Klassik für Anfänger? Was empfiehlt man einem Novizen?

  • Angeregt vom Faden, der sich mit einem Opernkanon befasst, und der sich meiner Meinung nach inzwischen zu einer Art Curriculum für angehende Musikwissenschaftler mit dem Studienschwerpunkt Oper entwickelt hat, habe ich mir die Frage gestellt, was man eigentlich jemanden empfehlen würde, der etwa mit der Frage kommt: "Ich habe mit Klassik bisher nicht viel "am Hut“ gehabt, meine Freundin hat mich jetzt aber mal in ein Konzert mitgenommen und ich fand das ganz nett. Was würdest Du mir empfehlen, um mich mal intensiver mit dem Thema zu beschäftigen und Freude daran zu finden?“


    Da stellt sich natürlich zum einen die Frage nach Hörempfehlungen für einen absoluten Anfänger, der noch keine Gelegenheit hatte, irgendwelche eigenen Vorlieben zu entwickeln und zum anderen natürlich auch (mindestens ebenso wichtig) die Frage, „wie“ der Betreffende die Sache angehen sollte, sprich, wie er sich in dieses Thema „einhören“ sollte. Dabei geht es nicht nur die Frage, ob „live“ oder „Konserve“, wo mir die Antwort noch relativ leicht fällt, sondern auch um die Frage, ob es bestimmte „Techniken“ gibt, die es einem erleichtern, Zugang zu klassischer Musik zu finden.

  • Lieber Misha,


    nach meiner Meinung sollte man einem Einsteiger nicht gleich mit Bruckner und auch nur begrenzt mit Mahler kommen. Der Ersthörer sollte den Zugang relativ leicht finden, und da glaube ich, daß Programmmusik durchaus nicht falsch ist. Klassische Musik ist nicht nur eine bestimmte Abfolge von musikalischen Gesetzmäßigkeiten, sondern kann auch Bilder vor dem musikalischen Auge produzieren. Ich würde mit solchen Stücken anfangen wie


    - Meeresstille und glückliche Fahrt
    - dem 2. Satz der Pastorale, später dann vielleicht die ganze Sinfonie
    - dem 1. Satz der 1. Sinfonie von Mahler vor dem Hintergrund, daß der Gustav als Kind von seinem Vater im Wald auf einem Baumstamm sitzend vergessen wurde. Während dieser Zeit beobachtet er den Sonnenaufgang, hörtw das Gras und die Bäume sich im Windhauch bewegen, in der Ferne eine Postkutsche, Jagdmotive bis hin zum Zwitschern der Vögel und dem vollen Anbrechen des Tages. Da sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt.
    - auch Don Juan könnte sich eignen, oder einzelne Motive aus der Alpensinfonie, wie der Sonnanaufgang, am Wasserfall, der Gang über Wiesen und Almen, bis hin zum majestätischem Erreichen des Gipfels mit der zunächst herrschenden Ruhe über den Rundblick mit der Erhabenheit der Täler und Höhen bis zur strahlenden Sonne, weiter zum Gewitter und dem folgenden Ausklang.
    - Smetana die Moldau


    Sicher gibt es noch viele weitere Möglichkeiten, z.B. einfach schöne Melodien wie


    - den 2. Satz aus Mozarts Klarinettenkonzert
    - das Ständchen aus dem Chopin-Klavierkonzert Nr. 1, wobei man durchaus den Herzschmerz Chopins einfließen lassen kann (z.B. die Besetzung Polens und dadurch das Verlassen des Landes, den dadurch nötigen Verlust der Geliebten, auch seine sich bemerkbar machende Krankheit)
    - Bruchs Violinkonzert, bes. der überaus melodiöse 2. Satz
    - Liebestraum, Träumerei u.a.


    Bei mir hat es über die Oper angefangen.


    Herzlichst La Roche

    Musik ist eine heilige Kunst - Hugo von Hofmannsthal. Aussage des Komponisten aus der Oper "Ariadne auf Naxos" mit der Musik von Richard Strauss.


