Altbekanntes ganz neu gehört

  • Der Titel sagt eigentlich schon alles: hier möchte ich Empfehlungen von Aufnahmen sammeln, die bekannte Werke auf eine neue Weise interpretieren. Wenn ein Künstler ein Werk gegen den Strich bürstet, wenn eine Interpretin sich einem der Schlachtrösser des Repertoires frech und mit ganz eigenem Zugang nähert, wenn man sich hinterher sagt: „So habe ich das noch nie gehört“ – dann ist die Aufnahme hier richtig aufgehoben. Wobei es natürlich noch keine Tugend ist, bloß anders zu sein, es muss auch gut sein! Hier dürften allerdings die Meinungen auseinandergehen, was für den Verlauf eines Themas eigentlich ein guter Ausgangspunkt ist…

  • Mein erster Beitrag zum Thema ist diese Aufnahme von Tschaikowskis Violinkonzert durch Patricia Kopatchinskaja und Teodor Currentzis :



    Ich erlaube mir, dazu einen früheren Beitrag von mir ebenso zu zitieren wie zwei heutige aus dem „Was höre ich gerade“-Thread, die mich auf die Idee zu diesem Thema brachten:


    Zitat von Bertarido

    Das Ergebnis dieser Zusammenarbeit ist dann auch wirklich ein Hammer: Tschaikowskis Violinkonzert fernab von Romantik-Edelkitsch und Schönklang-Politur. Schon die ersten Takte lassen aufhorchen, so fast ängstlich tastend habe ich den Beginn noch nie gehört, aber dann geht es richtig ab. Kopatchinskaja spielt eine Geige von 1834 mit Darmsaiten, die herrlich unsentimental klingt und bis an die Grenze beansprucht wird. Das ist wild, exaltiert, die Extreme auslotend, manchmal vielleicht etwas ruppig und überspannt, aber auf jeden Fall „von der Stuhlkante musiziert“ – eine Einspielung, die Hörgewohnheiten in Frage stellt, einen Klassiker des Repertoires in neuem Licht erscheinen lässt und vor allem irren Spaß macht. „Starkstrom aus dem Lautsprecher“ schrieb ein Kritiker – recht hat er.


    Ähnlich äußerte sich ein Rezensent bei br-klassik (zitiert nach der Produktbeschreibung bei jpc):

    br-klassik. de: »Und so huscht, wandert, stolpert, trottet und stolziert Patricia Kopatchinskaja durch Tschaikowskys Konzert, dass man an manchen Stellen wie neu hört, mit spannenden Parallelen zur Vierten, Fünften und Sechsten Symphonie, zu ›Eugen Onegin‹ und ›Pique Dame‹. Dafür sind natürlich auch der musikalische Wahrheitsfinder Teodor Currentzis und seine experimentierfreudige MusicAeterna aus Perm verantwortlich. Klar, unmittelbar und bloß, manchmal fast struppig klingt ihr Tschaikowsky, aber der Vorteil liegt auf der Hand: Hier wird ein klischeebehafteter Ohrwurm von seiner Patina befreit, die eigentliche Substanz kann wieder atmen und Tschaikowskys Violinkonzert erlebt so etwas wie einen zweiten Frühling.«


    Ganz anders hingegen der Eindruck eines anderen Taminos:


    Die gab's billig. Hätte ich mir sonst nicht zugelegt. Mein Vorurteil findet gerade beim Abhören der Scheibe seine Bestätigung. Die Geigerin fiedelt ganz grässlich drauf los, soll wohl die in der Bookletbebilderung sich andeutende Urwüchsigkeit musikalisch spiegeln. Herrgott, geht mir das auf den Senkel!

    Ich empfinde das Spiel der Geigerin als manieriert. Da will jemand auf Biegen und Brechen etwas anders machen. Mich überzeugt das Ergebnis nicht. Als angenehm hinnehmbar empfand ich noch den langsamen Satz. Doch auch jetzt, im Finale (es steuert auf's Ende zu) kratzt halt das Fiedelchen :D . Nun ja, und über schlanke Orchesterbesetzungen in hochromantischen Werken kann man streiten. Du sagst, die Aufnahme habe dir "irren Spaß" bereitet - sorry, aber bei mir löst sie das Gegenteil aus.

