Brahms, Johannes - Sinfonien-Gesamtaufnahmen - welche sind empfehlenswert/unverzichtbar

  • Hallo,
    ich überlege gerade, mir zu meiner GA von Szell (eine) weitere anzuschaffen, weil ich den Verdacht habe, dass mit Szell nicht alles zu diesem Thema gesagt ist, auch wenn die Aufnahme sehr gut ist. Ich habe noch einzelne Sinfonien in anderen Aufnahmen, die teilweise erheblich von Szells Lesart abweichen. Ich interessiere mich aber nicht für weitere einzelne Aufnahmen, sondern bin auf der Suche nach GA von möglichst homogener Interpretation und Qualität. Mono-Aufnahmen interessieren mich dabei wie immer grundsätzlich nicht.


    Darum frage ich hier: Welche GA haltet Ihr für empfehlenswert / überragend / must-haves und welche besonderen Qualitäten haben sie? Die Zahl der verfügbaren GA ist ja enorm und es scheint mir schwierig, sich da zu entscheiden.

  • Lieber Uranus,


    mit George Szell hast Du sicherlich bereits eine sehr gute Gesamtaufnahme von Brahms. Die Erste gibt es sogar zweimal, wobei die ältere von 1957 (auch schon in Stereo) noch mitreißender ist.


    Als Gegenpol würde ich aus dem Stegreif folgende Einspielungen ins Spiel bringen:



    Wiener Philharmoniker
    Leonard Bernstein


    Live-Aufnahmen aus den frühen 80er Jahren. Deutlich emotionalerer Zugang als Szell.


    Hoch interessant finde ich auch Brahms unter dem Dirigat von Leopold Stokowski. Man kann sich tatsächlich einen Zyklus der vier Symphonien in gut klingenden Stereoaufnahmen zusammenstellen:



    Symphonie Nr. 1
    London Symphony Orchestra (1972 - 60th Anniversary Concert)




    Symphonie Nr. 2
    National Philharmonic Orchestra (1977 - vorletzte Aufnahme überhaupt)



    Symphonie Nr. 3
    Houston Symphony (1959)



    Symphonie Nr. 4
    New Philharmonia Orchestra (1974 - letzter Live-Auftritt)


    Die Dritte gibt's z. Zt. leider nur mehr gebraucht. Stokowskis opulenter Brahms mit ausgeprägter Agogik und teilweise extremer Dynamik ist ein krasser Gegenentwurf zu Szells fast asketisch angehauchten Interpretationen.

  • Lieber Uranus,


    zu Deiner Frage wirst Du hier sicher sehr unterschiedliche Empfehlungen bekommen. Ich habe die Brahms-Symphonien mit Bernstein kennen und lieben gelernt, und das sind nach wie vor meine Aufnahmen "für die Insel". Ich rede hier von den späten Einspielungen mit den Wiener Philharmonikern (andere bevorzugen die frühen Aufnahmen mit dem New York Philharmonic). Ursprünglich sind die Aufnahmen auf vier Einzel-CDs erschienen:




    Es gibt aber inzwischen viele Boxen mit diesen Aufnahmen, zum Beispiel diese hier, die auch die ebenfalls sehr hörenswerten Konzert-Aufnahmen enthält:


  • Guten Abend,


    Erstmal herzlichen Dank für den Hinweis mit Bernstein . Habe ich sofort im großen Fluss bestellt. Ich empfehle eine weitere sehr gelungene Aufnahme von Chailly mit dem RCO :
    LINK WAR FALSCH....nicht die neuere mit den Leipzigern sonder die Amsterdamer......
    Gruss




    Kalli


    P.S. Gebraucht schon unverschämt günstig.....




  • Ich habe die Brahms-Symphonien mit Bernstein kennen und lieben gelernt, und das sind nach wie vor meine Aufnahmen "für die Insel".