  • Ich finde es sehr schwer, hier konkrete Empfehlungen zu geben, weil die musikalischen Vorlieben sich einfach zu stark unterscheiden. Bei dem einen zündet vielleicht eine Beethoven-Symphonie, beim anderen die "Vier Jahreszeiten", und beim dritten Liszts h-moll-Sonate oder eine Bachsche Orgel-Fuge. Entgegen dem, was La Roche gerade geschrieben hat, gehörte Bruckner zu Beispiel bei mir zu den allerersten Erfahrungen in der klassischen Musik, und ich war sofort begeistert davon. Ebenso hat mich Wagner von der ersten Note an gepackt, aber viele Novizen würde man damit sicher abschrecken.


    Ich würde als erste Empfehlung eine Reihe populärer, aber durchaus unterschiedlicher Stücke nennen und dann sehen, was der betreffenden Person gefällt und was nicht. Ich würde dabei dringend anraten, die ganzen Werke zu hören und nicht nur einen Satz einer Symphonie o.ä., denn mit diesem häppchenweisen Hören führt man die Leute gleich am Anfang auf den falschen Weg.

  • Es gibt genug CDs, auf denen sich populäre Werke der Klassik befinden. Da dürfte für jeden Geschmack etwas dabei sein. Gut zum Einstieg eignen sich sicher Mozart, Beethoven und Brahms. Bei Mozart denke ich da eher an die späteren Klavierkonzerte. In der Oper finde ich La Bohème, Andrea Chénier und Nabucco geeignet für das erste Mal: schöne Melodien und relativ kurz.

  • Meiner Erfahrung nach kommen folgende Stücke für Neulinge meist gut:


    Grieg Peer Gynt Suite
    Dvorak 9
    Sibelius Schwan von Tuomela + Karelia-Suite
    Stravinsky Petrushka
    Tschaikovsky Ballettsuiten
    Prokofieff Peter und der Wolf

  • Zu meinen ersten Empfehlungen würden gehören:


    Vivaldi: Le Quattro stagioni
    Bach: Toccata und Fuge d-moll, BWV 565
    Mozart: Symphonien 40 und 41
    Beethoven: Symphonie Nr. 5, Klavierkonzert Nr. 3
    Schubert: Symphonien Nr. 8 "Unvollendete"und 9 "Große C-Dur"
    Berlioz: Symphonie fantastique
    Bruckner: Symphonie Nr. 4
    Mussorgsky: Bilder einer Ausstellung (Orchesterfassung Ravel)
    Tschaikowski: Klavierkonzert Nr. 1
    Rachmaninow: Klavierkonzert Nr. 2
    Dvořák: Symphonie Nr. 9
    Ravel: Bolero
    Debussy: La mer
    Strauss: Also sprach Zarathustra, Alpensinfonie
    Holst: The Planets
    Orff: Carmina Burana
    Strawinski: Le sacre du printemps

  • "Ich habe mit Klassik bisher nicht viel "am Hut“ gehabt, meine Freundin hat mich jetzt aber mal in ein Konzert mitgenommen und ich fand das ganz nett. Was würdest Du mir empfehlen, um mich mal intensiver mit dem Thema zu beschäftigen und Freude daran zu finden?“


    Ich würde zuerst die Gegenfrage stellen, was er denn in dem Konzert gehört hat und was ihm daran gefallen hat? Danach würde ich dann zur Offensive übergehen: "Komm nächstes Wochenende einmal bei mir vorbei und bringe Zeit, einen USB-Stick und zwei Flaschen Rotwein mit!"

  • Drfinitiv: Mahlers 1.! Und vorher erklärt man ihm, er solle auf den "Bruder Jakob" achten. Dann hat er was zu suchen, er wird es ganz bestimmt finden und sich freuen und auf Anhieb ganz viel verstehen. Kein Thema, das man nie mehr wiedererkennt, sondern immer wieder die Freude:"tatsächlich! Da ist es wieder".


