch hingehört. Die Kunst ist es, eine sehr banale Handlung dann über fast zwei Stunden interessant wiederzugeben. Das ist gelungen, z.B. mit großartigen Spielszenen im zweiten Akt. Was schreibt mein Kritiker der "Berliner Zeitung"? Überschrift: "Ein parfümiertes, unwirkliches Etwas". Weiter: Hübsche Harmlosigkeit: An der Deutschen Oper inszeniert Startenor Villazon Puccinis selten gespielte Oper "La Rondine". Nächster Satz: Bis Temperament auf die Bühne kommt, muss man bei der Premiere bis zum Schlussapplaus warten. Dann tritt inmitten seines Teams der Regisseur auf. Sehe ich ganz anders, im zweiten Akt, der in einem berüchtigten Lokal spielt, ist sehr viel los und auch sonst ist in den Liebesduetten viel Leidenschaft zu erleben. Immerhin findet der Kritiker das Gesamtbild "hübsch". Na gut, Rezensionen sind immer subjektiv und da kann man auch schon anderer Meinung sein. Nach Erscheinen des Artikels habe ich mir dann eine Karte für eine der folgenden Vorstellungen gekauft. Ob Kritiken zu CD-Rezensionen immer ehrlich sind, kann ich nicht beurteilen. Es gibt Gratishefte wie das "Rondo", da glaube ich, werden nur die nach Meinung der Redaktion herausragenden Einspielungen beschrieben. Ansonsten kann es natürlich sein, dass auch andere Interessen mitunter für gute Kritiken von weniger guten Aufnahmen stehen. Zum Schluss noch etwas, das es wirklich gegeben hat. Aus meiner früheren beruflichen Tätigkeit bei einem Sinfonieorchester in Niedersachsen fiel mir auf, dass die Rezensionen der Konzerte des Chefdirigenten durch und durch positiv und überschwänglich ausfielen, ja in Lobhudelei ausarteten. Konzerte von Gastdirigenten waren schon mal auch ganz leicht kritisch bewertet. Was war der Hintergrund? Der Kritiker der einzigen am Ort erscheinenden Tageszeitung war gleichzeitig Verfasser der Abendprogramme. Das wollte er wohl auch bleiben. Somit konnte man diese Rezensionen allesamt wirklich voll vergessen. Das zu ehrlich oder unehrlich.
    :hello:

  • Ich komme immer wieder auf meine Lieblingsidee zurück, die aber nicht von mir stammt, sondern vor Jahren bei RONDO in bescheidenem Stil geübt wurde. Ich will es mal musikalische Blindverkostung nennen. Die Kritiker bekommen nur eine glänzende Scheibe und scheitern vielleicht schon daran, dass sie die Musik nicht erkennen (wie ich hier beim Weihnachtsrätsel - aber ich muss ja auch keine Kritik schreiben). Und dann - nach einer hymnischen Kritik - stellt sich heraus, dass der Dirigent der Musikdirektor etwa von Münster ist (der übrigens sehr gut ist, das wird Holger bestätigen) und nicht Simon Rattle in Luzern. Ich übertreibe natürlich. Jetzt aber kommt die spannende Frage: Warum wird das eigentlich so gut wie nicht gemacht?

    Ihr absolviert diese Stelle wie ein Intercity auf einer schwer zu nehmenden Weiche (mein verstorbener Chordirigent Johannes Glauber aus Essen)

  • Der Vorteil dieser Plattform hier ist ja, dass es für uns bei Tamino keine finanziellen oder arbeitsrechtlichen Rücksichtnahmen geben muss. Ich kann eine Aufnahme von BIS oder Harmonia mundi gut oder eben weniger gut finden und sogar sagen, dass mir die Richtung, die die traditionsreiche DG einschlägt, gar nicht passt. Dass wir dabei natürlich uns im seriösen Rahmen bewegen müssen, ist die andere Seite der Münze. Was nützt einem die Meinungsfreiheit, wenn man anfängt, etwa Dirigenten als "Knallkopp" oder so zu bezeichnen.