    Lieber Uranus, lieber Bertarido,


    jeder hört Brahms anders und hat andere Prägung. Wenn wir zum Beispiel Glockenton´s Meinung heranziehen, dann gehört für ihn zu Brahms ein hochromantischer Ton. Mir liegen dagegen die weit trockeneren, aber megapräzisen Szell-Aufnahmen sehr - besonders die Sinfonie Nr.3 unter Szell (SONY) gehört für mich zu den besten Aufnahmen der Dritten. Ich bin jedesmal nach dem Hören platt vor Begeisterung. So straff will ich das hören !
    Mit Szell bist Du meiner Meinung nach schonmal erstkalssig bedient ... weiter Empfehlungen folgen ...



    Zu Bernstein:
    Natürlich sind das mit Bernstein (DG) hochemotionale Aufnahmen, die mich auch sehr ansprechen. Durch meine Prägung liegt mir das oftmals sehr langsame gewählte Tempo (typisch für den späten Bernstein) nicht so ganz. Die Sinfonie Nr.4 verträgt diese Herangehensweis enoch am Besten - diese DG-Aufnahmen finde ich spitze !
    Aber wie Bertarido schon geschrieben hat - ja - ich gehöre auch zu den Brahms-Hörern, die die frühe :thumbup: GA mit Bernstein / New Yorker PH (SONY) nicht nur vorziehen, sondern absolut ansprechend finden, weil hier das für mich normal zügige Tempo stimmig ist. Von der Emotionalität her auch erste Klasse !
    Bernstein betrachtet gegenüber seiner DG-GA hier nicht alle Whd-Zeichen, was bei mir ohnehin keine entscheidende Option ist.


    ....
    SONY, 1960-1964, ADD


    Die Bernstein-Aufnahmen sind klangtechnisch besser gelungen, als die Szell-Aufnahmen aus Cleveland, obwohl diese in gleichem Zeitrahmen entstanden sind. (Da gibt mehre Beispiele bei denn das auch so ist - die Beethoven-Sinfonien z.Bsp. auch ...)
    Ich finde es aber schade, dass sich Bernstein bei der 1.CD mit der Sinfonie Nr.1 nur für die Aufnahme der Serenade Nr.2 entschieden hat ... ich schätze die Serenade Nr.1 höher !

  • Vorab, man müsste bei den Empfelungen eigentlich die einzelnen Sinfonien und deren Aufnahmen betrachten ...
    Eine GA, die für mich rundum stimmig ist, da sie alle Vorteile von Szell und Bernstein (SONY) vereint und zudem in hervorragender TOP-Decca-Klangqualität vorliegt, ist die Solti-GA (Decca).


    Diese GA hatte bei mir die grosse Klemperer-GA (EMI), damals bei mir noch auf LP, mit riesigem Erfolg auf CD abgelöst und mich für viele Jahre höchst zufriedengestellt hat und damt auch deutlich geprägt:



    Decca, 1978-79, ADD


    Zur Klemperer-GA (EMI) , bin ich vor einiger Zeit auch wieder zurückgekehrt -- diese gehört neben Solti (Decca), Bernstein (SONY), Szell (SONY), Dorati (Newton) auch zu meinen Favoriten ... und klingt auf CD im neuem Remastering der LP-"Kratzware"-Ausgabe haushoch überlegen.


    Bei den ganzen Empfehlungen ... es gibt so viele bedeutende Brahms-Sinfonien-GA = vergesst mir Karajan (DG) nicht ...



    PS an Kalli:
    So ist das mit den Empfehlungen ! Die Chailly II-GA mit den Leipzigern habe ich wieder verkauft - da war mir (in aller Kürze) zu viel daneben. Aber Chailly I mit dem CGBO Amsterdam (DEcca) macht mir dagegen auch grosse Freude, wenn auch letztendlich nicht als Favorit.

  • Wie schon gesagt, überragend/must haves sind für mich Furtwängler (Music and Arts), Toscanini (RCA) und Bruno Walter (Sony), aber die sind alle alt. Mit Walter gibt es, glaube ich, aber auch alle in Stereo (jedenfalls 2+3, die habe ich auch). Von Jochum kenne ich auch nur die Mono-Aufnahme (DG), da gibt es aber ebenfalls auch noch eine in Stereo (EMI, die ich nicht kenne).