    Ansonsten Tchaikovsky. Ich habe einen Freund mitgenommen zu einem Neujahrskonzert mit einem Potpourrie von Tchaikovsky. Er kennt nichts von Klassik. Ich sagte ihm, dass er bestimmt ganz viel wiedererkennt, was er für völlligen Blödsinn hielt. Nachher stellte sich heraus, dass ich recht hatte. Filmmusiken, Hintergrundmusik von Dokus und Reklamejingle - alles dabei. Da hat er sich gefreut.

  • An sich glaube ich, daß man, so man dazu genetisch vorprogrammiert, ist sowieso mal bei der klassischen Musik landet.


    Wobei klassische Musik ja ein Überbegriff von so vielen Richtungen ist, die miteinander gar nichts gemein haben, daß es schwierig ist eine Empfehlung abzugeben. Da ich nicht in der Situation bin jemanden beraten zu müssen habe ich über das Thema in der Vergangenheit erst gar nicht nachgedacht. Wenn ein Mozartianer wie ich Empfehlungen abgibtm dann fallen die meist recht einseitig aus, also wäre Johannes Roehls Vorschlag, auf dem Inhalt des gehörten Konzerts aufzubauen, bzw, anzuknüpfen ein guter Ansatz.


    Indes bin ich unabhängig von Bertarido zm selben Schluß gekommen, einem freiwilligen Aspiranten eine übersichtliche Palette klassischer Musik anzubieten, wo der Betreffende sich selbst was passendes raussuchen kann. Die Liste Bertaridos kann ich getrost übernehmen, vielleicht wäre irgendwas von Haydn und ein Mozart Klavierkonzert nicht schlecht (Ich präferiere die Nr 26 "Krönungskonzert" oder 27 "Komm lieber MAi und mache")
    Ferner würde ich ein Violinkonzert Mozarts und etwas von Mahler bringern . vorugsweise die 1, Sinfonie oder die "Lieder eines fahrenden Gesellen,


    Die Liste bliebe überschaubarer, würde ich nun jene Werke streichen die ich persönlich nicht mag - aber das würde den Intentionen dieser Aufgabenstellung zuwiderlaufen....


    mfg aus Wien
    Alfred

  • Es gibt ja eine Reihe von Stücken, die immer wieder gehäuft in Anthologien wie "Ich mag keine Klassik, aber das gefällt mir", "Wunschkonzert", "Superhits der Klassik" usw. auftauchen und von denen viele auch schon genannt wurden. Heutzutage kann man auch auf youtube querbeet hören.


    Es kommt halt auch immer darauf an, was die Person vorher für Musik gehört hat: Eher Jazz oder Filmmusiken? Hardrock oder elektronische Musik usw. Moderne Musicals oder Filmmusik kann sicher gut an (Spät)romantik und Oper des 19. u. frühen 20. Jhds. anknüpfen, Jazz je nachdem eher an Gershwin oder Ravel, evtl. auch Chopin oder Debussy usw.


    Das einzige, worauf ich achten würde, ist möglichst gleich vollständige Werke (außer vielleicht bei dreistündigen Opern) zu hören. Barockkonzerte dauern oft weniger als 15 min. und wenn einem die klassisch-romantischen Sinfonien manchmal noch zu lang sind, kann man eher Ouverturen oder andere Einzelstücke hören.

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Für mich stellt sich eigentlich die Frage, warum man jemanden zur klassischen Musik "bekehren" sollte, der sich bisher überhaupt nicht mit solcher befasst hat.
    Ich glaube wie Alfred, daß die Hinneigung zur klassischen Musik tatsächlich gewissermaßen genetisch präformiert ist und irgendwann - gleich welche musikalische Richtung das Individuum bis dato bevorzugt hat - zum Vorschein kommt.
    Die Musik, die einem solchen Damaskuserlebnis zugrunde liegt, ist dann die Initialzündung für weitergehende Erfahrungen, die dann schließlich innerhalb des riesigen Feldes der Klassik zu persönlichen Präferenzen führt.
    Ob es wirklich sinnvoll ist, jemanden in ein klassisches Konzert mitzunehmen und dann zu hoffen, alleine dadurch seine/ihre Begeisterung zu wecken, bzw. ähnliches mit privaten Musikvorführungen vor der heimischen Anlage zu erreichen, erscheint mir eher zweifelhaft.