  • Mein erster Beitrag zum Thema ist diese Aufnahme von Tschaikowskis Violinkonzert durch Patricia Kopatchinskaja und Teodor Currentzis :



    Ähnlich äußerte sich ein Rezensent bei br-klassik (zitiert nach der Produktbeschreibung bei jpc):

    br-klassik. de: »Und so huscht, wandert, stolpert, trottet und stolziert Patricia Kopatchinskaja durch Tschaikowskys Konzert, dass man an manchen Stellen wie neu hört, mit spannenden Parallelen zur Vierten, Fünften und Sechsten Symphonie, zu ›Eugen Onegin‹ und ›Pique Dame‹
    . Dafür sind natürlich auch der musikalische Wahrheitsfinder Teodor Currentzis und seine experimentierfreudige MusicAeterna aus Perm verantwortlich. Klar, unmittelbar und bloß, manchmal fast struppig klingt ihr Tschaikowsky, aber der Vorteil liegt auf der Hand: Hier wird ein klischeebehafteter Ohrwurm von seiner Patina befreit, die eigentliche Substanz kann wieder atmen und Tschaikowskys Violinkonzert erlebt so etwas wie einen zweiten Frühling.«


    Da ich mir das Stück kaum je freiwillig anhöre, werde ich die CD sicher nicht kaufen, aber bei diesem Zitat und besonders bei dem Hervorgehobenen springt mein Detektor an: Wenn es solche Parallelen gibt, sind sie in der Musik drin und nahezu unabhängig von der Interpretation. Außerdem sind "Parallelen" mit ingesamt den 6-7 Stunden Musik der genannten Werke des Komponisten erstens kaum überraschend und zweitens ist die Formulierung so vage, dass man vermutlich genausogut hätte schreiben können "spannende Parallelen zu Dornröschen, Schwanensee und der Streicherserenade" (nur hätte das eben mehr die "eleganten" Seiten des Werks betont, nicht die symphonischen). Irgendwas Paralleles findet man mit einem so vagen Maßstab und so viel Musik zum Vergleichen immer. So kann man offensichtlich eine Parallele zwischen der berühmte Polonaise aus dem Onegin und der orchestralen "Polonaisenvariante" des Hauptthemas im Kopfsatz des Konzerts ziehen. Ganz egal, wer das wie spielt.
    Den letzten Satz mit der Patina und der "eigentlichen Substanz" kann man eh ins Phrasenschwein stecken. Interessant ist dabei allerdings, dass das ursprüngliche Klischee (die "stinkende Musik" in Hanslicks Kritik) eben nicht auf Parfüm und Pomade (so hatte ich das jahrelang missverstanden), sondern auf billigen Fusel und Knoblauch (auf der russischen Bauernkirmes) bezogen war.

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Eigentlich finde ich Kopatchinskaja ziemlich gut (besonders im 2. Bartokkonzert mit Eötvös), aber was Sie hier im Tchaikovsky-Konzert macht, ist einfach nur ätzend und abwegig. Das ist derartig gewollt und affektiert, daß man es nur noch als Karikatur dieses Konzerts bezeichnen kann. Currentzis dirigiert leider genauso.


    Ja, es stimmt: "So habe ich das noch nie gehört" - aber so wollte ich es auch nie hören!


    Da bleibe ich lieber bei Heifetz, Oistrakh oder Ricci.

  • Wobei es natürlich noch keine Tugend ist, bloß anders zu sein, es muss auch gut sein!


    Ja, es stimmt: "So habe ich das noch nie gehört" - aber so wollte ich es auch nie hören!


    Das ist natürlich ein grundlegendes Problem eines solchen threads. Wer entscheidet, dass es "nicht nur anders, sondern auch gut" ist. Für die klassischen Beispiele z.B. Glenn Goulds Mozartsonaten oder Klemperers Mahler 7 ist das bis heute nicht entschieden, die einen lehnen es vehement ab, die anderen finden es gerade in der Andersartigkeit gut. Schwierig, hier andere als rein subjektive Maßstäbe zu erheben.