    Als Gegenpol zu Szell würde ich auch die größtenteils eher "entspannten" Aufnahmen Sanderlings (mit der Staatskapelle Dresden) empfehlen (unterschiedliche, oft preiswerte Ausgaben, aber nicht die Capriccio-Einspielung, das ist eine andere)



    Eine relativ "extreme" Deutung findet man in den späten Wiener Aufnahmen Giulinis, Brahms sozusagen "brucknerisiert" mit sehr breiten Tempi


    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Hallo!


    Ich habe eben mal durchgezählt und komme auf eine Anzahl an Gesamtaufnahmen, die das Dutzend voll macht.


    Einige der gängigen wurden hier bereits genannt, wobei ich auch meist auf Bernstein oder auch Abbado zurück greife.


    Aufnahmen, die etwas abseits der normalen Interpretation stehen, sind m.E. die beiden folgenden:



    Hier gibt es keine eigene Brahms-Box, das heißt, man kauft sie (3 CDs) einzeln oder hat sie in einer der Gielen Boxen.



    Wenn ich es nicht so glatt gestrichen möchte höre ich Ansermet.


    Gruß und gute Hand beim Kauf
    WoKa

    "Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber Schweigen unmöglich ist."


    Victor Hugo

  • Unter den aktuelleren Einspielungen ist Thielemanns Brahms-Zyklus sicher nicht die schlechteste Wahl:


    bzw.


    Wer statt des eher analytischen Gielen (den ich trotzdem sehr schätze) einen romantischeren Brahms bevorzugt, macht hier kaum etwas verkehrt - insbesondere, weil Thielemann (anders, als bei seinem Wiener Beethoven-Zyklus) nicht ständig beweisen will, wie großartig er als Dirigent ist, sondern sich zurücknimmt und die Sächsische Staatskapelle frei spielen läßt.

  • Ein ernstzunehmender Brahms-Dirigent war natürlich auch Sergiu Celibidache. Sein Münchner Zyklus ist derzeit offenbar nur mehr als Teil einer größeren Box erhältlich:


  • Fürs erste schließe ich mich den Empfehlungen des Bernstein DGG- Brahms Zyklus an. und zwar ironischerweise aus dem selben Grund, weshalb er gelegentlich abgelehnt wurde: Das sind die getragenen Tempi. Sie stehen im diametralen Gegensatz zu Brahms Auffassung von Georges Szell, bieten also einen idealen Kontrast.

    Persönlich ziehe ich allerdings - wen wunderts ? die Gesamtaufnahme mit Karl Böhm vor. Sie vereint IMO alle positiven Eigenschaften: Die Wahl der richtigen Tempi, überzeugende Dynamik und leuchtenden Orchesterklang. Die Aufnahme wirkt gererell "strahlend", niemals aber nordischspröde oder kantig, was auch legitime Lesarten bei Brahms wären. Denn er war sowohl Norddeutscher, als auch Wahlwiener.

    Vielleicht sollte man noch erwähnen, daß jede der beiden Gesamtaufnahmen in etwa den üblichen Preis einer Vollpreis-CD kostet, sich vom Einzel-CDPreis gerechnet, sogar unterhalb der Naxos CDs befindet.


    mfg aus Wien
    Alfred

  • Aufnahmen, die etwas abseits der normalen Interpretation stehen, sind m.E. die beiden folgenden:



    Hier gibt es keine eigene Brahms-Box, das heißt, man kauft sie (3 CDs) einzeln oder hat sie in einer der Gielen Boxen.