    Der Vorschlag, ausgerechnet mit Mahler "Novizen" zu beschallen - auch wenn es die vermeintlich leichter verständliche Erste ist - kommt mir recht verwegen vor.
    Schließlich beginnt ja auch der klinische Teil des Medizinstudiums mit dem berühmten "Klopf- und Auskultationskurs" und nicht mit einem Praktikum in der Stereotaxie!


    Viele Grüße


    Joachim

  • Ich bezweifle jetzt mal den genetischen Teil - und auch, dass Mahler grundsätzlich ungeeignet ist für "nicht-Klassikhörer". Das Adagietto aus der 5. oder überhaupt die 2. scheinen mir sehr geeignet zu sein, Begeisterung für Klassik auszulösen.

  • Ich denke Mahler würde sich im Grabe umdrehen, wenn er seine Musik für solche Zwecke genutzt sähe!


    Sicher?!? Würde er sich nicht vielleicht doch ein klitzekleines bisschen freuen, dass heutzutage offenbar viele Menschen seine Musik so sehr lieben, dass sie sie als "Missionierungsmaterial" für einsetzbar halten? Also, ich an Gustavs Stelle wär' ein wenig stolz :D


    Ansonsten muss ich zu diesem Thema bemerken, dass es so unterschiedliche Zugänge zur Klassik geben kann, wie man sich nur vorstellen kann. Aus meiner heutigen Sicht als sehr erfahrener Klassikhörer schließe ich mich natürlich spontan und gefühlsmäßig nur allzu gerne der These an, dass man natürlich vollständige Werke dem Neuling präsentieren soll.


    Aber da fällt mir was ein ... ähem ... hüstel :untertauch: ... wie war das bei mir am Anfang mit der Klassik?? Ich war so 11/12 Jahre alt und da war dieser misanthropische Musiklehrer an meiner Schule, der gerne Platten vorgespielt hat, damit die vor ihm sitzende Klasse die "Gosch hält" (O-Ton Herr E. :rolleyes: ). Da hörte ich natürlich vollständige Werke (und wurde dadurch auch zur Klassik bekehrt ... andere Quellen hatte ich nicht ... außer eben Herrn E., tja, so kann's gehen: Hat der Mann doch Positives bewirkt!). Aber was hörte ich von meiner ersten Beethoven-LP (die Fünfte mit HvK und den BPhil's, DGG aus der 70er Jahre-Beethoven-Symphonien-GA)? Immer wieder den ersten Satz. Was hörte ich aus Mozarts Vierzigster? Den ersten Satz. Was hörte ich in Endlosschleife aus Mendelssohns "Italienischer"? Den letzten Satz usw usw etc pp. Die jeweils ganzen Werke erklangen in den ersten Jahren nur mäßig oft. Deutlich häufiger hörte ich mich nachmittags nach der Schule durch mein persönliches Klassik-Potpourri. Auf meine selbst von der LP oder später von der CD aufgenommenen Kassetten für den Walkman kamen natürlich in diesen Jugendjahren auch meist Einzelsätze oder eben in sich abgeschlossene, kurze Werke.
    Wenn ich in Frankfurt ins Konzert ging, dann waren das manchmal schon Geduldsproben für mich, ganze Symphonien durchzuhalten und auf den Teil zu warten, den ich so innig liebte.