  • aber bei diesem Zitat und besonders bei dem Hervorgehobenen springt mein Detektor an: Wenn es solche Parallelen gibt, sind sie in der Musik drin und nahezu unabhängig von der Interpretation. Außerdem sind "Parallelen" mit ingesamt den 6-7 Stunden Musik der genannten Werke des Komponisten erstens kaum überraschend und zweitens ist die Formulierung so vage, dass man vermutlich genausogut hätte schreiben können "spannende Parallelen zu Dornröschen, Schwanensee und der Streicherserenade" (nur hätte das eben mehr die "eleganten" Seiten des Werks betont, nicht die symphonischen). Irgendwas Paralleles findet man mit einem so vagen Maßstab und so viel Musik zum Vergleichen immer.

    Ich gebe Dir Recht, diese Aussagen des Kritikers fand ich auch fragwürdig. Um diese Aufnahme positiv zu bewerten, ist es auch gar nicht nötig, nun überall Parallelen zu anderen Werken zu entdecken.



    Interessant ist dabei allerdings, dass das ursprüngliche Klischee (die "stinkende Musik" in Hanslicks Kritik) eben nicht auf Parfüm und Pomade (so hatte ich das jahrelang missverstanden), sondern auf billigen Fusel und Knoblauch (auf der russischen Bauernkirmes) bezogen war.

    Interessant, wie sich die Assoziationen ändern - mit Fusel und Knoblauch hätte ich Tschaikowskis Violinkonzert nie in Verbindung gebracht.



    Das ist natürlich ein grundlegendes Problem eines solchen threads. Wer entscheidet, dass es "nicht nur anders, sondern auch gut" ist.

    Stimmt, das werden wir nicht abschließend entscheiden können. Und letztlich ist es sowieso eine Frage des Geschmacks, wie die unzähligen konträren Urteile belegen, die man hier im Tamino-Forum über alle möglichen Aufnahmen findet. Aber ich halte es trotzdem für lohnend, sich einmal über solche Interpretationen zu unterhalten und zumindest zu sagen, warum man sie gut oder schlecht findet. Im konkreten Fall ist ja nun ziemlich klar, dass Garaguly oder Agon an der Interpretation genau das schlecht finden, was ich gut finde. Womit immerhin schon eine gewisse Übereinstimmung besteht. ;) Und für diejenigen, die diese Aufnahme nicht kennen, dient es vielleicht der Entscheidungsfindung, ob sich eine Anschaffung lohnt.

  • Heute morgen hat Holger über eine Chopin-Ballade gespielt von Lang Lang einen Megaverriß geschrieben. Ausgehend von klassischen Einspielungen (Horowitz wurde zitiert) eine Aufnahme, die sicher völlig anders ist. Wie entscheidet man, ob hier nun einer bewusst ein Stück "gegen den Strich bürstet" oder aus künstlerischer (nicht manueller) Inkompetenz heraus es einfach grottenschlecht spielt?

  • Desto besser man einen Nutzer kennt, umso einfacher ist es, seine Bewertungen und likes/dislikes einzuschätzen.
    Insofern sind selbst total konträre Beurteilungen absolut hilfreich.


    Viele Grüße
    Frank

  • Wie entscheidet man, ob hier nun einer bewusst ein Stück "gegen den Strich bürstet" oder aus künstlerischer (nicht manueller) Inkompetenz heraus es einfach grottenschlecht spielt?

    Holger hat es ja für sich ziemlich eindeutig entschieden ;) Und nochmal: Ich finde es nicht schlimm, wenn es unterschiedliche Meinungen gibt, die sich nicht auflösen lassen. Man könnte es sogar als Indiz für eine besondere Qualität verstehen, wenn eine Interpretation sowohl glühende Anhänger als auch erbitterte Gegner hat (und kaum etwas in der Mitte). Der von Dir genannte Glenn Gould ist auch so ein Fall (wobei ich da zu den Gegnern gehöre, insoweit mich das, was er gespielt hat, überhaupt interessiert). Bei Lang Lang habe ich allerdings hier noch niemanden gesehen, der von seinen Aufnahmen begeistert ist, auch wenn es gnädigere Urteile über ihn gibt als das von Holger.



    Desto besser man einen Nutzer kennt, umso einfacher ist es, seine Bewertungen und likes/dislikes einzuschätzen.
    Insofern sind selbst total konträre Beurteilungen absolut hilfreich.

    Das sehe ich ganz genauso!