    Lieber WoKa,


    inzwischen gibt es die Brahms Sinfonien in einer Box zusammengefasst:


    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.
    Gustav Mahler

  • Unverzichtbar, naja. Aber empfehlenswert:


    Da möchte ich unbedingt noch diese Aufnahmen empfehlen:


    Aus einer Rezension:


    »In seiner letzten Einspielung der vier Brahms-Sinfonien erreicht Günter Wand ein ähnlich hohes Niveau wie bei seinem unvollendeten letzten Bruckner-Zyklus. Auch hier bevorzugt Wand wieder Live-Mitschnitte, um die Unmittelbarkeit und Lebendigkeit der Aufführung spürbar zu machen. Das NDR-Sinfonieorchester ist dabei ein herausragender Klangkörper, der an Schönheit und Ausdrucksvielfalt besticht und an Spielkultur selbst seine frühere Studioprokuktion mit Wand hinter sich lässt … «

    Einer der erhabensten Zwecke der Tonkunst ist die Ausbreitung der Religion und die Beförderung und Erbauung unsterblicher Seelen. (Carl Philipp Emanuel Bach)

  • Meine dringenden Empfehlungen:



    Rattle, BPO


    Vereinigung von sattem, warm-dunklem Klang, kammermusikalischen Details bei den Holzbläsern, großorchestralem Gesamtsound, stimmigen Tempi und genußvollem Ausspielen der Kantilenen bei gleichzeitig sehr sensiblem Nachhorchen in allen Schattierungen, die die Partitur bietet.
    Eine Interpretation, die voll in der Karajan-Tradition steht, bzw. die ohne Karajans extrem intensive Vorarbeiten mit dem Orchester m.E. nicht so klänge.



    Karajan, BPO


    Man sollte die unbedingt im Bestand haben - klanglich hervorragend, eine große Linie zeichnend, intensiv und sehr perfekt.
    Zusätzlich empfehle ich mit demselben Dirigenten die DG-Aufnahmen aus den 60er-Jahren, sowie eine überaus traumhafte Erste mit dem BPO, die in der Spätphase seines Wirkens live in Tokyo mitgeschnitten wurde. Für diese Symphonie ist das für mich definitiv DIE Aufnahme.
    Ich habe sie über Amazon aus Japan bezogen......



    Böhm, WPO


    Sehr partiturtreu, klassisch ausgewogen und transparent. Klanglich ist die Aufnahme für ihr Alter noch erstaunlich gut.



    Wand, NDR-Symphonieorchester


    Diese Einspielungen haben mir den Zugang zu den Werken erst richtig erschließen können.
    Ein echter Klassiker, der bei Liebhabern dieser Musik nicht fehlen darf, finde ich.



    Abbado, BPO
    Ebenfalls eine wunderbare Gesamteinspielung, mit der alleine man schon sehr glücklich sein kann, voll in der Karajan-Tradition des Orchesters stehend. Großorchestral, melodieorientiert, emotional auspielend, jedoch niemals sentimental.



    Den Empfehlungen für Bernstein/WPO kann ich mich nicht anschließen, weil ich finde, dass Bernstein ständig in die Genußfalle tappt, dabei aber nicht größtmögliches Ausspielen romantischer Empfindung erreicht, sondern für mich eher ein gefühliges, nahezu sentimental verkitschtes Ergebnis erzielt. Mir kommt es vor, als wenn man zu viel Süßigkeiten isst: es wird mir nach kurzer Zeit einfach zu viel. Ebenso finde ich, dass in den langsamen Sätzen ihm oft der formale Zusammenhang abhanden kommt, weil er noch mehr hier und dann noch mehr da macht ( z.B. agogisch).


    Als Thielemann-Freund bedaure ich auch, dass ich mich diesen Empfehlungen nicht aus vollem Herzen anschließen kann. Thielemann macht viele Temporückungen, bevorzugt schnellere Tempi als die meisten der von mir hier genannten ( außer Wand vielleicht) und ist in seinen Maßnahmen leider zu sehr vorhersehbar: Gibt es große Crescendi, dann macht er auch Accelerando und umgekehrt, Spannungspausen werden gedehnt, was sehr stark wirken kann, aber wie gesagt, es darf irgendwie nicht zur Masche werden.
    Sentimental klingt es bei ihm aber zum Glück nie.
    Den Vergleich mit seinen für mich wirklich genialen Beethoven-Einspielungen höre ich eher andersherum, als oben im Thread beschrieben.
    Meiner Ansicht nach würde er heute seinen Brahms schon wieder besser machen und auf zuviel Agogik bei großen Crescendi/Diminuendi ggf. verzichten. Eine ganz hervorragende Aufführung es Requiem mit dem BPO in Berlin bestätigt da meine Vermutung.