    Wenn ein Klassikmagazin auf Sponsoren angewiesen ist, dann wird sich ein Rezensent, der seinen Arbeitsplatz behalten möchte schon überlegen, ob er eine Aufführung so verdient schlecht beschreibt, wie sie vielleicht tatsächlich war.


    Auf kommunaler Ebene liest man oft Unterstützungs-Rezensionen, jedenfalls hier, wo ich wohne. Wenn Leute überhaupt etwas kulturell machen, dann wird es grundsätzlich schon hochgeschrieben und unterstützt. Das ist schon so gewöhnlich geworden, dass es kaum noch auffällt.
    Die finanziellen Notwendigkeiten, bei lokalen Kirchenkonzerten Sponsoren zu finden ( sonst bekäme man nie jenes Orchester zusammen, das schlecht intonierte und selten zusammen war....) sind eben so dominant, dass eine ehrliche Rezension kaum zu erwarten ist.
    Es kommt auch hinzu, dass man sich gegenseitig kennt. Da geht es dann oft nach dem Motto zu: Tu ich dir nichts, tust du mir nichts, wir sind alle super. Sagst Du nicht, dass wir uns mit unserem "Messias" gerade selbst überhoben haben, sag ich auch nichts zu Eurer kompletten Überforderung bei der "h-moll-Messe". Wir überhöhen uns gegenseitig, und das betreiben wir so lange, bis wir schon selbst daran glauben, was durch viele Bestätigungs-Kommis bei Facebook noch einmal mit dem Faktor 10 verstärkt wird.


    Ich für meinen Teil bleibe lieber dabei, dass ich das höre, was ich nun einmal höre. Das Märchen von den neuen Kleidern eines Kaisers habe ich da immer im Hinterkopf.
    Aus diesen Gründen abonniere ich unsere hiesige Lokalzeitung schon gar nicht, sondern hole sie mir nach einem halben Jahr in großen Stapeln vom REMA-Supermarkt - als Anzündepapier, schließlich betreiben wir hier im Haus zwei Öfen, und der norwegische Winter kann tatsächlich kalt sein.


    Wenn z.B. ich hier auf Tamino Aufnahmen bespreche, dann kann sich jeder sicher sein, dass ich damit nur meine Eindrücke mit Interessierten teilen möchte. Weder meine finanzielle Existenz, noch mein sozialer Status in Kulturkreisen ( ach, wie ich diese Umtriebe manchmal hasse...) wird dadurch gefährdet.
    Das ist einer der seltenen Fälle, in denen Du Deine (eigene, subjektive) Wahrheit wenigstens einmal ohne Angst vor Repressalien und Konsequenzen sagen darfst.


    Übrigens fände ich eine solche Blind-Rezensions-Aktion gut, vorausgesetzt es handelt sich um Musik, über die man überhaupt etwas sagen kann.


    Gruß
    Glockenton

  • Ich komme immer wieder auf meine Lieblingsidee zurück, die aber nicht von mir stammt, sondern vor Jahren bei RONDO in bescheidenem Stil geübt wurde. Ich will es mal musikalische Blindverkostung nennen. Die Kritiker bekommen nur eine glänzende Scheibe und scheitern vielleicht schon daran, dass sie die Musik nicht erkennen ....... Jetzt aber kommt die spannende Frage: Warum wird das eigentlich so gut wie nicht gemacht?


    Lieber Dottore Pingel!


    Es wird etwas vielleicht Vergleichsbares gemacht und ich lese das immer gerne und meist mit großem Gewinn.