    Grüße
    Garaguly

  • Ich bezweifle ebenfalls den "genetischen Teil", u.a., da klassische Musik erstens viel zu speziell und zweitens evolutionär viel zu jung ist, als dass es eine halbwegs spezifische genetische Anlage geben könnte (dass Musikbegabung im weiteren Sinne erbliche Anteile hat, ist wohl unbestritten, aber das hat nicht so viel mit der passiven Wertschätzung klassischer Musik zu tun).
    Aber das ist eigentlich auch egal. Denn ganz unabhängig von der Veranlagung dürfte es jemandem schwer fallen, klassische Musik wertzuschätzen, wenn er sich erstens sein ganzes Leben lang mit Musik zudröhnt, die es eher schwieriger macht, zur Klassik zu finden und zweitens nie mit Klassik konfrontiert wird.
    Und warum man das machen soll? Aus einem ähnlichen Grunde, aus dem religiöse Menschen andere bekehren wollen (oder vielleicht eine Nummer kleiner, man anderen Leuten Bücher oder Filme empfiehlt): Man ist davon überzeugt, dass es für jeden gut wäre (jedenfalls besser als das Gegenteil). Freilich kann es in allen solchen Fällen dazu kommen, dass ein zu grobschlächtiger Bekehrungsversuch das Gegenteil erreicht. Aber das betrifft die Methoden, nicht die Motivation.

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    (Bob Dylan)

  • Novizenempfehlung? Funktioniert meiner Meinung nach mit einer CD-Liste nicht.
    Das hört sich für mich so an wie: War letztens mit meiner Freundin (ersetzbar durch: Vater, Mutter, Schwester, Bruder, Onkel,...) im Kino. Ihr hat es gefallen. Welchen Film sollen wir uns als nächstes angucken?


    Am besten gefiel mir die Empfehlung mit den zwei Flaschen Rotwein. Andererseits: Das wird zwar bestimmt gemütlich, schränkt aber auch die Kritikfähigkeit mit fortschreitendem Abend und sinkendem Pegel in den Rotweinflaschen etwas ein.


    Es gab mal zwei nette CD-Serien. Die eine hieß "Landschaften europäischer Musik" - sicher gut geeignet für einen geografisch-kulturell Vielreisenden:
    Die andere "Millenium - Klangreise durch 1000 Jahre Musik" (Deutsche Grammophon) - auf alle Fälle etwas für den historisch Interessierten.
    Beides für mich empfehlenswert, weil die Musik eben nicht nur für sich steht, sondern in einen Zusammenhang eingeordnet wird. Hat mir zumindest viel gebracht.


    Und, wenn es vielleicht auch etwas blöd klingt, Radio, bevorzugt Internetradio. Und dort meiner Meinung nach erste Wahl: radioswissclassic. Abwechslungsreiches Programm, vorbildliche Homepage mit Links zu Komponisten und Interpreten. Das richtige für eine Entdeckungsreise.

    Einer acht´s - der andere betracht´s - der dritte verlacht´s - was macht´s ?
    (Spruch über der Eingangstür des Rathauses zu Wernigerode)

  • Wenn sich ein junger Mensch, der bisher nie Klassik bewußt gehört hat, entschließt, einen Versuch zu wagen, dann sollte man doch einiges bedenken. Was für uns klassikerfahrene Hörer selbstverständlich ist, ist für diesen Neuling durchaus fremd. Eine ganze Mahler-Sinfonie mit etwa 60 Minuten durchzustehen, das wird ihm nicht leicht fallen. Ich bleibe bei meiner Meinung, mit einzelnen Sätzen oder kurzen Einzelstücken auf das Verständnis für die neuen Töne hinzuarbeiten. Da ist Programmmusik besonders geeignet, ich spreche aus eigener Erfahrung. Vor Jahren war Bruckner für mich grauenvoll, jetzt steht er in meiner persönlichen Hitliste ganz oben.


    Also vom Leichten zum Schweren, so würde ich vorgehen.


    Und ich möchte Garaguly rechtgeben. Bis in die 50-er Jahre war es üblich, Sinfonien nicht immer komplett durchzuspielen, sondern durchaus satzweise im Konzertsaal zu bringen. Was ist also falsch daran, für einen lernbegierigen Neuling Mahlers 1. Satz aus der 1. zu spielen und die "Handlung" dazu zu erklären? Wir sollten nicht von unserem gehobenen Standard ausgehen, sondern uns in einen Anfänger versuchen zu versetzen. Sonst kann es sehr schnell passieren, daß er sagt "tut mir leid, das dauert mir zu lange ,oder es ist mir nicht verständlich" und er geht wieder zu seinem Hiphop. Das wäre schade.