    Die klassische Ausgewogenheit der Herren Böhm, Wand, aber auch Karajan, Abbado, Rattle, vermisse ich bei den CDs mit Bernstein und etwas auch bei Thielemann.
    Brahms war ja auch von der Form her ein Anhänger von klassischen Formen und hat seinen romantischen Ausdruck innerhalb dieser Strukturen in die Partitur durch seine Harmonik, Dynamik, Melodik und Instrumentation geschrieben. Seine Musik ist enorm emotional, jedoch absolut niemals sentimental oder effektheischend......eben sehr "deutsch".


    Meine absoluten Interpreten-Favoriten ( und damit die wirklich unverzichtbaren Aufnahmen) für dieses Musik sind Karajan und Rattle, wobei ich finde, dass Karajan die prägende Gestalt für diese Art des Brahms-Bildes ist, während Rattle ( auch Abbado) sozusagen unter den Prämissen des Karajan-Brahmsbildes ihren eigenen Ausdruck finden. Es handelt sich nicht um Kopien, sondern um Neuinterpretationen im Rahmen einer geprägten Interpretationswelt. So etwas finde ich sehr gut keineswegs kritikwürdig. Wenn man ein sehr gutes Angebot von einem Orchester bekommt, dann macht es keinen Sinn, es nicht auch anzunehmen. Wie es klingt, wenn man mit einem Brahmsorchester wie dem BPO alles anders machen möchte, kann man bei Harnoncourt nachhören. Das Resultat berührt mich wenig - irgendwie von der Partitur her durchaus nachvollziehbar, aber zu sehr in einem verkopften Stadium steckengeblieben. Auch den grandiosen Brahms-Klang des Orchester kann man bei diesen Aufnahmen kaum noch erahnen.


    Gruß
    Glockenton

  • Als Thielemann-Freund bedaure ich auch, dass ich mich diesen Empfehlungen nicht aus vollem Herzen anschließen kann. Thielemann macht viele Temporückungen, bevorzugt schnellere Tempi als die meisten der von mir hier genannten ( außer Wand vielleicht) und ist in seinen Maßnahmen leider zu sehr vorhersehbar: Gibt es große Crescendi, dann macht er auch Accelerando und umgekehrt, Spannungspausen werden gedehnt, was sehr stark wirken kann, aber wie gesagt, es darf irgendwie nicht zur Masche werden. Sentimental klingt es bei ihm aber zum Glück nie. Den Vergleich mit seinen für mich wirklich genialen Beethoven-Einspielungen höre ich eher andersherum, als oben im Thread beschrieben.


    Das ist interessant, lieber Glockenton, denn genau die problematischen Tempo- und Dynamikrückungen etc. sind es, die bei seinem Beethoven-Zyklus so gewollt wirken und mir sauer aufstoßen. Beim Brahms-Zylus hingegen meine ich, verzichtet Thielemann weitestgehend auf diese Mätzchen, will eben weniger und erreicht damit mehr.

  • Den Empfehlungen für Bernstein/WPO kann ich mich nicht anschließen, weil ich finde, dass Bernstein ständig in die Genußfalle tappt, dabei aber nicht größtmögliches Ausspielen romantischer Empfindung erreicht, sondern für mich eher ein gefühliges, nahezu sentimental verkitschtes Ergebnis erzielt.