    Bei "Concerti "und nach wie vor bei "Rondo" werden - in der Regel - einem Musiker verschiedene Aufnahmen vorgespielt und es wird gleichsam protokolliert, was er über das Stück sagt und über die Interpretation. Das ist meist wirklich spannend!
    Im letzten Heft von "Concerti" wurden Lisa Batiashvili Aufnahmen von Kollegen und Kolleginnen vorgespielt. Bei "Rondo" mußte Antonello Manacorda zu allen möglichen Aufnahmen was sagen.


    Im Übrigen ist ja eigentlich unser Thread "Neue Stimmen" vom Ansatz her durchaus vergleichbar. Man hört eine Stimme, die in den Rankings der Opernsänger noch nicht verortet ist und zu der man meist noch nicht einmal was gelesen hat. Und dann soll man etwas zu ihr sagen, sie womöglich beurteilen. Du stellst Dich ja immer der Aufgabe. Einige andere Taminos tuen das zumindest gelegentlich. Aber die meisten Opernfreunde scheuen davor zurück. Ihnen scheint das Risiko, sich zu blamieren, wohl zu groß? Und das wäre vermutlich genau das Problem, wenn man - in welcher Form auch immer - Deine Idee verfolgen würde.


    Beste Grüße


    Caruso41

  • Für Ehrlichkeit der Kritik ist Unabhängigkeit Voraussetzung. Wo die nicht gegeben ist, wird die Kritik "politisch". Das geht schon bei Wettbewerben los. Da sitzen dann in der Jury die Professoren und Musiker, welche ihre Zöglinge auf den vorderen Plätzen sehen wollen. Es gilt dann die Regel: Eine Krähe kratzt der anderen kein Auge aus - wenn Du meinen Schützling nicht schlecht machst, mache ich Deinen auch nicht schlecht. So wird dann "Diplomatie" betrieben statt ehrlicher Kritik.


    Kritik kann im Zusammenhang mit Wettbewerben sehr wohl die Karrieren bestimmen. Beispiel: Der Chopin-Wettbewerb in Warschau. Heute kann man ihn Dank des Internets mit verfolgen, er ist also der Weltöffentlichkeit geöffnet. Aber davon abgesehen: Da gewinnt den letzten ein Koreaner Seon-Jin Cho, weil nun mal ein Koreaner dran war und er hat gleich einen Vertrag in der Tasche bei der DGG. Die Aufnahme der Chopin-Preludes ist aber einfach nur sehr schwach. Aber sie verkauft sich auf dem Markt - besonders in Korea. Die Preisträgerin davor, die in der Schweiz lebende Russin Julianna Avdeeva, hatte das Glück nicht. Ihr Vortrag der Chopin-Preludes im direkten Vergleich ist wirklich unvergleichlich besser, trotzdem kam sie ins publizistische Anseits. Die Kritik unterstellte nämlich Mauscheleien und favorisierte andere wie z.B. den Österreicher Ingolf Wunder. Bei Blechacz hatte man auch schon unterstellt, das sei ein Gefälligkeitsurteil, weil er Pole sei, was natürlich völliger Quatsch war (er hat ja nicht nur den 1. Preis, sondern sehr ungewöhnlich auch noch sämtliche Einzelpreise gewonnen damals bei einer internationalen Jury). Blechacz hatte aber zu seinem Glück als Mentor Krystian Zimerman und ist schlicht eine solche Koryphäe, die sich durch überragendes, ehrliches Können einfach durchgesetzt hat. So eine "Gerechtigkeit" gibt es zum Glück immer noch. (Im Februar erscheint übrigens die nächste, eine Bach-CD, von ihm.)


    Den Echo-Klassik nehme ich z.B. überhaupt nicht Ernst. Da bedient sich die Musik-Industrie selbst und kürt ihre Stars, um die Verkaufszahlen hochzutreiben. Um das zu kaschieren, gibt es dann auch noch einige "ehrliche" Preisträger meist in "unauffälligen" Kategorien, damit diese ganze Marketing-Strategie nicht auffällt und der Schein der Seriosität gewahrt wird.