    Herzlichst La Roche

    Musik ist eine heilige Kunst - Hugo von Hofmannsthal. Aussage des Komponisten aus der Oper "Ariadne auf Naxos" mit der Musik von Richard Strauss.


  • @ Johannes


    Für die Entwicklung der psychischen und physischen Eigenschaften eines Individuums haben, wie wir heute wissen, epigenetische Faktoren eine wesentliche Bedeutung (Beispiel der epigenetischen Prägung: der Falke ist kein genuiner Greifvogel wie ein Habicht, Bussard etc., obwohl er so aussieht, sondern ist genetisch verwandt mit den Papageien! Was ihn als Greifvogel erscheinen lässt, ist die Anpassung an seine Umwelt mittels der Epigenese).
    Insofern ist es in der Tat wesentlich, in welcher "musikalischen Umgebung" jemand seine kulturellen Jugendeindrücke empfängt, obwohl es auch hier sicher immer wieder Ausnahmen gibt.

  • Hallo,


    Vorschlag 1:
    Den Menschen/die Menschin in ein Klassik-Konzert "mitschleifen" - vielleicht macht die neue, ungewohnte Atmosphäre besonders empfangsbereit für das, was da so nebenher "mitläuft"?


    Vorschlag 2: Nachhause zu mir einladen (also weniger "mitschleifen") und dann mit kurzen, sehr prägnanten, aber genauso unterschiedlichen Musikstücken "traktieren" und sie/ihn möglichst unbemerkt beobachten, auf was sie/er reagiert. Wenn das Echo ausbleibt oder sehr spärlich ausfällt: Zu einem Musikstück(-chen), das mir gut gefällt, mich sehr negativ darüber auslassen - Reaktion?


    Viele Grüße
    zweiterbass

    Wer die Musik sich erkiest, hat ein himmlisch Gut bekommen (gewonnen)... Eduard Mörike/Hugo Distler

  • "Ich habe mit Klassik bisher nicht viel "am Hut“ gehabt, meine Freundin hat mich jetzt aber mal in ein Konzert mitgenommen und ich fand das ganz nett. Was würdest Du mir empfehlen, um mich mal intensiver mit dem Thema zu beschäftigen und Freude daran zu finden?“


    Also ich würde ihm fünfzig Euro zustecke, damit er seine Freundin endlich mal wieder zum Essen einladen kann. Ganz nett reicht nicht. Entweder man wird gepackt oder nicht. Alle pädagogischen Versuche, jemanden Klassik nahezubringen, bringen nicht viel. Nun muss ja auch nicht jeder für solche Musik brennen.