    Was Du sentimental-verkitscht nennst, lieber Glockenton, nenne ich hochemotional - genau das, was ich an Bernstein so liebe. :jubel:

  • Wie es klingt, wenn man mit einem Brahmsorchester wie dem BPO alles anders machen möchte, kann man bei Harnoncourt nachhören. Das Resultat berührt mich wenig - irgendwie von der Partitur her durchaus nachvollziehbar, aber zu sehr in einem verkopften Stadium steckengeblieben. Auch den grandiosen Brahms-Klang des Orchester kann man bei diesen Aufnahmen kaum noch erahnen.


    :thumbup: Ja, das finde ich auch.
    Bereits im Jahre 2004 hat mich der Kauf dieser Brahms-Sinfonien mit Harnoncourt derart verärgert, dass er mich zu dem Tamino-Beitrag "Brahms-Schock am Wochenende" (Diskussion ab Beitrag 9) animiert hatte.


  • Was Du sentimental-verkitscht nennst, lieber Glockenton, nenne ich hochemotional - genau das, was ich an Bernstein so liebe. :jubel:


    Ich verstehe, was Du meinst. Es ist natürlich auch hochemotional, was er da macht und er grunzt ja auch sehr engagiert mit....;-)


    Die Frage ist eben, wie man es erlebt, bzw. ob das enorme Ausspielen bzw. Draufsetzen als von der Musik her nötig oder eher als zuviel empfunden wird. Man kann ja auch der Auffassung sein, dass die Musik durch ihre Melodik, Harmonik und ihre Instrumentation bereits für sich genommen sehr emotional sei. Dass man diese Ansicht auch wieder in ein - wie ich finde- nervig negatives Extrem treiben kann, beweist auf seine Weise ein Jukka-Pekka Saraste in Köln - irgendwie wird es dann furchtbar banal.
    Ein Wand beispielsweise spielt den Brahms auch nicht kalt oder ohne Emotionen. Ob diese Musik nun stärker wirkt, wenn man sie mit einer "deutschen Festigkeit" spielt ( hat Celi auch immer gefordert) oder wenn man es eben so wie Bernstein macht (ich finde, es bleibt bei den langsamen Sätzen manchmal schon stehen, obwohl die Musik faktisch weitergeht), hängt auch viel vom momentanen und subjektiven Empfinden eines Hörers ab. Das ist nicht immer in Stein gemeißelt, sondern kann sich mit den Jahren ändern.



    Meine "Karriere" lief so: Als Kind eine ältere CBS-Bernstein-Aufnahme der Ersten ( sie war recht feurig und "zackiger", anders als die späteren Wiener Aufführungen, sicherlich etwas für teleton), dann als Jugendlicher pro Karajan 60er ( war für mich im Vergleich immer mit den damals im Fernsehen übertragenen Wiener Bernstein-Aufführungen immer "irgendwie besser" und wuchtiger/voller), dann als junger Mann ein Fan von Wand/NDR, weil mir die Musik auf diese Weise verständlicher und auch zupackender bei gleichzeitig voll/dunklem Klangbild vorkam, dann der Vergleich mit Harnoncourt ( in diesem Stadium konnte ich schon Partituren lesen und verstand mehr von Musik ), der mich jedoch am Ende gegen die Wand-Deutungen aufgrund zu vieler "Genussverweigerungen" und sprödem Klang nicht überzeugen konnte, dann eine ausgeliehene Abbado-Aufnahme, die mir erst von Wand her kommend zu langsam und genussvoll-breit vorkam, später kam ich dann sehr auf den Abbado-Geschmack, was viele Jahre anhielt. Dann wieder Vergleiche mit vielen Anderen, bei denen ich Abbado am Ende immer vorzog.
    Große Begeisterung vor einigen Jahren dann für Rattle ( bis heute), dann setzte am Ende die Karajan-Renaissance, vor allem jene Live-Spätaufnahme und die 60er-Aufnahmen - von den neuen dann die DDD-Versionen, die im Fortissimo auch aufnahmetechnisch völlig unverzerrt und unkomprimiert daherkommen.
    Neulich dann wieder sehr viele Vergleiche ( einfach auch weil ich den Kompositionen verfallen bin), auch mit Bernstein/Böhm/Sanderling ( fand ich auch nach längerem Hören richtig gut) /Celi/Giulini WPO (sehr enttäuschend, vielleicht die anderen Aufnahmen besser), die letztendlich dazu führten, dass ich die jeweiligen Vorteile guter Aufführungen sehr schätzen kann, letztendlich aber doch meine von Karajan geprägten Brahmsbilder ( zu denen ich auch die Ansätze Rattles und Abbados zähle) mit den Berliner Philharmonikern am liebsten höre.