    Schöne Grüße
    Holger

  • Den Echo-Klassik nehme ich z.B. überhaupt nicht Ernst. Da bedient sich die Musik-Industrie selbst und kürt ihre Stars, um die Verkaufszahlen hochzutreiben. Um das zu kaschieren, gibt es dann auch noch einige "ehrliche" Preisträger meist in "unauffälligen" Kategorien, damit diese ganze Marketing-Strategie nicht auffällt und der Schein der Seriosität gewahrt wird.


    Sehr gut beobachtet, lieber Holger!


    Dazu ein kleiner Einschub:


    Bei der letzten Echo-Verleihung sah ich für eine Sekunde im Fernsehen das Gesicht von Alice Harnoncourt. Ich dachte mir: "was um Himmels willen macht diese große Dame der Barockvioline bei einer solchen Veranstaltung?"
    Nun, sie hat posthum einen Preis für Ihren Mann bekommen, was ich auf der Webseite des Concentus musicus Wien später als Link auf die Mediathek ersah.


    Frau Harnoncourt und Gottschalk, dass war ja an sich schon so ein merkwürdige berührendes Bild ( ebenso auch Gottschalk und Brendel....naja...)
    Im ZDF-Fernsehen jedoch konnte man diese Preisverleihung natürlich nicht sehen.


    Bei der Preisverleihung davor sah ich eine Sängerin ins Publikum gehen und irgend so einen Tango (glaube ich) singen. Plötzlich sah ich Herrn Masaaki Suzuki dort sitzen. Erst später verstand ich, dass er auch einen Preis für die gewaltige Leistung der Gesamteinspielung aller Bachkantaten auf höchstem Niveau erhielt. Auch diese Preisverleihung war natürlich im Fernsehen nicht zu sehen.
    Stattdessen meistens irgendwelche Tenöre mit viel zu dicken Augenbrauen oder ein/eine Klaviertasten-Blender. Die haben so eine Art Abo auf diese Preise, weil die sich richtig gut verkaufen.


    Beim letzten Mal zeigten sie ja diesen Kontra-Altus. Der war wirklich ein Highlight, auch das Orchesterspiel, aber ich fürchte, dass man ihn eher wegen der für "Kuriosität" zeigt, dass ein Mann so hoch wie eine Frau singt. Anschließend hat Gottschalk mit ihm auch gewisse Verballhornungen getrieben.....das musste wohl sein, soll ja alles unterhaltend sein ( "E" gibt es ja eh nicht mehr, och ja, bloß nicht immer so "steif und verkrampft", man muss doch "die Schwelle senken", weshalb da auch so ein Alt-Punker direkt hinter Brendel gesetzt wurde...... :wacko::evil: etc, etc.....)


    Nun ja, dann werde ich meine Nase wieder in meine Notenvorbereitungen stecken....


    Gruß :hello:
    Glockenton

  • Bei der letzten Echo-Verleihung sah ich für eine Sekunde im Fernsehen das Gesicht von Alice Harnoncourt. Ich dachte mir: "was um Himmels willen macht diese große Dame der Barockvioline bei einer solchen Veranstaltung?"
    Nun, sie hat posthum einen Preis für Ihren Mann bekommen, was ich auf der Webseite des Concentus musicus Wien später als Link auf die Mediathek ersah.


    Frau Harnoncourt und Gottschalk, dass war ja an sich schon so ein merkwürdige berührendes Bild ( ebenso auch Gottschalk und Brendel....naja...)
    Im ZDF-Fernsehen jedoch konnte man diese Preisverleihung natürlich nicht sehen.

    Lieber Glockenton,


    das ist ja ein starkes Stück. Brendel nicht telegen genug (das findet er glaube ich auch selbst :D )! Deswegen schaue ich mir den ganzen Zirkus gar nicht mehr an. Dafür bin ich inzwischen wohl wirklich zu alt! :untertauch:


    Herzlich grüßend
    Holger