    Gruß Rheingold

  • Ich kann nur sagen, womit ich Erfolg hatte. Bei Erwachsenen mit "Carmina Burana" und, wenn sie das Meer mochten, mit Wagners "Holländer"-Ouvertüre. Eine Bekannte von mir mag Gruselgeschichten, die fing ich auch mit dem "Holländer". Jüngere Leut' und solche, die Märchen mögen, kriegen Orffs "Mond" und/oder die "Kluge" vorgesetzt.
    Ich gehe an die Sache allerdings arg populistisch heran: Ich erzähl' den Leuten genau das G'schichterl, das sie im eigenen Interessensgebiet einfängt. "Du schwärmst doch für grausliche Sachen... Oper erzählt Dir schlimmere Grauslichkeiten als der Film. Hannibal Lecter - ein Armutschkerl gegen die Frau, die ihren Partner auffrißt. ... Doch, ja, Oper ... Wart einmal, ich spiel' Dir ein Stückerl vor vom Schluß, wo sie das schildert ... Der Komponist war Schweizer, Othmar Schoeck, das Werk heißt ,Penthesilea'..."
    Oder: "Du immer mit Deinen Horoskopen. Aber wenigstens ist bei sowas einmal gute Musik herausgekommen ... Der Komponist - ein totaler Spinner, ist in der größten Hitze mit dem Fahrrad gefahren. Von einem Satz haben praktisch alle Filmkomponisten abgeschrieben ... Wart, das spiel ich Dir vor, sag's, wenn es Dir nicht gefällt. ,Die Planeten' heißt das Stück, Gustav Holst der Komponist ... Sitzt Du gut, der Erste Satz ist ein bisserl brutal, Krieg halt, Mars, der Kriegsgott - eh klar ... Ich bin echt gespannt, ob Du dabei irgendwelche Bilder siehst ... "
    Oder: "Hmmmm ... ja ... weißt, Oper ist was Feines, nur manchmal ist da soviel Perversion dabei, daß Du schamesrot wirst ... Nein, im Ernst ... Serienkiller, weißt ... Da ist zum Beispiel ein Goldschmied so verliebt in seinen eigenen Schmuck, daß er alle umbringt, die was bei ihm kaufen, nur, um den Schmuck zurückzukriegen ... Ich find's grauslich, Dir g'fallt sowas ja ... Wart, ich spiel Dir in Stückerl vor, der Komponist heißt Paul Hindemith, das Werk ,Cardillac'."
    Mit dieser Methode (die ich irgendwie schon vom Marcel Prawy mir abgeschaut hab, also vom Anekdotischen her kommen, vom "G'schichterl") war ich ziemlich oft erfolgreich.

  • Ich erzähl' den Leuten genau das G'schichterl, das sie im eigenen Interessensgebiet einfängt...Mit dieser Methode (die ich irgendwie schon vom Marcel Prawy mir abgeschaut hab, also vom Anekdotischen her kommen, vom "G'schichterl") war ich ziemlich oft erfolgreich.


    Ja, genau so. Das funktioniert aber eben nur im direkten Dialog und nicht nach der Methode: Ich hab hier 'ne CD für Dich, hör sie dir mal an...

    Einer acht´s - der andere betracht´s - der dritte verlacht´s - was macht´s ?
    (Spruch über der Eingangstür des Rathauses zu Wernigerode)

  • Mit diesem Trick Edwins bringe ich MICH gelegentlich dazu, Werke des 20. Jahrhunderts zu hören. Und das funktioniert manchmal auch. ABER - was mich dann interessiert ist der Gedankengang des Komponisten oder die Verarbeitung des Stoffes. Also ein mehr oder weniger textbezogenes Vergnügen. Bei Webers "Wir winden Dir den Jungfernkranz" ist der Text mehr oder weniger ausgeklammert, ebenso wie die altertümliche Weltsicht mit "Gartenlaube-Feeling" - da zählt nur die ohrwurmtaugliche, beinahe schon kitschig-schöne Melodie. Ebenso wird es vermutlich den Leuten beim Gefangenenchor aus Nabucco gehen - nur ein kleiner Prozentsatz der diese Wunschkonzert-Nummer liebt, wird sich mit der Oper und ihren Lesarten befasst haben.


    Ich bin hier bei Rheingold: Entweder es funkt - oder er funkt nicht.


    Wenn es aber mal zu Glühen begonnen hat, dann ist die Möglichkeit eines lodernden Feuers natürlich gegeben.....


    mfg aus Wien
    Alfred

  • Guten Abend,


    Als fachfremder Musiklehrer habe ich die besten Erfahrungen mit Live Erlebnissen gehabt, in meiner Stuttgarter Zeit war das sehr erfolgreich. Wenn ich da verkündet hatte, dass ich 25 Opernkarten hatte musste ich verlosen, schön war es als ich einmal zur La Traviata ging und einen ehemaligen Schüler ( Italiener ) traf - er wollte seiner Freundin zeigen was italiensche Musik sein kann. Live ist immer besser als jede CD - das Ereignis - heute würde man sagen - der Event ist schon wichtig. Sorry - das betrifft nur die Oper......im Freundeskreis habe ich auch nur Interesse bei Konzerten wecken können.