    Ich bin mir jedoch bei all den vielen Alternativen ( habe auch Spotify...) sicher, dass ich auch nach längerem Hören einen Gardiner-Brahms niemals mögen könnte. Für mich ist das einfach kein Brahms mehr.



    Gruß
    Glockenton

  • Vielen Dank schonmal für die sehr interessanten und hilfreichen Postings, die mir eine Vorauswahl schon ermöglichen (bisher würde ich sagen: Abbado, Rattle, Karajan).


    Gerne sehe ich weiteren Empfehlungen entgegen. Kennt vielleicht jemand von Euch Mackerras' Aufnahme auf Telarc, Barenboims mit dem CSO oder die von Dohnanyi? Von allen meine ich schon andernorts Positives gelesen zu haben.

  • Kennt vielleicht jemand von Euch ... oder die von Dohnanyi? Von allen meine ich schon andernorts Positives gelesen zu haben.


    Ja, die habe ich auch vor einigen Jahren, wegen der recht positiven Kritiken gekauft.
    Das sind rundum saubere Int und zudem auch gut klingende Aufnahmen. :!: Aber im Vergleich zu meinen Favoriten bietet Dohnanyi keine herausfallenden oder herausragenden Einzelheiten ... es klingt zu normal, irgendwie auch konservativ wirkend - fast so in die Richtig von zu "trocken", wie die erste Wand-GA mit dem NDR-SO (RCA), von der ich mich bereits wieder getrennt habe.
    *** Wenn man nun beide Bernstein-GA (SONY (im angemessenen straffen Tempo)) und DG (bes. in den langsamen 2. Sätzen zu ausgewalzt) heranzieht, dann wird einmal mehr deutlich wie viele Emotionen in den Partituren stecken, die Dohnanyi leider nicht ausspielt ...


    *** Wenn ich das mit Solti (Decca) vergleiche, dann sind Welten zwischen dem was diese Musik an Spannung zu bieten hat und was Dohnanyi hörbar übrig bleibt.
    Alles in allem sagen Worte wieder mehr als nötig, denn letztendlich sind es gute Int/Aufnahmen ... aber die "verdammten" Vergleiche, lassen dann eben doch Andere als Favoriten übrig !
    - bei den Mendelssohn-Sinfonien spüre ich bei Dohnanyi (dort mein Favorit) weit mehr Emotionen ...


    Dies ist die Abb der Dohnanyi-GA ... :evil: wieder auf WARNER statt dem Original TELDEC.
    Ich hatte mich seinerzeit für die 3 TELDEC - Einzel-CD-Ausgaben entschieden ( weil die noch günstiger waren ... heute ist diese GA für knapp 8 Euronen zu bestellen):



    WARNER / TELDEC, 1987, DDD


    Es sind auch die beiden Ouvertüren und die Haydn-Var (in der GA auch das VC) dabei.



    Zitat

    In späteren Jahren konnte Dohnanyi (mit dem NDR SO) dieses hohe Niveau nicht halten.


    Interessant zu lesen, die Meinung eines amazon-Kritikers.


    Dohnanyi´s letzte GA mit dem Philharmonia Orchstra (SIGNUM, ~2012) soll jedenfalls am Emotionen die alte Cleveland-GA übertreffen ...

  • Dohnanyis Gesamtaufnahme mit dem Philharmonia Orchestra ist sowohl in einer Box als auch in zwei Doppel CDs erhältlich:




    Ich habe die Aufnahmem sehr positiv in Erinnerung, jedoch nicht mehr so präsent, als dass ich differenzierter etwas dazu schreiben könnte.


