Streichquartette - live im Konzert

  • Gestern abend haben Tamino Woka und ich uns gemeinsam auf den Weg gemacht, um in Wiesloch das spanische Cuarteto Casals zu hören. Und es hat sich wieder einmal voll gelohnt.


    Auf dem Programm standen:
    Mozarts Dissonanzenquartett
    Schostakowitsch: 10. Streichquartett
    Mendelssohn: Streichquartett op. 80


    Mozart spielen die Casalsianer bekanntermaßen in HIP Manier fast vibratolos und das war schon einmal ein wunderbarer Auftakt. Erster großer Höhepunkt dann eine packende Darstellung von Schostakowitsch 1964 entstandenem Quartett, das zwischen härtesten Attacken und traurig-sehnsuchtsvollen Momenten alles bietet, was so typisch für diesen Komponisten ist. Mindestens ebenso packend das Mendelssohn'sche op. 60, das seine tiefe Trauer über den Tod der geliebten Schwester ausdrückt. Im Finalsatz spielte Primaria Vera Martinez-Mehner in atemberaubend virtuoser Weise, jubelnder Beifall war der Dank.


  • Zunächst: das spanische Quartett Casals ist ausgezeichnet - darüber kann es keinen Zweifel geben. Allerdings kann ich dem Urteil nicht zustimmen, dass Vibratolosigkeit insbesondere bei Mozart ein besonderes Kennzeichen künstlerischer Reife darstellt. Es ist mittlerweile leider modisch geworden, im Stil der alten Interpretationsmanier (über deren Qualität sich auch bei der Auführung barocker Werke streiten lässt) auch Werke der Klassik und sogar der Romantik zu exekutieren. Selbstverständlich darf das Vibrato bei Mozart oder Haydn nicht zu intensiv sein, einzelne Takte können auch einmal ohne Vibrato gespielt werden - aber Glanz und Intensität bekommt das Werk erst durch ein feines, der Musik angepasstes Vibrato. Alle großen Quartettformationen haben dies so gehalten.

  • Von dem von mir besuchten Konzert im letzten Jahr berichte ich im Nachhinein schnell in Kürze, war es doch ein sehr gelungener Abend.


    In der Philharmonie Essen gastierten das Arcanto Quartett und der Klarinettist Jörg Widmann mit Beethovens Quartett op. 132 sowie dann dem Klarinettenquintett von Brahms. Dabei hatte ich Glück, war doch in Essen die Auswahl der gespielten Werke genau auf meinen Geschmack zugeschnitten, während mich das Programm an den vielen anderen Auftritten in diversen weiter gelegenen Spielstätten nicht gelockt hätten.


    Zuerst einmal folgender Aspekt: In Berichten und Vorankündigungen über das Arcanto Quartett drängt sich der Name "Tabea Zimmermann" häufig doch etwas in der Vordergrund, als bestehe die Formation aus einem schillernden Stern und einem Anhängsel von drei weiteren Musikern. Dies macht einen sonderbaren Eindruck auf mich, und ich habe somit in Essen eine Diva im Mittelpunkt erwartet. Aber so war es nicht. Es musizierte ein homogenes Quartett, sowohl äußerlich wie auch musikalisch. Das gefiel mir sehr gut.


    Die größte Vorfreude betraf das Beethovenquartett, während mich Darbietungen des Brahmsquintetts zwar stets interessieren, meist wegen der beiden letzten Sätze nicht so vom Hocker hauen. In diesem Konzert wurde ich jedoch überrascht, war das Ergebnis umgekehrt. Die späten Beethovenquartette habe ich gefühlt schon 100 Male in Konzerten von ausgezeichneten Formationen gehört, und da reihte sich auch die gute Interpretation des Arcanto Quartetts an diesem Abend ein. Es war sehr gelungen, der Klang war fein, der Variationensatz wirkte lebendig und - nun, eine sehr gute Darbietung.


    Wider Erwarten aber folgte für mich der Höhepunkt nach der Pause. Über das ausgezeichnete Spiel Jörg Widmanns war ich natürlich nicht überrascht, kenne und schätze ich ihn als Klarinettist und Kammermusiker schon lange. Aber der Gesamtklang und das homogene Zusammenspiel der fünf Musiker waren schon erste Sahne. Ich greife hier z.B. beim Brahms den Aspekt heraus, wie die von der Klarinette eingefügten einzelnen Töne im klanglichen Gesamtzusammenhang wirken. Es ist ja immer so eine Sache: Einerseits soll die Klarinette sich nicht zu sehr von den Streichern abgrenzen, um nicht mit den "Fülltönen" in der Vordergrund zu gelangen und vom Fluss abzulenken. Andererseits darf sie auch nicht zu sehr veschmelzen, damit der Gesamtklang nicht breiig wirkt. Ehrlich gesagt habe ich bei diesem Konzert mit Zweitem gerechnet, da doch Widmann einen sehr feinen Ton spielt. Aber so war es überhaupt nicht. Das klare und akzentuierte Spiel aller Musiker verhinderten die Suppe, die Balance zwischen Zurücknahme und Präsenz gelang ausgezeichnet. Selbst die beiden letzten Sätze, die auf mich sonst häufig etwas plump wirken und die in den meisten Interpretationen meinen Gesamteindruck etwas trüben, waren äußerst fein und elegant und führten den Charakter der ersten Hälfte fort. Ich bin mir sicher, dass diese Interpretation des Brahmsquintetts zu den 3 oder 2 besten gehört, die ich jemals gehört habe.


    Uwe

  • Die Kammermusiksaison 18/19 in Stuttgart wurde gestern mit dem Asasello Quartett eröffnet. Dieses Quartett - das mit Musikern aus 4 Ländern maximal international besetzt ist und von Walter Levin ausgebildet wurde - hat sich in den letzten Jahren einen guten Ruf erspielt, vor allem mit CD-Aufnahmen von Musik des 20. Jahrhunderts, darunter eine beachtlich GA der Streichquartette von Arnold Schönberg.



    Leider haben sie davon gestern im Konzert nichts gespielt, dafür


    Debussy Streichquartett
    Tiensuu Rack für Streichquartett


    Tschaikowsky Streichquartett Nr. 3


    Der Debussy war mir - ehrlich gesagt - klanglich zu fett, das kann man eleganter und transparenter spielen, das höre ich lieber von französischen Quartetten.
    Beim Tiensuu habe ich keinen Vergleich, ein zeitgenössisches Stück, das aber m.E. gut anhörbar ist, zumal Bezüge zur Minimal und zur Rockmusik eingeflossen sind.


    Nach der Pause dann Tschaikowsky 3, wo der satte Sound dann eher angemessen ist als bei Debussy. Dieses Quartett habe ich vermutlich noch nie konzentriert gehört, werde das aber noch einmal tun, denn da gibt es schon sehr eindrucksvolle Passsagen, vor allem im ersten und dritten Satz, die eine Art Requiem für einen Freund darstellen und an die 6. Symphonie gemahnen.


    Zwei Zugaben: eine witzig-schrille Polka von DSCH und eine Volksweise bearbeitet vom georgischen Komponisten Tsintsadze.


    Insgesamt ein gutes Konzert, das auch vom Publikum in der eher schwach besetzten Liederhalle angemessen gewürdigt wurde.