  • Hier ein Beispiel für eine - meiner Beurteilung nach - sehr andere, individuelle Sicht auf bekannte Werke:

  • Heute morgen hat Holger über eine Chopin-Ballade gespielt von Lang Lang einen Megaverriß geschrieben. Ausgehend von klassischen Einspielungen (Horowitz wurde zitiert) eine Aufnahme, die sicher völlig anders ist. Wie entscheidet man, ob hier nun einer bewusst ein Stück "gegen den Strich bürstet" oder aus künstlerischer (nicht manueller) Inkompetenz heraus es einfach grottenschlecht spielt?


    Lieber Lutz,


    die G-moll-Ballade ist eines der meistgespielten Stücke aus der Romantik. Jeder Virtuose, der etwas von sich hält aus Vergangenheit und Gegenwart, hat sie gespielt. Wieviele Aufnahmen ich davon habe, kann ich gar nicht mehr zählen von historischen angefangen (Cortot und Malcuzynski) bis hin zu Zimerman, Perahia oder Kissin. Sicher kann man da viel diskutieren - auch über Horowitz natürlich. Lang Lang fällt in dieser übergroßen Ahnengalerie einfach aus dem Rahmen - das ist nur daneben und es stimmt gar nichts. Wenn man das analysiert, kann man die Gründe für das totale Misslingen auch benennen. "Gegen den Strich bürsten" kann man so was nicht nennen, denn dazu brauchte man erst einmal ein interpretatorisches Konzept, das da etwas woraufhin bürstet :D , das Lang Lang nicht hat. Glenn Gould dagegen ist das wohl prominenteste Beispiel für Bürsten gegen den Strich. Gould macht das alles bewußt und konsequent - spielt Beethoven z.B. gegen seine Logik so, als sei es Bach. Die wird also die eine musikalische Logik gegen die andere ausgespielt - d.h. hinter einer solchen Interpretation steckt eine Logik und so etwas muss man erst einmal können. Das Ergebnis kann absolut betrachtet misslungen sein - aber erhellend ist es allemal. Lang Lang dagegen gibt keinen Blick auf das Werk, der uns irgend etwas Neues erschließen würde, sondern der Vortrag ist von vorne bis hinten schlicht nur peinlich. Wo nichts ist, da ist auch nichts - daran lässt sich nicht herumdeuteln. :D :hello:


    Schöne Grüße
    Holger

  • "Eine Weile bewegt es sich maßvoll, musikalisch und nicht ohne Geist, bald aber gewinnt die Rohheit Oberhand. Da wird nicht mehr Violine gespielt, sondern Violine gezaust, gerissen, gebläut" [...]
    "Ob es überhaupt möglich ist, diese haarsträubenden Schwierigkeiten rein herauszubringen, weiß ich nicht. Das Adagio mit seiner weichen slawischen Schwermut ist wieder auf bestem Wege, uns zu versöhnen, zu gewinnen. Aber es bricht schnell ab, um einem Finale Platz zu machen, das uns in die brutale, traurige Lustigkeit eines russischen Kirchweihfestes versetzt. Wir sehen lauter wüste, gemeine Gesichter, hören rohe Flüche und riechen den Fusel. Tschaikowskys Violinkonzert bringt uns zum ersten Mal auf die schauerliche Idee, ob es nicht auch Musikstücke geben könne, die man stinken hört."
    zitiert nach:
    http://www.deutschlandfunk.de/…ml?dram:article_id=342040


    Ich hatte das, wie angedeutet, auch jahrelang falsch verstanden, weil oft nur der letzte Satz aus dem Zusammenhang zitiert wird und da lag für mich näher, dass es nach Parfum stinkt... :D


    Mein spontanes (und schon andeutungsweise genanntes) Beispiel für "ganz neu gehört" ist Goulds Einspielung von Mozarts Sonate KV 331. Das berühmte "alla turca" wird etwas langsamer (was eher der Vorgabe "allegretto" entspricht als das verbreitete sehr schnelle Tempo), allerdings nicht extrem gegen den üblichen Charakter gespielt. (Das ist allerdings insofern interessant, als dass Gould die Mozart-Sonaten größtenteils eher in etüdenhaft-rasantem Tempo spielt, was ich zuweilen erfrischend, insgesamt aber auch nicht besonders überzeugend finde.) Ebenso bleibt der Mittelsatz im Rahmen. Der "Stein des Anstoßes" ist der Variationensatz. Durch die Kombination von langsamem Tempo und "abgehackter" Spielweise wird dem Thema jeglicher Rokoko-Charme ausgetrieben. Ich finde diese Interpretation dennoch faszinierend, weil sie die Idee eines Variationensatzes herumzudrehen scheint. Durch die "zögerliche" Spielweise beim Thema wirkt der Satz nicht, als ob ein vorgegebenes Thema variiert würde, sondern eher, als ob sich die Musik langsam zusammensetzen würde, bis sie dann erst am Ende, in der schnellen Coda zu sich selbst gefunden hat. Das ergibt für mich einen überraschenden Sinn, daher glaube ich eigentlich nicht, dass Gould hier aus bloßer Willkür, bloß gegen die Tradition(alisten) so spielt, wie er spielt. Außerdem gibt es in Beethovens Variationen op.35 (und vielleicht auch anderswo) ein Beispiel für einen Variationenzyklus, bei dem der Anfang tatsächlich so ähnlich komponiert ist, nämlich durch die "Einleitung" mit 3 Variationen über den Bass des Themas die Musik aus primitiven Bestandteil "zusammengesetzt" wird, bis überhaupt erst das eigentliche Variationenthema auftritt.

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    (Bob Dylan)

  • "Eine Weile bewegt es sich maßvoll, musikalisch und nicht ohne Geist, bald aber gewinnt die Rohheit Oberhand. Da wird nicht mehr Violine gespielt, sondern Violine gezaust, gerissen, gebläut" [...]
    "Ob es überhaupt möglich ist, diese haarsträubenden Schwierigkeiten rein herauszubringen, weiß ich nicht. Das Adagio mit seiner weichen slawischen Schwermut ist wieder auf bestem Wege, uns zu versöhnen, zu gewinnen. Aber es bricht schnell ab, um einem Finale Platz zu machen, das uns in die brutale, traurige Lustigkeit eines russischen Kirchweihfestes versetzt. Wir sehen lauter wüste, gemeine Gesichter, hören rohe Flüche und riechen den Fusel. Tschaikowskys Violinkonzert bringt uns zum ersten Mal auf die schauerliche Idee, ob es nicht auch Musikstücke geben könne, die man stinken hört."
    zitiert nach:
    http://www.deutschlandfunk.de/kopatchins…ticle_id=342040


    Ich hatte das, wie angedeutet, auch jahrelang falsch verstanden, weil oft nur der letzte Satz aus dem Zusammenhang zitiert wird und da lag für mich näher, dass es nach Parfum stinkt...


    Interessant. Dann würde Kopatchinskaja das Stück - und das ist ja auch der Tenor des Artikels - genauso spielen, wie es eigentlich komponiert ist, statt eine "pseudo-romantische Klangsoße" darüber zu schütten. Gefällt mir. Lieber Fusel und Jauche als süßlicher Brei. :thumbup:

  • Wie entscheidet man, ob hier nun einer bewusst ein Stück "gegen den Strich bürstet" oder aus künstlerischer (nicht manueller) Inkompetenz heraus es einfach grottenschlecht spielt?


    Und noch mehr beschäftigt mich angesichts eines Beitrages hier die Frage: Welchen Wert haben Interpretationen eines Werkes überhaupt noch, wenn sich dann einer hinstellt und großspurig verkündet, dass das Werk unabhängig von seiner Interpretation sowieso Scheiße ist... :no:

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"


    Inhalten aller Art in Beiträgen anderer in diesem Forum stimme ich hier ausdrücklich nur dann zu, wenn ich ihnen in Antwortbeiträgen ausdrücklich zustimme! ;)

  • Aber es bricht schnell ab, um einem Finale Platz zu machen, das uns in die brutale, traurige Lustigkeit eines russischen Kirchweihfestes versetzt. Wir sehen lauter wüste, gemeine Gesichter, hören rohe Flüche und riechen den Fusel. Tschaikowskys Violinkonzert bringt uns zum ersten Mal auf die schauerliche Idee, ob es nicht auch Musikstücke geben könne, die man stinken hört."


    Das klingt bei Hanslick eher wie eine satirisch überspitzte Kritik des Naturalismus und Realismus, so, als ob Tschaikowsky hier musikalisch ein Repin-Gemälde malt :D :



    Schöne Grüße
    Holger

  • Vielleicht. Aber meinem Eindruck nach hört das seit etwa hundert Jahren niemand mehr bei Tschaikowsky, jedenfalls nicht im Violinkonzert, und selbst zu seinen Lebzeiten überwog jedenfalls von Seite seiner russischen Kollegen eher der Vorwurf der "Verwestlichung". Wie verbreitet der Vorwurf des barbarischen Überrealismus, der bei Hanslick anklingt, war, weiß ich nicht. Der würde m.E. auch höchstens noch auf einige "wilde" Finalsätze (z.B. in der 4. u. 5. Sinfonie) passen, aber insgesamt eher selten.

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
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    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Vielleicht. Aber meinem Eindruck nach hört das seit etwa hundert Jahren niemand mehr bei Tschaikowsky, jedenfalls nicht im Violinkonzert, und selbst zu seinen Lebzeiten überwog jedenfalls von Seite seiner russischen Kollegen eher der Vorwurf der "Verwestlichung". Wie verbreitet der Vorwurf des barbarischen Überrealismus, der bei Hanslick anklingt, war, weiß ich nicht. Der würde m.E. auch höchstens noch auf einige "wilde" Finalsätze (z.B. in der 4. u. 5. Sinfonie) passen, aber insgesamt eher selten.


    Bei Hanslick halte ich das für ziemlich evident. Damals war Naturalismuskritik ein zentrales Thema (nicht nur in der Ästhetik, sondern auch darüber hinaus) und nicht nur Tschaikowsky traf sie - sondern auch Wagner z.B. (durch keinen Geringeren als Hugo Riemann).


    Bei Tschaikowsky scheint es doch einen grundlegenden Unterschied zu geben was das Bild in Russland und außerhalb Russlands angeht. Wenn Adorno gegen Tschaikowski polemisiert, dann meint man, er kenne ihn nur in sehr "westlichen" Aufnahmen von Stokowski. Ich selbst habe Tschaikowsky durch die wunderschönen Aufnahmen von Claudio Abbado kennengelernt, der sich aber offenbar an der Karajan-Tschaikowsky-Ästhetik orientiert. Die ist betont "ästhetisierend". Wenn man dann aber Mrawinsky kennenlernt, ist das ein kleiner Schock: völlig ungeschminkt und wenig ästhetisch dieser Tschaikowsky. Dann kann man Hanslick schon wieder sehr gut nachvollziehen. Und es spricht zudem wenig dafür, dass man damals Tschaikowsky ähnlich geschönt und geglättet aufgeführt hat wie Karajan. :D


    Schöne Grüße
    Holger

  • Wenn ich einen Dirigenten nennen sollte, der regelmäßig altbekannte Werke in ganz neuem Licht erscheinen lässt, dann würde mir neben (und noch vor) Currentzis vor allem einer in den Sinn kommen: Jos van Immerseel. Mit seiner Anwendung der Prinzipien historisch informierter Aufführungspraxis (einschließlich der Verwendung von "Originalinstrumenten") auf Repertoire der Spätromantik und sogar der Moderne hat er mich anfangs überrascht. Mein erster Gedanke war damals, als die ersten Aufnahmen erschienen: "Was soll das denn bei einem Werk bringen, das um 1900 komponiert wurde? Da können doch die Unterschiede nur marginal sein." Weit gefehlt! Auch hier sind die Unterschiede gewaltig, man höre sich nur seine Aufnahme von Mussorgskys/Ravels "Bilder einer Ausstellung" an: Da hört man das Werk wirklich ganz neu.



    Insbesondere die Blasinstrumente klingen ganz anders als ihre modernen Gegenstücke, und auch interpretatorisch ist Immerseel weit vom funkelnden Hochglanz und der Entfesselung überwältigender Klangausbrüche (z. B. im "Großen Tor von Kiev") entfernt, die man in anderen Interpretationen so oft hört. Womit ich letzteres nicht schlecht machen will, ganz im Gegenteil. Aber Immerseels Lesart lenkt das Gehör auf andere Facetten, die sonst oft untergehen: die faszinierende Palette der Klangfarben beispielsweise. Und das gilt nicht nur für dieses Werk, sondern für sehr vieles, was er aufgenommen hat (sein "Bolero" z.B. hat neue Maßstäbe gesetzt). Interpretationen, die man kennen sollte.