    Kalli

  • Es ist eine Kopfsache. Wenn dieser Teil des menschlichen Körpers nicht (oder nur zögerlich) will, geht es schief. So jedenfalls meine Erkenntnis. Bei einem heute die Klassik liebenden Mitmenschen ist es mir gelungen, ihn zu begeistern, bei vielen anderen nicht. Die gegelückte Methode ging damals so: Ich würde gerne mal Klassik hören - was ist empfehlenswert? Ich habe nicht lange überlegt, kein bestimmtes Werk als Einstieg vorgeschlagen, sondern einen Streifzug durch die Musikgeschichte mit einem Stück "für Hörer mit Sinn für Albernheiten" gewagt: "'s kommt ein Vogel geflogen" im Stile älterer und neuer Meister von Siegfried Ochs (Original für Klavier-Begleitung, Orchestrierung von ?). Mozart, Verdi und der Walzerkönig waren ganz vorn und diese Komponisten waren beim Bekannten der Einstieg in die Klassik. Heute ist sein Spektrum weiter gespannt.


    Dieser Betreffende hatte wiederum Bekannte, die sich von ihm auf irgendeine Weise angespornt fühlten, auch in die Musik der Klassik einzutauchen und ich habe an einem Abend im größeren Kreis (es waren damals acht Gäste) eben jene Musik, jetzt noch ergänzt um Pillneys "Was machst du mit dem Knie, lieber Hans", vorgespielt. Die Diskussion danach war einhellig: Immer wieder kam man auf die Großen des Repertoires, Mozart, Verdi, Strauß, einige wenige auch Gounoud (wegen des Hörner-Klangs) zurück. Bei jenen Gästen ist es nach meiner Kenntnis zu keinem Einstieg in die Klassik gekommen.


    Der Kopf muss mitspielen, denke ich...


    :hello:

  • Es ist eine Kopfsache. Wenn dieser Teil des menschlichen Körpers nicht (oder nur zögerlich) will, geht es schief.

    Ich glaube, es muss eher das Herz mitspielen.


    Ich glaube, ihr habt beide recht. Ohne Interesse wird es nichts, jemanden für etwas zu begeistern, wenn er nicht will. Das ist die Kopfsache. Dann kommt es zu einer einmaligen Begegnung.
    Aber wenn er ein klassisches Stück hört, und er sagt, daß war aber schön, das oder etwas ähnliches würde ich nochmal hören, dann hat das Herz gesprochen.


    Bei unserem Sohn (er wird 50) habe ich mehrfach versucht, ihn zu begeistern. Wir waren in der Zauberflöte. Gefällige, ins Ohr gehende Musik mit vielen bekannten Melodien. Dazu hat unser Sohn das in der Schule im Musikunterricht gehabt. Es hat ihm gefallen, besonders Papageno mit seinem Vogelfängerlied und dem bunten Kostüm (jetzt wäre es sicher nicht mehr bunt). Aber das war´s.


    Dann habe ich ihn mal mit ins Konzert genommen, ich glaube, es war das Violinkonzert von Brahms. Schön, hat er gesagt. Das war´s.


    Kein Erfolg, auch nicht am CD-Player oder am Fernseher. Ich glaube aber, daß er sich hätte begeistern können, wenn er eine Frau gefunden hätte, die für klassische Musik zu haben ist. Frauen vermögen manchmal viel. Aber erzwingen kann man es nicht. Wer gezwungen wird, Klassik zu hören, der schaltet schnell auf stur. Wer nicht will, der soll es sein lassen. Bei mir hat die Oper schon in der späten Kindheit gezündet, das Interesse für Konzert kam erst mit dem "Untergang " der klassischen Oper durch gewisse Regisseure. Zum Glück gab es das Konzert zum Ausweichen, denn mit der Rockmusik ist bei mir auch nach Elvis Schluß gewesen.


    Elvis höre ich jetzt noch. Und heute gehe ich in die Oper (Salome).


    Herzlichst La Roche

    Musik ist eine heilige Kunst - Hugo von Hofmannsthal. Aussage des Komponisten aus der Oper "Ariadne auf Naxos" mit der Musik von Richard Strauss.