    Ich teile Wolfgangs Einschätzung der Gesamtaufnahme mit dem Cleveland Orchestra. Es sind gute Aufnahmen, aber doch etwas entfernt vom Feuer Böhms, von der (positiven) "Sprödigkeit" Ansermets, von der fantastischen Ausgewogenheit der ersten Chailly Gesamtaufnahme (Concertgebouw), der Transparenz Gielens oder der "klassizistischen Strenge" Wands oder Klemperers.

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.
    Gustav Mahler

  • Zyklen, die noch nicht genannt wurden, die auch ihre Meriten haben und deshalb in meiner Vinyl-Sammlung stehen (wie auch fast alle bisher genannten).


    Du musst ja ne wahnsinns Vinyl-Sammlung haben. Wie bekannt habe ich Meine auf das Minimum reduziert, da ich im Prinzip keine LP´s mehr höre.


    Aber die Kempe - Brahms-GA (auf 4 CD mit Bruckner 4 und 5) habe ich mir heute für verrückte 1,06Euro bei den Medimöpsen gegönnt.
    :?: Kannst Du, lieber Lutz oder eine anderer Tamino etwas dsazu sagen, welche "Meriten" die hat ?


    Die Aufnahmen sind von 1975 und werden mit den Müncher PH bestritten - na denn Prost mit nem Bayrischen Bier ( ;) trinke ohnehin fast kein anderes Bier) !
    Ich bin mal gespannt.


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    Die Kertesz-GA (Decca) habe ich von Deinen Abb auch. Ich finde diese bei den Sinfonien Nr.1 und 4 recht gelungen; aber bei den Sinfonien Nr.2 und 3 zu normal, ohne besonders herausragende Momente.
    Aber diese GA bietet auch die astreinen Aufnahmen der Serenaden Nr.1 und 2. ( :| Die hatte ich aber vorher bereits auf der entsprechenden Einzel-CD.)

  • Wenn schon Kempe, dann nicht die mittelprächtigen Aufnahmen aus München, sondern seine hochkarätigen und zeitlosen Aufnahmen aus Berlin auf "Testament":


    Von denen m.E. nach aber einige noch monophon sind, deshalb habe ich sie nicht empfohlen, da es doch hier viele monophobe Taminos gibt. Einige LPs aus der Serie besitze ich.


  • Von denen m.E. nach aber einige noch monophon sind, deshalb habe ich sie nicht empfohlen, da es doch hier viele monophobe Taminos gibt. Einige LPs aus der Serie besitze ich.

    Naja, aber das ist doch nun wirklich kein Grund, diese absolut guten Aufnahmen zu unterschlagen. Es stimmt, Kempe hat mit den Berlinern die 1. und 3. in Stereo aufgenommen, die 2. und 4. in Mono. Das ist schade, aber auch kein Beinbruch, denn alles sind hochseriöse HMV-Studioaufnahmen, die, wie immer bei Testament, von Paul Baily in den Abbey Road Studios remastert wurden. In der Box gibts außerdem noch eine Stereo-Tragische Ouvertüre und Mono-Haydn-Variationen dazu. Und die Stereo-Aufnahmen haben einen wirklich tollen Klang, und die Berliner spielen absolut göttlich für Kempe in allen Sinfonien. Es ist schon auffällig, wie deutlich er sich von Furtwängler und Karajan unterscheidet. Er hat eben seine eigenen Vorstellungen, und die setzt er auch um.

  • Lieber Agon
    mich musst Du nicht überzeugen, ich habe hunderte von Monoaufnahmen in der Sammlung, habe gerade vorgestern die Bartok Quartette in der ersten Juilliard Aufnahme für fast kein Geld erstanden. Und die Berliner Kempe Aufnahmen, die ich habe (u.a. Brahms 1 und 3) finde ich alle toll.
    Liebe Grüsse
    lutgra :hello: